zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte,
der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich
während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden
der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte
so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß
es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich
seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und
Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung
zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die
entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch
ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die
Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er,
mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und
schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die
gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus,
von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren.
Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen
wollte. -- Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke?
-- kam es mir in den Sinn. Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn
übrigens zu nennen.
»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹«
»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der
den meinigen stützte, noch fester an mich.
»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen
blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie
den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir
einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie
damals ›Mascha‹.«
»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.
»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt
ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher,
anziehender Blick ruhte auf mir.
Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch
das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen
Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht
bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem
ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden
schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien
ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu
unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und
streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker.
Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen
lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft um uns
herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns
auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere
Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen,
als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem
blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße
Sonne spielte.
Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch.
»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone,
und mußte dabei erröten.
Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch
freudiger und glücklicher an.
Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste
versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so
blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns
in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein.
Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur
seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht
stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den
Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig
musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich
lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele
weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte
stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des
Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf
das Fenster der Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur,
daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich
mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich
einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu
trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme
erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim
Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts
Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an
mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser
Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. -- Ist das alles?! --
dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder
hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir
ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch
das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond.
Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich
ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir
irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf
gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche
Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und
blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im
kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte
ich doch seine Nähe. -- Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab,
von dem ich so viel erwartet hatte? -- dachte ich, und es kam mir noch
immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich
wandte mich zu ihm um, mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein
Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche
Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und
Angst an seine Stelle getreten.
»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es
möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick.
»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich.
»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine
Hand und beugte über sie sein Gesicht.
Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor
Kälte weh.
»Ja,« flüsterte ich.
Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu klopfen an,
meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen, es wurde mir
heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel seinen Blick, und ich fühlte
plötzlich, daß ich ihn nicht mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe
sei, eine neue, noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich
fühlte, daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt über
mich glücklich war.
Zweiter Teil.
I
Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen ländlichen
Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; und doch hätten die
Gefühle, die Aufregungen und das Glück dieser beiden Monate für ein
ganzes Leben genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben waren
ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet hatten. Aber
unser Leben war nicht schlechter, als unsere Träume. Es gab nichts von
der ernsten Arbeit, von Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und
vom Leben für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch
seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges Gefühl der
Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, eine immerwährende,
grundlose Heiterkeit und ein Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er
zog sich zwar wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu
tun, fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus dem
Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, was für Mühe
es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er gestand mir später auch
selbst, daß alles in der Welt, wenn ich nicht dabei sei, ihm so nichtig
und unsinnig erscheine, daß er gar nicht verstehe, wie man sich damit
überhaupt abgeben könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las,
trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der Schule; doch ich
tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen mit ihm zusammenhing
und von ihm gutgeheißen wurde; aber wenn sich zu irgendeinem Tun der
Gedanke an ihn nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß,
und es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt noch etwas
geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, selbstsüchtiges Gefühl,
aber es gab mir Glück und hob mich über die ganze Welt empor. Nur er
allein existierte für mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den
herrlichsten und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich für
nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen Augen das zu sein,
für was er mich hielt. Er hielt mich aber für das erste und herrlichste
Weib auf Erden, begabt mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte
mich, in den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen Welt
so ein Weib zu sein.
Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade betete. Ich sah mich
nach ihm um und betete weiter. Er setzte sich an den Tisch, um mich
nicht zu stören, und schlug ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe
er mich an, und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu
lachen an und konnte nicht mehr beten.
»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn.
»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.«
»Du betest doch hoffentlich?«
Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück.
»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er
kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch sinken und begann mit
ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir
um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.
Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.
»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als ob ich wieder ein
Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände
küssend.
Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere
aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger
Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher
Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus
betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die
Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna
nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und
hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den
Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft,
ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch
die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte
Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier,
zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit
Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer,
auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt
hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und
von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in
den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber
später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von Tatjana Ssemjonowna
war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine
aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber
alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana
Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze
für das Unangenehmste auf der Welt), -- alle diese Leute waren stolz
auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und
meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre
Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden
sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche Teppiche geklopft; an
jedem Ersten wurden Gottesdienste mit Wasserweihe abgehalten, und
an jedem Namenstage Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an
meinem -- zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein Festmahl für die
ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah unverändert seit ältester
Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna sich ihrer selbst erinnerte. Mein
Mann mischte sich in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich
nur mit der Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer.
Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim Aufwachen
nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee zurück, den wir
allein tranken, und befand sich um diese Stunde, nach allen Mühen
und Unannehmlichkeiten, die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in
der besonders lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten.
Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was er am Morgen
getrieben hatte, und er erzählte mir dann solchen Unsinn, daß wir uns
beide vor Lachen kugelten; manchmal bestand ich darauf, daß er mir
alles ernsthaft berichte, und er berichtete es mir, sein Lächeln
unterdrückend. Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich
bewegen, verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn sah
und seine Stimme hörte.
»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte er von mir.
