III.

Die Orsini, die ewigen Nebenbuhler der Colonna und damals in den Dörfern

zunächst Rom allmächtig, hatten erst vor kurzem einen reichen Landwirt

namens Balthasar Bandini aus La Petrella durch die Gerichte der Regierung

zum Tod verurteilen lassen. Es würde zu weit führen, hier die

verschiedenen Taten aufzuzählen, welche man dem Bandini zur Last legte:

zum größten Teil wären sie heute Verbrechen, aber im Jahre 1559 durften

sie nicht in einer so strengen Weise betrachtet werden. Bandini saß in

einem den Orsini gehörenden Schloß gefangen, das bei Valmontone im Gebirge

lag, sechs Meilen von Albano entfernt. Der Bargello von Rom, von

hundertfünfzig seiner Sbirren gefolgt, verbrachte eine Nacht auf der

Landstraße; er war gekommen, um Bandini zu holen und ihn nach Rom ins

Gefängnis von Tor di Nona zu bringen. Bandini hatte in Rom gegen das

Todesurteil Berufung eingelegt. Aber, wie wir schon sagten, war er aus La

Petrella gebürtig, einer Feste, die den Colonna gehörte; seine Frau war zu

Colonna geeilt, der sich in La Petrella aufhielt, und sagte ihm vor allen

Leuten:

"Werdet Ihr einen Eurer treuen Diener sterben lassen?" Colonna erwiderte:

"Es wäre Gott nicht wohlgefällig, wenn ich die Ehrfurcht verletzte, die

ich den Entscheidungen der Gerichte des Papstes, meines Herrn, schulde!"

Sofort erhielten seine Soldaten Befehle, und er ließ allen seinen

Anhängern Weisung zukommen, sich bereit zu halten. Der Sammelpunkt wurde

bei Valmontone bestimmt, einer kleinen, auf dem Gipfel eines niederen

Felsens gelegenen Stadt, die aber einen stufenlosen und fast lotrechten

Absturz von sechzig bis achtzig Fuß Tiefe zur Schutzwehr hat. In diese

kleine, dem Papst gehörende, Stadt war es den Anhängern der Orsini und den

Sbirren der Regierung geglückt, Bandini zu schaffen. Unter die eifrigsten

Anhänger dieser Partei rechnete man Herrn von Campireali und seinen Sohn

Fabio, die übrigens mit den Orsini weitläufig verwandt waren. Seit jeher

waren dagegen Giulio Branciforte und sein Vater Anhänger der Colonna.

Unter Umständen, wo es den Colonna nicht paßte, öffentlich zu handeln,

nahmen sie zu einer einfachen Vorsicht ihre Zuflucht: die meisten der

reichen römischen Bauern waren damals wie heute Mitglieder irgendwelcher

Büßergemeinschaften. Die Büßer erschienen in der Öffentlichkeit nie anders

als den Kopf mit einem Stück Leinwand bedeckt, das ihr Gesicht verhüllte

und nur zwei Löcher für die Augen frei ließ. Wenn die Colonna sich zu

einer Unternehmung nicht bekennen wollten, luden sie ihre Anhänger ein,

sich ihnen im Büßerkleid anzuschließen.

Nach langen Vorbereitungen wurde die Überführung Bandinis, welche schon

seit vierzehn Tagen das Gespräch der Gegend bildete, auf einen Sonntag

festgesetzt. An diesem Tag um zwei Uhr morgens ließ der Bürgermeister von

Valmontone in allen Dörfern des Waldes von La Faggiola die Sturmglocken

läuten. Man sah aus jedem Ort Bauern in ziemlich großer Anzahl ausrücken.

Die Sitten der mittelalterlichen Republiken, als man sich noch schlug, um

irgendeine Sache, die man wünschte, zu erlangen, hatten in den Herzen der

Landleute sehr viel Tapferkeit erhalten; zu unsrer Zeit würde sich niemand

rühren.

