»Gut wäre es aber auch nicht,« sprach er meinen Satz zu Ende

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text

ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist

~so markiert~.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Graf Leo Tolstoi

Roman einer Ehe

Deutsch

von

Alexander Eliasberg

[Illustration]

O. C. Recht Verlag München

Copyright by O. C. Recht Verlag München 1921

Viertes bis siebentes Tausend

Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig

Erster Teil.

I

Wir trugen Trauer um unsere Mutter, die im Herbste gestorben war. Den

ganzen Winter verlebten wir, Katja, Ssonja und ich, auf dem Lande.

Katja war eine alte Freundin unseres Hauses, unsere Gouvernante, die

uns alle großgezogen hatte, und die ich kannte und liebte, seit ich

mich meiner überhaupt erinnere. Ssonja war meine jüngere Schwester. Wir

verlebten einen düsteren und traurigen Winter in unserem alten Hause zu

Pokrowskoje. Das Wetter war kalt, und der Wind hatte die Schneewehen

bis über die Fensterhöhe herangefegt; die Fenster waren immer vereist

und undurchsichtig, und wir gingen und fuhren fast den ganzen Winter

nicht aus. Nur selten kam jemand zu uns, und wenn auch jemand kam, so

brachte er uns weder Fröhlichkeit noch Freude ins Haus. Alle hatten

traurige Mienen, alle sprachen so leise, als fürchteten sie, jemand zu

wecken, niemand lachte, alle seufzten und weinten oft, wenn sie mich

und besonders die kleine Ssonja in ihrem schwarzen Kleidchen ansahen.

Im Hause ließ sich noch die Gegenwart des Todes spüren; Trauer und

Todesgrauen erfüllten die Luft. Mamas Zimmer war geschlossen, und es

war mir unheimlich zumute, und ich fühlte mich zugleich hingezogen, in

dieses kalte und leere Zimmer hineinzublicken, sooft ich auf dem Wege

nach meinem Schlafzimmer vorbeimußte.

Ich war damals siebzehn Jahre alt, und Mama hatte noch im gleichen

Jahre, als sie starb, die Absicht gehabt, in die Stadt zu übersiedeln,

um mich in die Gesellschaft einzuführen. Der Verlust meiner Mutter

bedeutete für mich einen schweren Kummer, aber zu diesem Gefühl

gesellte sich, ich muß es gestehen, auch noch der Gram darüber, daß

ich, die ich, wie mir alle sagten, jung und hübsch war, schon den

zweiten Winter in der ländlichen Einöde nutzlos verbringen mußte. Kurz

vor dem Ende des Winters steigerte sich das Gefühl der Trauer, der

Einsamkeit und auch der gewöhnlichen Langweile dermaßen, daß ich mein

Zimmer nicht mehr verließ, mein Klavier nicht mehr öffnete und kein

Buch in die Hand nahm. Wenn Katja mir zuredete, ich solle das eine oder

andere beginnen, so antwortete ich ihr: »Ich habe keine Lust, ich kann

nicht!« In meinem Herzen regte sich aber die Frage: -- Wozu? Warum soll

ich etwas beginnen, wenn meine beste Zeit unnütz dahingeht? Wozu? --

Und auf dieses »Wozu« gab es keine andere Antwort als Tränen.

Man sagte mir, ich sei während dieser Zeit mager geworden und hätte

viel von meiner Schönheit eingebüßt, aber auch das interessierte mich

nicht. Wozu? Für wen? Mir schien, als müsse mein ganzes Leben in dieser

Einöde, in dieser hilflosen Trauer dahingehen, aus der mich zu befreien

ich selbst keine Kraft und nicht einmal den Willen hatte. Gegen Ende

des Winters nahm sich Katja, die um mich sehr besorgt war, vor, mich

unbedingt ins Ausland zu bringen. Dazu brauchte man Geld, wir wußten

aber kaum, was uns nach dem Tode unserer Mutter geblieben war und

erwarteten von Tag zu Tag unseren Vormund, der kommen sollte, um die

Vermögensverhältnisse zu klären.

Im März kam der Vormund.

»Nun, Gott sei Dank!« sagte mir einmal Katja, als ich wie ein Schatten,

müßig, ohne Gedanken und ohne Wünsche von Winkel zu Winkel irrte.

»Ssergej Michailytsch ist angekommen, hat schon nach uns gefragt und

sich zum Mittagessen angemeldet. Nimm dich zusammen, Maschetschka,«

fügte sie hinzu. »Was soll er von dir denken? Er hat ja euch alle so

sehr geliebt.«

Ssergej Michailytsch war unser naher Nachbar und mit unserem

verstorbenen Vater befreundet gewesen, obwohl er viel jünger war als

dieser. Ganz abgesehen davon, daß seine Ankunft alle unsere Pläne über

den Haufen warf und uns die Möglichkeit gab, aus der ländlichen Einöde

herauszukommen, war ich schon von der frühesten Kindheit an gewöhnt,

ihn zu lieben und zu achten, und Katja hatte, als sie mir den Rat gab,

mich zusammenzunehmen, ganz richtig erraten, daß es mir schmerzvoller

war, mich Ssergej Michailowitsch als jemand anderem von unsern

Bekannten in ungünstigem Lichte zu zeigen. Abgesehen davon, daß ich

ihn, wie alle im Hause, von Katja und Ssonja, seiner Patentochter an,

bis zum letzten Kutscher schon aus Gewohnheit liebte, hatte er für mich

noch eine ganz besondere Bedeutung infolge einer Bemerkung, die Mama

einmal in meiner Gegenwart gemacht hatte. Sie hatte gesagt, daß sie

mir einen solchen Mann wünsche. Damals war mir das sonderbar und sogar

unangenehm erschienen. Mein Held sollte ganz anders aussehen: schlank,

hager, bleich und traurig, aber Ssergej Michailytsch war schon in den

Jahren, groß gewachsen, wohlbeleibt und, wie mir schien, immer lustig;

aber die Worte meiner Mutter hatten sich trotzdem in meiner Erinnerung

festgesetzt, und ich hatte mich noch vor sechs Jahren, als ich erst

elf Jahre alt war und er zu mir »du« sagte und mich »Veilchenmädchen«

nannte, zuweilen nicht ohne Schrecken gefragt, was ich tun sollte, wenn

er mich plötzlich heiraten wollen würde. --

Vor dem Mittagessen, bei dem es auf Katjas Anordnung außer den

gewöhnlichen Speisen auch noch Gefrorenes, eine Creme und eine

Spinatsauce gab, kam Ssergej Michailytsch an. Ich sah ihn durchs

Fenster in seinem kleinen Schlitten heranfahren; als er um die Ecke

bog, eilte ich ins Wohnzimmer und wollte so tun, als hätte ich ihn

gar nicht erwartet. Aber als ich im Vorzimmer seine Schritte, seine

laute Stimme und die Schritte Katjas hörte, hielt ich es doch nicht

aus und ging ihm entgegen. Er hielt Katja bei der Hand, sprach laut

und lächelte. Als er mich erblickte, verstummte er und sah mich einige

Zeit, ohne mich zu begrüßen, an. Ich wurde verlegen und fühlte, daß ich

errötete.

