Zugleich empfand ich den Wunsch, zu sehen, was er dort wohl tue und

wie er sich bewege, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Eigentlich

wollte ich ihn einfach für keinen Augenblick aus den Augen lassen.

Ich lief auf den Zehen durch die Brennesseln an die andere Seite des

Gewächshauses, wo die Umzäunung niedriger war, stieg auf ein leeres

Faß, so daß die Mauer mir bis an die Brust reichte, und lehnte mich

hinüber. Ich warf einen Blick in das Innere des Gewächshauses mit den

alten, krummen Bäumen und den breiten, zackigen Blättern, unter denen

die schwarzen, saftigen Kirschen schwer und senkrecht niederhingen;

ich steckte den Kopf unter das Netz und erblickte unter dem Aste

eines alten Kirschbaumes Ssergej Michailytsch. Er glaubte wohl, ich

sei fortgegangen und niemand beobachte ihn. Er saß ohne Hut, die

Augen geschlossen, auf dem morschen Stamme eines alten Kirschbaumes

und rollte mit den Fingern ein Stück Kirschharz zu einem Kügelchen

zusammen. Plötzlich zuckte er die Achseln, schlug die Augen auf, sagte

etwas und lächelte. Dieses Wort und dieses Lächeln nahmen sich bei ihm

so ungewohnt aus, daß ich mich schämte, ihn belauscht zu haben. Es

schien mir, als wäre dieses Wort -- »Mascha!« gewesen. -- Es kann nicht

sein, -- dachte ich mir. »Liebe Mascha!« wiederholte er noch leiser

und noch zärtlicher. Diese beiden Worte hörte ich aber schon ganz

deutlich. Mein Herz schlug so heftig, eine so aufregende, gleichsam

verbotene Freude hatte mich plötzlich ergriffen, daß ich mich an die

Mauer klammerte, um nicht umzufallen und mich nicht zu verraten. Er

hörte meine Bewegung, sah sich erschrocken um, schlug plötzlich die

Augen nieder und errötete wie ein Kind. Er wollte mir etwas sagen,

konnte es aber nicht, und immer neue Blutwellen röteten sein Gesicht.

Aber er lächelte, als er mich ansah. Auch ich lächelte. Sein ganzes

Gesicht erstrahlte vor Freude. Er war nicht mehr der alte Onkel, der

mich liebkoste und belehrte, er war ein Mann, der mir gleichstand, der

mich liebte und fürchtete und den auch ich fürchtete und liebte. Wir

sagten nichts und sahen bloß einander an. Plötzlich runzelte er aber

die Stirn, das Lächeln und der Glanz seiner Augen waren verschwunden,

und er wandte sich wieder kühl und väterlich an mich, als hätten wir

etwas Schlimmes getan, als wäre er zur Besinnung gekommen und rate auch

mir, zur Besinnung zu kommen.

»Steigen Sie herab, Sie können sich weh tun,« sagte er mir. »Bringen

Sie Ihr Haar in Ordnung, wie sehen Sie aus!«

-- Warum verstellt er sich so? Warum will er mir weh tun! -- fragte

ich mich ärgerlich. Im gleichen Augenblick kam mir das unwiderstehliche

Verlangen, ihn noch einmal in Verlegenheit zu bringen und meine Gewalt

über ihn zu erproben.

»Nein, ich will selbst pflücken!« sagte ich. Ich ergriff mit den Händen

den nächsten Ast und sprang mit den Füßen auf die Mauer. Er hatte

nicht Zeit, mich zu stützen, denn ich sprang mit einem Satz in das

Gewächshaus hinunter.

»Was machen Sie für Dummheiten!« sagte er, wieder errötend und seine

Verwirrung hinter der ärgerlichen Miene verbergend. »Sie haben sich

doch weh tun können. Wie wollen Sie von hier heraus?«

Er war in noch größerer Verwirrung als früher, aber dies freute mich

nicht mehr, sondern machte mir Angst. Diese Angst konnte ich nicht

verbergen, ich errötete, wich seinen Blicken aus und fing an, da ich

nicht wußte, was zu sagen, die Kirschen zu pflücken, die ich aber

nirgends hintun konnte. Ich machte mir Vorwürfe, ich bereute alles, ich

fürchtete, und es war mir, als hätte ich mich durch diesen Streich für

immer in seinen Augen blamiert. Ssonja, die mit dem Schlüssel gelaufen

kam, befreite uns aus dieser peinlichen Situation. Lange Zeit sprachen

wir nicht mehr miteinander und wandten uns nur an Ssonja. Als wir zu

Katja zurückkehrten, welche beteuerte, sie habe gar nicht geschlafen

und alles gehört, wurde ich wieder ruhig, während er versuchte, wieder

den herablassenden väterlichen Ton anzuschlagen; aber dieser Ton wollte

ihm nicht mehr gelingen, und er vermochte mich mit ihm nicht mehr zu

täuschen. Ich erinnerte mich lebhaft des Gesprächs, das wir vor einigen

Tagen geführt hatten.

