Die beiden Brüder Missori erfreuten sich der Gunst des Marchese del Monte,
Ministers der Königin Christine von Schweden. Sie trieben was sie wollten
in jenem Stadtviertel Roms, das die Königin während ihres Aufenthaltes in
der Stadt bewohnte. Christine setzte alles Vertrauen in die Brüder und war
gegen ihre Taten um so nachsichtiger als sie sich mit der Absicht trug,
aus dem von ihr bewohnten Viertel eine Freistätte zu machen. Solcherart
hatten die Gerichtsbeamten keinen Zutritt in dieses Viertel und die immer
es versuchten, wurden umgebracht und in den Tiber geworfen. Hier in diesem
Viertel fanden zumal alle Frauen, die aus irgendwelchen Gründen ihre
Männer verlassen hatten, Zuflucht.
Dies währte Jahre, und die Königin zog sich die allgemeine Verachtung zu,
da sie sich auf jene Mordbuben stützte, und vergeblich ließ der Papst sie
durch mehrere Kardinäle ersuchen, die Verbrecher zu bestrafen; sie
verharrte nur um so stärker auf ihren verbrieften Rechten eigener
Jurisdiktion, als schlimme Ratgeber ihr einredeten, die Kardinäle wollten
sie um ihre Herrschaft bringen.
Der Papst sagte immer nur: "Der höchste Richter wird hier Abhilfe
schaffen", und er begünstigte mit dieser Schwäche das schändliche Treiben
der beiden Brüder, die selbst davor nicht zurückschreckten, Kindern Gewalt
anzutun. Täglich kamen neue Klagen, und so mußte der Papst doch dem
Gouverneur den Befehl geben, sich der Brüder Missori zu bemächtigen; aber
es war ihm dieses nicht gestattet, da sie den Titel "Garde der Königin"
führten. Man mußte daher danach trachten, sie außerhalb des Bannkreises
von Christinens Macht zu fangen.
Als dieses die Missori erfuhren, verließen sie das Viertel nicht mehr.
Spione wurden von den Bravi der Königin erkannt, zu Tode geprügelt,
erschossen oder in den Tiber geworfen. Der Marchese vermehrte die Wachen
des Viertels um fünfundzwanzig Mann. Die Verbrechen nahmen Tag für Tag zu.
Nun gelang es einem der Königin wie dem Gouverneur befreundeten Kardinal,
die Majestät mit guten Gründen zu veranlassen, daß die Brüder Missori den
Kirchenstaat verließen, was sie auch taten. Nicolo wollte sich nach Neapel
wenden, während Bernardino dem Großherzogtum Toskana den Vorzug gab,
dessen Herr der Königin befreundet war.
Der Papst erhielt sofort Nachricht von dem Aufenthalte der Brüder und
schickte gleich einen Kurier an den Großherzog mit einem Schreiben, worin
er bat, zwei junge Leute auszuliefern, die von Rom nach Toskana gereist
wären. Cosimo III. wußte nicht, daß sich die Brüder der Gunst der Königin
erfreuten und ließ die Brüder in Livorno verhaften, von wo sie unter
Bedeckung nach Rom gebracht und in der Engelsburg eingekerkert wurden.
Erst dann erhielt Cosimo die Briefe der Königin, worauf er ihr schrieb,
daß es ihm leid täte und wie es der Papst angestellt hätte, die Brüder in
seine Hand zu bekommen.
Die Brüder waren getrennt untergebracht und mit schweren Fußeisen
gefesselt. Bei ihrem ersten Verhör leugneten sie, Missori zu heißen und
Brüder zu sein, aber zahlreiche Zeugen erkannten sie. Die Königin bemühte
sich ohne Erfolg um ihre Freilassung; in eigner Person begab sie sich nach
dem Monte Cavallo zum Staatssekretär, wurde aber nicht vorgelassen. Der
Papst war für den Tod der Brüder, sowie sie als die Missori erkannt wären,
auch ohne ihr eigenes Geständnis, causis nobis notis, wie er hinzusetzte.
