Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war, die Pferde

immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause. Unterwegs verbeugte ich

mich demütig vor allen, denen ich begegnete und suchte Gelegenheit,

jemand mit Tat oder Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald

half ich einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, bald wiegte

ich ein Kind und trat bald von der Straße in den Schmutz, um jemand

den Weg frei zu machen. Eines Abends hörte ich, wie der Verwalter

Katja erzählte, daß der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter

zu einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel für die

Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben habe. »Sind

denn die Leute so arm?« fragte ich. -- »Sie sind sehr arm, gnädiges

Fräulein, sie haben nicht mal Salz,« antwortete der Verwalter. Mein

Herz schnürte sich zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie

Freude, als ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen

möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr wenig, aber

doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und ging allein über die

Terrasse und den Garten ins Dorf zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am

Rande des Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte

das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand kam aus dem

Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck zitternd und am ganzen

Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin heim. Katja fragte mich, wo ich

gewesen und was mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was

sie zu mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir auf

einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und

ging lange auf und ab, außerstande, etwas zu tun, an etwas zu denken,

außerstande, mir Rechenschaft über meine Empfindungen zu geben. Ich

dachte an die Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an

die Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der das Geld

hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich ihnen das Geld nicht

in die Hand gegeben hatte. Ich dachte auch daran, was wohl Ssergej

Michailytsch sagen würde, wenn er von dieser Tat erführe und freute

mich darüber, daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche

Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so schlecht, und

ich betrachtete mich und die anderen so mild, daß der Gedanke an den

Tod mir wie ein Traum von Glück erschien. Ich lächelte und betete und

weinte und liebte in diesem Augenblick alle Menschen und auch mich

selbst so heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich

im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses Buch, immer

rührender und einfacher erschien mir die Geschichte dieses göttlichen

Lebens und immer unheimlicher und unergründlicher die Tiefe des Gefühls

und der Gedanken, die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach

erschien mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer

ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so schwer, nicht

gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und von allen geliebt zu

werden. Alle waren so gut und sanft zu mir; sogar Ssonja, der ich

noch immer Unterricht erteilte, war eine ganz andere geworden und gab

sich Mühe, mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu

betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch zu mir. Ich

überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die ich vor der Beichte

um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte mich nur eines jungen

Mädchens aus der Nachbarschaft, über das ich mich einmal vor Gästen

lustig gemacht hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr

einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie um Vergebung

bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe, in dem sie mich selbst um

Verzeihung bat und auch mir verzieh. Ich weinte vor Freude, als ich

diese einfachen Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und

rührendes Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte, als

ich sie um Vergebung bat. -- Warum sind sie alle so gut zu mir? Womit

habe ich solche Liebe verdient? -- fragte ich mich. Ich erinnerte mich

auch unwillkürlich Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich

konnte nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber

ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo ich zum

erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an ihn wie an mich

selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich mit jedem Gedanken an meine

eigene Zukunft. Der erdrückende Einfluß, den ich in seiner Gegenwart

verspürt hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden.

Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn vollkommen von

der Höhe der geistlichen Stimmung herab, in der ich mich befand.

Alles, was mir an ihm früher seltsam erschienen, war mir jetzt klar.

Erst jetzt begriff ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin

liege, für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen

einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein unendliches und ruhiges

Glück erwartete. Ich dachte aber dabei nicht an Reisen ins Ausland,

nicht an den Glanz der großen Welt, sondern an ein ganz anderes,

stilles Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung,

mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis der milden und

hilfreichen Vorsehung in allen Dingen.

Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte, an meinem

Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der Kirche zurückkehrte, war

mein Herz von einem so vollkommenen Glück erfüllt, daß ich mich vor

dem Leben, vor jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück

hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke vor unserer

Freitreppe entstiegen, als auf der Brücke das mir bekannte Kabriolett

rasselte und ich Ssergej Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir,

und wir traten zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich

ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an diesem

Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt, die er nicht begriff,

die größer war als er. Ich empfand vor ihm nicht die geringste

Verlegenheit. Er merkte wohl, woher das kam, und benahm sich besonders

zartfühlend, sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier,

aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.

