"Nach so vielen tragischen Geschichten", sagt der Schreiber der
florentinischen Handschrift, "werde ich mit der schließen, welche mir am
schmerzlichsten zu erzählen ist. Ich werde von Helena von Campireali
sprechen, der allzubekannten Äbtissin des Klosters der Heimsuchung in
Castro, deren Prozeß und Tod solches Aufsehen in der ersten Gesellschaft
Roms, ja ganz Italiens erregt hat. Schon um 1555 beherrschten die
Briganten die Umgebung Roms, und die Regierungsbeamten hatten sich den
mächtigen Familien verkauft." Im Jahre 1572, welches das des Prozesses
war, bestieg Gregor XIII. Buoncompagni den Stuhl von San Pietro. Dieser
heilige Papst vereinte alle apostolischen Tugenden, aber man konnte seiner
weltlichen Leitung ein wenig Schwäche vorwerfen: er verstand weder
ehrenfeste Richter zu wählen, noch die Briganten zu unterdrücken; er
jammerte über die Verbrechen und wußte sie nicht zu bestrafen. Es schien
ihm, daß er sich mit einer entsetzlichen Verantwortung beladen würde, wenn
er die Todesstrafe verhängte. Die Folge dieser Art, die Dinge zu sehen,
war, daß die Straßen, die nach der ewigen Stadt führten, von zahllosen
Briganten bevölkert wurden. Um mit einiger Sicherheit zu reisen, mußte man
Freund der Räuber sein. Der Wald von Faggiola, zu beiden Seiten der von
Neapel über Albano führenden Landstraße, war seit langem das Hauptquartier
einer Seiner Heiligkeit feindlichen Räuberschaft, und Rom war öfters
gezwungen, wie von Macht zu Macht, mit Marco Sciarra, einem der Könige des
Waldes, zu unterhandeln. Die Stärke dieser Briganten lag darin, daß sie
von ihren Nachbarn, den Bauern geliebt und geschützt wurden.
"In dem hübschen Städtchen Albano, so nahe dem Hauptquartier der
Briganten, wurde Helena di Campireali im Jahre 1542 geboren. Ihr Vater
galt für den reichsten Patrizier des Landes und in dieser Eigenschaft
hatte er Vittoria Carafa geheiratet, welche große Liegenschaften im
Königreich Neapel besaß. Ich könnte einige Greise anführen, die noch leben
und Vittoria Carafa und ihre Tochter gut gekannt haben. Vittoria war ein
Muster von Klugheit und Geist, aber trotz all ihrer Begabung vermochte sie
nicht dem Untergang ihrer Familie vorzubeugen. Es ist sonderbar: die
entsetzlichen Schicksalsschläge, welche den traurigen Stoff meiner
Erzählung bilden, können, wie mir scheint, keiner der handelnden Personen,
die ich dem Leser vorstellen werde, im einzelnen zur Last gelegt werden:
ich sehe Unglückliche, jedoch kann ich keine Schuldigen finden. Die
ungewöhnliche Schönheit und die zärtliche Seele der jungen Helena bildeten
eine große Gefahr für sie und eine Entschuldigung für ihren Geliebten
Giulio Branciforte; wie ebenso der vollkommene Mangel an Geist des
Monsignore Cittadini, Bischof von Castro, ihn bis zu einem gewissen Grad
entschuldigen kann. Er verdankte seinen raschen Emporstieg auf der Leiter
der geistlichen Ehren sowohl der Rechtlichkeit seiner Führung, wie
besonders aber seinem edlen Äußern und einem Antlitz, das so regelmäßig
schön war, wie man es selten findet. Ich finde geschrieben, daß man ihn
nicht sehen konnte, ohne ihn zu lieben.
Da ich niemandem schmeicheln will, werde ich nicht verschweigen, daß ein
heiliger Mönch des Klosters Monte Cave, der oft in seiner Zelle, gleich
dem heiligen Paulus, einige Fuß über dem Erdboden schwebend überrascht
worden ist, ohne daß ihn etwas andres als die göttliche Gnade in dieser
ungewöhnlichen Stellung hätte halten können, dem Herrn von Campireali
prophezeit hatte, daß seine Familie mit ihm aussterben und er nur zwei
Kinder haben würde, denen beiden ein gewaltsamer Tod bevorstand. Auf Grund
dieser Weissagung konnte er im Lande selbst keine Frau finden und ging
nach Neapel, um sein Heil zu versuchen, wo er das Glück hatte, großen
Reichtum und eine Frau zu finden, deren Genie fähig gewesen wäre, seine
böse Bestimmung zu ändern, wenn so etwas überhaupt möglich gewesen wäre.
Dieser Signor Campireali galt für einen sehr ehrenhaften Mann und war sehr
wohltätig, aber er besaß gar keinen Geist; deshalb zog er sich nach und
nach ganz aus Rom zurück und brachte schließlich fast das ganze Jahr in
seinem Palast in Albano zu. Er widmete sich der Pflege seiner Ländereien,
die in der reichen Ebene lagen, welche sich zwischen der Stadt und dem
Meer ausbreitet. Durch den Rat seiner Frau bewogen, ließ er seinem Sohn
Fabio, einem auf seine Geburt sehr stolzen Jüngling, und seiner Tochter
Helena, deren wunderbare Schönheit man noch auf einem Bildnis der Galerie
Farnese sehen kann, die vortrefflichste Erziehung geben. Bevor ich
begonnen hatte ihre Geschichte zu schreiben, bin ich in den Palazzo
Farnese gegangen, um die sterbliche Hülle zu betrachten, die der Himmel
dieser Frau verlieh, deren verhängnisvolles Schicksal einst so viel
Aufsehen machte und noch heute im Gedächtnis des Volkes fortlebt.
Die Form ihres Kopfes ist ein längliches Oval, die Stirne ist sehr hoch,
die Haare sind dunkelblond. Der Ausdruck ihres Gesichts ist eher heiter;
sie hatte große, sehr ausdrucksvolle Augen, und ihre kastanienfarbenen
Augenbrauen bildeten einen vollendet geschwungenen Bogen. Die Lippen sind
ganz schmal und es sieht aus, als wären die Konturen ihres Mundes von dem
berühmten Correggio gezogen. Inmitten der Bildnisse, die sie in der
Galerie Farnese umgeben, sieht sie wie eine Königin aus; es ist selten,
daß Majestät mit Heiterkeit vereint ist.
Nachdem sie acht volle Jahre im Kloster der Heimsuchung in der Stadt
Castro zugebracht hatte, wohin man damals die Töchter der meisten
römischen Fürsten schickte, kehrte Helena zu ihren Eltern zurück; aber sie
verließ das Kloster nicht, ohne für den Hochaltar der Kirche einen
prächtigen Kelch gestiftet zu haben. Kaum war sie nach Albano
zurückgekehrt, ließ ihr Vater um erheblichen Gehalt den berühmten, damals
schon sehr alten Dichter Cecchino kommen, der Helenas Gedächtnis mit den
schönsten Versen des göttlichen Virgil erfüllte und seiner großen Schüler
Petrarca, Ariost und Dante."
Hier fühlt sich der Erzähler gezwungen, eine lange Auseinandersetzung über
die verschiedenen Ehrenbezeugungen zu übergehen, welche das sechzehnte
Jahrhundert diesen großen Dichtern darbrachte. Es scheint, daß Helena
Latein verstand. Die Verse, welche man sie lehrte, sprachen von Liebe, und
zwar von einer Liebe, welche uns recht lächerlich vorkäme, wenn wir ihr
heute begegneten; ich meine die leidenschaftliche Liebe, welche der
größten Opfer bedarf, welche nur von Geheimnis umgeben bestehen kann und
der stets das schrecklichste Unheil nah ist.