»Ach! Sind Sie es wirklich?« sagte er in seiner bestimmten, einfachen

Art, vor Erstaunen die Arme spreizend und auf mich zugehend. »Kann sich

denn ein Mensch so verändern! Wie groß Sie geworden sind! Das soll ein

Veilchen sein! Sie sind zu einer Rose aufgeblüht.«

Er ergriff mit seiner großen Hand die meine und drückte sie herzlich

und so stark, daß es mir fast weh tat. Ich glaubte, er würde mir die

Hand küssen und hatte mich schon vorgeneigt, um mit den Lippen seine

Stirn zu berühren, aber er drückte noch einmal meine Hand und sah mir

mit einem festen und lustigen Blicke gerade in die Augen.

Ich hatte ihn seit sechs Jahren nicht gesehen. Er hatte sich sehr

verändert: war älter und brauner geworden und hatte sich einen

Backenbart wachsen lassen, der ihm gar nicht stand; aber seine

einfachen Manieren, sein offenes, ehrliches Gesicht mit den scharfen

Zügen, die klugen, leuchtenden Augen und das freundliche, fast

kindliche Lächeln waren noch dieselben.

Nach fünf Minuten schon hatte er aufgehört Gast zu sein und war wieder

zu einem altvertrauten Familienmitglied geworden, wie für uns alle, so

auch für das Hausgesinde, das sich, was man seiner Dienstfertigkeit

ansah, über seine Ankunft besonders freute.

Er benahm sich ganz anders als alle Nachbarn, die nach dem Tode Mamas

zu uns kamen und es für nötig hielten, während der ganzen Dauer des

Besuchs zu schweigen oder uns zu bemitleiden; er war vielmehr sehr

redselig, lustig und kam mit keinem Worte auf Mama zu sprechen, so daß

diese Gleichgültigkeit seitens eines so nahe stehenden Menschen mir

zuerst seltsam und sogar unpassend vorkam. Später begriff ich aber,

daß dieses Gebaren keine Gleichgültigkeit, sondern eine besondere

Herzlichkeit bedeutete, und ich war ihm dafür dankbar. Abends tranken

wir im Wohnzimmer Tee; Katja schenkte wie bei Mamas Lebzeiten den

Tee ein und saß auf ihrem alten Platz; Ssonja und ich setzten uns

neben sie; der alte Grigorij brachte ihm Papas alte Pfeife, die er

aufgefunden hatte, und er begann wie vor Zeiten im Zimmer auf und ab zu

gehen.

»Wenn man es so bedenkt, welche furchtbaren Veränderungen in diesem

Hause!« sagte er, stehen bleibend.

»Ja,« erwiderte Katja mit einem Seufzer. Sie deckte den Samowar zu und

blickte Ssergej Michailytsch an, im Begriff, in Tränen auszubrechen.

»Sie können sich wohl noch Ihres Vaters erinnern?« wandte er sich an

mich.

»Kaum,« antwortete ich.

»Wie gut hätten Sie es jetzt, wenn er noch am Leben wäre!« sagte er,

indem er mir still und nachdenklich auf die Stirne blickte. »Ich habe

Ihren Vater immer sehr lieb gehabt!« fügte er leiser hinzu, und es kam

mir vor, als wären seine Augen noch glänzender geworden.

»Der Herr hat aber auch sie zu sich genommen!« sagte Katja. Sie legte

eine Serviette auf die Teekanne, holte ihr Tuch aus der Tasche und fing

zu weinen an.

»Ja, furchtbare Veränderungen in diesem Hause,« sagte er noch einmal,

sich wegwendend. »Ssonja, zeig mal deine Spielsachen,« fügte er nach

einer Weile hinzu und ging in den Salon. Als er fort war, sah ich Katja

mit Tränen in den Augen an.

»So ein guter Freund!« sagte sie.

Die Teilnahme dieses fremden und gütigen Menschen tat mir wirklich warm

und wohl.

Man hörte Ssonja im Salon lustig kreischen, während er mit ihr spielte.

Ich schickte ihm ein Glas Tee hinüber; dann hörten wir, wie er sich ans

Klavier setzte und mit Ssonjas Händchen auf die Tasten schlug.

»Marja Alexandrowna!« hörte ich ihn rufen, »kommen Sie her, spielen Sie

etwas.«

Es war mir angenehm, daß er sich so ungezwungen und in einem

freundschaftlich gebieterischen Ton an mich wandte; ich stand auf und

ging auf ihn zu.

»Spielen Sie mal das,« sagte er, das Beethovenheft bei dem Adagio der

Sonate Quasi una fantasia aufschlagend. »Wir wollen mal sehen, wie Sie

spielen,« fügte er hinzu und zog sich mit seinem Teeglas in eine Ecke

des Salons zurück.

Ich hatte, ich weiß selbst nicht warum, das Gefühl, daß es mir

unmöglich gewesen wäre, mich zu weigern oder vorauszuschicken, daß ich

schlecht spiele; ich setzte mich gehorsam ans Klavier und spielte so

gut ich konnte, obwohl ich mich vor seinem Urteil fürchtete: ich wußte,

daß er sich auf Musik verstand und sie liebte. Das Adagio entsprach

ganz der Stimmung der Erinnerungen, die das Gespräch am Teetisch in

mir geweckt hatte, und ich spielte es, glaube ich, recht anständig.

Aber das Scherzo wollte er mich nicht spielen lassen. »Nein, das werden

Sie nicht gut spielen,« sagte er, auf mich zugehend. »Lassen Sie das,

aber der erste Teil war nicht schlecht. Sie scheinen Verständnis für

Musik zu haben.« Dieses recht mäßige Lob freute mich so sehr, daß

ich sogar rot wurde. Es war mir so neu und so angenehm, daß er, der

Freund und beinahe Altersgenosse meines Vaters, zu mir ernst und wie zu

seinesgleichen sprach, und nicht wie zu einem Kinde wie einst. Katja

ging mit Ssonja hinauf, um sie zu Bett zu bringen, und wir blieben

allein im Salon.

Er erzählte mir von meinem Vater; wie er sich ihm angeschlossen

hatte, wie lustig sie gelebt hatten, als ich mich noch mit meinen

Lehrbüchern und Spielsachen abgab; und mein Vater erschien mir in

diesen Erzählungen als ein einfacher und lieber Mensch, wie ich ihn

noch gar nicht gekannt hatte. Er erkundigte sich auch danach, was ich

besonders liebe, was ich lese, was ich zu unternehmen gedenke und

gab mir Ratschläge. Er war jetzt für mich nicht mehr der stets zu

Scherzen aufgelegte lustige Patron, der mich einst gerne neckte und mir

Spielsachen anfertigte, sondern ein ernster, einfacher und liebender

Mann, dem ich unwillkürlich Achtung und Sympathie entgegenbrachte. Es

war mir so leicht und wohl ums Herz, zugleich spürte ich auch eine

gewisse Befangenheit, als ich mit ihm sprach. Ich fürchtete für jedes

meiner Worte; ich wollte bei ihm selbst die Liebe verdienen, die er

mir schon aus dem Grunde entgegenbrachte, weil ich die Tochter meines

Vaters war.

