IV.

'Wenn ich mich vor Helena nicht rechtfertige', sagte sich Giulio, als er

nachts den Standort seiner Kompagnie im Walde wiedergewann, 'wird sie mich

am Ende für einen Mörder halten. Gott weiß, was man ihr alles über diesen

unheilvollen Kampf erzählt hat.'

Er ging zum Fürsten in das befestigte Schloß La Petrella, um seine Befehle

entgegenzunehmen und bat um die Erlaubnis, nach Castro zu gehen. Fabrizio

Colonna verzog die Stirn:

"Die Angelegenheit des kleinen Gefechts ist bei Seiner Heiligkeit noch

nicht erledigt. Ihr müßt wissen, daß ich die Wahrheit erklärt habe;

versteht: daß ich ganz unbeteiligt an diesem Zusammenstoß war, von dem ich

sogar erst am folgenden Tage hier auf meinem Schloß La Petrella gehört

habe. Ich habe allen Grund, anzunehmen, daß Seine Heiligkeit schließlich

dieser aufrichtigen Vorstellung Glauben schenken wird. Aber die Orsini

sind mächtig und alle Welt sagt, daß Ihr Euch in diesem Scharmützel

hervorgetan habt. Die Orsini gehen so weit, zu behaupten, daß zahlreiche

Gefangene an den Baumästen aufgehängt worden sind. Ihr wißt, wie falsch

diese Darstellung ist; aber man kann Repressalien voraussehen."

Das tiefe Erstaunen, das in den kindlichen Blicken des jungen Hauptmanns

glänzte, belustigte den Fürsten; jedoch empfand er, daß es angesichts

solcher Unschuld geboten sei, deutlicher zu sprechen.

"Ich sehe in Euch", fuhr er fort, "jene vollendete Tapferkeit, die den

Namen Branciforte in ganz Italien bekannt gemacht hat. Ich hoffe, daß Ihr

für mein Haus die gleiche Treue haben werdet, die mir Euren Vater so teuer

gemacht hat; ich habe sie Euch vergelten wollen. Die Losung meiner

Mannschaft ist: Niemals die Wahrheit über irgend etwas zu sagen, das sich

auf mich oder meine Soldaten bezieht. Wenn Ihr im Augenblick, wo Ihr zu

sprechen genötigt seid, irgendeine Unwahrheit als nützlich erkennt, lügt,

wie's der Zufall zusammenfügt und hütet Euch, wie vor einer Todsünde, auch

nur im kleinsten die Wahrheit zu sagen. Ihr versteht, daß sie im Verein

mit andren Auskünften auf die Spur meiner Pläne bringen könnte. Ich weiß

übrigens, daß Ihr eine Liebelei im Kloster von Castro habt. Ihr könnt

vierzehn Tage in dem Nest totschlagen, wo es den Orsini weder an Freunden,

noch selbst an Agenten fehlt. Geht zu meinem Majordomus, der Euch

zweihundert Zechinen geben wird. Die Freundschaft, die ich für Euren Vater

hegte," fügte der Fürst lachend hinzu, "macht mir Lust, Euch Anleitung

über die Art zu geben, wie Ihr dieses Kriegs- und Liebesabenteuer zu gutem

Ende führt. Ihr und drei Eurer Soldaten werdet Euch als Kaufleute

verkleiden. Ihr dürft dabei nicht verfehlen, immer auf einen Eurer

Gefährten erzürnt zu sein, dessen Beruf es ist, immer betrunken zu

scheinen und sich viele Freunde zu machen, indem er allen Nichtstuern von

Castro den Wein zahlt. "[sic! Anführungszeichen wohl überzählig, da Rede

fortgesetzt wird.]Übrigens", fügte der Fürst in verändertem Ton hinzu,

"solltet Ihr von den Orsini gefangen und zum Tode verurteilt werden, so

gesteht nie Euren wahren Namen ein und noch weniger, daß Ihr zu mir

gehört. Ich habe nicht nötig, Euch anzuempfehlen, daß Ihr alle kleinen

Städte erst umgeht und stets durch das Tor eintretet, das der Richtung,

aus der Ihr kommt, entgegengesetzt liegt."

Giulio war über diese väterlichen Ratschläge gerührt, die von einem sonst

so ernsten Mann kamen. Zuerst lächelte der Fürst über die Tränen, die er

in den Augen des jungen Mannes erblickte, dann wurde aber auch seine

Stimme bewegt. Er zog einen der zahlreichen Ringe ab, die er an den

Fingern trug, und Giulio küßte, als er ihn empfing, die durch so edle

Taten berühmte Hand.

"Niemals hätte mein Vater so vorsorglich mit mir gesprochen", rief der

junge Mann begeistert aus.

Am übernächsten Morgen, ein wenig vor Anbruch des Tages, zog er in die

Mauern des kleinen Städtchens Castro ein, fünf Soldaten folgten ihm, wie

er verkleidet; zwei davon gingen für sich und schienen weder ihn noch die

drei andren zu kennen. Noch bevor sie in die Stadt eintraten, hatte Giulio

das Kloster der Heimsuchung bemerkt, ein großes, von schwarzen Mauern

umgebenes Gebäude, das einer Festung glich. Er lief zur Kirche; sie war

prächtig. Die Nonnen, die alle adlig und meist aus reichen Häusern waren,

wetteiferten untereinander aus Eitelkeit, um diese Kirche reich zu

schmücken, die der einzige Teil des Klosters war, welchen die Blicke der

Öffentlichkeit erreichten. Es war Gebrauch geworden, daß jene der Damen,

die aus einer vom Kardinal-Protektor des Ordens der Heimsuchung dem Papste

vorgelegten Liste von drei Nonnen zur Äbtissin erwählt wurde, eine

ansehnliche Gabe darbrachte, die dazu diente, ihren Namen zu verewigen.

