POMPILIA COMPARINI

Der Abbate Paolo Franceschini aus Arezzo war wohl von edler Herkunft, aber

nur sehr wenig mit Glücksgütern gesegnet. Doch besaß er genügend Geist,

sein Glück zu versuchen, und begab sich nach Rom, wo er vom Kardinal

Lauria als Sekretär bestellt wurde. Er gewann bald die Gunst des wegen

seiner Gelehrsamkeit im heiligen Kollegium sehr geschätzten Kardinals, und

ausgerüstet mit dieser Gunst wollte Paolo sein Glück und Ansehn damit

fördern, daß er seinem Bruder eine reiche Frau verschaffe.

Der Bruder Guido war schon ein älterer Mann, von wenig gewinnendem Äußern

und geringer Begabung. Er war Sekretär beim Kardinal Nerli gewesen, hatte

die Stelle aber verloren, was für die Heiratspläne des Abbate nicht

günstig war. Aber er hoffte, die Mängel seines Bruders durch die Vorzüge

seiner eignen Person zu ersetzen. Nach mancher Umschau richtete er seine

Absicht auf Francesca Pompilia, die einzige Tochter des Pietro Comparini

und seiner Gattin Violante, die eine Erbschaft von zwölftausend Skudi zu

erwarten hatte. Um so leichter erschien ihm diese Heirat fertig zu

bekommen, als die Familie Comparini der seinen nicht ebenbürtig war.

Er bediente sich als Vermittlerin einer Haarkräuslerin, die im Hause der

Comparini arbeitete und dort vertraulich war. Er versprach ihr für ihre

Vermittlung eine Belohnung von fünfzig Goldgulden, und die Frau machte

sich gleich ans Werk. Sie redete mit Violante, die ihr versprach, mit

ihrem Manne zu reden. Denn der Nießbrauch jener Erbschaft blieb der

Familie nur für den Fall, daß direkte Nachkommen vorhanden waren. Der alte

Comparini erklärte sich nicht abgeneigt, wenn es mit dem Besitze der

Franceschini so stimme, wie sie ihm gesagt hätten.

Paolo drang auf Eile; er fürchtete, die Sache könnte ihm entgehen. Er ließ

vom Kardinal Lauria den Ehevertrag aufsetzen, was dieser Mann aus

Gefälligkeit gegen den von ihm geschätzten Abbate tat. Inzwischen hatte

sich Comparini aber anderweitig über die Vermögensumstände der

Franceschini erkundigt und die Auskünfte lauteten sehr verschieden von

denen des Abbate und dessen Gewährsmänner. Es kam dadurch zu heftigen

Auftritten zwischen Mann und Frau, die durchaus auf der Heirat bestand und

sagte, daß dies nur Machenschaften von Neidern des Glückes ihrer Tochter

wären. Aber der Gatte blieb um so kühler, je mehr die Frau in Hitze kam

und sagte, er wolle durch die Verheiratung ja nichts gewinnen, aber auch

nichts verlieren. Aber Pietro hatte innerlich längst seinem Weibe, das er

zärtlich liebte, nachgegeben, denn er tat ihr immer jeden Willen. Violante

aber fürchtete, er könne es schließlich doch noch durch gute Ratschläge

von Freunden bereuen, und so beschloß sie, die Hochzeit ohne Wissen ihres

Mannes statthaben zu lassen. Die Tochter, immer folgsam dem was die Mutter

verlangte, war einverstanden. Man verabredete sich mit Guido, und

frühmorgens wurden sie in der Kirche San Lorenzo getraut. Pietro war sehr

aufgebracht, als er davon hörte. Doch war an der Sache nichts mehr zu

ändern, und er richtete die Hochzeit in seinem Hause, gab seiner Tochter

eine Mitgift von fünfundzwanzig päpstlichen Anleihescheinen und machte sie

zu seiner Erbin.

Schon am Hochzeitstage war es zwischen dem Alten und den Brüdern zum

Streit gekommen über die Vorteile, die den beiden Familien aus dieser

Heirat erwüchsen, und man war übereingekommen, daß die Comparinis nach

Arezzo übersiedeln und im Hause der Franceschini den Rest ihres Lebens

verbringen sollten. Comparini überließ seinem Schwiegersohne auch die

Verwaltung seines ganzen Besitztumes.

In Arezzo wurden die alten Comparini von den alten Franceschini und deren

Sippschaft mit großer Liebenswürdigkeit empfangen, wie dies Brauch ist.

Aber bald kam es zu Streitigkeiten und schließlich zu offnem Bruch. Guidos

Mutter war eine anmaßende und geizige Frau, herrisch schaltend in ihrem

Hause. Auf des alten Comparini Vorhaltungen antwortete Guido erst

wegwerfend, dann drohend, was Violante in Wut brachte, die an Hochmut der

alten Franceschini nichts nachgab. Sie begann Pietro zu quälen und fluchte

dem Tag, der sie nach Arezzo gebracht habe und gab ihm alle Schuld, die

sie selber hatte. Pietro, von Weibertränen eingenommen, fiel es nicht ein,

seinem Weibe zu sagen, daß diese Ehe gegen sein Wissen und Wollen

geschlossen worden wäre; er bat sie vielmehr zärtlich, doch die kleinen

Unannehmlichkeiten hinzunehmen und abzuwarten, daß die Franceschini ihr

Unrecht einsehen.