»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In Ihrer Seele ist

jetzt eine Musik, die schöner ist als jede Musik auf Erden.«

Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich auch etwas

unangenehm, daß er so leicht und klar alles begriff, was als Geheimnis

in meiner Seele ruhen sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei

gekommen, mir zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er

morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur Katja an;

dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, und ich sah ihm an,

daß er fürchtete, in meinem Gesicht eine Erregung zu merken. Aber ich

war weder erstaunt noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für

lange verreise. Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und ich

wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das wußte? Jetzt kann

ich mir das unmöglich erklären; aber an jenem denkwürdigen Tage war

es mir, als ob ich alles, wie das Vergangene, so auch das Zukünftige

wüßte. Ich war wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch

geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst weiß, es

aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich weiß, daß es geschehen

wird.

Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, die noch von

der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um sich etwas hinzulegen, und

er mußte warten, bis sie erwachte, um sich von ihr zu verabschieden.

Im Salon war die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten

wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das Gespräch begann,

das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden sollte. Ich fing zu

sprechen an, weder früher noch später, sondern just in dem Augenblick,

als wir uns hingesetzt hatten, als noch nichts gesagt worden war und

als weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich darin, was ich

sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß selbst nicht, wo ich damals

solche Ruhe, Entschlossenheit und Genauigkeit der Ausdrucksweise

hernahm. Es war, als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was

von meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir gegenüber,

die Ellbogen auf das Geländer gestützt und rupfte die Blätter von einem

Fliederzweige, den er zu sich herangezogen hatte. Als ich zu sprechen

anfing, ließ er den Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand.

Das konnte die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr

aufgeregten Mannes sein.

»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und langsam, ihm

gerade ins Gesicht blickend.

Er antwortete nicht gleich.

»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen senkend.

Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit zu sagen und

dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage.

»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag für mich ist. Er

ist mir in mancher Beziehung wichtig. Wenn ich Sie frage, so tue ich

es nicht nur, um mein Interesse für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich

mich an Sie gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es

wissen muß. Warum verreisen Sie?«

»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, warum ich

verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich viel an Sie und auch an

mich gedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich verreisen muß.

Sie verstehen doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie nicht

weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und bedeckte

dann mit ihr die Augen. »Es fällt mir schwer ... Und Sie verstehen es

doch.«

Mein Herz fing heftig zu schlagen an.

»Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »_ich kann es nicht_,

aber _Sie selbst_, sagen Sie es mir um Gottes willen, schon weil es ein

so besonderer Tag für mich ist, ich kann alles ruhig anhören!«

Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den Fliederzweig

wieder zu sich.

»Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer Stimme, die sich

vergebens bemühte, fest zu erscheinen, »obwohl es dumm und unmöglich

ist, es mit Worten auszusprechen, obwohl es mir schwer fällt, will ich

mich doch bemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht

wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend.

»Nun?« fragte ich.

»Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein Herr, sagen wir ein

Herr A.,« begann er, »ein alter und abgelebter Mann, und es war ein

gewisses Fräulein B., ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und

die Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse

gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte gar nicht daran, sie

anders lieben zu können.«

Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht.

»Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war, daß das Leben

für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er plötzlich schnell und

entschlossen fort, ohne mich anzublicken, »daß es sehr leicht sei, sie

anders zu lieben, und daß dies ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er

hatte sich aber geirrt und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so

schwer wie die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er

fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen abbrechen

könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor dies geschähe.« Als

er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut, mit der Hand die Augen und

schloß sie wieder.

»Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?« fragte ich kaum

hörbar, meine Erregung zurückhaltend, so daß meine Stimme ruhig klang;

ihm erschien aber mein Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie

beleidigt:

»Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen spielen, aber

ich will etwas anderes. Spielen Sie nur, aber nur nicht mit mir, denn

sonst werde ich es vielleicht ernst nehmen, und das wäre für mich nicht

gut, und Sie würden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu. »Es

sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl, warum ich verreise.

Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte Sie!«

»Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich aus, und meine Stimme

zitterte vor zurückgehaltenen Tränen. »Liebte er sie oder nicht?«

Er gab keine Antwort.

»Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann mit ihr wie mit

einem Kinde?« fragte ich.

»Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er, mich hastig

unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und sie schieden ... als

Freunde.«

»Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer Ausweg möglich?«

brachte ich mit Mühe hervor und erschrak gleich darauf über meine

eigenen Worte.

»Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er, indem er die Hand

von seinem aufgeregten Gesicht nahm und mir gerade in die Augen

blickte. »Es gibt zwei verschiedene Auswege. Aber um Gottes willen,

unterbrechen Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu

begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich erhob, mit einem

schmerzvollen und schwermütigen Lächeln, »die einen sagen, A. sei

verrückt geworden, hätte sich in die B. wahnsinnig verliebt und ihr

seine Liebe gestanden ... Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es

nur ein Spiel, für ihn aber eine Lebensfrage.«

Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte ihm sagen,

daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seine eigenen Gedanken

unterzuschieben, aber er legte seine Hand auf die meine, um mich

zurückzuhalten.

»Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die einen sagen, sie

hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste, die die Menschen noch nicht

kannte, hätte sich eingebildet, daß sie ihn wirklich lieben könne, und

eingewilligt, seine Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt,

daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte selbst

begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie ... Sprechen wir

nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande, weiter zu sprechen,

und fing an, vor mir auf und ab zu gehen.

Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich sah, daß er mit der

ganzen Sehnsucht seiner Seele ein Wort von mir erwartete. Ich wollte

sprechen, konnte es aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen.

Ich sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich fühlte

Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, zerriß plötzlich

die Fesseln des Schweigens und begann mit leiser, verhaltener Stimme,

die, wie ich fürchtete, jeden Augenblick versagen konnte.

»Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne; aber er

schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie nicht liebte und

ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte zu sein, und verließ sie und

rühmte sich auch noch dessen. Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für

mich, ich habe Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte

ich, und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin leise

und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei, vor dem ich selbst

erschrak.

Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger, und zwei

Tränen rollten über seine Wangen.

»Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die unterdrückten

Tränen der Kränkung zu ersticken drohten. »Womit habe ich das

verdient?« fragte ich und erhob mich, um fortzugehen.

Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem Schoße, seine

Lippen küßten meine zitternden Hände, und seine Tränen netzten sie.

»Mein Gott, wenn ich es gewußt hätte!« rief er.

»Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner Seele war ein Glück, das

dann für immer entschwand und nie wiederkam.

Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und schrie, daß es im

ganzen Hause hallte: »Mascha will Ssergej Michailytsch heiraten!«

V

Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben, und weder

er, noch ich wünschten das. Katja wollte allerdings erst nach Moskau

fahren, um Verschiedenes für die Aussteuer einzukaufen und zu

bestellen, und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor

der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe und das Haus neu

tapezieren lasse; wir beide setzten aber unseren Entschluß durch, dies

alles, wenn es schon so notwendig sei, erst später zu besorgen und uns

zwei Wochen nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer,

ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner und

sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen. Er erzählte mir, wie

ungehalten seine Mutter darüber war, daß unsere Hochzeit ohne Musik,

ohne einen Berg von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses

gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die einst

dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter seinem Rücken

die alten Kisten und Kasten durchwühlt und sich mit der Wirtschafterin

Marjuschka ernsthaft wegen der für unser Glück unentbehrlichen

Teppiche, Gardinen und Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es

ebenso mit der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr nicht

scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wir von unserer

Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn trieben, wie es Menschen in

dieser Lage überhaupt eigen sei, daß aber das wesentliche Glück unserer

Zukunft nur davon abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und

genäht und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien.

Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal am Tage geheime

Berichte darüber ausgetauscht, was auf der einen und auf der anderen

Seite vorbereitet wurde; obwohl die Beziehungen zwischen Katja und

seiner Mutter äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas

feindselige, wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine Mutter,

Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen lernte, war eine steife

und strenge Hausfrau, eine Dame der guten alten Zeit. Er liebte sie

nicht nur als Sohn aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher

Neigung, da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste

Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer gut zu uns,

besonders zu mir, und freute sich, daß ihr Sohn heiraten wollte; als

ich sie aber als seine Braut besuchte, kam es mir vor, als wollte sie

mich fühlen lassen, daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch

besser hätte sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen

immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und war mit ihr

einverstanden.

In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. Er aß bei uns

zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. Aber obwohl er sagte -- und

ich wußte, daß er die Wahrheit sprach, -- daß er ohne mich gar nicht

lebe, verbrachte er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich

seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen blieben bis

zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns mit »Sie« anzureden, er

küßte mir nicht mal die Hand und suchte nicht nur keine Gelegenheit,

mit mir allein zu sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten

zu meiden. Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen

Zärtlichkeit hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer sich von

uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt fühlte ich mich ihm

vollkommen gleich, nahm an ihm nicht mehr jene geheuchelte Einfachheit

wahr, die mir früher so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt

des Respekt und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück

fassungsloses Kind. -- Das ist also alles, was an ihm war! -- sagte ich

mir oft: -- Er ist genau so ein Mensch wie ich und nicht mehr. -- Jetzt

schien mir, daß ich ihn ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles,

was ich erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit meinem

Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser künftiges Leben waren auch

die meinigen, die er nur klarer und besser in Worte zu kleiden verstand.

Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und wir verbrachten die

meiste Zeit im Hause. Die schönsten und herzlichsten Gespräche führten

wir in der Ecke zwischen dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen

Fenster spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen

schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen an ihnen herab.

Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze unter der Traufe klatschte

das Wasser, und durch das Fenster zog Feuchtigkeit herein.

»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« begann er

einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel aufgeblieben waren.

»Solange Sie spielten, mußte ich fortwährend daran denken.«

»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich.

»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.«

»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich.

»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen die Geschichte

von A. und B. erzählte?«

»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht erinnern? Es ist

gut, daß sie so ausgegangen ist ...«

»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte selbst mein eigenes

Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. Die Hauptsache aber ist, daß

ich damals log; ich schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu

Ende erzählen.«

»Ach, bitte nicht.«

»Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will mich nur

rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit langen Betrachtungen

kommen.«

»Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll man niemals.«

»Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen meinen

Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem Leben begangen hatte,

sagte ich mir, als ich diesmal aufs Land kam, so entschieden, die

Liebe sei für mich zu Ende und es bleibe mir nur noch die Pflicht,

mein Leben irgendwie abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine

Rechenschaft darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie sei und

wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte auch nicht. Bald

schien es mir, daß Sie kokettieren, bald glaubte ich wieder, Sie seien

aufrichtig, und ich wußte selbst nicht, was ich tun würde. Aber nach

jenem Abend, Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen,

erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir viel zu

groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen, wenn ich mir erlaubt

hätte, zu hoffen, und zwar vergebens? Aber ich dachte natürlich nur an

mich, denn ich bin ein ganz gemeiner Egoist.«

Er schwieg eine Weile und sah mich an.

»Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals sagte. Ich durfte

und mußte auch fürchten. Ich empfange von Ihnen so viel und kann

Ihnen so wenig geben. Sie sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst

aufbrechen wird, Sie lieben zum erstenmal, während ich ...«

»Ja, sagen Sie mir die Wahrheit ...« begann ich, bekam aber plötzlich

Angst vor seiner Antwort. »Nein, lieber nicht ...«

»Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er, meinen Gedanken

sofort erratend. »Das kann ich Ihnen sagen. Nein, ich habe noch nicht

geliebt. Ich habe noch nie etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich

wäre ...« Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung

durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie lieben zu dürfen,«

sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir nicht vorher überlegen, ehe

ich Ihnen sagen durfte, daß ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine

Liebe, allerdings.«

»Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen blickend.

»Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,« fuhr er

fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend! Ich kann jetzt oft in

der Nacht vor Glück nicht einschlafen und denke immer daran, wie wir

zusammen leben werden. Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was

ich zum Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames Leben

in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den Menschen Gutes zu

tun, solchen Menschen, denen es so leicht ist, Gutes zu erweisen, weil

sie daran noch nicht gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der

man Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher, Musik, die Liebe

zu den uns Nahestehenden, -- das ist mein Glück, das höchste Glück, das

ich mir ersehnte. Dazu noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht

auch eine Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.«

»Ja!« sagte ich.

»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir habe, aber nicht

für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch nicht gelebt, Sie werden das

Glück vielleicht in anderen Dingen suchen wollen und es vielleicht auch

in anderen Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur darum

als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.«

»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben gewünscht und

geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur das, was ich mir schon

gedacht habe.«

Er lächelte.

»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber das ist zu wenig für

Sie. Sie haben die Schönheit und die Jugend,« sagte er wieder.

Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte und mir meine

Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf machte.

»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um meiner Jugend oder

um meiner selbst willen?«

»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er und sah mich mit

einem durchdringenden und anziehenden Blicke an.

Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in die Augen.

Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: zuerst hörte ich auf, das,

was mich umgab, zu sehen, dann verschwand auch sein Gesicht vor mir,

und nur seine Augen schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen;

dann war es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich,

ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um mich von diesem

Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, das in mir dieser Blick

weckte ...

Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter besser. Nach den

verregneten Sommertagen kam der erste kalte und heitere Herbstabend.

Alles war feucht, kalt und hell, und der Garten zeigte sich zum

erstenmal herbstlich leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt

und bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage

schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der Sonne, und der Gedanke,

daß es schon heute sei, erschreckte mich und setzte mich zugleich in

Erstaunen. Ich trat in den Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen

und leuchtete durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der

Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub bedeckt.

Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot auf den Zweigen

neben den spärlichen, vom Froste getöteten Blättern; die Georginen

waren zusammengeschrumpft und schwarz geworden. Der Reif lag zum

erstenmal silbern auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen

Pestwurzstauden vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel war kein

Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht möglich gewesen.

-- Ist es wirklich heute? -- fragte ich mich, meinem Glücke nicht

trauend. -- Werde ich denn wirklich morgen nicht hier, sondern im

fremden, säulengeschmückten Hause von Nikolskoje erwachen? Werde ich

ihn nicht mehr hier erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen

und abends und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde

nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? Ihn nicht

mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren Nächten nicht mehr

ängstigen? -- Aber ich erinnerte mich seiner Worte von gestern abend,

er käme zum letztenmal, und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid

anzuprobieren und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen Augenblick

lang glaubte ich es und fing dann wieder zu zweifeln an. -- Werde ich

denn von morgen ab dort mit der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda,

ohne den alten Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen

meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie wird mich nicht

mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen und mir sagen: »Gute Nacht,

Fräulein«? Werde Ssonja nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr

spielen, des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers klopfen und

ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute für mich selbst fremd

werden, wird sich vor mir ein neues Leben mit der Verwirklichung aller

meiner Wünsche und Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für

immer? -- Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so schwer,

allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, und erst an seiner

Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich heute seine Frau werden

sollte, und dieser Gedanke hatte für mich nichts Schreckliches mehr.

Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine Messe für meinen

verstorbenen Vater zu hören.

Roman einer Ehe · 第 3 / 8 段