Diejenige, deren Gabe geringer war als das Geschenk der letzten Äbtissin,

verfiel samt ihrer Familie der Verachtung.

Giulio trat zitternd in dieses prächtige Gebäude, das von Marmor und

Vergoldung strahlte. In Wahrheit dachte er kaum an den Marmor und die

Goldverzierungen; es schien ihm, daß er unter Helenas Augen sei. Der

Hochaltar hatte, wie man ihm sagte, mehr als achthunderttausend Francs

gekostet; aber seine Blicke übersahen die Schätze des Hochaltars und

hefteten sich auf ein vergoldetes Gitter, das fast vierzig Fuß hoch und

durch zwei Marmorpfeiler in drei Abteilungen geteilt war. Dieses Gitter,

dem seine mächtige Größe etwas Schreckliches verlieh, erhob sich hinter

dem Hochaltar und trennte den Chor der Nonnen von der allen Gläubigen

zugänglichen Kirche.

Giulio sagte sich, daß Nonnen und Pensionärinnen sich während des

Gottesdienstes hinter diesem goldenen Gitter befanden. In diesen inneren

Teil der Kirche konnte sich eine Nonne oder eine Pensionärin zu jeder

Tageszeit begeben, wenn sie Bedürfnis hatte, zu beten: Auf diesen aller

Welt bekannten Umstand gründeten sich die Hoffnungen des armen Liebhabers.

Allerdings deckte ein mächtiger schwarzer Schleier das Gitter auf der

Innenseite. 'Aber dieser Schleier', überlegte Giulio, 'kann kaum den Blick

der Pensionärinnen hindern, wenn sie in die öffentliche Kirche schauen,

denn ich -- stellte er fest -- der ich mich nur auf einige Entfernung

nähern kann, bemerke doch durch den Schleier die Fenster, die dem Chor

Licht geben, sehr gut; ja, ich kann sogar die geringsten Einzelheiten

ihrer Architektur unterscheiden,' Jeder Stab dieses prächtig vergoldeten

Gitters trug eine scharfe, gegen die sich ihm Nähernden gerichtete Spitze.

Giulio wählte einen sehr sichtbaren Platz an der hellsten Stelle, dem

linken Teil des Gitters gegenüber. Dort verbrachte er seine Tage damit,

die Messen zu hören. Da er sich hier nur von Bauern umgeben sah, konnte er

hoffen, selbst durch den schwarzen Schleier hindurch bemerkt zu werden.

Zum ersten Mal in seinem Leben trachtete der schlichte junge Mann

aufzufallen: sein Auftreten war gesucht; er gab zahlreiche Almosen beim

Eintritt und beim Verlassen der Kirche. Seine Leute und er behandelten die

kleinen Lieferanten und Arbeiter, die Verbindung mit dem Kloster hatten,

mit den größten Aufmerksamkeiten. Doch erst am dritten Tage hatte er

endlich Aussicht, einen Brief an Helena gelangen lassen zu können. Auf

seinen Befehl folgte man beständig den beiden Laienschwestern, die Vorräte

für das Kloster einzukaufen hatten; eine von ihnen hatte Beziehungen zu

einem Krämer. Einer der Soldaten Giulios, der Mönch gewesen war, gewann

die Freundschaft des Kaufmanns und versprach ihm eine Zechine für jeden

Brief, welcher der Pensionärin Helena Campireali zugestellt würde.

"Was!" sagte der Kaufmann bei der ersten Andeutung, die man ihm über diese

Sache machte, "einen Brief an die Frau des Briganten?"

Dieser Name war schon in Castro eingebürgert und doch war Helena erst vor

vierzehn Tagen dort angekommen; so schnell läuft alles, was der

Einbildungskraft Stoff gibt bei diesem Volk, das leidenschaftlich alle

genauen Einzelheiten liebt.

Der kleine Kaufmann fügte hinzu:

"Diese wenigstens ist verheiratet, aber wie viele unsrer Damen haben

solche Entschuldigung nicht und empfangen von draußen ganz andres als

Briefe."

In diesem ersten Brief erzählte Giulio mit unzähligen Einzelheiten alles,

was an jenem unheilvollen Todestag Fabios vor sich gegangen war. "Hassest

Du mich?" fragte er am Ende.

Helena antwortete nur eine Zeile, worin sie sagte, daß sie niemanden hasse

und den Rest ihres Lebens dazu verwenden wolle, den zu vergessen, der

ihren Bruder getötet hatte.

Giulio beeilte sich, zu antworten; nach Anklagen gegen das Schicksal, die

Platon nachahmten und damals in Mode waren, fuhr er fort:

"Du willst also das Wort Gottes, das er in der Heiligen Schrift für uns

niedergelegt hat, vergessen? Gott sagt: die Frau soll ihre Familie und

ihre Eltern verlassen, um ihrem Gatten zu folgen. Wagst du zu behaupten,

daß du nicht meine Frau bist? Erinnere dich an die Nacht von San Pietro.