Da starb der Kardinal Lauria, und Paolo wurde römischer Sekretär des

Malteserordens; dadurch stieg sein Hochmut über alle Begriffe. Violante,

selber zu herrschen gewohnt, wollte es nicht länger ertragen und bestürmte

ihren Mann, nach Rom zurückzukehren. Die Franceschinis gaben ihnen für die

Reisekosten noch eine Summe Geldes.

Alsbald in Rom setzte Pietro zu allgemeinem Staunen eine gerichtliche

Denkschrift auf, worin er nachwies, daß Francesca Pompilia gar nicht seine

leibliche Tochter sei, und er daher gar nicht verpflichtet war, die

Mitgift auszuzahlen. Violante habe sich schwanger gestellt und ein von

einer Hebamme für hundertfünfzig Skudi gekauftes Kind untergeschoben zu

dem Zweck, ihrer Familie die Nutznießung der fünfundzwanzig Stück

päpstlicher Anleihe zu erhalten. Sie hätte diese Täuschung sehr geschickt

ins Werk gesetzt.

Diese Denkschrift Pietros wurde bald stadtbekannt und erregte mehr

Unwillen als Erstaunen, denn man sagte sich, daß die Franceschini von

diesem Schriftstück sehr beleidigt werden müßten. Die Franceschini

überlegten, daß man, wenn Pompilia kein eheliches Kind sei, die Ehe

nichtig erklären und so den guten Ruf der Familie wieder herstellen könne.

Die Rechtskundigen, die sie darüber befragten, waren aber verschiedener

Meinung und so trauten sich die Franceschini nicht an einen so

zweifelhaften Prozeß. Was sie erreichten, war die Anerkennung von

Pompilias ehelicher Geburt und damit die rechtsgültige Erbschaft der

Anleihescheine. Dagegen appellierte Pietro beim päpstlichen Gericht und

erreichte, daß die Franceschini wohl nur die Ausgaben jener Übertragung,

nicht aber die Nutznießung des Fideikommisses zugesprochen bekamen.

Aller Haß der Franceschini wandte sich auf die unglückliche Pompilia, die

in Arezzo zurückgeblieben war. Von den eigenen Eltern als Kind verleugnet,

wurde sie von ihrem Gatten täglich mit dem Tode bedroht. Die

sechzehnjährige Pompilia ertrug alle Grausamkeit, wie sie vermochte; als

sie aber keinen Ausweg mehr sah, wandte sie sich an den Statthalter von

Arezzo, aber ohne Erfolg. Nun warf sie sich dem Bischof zu Füßen, und

dieser ließ den Guido rufen und mahnte ihn zu Versöhnlichkeit. Aber diese

öffentliche Beschwerde brachte ihn ganz außer sich, und er drohte seinem

Weibe, es zu töten, wenn sie es nochmals wagen sollte, sich zu beklagen.

Da es aber in nichts besser wurde, wandte sich Pompilia an einen Schwager

ihres Mannes, den Canonicus Conti, der ihren Jammer kannte, und bat ihn,

ihr das Leben zu retten. Der Canonicus sah das Heil nur in der Flucht aus

dem Hause; da er sich aber nicht die Feindschaft seiner Sippe aufladen

wollte, empfahl er Pompilia, sich an den Canonicus Caponzachi zu wenden,

einen Freund und entfernten Verwandten der Franceschini, einen

rechtschaffenen und erprobten Mann. Dieser hatte nun erst Bedenken, eine

Frau ihrem Manne zu entführen, wenn auch nur zu ihren Eltern, aber

schließlich gewann ihn doch das Mitleid und er versprach seine Hilfe. Als

diese nicht rasch genug kam, schrieb Pompilia an ihn, leidenschaftlich und

schmeichelnd, doch nie derartiges, daß man daraus eine Verletzung ihres

ehelichen Treugelöbnisses hätte lesen können, wie die erhaltenen Briefe

zeigen. In einem dieser Briefe lobt sie des Caponzachis Bescheidenheit, in

einem andern beschwert sie sich über einige frivole Gedichte, die er ihr

geschickt habe und bittet ihn, ihr seinen Edelmut rein zu erhalten.

Am verabredeten Tage der Flucht bestiegen der Canonicus und Pompilia den

Reisewagen und erreichten in raschester Fahrt am frühen Morgen des andern

Tags Castelnuovo; da hier der Wirt ihnen nur ein Bett bieten konnte,

verbrachte Pompilia die Rast auf einem Lehnstuhl, während der Canonicus im

Stall zum Kutscher ging.