An diesem Tag konnte man etwas Sonderbares bemerken: So oft ein kleiner

Trupp bewaffneter Bauern aus seinem Dorf heraus in den Wald bog,

verringerte er sich um die Hälfte; die Anhänger der Colonna schlugen die

Richtung nach dem von Fabrizio bezeichneten Treffpunkt ein. Ihre Anführer

schienen überzeugt, daß man sich an diesem Tage nicht schlagen würde: sie

hatten morgens Befehl erhalten, dieses Gerücht zu verbreiten. Fabrizio

durcheilte den Wald mit der Auslese seiner Anhänger, die mit halbwüchsigen

jungen Pferden seines Gestüts beritten waren. Er hielt eine Art Heerschau

über die verschiedenen Bauerntrupps ab; aber er sprach nichts zu ihnen;

weil jedes Wort bloßstellen konnte. Fabrizio war ein großer, magerer Mann

von unglaublicher Gewandheit[sic! statt: Gewandtheit] und Kraft; obwohl er

kaum fünfundvierzig Jahre zählte, waren seine Haare und sein Schnurrbart

von blendender Weiße, was ihm sehr unangenehm war. Denn an diesem Merkmal

konnte man ihn auch an Orten erkennen, wo er lieber unerkannt geblieben

wäre. Sobald die Bauern ihn sahen, riefen sie: Evviva Colonna! und zogen

ihre Leinenkapuzen über. Der Fürst selbst hatte seine Kapuze auf der Brust

hängen, um sie überziehen zu können, sobald sich der Feind zeigte.

Dieser ließ nicht auf sich warten. Die Sonne war kaum aufgegangen, als

etwa tausend Mann der Orsini-Partei von der Seite von Valmontone her in

den Wald eindrangen und in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten

an den Anhängern des Colonna vorbeizogen, die sich auf seinen Befehl zur

Erde geworfen hatten. Einige Minuten, nachdem die letzten dieser Vorhut

der Orsini vorbei waren, setzte der Fürst seine Leute in Bewegung; er

hatte beschlossen, das Geleit des Bandini anzugreifen, wenn eine

Viertelstunde vorbei sein würde, nachdem es den Wald betreten hatte. An

dieser Stelle ist der Wald mit kleinen Felsen von fünfzehn oder zwanzig

Fuß Höhe übersät; das sind mehr oder weniger alte Lavaflüsse, auf denen

die Kastanien wunderbar wachsen und fast ganz den Tag verhüllen. Weil

diese Lavablöcke, die mehr oder weniger von der Zeit angegriffen sind, den

Boden sehr uneben machen und um der Landstraße eine Anzahl kleiner

unnützer Auf- und Abstiege zu ersparen, hat man den Weg in die Lava

eingesenkt, und er liegt jetzt oft drei oder vier Fuß tiefer als der Wald.

An der Stelle, wo Fabrizio den Angriff vorgesehen hatte, befand sich eine

mit Gras bedeckte Lichtung, die an einem Ende von der Landstraße überquert

wurde. Dann trat die Straße wieder in den Wald ein, der an dieser Stelle

voll von Brombeerbüschen und zwischen Baumstümpfen wuchernder Stauden ganz

undurchdringlich war. Fabrizio hatte hier seine Fußtruppen etwa hundert

Schritt tief im Walde und zu beiden Seiten der Straße aufgestellt. Auf ein

Zeichen Colonnas setzte jeder der Bauern seine Kapuze auf und nahm mit

seiner Büchse hinter einem Kastanienbaum Stellung; die Soldaten des

Fürsten stellten sich hinter die Bäume zunächst der Straße. Die Bauern

hatten strengen Befehl, erst nach den Soldaten zu schießen und diese

durften erst Feuer geben, wenn der Feind auf zwanzig Schritt nahe sein

würde. Fabrizio ließ in Eile einige zwanzig Bäume fällen, welche mit ihren

Zweigen auf die Straße gestürzt sie vollständig sperrten; die Straße war

an dieser Stelle sehr eng und lag um drei Fuß tiefer. Hauptmann Ranuccio

mit fünfhundert Mann folgte der Vorhut; er hatte Befehl, erst anzugreifen,

wenn er die ersten Flintenschüsse hören würde, die vom Holzverhau

abgegeben werden sollten, der die Straße versperrte. Als Fabrizio Colonna

seine Soldaten und seine Anhänger jeder hinter seinem Baum wohl

aufgestellt und voll Entschlossenheit sah, ritt er im Galopp mit seinen

Berittenen weiter, unter denen sich auch Giulio Branciforte befand. Der

Fürst schlug einen Pfad zur Rechten der Landstraße ein, welcher zum

entgegengesetzten Ende der Lichtung führte.

Colonna war kaum einige Minuten davon, als man auf der Straße von

Valmontone von weitem eine große Schar Berittener nahen sah; das waren die

Sbirren und ihr Bargello, die Bandini geleiteten, und alle Herren, die zu

den Orsini hielten. In ihrer Mitte befand sich Balthasar Bandini, von vier

rotgekleideten Scharfrichtern umringt; sie hatten Befehl, das Urteil der

ersten Instanz zu vollstrecken und Bandini sofort zu töten, wenn die

Anhänger der Colonna daran wären, ihn zu befreien.

