V.

Schon am übernächsten Tage war Giulio wieder in Castro, er führte acht

seiner Soldaten mit sich, welche ihm freiwillig gefolgt waren, wenn sie

sich gleich dem Zorn des Fürsten aussetzten, der einige Male

Unternehmungen dieser Art mit dem Tode bestraft hatte. Giulio hatte schon

fünf Mann in Castro und acht brachte er hinzu; indessen schienen ihm

vierzehn Soldaten, wie tapfer sie auch sein mochten, nicht ausreichend für

sein Unternehmen; denn das Kloster glich einer Festung.

Es handelte sich darum, durch das erste Tor des Klosters mit Gewalt oder

List zu dringen und dann durch einen Gang von mehr als fünfzig Schritten

Länge zu kommen. Linker Hand sollten die vergitterten Fenster einer Art

Kaserne liegen, wo die Nonnen dreißig bis vierzig Diener, ehemalige

Soldaten, untergebracht hatten. Aus diesen vergitterten Fenstern würde,

sobald erst das Kloster alarmiert war, ein ausgiebiges Feuer abgegeben

werden.

Die regierende Äbtissin, eine Frau von starkem Verstande, hatte Angst vor

den Unternehmungen der Orsini, Colonna, Marco Sciarra und so vieler

andrer, welche die umliegende Gegend beherrschten. Wie war es möglich,

achthundert entschlossenen Männern Widerstand zu leisten, wenn sie

unversehens eine kleine Stadt wie Castro einnahmen, weil sie das Kloster

mit Gold gefüllt glaubten?

Gewöhnlich waren im Kloster der Heimsuchung von Castro fünfzehn oder

zwanzig Bravi in der Kaserne zur Linken des Ganges, der zur zweiten

Klosterpforte führte; zur Rechten dieses Durchlasses lag eine hohe,

uneinnehmbare Mauer; an seinem Ende befand sich ein eisernes Tor, das auf

eine Säulenhalle führte; nach dieser kam der große Klosterhof, rechts der

Garten. Diese eiserne Türe war von der Pförtnerin bewacht.

Als Giulio mit seinen acht Mann sich drei Meilen vor Castro befand, machte

er in einem abgelegenen Wirtshaus Halt, um die Stunden der großen Hitze

verstreichen zu lassen. Dort erst legte er sein Vorhaben dar; dabei

zeichnete er den Plan des Klosters, das er angreifen wollte, in den Sand

des Hofs.

