-- Wenn er doch jetzt am Leben wäre! -- dachte ich, als wir nach Hause

zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte,

der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich

während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden

der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte

so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß

es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich

seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und

Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung

zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die

entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch

ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die

Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er,

mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und

schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die

gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus,

von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren.

Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen

wollte. -- Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke?

-- kam es mir in den Sinn. Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn

übrigens zu nennen.

»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹«

»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der

den meinigen stützte, noch fester an mich.

»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen

blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie

den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir

einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie

damals ›Mascha‹.«

»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.

»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt

ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher,

anziehender Blick ruhte auf mir.

Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch

das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen

Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht

bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem

ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden

schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien

ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu

unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und

streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker.

Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen

lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft um uns

herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns

auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere

Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen,

als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem

blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße

Sonne spielte.

Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch.

»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone,

und mußte dabei erröten.

Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch

freudiger und glücklicher an.

Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste

versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so

blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns

in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein.

Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur

seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht

stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den

Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig

musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich

lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele

weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte

stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des

Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf

das Fenster der Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur,

daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich

mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich

einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu

trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme

erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim

Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts

Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an

mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser

Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. -- Ist das alles?! --

dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder

hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir

ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch

das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond.

Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich

ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir

irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf

gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche

Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und

blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im

kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte

ich doch seine Nähe. -- Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab,

von dem ich so viel erwartet hatte? -- dachte ich, und es kam mir noch

immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich

wandte mich zu ihm um, mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein

Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche

Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und

Angst an seine Stelle getreten.

»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es

möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick.

»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich.

»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine

Hand und beugte über sie sein Gesicht.

Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor

Kälte weh.

»Ja,« flüsterte ich.

Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu klopfen an,

meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen, es wurde mir

heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel seinen Blick, und ich fühlte

plötzlich, daß ich ihn nicht mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe

sei, eine neue, noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich

fühlte, daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt über

mich glücklich war.

Zweiter Teil.

I

Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen ländlichen

Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; und doch hätten die

Gefühle, die Aufregungen und das Glück dieser beiden Monate für ein

ganzes Leben genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben waren

ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet hatten. Aber

unser Leben war nicht schlechter, als unsere Träume. Es gab nichts von

der ernsten Arbeit, von Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und

vom Leben für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch

seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges Gefühl der

Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, eine immerwährende,

grundlose Heiterkeit und ein Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er

zog sich zwar wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu

tun, fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus dem

Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, was für Mühe

es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er gestand mir später auch

selbst, daß alles in der Welt, wenn ich nicht dabei sei, ihm so nichtig

und unsinnig erscheine, daß er gar nicht verstehe, wie man sich damit

überhaupt abgeben könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las,

trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der Schule; doch ich

tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen mit ihm zusammenhing

und von ihm gutgeheißen wurde; aber wenn sich zu irgendeinem Tun der

Gedanke an ihn nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß,

und es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt noch etwas

geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, selbstsüchtiges Gefühl,

aber es gab mir Glück und hob mich über die ganze Welt empor. Nur er

allein existierte für mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den

herrlichsten und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich für

nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen Augen das zu sein,

für was er mich hielt. Er hielt mich aber für das erste und herrlichste

Weib auf Erden, begabt mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte

mich, in den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen Welt

so ein Weib zu sein.

Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade betete. Ich sah mich

nach ihm um und betete weiter. Er setzte sich an den Tisch, um mich

nicht zu stören, und schlug ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe

er mich an, und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu

lachen an und konnte nicht mehr beten.

»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn.

»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.«

»Du betest doch hoffentlich?«

Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück.

»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er

kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch sinken und begann mit

ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir

um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.

Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.

»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als ob ich wieder ein

Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände

küssend.

Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere

aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger

Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher

Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus

betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die

Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna

nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und

hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den

Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft,

ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch

die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte

Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier,

zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit

Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer,

auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt

hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und

von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in

den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber

später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von Tatjana Ssemjonowna

war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine

aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber

alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana

Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze

für das Unangenehmste auf der Welt), -- alle diese Leute waren stolz

auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und

meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre

Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden

sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche Teppiche geklopft; an

jedem Ersten wurden Gottesdienste mit Wasserweihe abgehalten, und

an jedem Namenstage Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an

meinem -- zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein Festmahl für die

ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah unverändert seit ältester

Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna sich ihrer selbst erinnerte. Mein

Mann mischte sich in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich

nur mit der Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer.

Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim Aufwachen

nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee zurück, den wir

allein tranken, und befand sich um diese Stunde, nach allen Mühen

und Unannehmlichkeiten, die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in

der besonders lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten.

Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was er am Morgen

getrieben hatte, und er erzählte mir dann solchen Unsinn, daß wir uns

beide vor Lachen kugelten; manchmal bestand ich darauf, daß er mir

alles ernsthaft berichte, und er berichtete es mir, sein Lächeln

unterdrückend. Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich

bewegen, verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn sah

und seine Stimme hörte.

»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte er von mir.