Als die Morgenröte schon hinter dem Monte Cave aufstieg, warfst du dich

mir zu Füßen; ich wollte dich schonen; du gehörtest mir, wenn ich es

gewollt hätte; du konntest der Liebe, die du damals für mich fühltest,

nicht widerstehen. Ich hatte dir schon oft gesagt, daß ich dir mein Leben

und alles, was mir auf der Welt teuer ist, darbringe; aber plötzlich

schien mir, daß du mir auch antworten könntest -- wenn du es selbst

niemals tätest -- daß alle diese durch keine äußere Tat erhärteten Opfer

vielleicht nur Einbildung sind. Ein gegen mich grausamer, aber im Grunde

richtiger Gedanke erleuchtete mich. Ich dachte, daß nicht ohne Grund der

Zufall mir jetzt die Gelegenheit gebe, in deinem Interesse auf das höchste

Glück zu verzichten, das ich mir je hatte träumen lassen. Du warst in

meinen Armen und schon ohne Widerstand, erinnere dich, selbst dein Mund

wagte nicht zu verweigern. In diesem Augenblick ertönte das morgendliche

Ave Maria im Kloster von Monte Cave und durch einen wundersamen Zufall

drang dieser Ton bis zu uns. Du riefst mir zu: Bring dieses Opfer der

heiligen Madonna, der Mutter aller Reinheit. Ich hatte schon seit einem

Augenblick die Idee dieses Opfers, des einzigen, das ich dir je zu bringen

Gelegenheit haben würde. Ich fand es unerhört, daß auch dir der gleiche

Gedanke gekommen war. Der ferne Klang dieses Ave Maria rührte mich, ich

gestehe es; ich erfüllte deine Bitte. Das Opfer war jedoch nicht ganz

allein für dich gebracht; ich glaubte, unsre zukünftige Vereinigung unter

den Schutz der Mutter Gottes zu stellen. Damals dachte ich nicht daran,

daß von dir, Treulose, wohl aber, daß von deiner reichen und vornehmen

Familie Hindernisse kommen könnten. Wie hätte dieses Angelus von so weit

her, durch den halben Wald über die Gipfel der im Morgenwind bewegten

Bäume ohne übernatürliche Einwirkung bis zu uns dringen können? Da fielst

du vor mir auf die Knie, erinnerst du dich? Ich stand auf, zog aus meiner

Brust das Kreuz, das ich dort trage, und du schwurst auf dieses Kreuz, das

hier vor mir liegt, und bei deiner ewigen Verdammnis, wo du je sein

würdest und was immer auch geschehen möge, würdest du, sobald ich dir den

Befehl zukommen lasse, wieder ganz mein Eigen sein, wie du es in dem

Augenblick warst, als das Ave Maria von Monte Cave von so weit her an dein

Ohr rührte. Dann sagten wir fromm zwei Ave und zwei Paternoster. Nun wohl,

bei der Liebe, die du damals für mich fühltest oder wenn du sie -- wie ich

fürchte -- vergessen hast, bei deiner ewigen Verdammnis befehle ich dir,

mich heute Nacht in deinem Zimmer oder im Garten zu empfangen."

Der italienische Autor bringt seltsamerweise noch viele lange Briefe

Giulio Brancifortes, welche nach diesem geschrieben sind; aber er gibt nur

Auszüge aus den Antworten Helena Campirealis. Jetzt, einige hundert Jahre

später, stehen wir den Gefühlen der Liebe und der Religion, welche diese

Briefe erfüllen, so fremd gegenüber, daß ich fürchte, sie könnten zu lang

sein.

Aus diesen Briefen geht hervor, daß Helena endlich dem Befehl gehorchte,

der in dem von uns gekürzt wiedergegebenen Schreiben enthalten war. Giulio

fand ein Mittel, ins Kloster einzudringen; man vermöchte aus einem Wort

anzunehmen, daß er sich als Frau verkleidete. Helena empfing ihn, aber nur

hinter dem Gitter eines Erdgeschoßfensters, das auf den Garten ging. Zu

seinem unbeschreiblichen Schmerz erkannte Giulio, daß dieses einst so

zärtliche und sogar leidenschaftliche Mädchen zu einer Fremden geworden

war; sie behandelte ihn fast mit ausgesuchter Höflichkeit. Als sie ihn in

den Garten einließ, hatte sie fast ausschließlich der heiligen Pflicht des

Eides gehorcht. Die Begegnung war kurz: schon nach einigen Minuten gewann

der Stolz Giulios, der vielleicht durch die Ereignisse der letzten

vierzehn Tage ein wenig gereizt war, die Oberhand.

'Ich sehe nichts vor mir', sagte er zu sich, 'als den Schatten jener

Helena, die sich mir in Albano für das ganze Leben hingab,' Nun war es die

Hauptsache für Giulio, die Tränen zu verbergen, die bei den höflichen

Wendungen, mit denen Helena das Wort an ihn richtete, sein Gesicht

überströmten. Als sie aufgehört hatte, zu sprechen und die -- wie sie

sagte -- nach dem Tode eines Bruders so natürliche Veränderung zu

rechtfertigen, antwortete ihr Giulio, indem er sehr langsam sprach:

"Ihr erfüllt nicht Euer Gelöbnis; Ihr empfangt mich nicht im Garten; Ihr

liegt nicht vor mir auf den Knien, wie damals, eine halbe Minute, nachdem

wir jenes Ave Maria von Monte Cave hörten. Vergeßt Euren Schwur, wenn Ihr

könnt, ich vergesse nichts, Gott stehe Euch bei!"

Mit diesen Worten verließ er das vergitterte Fenster, an dem er gut noch

eine Stunde hätte bleiben können. Wer hätte ihm einige Augenblicke zuvor

sagen dürfen, daß er diese so herbeigesehnte Zusammenkunft freiwillig

abkürzen werde! Dieses Opfer zerriß seine Seele, aber er glaubte, daß er

Helenas Verachtung verdienen würde, wenn er auf ihre Förmlichkeit anders

als damit antwortete, daß er sie ihrer Reue überließ.

