KÖNIGIN CHRISTINE

Die Königin Christine hatte Jahre in Rom gelebt und entschloß sich, einer

Einladung Ludwigs XIV. zu folgen und nach Frankreich zu reisen. Mit einem

großen Gefolge von Kavalieren und Pagen verließ sie Rom. Der König hatte

für seinen erlauchten Gast einen prunkvollen Palast richten lassen und dem

Gefolge ein Kavalierhaus angewiesen. In diesem Gefolge befanden sich zwei

Herren, die sie mit ihrer besonderen Gunst auszeichnete; Tag und Nacht

waren der Marchese Monaldeschi und der Marchese Santinelli um sie, der

erste ein witziger Poet in der modischen Art der Marini, der den

königlichen Hof zum großen Ergötzen seiner Herrin in scharfen Satiren

durchhechelte. Dies führte dazu, daß ihn die Königin zu ihrem geheimen

Vertrauten machte. Darüber fühlte sich Santinelli zurückgesetzt, wenn auch

die Königin alles tat, ihn huldvoll zu behandeln. Monaldeschi merkte die

Eifersucht seines Nebenbuhlers um die Gunst und wollte sich diese allein

erhalten; also ließ er am Hofe Briefe mit verstellter Hand verbreiten, in

denen sehr vertrauliche Mitteilungen der Königin an Santinelli und was sie

miteinander taten, auf das respektloseste erzählt wurden. Diese Briefe

kamen auch in Santinellis Hände, und er erkannte die verstellte

Handschrift. Er beschloß die Vernichtung seines Gegners. Er brachte, mit

der Königin einmal im Garten lustwandelnd, das Gespräch auf jene Briefe,

über die man sich bei Hofe sehr skandalisierte. Die Königin verlangte die

Briefe zu lesen; doch schwieg sie dazu und bat Santinelli nun, nicht

weiter darüber zu sprechen. Ein neuer Brief, in anderer Hand, aber

gleichem Stile, teilte weiteres von den Beziehungen der Königin zu

Santinelli mit. Die Königin wollte nun die verdiente Strafe für den

Briefschreiber nicht länger hinausschieben, aber sie lebte in Frankreich,

wo die Gesetze jede Gewalttat strenge ahnden. Die Gesetze waren erst vor

kurzem vom Kardinal Richelieu erlassen worden, um den zahlreichen

Bluttaten zu steuern. Der König hatte ihre geringste Verletzung mit dem

Tode bestraft, auch wenn es Mitglieder seines Hauses waren, die sich

solches zuschulden kommen ließen. Durch eine Ermordung des Monaldeschi

hatte die Königin den Zorn des Königs zu fürchten; doch war ihre Ehre

allzu sehr beleidigt und solches allgemein bekannt geworden.

Eines Tages legte die Königin dem Monaldeschi einen mit verstellter Hand

geschriebenen Brief vor, er möge ihn lesen.

"Wer ihn wohl geschrieben haben mag," sagte sie, "ich kenne die

Handschrift nicht."

Und als Monaldeschi schwieg, sagte sie: "Welche Strafe verdient wohl der

Schreiber solcher Böswilligkeiten?"

"Sicher den Tod," sagte der Marchese, "den Tod, den ihm Eure Majestät

wählen."

"Den Tod, meint Ihr? Ich werde mich Eures Urteils erinnern. Denkt daran."

Die Furcht, in die Monaldeschi nach dieser Unterredung geriet, ließ ihn zu

Santinelli gehen, von dem er wußte, daß er einige ähnliche Schreiben

verwahre; er wollte von ihm erfahren, ob die Königin auf ihn einen

Verdacht geworfen habe. Doch Santinelli beruhigte ihn derart, daß

Monaldeschi ahnungslos in den Tod ging.

Die Königin ließ eines Tages einen Edelmann ihrer Leibwache kommen und gab

ihm den Auftrag, am nächsten Morgen in einem entlegenen Zimmer den

Marchese Monaldeschi heimlich und ohne Lärm mit einem Degenstoß ins Herz

beiseite zu schaffen. Auch einen Mönch ließ sie sich bereithalten, den

Marchese auf sein Ende vorzubereiten. Der Mönch bat die Königin, ihm

solchen schweren Auftrag zu erlassen, da ihm sonst die Ungnade des Königs

sicher sei. Doch sie gab ihm ihr Wort, daß er nichts zu befürchten habe,

und versprach ihm eine Belohnung.

Andern Morgens ließ sie Monaldeschi in den Garten rufen; sie zeigte ihm

wieder einen Brief und neben diesen hielt sie seine Handschrift: er konnte

nicht mehr leugnen. Er fiel der Königin zu Füßen und bat um Gnade. Die

Königin sagte: "Was Euer Seelenheil anbetrifft, so habe ich Euch der Huld

Gottes empfohlen; was mich betrifft, so verzeih ich Euch. Ihr habt in

Eurer Sache selbst gerichtet. Euer Urteil soll vollstreckt werden." Damit

verließ sie ihn. Zwei Leute hielten den Marchese fest, der ihr

nachspringen wollte, und führten ihn in ein abgelegenes Gartenzimmer, wo

er, wie sie ihm sagten, gefangen bleiben sollte. Da traf er den Mönch, der

ihm auf Befehl der Königin das Urteil verkündete.

Auf Ansuchen des Marchese begab sich der Mönch zur Königin und bat um das

Leben; aber die rachsüchtige Frau bestand auf seinem sofortigen Tode. So

bat der Mönch den Marchese, sich zum Tode vorzubereiten und seine Sünden

zu beichten, zumal die Henker schon warteten. Aber der Marchese

verweigerte die Beichte, in ungeheurer Wut durch das Gemach stampfend. Da

überfielen ihn jene beiden; und der eine stach nach ihm mit dem Degen;

doch glitt er am Wamse ab. Ein zweiter Stich, den er abwehren wollte,

durchbohrte ihm die Hand und verletzte ihn am Kopfe. Jetzt erst, aus zwei

Wunden blutend, verlangte er zu beichten, was die beiden Mörder nur auf

Bitten des Mönchs gewährten, der nicht mehr wußte, in welcher Welt er

lebte. Nach der Absolution wollte Monaldeschi sein Wams ablegen, um einem

Stoß ins Herz freien Weg zu geben; aber als er sein Kleid auszog, drangen

ihm zwei Degen durch den Hals, daß er aufstöhnend verschied. 'Herr Jesus'

war sein letztes Wort. Den Leichnam schnürte man in eine Decke und vergrub

ihn gar kläglich neben einer nahen Kirche, rasch, damit man von dem Tode

nichts erführe. Aber es kam doch dem König zu Ohren, der genaues wissen

wollte. Er war nah daran, die Königin aus dem Reiche zu verweisen. Er ließ

den toten Marchese ausgraben und mit allem Pomp beisetzen, auf daß jeder

von der grausamen Tat der blutdürstigen Frau erfahre. Hatte der König vor

jener Tat die Königin mit seinem Besuche beehrt, so brach er nun jeden

Verkehr mit ihr ab; worin sie eine Beleidigung sah und abreisen wollte.

Sie wollte das, um ihre Mißachtung gegen den König damit auszudrücken,

ohne jede Förmlichkeit tun; aber der König, der den Tag ihrer Abreise

erfahren hatte, besuchte sie und verabschiedete sich kurz von ihr.

Soldaten eskortierten sie ein paar Meilen weit; es sah wie eine Ehrung

aus, aber es geschah zu ihrer Bestrafung, denn die Soldaten begleiteten

sie wie eine Gefangene.

Die Äbtissin von Castro · 第 42 / 51 题