Die Reiter Colonnas waren kaum am andern Ende der Lichtung angelangt, als

man die ersten Flintenschüsse aus dem Hinterhalt beim Holzverhau auf der

Straße hörte. Sogleich setzte er seine Reiter in Galopp und richtete

seinen Angriff auf die vier rotgekleideten, Henker, die Bandini umgaben.

Wer[sic! statt: Wir] werden nicht im genauen Verlauf diesem kleinen

Handstreich folgen, der nicht einmal dreiviertel Stunden dauerte;

überrascht flohen die Anhänger der Orsini nach allen Richtungen, aber bei

der Vorhut wurde der tapfere Hauptmann Ranuccio getötet, und dieses

Ereignis hatte einen verhängnisvollen Einfluß auf das Schicksal

Brancifortes. Kaum hatte dieser einige Säbelhiebe ausgeteilt, um sich an

die rotgekleideten Männer heranzuarbeiten, als er sich Fabio Campireali

gegenüber befand.

Auf einem schnaubenden Pferd und mit goldenem Kettenhemd bekleidet, schrie

Fabio:

"Wer sind diese maskierten Schufte? Laßt uns ihre Masken mit einem

Säbelhieb zerschneiden! Seht, wie ich das mache!"

Fast im gleichen Augenblick erhielt Giulio Branciforte von ihm einen

Säbelhieb über die Stirn. Dieser Schlag war mit solcher Geschicklichkeit

geführt, daß das Leinen, welches sein Gesicht verhüllte, fiel, als seine

Augen durch das Blut geblendet wurden, welches aus dieser übrigens

harmlosen Wunde floß. Giulio ritt abseits, um Zeit zum Aufatmen zu

gewinnen und sein Gesicht abzuwischen. Er wollte sich um keinen Preis mit

Helenas Bruder schlagen, und sein Pferd war schon einige Schritte von

Fabio entfernt; da erhielt er einen wütenden Säbelhieb über die Brust, der

dank seinem Kettenhemd nicht durchdrang, aber ihm für einen Augenblick den

Atem nahm. Fast gleichzeitig hörte er in seine Ohren schreien:

"Ti conosco, porco! Kanaille, ich kenne dich! So verdienst du also dein

Geld, um deine Lumpen abzulegen?"

Giulio, in solcher Weise gereizt, vergaß seinen Vorsatz und stürzte sich

wieder auf Fabio:

"Ed in mal ponto tu venisti!" rief er aus.

Nach einigen heftigen Säbelhieben fiel das Gewand, das ihre Panzerhemden

bedeckte, nach allen Seiten. Das Panzerhemd Fabios war vergoldet und

prächtig, das Giulios so gewöhnlich wie nur möglich.

"In welchem Dreck hast du dein Giacco aufgelesen?" schrie Fabio.

Im gleichen Augenblick fand Giulio die Gelegenheit, die er seit einer

halben Minute suchte. Das stolze Panzerhemd Fabios deckte den Hals nicht

genug, und Giulio führte nach dieser kleinen ungedeckten Stelle des Halses

einen Stoß, der saß. Giulios Schwert drang einen halben Fuß weit in die

Gurgel Fabios und ließ einen mächtigen Blutstrahl hervorspringen.

"Unverschämter", schrie Giulio dabei und galoppierte auf die

Rotgekleideten zu, von denen zwei, hundert Schritte von ihm entfernt, noch

zu Pferd waren; als er sich näherte, fiel der dritte Henker, aber im

Augenblick, wo Giulio dem vierten schon ganz nahe war, drückte dieser, da

er sich von mehr als zehn Reitern umzingelt sah, gegen den unglücklichen

Bandini eine Pistole aus nächster Nähe los, so daß er zu Boden fiel.

"Meine werten Herrn, wir haben hier nichts mehr zu tun!" rief Branciforte,

"machen wir diese Schurken von Sbirren nieder, die nach allen Seiten

davonlaufen."

Alles folgte ihm.

Als Giulio eine halbe Stunde später in die Nähe Fabrizio Colonnas

zurückkehrte, richtete dieser große Herr zum erstenmal das Wort an ihn.