Dies war die Liebe, welche Giulio Branciforte der kaum siebzehnjährigen
Helena einzuflößen verstand. Er war einer ihrer Nachbarn und sehr arm; er
bewohnte ein armseliges kleines Haus am Berg, eine Viertelmeile von der
Stadt, inmitten der Ruinen von Alba, am Rande des grünbewachsenen,
hundertfünfzig Fuß tiefen Trichters, der den See einschließt. Dieses Haus,
welches im tiefen, prachtvollen Schatten des Waldes von Faggiola lag, ist
zerstört worden, als man das Kloster von Palazzuola baute. Dieser arme
junge Mann hatte nichts für sich als seine lebhaft leichte Art und die
wirkliche Unbekümmertheit, mit der er sein trauriges Los trug. Was man
noch zu seinen Gunsten sagen konnte, ist, daß sein Gesicht ausdrucksvoll
war, ohne schön zu sein. Aber es hieß von ihm, daß er sich unter dem
Befehl des Fürsten Colonna und als einer von dessen bravi in zwei oder
drei höchst gefährlichen Unternehmen tapfer geschlagen hätte.
Trotz seiner Armut und trotzdem ihm die Schönheit fehlte, besaß er doch
nicht wenig in den Augen aller jungen Mädchen von Albano: ein tapfres
Herz, das zu gewinnen ihrer aller größter Ehrgeiz war. Überall gut
aufgenommen, hatte Giulio Branciforte bis zum Augenblick, als Helena aus
dem Kloster von Castro zurückkam, nur flüchtige Liebschaften gehabt.
Als bald darauf der große Dichter Cecchino aus Rom in den Palazzo
Campireali einzog, um dieses junge Mädchen in den schönen Wissenschaften
zu unterrichten, richtete Giulio, der ihn kannte, ein Gedicht in
lateinischen Versen an ihn, über das Glück, daß er in so ehrwürdigem Alter
so schöne Augen an die seinen gefesselt sehen durfte und eine so reine
Seele vollkommen glücklich machte, wenn er ihre Gedanken zu billigen
geruhte. Die Eifersucht und der Ärger der jungen Mädchen, denen Giulio vor
Helenas Rückkehr Aufmerksamkeiten erwiesen hatte, machten bald alle
Vorsicht, mit der er seine wachsende Leidenschaft zu verbergen suchte,
nutzlos; und ich muß gestehen, daß diese Liebschaft eines jungen Mannes
von zweiundzwanzig und eines jungen Mädchens von siebzehn Jahren in einer
Weise geführt wurde, welche die Klugheit nicht billigen kann. Bevor noch
drei Monate verstrichen waren, bemerkte Herr von Campireali, daß Giulio
Branciforte zu oft an den Fenstern seines Schlosses vorbeiging, das man
übrigens noch auf halber Höhe der Straße, die gegen den See führt, sehen
kann.
Die Freimütigkeit und Gradheit, die natürlichen Folgen der Freiheit, wie
sie die Republiken gewähren, und die Gewohnheit, ungebunden und
leidenschaftlich zu handeln, die einer Zeit entsprach, die noch nicht von
den Sitten der Monarchie eingeengt war, zeigten sich unverhohlen im ersten
Schritt des Herrn Campireali. Am gleichen Tag, da er sich durch das
häufige Erscheinen des jungen Branciforte verletzt fühlte, fuhr er ihn
hart mit diesen Worten an: "Wie wagst du es, unaufhörlich an meinem Hause
vorbeizugehen und unverschämt nach den Fenstern meiner Tochter
hinaufzuschauen, du, der nicht einmal Gewänder hat um sich zu bekleiden?
Wenn ich nicht fürchten müßte, daß mein Schritt von den Nachbarn mißdeutet
würde, schickte ich dir drei Goldzechinen, damit du dir in Rom einen
besseren Mantel kaufen könntest. Wenigstens würden meine und meiner
Tochter Augen nicht mehr so oft durch den Anblick deiner Lumpen beleidigt
sein."
Ohne Zweifel übertrieb Helenas Vater, denn die Gewänder des jungen
Branciforte bestanden nicht aus Lumpen; sie waren nur aus sehr einfachem
Stoff; allein, wenn sie auch sehr sauber und gut gebürstet waren, muß man
doch gestehen, daß ihr Aussehen auf langen Gebrauch schließen ließ.
Giulios Seele wurde durch die Vorwürfe des Herrn von Campireali so tief
erschüttert, daß er sich nicht mehr bei Tage vor seinem Hause zeigte.
Wie wir schon sagten, waren die beiden Bögen, Überreste eines alten
Aquädukts, welche dem vom Vater Brancifortes erbauten und seinem Sohn
hinterlassenen Hauses als Hauptmauer dienten, nur fünfhundert oder
sechshundert Schritt von Albano entfernt. Um von diesem hohen Punkt nach
der neuen Stadt hinabzusteigen, mußte Giulio am Palast der Campireali
vorbeigehen. Helena bemerkte bald das Ausbleiben dieses eigentümlichen
jungen Mannes, der, wie ihre Freundinnen sagten, jede andre Beziehung
aufgegeben hatte, um sich ganz dem Glück ihres Anblicks zu widmen.
An einem Sommerabend gegen Mitternacht stand das Fenster Helenas offen;
das junge Mädchen genoß die Brise des Meeres, die man auf dem Hügel von
Albano gut spüren kann, obwohl diese Stadt durch eine Ebene von drei
Meilen Breite vom Meer getrennt ist. Die Nacht war finster und die Stille
tief, man hätte ein Blatt fallen hören. Helena lehnte an ihrem Fenster und
dachte vielleicht an Giulio, als sie ein Etwas, das dem lautlosen Flügel
eines Nachtvogels glich, sanft an ihrem Fenster vorbeistreichen sah. Sie
zog sich erschreckt zurück. Der Gedanke, daß dieses Ding ihr von
irgendeinem Vorübergehenden dargebracht sein könnte, kam ihr nicht. Das
zweite Stockwerk des Palastes, wo sich ihr Zimmer befand, lag mehr als
fünfzig Fuß über der Erde. Aber plötzlich glaubte sie in diesem
sonderbaren Ding einen Blumenstrauß zu erkennen, der inmitten des tiefen
Schweigens vor dem Fenster, an dem sie lehnte, hin und her strich; ihr
Herz schlug heftig. Der Strauß schien ihr auf der Spitze von zwei oder
drei Rohrstöcken befestigt zu sein, einer Art großer Binsen, die dem Rohr
der römischen Campagna sehr ähnlich sind und Stiele von zwanzig bis
dreißig Fuß Höhe treiben. Die Schwäche des Rohrs und die ziemlich starke
Brise machten es Giulio einigermaßen schwer, seinen Strauß genau vor das
Fenster, an dem er Helena vermutete, zu halten. Außerdem war die Nacht so
finster, daß man auf solche Höhe von der Straße aus nichts erkennen
konnte. Unbeweglich an ihrem Fenster war Helena tief erregt. War es nicht
ein Geständnis, den Strauß zu nehmen? Sie hatte übrigens keins von den
Gefühlen, die ein Abenteuer dieser Art heute in einem jungen Mädchen der
besten Gesellschaft erwecken würde, das durch schöngeistige Erziehung auf
das Leben vorbereitet ist. Da ihr Vater und ihr Bruder Fabio zu Hause
waren, war ihr erster Gedanke, daß der geringste Lärm einen Büchsenschuß
auf Giulio zur Folge haben würde, und die Gefahr, der dieser arme junge
Mensch ausgesetzt war, erregte ihr Mitleid. Ihr zweiter Gedanke war, daß
er, obgleich sie ihn noch wenig genug kannte, das Wesen sei, das sie
dennoch nach ihrer Familie am meisten auf der Welt liebte. Schließlich
nahm sie nach einigen Minuten des Zauderns den Strauß, und als sie die
Blumen in dem tiefen Dunkel berührte, spürte sie, daß ein Brief am Stengel
einer Blume befestigt war; sie lief auf die große Stiege, um diesen Brief
beim Licht der Lampe zu lesen, welche vor dem Bild der Madonna brannte.