Vor Sonnenaufgang verließ er das Kloster. Er stieg zu Pferde und gab

seinen Soldaten Befehl, ihn eine Woche lang in Castro zu erwarten und dann

in den Wald zurückzukehren; er war außer sich vor Verzweiflung. Zuerst

wandte er sich nach Rom.

'Was?! Ich entferne mich von ihr!' sagte er sich bei jedem Schritt. 'Wie!

Wir sind einander fremd geworden! O Fabio! Wie bist du gerächt!'

Der Anblick der Menschen, die er auf der Straße antraf, steigerte noch

seinen Zorn; er lenkte sein Pferd quer über die Felder und ritt auf den

öden verlassenen Uferstreif zu, der das Meer begleitet. Als er nicht mehr

durch die Begegnungen mit diesen ruhigen Bauern gestört wurde, deren Los

er beneidete, atmete er auf; der Anblick dieser wilden Gegend war in

Einklang mit seiner Verzweiflung und mäßigte seinen Zorn; jetzt konnte er

sich der Betrachtung seines traurigen Schicksals hingeben.

'In meinem Alter', sagte er sich, 'habe ich eine Hilfe: eine andre Frau zu

lieben!'

Bei diesem traurigen Gedanken fühlte er seine Verzweiflung sich

verdoppeln; er sah nur zu gut, daß es für ihn nur eine Frau auf der Welt

gab. Er stellte sich die Qual vor, die er leiden würde, wenn er das Wort

Liebe vor einer andern als Helena ausspräche. Dieser Gedanke zerriß ihn.

Er wurde von einem Anfall bittren Lachens geschüttelt.

'Ich gleiche hier genau diesen Helden Ariosts,' dachte er, 'die einsam

durch öde Länder ziehen, um zu vergessen, daß sie ihre treulose Geliebte

in den Armen eines andren Ritters gefunden haben ... Aber sie ist nicht so

schuldig,' sagte er sich, indem er nach diesem tollen Lachen wieder in

Tränen ausbrach; 'ihre Untreue geht nicht so weit, einen andren zu lieben.

Diese bewegsame und reine Seele hat sich durch die schrecklichen Dinge

irreleiten lassen, die man ihr von mir erzählt hat; ohne Zweifel hat man

es ihr so dargestellt, als hätte ich mich an diesem verhängnisvollen

Überfall nur in der geheimen Absicht beteiligt, ihren Bruder zu töten. Man

wird noch weiter gegangen sein, man wird mir die schmutzige Berechnung

unterschoben haben, daß sie die alleinige Erbin eines ungeheuren Vermögens

werde, wenn ihr Bruder tot sei ... Und ich, ich habe die Dummheit

begangen, sie ganze vierzehn Tage allein der Überredung meiner Feinde als

Beute zu überlassen! Man muß zugeben, daß mir, zu allem meinem Unglück,

der Himmel auch noch den Verstand versagt hat, mein Leben zu lenken! Ich

bin ein verächtliches, bei Gott ein verächtliches Wesen! Mein Leben war

niemand nützlich und mir noch weniger als jedem andren.'

In diesem Augenblick hatte der junge Branciforte eine für jene Zeit sehr

seltsame Eingebung: sein Pferd schritt am äußersten Uferrand und zuweilen

benetzten die Wellen seine Hufe; er hatte den Einfall, es ins Meer zu

treiben und so das schreckliche Schicksal zu beenden, dessen Beute er war.

Was sollte er fernerhin machen, da das einzige Wesen auf der Welt, das ihn

jemals die Möglichkeit eines Glücks hatte fühlen lassen, ihn verließ? Dann

hielt ihn plötzlich ein andrer Gedanke zurück.

'Was sind die Qualen, die ich erdulde', sagte er sich, 'im Vergleich mit

jenen, die ich leiden würde, nachdem dieses elende Leben beendet ist?

Helena wird sich nicht mehr bloß gleichgültig gegen mich verhalten, wie

sie es jetzt tut, sondern ich würde sie in den Armen eines Nebenbuhlers

sehen, und dieser Rivale wird ein junger römischer Edelmann sein, reich

und angesehen; denn die Dämonen werden, wie es ihre Pflicht ist, die

grausamsten Bilder suchen, um meine Seele zu zerreißen. So werde ich

selbst im Tode Helena nicht vergessen können; ja, weit mehr: meine

Leidenschaft für sie wird sich verdoppeln; denn dies ist der sicherste

Weg, welchen die ewigen Mächte gehen können, um mich für meine

schreckliche Sünde zu bestrafen.'

Um die Versuchung gänzlich zu vertreiben, schickte sich Giulio an, das Ave

Maria zu beten. Einst, als er das morgendliche Ave Maria gehört hatte, das

der Mutter Gottes geweihte Gebet, war jene Versuchung über ihn gekommen,

edelmütig zu handeln, die ihm heute als die größte Torheit seines Lebens

erschien. Aber aus Ehrfurcht wagte er es nicht, weiterzugehen und den

Gedanken ganz auszudrücken, der sich seines Geistes bemächtigt hatte.

'Wenn ich durch Eingebung der Madonna in einen verhängnisvollen Irrtum

verfallen bin, muß sie da nicht in ihrer unendlichen Gerechtigkeit

irgendeinen Umstand schaffen, der mir das Glück wiedergibt?'