Katja hatte gesagt, daß der Mann es leichter habe, zu lieben und seine

Liebe zu äußern als die Frau.

»Der Mann kann sagen, daß er liebt, die Frau kann es aber nicht,« hatte

sie gesagt.

»Mir scheint aber, auch der Mann kann und darf gar nicht sagen, daß er

liebt,« hatte er eingewandt.

»Warum?« hatte ich gefragt.

»Weil es immer eine Lüge sein wird. Was ist das für eine neue

Offenbarung, daß der Mensch liebt? Als ob in dem Augenblick, wo

er das sagt, etwas einschnappte: fertig, er liebt! Als müßte

in dem Augenblick, wo er dieses Wort ausspricht, irgend etwas

Außergewöhnliches geschehen, irgendein Zeichen am Himmel erscheinen,

als müßte ein Salut aus allen Kanonen erschallen. Mir scheint,« hatte

er weiter gesagt, »daß die Menschen, welche feierlich die Worte: ›Ich

liebe Sie‹ sprechen, entweder sich selbst oder, was noch schlimmer ist,

die andern betrügen.«

»Wie soll dann die Frau erfahren, daß man sie liebt, wenn man es ihr

nicht sagt?« hatte Katja gefragt.

»Das weiß ich nicht,« hatte er geantwortet. »Jeder Mensch hat seine

eigene Ausdrucksweise. Wo aber ein Gefühl ist, da kommt es auch von

selbst zum Ausdruck. Wenn ich einen Roman lese, so muß ich immer

denken, was für ein verdutztes Gesicht die Leutnants Strelskij oder

Alfred machen, wenn sie die Worte sprechen: ›Ich liebe dich, Eleonore!‹

und erwarten, daß plötzlich etwas Außergewöhnliches geschieht; es

geschieht aber weder an ihr noch an ihm etwas, die Augen, die Nase usw.

bleiben dieselben.«

Aus diesen scherzhaften Worten hatte ich schon damals etwas Ernstes

herausgehört, was sich auf mich bezog; aber Katja wollte nicht dulden,

daß er die Helden ihrer Romane so leichtfertig behandele.

»Ewig diese Paradoxen!« hatte sie gesagt. »Sagen Sie aufrichtig: haben

Sie denn nie einer Frau gestanden, daß Sie sie lieben?«

»Das habe ich niemals gesagt und habe auch nie ein Knie vor einer Frau

gebeugt,« hatte er lachend geantwortet, »und ich werde es auch niemals

tun.«

-- Er braucht mir wirklich nicht zu sagen, daß er mich liebt, -- dachte

ich nun, mich lebhaft an dieses Gespräch erinnernd. -- Er liebt mich,

ich weiß es. Und wenn er sich noch solche Mühe gibt, gleichgültig zu

erscheinen, wird er mir diese Gewißheit doch nicht nehmen. --

An diesem ganzen Abend sprach er sehr wenig mit mir, aber ich las

in jedem seiner Worte, die er an Katja oder Ssonja richtete, in

jeder seiner Bewegungen, in jedem seiner Blicke seine Liebe, und ich

zweifelte nicht mehr an ihr. Es verdroß und dauerte mich nur, daß er es

für nötig hielt, sein Gefühl zu verheimlichen und sich kalt zu stellen,

wo alles schon so klar war und wo man auf eine so leichte und einfache

Weise so unglaublich glücklich werden konnte. Aber mich bedrückte

es immer wie ein Verbrechen, daß ich zu ihm in das Gewächshaus

hineingesprungen war. Mir schien immer, als würde er nun aufhören, mich

zu achten und als sei er mir böse.

Nach dem Tee trat ich ans Klavier, und er folgte mir.

»Spielen Sie mir doch etwas, ich habe Sie schon lange nicht spielen

hören,« sagte er, als er mich im Wohnzimmer einholte.