Kurz nach der Flucht entdeckte Guido das leere Bett und den offenen

Schrank, in dem eine darin verwahrte Geldsumme fehlte. Zu Pferde eilte er

den Flüchtigen auf der Straße nach Rom nach. Er traf eine Stunde nach

ihrer Ankunft in jener Herberge ein, stieß auf Caponzachi, der ihn einen

Schurken und Tyrannen nannte. Guido war sehr überrascht, den Canonicus bei

seiner Frau zu treffen, und er verlor allen Mut so sehr, daß er wieder

nach Hause ritt. Hier angekommen verklagte er seine Frau wegen Flucht und

Ehebruch, womit er seine Mitgift gewonnen zu haben glaubte. Sein Bruder,

der Abbate Paolo, erhob Beschwerde beim Papste Innozenz XII. und beim

Gouverneur von Rom, dieser möge den Canonicus Caponzachi als Entführer und

Ehebrecher erklären und seinem Bruder die Mitgift zusprechen.

Der mit aller Strenge geführte Prozeß ergab aber nichts gegen das Paar,

außer dem Briefwechsel vor der Flucht, diese selber und die Aussage des

Kutschers, der erklärte, er hätte beim Umsehen des öftern die beiden Wange

an Wange liegend im Wagen gesehen. Aber es möchte dessen Ursache die

schlechte Straße gewesen sein. Endlich verfügte das Gericht die Verbannung

des Canonicus für Jahre nach Civitavechia wegen Begünstigung der Flucht,

wenn auch in guter Absicht. Pompilia wurde mit Zustimmung der

Franceschinis in loco carceris nach dem Kloster delle Scalette an der

Lungara gebracht, wo Guido ihren Unterhalt zu bestreiten hatte. Da sie

aber ihrer Schwangerschaft wegen nicht länger an diesem Orte bleiben

konnte, verfügte der Gouverneur ihre Übersiedlung in das elterliche Haus,

womit auch der Unterhalt durch den Gatten sein Ende fand.

Des Geredes über diese Sache war in Rom so viel, daß der Abbate Paolo

seine Stelle beim Malteserorden verlor. Worauf er sich entschloß, Rom zu

verlassen und in ein Land zu gehen, wohin kein Gerücht von der Unehre, die

ihn betroffen, gedrungen sein konnte. Er hinterließ Guido die Pflicht, die

Ehre des Hauses wieder herzustellen.

Pompilia gebar einen Sohn, der den Namen Moschio erhielt und von den

Comparinis zur Pflege außer Haus gegeben wurde. Alle Welt hoffte, Guido

würde nun zur Besinnung kommen und sich mit seinem Weibe versöhnen; aber

Guido hatte ganz andere Gedanken: er wollte seine Ehre mit dem Blute aller

Contarinis reinwaschen.

Einem Feldarbeiter, einem Menschen niedern Wandels, vertraute er seine

Schmach und seinen Racheplan an, und der Mensch erbot sich, mit Hilfe von

vier, fünf sichern Leuten den Racheplan auszuführen. Zu fünft begaben sie

sich verkleidet nach Rom und klopften des Nachts um zwei bei den

Comparinis an. Einer rief, er habe einen Brief Caponzachis zu bestellen,

aber die Frauen hatten Angst und rieten Pietro, nicht zu öffnen. Der aber,

auf den Brief neugierig, öffnete die Tür und Guido stürzte mit zweien

seiner Leute herein, während die andern zwei draußen Wache standen. Er

stieß dem Alten das Messer in den Leib, so daß er ohne einen Laut hinfiel

und starb. Hierauf ermorderte er Violante und die unglückliche Pompilia

mit vielen Messerstichen und Fußtritten. Einem seiner Leute befahl er,

nachzusehen, ob die Frauen tot seien; der zog sie an den Haaren hoch, ließ

sie hinfallen und sagte, sie seien tot. Er zahlte ihnen dann den Lohn aus

und wollte sich von ihnen trennen; dies aber ließen die vier Gesellen

nicht zu, aus Angst, und so gingen sie alle miteinander zu Fuß die Straße

nach Arezzo zu.

Guido und Violante waren tot, aber Pompilia lebte noch, trotzdem sie die

meisten Messerstiche bekommen hatte. Nun rief sie um Hilfe, so daß die

Nachbarn herbeieilten. Mit großer Standhaftigkeit ertrug sie ihre schwere

Verwundung, beklagte auch nicht ihren Gatten, sondern bat den Himmel, daß

er ihm seine Tat vergebe, und starb eines seligen Todes, bis zuletzt ihre

Unschuld beteuernd.

In einer Hütte nahe Rom wurden die Mörder aufgegriffen. Guido gestand erst

beim Anblick der Folter, rechtfertigte seine Tat aber als seiner Ehre

wegen getan. Seine Mitschuldigen wurden an den Galgen geknüpft; er selber

wurde geköpft.

Die Äbtissin von Castro · 第 41 / 51 题