Am Morgen nach dem Kampf fanden die Nonnen zu ihrem Entsetzen neun Leichen
in ihrem Garten und in dem Gang, der vom äußeren Tor zu dem mit den
Eisenriegeln führte; acht ihrer Bravi waren verwundet. Niemals hatte es
eine solche Angst im Kloster gegeben; man hatte wohl öfters Flintenschüsse
vom Platze her gehört, aber nie solche Menge von Schüssen, noch dazu im
Garten, inmitten der Gebäude und unter den Fenstern der Nonnen. Das hatte
gut anderthalb Stunden gedauert und während dieser Zeit herrschte die
allergrößte Kopflosigkeit im Innern des Klosters. Wäre Giulio Branciforte
nur ein wenig im Einverständnis mit einer der Nonnen oder der
Pensionärinnen gewesen, wäre es ihm geglückt: es hätte genügt, daß man ihm
eine der zahlreichen, in den Garten führenden Türen geöffnet hätte; aber
ganz außer sich vor Entrüstung und voll Wut über das, was er den Meineid
der jungen Helena nannte, wollte er alles durch eigne Kraft erreichen. Es
ging gegen seinen Stolz, sein Vorhaben irgend jemandem anzuvertrauen.
Indessen hätte ein einziges Wort an die kleine Marietta den Erfolg
verbürgt: sie hätte eine der Türen, die zum Garten führten, geöffnet
und -- unterstützt durch die schreckliche Begleitung der Flintenschüsse
von draußen -- hätte auch ein einziger Mann der in den Schlafsälen
erschien, sich unbedingten Gehorsam verschafft. Vom ersten Schuß an hatte
Helena für das Leben ihres Geliebten gezittert und an nichts andres
gedacht, als mit ihm zu fliehen.
Wie soll man ihre Verzweiflung schildern, als die kleine Marietta ihr die
entsetzliche Verwundung beschrieb, die Giulio am Knie erhalten hatte und
aus der sie das Blut hatte in Strömen fließen sehen? Helena verabscheute
jetzt ihre Feigheit und Zaghaftigkeit: "Ich habe die Schwäche gehabt,
meiner Mutter ein Wort zu sagen und Giulios Blut ist geflossen, er konnte
bei diesem bewundernswerten Angriff, wo sein Mut vor nichts
zurückschreckte, sein Leben lassen."
Die Bravi wurden ins Sprechzimmer zugelassen und berichteten den lüstern
zuhörenden Nonnen, daß sie nie in ihrem Leben Zeugen einer Tapferkeit
gewesen seien, die sich mit der des jungen, als Kurier verkleideten
Mannes, der die Angriffe der Briganten leitete, vergleichen ließe. Wenn
diesen Erzählungen schon von allen mit dem größten Interesse zugehört
wurde, kann man sich vorstellen, mit welch äußerster Leidenschaft Helena
die Bravi nach Einzelheiten über den jungen Anführer der Briganten
ausfragte. Nach den ausführlichen Schilderungen, die sie sich von ihnen
und von den alten Gärtnern geben ließ, die ganz unparteiische Zeugen
waren, schien es ihr, daß sie ihre Mutter nicht im geringsten mehr liebte.
Es gab sogar eine erregte Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen,
die sich am Vorabend des Kampfes so zärtlich geliebt hatten. Signora
Campireali war gereizt durch die Blutflecken auf einem gewissen
Blumenstrauß, von dem Helena sich nicht einen Augenblick mehr trennen
wollte.
"Man soll diese blutbefleckten Blumen fortwerfen."
"Ich war es, die dieses edle Blut vergossen hat und es ist geschehen, weil
ich die Schwäche hatte, Euch ein Wort zu sagen."
"Ihr liebt also noch den Mörder Eures Bruders?"
"Ich liebe meinen Gatten, der zu meinem ewigen Unheil von meinem Bruder
angegriffen worden ist."