»Ich wollte auch selbst ... Ssergej Michailytsch!« sagte ich, ihm

plötzlich gerade in die Augen blickend. »Sie sind mir doch nicht böse?«

»Weshalb denn?« fragte er.

»Weil ich heute nachmittag auf Sie nicht gehört habe,« antwortete ich

errötend.

Er verstand, was ich meinte, schüttelte den Kopf und lächelte. Sein

Blick sagte mir, daß er mich schelten müßte, aber keine Kraft dazu

hätte.

»Es ist nichts passiert, wir sind wieder gute Freunde,« sagte ich,

indem ich mich ans Klavier setzte.

»Und ob!« antwortete er.

Im großen, hohen Salon brannten nur die beiden Kerzen auf dem Klavier,

der übrige Raum war halbfinster. Durch die offenen Fenster blickte

die helle Sommernacht herein. Alles war still, wir hörten nur hin und

wieder, wie Katja im dunklen Wohnzimmer auf und ab ging und wie sein

unter einem der Fenster angebundenes Pferd schnaubte und mit den Hufen

auf die Pestwurzstauden stampfte. Er saß hinter mir, so daß ich ihn

nicht sehen konnte; aber ich fühlte überall -- im Halbdunkel dieses

Zimmers, in den Tönen, in mir selbst -- seine Gegenwart. Ich spürte

in meinem Herzen jeden seiner Blicke, jede seiner Bewegungen, die ich

nicht sehen konnte. Ich spielte die Fantasie-Sonate von Mozart, die

er mir gebracht und die ich in seinem Beisein und für ihn einstudiert

hatte. Ich dachte gar nicht daran, was ich spielte, aber ich glaube,

daß ich gut spielte, und es schien mir, daß es ihm gefiel. Ich

hatte den gleichen Genuß, den er empfand und fühlte auch, ohne ihn

anzusehen, seinen Blick, der auf meinem Rücken ruhte. Ich sah mich

ganz unwillkürlich nach ihm um, während meine Finger bewußtlos über

die Tasten liefen. Sein Kopf hob sich vom leuchtenden Hintergrunde des

nächtlichen Himmels ab. Er saß, den Kopf in die Hände gestützt, und

sah mich unverwandt mit glänzenden Augen an. Ich lächelte, als ich den

Blick bemerkte, und hörte zu spielen auf. Auch er lächelte und wies

vorwurfsvoll mit dem Kopf auf die Noten, damit ich weiter spiele. Als

ich fertig war, leuchtete der Mond, der nun hoch am Himmel stand, ins

Zimmer herein, und außer dem schwachen Scheine der Kerzen, war der Raum

auch noch von einem anderen silbernen Lichte erfüllt, das durch die

Fenster eindrang und sich auf den Boden legte. Katja sagte, es sei ganz

unerhört, daß ich gerade an der schönsten Stelle aufgehört, und daß

ich schlecht gespielt hätte; er aber meinte, ich hätte noch nie so gut

gespielt wie heute; und er fing an, auf und ab zu gehen, -- durch den

Saal ins dunkle Wohnzimmer und dann wieder durch den Saal, und sooft

er an mir vorüberging, lächelte er mir zu. Auch ich lächelte und hatte

sogar Lust, ohne jeden Grund zu lachen: so froh war ich über etwas,

was sich heute, soeben ereignet hatte. Sooft er in der Tür verschwand,

umarmte ich Katja, mit der ich am Klavier stand und küßte sie auf meine

Lieblingsstelle -- den vollen Hals unter dem Kinn; sobald er aber

wiederkam, machte ich ein ernstes Gesicht und hielt mit Mühe das Lachen

zurück.

»Was ist mit ihr heute auf einmal los?« fragte ihn Katja.

Er antwortete aber nicht und sah mich nur lächelnd an: er wußte, was

mit mir los war.

»Sehen Sie nur, welch eine Nacht!« rief er aus dem Wohnzimmer, vor der

offenen, auf den Garten hinausgehenden Balkontüre stehen bleibend.

Wir gingen zu ihm; es war in der Tat eine Nacht, wie ich sie später nie

wieder gesehen habe. Der Vollmond stand hinter uns über dem Hause, so

daß wir ihn nicht sehen konnten, und der halbe Schatten des Daches, der

Säulen und der Markise lag schräg und verkürzt auf dem sandbestreuten

Gartenwege und auf dem runden Rasenplatze. Alles übrige war hell und

von Tau und Mondlicht versilbert. Der breite, mit Blumen eingefaßte

Weg, auf den von der einen Seite die schrägen Schatten der Georginen

und ihrer Stäbe fielen, zog sich, ganz hell und kalt, durch den Nebel

in die Ferne hin, und der Schotter, mit dem er bestreut war, glänzte.