Dieser Gedanke an die Gerechtigkeit der Madonna verjagte nach und nach

seine Verzweiflung. Er hob den Kopf und sah hinter Albano und dem Wald den

von düsterem Grün bedeckten Monte Cave vor sich und das heilige Kloster,

dessen Morgenläuten ihn zu dem gebracht hatte, was er jetzt eine

schändliche Täuschung nannte, die an ihm verübt worden war. Der

unerwartete Anblick dieses heiligen Orts tröstete ihn.

'Nein,' rief er aus, 'es ist unmöglich, daß die Madonna mich im Stich

läßt. Wäre Helena meine Frau gewesen, wie ihre Liebe es zuließ und meine

Würde als Mann es forderte, so hätte die Erzählung von ihres Bruders Tod

in ihrer Seele die Erinnerung an das Band vorgefunden, das sie mit mir

verknüpft. Sie hätte sich gesagt, daß sie mir lange angehörte, bevor der

unglückliche Zufall mich auf dem Kampfplatz Fabio gegenüberstellte. Er war

zwei Jahre älter als ich, er war erfahrener in den Waffen, in jeder

Hinsicht gewandter und stärker. Tausend Gründe wären meiner Frau

eingefallen, daß nicht ich diesen Kampf gesucht haben könne. Sie würde

sich erinnert haben, daß ich nie den mindesten Haß gegen ihren Bruder

gehegt habe, selbst damals nicht, als er mit der Büchse nach uns schoß.

Ich erinnere mich an unsre erste Zusammenkunft nach meiner Rückkehr aus

Rom; ich sagte ihr: 'Was willst du? die Ehre verlangt es; ich kann einen

Bruder nicht tadeln!''

Durch sein Gebet zur Madonna der Hoffnung wiedergegeben, spornte Giulio

sein Pferd an und gelangte in einigen Stunden zum Standquartier seiner

Kompagnie. Er fand sie im Begriff abzumarschieren: man wollte auf die von

Neapel über Monte Cassino nach Rom führende Straße gelangen. Der junge

Hauptmann wechselte das Pferd und ging mit seinen Leuten. An diesem Tag

schlug man sich nicht. Giulio fragte nicht, warum man fortmarschiert sei;

es lag ihm wenig daran, es zu wissen. Im Augenblick, als er sich an der

Spitze seiner Soldaten sah, erschien ihm sein Schicksal in neuem Licht.

'Ich bin ganz einfach ein Tor,' sagte er sich, 'ich habe Unrecht getan,

Castro zu verlassen; Helena ist wahrscheinlich weniger schuldig, als mein

Zorn es mir einbildete. Nein, diese kindlich reine Seele, deren erste

Liebesregungen ich entstehen sah, kann nicht aufgehört haben, mir zu

gehören! Sie war von Leidenschaft für mich durchdrungen! Hat sie mir nicht

mehr als zehnmal angeboten, mit mir, der ich so arm bin, zu fliehen, und

uns durch einen Mönch von Monte Cave trauen zu lassen? In Castro hätte ich

vor allem eine zweite Zusammenkunft erlangen und ihr Vernunft zusprechen

müssen; wahrhaftig, die Leidenschaft macht mich zerfahren wie ein Kind! O

Gott, daß ich nicht einen Freund habe, einen Rat zu erflehen! Der gleiche

Schritt erscheint mir im Zeitraum von zwei Minuten verwerflich und

vortrefflich.'

Am Abend dieses Tags, als man die Landstraße verließ, um sich wieder in

den Wald zu schlagen, näherte sich Giulio dem Fürsten und fragte ihn, ob

er noch einige Tage dort, wo er wüßte, bleiben könnte.

"Geh zu allen Teufeln!" rief Fabrizio, "glaubst du, daß jetzt der

Augenblick sei, mich mit Kindereien zu unterhalten?"

Eine Stunde später ritt Giulio wieder nach Castro zurück. Er fand dort

seine Leute vor; aber er wußte nicht, wie er Helena schreiben solle,

nachdem er sie so hochfahrend verlassen hatte. Sein erster Brief enthielt

nichts als die Worte: "Wird man mich in der nächsten Nacht empfangen

wollen?"

"Man kann kommen", war auch die ganze Antwort.

Nach Giulios Abreise hatte sich Helena für immer verlassen geglaubt. Nun

erst hatte sie die ganze Tragweite der Überlegungen des armen

unglücklichen jungen Mannes verstanden: sie war seine Frau gewesen, bevor

er das Unglück gehabt hatte, ihren Bruder im Kampf zu treffen.

Diesmal wurde Giulio nicht mit den höflichen Wendungen empfangen, die ihm

bei der ersten Zusammenkunft so grausam erschienen waren. Helena erschien

allerdings wieder nur hinter ihrem vergitterten Fenster, aber sie

zitterte, und da der Ton Giulios sehr kühl war und seine Redewendungen

fast als ob er mit einer Fremden spräche, war es jetzt an Helena, zu

fühlen, wie grausam solch förmlicher Ton, nach der früheren süßen

Vertrautheit wirkte. Giulio, der fürchtete, daß seine Seele wieder durch

ein kaltherziges Wort Helenas zerrissen werden könnte, hatte den Ton eines

Advokaten angenommen, um ihr zu beweisen, daß sie lange vor dem

verhängnisvollen Kampf von Ciampi seine Frau gewesen sei. Helena ließ ihn

reden, weil sie fürchtete, von Tränen überwältigt zu werden, wenn sie ihm

anders als mit kurzen Worten antworte. Am Ende, als sie kaum mehr an sich

halten konnte, bat sie ihren Freund, am nächsten Tag wiederzukommen. Es

war am Vorabend eines hohen Festes, die Morgenandacht wurde sehr früh

gesungen und ihre Zusammenkunft konnte leicht entdeckt werden. Giulio, der

wie ein Verliebter dachte, verließ den Garten in tiefstem Nachsinnen: er

vermochte nicht zu unterscheiden, ob er gut oder schlecht aufgenommen

worden sei, und weil durch den Umgang mit seinen Kameraden ihm soldatische

Sitten vertraut geworden waren, sagte er sich:

"Es wird vielleicht dazu kommen, daß ich Helena entführen muß."