Nach dieser Bemerkung wurde während der drei Tage, welche Signora von
Campireali noch im Kloster zubrachte, kein einziges Wort mehr zwischen
Mutter und Tochter gewechselt.
Am Morgen nach ihrer Abreise gelang es Helena, zu entkommen, indem sie die
Verwirrung benützte, die an beiden Klostertoren durch die Anwesenheit
zahlreicher Maurer herrschte, welche im Garten neue Befestigungen
aufführen sollten. Die kleine Marietta und sie hatten sich als Arbeiter
verkleidet. Aber die Bürger hielten an den Toren der Stadt strenge Wacht
und Helene war in großer Verlegenheit, wie sie durchkommen solle. Endlich
war der kleine Krämer, der ihr schon die Briefe Brancifortes übermittelt
hatte, einverstanden, sie als seine Tochter auszugeben und bis Albano zu
begleiten. Helena fand dort ein Versteck bei ihrer alten Amme, der es ihre
Wohltaten ermöglicht hatten, einen kleinen Laden zu halten. Kaum
angelangt, schrieb sie an Branciforte, und die Amme fand, nicht ohne
Schwierigkeit, einen Mann, der es wagen wollte, in den Wald von La
Faggiola einzudringen, ohne das Losungswort der Leute des Colonna zu
wissen.
Nach drei Tagen kam der von Helena abgesandte Bote ganz verstört zurück;
erst war es ihm unmöglich gewesen, Branciforte zu finden und seine
unaufhörlichen Fragen nach dem jungen Hauptmann hatten ihn verdächtig
gemacht, so daß er schließlich gezwungen war, zu flüchten.
'Man kann nicht zweifeln, der arme Giulio ist tot,' sagte sich Helena,
'und ich bin es, die ihn getötet hat! Das mußte die Folge meiner elenden
Schwäche und meiner Zaghaftigkeit werden; er hätte eine starke Frau lieben
sollen, die Tochter irgendeines Hauptmanns des Fürsten Colonna ...'
Die Amme glaubte, daß Helena sterben würde. Sie stieg zum Kapuzinerkloster
hinauf, das bei dem in die Felsen gehauenen Weg, wo einstens mitten in der
Nacht Fabio und sein Vater den beiden Liebenden begegnet waren, lag. Die
Amme sprach lange mit ihrem Beichtvater und unter dem Siegel der Beichte
gestand sie ihm, daß die junge Helena von Campireali sich mit Giulio
Branciforte, ihrem Gatten, vereinen wolle und daß sie geneigt wäre, dem
Kloster eine silberne Lampe im Wert von hundert spanischen Piastern zu
stiften.
"Hundert Piaster!" antwortete der Mönch gereizt. "Und was wird aus unsrem
Kloster, wenn wir den Haß des Signor von Campireali auf uns ziehen? Es
waren nicht hundert Piaster, sondern wohl tausend, ohne die Wachskerzen zu
rechnen, die er uns gegeben hat, um den Leichnam seines Sohnes vom
Schlachtfeld von Ciampi zurückzubringen."
Man muß zur Ehre des Klosters berichten, wie zwei betagte Mönche, welche
genau über die Lage der jungen Helena unterrichtet waren, nach Albano
hinabstiegen, um sie durch Zureden oder mit Gewalt zu veranlassen, in den
Palast ihrer Familie zurückzukehren; sie wußten, daß Signor von Campireali
sie dafür reich belohnen würde. Ganz Albano war von Gerede über die Flucht
Helenas und von der Erzählung der glänzenden Versprechungen erfüllt, die
ihre Mutter denen ausgesetzt hatte, die ihr Nachrichten über den
Aufenthalt der Tochter geben würden. Aber die beiden Mönche wurden von der
Verzweiflung Helenas, die Giulio Branciforte tot glaubte, so gerührt, daß
sie, weit davon entfernt, sie zu verraten und ihrer Mutter ihren
Zufluchtsort anzuzeigen, sich sogar bereit erklärten, sie bis zur Festung
La Petrella zu geleiten. Helena und Marietta begaben sich nachts, wieder
als Arbeiter verkleidet, zu Fuß an eine bestimmte Quelle im Wald von La
Faggiola, eine Stunde von Albano entfernt. Die Mönche hatten dorthin
Maultiere bringen lassen, und als der Tag anbrach, machte man sich auf den
Weg. Die Mönche, welche unter dem Schutz des Fürsten standen, wurden von
den Soldaten, denen sie im Wald begegneten, mit Respekt gegrüßt, aber
nicht so die beiden jungen Bürschchen, welche sie begleiteten: die
Soldaten betrachteten sie zuerst mit strengen Blicken und kamen auf sie
zu, dann brachen sie in Gelächter aus und machten den Mönchen Komplimente
wegen der Reize ihrer Maultiertreiber.