Hinter den Bäumen leuchtete das Dach des Gewächshauses hervor, und

aus der Schlucht stieg Nebel auf. Die schon ein wenig entblößten

Fliedersträuche waren bis zu den Ästen durchleuchtet. Alle vom Tau

befeuchteten Blumen waren deutlich voneinander zu unterscheiden. In den

Alleen hatten sich Licht und Schatten so innig miteinander vermischt,

daß die Alleen nicht mehr als von Bäumen eingefaßte Wege, sondern als

durchsichtige, schwankende und zitternde Gebäude erschienen. Rechts, im

Schatten des Hauses war alles schwarz, unbestimmt und unheimlich. Dafür

ragte aus diesem Dunkel noch heller der phantastische Wipfel der Pappel

hervor, die so seltsam in der Nähe des Hauses, oben im hellen Lichte

unbeweglich zu schweben schien, statt in den fernen bläulichen Himmel

emporzufliegen.

»Wollen wir etwas gehen,« sagte ich.

Katja war einverstanden, meinte aber, daß ich meine Galoschen anziehen

müßte.

»Es ist nicht nötig, Katja,« sagte ich, »Ssergej Michailytsch wird mir

ja den Arm geben.«

Als ob mich das hinderte, nasse Füße zu bekommen! Aber damals kam es

uns allen dreien ganz natürlich und gar nicht sonderbar vor. Er hatte

mir noch niemals den Arm gegeben, doch diesmal nahm ich ihn selbst, und

er fand auch das gar nicht sonderbar. Zu dritt gingen wir die Terrasse

hinab. Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser Garten, diese Luft waren

nicht mehr dieselben, die ich kannte.

Als ich die Allee, über die wir gingen, hinuntersah, war es mir, als

sei es unmöglich, noch weiter zu gehen, als habe die Welt des Möglichen

dort ihr Ende, als müsse dies alles für immer in seiner Schönheit

erstarren. Aber wir gingen weiter, und die Zauberwand der Schönheit

öffnete sich vor uns und ließ uns ein, und auch dort schien unser

alter Garten mit seinen Bäumen, Wegen und trockenem Laub zu liegen. Es

war, als ob wir über die Wege gingen, mit den Füßen auf die Licht- und

Schattenseite träten, als raschelte das welke Laub unter meinem Fuße

und als streifte ein frischer Zweig mein Gesicht. Es war, als ob er es

wäre, der gleichmäßig und langsam neben mir gehend, behutsam meinen Arm

hielt; als ob es wirklich Katja wäre, unter deren Schritten neben uns

der Sand knirschte. Es war wohl auch wirklich der Mond am Himmel, der

auf uns durch die regungslosen Zweige herabschien ...

Aber mit jedem Schritt schloß sich die Zauberwand wieder vor uns und

hinter uns, und ich hörte zu glauben auf, daß es möglich sei, noch

weiter zu gehen, und ich glaubte nicht mehr an das, was war.

»Ach! Ein Frosch!« rief Katja.

-- Wer sagt das und warum sagt er das? -- dachte ich mir. Aber später

begriff ich, daß es Katja sei, daß sie sich vor den Fröschen fürchtete,

und ich blickte vor meine Füße. Ein kleiner Frosch hüpfte und blieb

dann unbeweglich vor mir sitzen, und sein kleiner Schatten zeichnete

sich auf dem hellen, lehmigen Wege ab.

»Und Sie fürchten sich gar nicht?« fragte er.

Ich sah ihn an. Dort, wo wir eben gingen, fehlte in der Allee eine

Linde, und ich konnte sein Gesicht deutlich sehen. Es war so schön und

so glücklich ...

Er hatte gesagt: »Sie fürchten sich gar nicht?« aber ich hörte ihn

sagen: -- Ich liebe dich, mein liebes Mädchen! -- Ich liebe, ich liebe

dich! -- sagten sein Blick und sein Arm; auch Licht und Schatten und

die Luft sagten dasselbe.

Wir umwanderten den ganzen Garten. Katja ging neben uns mit ihren

kleinen Schritten und atmete schwer vor Müdigkeit. Sie sagte, daß es

Zeit sei, umzukehren, und die Ärmste tat mir so furchtbar leid. --

Warum fühlt sie nicht dasselbe wie wir? fragte ich mich. -- Warum sind

nicht alle so jung und so glücklich wie diese Nacht, wie wir beide?