Und er überlegte die verschiedenen Möglichkeiten, mit Gewalt in den Garten

einzudringen. Da das Kloster sehr reich und lohnend zu brandschatzen war,

hatte es eine große Anzahl Bediensteter in seinem Sold, die ehemals meist

Soldaten gewesen waren; man hatte sie in einer Art Kaserne untergebracht,

deren vergitterte Fenster auf einen schmalen Durchlaß sahen, der von dem

äußeren Tor, das in der Mitte einer schwarzen, mehr als achtzig Fuß hohen

Mauer lag, zu dem inneren führte, welches von der Schwester Pförtnerin

bewacht wurde. Zur Linken dieses schmalen Gangs erhob sich die Kaserne,

zur Rechten die mehr als dreißig Fuß hohe Mauer des Gartens. Die Fassade

des Klosters ward von einer dicken, vom Alter geschwärzten Mauer gebildet,

die außer dem äußeren Tor und einem einzigen kleinen Fenster, durch das

die Soldaten hinaussehen konnten, keine Öffnungen aufwies. Man kann sich

den düstern Eindruck dieser hohen schwarzen Mauer vorstellen, die einzig

von einer mit breiten Eisenbändern und ungeheuren Nägeln verstärkten Tür

und einem kleinen Fenster von vier Fuß Höhe und achtzehn Zoll Breite

unterbrochen war.

Wir begleiten den Chronisten nicht weiter in der langen Schilderung aller

folgenden Zusammenkünfte, die Giulio von Helena gewährt wurden. Der Ton

der beiden Liebenden war ganz so vertraut geworden wie damals im Garten zu

Albano, nur hatte Helena niemals einwilligen gewollt, in den Garten

hinabzusteigen. Eines Nachts fand sie Giulio sehr nachdenklich: ihre

Mutter war aus Rom gekommen, um sie zu sehen und wollte einige Tage im

Kloster bleiben. Diese Mutter war so zärtlich und hatte stets so

zartfühlende Rücksicht auf die Neigung, die sie bei ihrer Tochter

vermutete, genommen, daß es dieser schwere Gewissenspein bereitete, sie

täuschen zu müssen. Könnte sie es aber wagen, ihr zu gestehen, daß sie den

Mann empfing, der sie ihres Sohnes beraubt hatte? Helena bekannte

schließlich Giulio offen ein, daß sie nicht die Kraft haben würde, dieser

Mutter, die so gut war, mit Lügen zu antworten, wenn sie nach der Wahrheit

gefragt würde. Giulio fühlte ganz die Gefahr seiner Lage, sein Schicksal

hing vom Zufall ab, welcher der Signora di Campireali nur ein Wort

einzugeben brauchte. In der folgenden Nacht sagte er deshalb mit

entschlossener Miene: "Morgen werde ich früher kommen, ich werde eine der

Stangen dieses Gitters ausbrechen, du wirst in den Garten heraussteigen,

und ich führe dich in eine Kirche der Stadt, wo ein mir ergebener Priester

uns trauen wird. Noch bevor es Tag ist, bist du wieder im Garten. Wenn du

erst meine Frau bist, habe ich keine Furcht mehr und werde allem

zustimmen, was deine Mutter als Sühne für das schreckliche Unglück

verlangen kann, das wir alle beklagen, -- wäre es selbst, einige Monate

vergehen zu lassen, ohne dich zu sehen."

Da Helena von diesem Vorschlage bestürzt zu sein schien, fügte Giulio

hinzu:

"Der Fürst ruft mich zu sich zurück; die Ehre und alle möglichen Gründe

verpflichten mich, zu folgen. Mein Vorschlag ist das einzige, was unsre

Zukunft sichern kann. Wenn Du mir nicht zustimmst, trennen wir uns für

immer, hier, in diesem Augenblick. Ich werde mit Reue wegen meiner Torheit

abreisen. Ich habe an Dein Ehrenwort geglaubt, Du bist dem heiligsten

Schwur untreu, und ich hoffe, daß die gerechte Verachtung, die mir Deine

Leichtfertigkeit einflößen wird, mit der Zeit mich von dieser Liebe heilt,

die schon zu lange das Unglück meines Lebens ist.[sic! Fehlt: "]

Helena brach in Tränen aus.

"Großer Gott!" rief sie weinend, "wie entsetzlich für meine Mutter!"

Schließlich willigte sie in den Vorschlag.

"Aber", fügte sie noch hinzu, "man kann uns beim Fortgehen oder beim

Wiederkommen entdecken; bedenkt den Skandal, denkt an die schreckliche

Lage, in der sich meine Mutter befinden würde; warten wir ihre Abreise ab,

die in einigen Tagen stattfinden wird."

"Es ist Euch gelungen, mich an dem zweifeln zu lassen, was für mich das

Höchste und Heiligste war: mein Vertrauen in Euer Wort. Morgen Abend

werden wir verheiratet sein, oder wir sehen uns in diesem Augenblick, auf

dieser Seite des Grabes zum letztenmal."