Nachdem Katja Ssonja zu Bett gebracht hatte, gesellte sie sich zu uns.

Sie beklagte sich über meine Apathie, von der ich selbst nichts gesagt

hatte.

»Das Wichtigste hat sie mir verschwiegen,« sagte er lächelnd und

schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

»Was soll ich darüber erzählen!« entgegnete ich. »Es ist sehr

langweilig und wird sich auch bald geben.« (Mir schien in jenem

Augenblick nicht nur, als müßte meine Langeweile vorübergehen, sondern

als wäre sie schon vorübergegangen und würde niemals wiederkehren.)

»Es ist nicht gut, wenn man die Einsamkeit nicht ertragen kann,« sagte

er. »Sind Sie denn ein Fräulein?«

»Natürlich bin ich ein Fräulein,« antwortete ich lachend.

»Nein, Sie sind ein schlechtes Fräulein, das nur dann lebendig

ist, solange man es bewundert, und das den Mut sinken läßt und zu

nichts mehr Lust hat, sobald es allein geblieben ist; alles nur als

Schauspiel für die anderen, und nichts für sich selbst.«

»Eine nette Meinung haben Sie von mir!« sagte ich, nur um etwas zu

sagen.

»Nein!« versetzte er nach kurzem Schweigen. »Nicht umsonst sehen Sie

Ihrem Vater ähnlich. _Es steckt etwas in Ihnen_ ...« Sein freundlicher,

aufmerksamer Blick schmeichelte mir wieder und brachte mich in freudige

Verlegenheit.

Erst jetzt entdeckte ich in seinem, im ersten Moment lustig scheinenden

Gesicht, diesen einzigen, nur ihm allein eigentümlichen Blick, der

anfangs heiter schien und dann immer forschender und sogar etwas

traurig wurde.

»Sie dürfen und können sich nicht langweilen,« sagte er. »Sie haben

Ihre Musik, für die Sie Verständnis haben, Ihre Bücher, Ihr Studium,

Sie haben ein ganzes Leben vor sich, auf das Sie sich nur jetzt

vorbereiten können, um es später nicht zu beklagen. Nach einem Jahr

wird es schon zu spät sein.«

Er sprach zu mir wie ein Vater oder wie ein Onkel, und ich fühlte, daß

er sich fortwährend die Mühe gab, sich wie meinesgleichen zu geben. Es

kränkte mich, daß er auf mich eigentlich von oben herabsah, und es war

mir zugleich angenehm, daß er sich mir zuliebe bemühte, als ein anderer

zu erscheinen.

Den Rest des Abends sprach er mit Katja über geschäftliche Dinge.

»Nun, lebt wohl, meine lieben Freunde,« sagte er, indem er sich erhob,

auf mich zuging und meine Hand ergriff.

»Wann werden wir uns wiedersehen?« fragte Katja.

»Im Frühjahr,« antwortete er, mich noch immer bei der Hand haltend.

»Jetzt fahre ich nach Danilowka (so hieß unser anderes Gut), um dort

alles festzustellen und, soweit ich kann, in Ordnung zu bringen, dann

in meinen eigenen Geschäften nach Moskau, und im Sommer werden wir uns

wiedersehen.«

»Warum verlassen Sie uns für so lange? ...« sagte ich furchtbar

traurig; ich hatte in der Tat gehofft, ihn jeden Tag zu sehen, und es

wurde mir plötzlich so trist und bange zumute, daß meine Schwermut

wiederkehren sollte. Wahrscheinlich war das auch in meinem Blick und in

meinem Ton zu lesen.

»Suchen Sie die Zeit mit Arbeit totzuschlagen und fangen Sie keine

Grillen,« sagte er mir, wie es mir schien, in einem viel zu kalten und

gleichgültigen Tone. »Im Frühjahr werde ich Sie examinieren,« fügte er

hinzu, meine Hand loslassend, und ohne mich anzublicken.

Im Vorzimmer, wohin wir ihn begleiteten, hatte er es sehr eilig, seinen

Pelz anzuziehen und vermied es, mich anzublicken. -- Umsonst gibt er

sich solche Mühe! -- dachte ich mir. -- Glaubt er denn wirklich, es sei

mir so angenehm, daß er mich ansieht? Er ist ein guter Mensch, ein sehr

guter Mensch ... aber das ist auch alles. --

Aber an diesem Abend konnten Katja und ich lange nicht einschlafen; wir

sprachen immer, doch nicht von ihm, sondern davon, wie wir den Sommer

verleben und wie und wo wir den nächsten Winter zubringen würden. Die

schreckliche Frage: »Wozu?« kam mir nicht mehr in den Sinn. Es erschien

mir so einfach und so klar, daß man leben müsse, um glücklich zu

sein, und daß mich in der Zukunft viel Glück erwarte. Als wäre unser

altes, düsteres Gutshaus von Pokrowskoje plötzlich mit Licht und Leben

erfüllt.

II

Indessen kam der Frühling. Meine frühere Schwermut war vergangen und an

ihre Stelle die träumerische Frühlingssehnsucht voller unbegreiflicher

Hoffnungen und Gelüste getreten. Ich lebte zwar nicht mehr so wie zu

Beginn des Winters, sondern gab mich mit Ssonja ab und beschäftigte

mich mit Musik und mit Lektüre; aber ich ging oft in den Garten und

irrte lange, lange allein durch die Alleen oder saß auf einer Bank, und

Gott allein weiß, was ich mir da dachte, was ich wünschte und worauf

ich hoffte. Manchmal saß ich ganze Nächte, besonders beim Mondschein

bis zum Morgen am Fenster meines Zimmers; zuweilen schlich ich mich

leise, damit es Katja nicht höre, bloß mit der Nachtjacke bekleidet, in

den Garten und lief über das taubedeckte Gras bis zum Teiche; einmal

gelangte ich sogar ins freie Feld und umwanderte eines Nachts allein

den ganzen Garten.

Jetzt fällt es mir schwer, mich der Träume, die damals meine Phantasie

beschäftigten, zu erinnern und sie zu begreifen. Wenn ich jetzt sogar

daran zurückdenke, kann ich kaum glauben, daß es wirklich meine Träume

gewesen seien: so seltsam und lebensfremd waren sie.

Ende Mai kam Ssergej Michailytsch, so wie er versprochen hatte, von

seiner Reise zurück.