"Schweigt, Gottlose! und wißt, daß alles auf Befehl des Fürsten Colonna
geschieht", antworteten die Mönche im Weiterschreiten.
Aber die arme Helena hatte Unglück; der Fürst war von La Petrella
abwesend, und als er ihr drei Tage später, nach seiner Rückkehr, endlich
eine Audienz gewährte, behandelte er sie sehr hart.
"Warum kommt Ihr hierher, Fräulein? Was bedeutet dieser unvorsichtige
Schritt? Euer Weibergeschwätz hat sieben der tapfersten Männer Italiens
ins Verderben gestürzt, und das wird Euch kein verständiger Mensch je
vergeben. Auf dieser Welt muß man wollen oder nicht wollen. Ohne Zweifel
ist es neuen Klatschereien zu danken, daß Giulio Branciforte der
Kirchenschändung angeklagt und verurteilt werden soll, zwei Stunden mit
glühenden Zangen gezwickt und dann wie ein Jude verbrannt zu werden, er,
einer der besten Christen, die ich kenne! Wie hätte man ohne Euer
schändliches Geschwätz diese schreckliche Lüge erfinden können, woher
wissen sollen, daß Giulio Branciforte am Tage des Klosterüberfalls in
Castro war? Alle meine Leute werden Euch sagen, daß man ihn gerade an
diesem Tage hier in La Petrella gesehen hat und daß ich ihn gegen Abend
nach Velletri schickte."
"Aber er lebt?" rief die junge Helena zum zehnten Mal, indem sie in Tränen
ausbrach. "Für Euch ist er tot," versetzte der Fürst, "Ihr werdet ihn
niemals wiedersehen. Ich rate Euch, in Euer Kloster in Castro
zurückzukehren und hütet Euch, von neuem zu schwatzen; binnen einer Stunde
werdet Ihr La Petrella verlassen haben. Vor allem erzählt niemandem, daß
Ihr mich gesehen habt, oder ich werde Euch zu strafen wissen."
Die arme Helena war tief betrübt über einen solchen Empfang von Seiten
jenes berühmten Fürsten Colonna, den Giulio so verehrte und den sie
liebte, weil er ihn liebte.
Was auch der Fürst Colonna daran auszusetzen fand, war dieser Schritt
Helenas doch nicht unklug gewesen. Wäre sie drei Tage früher nach La
Petrella gekommen, so hätte sie Giulio Branciforte hier gefunden; die
Wunde am Knie setzte ihn außerstand, selbst zu gehen, und der Fürst ließ
ihn nach dem großen Marktflecken Avezzano im Königreich Neapel
transportieren. Bei der ersten Nachricht des schrecklichen durch Signor
von Campireali erkauften Haftbefehls gegen Giulio Branciforte, der ihn als
Kirchenschänder und Klosterräuber erklärte, hatte der Fürst eingesehen,
daß er auf drei Viertel seiner Leute nicht würde zählen können, wenn es
sich darum handeln sollte, Branciforte zu schützen. Das war eine Sünde
gegen die Madonna, unter deren besonderem Schutz sich jeder der Briganten
fühlte. Wenn einer der barigelli aus Rom kühn genug gewesen wäre, Giulio
Branciforte mitten im Walde von La Faggiola zu verhaften, hätte es ihm
gelingen können.