Giulio fand ihn trunken vor Zorn, während er geglaubt hatte, ihn vor

Freude entzückt zu finden; denn der Sieg war vollständig gewesen und

gänzlich seinen guten Anordnungen zu verdanken; denn die Orsini hatten

nahezu dreitausend Mann und Fabrizio hatte für diese Sache nicht mehr als

fünfzehnhundert aufgeboten.

"Wir haben unsern tapfren Freund Ranuccio verloren," sagte der Fürst zu

Giulio, "ich komme eben von seiner Leiche, er ist schon kalt. Und der arme

Balthasar Bandini ist tödlich verwundet. Also haben wir im Grunde nicht

gesiegt. Doch der Schatten des tapfren Kapitäns Ranuccio wird wohl

begleitet vor Pluto erscheinen. Ich habe Befehl gegeben, alle diese

gefangenen Schurken an die Bäume zu knüpfen. Versäumt das nicht, meine

Herren!" rief er mit erhobener Stimme.

Und er ritt im Galopp zu der Stelle, wo der Kampf der Vorhut stattgefunden

hatte. Giulio kommandierte als Vertreter Ranuccios dessen Abteilung; er

folgte dem Fürsten, welcher bei dem Leichnam dieses tapfren Soldaten, der

von mehr als fünfzig gefallenen Feinden umgeben war, zum zweitenmal vom

Pferd stieg, um die Hand Ranuccios zu drücken. Giulio tat weinend das

gleiche.

"Du bist noch sehr jung," sagte der Fürst zu Giulio, "aber ich sehe dich

vom Blut bedeckt und dein Vater war ein tapfrer Mann, der mehr als zwanzig

Wunden im Dienst der Colonna erhalten hatte. Übernimm die Führung derer,

die von Ranuccios Abteilung übrig sind und geleite seine Leiche in unsre

Kirche in La Petrella; vergiß aber nicht, daß du unterwegs angegriffen

werden kannst."

Giulio wurde nicht angegriffen, aber er tötete mit einem Degenhieb einen

seiner Soldaten, der ihm sagte, daß er zu jung wäre, um zu befehlen. Diese

Unklugheit hatte Erfolg, weil Giulio noch von Fabios Blut bedeckt war. Die

ganze Straße entlang fand er die Bäume mit Männern beladen, welche man

aufgehängt hatte. Dieses gräßliche Schauspiel, verbunden mit Ranuccios und

besonders mit Fabios Tod, machten ihn fast wahnsinnig. Seine einzige

Hoffnung war, daß man nicht den Namen von Fabios Besieger wußte.

Wir übergehen die militärischen Einzelheiten. Drei Tage nach dem Kampf

konnte Giulio wieder einige Stunden in Albano verbringen; er erzählte

seinen Bekannten, ein heftiges Fieber habe ihn in Rom zurückgehalten und

ihn gezwungen, die ganze Woche über das Bett zu hüten.

Aber man behandelte ihn überall mit einem sichtlich zur Schau getragenen

Respekt; die angesehensten Leute der Stadt grüßten ihn zuerst; einige

Unvorsichtige gingen sogar so weit, ihn mit Herr Hauptmann anzureden. Er

war mehrmals am Palazzo Campireali vorbeigegangen, hatte ihn aber fest

verschlossen gefunden, und da der neue Hauptmann sehr schüchtern war, wenn

es galt, sich nach gewissen Personen zu erkundigen, vermochte er erst

gegen Mittag über sich zu gewinnen, den alten Scotti, der ihn stets mit

Güte behandelt hatte, zu fragen:

"Aber wo sind denn die Campireali? Ich sehe ihren Palast geschlossen."

"Mein Freund," antwortete Scotti mit plötzlicher Traurigkeit, "das ist ein

Name, den du niemals aussprechen solltest. Deine Freunde sind wohl davon

überzeugt, daß er es war, der herausgefordert hat und sagen es überall;

aber schließlich: war er nicht das Haupthindernis deiner Heirat? Und macht

sein Tod nicht seine Schwester unermeßlich reich? Und bist es nicht du,

den sie liebt? Man kann sogar hinzufügen -- und in diesem Fall wird die

Unverschämtheit zur Tugend --, daß sie dich genug liebt, um dich nachts in

deinem kleinen Haus in Alba zu besuchen. Daher kann man in deinem

Interesse sagen, daß Ihr schon vor dem verhängnisvollen Kampf bei Ciampi

Mann und Frau wart."

Der Greis unterbrach sich, weil er bemerkte, daß Giulio die Tränen nicht

beherrschen konnte.