Zum erstenmal besuchte er uns am Abend, als wir ihn gar nicht

erwarteten. Wir saßen auf der Terrasse und schickten uns an, Tee zu

trinken. Der Garten war schon dicht belaubt, und im Gebüsch nisteten

während der Petrifasten die Nachtigallen. Die krausen Fliederbüsche

sahen so aus, als wären sie oben mit etwas Weißem und Lila überpudert.

Das waren die aufbrechenden Knospen. Das Laub der Birkenallee war im

Scheine der untergehenden Sonne ganz durchsichtig. Auf der Terrasse

lag ein frischer, kühler Schatten. Das Gras erwartete reichlichen

Abendtau. Im Hofe hinter dem Garten ließen sich die letzten Laute des

Tages, die Geräusche der heimgekehrten Herde vernehmen; der närrische

Nikon fuhr mit einem Fasse auf dem Gartenwege vor der Terrasse auf und

nieder, und der kalte Wasserstrahl aus seiner Gießkanne schwärzte die

aufgewühlte Erde an den Stengeln der Georginen und ihren Stäben. Bei

uns auf der Terrasse funkelte und kochte auf dem weißen Tischtuch der

blank geputzte Samowar, standen Sahne, Brezeln und Gebäck. Katja spülte

als sorgsame Hausfrau mit ihren rundlichen Händen die Tassen. Ich hatte

nach dem Bade solchen Hunger, daß ich den Tee nicht erwarten konnte

und das Brot mit dicker frischer Sahne aß. Ich hatte eine Leinenbluse

mit offenen Ärmeln an, und meine feuchten Haare waren mit einem Tuch

umwunden. Katja hatte ihn als erste durch das Fenster erblickt.

»Ah, Ssergej Michailytsch!« rief sie. »Wir haben doch soeben von Ihnen

gesprochen.«

Ich stand auf und wollte gehen, um mich umzukleiden, er kam aber gerade

in dem Augenblick, als ich schon in der Türe war.

»Macht man denn auf dem Lande so große Umstände?« sagte er lächelnd,

mit einem Blick auf meinen mit dem Tuche umwundenen Kopf. »Vor

Grigorij genieren Sie sich doch nicht, ich bin aber für Sie doch so

gut wie Grigorij.« Aber es kam mir gerade in jenem Augenblick vor, als

sähe er mich gar nicht so an, wie mich Grigorij ansehen könnte, und ich

wurde verlegen.

»Ich komme gleich wieder,« sagte ich fortgehend.

»Warum sollte das unpassend sein!« rief er mir nach. »So sehen Sie doch

ganz wie eine junge Bäuerin aus.«

-- Wie seltsam hat er mich eben angesehen, -- dachte ich mir, während

ich mich oben umzog. -- Nun, Gott sei Dank, daß er gekommen ist:

jetzt wird es wieder lustiger werden! -- Ich warf noch einen Blick

in den Spiegel, eilte lustig die Treppe hinunter und kam außer

Atem, ohne irgendwie zu verheimlichen, daß ich mich beeilt hatte,

auf die Terrasse. Er saß am Tisch und sprach mit Katja über unsere

Vermögensverhältnisse. Er sah mich lächelnd an und fuhr in seinem

Gespräch fort. Unsere Verhältnisse waren nach seinen Worten im besten

Zustande. Wir müßten jetzt nur noch den Sommer auf dem Lande verbringen

und könnten dann entweder nach Petersburg, um für Ssonjas Erziehung zu

sorgen, oder ins Ausland gehen.

»Ja, wenn Sie doch mit uns ins Ausland mitkommen wollten,« sagte Katja.

»Allein würden wir uns dort so einsam wie in einem Walde fühlen.«

»Ach, wie gerne würde ich mit Ihnen eine Reise um die Welt machen!«

sagte er halb im Scherz und halb im Ernst.

»Nun,« erwiderte ich, »machen wir doch wirklich eine Reise um die Welt.«

Er lächelte und schüttelte den Kopf.

»Und meine Mutter? Und meine Geschäfte?« versetzte er. »Aber es

handelt sich jetzt nicht darum. Erzählen Sie mir lieber, wie Sie die

Zeit verbracht haben. Haben Sie denn wieder Grillen gefangen?«

Als ich ihm berichtete, was ich in seiner Abwesenheit getrieben,

und daß ich mich nicht gelangweilt hatte, und als Katja meine Worte

bestätigte, lobte er und liebkoste mich mit Worten und Blicken, als

ob ich noch ein Kind wäre, und er ein Recht darauf hätte. Ich hielt

es für meine Pflicht, ihm ausführlich und besonders aufrichtig über

alles zu berichten, was ich Gutes getan hatte, und ihm wie in der

Beichte alles zu gestehen, was seine Unzufriedenheit erregen konnte.

Der Abend war so schön, daß wir auch nach dem Tee auf der Terrasse

blieben, und das Gespräch fesselte mich so, daß ich gar nicht merkte,

wie ringsum allmählich alle menschlichen Laute verstummten. Von allen

Seiten duftete es nach Blumen, reichlicher Tau netzte das Gras, eine

Nachtigall begann in der Nähe in einem Fliederbusch zu schmettern und

verstummte, als sie unsere Stimmen hörte; der gestirnte Himmel senkte

sich gleichsam auf uns herab.

Ich merkte den Anbruch der Nacht erst dann, als eine Fledermaus lautlos

unter die Leinenmarkise der Terrasse geflogen kam und mein weißes

Kopftuch zu umflattern begann. Ich drückte mich an die Wand und wollte

schon aufschreien, aber die Fledermaus flog ebenso lautlos und schnell,

wie sie gekommen war, unter der Markise hinaus und verschwand im

Halbdunkel des Gartens.

»Wie liebe ich Euer Pokrowskoje,« sagte er, das Gespräch unterbrechend.

»Ich könnte mein ganzes Leben hier auf dieser Terrasse sitzen.«

»Nun, bleiben Sie doch wirklich hier sitzen,« sagte Katja.

»Ja, sitzen,« erwiderte er, »das Leben sitzt nicht still.«

»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Katja. »Sie wären doch ein

vorzüglicher Ehemann.«

»Weil ich gerne sitze?« Er lachte auf. »Nein, Katerina Karlowna, wir

beide heiraten nicht mehr. Man hat schon längst aufgehört, mich für

einen Menschen zu halten, den man verheiraten könnte. Ich selbst denke

erst recht nicht daran, und seitdem ich es nicht mehr tue, fühle ich

mich wirklich wohl.«

Es kam mir vor, als spräche er das irgendwie unnatürlich und affektiert.

»Großartig! Mit sechsunddreißig Jahren wollen Sie schon das Leben

hinter sich haben,« versetzte Katja.

»Und wie!« fuhr er fort. »Ich habe nur noch den einen Wunsch, still zu

sitzen. Um zu heiraten, braucht man aber etwas anderes. Fragen Sie mal

sie,« fügte er hinzu, mit einer Kopfbewegung auf mich deutend. »Solche

müssen heiraten. Wir beide werden uns aber ihrer freuen.«

Im Tone seiner Stimme lagen eine verhaltene Trauer und Erregung, die

mir nicht entgingen. Er schwieg eine Weile; Katja und ich versetzten

kein Wort.