Bei seiner Ankunft in Avezzano nannte sich Giulio Fontana, und die Leute,
die ihn trugen, waren verschwiegen. Nach La Petrella zurückgekehrt,
verkündeten sie traurig, daß Giulio auf der Reise gestorben sei, und von
diesem Augenblick an wußte jeder der Soldaten des Fürsten, daß ein
Dolchstich ins Herz dem sicher sei, der den verhängnisvollen Namen
aussprach.
Es war also vergeblich, daß Helena, nach Albano zurückgekehrt, Brief über
Brief schrieb und, um Branciforte Nachricht zukommen zu lassen, ihre
ganzen Zechinen ausgab. Die beiden alten Mönche, die ihre Freunde geworden
waren -- denn, sagt der florentinische Chronist, die wahre Schönheit
ermangelt nicht, selbst auf durch niedrigsten Egoismus und Heuchelei
verhärtete Herzen eine gewisse Herrschaft auszuüben --, die beiden Mönche,
sagten wir, teilten dem armen jungen Mädchen mit, daß jeder Versuch,
Branciforte auch nur ein Wort zukommen zu lassen, vergeblich sei: Colonna
hatte erklärt, daß er tot wäre und sicher würde Giulio nicht wieder in
dieser Welt erscheinen, ehe der Fürst es wollte. Die Amme Helenas kündigte
ihr weinend an, daß ihr[sic! statt: ihre] Mutter endlich ihren
Zufluchtsort entdeckt habe und daß die strengsten Befehle ergangen seien,
sie, und sei es mit Gewalt, in den Palast Campireali nach Albano zu
bringen. Helena begriff, daß ihre Gefangenschaft, wenn sie einmal in
diesem Palast war, grenzenlos streng durchgeführt werden könne und daß man
ihr jeden Verkehr mit der Außenwelt untersagen würde; dagegen genoß sie im
Kloster von Castro die gleiche Freiheit, Briefe zu empfangen und
abzusenden, wie alle Nonnen. Überdies, und das entschied ihr Schwanken,
war es der Garten dieses Klosters, wo Giulio sein Blut für sie vergossen
hatte; sie konnte den hölzernen Sessel der Pförtnerin wiedersehen, auf den
er sich einen Augenblick gesetzt hatte, um die Wunde an seinem Knie zu
beschauen, es war dort, wo er Marietta die blutbefleckten Blumen gegeben
hatte, die sie nicht mehr verließen. Also kehrte sie traurig in das
Kloster von Castro zurück, und man könnte ihre Geschichte hier beenden: es
wäre gut für sie und vielleicht auch für den Leser. Denn tatsächlich
werden wir dem langsamen Sinken einer edlen und reichen Seele zuschauen.
Kluge Maßnahmen und gesellschaftliche Lügen, die sie von nun an rings
umgaben, verdrängten die aufrichtigen Regungen lebhafter und natürlicher
Leidenschaft. Der römische Chronist schaltet hier eine Betrachtung ein,
die voll Naivetät ist: Weil sich eine Frau die Mühe gibt, eine schöne
Tochter zur Welt zu bringen, glaubt sie das Talent zu besitzen, ihr Leben
zu lenken; und weil sie ihr im Alter von sechs Jahren mit Grund sagte:
"Mein Fräulein, richtet Euren Kragen", glaubt sie, wenn diese Tochter
achtzehn und sie fünfzig Jahre alt ist, -- und diese Tochter ebensoviel
oder mehr Geist besitzt als die Mutter --, hingerissen von der Gewohnheit
des Herrschens noch immer das Recht zu haben, ihr Leben zu lenken, sei es
auch durch Betrug.
Wir werden sehen, daß Vittoria Carafa, die Mutter Helenas durch eine Reihe
geschickter und überaus klug kombinierter Mittel den grausamen Tod ihrer
so zärtlich geliebten Tochter herbeiführte, nachdem sie durch ihre
traurige Herrschsucht zwölf Jahre hindurch ihr Unglück gewesen war.