"Um neun Uhr", sagte er seinen Leuten, "werden wir außerhalb der Stadt zu

Abend essen; um Mitternacht werden wir eintreten. Eure fünf Kameraden

erwarten uns in der Nähe des Klosters. Einer von ihnen wird zu Pferde sein

und die Rolle eines Kuriers spielen, der aus Rom kommt, um Signora von

Campireali zu ihrem Gemahl zu rufen, der im Sterben liegt. Wir werden

versuchen, geräuschlos durch die erste Türe des Klosters zu kommen," sagte

er, indem er auf den Plan im Sand deutete, "die hier in der Mitte der

Kaserne liegt. Wenn wir den Kampf gleich beim ersten Tor beginnen, haben

es die Bravi der Nonnen zu leicht, uns Flintenschüsse nachzusenden,

während wir auf diesem kleinen Platz da vor dem Kloster sind oder durch

den engen Gang zwischen dem ersten und zweiten Tor laufen. Dieses zweite

Tor ist von Eisen, aber ich besitze den Schlüssel dazu. Allerdings sind

große, mit einem Ende an der Mauer befestigte Eisenbalken oder

Sperrstangen da, welche, wenn sie vorgelegt sind, das Öffnen der Torflügel

verhindern. Aber da die beiden Eisenstangen zu schwer sind, als daß die

Schwester Pförtnerin sie handhaben könnte, habe ich sie nie an ihrem Platz

gesehen und bin doch mehr als zehnmal durch das Eisentor gegangen. Ich

rechne darauf, auch heute Abend ohne Hindernis hindurchzukommen. Ihr merkt

wohl, daß ich Bekanntschaften im Kloster habe. Mein Ziel ist: eine

Pensionärin zu entführen, und nicht eine Nonne; wir dürfen erst im

äußersten Notfall von den Waffen Gebrauch machen. Wenn wir den Kampf

eröffnen, bevor wir an dieser zweiten Tür mit den Eisen angekommen sind,

wird die Pförtnerin nicht verfehlen, zwei alte siebzigjährige Gärtner, die

im Kloster wohnen, herbeizurufen, und diese Alten würden die Stangen

vorlegen. Wenn uns dieser Unglücksfall zustößt, müssen wir erst die Mauer

demolieren, um durch die Tür zu kommen, was uns zehn Minuten kosten würde;

auf jeden Fall werde ich als erster zur Tür eilen. Einer der Gärtner ist

von mir gekauft, aber, wie Ihr Euch denken könnt, habe ich mich gehütet,

ihm etwas von meinem Entführungsplan zu erzählen. Wenn man diese zweite

Tür hinter sich hat, wendet man sich nach rechts in den Garten, und sind

wir erst in diesem Garten, so sprechen die Waffen; man muß alles

niedermachen, was sich in den Weg stellt. Ihr werdet natürlicherweise nur

Eure Schwerter und Dolche brauchen; ein einziger Flintenschuß würde die

ganze Stadt in Aufruhr bringen und man würde uns beim Abzug angreifen.

Glaubt nicht, daß ich mich mit dreizehn Mann, wie Ihr seid, nicht stark

genug fühle, durch dieses Nest zu kommen: sicher würde niemand wagen, auf

die Straße hinabzusteigen; aber mehrere Bürger haben Flinten und sie

würden aus den Fenstern schießen. Nebenbei gesagt muß man sich in diesem

Fall längs der Häuser halten. Einmal im Garten, sagt Ihr mit leiser Stimme

zu jedem, der sich zeigt: Zieh dich zurück! und wenn er nicht

augenblicklich gehorcht, tötet Ihr ihn mit dem Dolch. Ich dringe dann mit

denen von Euch, die gerade um mich sind, durch die kleine Gartentür ins

Kloster ein, und drei Minuten später kehre ich mit einer oder zwei Frauen

zurück, die wir auf unsren Armen tragen und nicht selbst gehen lassen

werden. Sofort verlassen wir eilig das Kloster und die Stadt. Zwei von

Euch werde ich in der Nähe des Tors zurücklassen, sie werden von Minute zu

Minute etwa zwanzig Schüsse abgeben, um die Bürger zu schrecken und in

Entfernung zu halten."

Giulio wiederholte diese Erklärung zweimal.

"Habt Ihr gut verstanden?" sagte er seinen Leuten. "In der Vorhalle wird

es dunkel sein; rechts ist der Garten, links der Hof, man darf sich nicht

irren."

"Zählt auf uns!" riefen die Soldaten. Dann gingen sie trinken; der

Korporal folgte ihnen nicht und bat um die Erlaubnis, mit dem Kapitän

sprechen zu dürfen.