Wir kehrten ins Haus zurück, aber er blieb noch lange bei uns, obwohl

die Hähne schon gekräht hatten, obwohl alle im Hause schliefen und

sein Pferd vor dem Fenster immer ungeduldiger schnaubte und mit den

Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Katja sagte uns nicht, daß es

schon spät sei, und so blieben wir, von den gleichgültigsten Dingen

sprechend, ohne es selbst zu merken bis zur dritten Morgenstunde auf.

Die Hähne krähten schon zum drittenmal, und der Morgen dämmerte,

als er uns verließ. Er verabschiedete sich ganz wie sonst und sagte

nichts Außergewöhnliches; aber ich wußte, daß er von diesem Tage an

mir gehörte, und daß ich ihn nie wieder verlieren würde. Sobald ich

mir eingestanden hatte, daß ich ihn liebe, erzählte ich alles Katja.

Sie war sehr erfreut und gerührt, weil ich es ihr erzählte, aber die

Ärmste konnte diese ganze Nacht nicht einschlafen. Ich ging noch lange

auf der Terrasse auf und ab, stieg in den Garten hinunter, wandelte

durch die gleichen Alleen, durch die wir früher gewandelt, und suchte

mich jedes seiner Worte, jeder seiner Bewegungen zu entsinnen. Ich

schlief diese ganze Nacht nicht und sah zum erstenmal in meinem Leben

den Sonnenaufgang und den frühen Morgen. Eine solche Nacht und einen

solchen Morgen habe ich später nie wieder erlebt. -- Aber warum sagt

er mir nicht ganz einfach, daß er mich liebt? -- dachte ich. -- Warum

erfindet er allerlei Schwierigkeiten, warum nennt er sich einen alten

Mann, während alles doch so einfach und so herrlich ist? Warum verliert

er die goldene Zeit, die vielleicht niemals wiederkehrt? Mag er doch

nur einmal sagen: »ich liebe dich!«, mag er es mir nur einmal mit

Worten sagen, mag er meine Hand in die seine nehmen, seinen Kopf über

sie beugen und sagen: »ich liebe dich«. Mag er erröten und die Augen

vor mir niederschlagen, und dann will ich ihm auch alles sagen. Ich

werde es ihm nicht einmal sagen, ich werde ihn umarmen, mich an ihn

schmiegen und zu weinen anfangen. -- Aber wenn ich mich täusche, wenn

er mich gar nicht liebt? -- ging es mir plötzlich durch den Kopf.

Ich erschrak vor meinem Gefühl, -- Gott weiß, wohin es mich hätte

führen können; ich erinnerte mich seiner und meiner Verwirrung im

Gewächshaus, als ich plötzlich zu ihm hinuntersprang, und es wurde

mir so schwer, so schwer ums Herz. Tränen stürzten mir aus den Augen,

und ich begann zu beten. Und mir kam ein seltsamer Gedanke, der mich

beruhigte, und eine neue Hoffnung erfüllte mich. Ich entschloß mich,

gleich vom nächsten Morgen an zu fasten, an meinem Geburtstage zu

beichten und zu kommunizieren und am gleichen Tage seine Braut zu

werden.

Wie und warum es so kommen mußte, wußte ich gar nicht, aber von diesem

Augenblicke an glaubte ich fest, daß es so kommen würde. Es war schon

ganz hell geworden, und die Leute standen auf, als ich in mein Zimmer

zurückkehrte.

IV

Es waren die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, und niemand im Hause

wunderte sich darum über meinen Entschluß, mich zur Beichte

vorzubereiten.

