DIE FARNESE

Es geben einige Schriftsteller der Familie Farnese einen uralten Adel,

aber, ohne damit die großen Talente ihrer vorzüglichsten Glieder zu

leugnen, muß gesagt werden, daß wahrhafter Ursprung der Größe dieser

Familie kein andrer war als die Anmut und Schönheit ihrer Ahnin, der

Vanozza Farnese.

Ranuccio Farnese, ein römischer Edelmann von mäßigem Vermögen, hatte drei

Kinder: Pier Luigi, Giulia und Vanozza. Pier Luigi und Giulia heirateten;

der erstere hatten einen Sohn, Alexander, der eines Tages die Tiara tragen

sollte.

Was Vanozza betrifft, so verführte sie durch ihre ungewöhnliche Schönheit

den Roderigo Lenzuoli, durch seine Mutter Neffe Calixtus III. aus der

Familie der Borgia, der ihm im Jahre 1456 den Purpur verschaffte und ihm

die Würde des Vizekanzlers mit einigen tausend Talern Einkünften und

sonstigen Benefizien erteilte, wodurch er einer der reichsten Kardinäle

wurde.

Vanozza wurde die Geliebte dieses Roderigo und hatte einige Kinder von

ihm, die, wie der berühmte Cesare Borgia, mit großem Aufwande erzogen

wurden, als ob sie zu den mächtigsten Fürstengeschlechtern gehörten.

Alexander, ein Sohn jenes Pier Luigi, den seine Tante Vanozza sehr

protegierte, trat trotz seiner sehr leichten Sitten in den Dienst des

Kardinals Roderigo und war noch nicht zwanzig Jahre alt. Dieser Alexander

war in Liebeshändeln höchst verwegen, hatte manche Dolchstiche ausgeteilt

und empfangen und fürchtete nichts sonst als die Unerbittlichkeit des sehr

gerechten Papstes Innozenz VIII., der von 1484 bis 1491 regierte, und vor

dem sein Treiben durchaus geheim gehalten werden mußte. Alexander zählte

dreißig Jahre, als er ein Abenteuer bestand, ob dessentwillen ihn die

Frommen noch mehr haßten, aber jene, die ihn verehrten, noch mehr liebten.

Er ritt eines Tages durch die Campagna und machte zwei Miglien vor Rom

halt, um Ausgrabungen zu besichtigen, die er hier von einigen Bauern aus

Aquila ausführen ließ. Da kam an der Stelle eine junge Frau aus edlem

römischen Geschlecht vorbei, die in ihrem Wagen nach Tivoli fuhr und von

drei Bewaffneten begleitet war. Alexander war von der Schönheit der Dame

so betroffen, daß er unverzüglich die Bewaffneten anfiel und dem Kutscher

zuschrie: "Halt! Das sind meine Pferde! Ihr habt sie gestohlen!"

Alexander war gut bewaffnet, aber seine beiden Diener hatten nur ganz

kurze Schwerter und nahmen gleich Reißaus. Alexanders Leben war in Gefahr.

"Herbei, tapfere Aquilaner!" schrie er, und die Leute verließen ihre

Arbeit in dem Augenblick, da er von den Bewaffneten umringt war. Was

Alexander so wütend machte, war nicht seine persönliche Gefahr, sondern

daß der Kutscher nun seine Pferde antrieb und davonfuhr im Galopp. "Dem

Wagen nach!" schrie Alexander zweien von den Aquilanern zu, "und tötet

eins der Pferde!"

Zum Glücke für Alexander wurde dieser Befehl von allen vernommen. Zwei

liefen dem Wagen nach und die andren schlugen mit Harken, ihren einzigen

Waffen, auf die Begleitmannschaft ein, die das Leben des jungen Farnese

bedrohte. Er stach einen der Leute nieder, zwei andre fielen vom Pferde

und liefen davon. Alexander hatte ein paar leichte Wunden erhalten; das

hinderte ihn aber nicht, hinter dem Wagen mit der Dame herzurennen. Sie

war in Ohnmacht gefallen und er ließ den Wagen querfeldein nach einer

kleinen Villa zu fahren, die ihm gehörte, etwa zwei Miglien von Palestrina

entfernt. Hier verlebte er einen glückseligen Monat. Niemand in Rom außer

dem Kardinal Roderigo wußte um seinen Aufenthalt.

Am Tage jenes Verbrechens war Alexander so klug gewesen, jedem der

Aquilaner sechs Zechinen zu geben und ihnen zu befehlen, sofort über

Tivoli und Rio Freddo in das Königreich Neapel zu verschwinden, was auch

getreulich ausgeführt wurde, so daß das Verbrechen ziemlich lange

unentdeckt blieb. Aber schließlich kam es doch dem Papste zu Ohren. Der

Kardinal wollte nicht als der Schuldige an der Entführung gelten, denn er

hatte sich erst kurz vorher einer ähnlichen Untat schuldig gemacht. So

wurde Alexander trotz aller Mühe, die sich Vanozza für ihren Neffen gab,

in die Engelsburg gesperrt. Der Gouverneur von Rom ließ alle Diener

Alexanders einsperren, aber erst auf der Folter redeten sie, und so erfuhr

er auch von den Aquilanern. Er ließ sie von Sbirren betrunken machen und

über die nahe Grenze locken; hier wurden sie gefaßt und verhört. Erst nach

Monaten war die Untersuchung abgeschlossen, und es drohte Alexander

schwere Gefahr. Da gelang es dem Kardinal Roderigo und Pietro Marzano,

einem Verwandten der Farnese, Alexander ein Seil zukommen zu lassen. Und

er war kühn genug, sich von der Höhe der Engelsburg, wo er gefangen war,

bis in die Gräben hinunterzulassen. Das Seil war an 300 Fuß lang und von

großem Gewicht.

Nach dem Tode Innozenz VIII. wurde der Kardinal Roderigo unter dem Namen

Alexander VI. Papst. Damit gelangte Vanozza zu höchster Macht und sie

erreichte es, daß Alexander begnadigt und zum Kardinal gemacht wurde. Er

lebte sein wildes Leben weiter wie zuvor und bis zu dem Tage, da er sich

in ein adeliges Mädchen namens Celia verliebte, die er als seine Frau

behandelte und von der er einige Kinder hatte.

Nach dem Tode Clemens VII. wurde Alexander unter dem Namen Paul III.

Papst.

Die Äbtissin von Castro · 第 37 / 51 题