"Nichts ist einfacher", sagte er, "als der Plan Eurer Gnaden. Ich bin

schon zweimal in meinem Leben in Klöster eingebrochen; dies wäre das

dritte; aber wir sind zu wenig. Wenn der Gegner uns nötigt, die Mauer zu

zerstören, welche die Angel der zweiten Tür hält, muß man bedenken, daß

die Bravi während dieser langen Arbeit nicht müßig bleiben; sie werden

Euch sieben oder acht Mann erschießen und dann kann man uns am Rückweg die

Frau wieder abnehmen. Das ist uns in einem Kloster in der Nähe Bolognas

passiert: uns wurden fünf Mann getötet, wir töteten acht, aber der

Hauptmann bekam nicht die Frau. Ich schlage Euer Gnaden zweierlei vor: ich

kenne vier Bauern aus der Umgebung dieser Herberge, die Sciarra tapfer

gedient haben und sich für eine Zechine die ganze Nacht lang wie Löwen

schlagen würden. Vielleicht werden sie etwas Silber aus dem Kloster

rauben; das kümmert Euch wenig, denn die Sünde ist ihre Sache und Ihr

bezahlt sie, um eine Frau zu holen, das ist alles. Mein zweiter Vorschlag

ist folgender: Ugone ist ein gescheiter und sehr geschickter Bursche; er

war Arzt, als er seinen Schwager tötete und ging in die Macchia. Ihr könnt

ihn eine Stunde vor Sonnenuntergang zum Klostertor schicken, er wird um

Dienst bitten und wird es so geschickt einrichten, daß man ihn in die

Wache einreiht; dann wird er die Knechte der Nonnen betrunken machen, und

er ist sogar fähig, die Lunten ihrer Flinten zu durchnässen." Zu seinem

Unglück nahm Giulio den Vorschlag des Korporals an. Als dieser sich

entfernte, fügte er noch hinzu:

"Wir wollen ein Kloster angreifen. Das ist excommunicatio major und noch

mehr: dieses Kloster steht unmittelbar unter dem Schutz der Madonna ..."

"Ich verstehe!" rief Giulio, aufgerüttelt durch dieses Wort. "Bleibt bei

mir."

Der Korporal schloß die Tür und kam zurück, um den Rosenkranz mit Giulio

zu beten. Diese Andacht dauerte eine volle Stunde. Als es Nacht war, brach

man auf.

Wie es Mitternacht schlug, kehrte Giulio, der gegen elf Uhr allein nach

Castro gegangen war, zurück, um seine Leute zu holen, die außerhalb des

Tores gewartet hatten.

Er trat mit seinen acht Mann, denen sich drei gut bewaffnete Bauern

angeschlossen hatten, in die Stadt ein und vereinigte sich mit den fünf

Soldaten, welche er schon in der Stadt hatte; so befand er sich an der

Spitze von sechzehn entschlossenen Männern; zwei trugen als Diener

verkleidet weite Blusen aus schwarzem Leinen, um ihr giacco zu verdecken

und ihre Mützen waren nicht mit Federn geschmückt.

Eine halbe Stunde nach Mitternacht kam Giulio, der die Rolle des Kuriers

für sich übernommen hatte, im Galopp vor dem Klostertor an; er machte

mächtigen Lärm und schrie, daß man unverzüglich einem Kurier öffnen möge,

den der Kardinal schicke. Mit Wohlgefallen bemerkte er, daß die Soldaten,

die ihm durch das kleine Fenster neben dem Tor antworteten, halb betrunken

waren. Der Vorschrift folgend, schrieb er seinen Namen auf ein Stück

Papier, ein Soldat überbrachte den Namen der Pförtnerin, die den Schlüssel

zur zweiten Tür besaß und die Äbtissin in besondren Fällen zu wecken

hatte. Die Antwort ließ endlose dreiviertel Stunden auf sich warten.

Während dieser Zeit hatte Giulio viel Mühe, seinen Trupp ruhig zu halten;

einige Bürger öffneten schon vorsichtig ihre Fenster; endlich traf eine

günstige Antwort von der Äbtissin ein; Giulio wurde, gefolgt von zwei als

Diener verkleideten Soldaten, mit Hilfe einer fünf oder sechs Fuß langen

Leiter, die man ihm aus dem kleinen Fenster reichte, in die Wachstube

eingelassen; die Bravi des Klosters wollten sich nicht die Mühe machen,

das große Tor zu öffnen. Als er vom Fenster ins Wachzimmer sprang,

begegneten seine Augen dem Blick Ugones; die ganze Wache war, dank seiner

Vorsorge, betrunken. Giulio sagte dem Kommandanten, daß drei Diener der

Campireali, die er als Soldaten habe ausrüsten lassen, um ihn am Marsch zu

schützen, sehr guten Branntwein gekauft hätten und um Einlaß bäten, damit

sie sich nicht allein auf dem Platze langweilen müßten. Dem wurde einmütig

zugestimmt. Er selbst stieg mit seinen zwei Leuten die Treppe hinunter,

welche von der Wachstube in den Gang führte.