'Törichte!' schalt sie sich nach den ersten Zeilen, die sie vor Glück
erröten ließen, 'wenn man mich sieht, bin ich verloren und meine Familie
wird ohne Erbarmen diesen armen jungen Menschen verfolgen,' Sie kehrte in
ihr Zimmer zurück und zündete die Lampe an. Dieser Augenblick war köstlich
für Giulio, welcher -- beschämt über seinen Schritt, und als wollte er
sich selbst in der dunklen Nacht noch verbergen -- sich dicht an den
ungeheuren Stamm einer jener Eichen gedrängt hatte, die grün und bizarr
geformt, noch heute dem Palast Campireali gegenüber stehen. In seinem
Brief erzählte Giulio mit vollkommner Einfachheit die beschämende
Zurechtweisung, die er von Helenas Vater erhalten hatte. "Ich bin
allerdings arm," fuhr er fort, "und Ihr könnt Euch schwerlich das ganze
Ausmaß meiner Armut vorstellen. Ich habe nichts als mein Haus, das Ihr
vielleicht unter den Ruinen des Aquädukts von Alba bemerkt haben werdet;
rings um das Haus liegt ein Garten, den ich selbst bebaue und dessen
Früchte mich ernähren. Ich besitze auch noch einen Weinberg, der um
dreißig Scudi im Jahr verpachtet ist. Ich weiß wirklich nicht, warum ich
Euch liebe; sicherlich kann ich Euch nicht bitten, mein Elend zu teilen.
Und doch hat das Leben, wenn Ihr mich nicht liebt, keinen Wert mehr für
mich; es ist überflüssig, zu sagen, daß ich es tausendmal für Euch
hingeben würde. Und doch war dieses Leben vor Eurer Rückkehr aus dem
Kloster gar nicht unglücklich: im Gegenteil, es war von den glänzendsten
Träumen erfüllt. So kann ich sagen, daß der Anblick des Glücks mich
unglücklich gemacht hat. Sicher hätte ehemals kein Mensch auf der Welt
wagen dürfen, mir solche Worte zu sagen, wie die, mit denen Euer Vater
mich entehrte; mein Dolch hätte mir auf der Stelle Genugtuung verschafft.
Damals, mit meinem Mut und meinen Waffen, hielt ich mich aller Welt für
ebenbürtig, nichts ging mir ab. Jetzt hat sich alles geändert: ich kenne
die Furcht. Es ist schon zu viel des Schreibens; vielleicht verachtet Ihr
mich. Wenn Ihr dagegen, trotz der armseligen Gewänder, die mich bedecken,
etwas Mitleid mit mir fühlt, werdet Ihr bemerken, daß ich jeden Abend,
wenn es am Kapuzinerkloster auf dem Gipfel des Hügels Mitternacht läutet,
unter der großen Eiche versteckt bin, dem Fenster gegenüber, welches ich
unausgesetzt betrachte, weil ich vermute, daß dort Euer Zimmer ist. Wenn
Ihr mich nicht so wie Euer Vater verachtet, werft mir eine der Blumen des
Straußes herab; aber gebt acht, daß sie nicht auf ein Gesimse oder auf
einen Balkon Eures Hauses falle."
Dieser Brief wurde mehrmals gelesen; nach und nach füllten sich Helenas
Augen mit Tränen; sie betrachtete gerührt den prächtigen Strauß, dessen
Blumen mit einem sehr feinen Seidenfaden gebunden waren. Sie versuchte
eine der Blumen abzureißen, aber es gelang ihr nicht; dann ergriff sie
Reue. Unter den jungen Mädchen Roms glaubte man, daß durch das Abreißen
einer Blume oder durch irgendwelche Verstümmelung eines aus Liebe
gegebenen Straußes diese Liebe selbst getötet würde. Sie fürchtete, daß
Giulio ungeduldig werden möchte und lief zum Fenster; aber als sie dort
war, fiel ihr plötzlich ein, daß sie zu sichtbar sei, da die Lampe das
Zimmer mit Licht erfüllte. Helena wußte nicht mehr, welches Zeichen sie
sich erlauben sollte; es schien ihr, daß es keins gab, das nicht viel zu
viel sagte.
Beschämt lief sie wieder in ihr Zimmer zurück. Aber die Zeit verstrich und
plötzlich kam ihr ein Gedanke, der sie in unaussprechliche Verwirrung
stürzte: Giulio würde glauben, daß sie, wie ihr Vater, seine Armut
verachtete! Sie erblickte ein kleines kostbares Marmorstück, das auf ihrem
Tisch lag, band es in ihr Taschentuch und warf dies Taschentuch an den Fuß
der Eiche hinunter, die gegenüber ihrem Fenster stand. Dann machte sie ihm
Zeichen, daß er sich entfernen möge und hörte, daß Giulio gehorchte, denn
im Weggehen suchte er nicht mehr den Schall seiner Schritte zu dämpfen.
Als er die Höhe des Felsengürtels erreicht hatte, welcher den See von den
letzten Häusern von Albano trennt, hörte sie ihn Worte der Liebe singen;
sie winkte ihm Abschied, diesmal weniger schüchtern, dann begab sie sich
an seinen Brief, um ihn wiederzulesen.
Am nächsten Tag und auch an den folgenden, gab es Briefe und ähnliche
Zusammenkünfte; aber wie in einem italienischen Dorf alles bemerkt wird,
noch dazu Helena weitaus die reichste Partie des Landes war, wurde Herr
von Campireali aufmerksam gemacht, daß man jeden Abend nach Mitternacht im
Zimmer seiner Tochter Licht sehe, und was noch viel merkwürdiger sei, daß
das Fenster offen wäre und Helena dahinter stünde, als kenne sie gar keine
Furcht vor den Zanzare, jenen unangenehmen Stechmücken, welche die schönen
Abende in der römischen Campagna ganz verderben. Jetzt muß ich wieder um
die Nachsicht des Lesers ersuchen. Wenn man Lust hat, die Gebräuche
fremder Länder zu kennen, muß man sich auf ganz abgeschmackte, von den
unsrigen ganz verschiedene Anschauungen gefaßt machen.
Herr von Campireali brachte seine Flinte und die seines Sohnes in Ordnung.
Abends, als es 3/4 12 Uhr schlug, verständigte er Fabio, und alle beide
schlichen, so leise wie möglich, auf einen großen steinernen Balkon, der
sich im ersten Stock des Palastes gerade unter Helenas Fenster befand. Die
starken Pfeiler der Steinbalustrade deckten sie bis zum Gürtel gegen
Flintenschüsse, die man von außen gegen sie abfeuern könnte. Es schlug
Mitternacht; Vater und Sohn hörten unter den Bäumen, die ihrem Palast
gegenüber am Rand der Straße standen, ein leichtes Geräusch; aber zu ihrem
Erstaunen erschien kein Licht an Helenas Fenster. Dieses Mädchen das
bisher so arglos war und in der Lebhaftigkeit seiner Bewegungen ein Kind
zu sein schien, hatte einen anderen Charakter bekommen, seit es liebte.
Sie wußte, daß die geringste Unvorsichtigkeit das Leben ihres Geliebten
gefährdete; wenn ein Herr vom Ansehen ihres Vaters einen so armen Menschen
wie Giulio Branciforte tötete, würde er jeder Strafe ledig gehen, so er
nur für drei Monate nach Neapel verschwindet. Während dieser Zeit würden
seine Freunde in Rom die Angelegenheit ordnen und alles wäre mit der
Stiftung einer Silberlampe und einiger hundert Taler für den Altar der
Madonna, die gerade in Mode war, erledigt. Morgens beim Frühstück hatte
Helena in den Zügen ihres Vaters erkannt, daß er sehr aufgebracht war, und
aus der Art, wie er sie ansah, wenn er sich unbemerkt glaubte, schloß sie,
daß dieser Zorn zum großen Teil ihr galt. Alsbald machte sie sich daran,
ein wenig Staub auf die Schäfte der fünf prächtigen Flinten, die über dem
Bett ihres Vaters hingen, zu streuen. Sie bedeckte auch seine Degen und
Dolche mit einer leichten Staubschicht. Den ganzen Tag trug sie eine tolle
Ausgelassenheit zur Schau: sie durcheilte unaufhörlich das Haus von oben
bis unten und alle Augenblicke näherte sie sich den Fenstern, fest
entschlossen, Giulio ein abmahnendes Zeichen zu geben, wenn sie das Glück
hätte, ihn zu bemerken. Aber der arme Junge war durch den Verweis des
reichen Campireali so tief gedemütigt worden, daß er sich niemals bei Tage
in Albano zeigte; nur Sonntags führte ihn die Pflicht zur Messe. Helenas
Mutter, die sie anbetete und ihr nichts abzuschlagen wußte, ging dreimal
an diesem Tage mit ihr fort, aber es war vergeblich; Helena sah nichts von
Giulio. Sie war in Verzweiflung. Wie wurde ihr erst, als sie am Abend die
Waffen ihres Vaters wieder musterte und sah, daß zwei Flinten geladen und
fast alle Dolche und Degen in der Hand erprobt worden waren! Sie wurde von
ihrer tödlichen Unruhe nur durch die außerordentliche Anspannung
abgelenkt, die sie beobachten mußte, um nicht verdächtig zu erscheinen.