»Stellen Sie sich nur vor,« fuhr er fort, sich auf seinem Stuhle

umdrehend, »das Unglück wollte es, daß ich mich mit einem

siebzehnjährigen Mädchen verheiratete, zum Beispiel mit Masch... mit

Marja Alexandrowna. Das ist sogar ein schönes Beispiel, und ich freue

mich, daß es so gut paßt ... es ist das allerbeste Beispiel.«

Ich lachte und konnte unmöglich verstehen, worüber er sich so freute

und was da so gut paßte.

»Nun, sagen Sie mir aufrichtig, die Hand aufs Herz,« fuhr er fort, sich

scherzend an mich wendend, »wäre es denn für Sie kein Unglück, Ihr

Leben an das eines alten, abgelebten Mannes zu binden, der nur noch

ruhig sitzen will, während in Ihnen Gott weiß was für Wünsche gären?«

Ich wurde verlegen und schwieg, da ich nicht wußte, was darauf zu

antworten.

»Ich mache Ihnen ja keinen Antrag,« fuhr er lachend fort. »Sagen Sie

mir aber aufrichtig, Sie ersehnen sich doch nicht einen solchen Mann,

wenn Sie abends allein durch die Alleen wandeln? Das wäre doch ein

Unglück?«

»Kein Unglück ...« begann ich.

»Gut wäre es aber auch nicht,« sprach er meinen Satz zu Ende.

»Aber ich kann auch irren ...«

Er unterbrach mich wieder.

»Nun sehen Sie es selbst. Sie hat vollkommen recht, ich bin ihr für die

Aufrichtigkeit dankbar und freue mich, daß die Rede darauf gekommen

ist! Und noch mehr als das, es wäre auch für mich das größte Unglück,«

fügte er hinzu.

»Sie sind doch wirklich komisch und haben sich nicht im geringsten

verändert,« sagte Katja und verließ die Terrasse, um den Tisch zum

Abendessen decken zu lassen.

Als Katja gegangen war, verstummten wir beide, und auch alles um uns

herum war stumm. Nur die Nachtigall schmetterte, so daß es durch den

ganzen Garten schallte, doch nicht mehr so abgerissen und zaghaft wie

vorhin, sondern auf ihre nächtliche Weise, ruhig und ohne Übereilung;

eine zweite Nachtigall, die sich heute abend zum erstenmal vernehmen

ließ, antwortete ihr aus der Schlucht. Die erste Nachtigall verstummte

für eine Weile, als lauschte sie der anderen, und ließ dann noch

lauter und mächtiger ihre hellen Triller erschallen. Majestätisch

und ruhig klangen diese Stimmen durch ihre, uns fremde nächtliche

Welt. Der Gärtner ging vorüber, um sich im Gewächshaus schlafen zu

legen; seine Schritte in den schweren Stiefeln entfernten sich auf dem

Gartenwege und verhallten. Am Fuße des Berges ließ jemand zweimal einen

durchdringenden Pfiff erschallen, und alles wurde wieder still. Kaum

hörbar regte sich das Laub, schwankte die Zeltleinwand der Markise;

etwas Duftendes zog durch die Luft und verbreitete sich über die

Terrasse. Es war mir peinlich, nach allem, was schon gesagt worden war,

zu schweigen, aber ich wußte auch nicht, was zu sagen. Ich sah ihn an.

Er richtete seine im Halbdunkel glänzenden Augen auf mich.

»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sagte er.

Ich seufzte auf, ich wußte selbst nicht warum.

»Was?«

»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sprach ich seine Worte

nach.

Und wir schwiegen wieder, und ich fühlte mich wieder verlegen. Mir

kam immer wieder der Gedanke, daß ich ihm wehgetan hätte, als ich

zugegeben, daß er alt sei; ich wollte ihn trösten, wußte aber nicht,

wie.

»Nun, leben Sie wohl,« sagte er, sich erhebend. »Meine Mutter erwartet

mich zum Abendessen. Ich habe sie heute fast gar nicht gesehen.«

»Und ich wollte Ihnen gerade eine neue Sonate vorspielen,« sagte ich.

»Ein anderes Mal,« entgegnete er, wie mir schien, etwas kühl.

»Leben Sie wohl.«

Nun hatte ich noch mehr das Gefühl, daß ich ihm weh getan hätte, und er

tat mir leid. Katja und ich begleiteten ihn hinaus und blieben noch auf

dem Hofe, bis er unseren Blicken entschwand. Als die Hufschläge seines

Pferdes verhallt waren, ging ich um das Haus herum auf die Terrasse und

begann wieder in den Garten hinauszuschauen; im taufeuchten Nebel, in

dem alle nächtlichen Töne lebten, sah und hörte ich noch lange alles,

was ich sehen und hören wollte.

Er kam ein zweites und ein drittes Mal, und die Befangenheit, die von

unserem ersten seltsamen Gespräch herrührte, war ganz verschwunden

und kehrte nicht wieder. Im Laufe des ganzen Sommers besuchte er uns

zwei- und dreimal wöchentlich, und ich gewöhnte mich so sehr an ihn,

daß es mir, wenn er längere Zeit ausblieb, unbehaglich wurde, allein

zu leben; ich zürnte ihm und fand, daß er unrecht tat, wenn er mich

so allein ließ. Er behandelte mich wie einen jungen lieben Freund,

fragte mich über alles, forderte meine herzlichste Aufrichtigkeit

heraus, gab mir Ratschläge, lobte mich, machte mir manchmal Vorwürfe

und wies mich manchmal zurecht. -- Aber trotz seiner Bemühungen, immer

auf der gleichen Stufe mit mir zu stehen, fühlte ich, daß hinter dem,

was ich an ihm verstand, noch eine ganze mir fremde Welt blieb, in die

mich einzuführen er nicht für notwendig hielt, und das unterstützte

meine Achtung vor ihm und zog mich zu ihm hin. Ich wußte von Katja

und von den Nachbarn, daß er außer den Sorgen für die alte Mutter,

mit der er zusammenlebte, außer seiner Gutswirtschaft und den mit der

Vormundschaft verbundenen Mühen, auch noch irgendeine Tätigkeit im

Adelsausschuß hatte, die ihm große Unannehmlichkeiten einbrachte; aber

wie er das alles ansah, was für Überzeugungen, Pläne und Hoffnungen er

hatte, konnte ich von ihm niemals erfahren. Wenn ich nur die Rede auf

seine Geschäfte brachte, verzog er eigentümlich das Gesicht, als wollte

er sagen: »Hören Sie bitte auf, das kann Sie doch nicht interessieren,«

und brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs kränkte mich

das, aber dann gewöhnte ich mich so sehr daran, nur noch von Dingen zu

sprechen, die mich allein angingen, daß ich es vollkommen natürlich

fand.