"Trachte die große Tür zu öffnen", sagte er zu Ugone.

Dann gelangte er unangefochten zur eisernen Tür. Dort fand er die gute

Pförtnerin, welche ihm sagte, daß jetzt, da Mitternacht vorbei sei, wenn

er ins Kloster eingelassen würde, die Äbtissin dem Bischof darüber Bericht

erstatten müßte. Darum lasse sie ihn bitten, seine Nachrichten der jungen

Schwester zu übergeben, welche die Äbtissin zu diesem Zweck schicke.

Worauf Giulio antwortete, wegen der Bestürzung, welche durch die

unerwartete Agonie des Signor von Campireali hervorgerufen worden sei,

hätte man ihm nur ein einfaches vom Arzt ausgefertigtes

Beglaubigungsschreiben mitgegeben; alle Einzelheiten sollte er mündlich

der Frau und Tochter des Kranken berichten, wenn diese Damen noch im

Kloster wären und in jedem Fall auch der Frau Äbtissin. Die Pförtnerin

ging, diese Botschaft zu überbringen. Niemand blieb an der Tür als die

junge Schwester, welche die Äbtissin gesandt hatte. Giulio plauderte und

scherzte mit ihr, dabei steckte er die Hände durch die dicken Eisenstangen

des Tors und versuchte es, immer noch lachend, zu öffnen. Die Schwester

war sehr schüchtern, sie hatte Angst und nahm die Scherze übel auf. Da

hatte Giulio, der sah, daß beträchtliche Zeit verstrich, die

Unvorsichtigkeit, der Schwester eine Handvoll Zechinen anzubieten, mit der

Bitte, ihn einzulassen, da er zu müde sei, zu warten. "Er wußte wohl, daß

er eine Dummheit beging," sagt der Erzähler, "er hätte mit Eisen und nicht

mit Gold arbeiten müssen; aber er hatte nicht das Herz dazu; nichts

leichter, als sich der Schwester zu bemächtigen, sie war nicht weiter als

einen Fuß breit von ihm, auf der andern Seite der Tür.[sic! Hier fehlt

wohl: "] Durch das Angebot der Zechinen wurde das junge Mädchen in

Schrecken versetzt. Sie sagte später, daß sie aus der Art wie Giulio zu

ihr gesprochen habe, wohl verstanden hätte, daß er kein gewöhnlicher

Kurier sei: 'Das ist der Geliebte einer unsrer Nonnen,' dachte sie, 'der

zu einem Stelldichein kommt'; und sie war fromm. Von Entsetzen ergriffen,

begann sie mit aller Kraft die Schnur einer kleinen Glocke zu ziehen, die

im großen Hof hing und alsogleich einen Lärm machte, um Tote zu wecken.

"Der Krieg beginnt," sagte Giulio seinen Leuten, "gebt acht!"

Er nahm seinen Schlüssel, und den Arm zwischen den Eisenstäben

durchzwängend, öffnete er die Tür zur größten Verzweiflung der jungen

Nonne, die sich über den Kirchenfrevel entsetzt schreiend auf die Knie

warf und Ave Maria zu beten begann. Noch in diesem Augenblick hätte Giulio

das junge Mädchen zum Schweigen bringen müssen, aber er hatte nicht das

Herz dazu; einer seiner Leute ergriff sie und schloß ihr den Mund.

Im selben Augenblick hörte Giulio im Gang hinter sich einen Flintenschuß.

Ugone hatte das große Tor geöffnet, die übrigen Soldaten traten ohne Lärm

ein, als einer der weniger betrunkenen Bravi der Wache sich einem der

vergitterten Fenster näherte und in seinem Erstaunen so viele Leute im

Gang zu sehen ihnen fluchend verbot, weiterzugehen. Man hätte nicht

antworten und ruhig weiter gegen die eiserne Tür vorgehen sollen, so

machten es auch die ersten, aber der letzte der Reihe, einer der am

Nachmittag erst angeworbenen Bauern, feuerte einen Pistolenschuß nach dem

Klosterknecht, der durchs Fenster rief, und tötete ihn. Dieser

Pistolenschuß mitten in der Nacht und das Schreien der Betrunkenen, als

sie ihren Kameraden fallen sahen, weckten jene Soldaten, welche diese

Nacht in ihren Betten lagen und nicht von Ugones Wein gekostet hatten.