Die arme Helena konnte nur mit Tränen antworten, besonders schmerzte sie

der grausam entschiedene Ton, den Giulio anschlug. Hatte sie denn wirklich

seine Verachtung verdient? Das war also der einst so fügsame und zärtliche

Geliebte! Endlich stimmte sie seinen Anordnungen zu. Giulio entfernte

sich. Von diesem Augenblick an erwartete Helena die kommende Nacht in

allen Zuständen der verzweifeltsten Angst. Wenn sie sich auf ihren Tod

hätte vorbereiten müssen, wäre ihr Schmerz weniger qualvoll gewesen, sie

hätte Mut in dem Gedanken an die Liebe Giulios und an die zärtliche

Neigung ihrer Mutter gefunden. Der Rest der Nacht verging in grausamster

Unschlüssigkeit. Es gab Augenblicke, wo sie ihrer Mutter alles gestehen

wollte. Am nächsten Morgen war sie derart bleich, als sie vor ihr

erschien, daß diese, all ihre weisen Vorsätze vergessend, sich in die Arme

ihrer Tochter warf und ausrief:

"Was geht vor? Großer Gott! Sage mir, was du getan hast oder auf dem

Sprung stehst, zu tun? Wenn du einen Dolch nähmest und mir ins Herz

stießest, würdest du mich weniger leiden lassen, als durch das grausame

Schweigen, das du gegen mich beobachtest."

Die grenzenlose Zärtlichkeit ihrer Mutter ward Helena so deutlich, sie sah

so klar, daß diese den Ausdruck ihrer Gefühle zu dämpfen suchte, statt ihn

zu übertreiben, daß endlich die Rührung sie überwältigte; sie fiel ihr zu

Füßen. Als ihre Mutter, um das Geheimnis zu ergründen, ausrief, daß Helena

ihre Nähe fliehe, antwortete sie: daß sie morgen und alle folgenden Tage

ihr Leben bei ihr verbringen würde, aber sie flehentlich bitte, nicht

weiter zu fragen.

Dieser verräterischen Äußerung folgte bald ein volles Geständnis. Signora

von Campireali hatte es mit Abscheu erfüllt, den Mörder ihres Sohnes so

nah zu wissen. Aber diesem Schmerz folgte ein Strom reinster und

lebhaftester Freude. Wer könnte sich ihr Entzücken vorstellen, als sie

erfuhr, daß ihre Tochter sich nie gegen ihre Pflicht vergangen hatte?

Sofort änderten sich die Pläne dieser klugen Mutter ganz und gar; es

schien ihr erlaubt, gegen einen Menschen, der ihr nichts war, zur List zu

greifen. Helenas Herz war von den heftigsten Leidenschaften zerrissen: die

Aufrichtigkeit ihrer Geständnisse war vollständig; diese gemarterte Seele

hatte das Bedürfnis, sich auszuschütten. Signora Campireali, welche jetzt

alles für erlaubt hielt, erfand eine Reihe von Vernunftgründen, die zu

weit führen würden, wollten wir sie hier wiedergeben. Sie bewies ihrer

unglücklichen Tochter ohne Mühe, daß sie statt einer heimlichen Ehe, die

immer ein Makel für eine Frau sei, eine öffentliche Trauung in allen Ehren

erlangen könne, wenn sie den Akt des Gehorsams, den sie einem so

edelmütigen Geliebten schulde, nur um acht Tage hinausschöbe. Sie, die

Signora Campireali, würde nach Rom reisen, sie würde ihrem Mann darlegen,

daß Helena lange vor dem verhängnisvollen Gefecht von Ciampi mit Giulio

verheiratet gewesen sei. Die Trauung sollte in der gleichen Nacht

stattgefunden haben, wo sie, als Mönche verkleidet, ihrem Vater und Bruder

am Ufer des Sees, auf dem in den Felsen gehauenen Weg begegnet waren, der

längs der Mauer des Kapuzinerklosters führt. Die Mutter hütete sich, ihre

Tochter während des Tags allein zu lassen, und schließlich schrieb Helena

abends ihrem Geliebten einen kindlichen und wie uns scheint sehr rührenden

Brief, in welchem sie ihm die Kämpfe, die ihr Herz zerrissen hatten,

schilderte. Zum Schluß bat sie ihn kniefällig um einen Aufschub von acht

Tagen: "Indem ich diesen Brief schreibe," fügte sie hinzu, "auf den ein

Bote meiner Mutter wartet, scheint mir, daß ich das größte Unrecht

begangen habe, ihr alles zu sagen. Ich glaube, dich erzürnt zu sehen;