Bevor er starb, hatte Signor von Campireali noch die Freude, in Rom den
Richtspruch bekannt geben zu sehen, durch den Branciforte verurteilt ward,
zwei Stunden lang an den Kreuzungen der Hauptstraßen Roms mit glühenden
Zangen gezwickt und dann an langsamem Feuer verbrannt zu werden; seine
Asche sollte man danach in den Tiber werfen. Die Fresken, des Klosters
Santa Maria Novella in Florenz zeigen noch heute, wie man diese grausamen
Urteile gegen die Kirchenschänder vollstreckte. Gewöhnlich war dabei ein
großes Wachaufgebot nötig, um das empörte Volk zurückzuhalten, das sich an
Stelle der Henker setzen wollte. Jeder gebärdete sich, als wäre er der
vertraute Freund der Madonna. Signor Campireali hatte sich dieses Urteil
noch wenige Minuten vor seinem Tode vorlesen lassen und schenkte dem
Advokaten, welchem er es verdankte, seinen schönen, zwischen Albano und
dem Meer gelegenen Landsitz dafür. Dieser Advokat war nicht ohne
Verdienst, denn Branciforte war zu diesem gräßlichen Tod verurteilt
worden, obwohl sich kein Zeuge fand, der ihn unter der Verkleidung des
jungen, mit soviel Autorität die Bewegungen der Angreifer leitenden
Kuriers erkannt haben wollte. Die unerhörte Größe dieser Schenkung brachte
alle Intriganten Roms in Aufregung. Damals gab es bei Hof einen bekannten
Fratone, einen undurchsichtigen und zu allem fähigen Menschen, -- selbst
dazu, den Papst zu zwingen, ihm den Hut zu verleihen; er besorgte die
geschäftlichen Angelegenheiten des Fürsten Colonna und dieser gefährliche
Klient verschaffte ihm großes Ansehen. Als Signora Campireali ihre Tochter
nach Castro zurückgekehrt wußte, ließ sie diesen Fratone rufen.
"Euer Ehrwürden sollen glänzend belohnt werden, wenn Ihr einer höchst
einfachen Sache, die ich Euch erklären werde, zum guten Ausgang verhelfet.
In wenigen Tagen wird das Urteil, welches Giulio Branciforte zu einem
schrecklichen Tod verdammt, auch im Königreich Neapel bekannt gemacht und
vollstreckbar werden. Ich ersuche Euer Ehrwürden, diesen Brief des
Vize-Königs zu lesen, der weitläufig mit mir verwandt ist und mir diese
Neuigkeit zu melden geruht. In welchem Land kann Branciforte Zuflucht
suchen? Ich werde dem Fürsten fünfzigtausend Piaster mit der Bitte
übersenden, sie ganz oder zum Teil Giulio Branciforte unter der Bedingung
zu geben, daß er beim König von Spanien, meinem Herrn, Dienst gegen die
Rebellen von Flandern nimmt. Der Vize-König wird Branciforte ein
Hauptmannsdiplom geben, und damit das Urteil wegen Gotteslästerung,
welches wohl bald auch in Spanien vollstreckbar sein wird, ihn in seiner
Laufbahn nicht hindert, wird er sich Baron Lizzara nennen, nach einem
kleinen Gut, das mir in den Abruzzen gehört, dessen Besitz ich ihm durch
einen Scheinkauf verschaffen werde. Ich glaube, daß Euer Ehrwürden noch
nie eine Mutter so den Mörder ihres Sohns behandeln gesehen haben. Mit
fünfhundert Piastern hätten wir uns längst dieses hassenswerten Menschen
entledigen können: aber wir wollten uns nicht mit Colonna überwerfen. Habt
also die Güte, den Fürsten wissen zu lassen, daß meine Achtung vor seinen
Rechten mich sechzig- bis achtzigtausend Piaster kostet. Ich will nie
wieder von diesem Branciforte sprechen hören -- und vor allem versichert
dem Fürsten meine Ehrerbietung."