Acht oder zehn Bravi des Klosters sprangen halb nackt in den Gang und

griffen die Soldaten Brancifortes heftig an.

Wie wir bereits gesagt haben, begann dieser Lärm im Augenblick, als Giulio

das eiserne Tor geöffnet hatte. Von seinen zwei Soldaten gefolgt, stürzte

er in den Garten und lief zu der kleinen Türe, die zur Treppe der

Pensionärinnen führte. Aber er wurde von fünf oder sechs Pistolenschüssen

empfangen. Seine beiden Soldaten fielen; er selbst bekam eine Kugel in den

rechten Arm. Diese Pistolenschüsse waren von den Leuten der Signora von

Campireali abgegeben, welche auf ihren Befehl die Nacht im Garten

zubrachten, wozu sie die Erlaubnis beim Bischof erwirkt hatte. Giulio lief

allein zu der kleinen, ihm so wohlbekannten Tür, welche vom Garten zur

Treppe der Pensionärinnen führte. Er tat, was er nur konnte, um sie

aufzusprengen, aber sie war fest verschlossen. Er suchte nach seinen

Leuten, doch die achteten nicht darauf, ihm zu antworten, denn sie

starben; er stieß in der tiefen Dunkelheit auf drei Dienstleute der

Signora von Campireali, deren er sich mit Dolchstichen erwehrte.

Er lief in die Vorhalle, gegen die Gittertür, um seine Soldaten zu rufen;

er fand diese Türe verschlossen: die beiden schweren Eisenarme waren auf

ihrem Platz und mit Schlössern gesichert, welche die alten Gärtner

vorgelegt hatten, als sie das Läuten der jungen Schwester weckte.

'Ich bin abgeschnitten', sagte sich Giulio. Er rief es seinen Leuten zu;

vergeblich versuchte er eins dieser Vorlegschlösser mit seinem Degen zu

sprengen; wenn ihm das geglückt wäre, hätte er eine der Eisenstangen

entfernen und einen Türflügel öffnen können. Sein Degen zerbrach im Ring

des Vorlegschlosses; im gleichen Augenblick wurde er durch einen aus dem

Garten herbeigeeilten Diener an der Schulter verwundet; er wandte sich um,

und gegen die Eisenpforte gelehnt, sah er sich von mehreren Männern

angegriffen. Er verteidigte sich mit seinem Dolch; zum Glück, da es völlig

dunkel war, trafen fast alle Degenstöße auf sein Panzerhemd. Er wurde

schmerzhaft am Knie verwundet, stürzte sich auf einen der Leute, der sich

zu weit vorgewagt hatte, um ihm diesen Degenstich zu versetzen, tötete ihn

mit einem Dolchstoß ins Gesicht und hatte das Glück, sich seines Degens zu

bemächtigen. Nun glaubte er sich gerettet; er stellte sich zur Linken der

Tür, an die Seite der Mauer. Seine Leute waren jetzt herbeigeeilt, sie

schossen fünf oder sechs Pistolenschüsse durch das Eisengitter hindurch

und trieben die Diener in die Flucht. Man sah hier in der Vorhalle nichts,

außer beim Aufleuchten der Pistolenschüsse.

"Schießt nicht auf meine Seite", rief Giulio seinen Leuten zu.

"Ihr seid hier wie in einer Mausefalle gefangen", sagte ihm der Korporal

mit großer Kaltblütigkeit durch die Eisenstangen hindurch, "und wir haben

drei Tote. Wir werden die Türpfosten auf der Euch entgegengesetzten Seite

einreißen. Rührt Euch nicht, denn man wird auf uns schießen; es scheint,

daß im Garten Feinde sind."

"Die Schufte von Dienern der Campireali", sagte Giulio.