"Gehn wir zum Gasthaus hinauf", sagte Giulio.

Scotti folgte ihm; man gab ihnen ein Zimmer, worin sie sich einschlossen

und Giulio bat den Greis, ihm alles, was sich seit acht Tagen ereignet

hatte, erzählen zu dürfen. Nach Beendigung dieser langen Erzählung sagte

der Alte:

"Ich sehe wohl an deinen Tränen, daß nichts, was geschehen ist, in deiner

Absicht lag, aber Fabios Tod ist deshalb kein weniger böses Ereignis für

dich. Es ist dringend nötig, daß Helena ihrer Mutter erklärt, du seiest

schon seit langem ihr Gatte."

Giulio antwortete nicht und der Greis schrieb dies einer lobenswerten

Diskretion zu. In schweres Sinnen versunken, fragte sich Giulio, ob

Helena, verletzt durch den Tod eines Bruders, seinem Zartgefühl noch

gerecht werden würde; jetzt bereute er, was er damals versäumt hatte.

Darauf bat er den Alten, ihm alles, was sich am Tage des Kampfes in Albano

zugetragen hatte, frei zu erzählen. Fabio war gegen halb sieben Uhr

morgens getötet worden, mehr als sechs Meilen von Albano entfernt

und -- so unglaublich es klingt! -- schon um neun Uhr wurde von diesem Tod

zu sprechen begonnen. Gegen Mittag hatte man gesehen, wie sich der alte

Campireali, tränenüberströmt und auf seine Diener gestützt, in das

Kapuzinerkloster begab. Kurz darauf hatten drei dieser ehrwürdigen Väter,

auf den besten Rossen der Campireali und von vielen Dienstleuten gefolgt,

den Weg nach dem Dorf Ciampi eingeschlagen, in dessen Nähe der Kampf

ausgefochten worden war. Der alte Campireali wollte durchaus mit, aber man

hatte ihn davon abgebracht, indem man ihm vorstellte, daß Fabrizio Colonna

wütend sei (warum, wußte man allerdings nicht recht) und ihm übel

mitspielen könnte, wenn er gefangen genommen würde.

Nachts gegen die zwölfte Stunde schien der Wald von La Faggiola in Flammen

zu stehen: das waren alle Mönche und alle Armen von Albano, die -- jeder

eine große brennende Wachskerze in der Hand -- dem Leichnam des jungen

Fabio entgegengingen.

"Ich will dir nicht verhehlen," fügte der Greis hinzu, die Stimme senkend,

als fürchte er, gehört zu werden, "daß die Straße, welche nach Valmontone

und nach Ciampi führt ..."

"Nun was?" sagte Giulio.

"Nun wohl, diese Straße führt an deinem Haus vorbei und man sagt, daß das

Blut aus der schrecklichen, Halswunde wieder zu fließen begann, als Fabios

Leichnam dort vorbeikam."

"Wie entsetzlich!" rief Giulio und erhob sich.

"Beruhige dich, mein Freund", sagte der Greis. "Du siehst wohl ein, wie es

nötig ist, daß du alles weißt. Und jetzt muß ich dir sagen, daß deine

Anwesenheit hier heute ein wenig verfrüht erscheint. Wenn Ihr mir die Ehre

erweisen wollt, mich um Rat zu fragen, Kapitän, möchte ich hinzufügen, daß

es nicht passend ist, daß Ihr Euch früher als nach einem Monat in Albano

zeigt. Es ist wohl nicht notwendig, Euch aufmerksam zu machen, daß es

unvorsichtig wäre, nach Rom zu gehen. Man weiß noch nicht, wie sich der

Heilige Vater zu den Colonna stellen wird, man denkt zwar, daß er der

Erklärung Fabrizios Glauben schenken wird, der vorgibt, von dem Kampf bei

Ciampi nicht früher als durch das öffentliche Gerede gehört zu haben; aber

der Gouverneur von Rom, der ein treuer Orsini ist, wütet und würde

entzückt sein, einige der tapfren Soldaten Fabrizios hängen zu lassen, und

dieser könnte sich nicht einmal öffentlich beschweren, weil er schwört,

beim Kampf nicht dabei gewesen zu sein. Ich werde noch weiter gehen, und,

obwohl Ihr mich nicht danach fragt, mir die Freiheit nehmen, Euch einen

militärischen Rat zu geben: Ihr seid in Albano beliebt, sonst wäret Ihr

hier nicht in Sicherheit. Aber bedenkt, daß Ihr seit mehreren Stunden in

der Stadt umhergeht, daß einer der Anhänger der Orsini sich

herausgefordert fühlen könnte, oder mindestens an die Leichtigkeit, eine

schöne Belohnung zu gewinnen, denken kann. Der alte Campireali hat

tausendmal wiederholt, daß er seine schönste Besitzung dem schenkt, der

Euch tötet. Ihr hättet einige der Soldaten aus Eurem Haus nach Albano

herunternehmen sollen.[sic! Fehlt: "]

"Ich habe nicht einen Soldaten in meinem Haus."