Aber ich konnte nichts wiederholen. Es kam mir so komisch vor, daß
er mir nicht von sich selbst und nicht von mir erzählte, sondern von
irgendwelchen anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es
dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen einigermaßen
zu verstehen und mich für sie zu interessieren. Tatjana Ssemjonowna
zeigte sich am Vormittag nicht, trank ihren Tee allein und ließ uns
nur durch Abgesandte begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen,
wahnsinnig glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem anderen
ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich oft nicht beherrschen
konnte und nur laut lachte, wenn ihre Zofe, die Hände auf der Brust
gefaltet, mir mit monotoner Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe
ihr befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange
geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten, daß ihr die
ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß ein dummer Hund im
Dorfe gebellt und sie nicht schlafen lassen habe. Ferner lasse die
gnädige Frau fragen, wie uns das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu
bemerken, daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise
Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen Brezeln seien
ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er aber angebrannt.« Bis zum
Mittagessen blieben wir wenig zusammen. Ich spielte Klavier oder las
allein, er schrieb und ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen,
das wir um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer; die Mama
tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen irgendwelche arme,
adlige Damen oder Wallfahrerinnen, von denen immer zwei bis drei im
Hause wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit
seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß er den anderen Arm mir
reiche, und so gab es in der Türe regelmäßig Schwierigkeiten. Den
Vorsitz beim Mittagessen führte die Mama, und das Gespräch bei Tische
hatte immer einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton.
Die einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte, störten auf
eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser Sitzungen. Zwischen
Mutter und Sohn kam es zuweilen zu Streitigkeiten und Sticheleien;
ich mochte diese Streitigkeiten und Sticheleien besonders gern, weil
bei diesen Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns
verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen setzte sich
Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer und rieb Tabak oder schnitt
die neuangekommenen Bücher auf, während wir etwas vorlasen oder ins
Diwanzimmer zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel,
aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib, da sie
jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum Tönen brachte und uns
einander in einem neuen Lichte zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke
spielte, setzte er sich auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht
sehen konnte und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu
verbergen, den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er es gar nicht
erwartete, stand ich vom Klavier auf und ging auf ihn zu, um in seinem
Gesicht noch die Spuren der Erregung und den unnatürlich feuchten
Glanz der Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen
suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir im Diwanzimmer
waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören, und ging zuweilen, ohne uns
anzublicken, mit einem geheuchelt ernsten und gleichgültigen Ausdruck
durchs Zimmer. Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf
ihr Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee, den
ich einschenken mußte, tranken wir im großen Wohnzimmer, und alle
Hausgenossen versammelten sich wieder bei Tisch. Diese feierlichen
Sitzungen um den Samowar herum und das Verteilen der Gläser und Tassen
brachten mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer vor, als
sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung und zu leichtsinnig,
um den Hahn des so großen Samowars umzudrehen, um Glas für Glas auf
Nikitas Tablett zu setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch,
für Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?« und um
einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die verdienten Dienstboten
zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,« sagte mir oft mein Mann, »ganz wie
eine Erwachsene!« Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit.
Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder ließ sich von
Marja Minitschna die Karten schlagen; dann küßte und bekreuzigte
sie uns beide, und wir zogen uns zurück. Meistens blieben wir aber
noch bis nach Mitternacht auf, und das war unsere schönste und
angenehmste Zeit. Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir
schmiedeten Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten uns
immer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht höre und es
nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von uns verlangte, daß wir zeitig
zu Bett gingen. Manchmal bekamen wir Appetit, schlichen uns in die
Speisekammer, verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten
Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen Kerze in meinem
Kabinett. So lebten wir beide wie fremde Leute in diesem großen, alten
Hause, in dem alles vom strengen Geist der alten Zeiten und dem Tatjana
Ssemjonownas beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die
Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder flößten mir
Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein ein, daß wir hier nicht
ganz auf unserem Platze seien und uns sehr vorsichtig und aufmerksam
zu benehmen hätten. Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe
ich, daß vieles -- diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese
Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause -- unbequem
und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung vergrößerte unsere
Liebe. Nicht nur ich, sondern auch er verriet durch keine Miene, daß
ihm etwas mißfiele. Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem
fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener, Dmitrij Ssidorow,
ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, ging regelmäßig nach dem Essen,
wenn wir uns im Diwanzimmer befanden, in das Kabinett meines Mannes,
um sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen haben, mit
welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch auf den Zehen zu mir
kam und, mit dem Finger drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij
Ssidorow zeigte, der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und
wenn Dmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben, sagte mir
mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut abgelaufen war, wie
auch bei jeder anderen Gelegenheit, ich sei ein entzückendes Geschöpf
und gab mir einen Kuß. Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare
Gleichgültigkeit gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte nicht,
daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und hielt sie für eine
Schwäche. -- Ganz wie ein Kind, das sich nicht getraut, seinen Willen
zu zeigen, -- dachte ich mir.
»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm einmal sagte, daß
ich über seine Schwäche staunen müsse, »kann denn ein Mensch über etwas
unzufrieden sein, wenn er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel
leichter, nachzugeben, als sich die anderen gefügig zu machen; davon
habe ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage, in
der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es aber so gut! Ich kann
nicht zürnen, es gibt für mich jetzt nichts Schlechtes, es gibt nur
Bemitleidenswertes und Komisches. Vor allen Dingen aber: ~le mieux est
l'ennemi du bien~. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens höre,
wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach erwache, überkommt
mich zuweilen ein Grauen. Es ist so schrecklich, daß man leben muß, daß
sich etwas ändern kann; etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber
gar nicht geben.«
Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich wohl, aber
ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders sein müsse, und daß es
auch allen anderen Menschen ebenso ginge; daß es aber irgendwo auch
noch ein anderes, wenn auch nicht größeres, aber ein anderes Glück
gäbe.