Er sprach noch mit dem Korporal, als von der Seite des Vestibüls, die in

den Garten führte, Pistolenschüsse, auf das Geräusch gezielt, gegen sie

abgefeuert wurden. Giulio verbarg sich in der Loge der Schließerin, zur

Linken des Eingangs; zu seiner Freude fand er dort ein kaum wahrnehmbares

Lämpchen, das vor dem Bildnis der Madonna brannte; er nahm es mit großer

Vorsicht, um es nicht auszulöschen; er bemerkte zu seinem Kummer, daß er

zitterte. Er betrachtete seine Wunde am Knie, die ihn sehr schmerzte; das

Blut floß in Strömen.

Umhersehend, erkannte er zu seinem Erstaunen in einer ohnmächtig auf einem

Holzstuhl lehnenden Frau die kleine Marietta, die vertraute Kämmerin

Helenas; er schüttelte sie lebhaft.

"Aber! Signor Giulio," rief sie weinend, "wollt Ihr Eure Freundin Marietta

töten?"

"Weit davon entfernt! Sag Helena, daß ich sie um Verzeihung bitte, ihre

Ruhe gestört zu haben und daß sie des Ave Maria vom Monte Cave gedenken

möge. Hier ist ein Blumenstrauß, den ich in ihrem Garten in Albano

gepflückt habe; aber er ist ein wenig mit Blut befleckt; wasche es ab,

bevor du ihn ihr gibst."

In diesem Augenblick hörte er eine Flintensalve im Gang; die Bravi der

Nonnen griffen seine Leute an.

"Sag mir, wo der Schlüssel der kleinen Tür ist?" fragte er Marietta.

"Ich sehe ihn nicht, aber hier sind die Schlüssel zu den Vorlegschlössern

der Eisenstangen, welche das große Tor sperren. Ihr könnt hinaus."

Giulio nahm die Schlüssel und stürzte aus der Loge.

"Laßt die Mauer," rief er seinen Soldaten zu, "ich habe endlich den

Schlüssel des Tores."

Einen Augenblick, während er versuchte, ein Schloß mit einem der kleinen

Schlüssel zu öffnen, herrschte völliges Schweigen; er hatte sich im

Schlüssel geirrt und nahm den andern; endlich öffnete er das Schloß: aber

im Augenblick, wo er die Eisenstange hob, erhielt er aus allernächster

Nähe einen Schuß in den rechten Arm. Sogleich spürte er, daß der Arm den

Dienst versagte.

"Hebt den Eisenriegel", schrie er seinen Leuten zu. Er hatte nicht erst

nötig, es ihnen zu sagen. Im Licht des Pistolenschusses hatten sie

bemerkt, daß das äußerste umgebogene Ende der eisernen Stange schon zur

Hälfte aus dem am Tor befestigten Ring herausgehoben war. Sofort lüpften

drei oder vier kräftige Arme die eiserne Stange; als das äußerste Ende

ganz aus dem Ring war, ließ man sie fallen. Nun konnte man einen der

Torflügel ein wenig öffnen; der Korporal trat ein und sagte leise zu

Giulio:

"Es ist nichts mehr zu machen, wir sind nur mehr drei oder vier ohne

Wunden, fünf sind tot."

"Ich habe Blut verloren," entgegnete Giulio, "ich fühle, daß ich

ohnmächtig werde; laßt mich fortbringen."

Während Giulio mit dem tapfren Korporal sprach, gaben die Soldaten der

Wache noch drei oder vier Flintenschüsse ab und der Korporal fiel tot zu

Boden. Zum Glück hatte Ugone den Befehl Giulios gehört; er rief zwei

Soldaten herbei, die den Kapitän forttragen sollten. Da er aber nicht

ohnmächtig wurde, befahl er, ihn durch den Garten zu der kleinen Tür zu

tragen. Dieser Befehl brachte die Soldaten zum Fluchen, aber sie

gehorchten.

"Hundert Zechinen dem, der diese Tür öffnet", rief Giulio aus.