Als sie sich um zehn Uhr abends endlich zurückziehen konnte, verschloß sie
ihr Zimmer, welches auf das Vorzimmer ihrer Mutter hinausging; dann
kauerte sie sich dicht beim Fenster auf den Boden nieder, um nicht von
draußen bemerkt zu werden. Man stelle sich die Angst vor, mit welcher sie
die Stunden schlagen hörte: es war nicht mehr die Rede von den Vorwürfen,
welche sie sich oft machte, sich Giulio zu schnell gegeben zu haben, was
sie in Giulios Augen vielleicht weniger liebenswürdig erscheinen lassen
könnte. Dieser Tag brachte die Sache des jungen Mannes weiter, als sechs
Monate Treue und Beteuerungen. 'Wozu lügen?' sagte sich Helena, 'liebe ich
ihn nicht mit ganzer Seele?'
Um halb zwölf Uhr sah sie ganz deutlich ihren Vater und ihren Bruder auf
dem großen Steinbalkon unter ihrem Fenster Stellung fassen. Zwei Minuten,
nachdem es am Kapuzinerkloster Mitternacht geschlagen hatte, hörte sie
gleichfalls sehr gut die Schritte ihres Geliebten, der bei der großen
Eiche anhielt; sie bemerkte mit Freude, daß ihr Vater und ihr Bruder
nichts gehört zu haben schienen: es erforderte die Angst der Liebe, um ein
so leichtes Geräusch zu unterscheiden. 'Jetzt', sagte sie sich, 'werden
sie mich töten, aber um keinen Preis dürfen sie den Brief von heute Abend
bekommen; sie würden diesen armen Giulio auf ewig verfolgen,' Sie machte
das Zeichen des Kreuzes und indem sie sich mit einer Hand am Eisenbalkon
ihres Fensters festhielt, beugte sie sich so weit wie möglich zur Straße
hinaus. Nicht eine Viertelminute war verstrichen, als der Strauß, der wie
gewöhnlich an dem langen Rohr befestigt war, ihren Arm berührte. Sie
ergriff den Strauß, allein als sie ihn schnell von der äußersten Spitze
des Rohrs, auf der er befestigt war, abreißen wollte, geschah es, daß
dieses Rohr gegen den Steinbalkon anschlug. Im gleichen Augenblick lösten
sich zwei Flintenschüsse, auf die völlige Stille folgte. Ihr Bruder Fabio,
ungewiß in der Dunkelheit vermutend, es sei, was heftig gegen den Balkon
schlug, ein Seil, mit dessen Hilfe Giulio von seiner Schwester
herabsteige, hatte gegen ihren Balkon Feuer gegeben; am nächsten Morgen
fand sie den Eindruck der Kugel, welche sich auf dem Eisen breitgeschlagen
hatte. Herr von Campireali hatte auf die Straße gezielt; gerade unter den
Steinbalkon, weil Giulio beim Zurückziehen des Rohrs, das beinahe gefallen
wäre, etwas Geräusch gemacht hatte. Als Giulio das Geräusch über seinem
Kopfe hörte, erriet er, was folgen würde und hatte sich unter dem
Vorsprung des Balkons gedeckt.
Fabio lud schnell seine Flinte von neuem und lief, ungeachtet der
Vorstellungen seines Vaters, in den Garten des Hauses; öffnete geräuschlos
eine kleine Tür, die auf eine Seitenstraße führte, und schlich sich heran,
um die Leute, welche unter dem Balkon des Hauses vorbeigingen, ein wenig
zu mustern. In diesem Augenblick befand sich Giulio, der an diesem Abend
nicht allein war, zwanzig Schritt entfernt an einen Baum gelehnt. Helena,
die über ihren Balkon gebeugt um ihren Geliebten zitterte, begann alsbald
sehr laut mit ihrem Bruder, den sie auf der Straße hörte, zu sprechen; sie
fragte ihn, ob er die Diebe getötet habe.
"Glaub nicht, daß ich mich durch deine schändliche List täuschen lasse,"
schrie dieser ihr von der Straße aus zu, welche er in allen Richtungen
durchmaß, "aber halte deine Tränen bereit, denn ich werde den
Unverschämten, töten, der es wagt, sich deinem Fenster zu nähern."
Kaum waren diese Worte gesprochen, als Helena hörte, wie ihre Mutter an
die Tür ihres Zimmers klopfte.
Helena beeilte sich, ihr zu öffnen, indem sie sagte, daß es ihr
unbegreiflich wäre, daß die Türe verschlossen sei.
"Keine Komödie, teures Kind," sagte ihre Mutter, "dein Vater ist wütend
und kann dich vielleicht töten: komm zu mir in mein Bett, und wenn du
einen Brief hast, gib ihn mir, ich werde ihn verstecken.[sic! Fehlt: "]
Helena sagte ihr:
"Hier ist der Strauß, der Brief ist zwischen den Blumen versteckt."
Kaum waren Mutter und Tochter im Bett, als Herr Campireali ins Zimmer
seiner Frau eintrat; er kam aus ihrem Betgemach, das er soeben
durchgestöbert und wo er alles durcheinandergeworfen hatte. Was Helena
auffiel, war, daß ihr Vater, blaß wie ein Gespenst, mit Bedacht zu Wege
ging, wie jemand, der seinen Entschluß wohl erwogen hat. 'Ich bin tot!'
sagte sich Helena.
"Wir sind glücklich, Kinder zu haben," sagte ihr Vater, als er zitternd
vor Wut, aber den Schein vollkommener Kaltblütigkeit wahrend, am Bett
seiner Frau vorbei in das Zimmer seiner Tochter ging; "wir sind glücklich,
Kinder zu haben, statt dessen sollten wir lieber blutige Tränen vergießen,
wenn diese Kinder Mädchen sind. Großer Gott! Ist es wohl möglich! Ihre
Leichtfertigkeit kann einem Mann, der seit sechzig Jahren nicht den
mindesten Vorwurf auf sich geladen hat, die Ehre rauben."
Bei diesen Worten ging er ins Zimmer seiner Tochter.
"Ich bin verloren," sagte Helena zu ihrer Mutter, "die Briefe sind unter
dem Sockel des Kruzifixes neben dem Fenster."
Sogleich sprang ihre Mutter aus dem Bett und rannte zu ihrem Manne. Sie
begann ihm so schlecht wie nur möglich Vernunft zuzusprechen, um seinen
Zorn zum Ausbruch zu bringen, und es gelang ihr vollkommen. Der alte Mann
wurde wütend, er zerschlug alles im Zimmer seiner Tochter; aber die Mutter
konnte unbemerkt die Briefe an sich nehmen. Eine Stunde später, als Herr
Campireali wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, das neben dem seiner
Frau lag und im ganzen Haus Ruhe herrschte, sagte die Mutter zu ihrer
Tochter:
"Hier sind deine Briefe, ich will sie nicht lesen; du siehst, was sie uns
beinah gekostet hätten! An deiner Stelle würde ich sie verbrennen. Leb
wohl und küsse mich."