"In diesem Fall seid Ihr ein Narr, Kapitän. Diese Herberge hat einen

Garten; wir werden uns durch den Garten machen und über die Weinberge

flüchten. Ich werde Euch begleiten; ich bin alt und ohne Waffen; aber wenn

wir Übelgesinnten begegnen, werde ich mit Ihnen sprechen; Ihr werdet

wenigstens Zeit gewinnen."

Giulios Seele war zerrissen. Sollen wir zu erzählen wagen, wie weit seine

Narrheit ging? Sowie er gehört hatte, daß der Palast Campireali

geschlossen war und alle seine Bewohner nach Rom abgereist seien, faßte er

den Plan, den Garten wiederzusehen, wo er so oft mit Helena

zusammengekommen war. Er hoffte sogar, ihr Zimmer wiederzusehen, wo sie

ihn empfangen hatte, wenn ihre Mutter abwesend war. Er hatte das

Bedürfnis, sich durch den Anblick der Orte, wo sie so zärtlich zu ihm

gewesen war, gegen ihren Zorn zu wappnen.

Branciforte und der edelmütige Alte hatten keine unangenehme Begegnung,

während sie den kleinen Pfaden folgten, die durch die Weinberge zum See

ansteigen. Giulio ließ sich von neuem die Einzelheiten des Begräbnisses

des jungen Fabio erzählen. Die Leiche dieses tapfren jungen Mannes war von

vielen Priestern begleitet nach Rom überführt und in der Familiengruft im

Kloster San Onofrio am Gianicolo beigesetzt worden. Man hatte als einen

sehr auffallenden Umstand vermerkt, daß Helena am Vorabend der Zeremonie

von ihrem Vater nach dem Kloster der Heimsuchung in Castro zurückgebracht

worden war; dies hatte das umlaufende Gerücht verstärkt, daß sie heimlich

mit dem Wegelagerer vermählt sei, der das Unglück gehabt hätte, ihren

Bruder zu töten.

Als er bei seinem Haus ankam, fand Giulio den Korporal seiner

Kampagnie[sic! statt: Kompagnie] mit vieren seiner Soldaten; sie sagten

ihm, daß ihr früherer Hauptmann nie den Wald verlassen hätte, ohne einige

seiner Leute bei sich zu haben. Der Fürst hatte öfters geäußert, daß

jeder, bevor er sich aus Unvorsichtigkeit töten lasse, vorher seinen

Abschied nehmen möge, damit er die Rache für einen solchen Tod nicht ihm

aufbürde.

Giulio Branciforte verstand die Berechtigung solcher Gedanken, die ihm

bisher völlig fremd gewesen waren. Er hatte, ähnlich, wie es die

Naturvölker tun, geglaubt, daß der Krieg in nichts bestünde, als sich

tapfer zu schlagen. Er fügte sich auf der Stelle den Wünschen des Fürsten

und nahm sich nur noch die Zeit, den weisen Alten zu umarmen, der so

edelmütig gewesen war, ihn nach Haus zu begleiten.

Aber einige Tage später kehrte Giulio halb verrückt vor Schwermut zurück,

um den Palast Campireali wiederzusehen. Mit Einbruch der Nacht kamen er

und seine Soldaten, als neapolitanische Kaufleute verkleidet, nach Albano.

Er sprach allein bei Scotti vor und hörte, daß Helena noch immer im

Kloster von Castro verbannt sei. Ihr Vater, der sie mit dem vermählt

glaubte, den er den Mörder seines Sohnes nannte, hatte geschworen, sie nie

wiederzusehen. Selbst als er sie ins Kloster brachte, hatte er sie nicht

angesehen. Die Zärtlichkeit ihrer Mutter dagegen schien sich zu verdoppeln

und oft verließ sie Rom, um einen Tag oder zwei bei ihrer Tochter zu

verbringen.

Die Äbtissin von Castro · 第 16 / 51 题