Aber sie widerstand dem Ansturm dreier wütender Männer. Einer der alten

Gärtner schoß unaufhörlich von einem Fenster des zweiten Stockwerks mit

der Pistole nach ihnen und beleuchtete so ihre Versuche.

Nach den unnützen Anstrengungen, die Tür zu öffnen, wurde Giulio gänzlich

bewußtlos; Ugone hieß den Soldaten, den Kapitän eiligst fortzutragen. Er

selbst ging in die Loge der Schwester Pförtnerin und warf die kleine

Marietta hinaus, indem es[sic! statt: er] ihr mit drohender Stimme befahl,

fortzugehen und niemals zu verraten, wer sie wiedererkannt habe. Er zog

das Stroh aus dem Bett, zerbrach einige Stühle und steckte das Zimmer in

Brand. Als das Feuer gut brannte, lief er so schnell er konnte, mitten

durch die Flintenschüsse der Bravi des Klosters davon.

Etwa hundertfünfzig Schritt von der Heimsuchung entfernt, fand er den ganz

bewußtlosen Kapitän, den man eiligst davontrug. Nach einigen Minuten war

man außerhalb der Stadt. Ugone ließ halten: er hatte nur noch vier

Soldaten bei sich; er schickte zwei in die Stadt zurück mit dem Befehl,

von fünf zu fünf Minuten Flintenschüsse abzufeuern.

"Versucht Eure verwundeten Kameraden wiederzufinden," sagte er ihnen,

"verlaßt die Stadt vor Tag, wir folgen dem Fußweg über Croce rossa. Wenn

Ihr irgendwo Feuer anlegen könnt, verabsäumt es nicht."

Als Giulio das Bewußtsein wieder erlangte, befand man sich drei Meilen von

der Stadt entfernt und die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ugone

erstattete Bericht.

"Euer Trupp besteht nur mehr aus fünf Mann, wovon drei verwundet sind. Den

beiden überlebenden Bauern habe ich je zwei Zechinen Entschädigung gegeben

und sie sind davongelaufen. Die beiden nicht verwundeten Männer habe ich

in den nächsten Marktflecken geschickt, um einen Wundarzt zu holen."

Der Wundarzt, ein zittriger Alter, kam bald auf einem prächtigen Esel

angeritten; man hatte ihm drohen müssen, sein Haus in Brand zu stecken, um

ihn zum Mitgehen zu bewegen. Es war nötig, ihn erst etwas Branntwein

trinken zu lassen, um ihn zu seiner Arbeit instand zu setzen, so groß war

seine Furcht. Endlich machte er sich ans Werk; er sagte Giulio, daß seine

Wunden ohne Bedeutung seien. "Die am Knie ist nicht gefährlich," fügte er

hinzu, "aber Ihr werdet zeitlebens hinkend bleiben, wenn Ihr Euch nicht

zwei bis drei Wochen vollkommen ruhig verhaltet."

Der Wundarzt verband die verletzten Soldaten. Ugone gab Giulio einen Wink

mit den Augen, man entlohnte den Wundarzt, der sich vor Dank gar nicht

fassen konnte, mit zwei Zechinen; dann gab man ihm unter dem Vorwand der

Erkenntlichkeit eine solche Menge Branntwein zu trinken, daß er fest

einschlief. Das war es, was man wollte. Man trug ihn ins nächste Feld, man

wickelte vier Zechinen in ein Stück Papier, das man ihm in die Tasche

steckte. Das war der Preis für seinen Esel, auf welchen man Giulio und

einen der am Bein verletzten Soldaten setzte. Man verbrachte die Stunden

der größten Hitze in einer antiken Ruine am Ufer eines Weihers; man

marschierte die ganze Nacht hindurch und vermied die Dörfer, die auf

diesem Weg nicht zahlreich waren; endlich am übernächsten Morgen bei

Sonnenaufgang erwachte Giulio, als er tief im Walde von La Faggiola von

seinen Leuten in die Köhlerhütte getragen wurde, die sein Hauptquartier

war.

Die Äbtissin von Castro · 第 18 / 51 题