Was mir anfangs gleichfalls mißfiel, aber mit der Zeit sogar angenehm

wurde, war seine völlige Gleichgültigkeit und beinahe Verachtung gegen

mein Äußeres. Er deutete niemals, weder mit einem Blicke, noch mit

einem Worte an, daß ich hübsch sei; im Gegenteil, er verzog das Gesicht

und lachte, wenn man mich in seiner Gegenwart hübsch nannte. Er liebte

es sogar, äußere Mängel an mir zu finden und mich mit ihnen zu necken.

Die modernen Kleider und Frisuren, mit denen mich Katja an Festtagen

herauszuputzen liebte, reizten ihn nur zu spöttischen Bemerkungen, die

die gute Katja kränkten und anfangs auch mich stutzig machten. Katja,

für die es feststand, daß ich ihm gefalle, konnte unmöglich begreifen,

wie es ein Mann nicht gerne sehen möchte, daß die ihm gefallende Frau

in einem möglichst günstigen Lichte erscheine. Ich aber kam bald

dahinter, was er eigentlich wollte. Er wollte glauben, daß ich nicht

kokett sei. Als ich das eingesehen hatte, blieb in mir keine Spur von

Koketterie in der Kleidung, in der Frisur und in den Bewegungen; an

ihre Stelle trat die allzu naive Koketterie der Einfachheit, während

ich noch gar nicht so einfach sein konnte. Ich wußte, daß er mich

liebte; ob aber wie ein Kind oder wie ein Weib, fragte ich mich noch

nicht; seine Liebe war mir teuer, und da ich fühlte, daß er mich

für das beste Mädchen in der Welt hielt, konnte ich nichts anderes

wünschen, als daß diese Täuschung bestehen bleibe. Und ich täuschte

ihn unwillkürlich. Aber indem ich ihn täuschte, wurde ich selbst

besser. Ich fühlte, daß es besser und würdiger für mich sei, ihm die

schönsten Seiten meiner Seele zu zeigen, als die meines Körpers. Meine

Haare, Hände, Gesichtszüge, Gewohnheiten hatte er, wie mir schien,

gleich auf den ersten Blick, wie sie auch sein mochten, ob gut oder

schlecht, richtig eingeschätzt und kannte sie so gut, daß ich meinem

Äußern nichts mehr hinzufügen konnte, außer der Sucht, ihn zu täuschen.

Meine Seele kannte er aber nicht, weil er sie liebte, weil sie sich

gerade in dieser Zeit entwickelte und wuchs, und darin konnte ich

ihn täuschen, was ich auch tat. Wie leicht fühlte ich mich in seiner

Gegenwart, als ich das begriffen hatte! Alle die grundlosen Hemmungen,

alle Befangenheit war vollständig verschwunden. Ich fühlte, daß er

mich, ganz gleich, ob er mich von vorn oder von der Seite, sitzend oder

stehend, mit hinauf- oder hinuntergekämmtem Haar sah, durch und durch

kannte, und es schien mir, daß er mit mir zufrieden sei, so wie ich

war. Ich glaube, daß, wenn er mir gegen seine Gewohnheit plötzlich wie

einer der anderen gesagt hätte, daß ich ein schönes Gesicht habe, ich

darüber gar nicht froh gewesen wäre. Wie wohl, wie leicht wurde es mir

dagegen ums Herz, wenn er mich nach irgendeinem Wort, das ich gerade

gesagt hatte, aufmerksam ansah und mit bewegter Stimme, der er einen

scherzhaften Ton zu geben versuchte, sagte:

»Ja, ja, in Ihnen steckt etwas. Sie sind ein gutes Mädchen, und ich muß

es Ihnen sagen.«

Wofür empfing ich aber damals diesen Lohn, der mein Herz mit Stolz

und Freude erfüllte? Nur weil ich sagte, daß ich die Liebe des alten

Grigorij zu seiner Enkelin teile, oder weil mich ein Gedicht oder ein

Roman, den ich gelesen, zu Tränen rührte, oder weil ich Mozart dem

Schulhof vorzog. Und ich wunderte mich selbst über den ungewöhnlichen

Spürsinn, mit dem ich immer erriet, was gut sei und was man lieben

müsse, obwohl ich damals noch gar nicht wußte, was gut ist und

was man lieben muß. Die Mehrzahl meiner früheren Gewohnheiten und

Neigungen gefiel ihm nicht, und er brauchte nur mit einer Bewegung

seiner Brauen oder mit einem Blick anzudeuten, daß ihm das, was ich

eben sagen wollte, mißfalle, oder nur die eigentümliche, mitleidige,

fast verächtliche Miene zu machen, damit es mir gleich vorkäme, daß

ich das, was mir erst eben gefiel, nicht mehr liebe. Zuweilen hatte

er erst die Absicht, mir irgendeinen Rat zu geben, aber ich glaubte

schon zu wissen, was er mir sagen wollte. Er fragte mich mit einem

stummen Blick, mir gerade in die Augen sehend, und sein Blick entlockte

mir sofort jeden Gedanken, den er nur wollte. Alle meine damaligen

Gedanken, alle meine damaligen Gefühle waren gar nicht mein; es waren

nur seine Gedanken und Gefühle, die plötzlich mein wurden, in mein

Leben übergingen und es erleuchteten. Ganz unmerklich fing ich an,

alles: Katja, unsere Dienstboten, Ssonja, mich selbst und auch meine

Beschäftigungen mit anderen Augen anzusehen. Die Bücher, die ich früher

zu lesen pflegte, nur um die Langeweile zu vertreiben, waren für mich

plötzlich zu einer der schönsten Lebensfreuden geworden, und das nur

aus dem Grunde, weil wir beide über Bücher sprachen, sie zusammen lasen

und er mir welche brachte. Die Beschäftigung mit Ssonja, die Stunden,

die ich ihr erteilte, waren für mich früher eine schwere Last gewesen,

die ich nur aus Pflichtgefühl auf mich nahm; als er aber einmal einer

Stunde beiwohnte, wurde es mir eine große Freude, die Fortschritte

Ssonjas zu verfolgen. Es erschien mir früher unmöglich, ein ganzes

Musikstück einzuüben; aber jetzt, wo ich wußte, daß er mir zuhören

und mich vielleicht auch loben würde, spielte ich oft vierzigmal

hintereinander die gleiche Stelle, so daß die arme Katja sich Watte

in die Ohren stopfte, während es mich nicht im geringsten langweilte.