Helena ging, aufgelöst in Tränen, in ihr Zimmer zurück. Es schien ihr, daß
sie seit den Worten ihrer Mutter Giulio nicht mehr liebte. Dann machte sie
sich daran, seine Briefe zu verbrennen; aber sie mußte sie noch einmal
lesen, bevor sie sie vernichtete. Sie las sie so oft und so gründlich, daß
die Sonne schon hoch am Himmel stand, als sie sich endlich entschloß, den
heilsamen Rat zu befolgen.
Am nächsten Morgen, der ein Sonntag war, ging Helena mit ihrer Mutter zur
Messe; zum Glück folgte ihr Vater ihnen nicht. Der erste Mensch, den sie
in der Kirche bemerkte, war Giulio Branciforte. Mit einem Blick überzeugte
sie sich, daß er nicht verletzt war. Ihr Glück war am Gipfel. Die
Ereignisse der letzten Wochen lagen tausend Meilen zurück. Sie hatte sich
fünf oder sechs mit Bleistift beschriebene Billets vorbereitet, aus alten,
mit feuchter Erde beschmutzten Papierfetzen, wie man sie auf den Fliesen
einer Kirche finden kann; diese Billets enthielten alle die gleiche
Warnung:
'Sie hätten alles entdeckt, bis auf seinen Namen. Er möge nicht mehr in
der Straße erscheinen; man werde oft hierherkommen.'
Helena ließ eins dieser Zettelchen fallen: ein Blick belehrte Giulio, der
es aufhob und verschwand. Als sie eine Stunde später nach Haus
zurückkehrte, fand sie auf der großen Treppe des Palastes einen
Papierfetzen, der dadurch ihren Blick auf sich zog, daß er vollkommen
denen glich, deren sie sich selbst am Morgen bedient hatte.
Sie griff danach, ohne daß selbst ihre Mutter es bemerkte und las:
"In drei Tagen wird er von Rom zurückkehren, wohin zu gehen er gezwungen
ist. Man wird am hellen Tage singen, an den Markttagen, mitten im Lärm der
Bauern."
Diese Abreise nach Rom erschien Helena sonderbar. 'Fürchtet er die
Flintenschüsse meines Bruders?' sagte sie sich traurig. Die Liebe verzeiht
alles, nur nicht die freiwillige Abwesenheit. Dies ist die schlimmste
aller Qualen. Anstatt sich süßen Träumen zu ergeben und ganz damit
beschäftigt zu sein, alle Gründe zu erwägen, die man hat, um seinen
Geliebten zu lieben, ist das Leben von grausamen Zweifeln beunruhigt.
'Aber kann ich denn nach allem, was geschehen ist, glauben, daß er mich
nicht mehr liebt?' sagte sich Helena während der drei langen Tage, die
Brancifortes Abwesenheit dauerte. Plötzlich wich ihr Kummer einer
unsinnigen Freude: am dritten Tage sah sie ihn am hellen Mittag auf der
Straße vor dem Palast ihres Vaters erscheinen. Er trug neue und fast
prächtige Gewänder. Niemals waren die Vornehmheit seiner Haltung und die
heitere und mutige Unbekümmertheit seines Antlitzes vorteilhafter
hervorgetreten; nie allerdings hatte man auch vor diesem Tage so oft in
Albano von der Armut Giulios gesprochen. Es waren die Männer und besonders
die jungen Leute, welche dieses grausame Wort wiederholten; die Frauen und
vor allem die jungen Mädchen konnten sich in Lobeserhebungen über seine
gute Erscheinung nicht genug tun.
Giulio verbrachte den ganzen Tag damit, in der Stadt umherzuschlendern; es
machte den Eindruck, als ob er sich für die Monate der Haft, zu der ihn
seine Armut verdammt hatte, entschädigen wollte. Wie es einem Verliebten
zukommt, war Giulio unter seinem neuen Rock gut bewaffnet. Außer seinem
Degen und seinem Dolch hatte er sein giacco angelegt, eine Art Weste aus
geflochtenem Draht, welche sehr unbequem zu tragen war, jedoch diese
italienischen Herzen von einer traurigen Krankheit heilte, deren peinliche
Anfälle man in jenem Jahrhundert unaufhörlich erleben konnte; ich spreche
von der Furcht, an einer Straßenbiegung durch einen seiner wohlbekannten
Feinde getötet zu werden. An diesem Tage hoffte Giulio Helena zu begegnen;
übrigens hatte er auch einen gewissen Widerwillen, mit sich allein in
seinem einsamen Haus zu sein. Hier der Grund: Ranuccio, ein alter Soldat
seines Vaters, der unter diesem schon zehn Feldzüge in den Truppen
verschiedener Bandenführer und zuletzt des Marco Sciarra mitgemacht hatte,
war seinem Hauptmann gefolgt, als dessen Wunden ihn zwangen, sich
zurückzuziehen. Hauptmann Branciforte hatte seine Gründe, nicht in Rom zu
leben; er hätte dort die Söhne von Männern treffen können, die er getötet
hatte; selbst in Albano sorgte er vor, daß er nicht nur auf die Gnade der
regulären Autorität angewiesen sei. Anstatt ein Haus in der Stadt zu
kaufen oder zu mieten, zog er es vor, eins zu bauen, das so gelegen war,
daß man seine Besucher schon von weitem zu sehen vermochte. Er fand in den
Ruinen von Alba einen wundervollen Platz: man konnte von dort, ohne von
indiskreten Besuchern bemerkt zu werden, sich in den Wald zurückziehen, wo
sein alter Freund und Herr, der Fürst Fabrizio Colonna herrschte.
Hauptmann Branciforte kümmerte die Zukunft seines Sohnes wenig. Als er
sich, erst fünfzig Jahre alt, aber besät mit Wunden, vom Dienst zurückzog,
nahm er an, daß er noch zehn Jahre leben werde, und verbrauchte, nachdem
sein Haus gebaut war, jeden Tag den zehnten Teil dessen, was er aus den
Plünderungen von Städten und Dörfern zusammengerafft, und denen
beizuwohnen er die Ehre gehabt hatte.
Er kaufte den Weinberg, der jetzt seinem Sohn dreißig Taler Rente trug,
als Antwort auf den schlechten Scherz eines Bürgers von Albano, der ihm
eines Tages, da er erregt über die Interessen und die Ehre der Stadt
disputierte, zurief, daß es in der Tat einem so reichen Grundbesitzer, wie
er einer sei, wohl zustehe, den Eingesessenen Albanos Ratschläge zu
erteilen. Der Hauptmann kaufte den Weinberg und kündigte an, daß er noch
viele andre kaufen werde; später, als er den Spötter an einem einsamen Ort
traf, tötete er ihn mit einem Pistolenschuß.
Nach acht Jahren dieser Art des Lebens starb der Hauptmann; sein Adjutant
Ranuccio betete Giulio an; trotzdem nahm er, des Nichtstuns müde, wieder
Dienst in der Truppe des Fürsten Colonna. Oft besuchte er seinen Sohn
Giulio, wie er ihn nannte, und am Vorabend eines gefährlichen Angriffs,
den der Fürst in seiner Feste Petrella aushalten mußte, hatte er Giulio
mit zum Kampf genommen. Da er ihn sehr tapfer fand, sagte er:
"Du mußt wirklich toll und außerdem recht einfältig sein, daß du bei
Albano wie der letzte und ärmste seiner Einwohner lebst, während du mit
deinem Mut und dem Namen deines Vaters ein glänzender Soldat sein und dein
Glück machen könntest."
Giulio wurde durch diese Worte gequält; ein Priester hatte ihn Latein
gelehrt; aber da sein Vater über alles, was der Priester sonst noch sagte,
nur zu spotten pflegte, hatte er außer dem nicht das geringste gelernt.