Aber ich konnte nichts wiederholen. Es kam mir so komisch vor, daß

er mir nicht von sich selbst und nicht von mir erzählte, sondern von

irgendwelchen anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es

dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen einigermaßen

zu verstehen und mich für sie zu interessieren. Tatjana Ssemjonowna

zeigte sich am Vormittag nicht, trank ihren Tee allein und ließ uns

nur durch Abgesandte begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen,

wahnsinnig glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem anderen

ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich oft nicht beherrschen

konnte und nur laut lachte, wenn ihre Zofe, die Hände auf der Brust

gefaltet, mir mit monotoner Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe

ihr befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange

geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten, daß ihr die

ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß ein dummer Hund im

Dorfe gebellt und sie nicht schlafen lassen habe. Ferner lasse die

gnädige Frau fragen, wie uns das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu

bemerken, daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise

Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen Brezeln seien

ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er aber angebrannt.« Bis zum

Mittagessen blieben wir wenig zusammen. Ich spielte Klavier oder las

allein, er schrieb und ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen,

das wir um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer; die Mama

tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen irgendwelche arme,

adlige Damen oder Wallfahrerinnen, von denen immer zwei bis drei im

Hause wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit

seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß er den anderen Arm mir

reiche, und so gab es in der Türe regelmäßig Schwierigkeiten. Den

Vorsitz beim Mittagessen führte die Mama, und das Gespräch bei Tische

hatte immer einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton.

Die einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte, störten auf

eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser Sitzungen. Zwischen

Mutter und Sohn kam es zuweilen zu Streitigkeiten und Sticheleien;

ich mochte diese Streitigkeiten und Sticheleien besonders gern, weil

bei diesen Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns

verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen setzte sich

Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer und rieb Tabak oder schnitt

die neuangekommenen Bücher auf, während wir etwas vorlasen oder ins

Diwanzimmer zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel,

aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib, da sie

jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum Tönen brachte und uns

einander in einem neuen Lichte zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke

spielte, setzte er sich auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht

sehen konnte und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu

verbergen, den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er es gar nicht

erwartete, stand ich vom Klavier auf und ging auf ihn zu, um in seinem

Gesicht noch die Spuren der Erregung und den unnatürlich feuchten

Glanz der Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen

suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir im Diwanzimmer

waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören, und ging zuweilen, ohne uns

anzublicken, mit einem geheuchelt ernsten und gleichgültigen Ausdruck

durchs Zimmer. Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf

ihr Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee, den

ich einschenken mußte, tranken wir im großen Wohnzimmer, und alle

Hausgenossen versammelten sich wieder bei Tisch. Diese feierlichen

Sitzungen um den Samowar herum und das Verteilen der Gläser und Tassen

brachten mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer vor, als

sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung und zu leichtsinnig,

um den Hahn des so großen Samowars umzudrehen, um Glas für Glas auf

Nikitas Tablett zu setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch,

für Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?« und um

einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die verdienten Dienstboten

zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,« sagte mir oft mein Mann, »ganz wie

eine Erwachsene!« Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit.

Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder ließ sich von

Marja Minitschna die Karten schlagen; dann küßte und bekreuzigte

sie uns beide, und wir zogen uns zurück. Meistens blieben wir aber

noch bis nach Mitternacht auf, und das war unsere schönste und

angenehmste Zeit. Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir

schmiedeten Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten uns

immer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht höre und es

nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von uns verlangte, daß wir zeitig

zu Bett gingen. Manchmal bekamen wir Appetit, schlichen uns in die

Speisekammer, verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten

Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen Kerze in meinem

Kabinett. So lebten wir beide wie fremde Leute in diesem großen, alten

Hause, in dem alles vom strengen Geist der alten Zeiten und dem Tatjana

Ssemjonownas beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die

Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder flößten mir

Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein ein, daß wir hier nicht

ganz auf unserem Platze seien und uns sehr vorsichtig und aufmerksam

zu benehmen hätten. Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe

ich, daß vieles -- diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese

Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause -- unbequem

und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung vergrößerte unsere

Liebe. Nicht nur ich, sondern auch er verriet durch keine Miene, daß

ihm etwas mißfiele. Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem

fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener, Dmitrij Ssidorow,

ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, ging regelmäßig nach dem Essen,

wenn wir uns im Diwanzimmer befanden, in das Kabinett meines Mannes,

um sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen haben, mit

welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch auf den Zehen zu mir

kam und, mit dem Finger drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij

Ssidorow zeigte, der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und

wenn Dmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben, sagte mir

mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut abgelaufen war, wie

auch bei jeder anderen Gelegenheit, ich sei ein entzückendes Geschöpf

und gab mir einen Kuß. Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare

Gleichgültigkeit gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte nicht,

daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und hielt sie für eine

Schwäche. -- Ganz wie ein Kind, das sich nicht getraut, seinen Willen

zu zeigen, -- dachte ich mir.

»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm einmal sagte, daß

ich über seine Schwäche staunen müsse, »kann denn ein Mensch über etwas

unzufrieden sein, wenn er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel

leichter, nachzugeben, als sich die anderen gefügig zu machen; davon

habe ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage, in

der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es aber so gut! Ich kann

nicht zürnen, es gibt für mich jetzt nichts Schlechtes, es gibt nur

Bemitleidenswertes und Komisches. Vor allen Dingen aber: ~le mieux est

l'ennemi du bien~. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens höre,

wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach erwache, überkommt

mich zuweilen ein Grauen. Es ist so schrecklich, daß man leben muß, daß

sich etwas ändern kann; etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber

gar nicht geben.«

Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich wohl, aber

ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders sein müsse, und daß es

auch allen anderen Menschen ebenso ginge; daß es aber irgendwo auch

noch ein anderes, wenn auch nicht größeres, aber ein anderes Glück

gäbe.

Roman einer Ehe · 第 4 / 8 段