Die gleichen alten Sonaten klangen jetzt ganz anders und gerieten mir

auch anders und viel besser. Selbst Katja, die ich so gut wie mich

selbst kannte und liebte, war in meinen Augen wie verändert. Jetzt

erst begriff ich, daß sie gar nicht verpflichtet war, uns eine Mutter,

eine Freundin und eine Sklavin, die sie uns in Wirklichkeit war, zu

sein. Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Hingebung dieses

liebevollen Wesens, begriff alles, was ich ihr schuldete, und liebte

sie noch mehr als früher. Er lehrte mich auch alle unsere Leute -- die

Bauern, das leibeigene Hausgesinde und die Dienstmädchen -- mit ganz

anderen Augen ansehen. Es klingt unglaublich, aber diese Menschen,

unter denen ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahre gelebt hatte,

waren mir viel fremder, als solche, die ich nie gesehen hatte; es war

mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, daß diese Menschen ebenso

liebten, wünschten und litten wie ich. Unser Garten, unsere Wälder,

unsere Felder, die ich so lange schon kannte, waren für mich plötzlich

neu und schön. Nicht umsonst pflegte er zu sagen, daß es im Leben nur

ein einziges, zweifelloses Glück gäbe: für einen andern zu leben.

Mir kam es zuerst seltsam vor, und ich begriff es nicht; aber diese

Überzeugung drang mir, ohne daß ich mir viel überlegte, ins Herz. Er

eröffnete mir eine ganze Welt von Freuden in der Gegenwart, ohne etwas

in meinem Leben zu ändern und meinen Eindrücken etwas hinzuzufügen

außer sich selbst. Alles, was mich von meiner Kindheit an stumm umgab,

war plötzlich lebendig geworden. Er brauchte nur zu mir zu kommen, und

alles fing sofort zu sprechen an und bestürmte meine Seele, sie mit

Glück erfüllend.

Oft ging ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinauf, legte mich

aufs Bett und, statt der Frühlingssehnsucht mit ihren Wünschen und

Hoffnungen auf die Zukunft, umfing mich die Unruhe eines gegenwärtigen

Glücks. Ich konnte nicht einschlafen, ich stand auf, setzte mich zu

Katja aufs Bett und sagte ihr, daß ich vollkommen zufrieden sei, was

ich, wie ich jetzt weiß, ihr gar nicht zu sagen brauchte: sie konnte es

mir ansehen. Aber sie sagte mir, daß auch sie sich nichts mehr wünsche,

daß auch sie glücklich sei, und sie küßte mich. Ich glaubte es ihr, es

erschien mir so notwendig und gerecht, daß alle glücklich seien. Katja

wollte schlafen; sie stellte sich böse, jagte mich von ihrem Bette

fort und schlief ein; ich aber nahm noch lange alles durch, was mich so

glücklich machte. Manchmal stand ich auf und betete, betete mit eigenen

Worten, um Gott für all das Glück zu danken, das Er mir gab.

Im Zimmer war es still; Katja atmete regelmäßig im Schlafe, neben

ihr tickte die Uhr, ich aber wälzte mich hin und her und flüsterte

irgendwelche Worte oder bekreuzigte mich und küßte das Kreuz, das ich

am Halse trug. Die Türe war geschlossen, die Fensterläden waren zu, und

irgendeine Fliege oder Mücke summte immer an der gleichen Stelle. Und

mir war es, als wollte ich dieses Zimmer niemals verlassen, als wollte

ich nicht, daß der Morgen komme, daß die mich umgebende seelische

Atmosphäre sich verflüchtige. Mir schien, daß meine Gedanken, Gebete

und Empfindungen lebende Wesen seien, die hier im Dunkeln neben mir

wohnten, mein Bett umschwebten und über mir stünden. Und jeder Gedanke

war sein Gedanke, und jedes Gefühl -- sein Gefühl. Ich wußte damals

noch nicht, daß es die Liebe ist, ich glaubte, daß es immer so sein

könne, daß dieses Gefühl uns ganz einfach und ohne Grund gegeben werde.

III

Während der Getreideernte gingen wir, Katja, Ssonja und ich eines

Nachmittags in den Garten zu unserer Lieblingsbank im Schatten der

Linden über der Schlucht mit der Aussicht auf die Wälder und Felder.

Ssergej Michailytsch hatte uns schon seit drei Tagen nicht besucht,

und wir erwarteten ihn an diesem Tage, um so mehr als unser Verwalter

gesagt hatte, er hätte versprochen, aufs Feld herauszukommen. Gegen

zwei Uhr sahen wir ihn, wie er aufs Kornfeld geritten kam. Katja ließ

Pfirsiche und Kirschen bringen, die er gerne aß, blickte mich lächelnd

an, legte sich auf die Bank und schlummerte ein. Ich brach mir einen

krummen und flachen Lindenzweig mit saftigen Blättern und saftigem

Bast, der mir die Hand befeuchtete, fächelte damit Katja und fuhr

in meiner Lektüre fort, blickte aber immer vom Buche auf und spähte

nach dem Feldweg hin, auf dem er kommen mußte. Ssonja baute an den

Wurzeln der alten Linde eine Laube für ihre Puppen. Der Tag war heiß

und windstill, es war schwül, die Wolken ballten sich zusammen und

wurden immer schwärzer, ein Gewitter war schon seit dem frühen Morgen

im Anzug. Ich war erregt wie immer vor einem Gewitter. Aber nach der

Mittagsstunde hatten die Wolken angefangen, sich zu zerstreuen, und die

Sonne war in einen wolkenlosen Teil des Himmels getreten; nur an einem

Ende des Himmels grollte es noch, und die schwere Wolke, die tief über

dem Horizonte stand und mit dem Staube der Felder zusammenfloß, wurde

ab und zu bis zur Erde vom bleichen Zickzack des Blitzes zerrissen. Es

war klar, daß das Gewitter an diesem Tage nicht zur Entladung kommen

würde, wenigstens bei uns nicht. Auf dem hier und da hinter dem Garten

sichtbaren Wege zogen sich ununterbrochen Fuhrwerke hin: bald die

langsamen, knarrenden, hoch mit Garben beladenen Wagen, bald die ihnen

schnell entgegenfahrenden leeren; die Beine der auf ihnen stehenden

Bauern zitterten, und ihre Hemden flatterten. Die dichten Staubwolken

stiegen weder in die Höhe, noch sanken sie auf die Erde nieder, sondern

blieben hinter der Hecke zwischen dem durchsichtigen Laube der Bäume

des Gartens hängen. Etwas weiter, auf der Tenne, ließen sich die

gleichen Stimmen und das gleiche Knarren der Räder vernehmen, und

dieselben gelben Garben, die langsam längs des Zaunes vorübergefahren

waren, flogen dort durch die Luft und häuften sich vor meinen Augen zu

ovalen oben spitz zulaufenden Zelten, auf denen die Bauern sich wie die

Ameisen regten. Vorne, auf dem staubigen Felde bewegten sich ebenfalls

Wagen, waren ebenfalls gelbe Garben zu sehen, und das gleiche Knarren

der Wagen, Schreien und Singen hallten von fern. An einem Ende wurde

das Feld immer nackter und nackter, und die Streifen der mit Beifuß

bewachsenen Raine traten darauf hervor. Unten rechts hoben sich vom

abgemähten Felde, auf dem das Korn noch unordentlich herumlag, die

bunten Kleider der Frauen ab, die die Garben banden, sich bückten und

mit den Armen fuchtelten, und das unordentliche Feld säuberte sich

allmählich, und die Garben erschienen in hübschen, engen Reihen. Es

war, als verwandelte sich vor meinen Augen der Sommer in den Herbst.