Diese ganze Woche war er kein einzigesmal bei uns gewesen, und mir fiel

es nicht nur nicht ein, mich darüber zu wundern, mich zu beunruhigen

und ihm deswegen zu zürnen, sondern ich war sogar froh, daß er nicht

kam und erwartete ihn erst an meinem Geburtstage. Im Laufe dieser

ganzen Woche stand ich jeden Morgen sehr früh auf. Während man den

Wagen für mich anspannte, ging ich allein im Garten auf und ab, nahm

alle meine Sünden des vorhergehenden Tages durch und überlegte mir, was

ich heute machen sollte, um mit diesem Tage zufrieden zu sein und kein

einziges Mal zu straucheln. Damals kam es mir so leicht vor, ganz rein

von Sünden zu sein. Ich dachte mir, es genüge, daß ich mich ein wenig

zusammennehme. Die Pferde fuhren vor, ich stieg mit Katja oder einem

der Dienstmädchen in die Liniendroschke, und wir begaben uns nach der

drei Werst entfernten Kirche. Beim Betreten der Kirche erinnerte ich

mich jedesmal, daß man für alle »mit Gottesfurcht Eintretenden« betet,

und bemühte mich, mit diesem Gefühl über die beiden grasbewachsenen

Stufen des Kirchenportals zu treten. In der Kirche waren um diese

Stunde nie mehr als an die zehn Bauern und Bäuerinnen, die sich

ebenfalls zur Beichte vorbereiteten; ich erwiderte mit besonderer

Demut ihre Verbeugungen, ging selbst, was mir als ein gottgefälliges

Werk erschien, zu der Kerzenlade, ließ mir vom Kirchenältesten, einem

alten Soldaten, eine Kerze geben und stellte sie dann selbst vor

die Heiligenbilder. Durch die »Zarenpforte« sah ich die von meiner

Mama gestickte Altardecke: über der Heiligenwand waren zwei Engel

mit Sternen angebracht, die mir, als ich noch klein war, so groß

erschienen, und eine Taube mit gelbem Heiligenschein, die mich damals

gleichfalls gefesselt hatte. Hinter dem Chore stand das zerbeulte

Taufbecken, über dem ich schon so oft die Kinder unserer Leibeigenen

als Taufpatin gehalten hatte und in dem ich einst selbst getauft worden

war. Der alte Priester trat vor den Altar in einem Ornat, das aus dem

Bahrtuch meines verstorbenen Vaters angefertigt worden war, und sprach

die Gebete mit der gleichen Stimme, mit der er immer, soweit ich mich

erinnern konnte, in unserem Hause die Gottesdienste abgehalten, Ssonja

getauft, die Seelenmesse für meinen Vater gelesen und die Leiche meiner

Mutter eingesegnet hatte. Die gleiche zitternde Stimme des Küsters

klang im Chor, und die gleiche alte Frau, die ich in dieser Kirche

von jeher und bei jedem Gottesdienste gesehen hatte, stand gebückt an

der Wand, blickte mit weinenden Augen auf das Heiligenbild im Chor,

drückte die zum Zeichen des Kreuzes zusammengelegten Finger an ihr

verschossenes Kopftuch und flüsterte etwas mit zahnlosem Munde. Dies

alles weckte jetzt in mir nicht mehr Neugierde, auch nicht bloß liebe

Erinnerungen, sondern war groß und heilig und schien mir von einer

tiefen Bedeutung erfüllt. Ich glaubte jedem Worte des Gebets, das der

Priester las, bemühte mich, auf jedes Wort mit innerem Gefühl Antwort

zu geben, und wenn ich etwas nicht verstand, so bat ich in Gedanken

Gott, mich zu erleuchten, oder erfand an Stelle des Gebetes, dem ich

nicht folgen konnte, mein eigenes. Wenn die Bußgebete gelesen wurden,

erinnerte ich mich meiner ganzen Vergangenheit, und diese kindliche und

unschuldige Vergangenheit erschien mir im Vergleich mit dem jetzigen

lichten Zustande meiner Seele so schwarz, daß ich weinte und mich

über mich selbst entsetzte; zugleich fühlte ich aber, daß mir dies

alles vergeben würde, und daß, wenn ich sogar noch mehr Sünden hätte,

die Reue für mich um so süßer wäre. Wenn der Priester am Ende des

Gottesdienstes die Worte sprach: »Gottes Segen über Euch«, glaubte ich

im gleichen Augenblick von einem körperlichen Wohlgefühl durchströmt zu

werden: es war, als ob mir plötzlich Licht und Wärme ins Herz drängen.

Nach dem Gottesdienste kam der Priester zu mir heraus und fragte, ob

und wann er zu uns ins Haus kommen solle, um eine Abendmesse zu lesen;

aber ich dankte ihm gerührt dafür, daß er es, wie ich glaubte, für mich

tun wollte, und sagte, daß ich selbst zu Fuß oder zu Wagen zur Kirche

kommen werde.

»Sie wollen sich selbst bemühen?« pflegte er zu fragen.

Ich wußte nicht, was zu antworten, ohne in die Sünde des Hochmuts zu

verfallen.

Roman einer Ehe · 第 2 / 8 段