Der Fratone sagte, daß er in drei Tagen eine Wanderung in die Gegend von
Ostia machen werde, und Signora Campireali übergab ihm einen Ring im Wert
von tausend Piastern.
Einige Tage später erschien der Fratone wieder in Rom und sagte der
Signora Campireali, daß er ihren Vorschlag dem Fürsten nicht zur Kenntnis
gebracht hätte, aber daß der junge Branciforte sich binnen eines Monats
nach Barcelona einschiffen würde, wo sie ihm bei einem der Bankiers dieser
Stadt fünfzigtausend Piaster anweisen solle.
Giulio bereitete dem Fürsten große Schwierigkeit, denn trotz der Gefahr,
die er von nun ab in Italien lief, mochte sich der junge Verliebte nicht
entschließen, dieses Land zu verlassen. Vergebens ließ der Fürst
durchblicken, daß Signora Campireali sterben könne, vergebens versprach er
ihm, daß er in jedem Fall nach drei Jahren sein Vaterland wiedersehen
solle; Giulio vergoß Tränen, aber er stimmte nicht zu. Der Fürst war
genötigt, diese Abreise als persönlichen Dienst von ihm zu verlangen;
Giulio konnte dem Freund seines Vaters nichts abschlagen; aber vor allem
wollte er Helenas Wünsche wissen. Der Fürst geruhte, die Übermittlung
eines langen Briefes auf sich zu nehmen; ja er erlaubte Giulio, ihm einmal
im Monat aus Flandern zu schreiben. Endlich schiffte sich der verzweifelte
Liebhaber nach Barcelona ein. Alle seine Briefe wurden vom Fürsten, der
nicht wollte, daß Giulio jemals nach Italien zurückkehre, verbrannt. Wir
haben vergessen, zu sagen, daß der Fürst, obgleich seinem Wesen nichts
ferner lag als eitle Anmaßung, sich doch, um die Geldgeschichte glücklich
zu ordnen, zu der Äußerung verpflichtet glaubte, daß er es gewesen sei,
der es für angemessen hielt, dem einzigen Sohn eines der treuesten Diener
des Hauses Colonna ein kleines Vermögen von fünfzigtausend Piastern
zuzuwenden.
Die arme Helena wurde im Kloster von Castro als Fürstin behandelt. Der Tod
ihres Vaters hatte sie in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens
gesetzt und ein unermeßliches Erbteil kam noch hinzu. Als ihr Vater starb,
ließ sie jedem Einwohner von Castro und Umgebung, der erklärte, um Herrn
von Campireali Trauer tragen zu wollen, fünf Ellen schwarzen Tuchs
schenken. Es war noch in den ersten Tagen, als ihr von gänzlich
unbekannter Hand ein Brief Giulios zugestellt wurde. Es wäre schwierig,
die Entzückungen zu schildern, mit denen dieser Brief geöffnet wurde; und
nicht minder die tiefe Traurigkeit, die über sie kam, nachdem sie ihn
gelesen hatte. Und doch war es ohne Zweifel die Handschrift Giulios; sie
wurde mit der größten Aufmerksamkeit geprüft, der Brief sprach von Liebe;
aber welcher Liebe, großer Gott! Und doch hatte ihn Signora Campireali,
die so viel Geist besaß, verfaßt. Ihr Plan war: die Korrespondenz mit
sieben oder acht Briefen voll leidenschaftlicher Liebe einzuleiten; so
wollte sie auf die späteren vorbereiten, in denen diese Liebe nach und
nach erlöschen sollte.