deine Augen blicken mich mit Haß an; mein Herz ist von den grausamsten

Selbstvorwürfen zerrissen. Du wirst sagen, daß ich einen sehr schwachen,

sehr verzagten, sehr verächtlichen Charakter habe, ich gebe es zu, mein

teurer Engel. Aber stelle dir dies Schauspiel vor: Meine Mutter, in Tränen

aufgelöst, lag fast zu meinen Knien. Da war es mir ganz unmöglich, ihr

nicht zu gestehen, daß ein bestimmter Grund mir verbiete, ihrer Bitte

nachzugeben; und wie ich erst einmal so schwach gewesen war, dieses

unvorsichtige Wort auszusprechen, weiß ich nicht, was in mir vorging, aber

es ist mir unmöglich vorgekommen, ihr nicht alles zu erzählen, was

zwischen uns geschehen ist. Soweit ich mich erinnern kann, scheint mir,

daß meine Seele, aller Kraft entblößt, Rat brauchte. Ich hoffte, ihn in

den Worten meiner Mutter zu finden ... Ich hatte völlig vergessen, mein

Freund, daß das Interesse dieser geliebten Mutter dem deinen

entgegengesetzt ist. Ich habe meine oberste Pflicht vergessen, welche ist,

dir zu gehorchen; und scheinbar bin ich der wahren Liebe nicht fähig,

welche über jede Prüfung erhaben sein soll. Verachte mich, mein Giulio,

aber im Namen Gottes, höre nicht auf, mich zu lieben. Entführe mich, wenn

du willst, aber billige mir zu, daß die schrecklichsten Gefahren, sogar

die Schande, daß nichts auf der Welt mich hätte verhindern können, deinem

Befehl zu gehorchen, wenn meine Mutter nicht im Kloster gewesen wäre. Doch

diese Mutter ist so gut! Sie hat so viel Überredungsgabe! Sie ist so

edelmütig! Erinnere dich, als damals mein Vater das Zimmer durchforschte,

rettete sie die Briefe, welche ich niemals hätte verbergen können. Dann,

als die Gefahr vorüber war, gab sie mir sie zurück, ohne sie gelesen zu

haben und ohne ein Wort des Vorwurfs! Sie ist mein ganzes Leben hindurch

so zu mir gewesen, wie sie es in diesem höchsten Augenblick war. Du

siehst, wie ich sie lieben müßte. Und doch scheint es mir, während ich dir

schreibe (wie furchtbar zu sagen), daß ich sie hasse. Sie hat erklärt, daß

sie diese Nacht der Hitze wegen im Garten unter einem Zelt verbringen

wolle; ich höre die Hammerschläge, man errichtet jetzt das Zelt; es ist

unmöglich, daß wir uns heute Nacht sehen. Ich fürchte sogar, daß der

Schlafsaal der Pensionärinnen verschlossen wurde, ebenso die beiden Türen

der Wendeltreppe, was sonst nie geschah. Diese Vorsichtsmaßregeln würden

es mir unmöglich machen, in den Garten hinunterzugehen, wenn ich selbst

einen solchen Schritt nötig fände, um deinen Zorn zu beschwören. Ach, wie

ich mich dir jetzt ausliefern würde, wenn sich mir ein Mittel böte! Wie

ich zu dieser Kirche eilen würde, wo man uns trauen soll!"

Dieser Brief schloß mit zwei Seiten toller Sätze, in welchen ich

leidenschaftliche Redewendungen fand, die auf die Ideen Platons

zurückzugehen scheinen. Ich habe in dem eben übersetzten Brief mehrere

Sätze dieser Art unterdrückt.

Giulio Branciforte war sehr erstaunt, als er abends etwa eine Stunde vor

dem Ave Maria dieses Schreiben erhielt; er hatte grade die Abmachung mit

dem Priester beendet. Er war außer sich vor Zorn.

'Sie hat nicht notwendig, mir zu raten, daß ich sie entführe. Dieses

schwache, zaghafte Geschöpf!'

Und er brach sogleich nach dem Walde von La Faggiola auf.

Für Signora Campireali stand die Sache folgendermaßen: Ihr Gatte lag auf

dem Sterbebett; die Unmöglichkeit, sich an Branciforte zu rächen, brachte

ihn langsam zum Grabe. Vergebens hatte er mehrmals den römischen Bravi

beträchtliche Summen anbieten lassen; keiner hatte sich an einem der

"Korporale", wie sie sagten, des Fürsten Colonna vergreifen wollen; sie

waren zu gewiß, samt ihren Familien ausgetilgt zu werden. Es war noch kein

Jahr her, daß ein ganzes Dorf zur Strafe für den Tod eines Soldaten des

Colonna niedergebrannt wurde, und alle Einwohner, Männer und Frauen,

welche in die Campagna zu fliehen suchten, wurden an Händen und Füßen

gefesselt in die brennenden Häuser geworfen.

Signora Campireali besaß große Güter im Königreich Neapel; ihr Gatte hatte

ihr aufgetragen, von dort Mörder kommen zu lassen; aber sie hatte nur zum

Schein zugestimmt, denn sie glaubte ihre Tochter unlöslich an Giulio

Branciforte gebunden. In dieser Voraussetzung meinte sie, daß Giulio einen

oder zwei Feldzüge in den spanischen Heeren mitmachen solle, welche damals

Krieg gegen die Aufständischen in Flandern führten. Fiele er nicht, so

sollte dies ein Zeichen sein, daß Gott eine Heirat nicht mißbillige, die

sich nicht vermeiden ließ; in diesem Fall würde sie ihrer Tochter die

Güter geben, welche sie im Königreich Neapel besaß, Giulio Branciforte

würde den Namen einer dieser Besitzungen annehmen und einige Jahre mit

seiner Frau in Spanien verbringen. Nach allen diesen Prüfungen würde sie

vielleicht den Mut finden, ihn zu sehen. Doch alles war seit dem

Geständnis ihrer Tochter anders geworden; die Heirat war keine

Notwendigkeit mehr -- weit entfernt davon -- und während Helena ihrem

Geliebten den Brief schrieb, den wir wiedergegeben haben, schrieb Signora

Campireali nach Pescara und nach Chieti und gab ihren Pächtern den

Auftrag, ihr sichere Männer nach Castro zu senden, die zu einem

Handstreich zu gebrauchen wären. Sie verhehlte ihnen nicht, daß es sich

darum handelte, den Tod Fabios, ihres jungen Herrn, zu rächen. Der Kurier

machte sich mit diesen Briefen noch vor Ende des Tags auf den Weg.

Die Äbtissin von Castro · 第 17 / 51 题