Dafür hatte sich bei ihm, der wegen seiner Armut verachtet und in seinem
einsamen Haus ganz auf sich selbst angewiesen war, ein gesunder
Menschenverstand entwickelt, welcher durch seine gewagte Kühnheit selbst
Gelehrte in Erstaunen gesetzt hätte. Zum Beispiel schwärmte er, bevor er
Helena liebte, ganz ohne zu wissen, warum, für den Krieg; aber er hatte
einen Widerwillen gegen das Plündern, das doch in den Augen seines Vaters
und Ranuccios der kleinen lustigen Komödie glich, die auf die edle ernste
Tragödie folgt. Seit er Helena liebte, ließ ihn dieser gesunde
Scharfblick, den er sich durch seine einsamen Überlegungen angeeignet
hatte, Qualen erleiden. Diese früher so sorglose Seele wagte niemanden
wegen ihrer Zweifel um Rat zu fragen und war von Leidenschaft und Unglück
erfüllt. Was würde Herr von Campireali nicht alles sagen, wenn er Brigant
würde? Dann erst würde er ihm begründete Vorwürfe machen können. Giulio
hatte sich immer den Soldatenberuf als eine Sicherung für die Zeit
aufgehoben, wo er den Erlös der goldenen Ketten und andren Kostbarkeiten
ausgegeben haben würde, die er in der eisernen Kasse seines Vaters
gefunden hatte. Giulio hatte trotz seiner Armut gar keinen Skrupel, die
Tochter des reichen Herrn Campireali zu entführen, weil zu jener Zeit die
Väter ganz nach ihrem Belieben über ihr Gut verfügten, und sehr leicht war
es möglich, daß Herr von Campireali seiner Tochter nur tausend Taler als
einziges Erbe hinterließ. Aber ein andres beschäftigte die
Einbildungskraft Giulios aufs tiefste: erstens: in welcher Stadt würde er
die junge Helena unterbringen, wenn er sie ihrem Vater entführt und
geheiratet hatte; zweitens: mit welchem Geld würde er sie leben lassen?
Als ihm Herr Campireali den beißenden Tadel versetzte, der ihn so
empfindlich traf, war Giulio zwei Tage hindurch die Beute der Wut und des
heftigsten Schmerzes: er konnte sich weder entschließen, den alten Mann zu
töten, noch ihn leben zu lassen. Er verbrachte ganze Nächte weinend;
endlich entschloß er sich, Ranuccio zu befragen, den einzigen Freund, den
er auf der Welt hatte; aber würde dieser Freund ihn verstehen? Vergeblich
suchte er im ganzen Wald von La Faggiola nach Ranuccio; er mußte auf der
Straße von Neapel noch über Velletri hinaus gehen, wo Ranuccio einen im
Hinterhalt liegenden Trupp befehligte. Er lauerte dort mit einer
zahlreichen Schar auf den spanischen General Ruiz d'Avalis, welcher zu
Land nach Rom reiste, ohne daran zu denken, daß er kürzlich vor vielen
Leuten mit Verachtung von den Briganten des Colonna gesprochen hatte. Sein
Feldprediger erinnerte ihn gerade noch zur rechten Zeit an diese kleine
Begebenheit, und Ruiz d'Avalis zog es vor, ein Schiff rüsten zu lassen und
übers Meer nach Rom zu reisen.
Als der Hauptmann Ranuccio Giulios Erzählung gehört hatte, sagte er ihm:
"Beschreibe mir genau diesen Herrn Campireali, damit seine Unklugheit
nicht irgend einem guten Bürger Albanos das Leben kostet. Sobald die
Sache, die uns hier zurückhält, beendet ist, sei es gut oder schlecht,
wirst du dich nach Rom begeben und darauf bedacht sein, dich zu allen
Tageszeiten in Gastwirtschaften und an andren öffentlichen Orten zu
zeigen, denn man darf nicht, wegen deiner Liebe zur Tochter, gegen dich
Verdacht schöpfen können."
Giulio hatte große Mühe, den Zorn des alten Gefährten seines Vaters zu
beruhigen. Es blieb ihm nichts übrig, als ärgerlich zu werden:
"Glaubst du, daß ich deinen Degen brauche?" sagte er endlich. "Man sollte
meinen, daß ich selbst einen besitze! Ich wünsche einen verständigen Rat
von dir."
Ranuccio schloß die ganze Auseinandersetzung mit den Worten:
"Du bist jung, du hast keine Wunde, die Beleidigung war öffentlich; nun,
ein entehrter Mann ist selbst bei den Frauen verachtet."
Giulio sagte ihm, daß er mit sich noch darüber zu Rate gehen wolle, wonach
ihn gelegentlich verlange, und trotz des Drängens Ranuccios, der durchaus
darauf beharrte, daß er an dem Überfall auf den spanischen General
teilnehmen möge -- wobei man, wie er sagte, Ehren erlangen könne, ganz
abgesehen von den Dublonen -- kehrte er allein in sein Haus zurück. Dort
hatte er am Abend vor dem Tage, wo Herr von Campireali auf ihn schoß,
Ranuccio und seinen Korporal empfangen, die auf dem Rückweg aus der Gegend
von Velletri waren. Ranuccio hatte Mühe, die kleine eiserne Truhe zu
sehen, wo sein Herr, der Hauptmann Branciforte, ehemals die goldenen
Ketten und andre Schmucksachen einschloß, wenn es ihm nicht paßte, gleich
nach der Expedition ihren Erlös auszuheben. Ranuccio fand zwei Scudi
darin.
"Ich rate dir, werde Mönch," sagte er zu Giulio, "du hast alle Tugenden
dazu: die Liebe zur Armut, den Beweis haben wir vor Augen; die Demut: du
läßt dich auf offener Straße von einem Geldsack aus Albano beschimpfen.
Nun fehlen dir bloß noch die Heuchelei und der Bauch."
Ranuccio legte mit Gewalt fünfzig Dublonen in die eiserne Truhe.
"Ich gebe dir mein Wort," sagte er zu Giulio, "wenn binnen eines Monats
dieser Herr Campireali nicht mit allen Ehren, die seiner Vornehmheit und
seinem Reichtum gebühren, eingescharrt ist, wird mein Korporal, so wahr er
hier steht, mit dreißig Mann deine Hütte zerstören und deine armseligen
Möbel verbrennen. Es darf nicht sein, daß der Sohn des Hauptmann
Branciforte unter dem Vorwand der Liebe eine schlechte Figur in der Welt
macht."
Als Herr von Campireali und sein Sohn die beiden Schüsse abfeuerten,
hatten Ranuccio und der Korporal unter dem Steinbalkon Stellung genommen
und Giulio hatte die größte Mühe, sie zu verhindern, Fabio zu töten oder
mindestens zu entführen, als dieser unvorsichtig aus dem Garten trat, wie
wir schon erzählt haben. Die Erwägung, welche Ranuccio beruhigte, war
folgende: man soll nicht einen jungen Mann, der noch etwas werden und sich
nützlich machen kann, töten, während ein alter Sünder dabei ist, mit mehr
Schuld und zu nichts mehr gut als zum Begraben werden.
Am Morgen nach diesem Abenteuer schlug sich Ranuccio in die Wälder und
Giulio reiste nach Rom. Die Freude darüber, daß er sich mit den von
Ranuccio geschenkten Dublonen schöne Gewänder kaufen könnte, war durch
einen in seinem Jahrhundert ganz ungewöhnlichen Gedanken grausam getrübt,
der die hohe Bestimmung ahnen ließ, zu der er später gelangte. Er sagte
sich: 'Helena muß wissen, wer ich bin.' Jeder andre junge Mann seines
Alters und seiner Zeit hätte nur davon geträumt, sich seiner Liebe zu
erfreuen und Helena zu entführen, ohne im geringsten daran zu denken, was
in sechs Monaten aus ihr werden würde, und ebensowenig, welche Meinung sie
von ihm hegen könnte.
Nach Albano zurückgekehrt, erfuhr Giulio durch seinen Freund, den alten
Scotti, am gleichen Nachmittag, da er vor aller Augen in seinen schönen,
aus Rom mitgebrachten Gewändern glänzte, daß Fabio zu Pferde die Stadt
verlassen habe, um nach einem drei Meilen entfernten Gut zu reiten, das
sein Vater in der Ebene an der Küste besaß.