Überall herrschten Staub und Glut; nur unser Lieblingsplätzchen im

Garten blieb davon verschont. An allen Seiten redete, lärmte und

bewegte sich in diesem Staube, unter dieser sengenden Sonne das

Arbeitervolk.

Katja schlief aber so süß mit dem Batisttaschentuch auf dem Gesicht auf

unserer kühlen Bank, die schwarzen Kirschen glänzten so saftig auf dem

Teller, unsere Kleider waren so frisch und rein, das Wasser im Kruge

spielte und schillerte so hell in der Sonne, und es war mir so wohl ums

Herz. -- Was soll ich machen? -- dachte ich. -- Ist es meine Schuld,

daß ich glücklich bin? Aber wie kann ich dieses Glück den anderen

mitteilen? Wie und wem soll ich mich und mein ganzes Glück hingeben? --

Die Sonne sank hinter die Wipfel der Birkenallee; der Staub auf den

Feldern legte sich; die Ferne wurde beim schräg fallenden Lichte immer

deutlicher und klarer; die Wolken hatten sich vollständig verzogen;

auf der Tenne ragten drei neue Getreideschober über die Bäume hinauf,

und die Bauern waren von ihnen herabgestiegen; die Wagen fuhren, wohl

zum letztenmal, unter lautem Geschrei der Arbeiter vorbei; die Weiber

gingen mit den Rechen auf den Schultern und den Garbenbändern im Gürtel

laut singend nach Hause, aber Ssergej Michailytsch wollte noch immer

nicht kommen, obwohl ich schon längst gesehen hatte, wie er von der

Anhöhe hinuntergeritten war. Plötzlich tauchte in der Allee, an der

Seite, wo ich ihn gar nicht erwartete, seine Gestalt auf (er war um die

Schlucht herumgegangen). Mit freudigem, strahlendem Gesicht, den Hut

in der Hand, näherte er sich mir mit schnellen Schritten. Als er sah,

daß Katja schlief, biß er sich in die Lippen, kniff die Augen zusammen

und kam auf den Fußspitzen näher; ich merkte sofort, daß er sich in der

eigentümlichen Stimmung einer grundlosen Freude befand, die ich an ihm

so furchtbar liebte und die wir »wildes Entzücken« nannten. Er war wie

ein Schuljunge, der aus der Schule entlaufen ist; sein ganzes Wesen,

vom Gesicht bis zu den Füßen atmete Zufriedenheit, Glück und kindliche

Ausgelassenheit.

»Nun, guten Tag, junges Veilchen, wie geht es Ihnen? Gut?« flüsterte

er, auf mich zugehend und mir die Hand drückend. »Mir geht es

ausgezeichnet,« antwortete er auf meine Frage nach seinem Befinden,

»ich bin heute dreizehn Jahre alt und habe Lust, Pferdchen zu spielen

und auf die Bäume zu klettern.«

»In wildem Entzücken?« fragte ich, ihm in die lachenden Augen blickend

und fühlend, daß dieses »wilde Entzücken« sich auch mir mitgeteilt

hatte.

»Ja,« antwortete er, mir mit einem Auge zublinzelnd und ein Lächeln

unterdrückend. »Warum schlagen Sie aber Katerina Karlowna auf die Nase?«

Ich hatte gar nicht bemerkt, daß ich, ihn immerfort ansehend, mit dem

Zweige das Taschentuch von Katja heruntergeworfen hatte und ihr mit den

Blättern über das Gesicht fuhr. Ich mußte lachen.

»Sie wird aber behaupten, sie hätte gar nicht geschlafen,« sagte ich

im Flüstertone, als fürchtete ich Katja zu wecken; aber ich tat es gar

nicht aus diesem Grunde: es war mir einfach angenehm, mit ihm so zu

sprechen.

Er bewegte, mir nachäffend, die Lippen, als hätte ich so leise

gesprochen, daß er nichts hören konnte. Als er den Teller mit den

Kirschen sah, ergriff er ihn mit einer Miene, als täte er es heimlich,

ging zu Ssonja unter die Linde und setzte sich auf ihre Puppen. Ssonja

wurde anfangs böse, aber er besänftigte sie bald damit, daß er ein

Spiel ersann, bei dem sie beide die Kirschen um die Wette essen mußten.

»Soll ich noch mehr holen lassen?« fragte ich. »Oder wollen Sie selbst

welche holen?«

Er nahm den Teller, setzte die Puppen darauf, und wir begaben uns zu

dritt zum Gewächshause. Ssonja lief uns lachend nach und zupfte ihn am

Mantel, damit er ihr ihre Puppen zurückgebe. Er gab sie ihr wieder und

wandte sich mit ernster Miene zu mir.

»Und Sie wollen kein Veilchen sein?« sagte er mir, immer noch leise,

obwohl niemand in der Nähe war, den er hätte wecken können. »Als ich

nach all dem Staub, der Hitze und Arbeit auf Sie zuging, da duftete

es gleich nach Veilchen. Und zwar nicht nach den starkriechenden

Gartenveilchen, sondern nach den anderen, ersten, dunklen, die nach

tauendem Schnee und Frühlingsgrase riechen.«

»Ist in der Wirtschaft alles in Ordnung?« fragte ich ihn, um die

freudige Verwirrung zu verbergen, die seine Worte in mir weckten.

»Ausgezeichnet! Diese Leute sind überall ausgezeichnet. Je mehr man sie

kennt, um so mehr liebt man sie.«

»Ja,« sagte ich, »ehe Sie kamen, sah ich heute vom Garten aus den

Arbeitern zu, und ich mußte mich plötzlich schämen, daß sie sich

abmühen, während es mir so wohl ist, daß ...«

»Kokettieren Sie nicht damit, liebes Kind,« unterbrach er mich, indem

er mir plötzlich ernst, doch liebevoll in die Augen blickte. »Das ist

eine heilige Sache. Behüte Sie Gott davor, damit zu kokettieren.«

»Aber ich sage es doch nur _Ihnen_.«

»Nun ja, ich weiß es. Wo sind aber die Kirschen?«

Das Gewächshaus war zugesperrt, und von den Gärtnern sah man niemand

(er hatte sie alle aufs Feld hinausgeschickt). Ssonja lief fort, den

Schlüssel zu holen; er wartete aber ihre Rückkehr nicht ab, stieg auf

den Eckpfosten, hob das Drahtnetz ab und sprang hinüber.

»Wollen Sie Kirschen?« hörte ich seine Stimme von drüben. »Geben Sie

mir den Teller.«

»Nein, ich will auch selbst pflücken, ich will den Schlüssel holen,«

sagte ich. »Ssonja wird ihn nicht finden ...«

Roman einer Ehe · 第 1 / 8 段