Wir gehen rasch über zehn Jahre eines unglücklichen Lebens hinweg. Helena
glaubte sich völlig vergessen; trotzdem wies sie mit Hochmut die
Huldigungen der vornehmsten jungen Edelleute Roms zurück. Indessen, als
man ihr von dem jungen Ottavio Colonna sprach, dem ältesten Sohn des
berühmten Fabrizio, der sie einstens in La Petrella so schlecht empfangen
hatte, war sie einen Augenblick unentschieden. Es erschien ihr, wenn sie
nun einmal einen Gatten nehmen mußte, um ihrem Besitz im Kirchenstaat und
im Königreich Neapel einen Beschützer zu geben, als Linderung, den Namen
eines Mannes zu tragen, den Giulio einstmals geliebt hatte. Hätte sie
dieser Heirat zugestimmt, dann hätte Helena sehr bald die Wahrheit über
Giulio Branciforte erfahren. Der alte Fürst Fabrizio sprach oft und mit
Entzücken von der übermenschlichen Tapferkeit des Obersten Lizzara,
welcher sich gleich den Helden des alten Roms schlage, und gleich ihnen
sich durch große Taten von der unglücklichen Liebe abzulenken versuchte,
die ihn für jedes Vergnügen unempfindlich machte. Giulio glaubte, daß
Helena längst verheiratet sei: Signora von Campireali hatte nicht nur ihre
Tochter mit Lügen umgeben.
Helena hatte sich mit dieser so geschickten Mutter wieder halb versöhnt,
deren größter Wunsch war, sie verheiratet zu wissen; die Mutter bat ihren
Freund, den alten Kardinal Santi-Quatro, den Protektor der 'Heimsuchung',
der nach Castro reiste, er möge den ältesten Nonnen des Klosters im
Vertrauen erzählen, daß seine Reise durch einen Gnadenakt verzögert worden
sei: der gute Papst Gregor XIII. habe aus Mitleid für die Seele eines
Briganten, namens Giulio Branciforte, der es einst versuchte, ihr Kloster
zu schänden, bei der Nachricht von dessen Tode das Urteil der
Gotteslästerung aufheben wollen, überzeugt davon, daß er unter der Last
einer solchen Verdammung niemals das Fegefeuer wieder verließe; falls
Branciforte, der in Mexiko von den Wilden überrascht und niedergemacht
worden sei, überhaupt das Glück gehabt habe, nur ins Fegefeuer zu kommen.
Diese Neuigkeit versetzte das ganze Kloster von Castro in Aufregung; sie
gelangte auch zu Helena, die sich damals allen Torheiten der Eitelkeit
hingab, welche der Besitz eines großen Vermögens in einem aufs tiefste
gelangweilten Menschen erwecken kann. Von diesem Augenblick an verließ sie
nicht mehr ihr Zimmer. Man muß wissen, daß sie das halbe Kloster hatte
umbauen lassen, um das kleine Zimmer der Pförtnerin, wo Giulio in jener
Nacht einen Augenblick während des Kampfes ausgeruht hatte, bewohnen zu
können. Nach unendlichen Mühen war es ihr geglückt, die drei noch lebenden
Bravi zu entdecken, von den fünf aus Giulios Gefolge, die damals dem
Gefecht in Castro entronnen waren, und sie hatte sie, trotz des schwer zu
besänftigenden Skandals, in ihre Dienste genommen. Unter ihnen befand sich
Ugone, jetzt alt und von Wunden bedeckt. Der Anblick dieser drei Männer
hatte viel Murren erregt, aber schließlich war die Furcht, welche Helenas
hochfahrender Charakter dem ganzen Kloster einflößte, größer, und man sah
sie täglich in der Livree des Hauses Campireali Helenas Befehle am äußeren
Gitter entgegennehmen, und oft weitläufig auf ihre Fragen antworten, die
immer dem gleichen Gegenstand galten.
Nach den ersten sechs Monaten der Einschließung in sich selbst und der
Abkehr von allen weltlichen Dingen, die der Nachricht von Giulios Tod
gefolgt waren, ist das erste Gefühl, welches diese durch einen unheilbaren
Schmerz und eine namenlose Langweile bereits gebrochene Seele wieder zum
Leben weckte, ein Gefühl der Eitelkeit gewesen.