Später sah er, wie Herr Campireali in Begleitung von zwei Priestern den
Weg durch die prächtige grüne Eichenallee einschlug, welche den Rand des
Kraters krönt, auf dessen Grund der See von Albano liegt. Zehn Minuten
danach drang eine alte Frau dreist in den Palazzo Campireali ein, unter
dem Vorwand, schöne Früchte zu verkaufen; die erste Person, die sie traf,
war die kleine Kammerzofe Marietta, die intime Vertraute ihrer Herrin
Helena. Diese errötete bis ins Weiße der Augen, als sie einen schönen
Blumenstrauß empfing. Der in diesem Strauß verborgene Brief war
unermeßlich lang: Giulio erzählte alles, was er seit der Nacht der
Flintenschüsse erlebt hatte; aber aus einer eigentümlichen Scham heraus
wagte er nicht, das, worauf jeder andre junge Mann seiner Zeit stolz
gewesen wäre, zu gestehen: daß er der Sohn eines durch seine Abenteuer
berühmten Kapitäns war und selbst bereits in mehr als einem Kampf durch
seine Tapferkeit erprobt. Er glaubte stets die Betrachtungen zu hören,
welche diese Tatsachen dem alten Campireali eingeben würden. Man muß
wissen, daß im sechzehnten Jahrhundert die Mädchen -- einer gesunden
republikanischen Vernunft näher als heute -- einen Mann viel mehr seiner
Taten wegen schätzten, als wegen der zusammengescharrten Reichtümer oder
der berühmten Taten seiner Väter. Aber es waren hauptsächlich die jungen
Mädchen aus dem Volk, welche diese Anschauung hatten; die den reichen
Klassen oder dem Adel angehörten, hatten Angst vor den Briganten und
hielten, wie es sich schließlich versteht, Adel und Reichtum in hoher
Achtung. Giulio schloß seinen Brief mit folgenden Worten: "Ich weiß nicht,
ob die gefälligen Gewänder, die ich aus Rom gebracht habe, Euch die
grausame Beleidigung vergessen ließen, die mir kürzlich jemand wegen
meines armsäligen[sic! sonst einheitlich: armseligen] Äußern zugefügt hat,
den Ihr verehrt; ich hatte die Möglichkeit, mich schützen zu können, ich
hätte es tun müssen, meine Ehre verlangte es: ich habe es wegen der Tränen
nicht getan, welche meine Rache Augen gekostet hätte, die ich anbete. Dies
kann Euch beweisen, wenn Ihr zu meinem Unglück noch daran zweifeln
solltet, daß man sehr arm sein und doch edle Gefühle haben kann. Außerdem
muß ich Euch ein schreckliches Geheimnis enthüllen; es würde mir sicher
nicht schwer werden, es jeder andren Frau zu sagen; aber ich weiß nicht,
warum: ich zittre, wenn ich daran denke, es Euch zu bekennen. Es könnte in
einem Augenblick die Liebe, die Ihr zu mir fühlt, zerstören; keine
Versicherung von Eurer Seite würde mir genügen. Ich will in Euren Augen
die Wirkung lesen, welche dieses Geständnis hervorruft. An einem der
nächsten Tage werde ich Euch bei Anbruch der Nacht im Garten hinter dem
Palast sehen. Am gleichen Tag werden Fabio und Euer Vater abwesend sein:
sobald ich mir die Gewißheit verschafft haben werde, daß sie, trotz ihrer
Geringschätzung für einen armen schlecht gekleideten jungen Mann, uns
nicht dreiviertel Stunden oder eine Stunde des Beisammenseins zu rauben
vermögen, wird vor den Fenstern Eures Palastes ein Mann erscheinen, der
den Dorfkindern einen zahmen Fuchs vorführen wird. Später, beim Läuten des
Ave Maria, werdet Ihr in der Ferne einen Flintenschuß hören; in diesem
Augenblick nähert Euch der Mauer Eures Gartens und wenn Ihr nicht allein
seid, singt. Herrscht Schweigen, wird Euer Sklave zitternd vor Euren Füßen
erscheinen und Euch Dinge erzählen, die Euch vielleicht entsetzen werden.
In Erwartung dieses für mich entscheidenden und schrecklichen Tages, werde
ich nicht mehr versuchen, Euch um Mitternacht einen Strauß zu überreichen;
aber gegen zwei Uhr nachts werde ich singend vorübergehen und vielleicht
werdet Ihr vom großen Steinbalkon eine Blume fallen lassen, die von Euch
aus Eurem Garten gepflückt wurde. Dies sind vielleicht die letzten Zeichen
der Neigung, die Ihr dem unglücklichen Giulio geben werdet."
Drei Tage später waren Helenas Vater und Bruder auf das Gut geritten, das
sie am Ufer des Meeres besaßen; sie mußten etwas vor Sonnenuntergang
fortreiten, um gegen zwei Uhr nachts wieder zu Hause zu sein. Aber, als
sie den Heimritt antreten wollten, waren nicht nur ihre beiden Pferde,
sondern alle, die noch in der Farm waren, verschwunden. Sehr erstaunt über
diesen kühnen Diebstahl suchten sie nach ihren Pferden, die aber erst am
nächsten Tag im Hochwald, der ans Meer grenzt, gefunden wurden. Die beiden
Campireali, Vater und Sohn, waren genötigt, in einem von Ochsen gezogenen
Landfuhrwerk nach Albano zurückzukehren.
Als an diesem Abend Giulio vor Helena kniete, war es beinahe völlig
dunkel, und das arme Mädchen war sehr glücklich über diese Finsternis: sie
stand zum ersten Male vor dem Mann, den sie zärtlich liebte, der das sehr
wohl wußte, aber den sie noch nie gesprochen hatte.
Eine Beobachtung, die sie machte, gab ihr ein wenig Mut: Giulio war noch
bleicher und zaghafter als sie. Sie sah ihn zu ihren Füßen: "Ich bin
wahrhaftig außerstande, zu sprechen", sagte er ihr. Es folgten einige sehr
glückliche Augenblicke; sie sahen sich an, aber konnten kein Wort
hervorbringen und waren unbeweglich, wie eine sehr ausdrucksvolle
Marmorgruppe. Giulio lag auf den Knien und hielt eine Hand Helenas, sie
hatte das Haupt gesenkt und betrachtete ihn mit Aufmerksamkeit.
Giulio wußte wohl, daß er irgend etwas hätte versuchen müssen, wenn er den
Ratschlägen seiner Freunde, der jungen Lebemänner Roms, hätte folgen
wollen; aber dieser Gedanke entsetzte ihn. Er wurde aus diesem Zustand der
Verzückung, vielleicht dem höchsten Glück, das die Liebe geben kann, durch
das Bewußtsein aufgeschreckt: die Zeit verfliegt schnell, die beiden
Campireali nähern sich ihrem Hause. Er begriff, daß er mit seiner
gewissenhaften Seele kein dauerndes Glück finden könne, so lange er nicht
seiner Geliebten jenes schreckliche Geständnis gemacht habe, das seinen
römischen Freunden als große Dummheit erschienen wäre.
"Ich habe Euch von einem Geständnis gesprochen, welches ich vielleicht
nicht machen sollte", sagte er endlich zu Helena.
Giulio wurde ganz bleich, er sprach mühsam und als ob ihm der Atem fehlte,
weiter:
"Vielleicht sehe ich jetzt die Gefühle schwinden, deren Hoffnung mein
Leben ist. Ihr haltet mich für arm; das ist nicht alles: ich bin Brigant
und Sohn eines Briganten."