Bernardino sah sich, zurückgeführt in seine Zelle, schon dem Tode
verfallen; er schrie nach dem Kerkermeister. "Warum", schrie er, "hat man
mir den Bart geschoren, mich in Eisen gelegt? Soll ich sterben? Laßt mich
nicht in Ungewißheit." Aber der Kerkermeister sagte, dies seien nur
rechtmäßige Prozeduren und keine Vorbereitungen zur Hinrichtung. Davon
gewann Bernardino einige Beruhigung, die aber wieder schwand, als man das
Fenster seiner Zelle vermauerte.
Viele hatten schon die Brüder erkannt, als ein Edler von San Stefano, der
sie sehr gut zu kennen behauptete, erklärte, er könne die beiden jungen
Leute, die man ihm hier vorführe, nicht als die Missori erkennen. Aber es
half dieses nichts, denn der Papst hatte das Todesurteil unterzeichnet,
und am 14. Januar 1685 begab sich der Marchese Strozzi nach der
Engelsburg, um sich mit dem Kommandanten Massimi über die Vorbereitungen
zur Hinrichtung zu verständigen. Als man Nicolo das Abendbrot brachte,
fragte er: "Wer ist heute nach der Engelsburg gekommen?" Man sagte ihm,
daß es nichts Neues gebe. Aber er war voll Angst und aß nichts.
Bernardino fragte, ob die Folterinstrumente in der Engelsburg seien. Der
Leutnant Marzio antwortete, er sei zwanzig Jahre in der Festung und wisse
nichts von solchen Werkzeugen. Bernardino bat um Tabak.
Am Tage, da man sie zur Richtstätte führte, den 15. Januar des Jahres, war
der Platz vor der Engelsbrücke dicht besetzt von Sbirren, da man einen
Rettungsversuch der Königin befürchtete. Deshalb waren die Kanonen auch
nach dem Platz gerichtet und mit Kartätschen geladen. Auch war der Befehl
gegeben, bei dem geringsten Zeichen von Unruhe zu feuern.
Die Missori kamen, der ältere voran. Er war mit seinen sechsundzwanzig
Jahren ein Mensch von hohem Wuchs und schönem Ansehn. Seine Haare und
Augen waren schwarz und die Farbe seiner Haut olivengrün. Sein Bruder, der
ihm festen Schrittes folgte, war um drei Jahre jünger, hatte
kastanienfarbnes Haar und einen rötlichen Bart, eine weiße Haut und
lebhafte Augen. Beide trugen hirschfarbene Wamse, hellseidne Strumpfhosen
und weiße Schuhe; ein grauer Mantel mit pfaufarbnem Futter fiel ihnen bis
auf die Füße. Als Bernardino unter der Menge einen Freund erkannte, rief
er: "Lieber Freund, wie siehst du mich wieder! Ich empfehle dir meine
Seele, die bald ihrem Körper entfliehen wird!" Der also Angerufene fiel
bei diesen Worten in Ohnmacht und kam erst wieder zu sich, als die beiden
schon tot waren.
Sie hatten seit dem Morgen des vorigen Tages nichts gegessen. Bei der
Kapelle an der Engelsbrücke bot man ihnen Nahrung. Bernardino wies sie ab,
aber Nicolo nahm aus Gehorsam einen in Wein getauchten Zwieback. Er ging
als erster in den Tod. Bernardino fiel in Ohnmacht, als er seinen
geliebten Bruder verscheiden sah. Man brachte ihn rasch wieder zu sich. Er
legte mit größter Ruhe sein Haupt selber auf den Block. Als der Kopf fiel,
donnerte ein Kanonenschuß, wie zuvor bei der Hinrichtung Nicolos. Diese
Schüsse waren eine besondere Gnade des Papstes, der während der
Hinrichtung in seinem Schlafgemach auf den Knien zu Gott um das Seelenheil
der Hingerichteten betete. Bei jedem Kanonenschuß sandte er dem
Verschiedenen den Segen in articulo mortis nach.