Vor kurzem war die Äbtissin gestorben. Dem Brauch gemäß, hatte der
Kardinal Santi-Quatro, der trotz des hohen Alters von zweiundneunzig
Jahren noch Protektor des Klosters zur 'Heimsuchung' war, die Liste der
drei vornehmen Nonnen aufgestellt, aus welchen der Papst die Äbtissin
wählen sollte. Es mußten sehr gewichtige Gründe im Spiel sein, wenn Seine
Heiligkeit die beiden letzten Namen der Liste überhaupt las; gewöhnlich
begnügte er sich damit, einen Strich mit der Feder durch diese Namen zu
ziehen, und die Ernennung war geschehen.
Eines Tages stand Helena am Fenster des ehemaligen Pförtnergemachs, das
jetzt den äußersten Flügel des neuen, auf ihren Befehl hergestellten
Anbaus bildete. Dieses Fenster lag höchstens zwei Fuß über dem Gang, der
ehemals mit Giulios Blut getränkt war und jetzt einen Teil des Gartens
bildete. Helena hatte die Augen sinnend auf den Boden geheftet. Die drei
Damen, welche man seit einigen Stunden auf der Liste des Kardinals zur
Nachfolge der verstorbenen Äbtissin wußte, kamen am Fenster Helenas
vorüber. Sie bemerkte sie nicht und konnte sie daher auch nicht grüßen.
Eine der Damen wurde dadurch gereizt und sagte laut genug zu den andren:
"Das ist eine nette Art für eine Pensionärin, ihr Zimmer so den Augen
aller zur Schau zu stellen."
Durch diese Worte aufgestört, sah Helena auf und begegnete drei boshaften
Augenpaaren.
'Nun wohl,' sagte sie sich, das Fenster ohne Gruß schließend, 'lange genug
bin ich jetzt das Lamm in diesem Kloster gewesen, man muß Wolf sein, wäre
es auch nur, um den Neugierigen in der Stadt etwas Abwechslung zu bieten!'
Eine Stunde später brachte einer ihrer Leute folgenden Kurierbrief ihrer
Mutter, welche seit zehn Jahren in Rom lebte und verstanden hatte, sich
dort großen Einfluß zu verschaffen.
"Hochverehrte Mutter!
Jedes Jahr schenkst Du mir an meinem Namenstage dreihunderttausend Francs,
und ich verwende dieses Geld, um hier Torheiten zu begehen; ehrenvolle
allerdings, aber doch Torheiten. Obwohl du es mir schon seit langem nicht
mehr zu verstehen gibst, weiß ich doch, daß zwei Dinge imstande sind, Dir
meine Dankbarkeit für all Deine guten Absichten zu beweisen. Verheiraten
werde ich mich nicht mehr, aber ich würde mit Vergnügen Äbtissin dieses
Klosters; ich bin auf diesen Einfall gekommen, weil die drei Damen, welche
unser Kardinal Santi-Quatro auf die Liste gesetzt hat, die er dem Heiligen
Vater vorlegt, meine Feindinnen sind; und welche immer gewählt wird, muß
ich Ärger aller Art erwarten. Spende meine Festgabe den Personen, die in
Betracht kommen; schaffen wir erst eine Verzögerung von sechs Monaten für
die Ernennung; das wird die Priorin des Klosters, die meine intime
Freundin ist und gegenwärtig die Zügel der Regierung in Händen hat, vor
Freude außer sich bringen. Schon dies wird eine Quelle des Glückes für
mich sein und es ist so selten, daß ich dies Wort anwenden kann, wenn ich
von Deiner Tochter spreche. Ich finde meinen Einfall toll, aber wenn Du
irgendeine Möglichkeit des Erfolgs siehst, werde ich binnen drei Tagen den
weißen Schleier nehmen; ich habe das Recht auf Erlaß von sechs Monaten, da
ich seit acht Jahren ununterbrochen im Kloster wohne. Der Dispens kostet
vierzig Taler und wird nicht verweigert.