Bei diesen Worten fühlte Helena, die als Tochter eines reichen Mannes in
allen Vorurteilen ihrer Kaste aufgewachsen war, daß ihr übel wurde, sie
fürchtete umzusinken; 'welcher Kummer würde dies für den armen Giulio
sein!' dachte sie, 'er wird sich verachtet glauben,' Er lag vor ihr auf
den Knien. Um nicht zu fallen, stützte sie sich auf ihn, und fast im
gleichen Augenblick sank sie wie bewußtlos in seine Arme. Wie man sieht,
liebte man im sechzehnten Jahrhundert Genauigkeit in Liebesdingen. Dies
kam daher, daß nicht der Verstand diese Geschehnisse beurteilte, sondern
die Einbildungskraft sie fühlte und die Leidenschaft des Lesers sich an
der der Helden entzündete. Die beiden Manuskripte, denen wir folgen, und
besonders jenes, das einige dem florentinischen Dialekt eigentümliche
Wendungen aufweist, beschreiben mit den kleinsten Einzelheiten alle
Zusammenkünfte, welche auf diese folgten. Die Gefahr ließ in dem jungen
Mädchen keine Gewissenszweifel aufkommen. Oft war die Gefahr
außerordentlich, doch dadurch wurden diese beiden Herzen, welche alle
Eindrücke, die mit ihrer Liebe zusammenhingen, als Glück empfanden, nur
noch mehr entflammt. Öfters waren Fabio und sein Vater nahe daran, sie zu
überraschen. Sie waren wütend, weil sie sich gefoppt fühlten. Der
öffentliche Klatsch trug ihnen zu, daß Giulio Helenas Liebhaber sei und
sie konnten nichts bemerken. Fabio, heftig und ahnenstolz, schlug seinem
Vater vor, Giulio töten zu lassen.
"So lange er auf der Welt ist," sagte er, "läuft das Leben meiner
Schwester Gefahr. Wer schützt uns davor, daß unsre Ehre uns nicht im
ersten Augenblick zwingen wird, unsre Hände in das Blut dieser
Eigensinnigen zu tauchen? Sie ist zu solchem Unmaß von Verwegenheit
gelangt, daß sie ihre Liebe nicht einmal mehr leugnet; habt Ihr sie auf
Eure Vorwürfe anders antworten gehört, als mit einem verbissenen
Schweigen? Nun wohl, dieses Schweigen ist das Todesurteil für Giulio
Branciforte."
"Denk daran, was sein Vater war", antwortete Herr von Campireali. '[sic!
statt: "]Sicherlich ist es für uns nicht schwer, auf sechs Monate nach Rom
zu gehen und während dieser Zeit diesen Branciforte verschwinden zu
lassen. Aber wer sagt uns, daß sein Vater, der trotz all seiner Verbrechen
tapfer und freigebig war, -- freigebig genug, um viele seiner Soldaten
reich zu machen, während er selbst arm blieb -- wer sagt uns, daß sein
Vater nicht noch Freunde besitzt, sei es in der Schar des Herzogs von
Monte Mariano, sei es in der Truppe Colonna, welche oft die Wälder von La
Faggiola besetzt, die nur eine halbe Meile von uns entfernt sind? In
diesem Fall werden wir alle ohne Erbarmen umgebracht, du, ich und
vielleicht auch deine unglückliche Mutter."
Diese oft erneuten Unterhaltungen zwischen Vater und Sohn waren der Mutter
Helenas, Vittoria Carafa, nur zum Teil verborgen geblieben und brachten
sie zur Verzweiflung. Das Ergebnis der Unterhaltungen zwischen Vater und
Sohn war, daß es sich nicht mit ihrer Ehre vertrüge, den Klatsch, der in
Albano umging, ruhig dauern zu lassen. Da es nicht klug schien, diesen
jungen Branciforte verschwinden zu machen, der täglich unverschämter wurde
und jetzt sogar in seinen prächtigen Kleidern die Dreistigkeit so weit
trieb, an öffentlichen Orten das Wort an Fabio oder dessen Vater zu
richten, erübrigte nichts als einen der beiden folgenden Entschlüsse oder
vielleicht alle beide ausführen: die ganze Familie mußte nach Rom gehen,
Helena aber im Kloster der Heimsuchung in Castro untergebracht und so
lange dort belassen werden, bis eine passende Heirat für sie gefunden war.
Niemals hatte Helena ihrer Mutter ein Geständnis ihrer Liebe gemacht:
Mutter und Tochter liebten sich zärtlich, sie verbrachten ihr Leben
gemeinsam, und doch war nie ein einziges Wort über diesen Gegenstand
gesprochen worden, der sie beide fast in gleichem Maße beschäftigte. Zum
erstenmal verriet sich in Worten, was fast ausschließlich Gegenstand ihrer
Gedanken war, als die Mutter ihrer Tochter zu verstehen gab, man wolle
nach Rom übersiedeln und vielleicht sogar Helena für einige Jahre in das
Kloster von Castro schicken.
Diese Unterredung war von Vittoria Carafa unklug und ließ sich nur durch
die unsinnige Zärtlichkeit entschuldigen, welche sie für ihre Tochter
hegte. Im Übermaß ihrer Liebe wollte Helena ihrem Geliebten beweisen, daß
sie sich seiner Armut nicht schämte und daß ihr Vertrauen in seine
Ehrenhaftigkeit ohne Grenzen war. "Wer würde es glauben," ruft der
florentinische Chronist aus, "daß trotz so vielen gewagten
Zusammenkünften, im Garten und ein- oder zweimal sogar in ihrem eigenen
Zimmer, für die sie sich einem schrecklichen Tod aussetzten, Helena
unberührt war!" Durch ihre Tugend sicher, schlug sie ihrem Geliebten vor,
gegen Mitternacht den Palast durch den Garten zu verlassen, und den Rest
der Nacht in seinem kleinen, auf den Ruinen Albas erbauten Haus zu
verbringen, das mehr als eine halbe Stunde entfernt lag. Sie verkleideten
sich als Franziskanermönche. Helena war hoch gewachsen und glich, so
gekleidet, einem jungen Novizen von achtzehn oder zwanzig Jahren. Es ist
unbegreiflich und zeigt Gottes Finger, daß Giulio und seine Geliebte, als
Mönche verkleidet, auf dem engen, in den Felsen gehauenen Weg, der an der
Mauer des Kapuzinerklosters entlang führt, Herr von Campireali und seinem
Sohn Fabio begegneten, welche, von vier wohlbewaffneten Dienern gefolgt
und einem Pagen mit brennender Fackel voran, aus Castel Gandolfo
zurückkehrten, einem unweit am Ufer des Sees gelegenen Ort. Um die
Liebenden vorbeizulassen, stellten sich die Campireali und ihre Diener zur
Rechten und Linken dieses in den Felsen gehauenen Wegs auf, welcher etwa
acht Fuß breit sein mochte. Wieviel besser wäre es für Helena gewesen,
wenn man sie in diesem Augenblick erkannt hätte! Sie wäre durch einen
Pistolenschuß ihres Vaters oder ihres Bruders getötet worden und ihre
Marter hätte nur einen Augenblick gedauert: aber der Himmel hatte es
anders beschlossen. Superis aliter visum.
Man fügt dieser sonderbaren Begegnung noch einen Umstand hinzu, welchen
die Signora Campireali noch oftmals im höchsten Alter erzählt hat, als
fast Hundertjährige in Rom, vor Leuten, die selbst sehr alt waren; sie
haben es mir wiedererzählt, als meine große Neugierde sie über diesen
Gegenstand und über vieles andre ausforschte.
Fabio von Campireali, der ein junger auf seinen Mut stolzer Mann und
hochfahrend war, rief, als er merkte, daß der ältere Mönch weder seinen
Vater noch ihn grüßte, trotzdem er so nah an ihnen vorbeiging:
"Das ist ja ein Spitzbube von einem stolzen Mönch! Gott weiß, was er
außerhalb des Klosters sucht, er und sein Begleiter, zu so ungehöriger
Stunde! Ich weiß nicht, was mich abhält, ihre Kapuzen zu lüften, wir
würden sehen, wie sie ausschauen!"
Bei diesen Worten faßte Giulio nach seinem Dolch unter der Mönchskutte und
stellte sich zwischen Fabio und Helena. In diesem Augenblick war nicht
mehr als ein Fuß breit Raum zwischen ihm und Fabio; aber der Himmel befahl
es anders und besänftigte durch ein Wunder den Zorn dieser beiden jungen
Leute, die sich bald danach in noch anderer Nähe sehen sollten.
In dem Prozeß, den man in der Folge Helena von Campireali machte, wollte
man diesen nächtlichen Ausflug als einen Beweis ihrer Verderbtheit
darstellen; doch es war das Delirium eines jungen Herzens, das in ganz
unsinniger Liebe entflammt war, denn dies Herz war rein.