Männer und Frauen hüpften unter allen möglichen Verdrehungen umher,

die Frauen besonders liebten es ohne Rücksicht auf das Schamgefühl,

auf dem Kopf zu tanzen. Alles wirbelte durcheinander, man verschlang

Kieselsteine und glühende Kohlen, Frauen ließen sich von Männern den

aufgetriebenen Leib eindrücken (vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 178f.)

usw. Besonders auffällig war ein hinkender Abbé, der auf dem Grabmal

selbst stehend, als Virtuosenstück den »Karpfensprung« unermüdlich

ausführte und behauptete, daß dadurch sein kurzes Bein sich

verlängere. In dem allgemeinen Tanze hörte man ein »Seufzen, Heulen,

Deklamieren, Prophezeien und Miauen«.

Als der Unfug zu stark wurde, ließ König Ludwig XV. den Kirchhof

schließen und den Eingang bewachen, woher das witzige Epigramm stammt:

De par le roi défense à Dieu

De faire miracles en ce lieu.

Statt nun dadurch ein Aufhören der Seuche zu erzielen, brach sie

im Gegenteil jetzt allenthalben in mitten von Paris aus. Man sah

die Konvulsionäre in den Höfen und auf den Straßen, bis man sie

einsperrte, was in wenig Tagen 60 Geistliche ereilte.

Hierauf trat eine neue Form der merkwürdigen Seuche auf, indem die

Askese überhand nahm. Einige ältere Männer fasteten bis zu 40 Tagen,

davon 18 Tage absolut. Einer hatte sich einen Drehkrampf angewöhnt.

Auf dem einen Absatz drehte er sich während 1-1/2-2 Stunden täglich

blitzschnell herum -- bis zu 60 Touren in der Minute -- und las dabei

noch laut aus einem Erbauungsbuche. Eine Frau ließ sich über offenem

Feuer einige Minuten rösten, andere saugten die übelriechenden

gangränösen Geschwüre aus. Dann gab es wieder alle erdenklichen

Konvulsionen: Emporschnellen aus liegender Position, Krähen wie

Hähne, Bellen wie Hunde, unanständige Purzelbäume, auch Visionen,

Prophezeiungen und Wunderheilungen durch Händeauflegen kamen vor.

Die extravagantesten Formen nahm die Seuche gegen ihren Schluß

an. Da gab es sogenannte »Secours«, die die Frauen angeblich zur

Erleichterung mit sich vornehmen ließen und die darin bestanden, daß

der Leib mit Latten, bis zu 3000 mal, geschlagen wurde, daß der Kopf

in einer starken Schlinge eingeschnürt wurde, die mehrere Männer

zogen. Man warf ferner Personen in Tüchern in die Höhe, ließ Kopf und

Beine auseinander ziehen usw. usw. Und zwar nahmen jeweils mehrere

Männer zugleich diese Prozeduren an den Mädchen, ihren bizarren

Wünschen folgend, vor[10].

Nunmehr entstand eine _Manie, sich kreuzigen zu lassen_. Unter der

geistlichen Führung eines Herren De la Barre wurden vier Närrinnen

derart suggeriert, daß sie sich jeweils am Karfreitag vor einem

gewählten Publikum _ans Kreuz schlagen ließen_, wo sie eine Stunde

und darüber blieben. Dann zog man die Nägel heraus und die Wunden

hatten Zeit bis zur nächsten Prozedur zu verheilen. Das wichtigste

Suggestivmittel waren auch die oben schon kurz erwähnten »Secours«.

Sie bestanden in gewaltsamen Zerrungen des Körpers, Fausthieben auf

die Brust, taktmäßigem Dreschen des Kopfes mit den Fäusten (faire

le moulinet), das von vier bis fünf Personen an der Konvulsionärin

vorgenommen wurde, Pressen von Kopf und Bauch usw. Herr _de la Barre_

ließ seine Opfer auch mit Holzklötzen auf die Brust schlagen und

behauptete, daß sie _dadurch nicht verletzt wurden, um anzudeuten,

daß auch die Kirche aus allen Verfolgungen unberührt hervorgehe_.

Barre erzählte einem Augenzeugen von den Kreuzigungen: »Gott befiehlt

zuweilen zwei oder drei derselben (nämlich der Ekstatikerinnen),

eine zu Füßen der anderen zu kreuzigen. Man kann nicht umhin, davon

gerührt zu werden, denn es gewährt einen _wirklich recht hübschen

Anblick_.«

Aus dieser Äußerung geht sehr klar hervor, daß es dem geistlichen

Herren weniger um eine fromme Handlung, als um Befriedigung einer

perversen Wollust zu tun war. Seine Opfer aber handelten aus reiner

Dummheit.

Eine andere Gruppe von Närrinnen stand unter Geistlichen, deren

Anführer ein P. Cottu war. Sie wurden für die Kreuzigung am

Karfreitag ebenfalls durch »secours« präpariert, außerdem versuchte

man die von den Nägeln zu durchbohrenden Stellen durch Waschen mit

dem Wasser vom Grabe des heiligen Paris unempfindlich zu machen.

Merkwürdig ist, daß die Gekreuzigten angaben, keinen Schmerz zu

empfinden. Die soeur Françoise starb 1760, wie es scheint wesentlich

infolge der erlittenen »secours«. Auf dem Sterbebett wollte der

Pater Cottu ihr noch mit einigen secours-Hieben zu Hilfe kommen. Der

anwesende Arzt hinderte ihn daran. Eine Viertelstunde später war sie

eine Leiche[11].

Noch im Jahre 1823 trug sich etwas Ähnliches in _Wildensbuch_, einem

kleinen Weiler im Norden des Kantons Zürich zu. Die Hauptheldin war

_Margarete Peter von Wildensbuch_, ein junges Bauernmädchen. Sie

verstand es, ihrer Umgebung ihre religiösen Phantasien einzuflößen

und führte mit ihnen, bewaffnet mit allen möglichen Instrumenten,

Kämpfe gegen den Teufel und Dämonen auf. Als »heilige Gret« verehrten

sie die Landleute, wiewohl ihrem Seelenbunde mit einem ähnlich

veranlagten Schuster ein Kindlein entsprossen war.

Nach mancherlei tumultuarischen Szenen eröffnete Margarete am 15.

März 1823 den Ihrigen: Wenn Christus siegen und der Satan völlig

überwunden werden müsse, dann sei es notwendig, daß Blut fließe.

Zudem habe Gott ihr in der letzten Nacht große Dinge offenbart,

die heute zustande kommen müßten. Sie habe sich für viele Seelen

verbürgt, besonders für die ihres Vaters und ihres Bruders Kaspar.

Niemand dürfe sich jetzt weigern, sein Leben für Christus zu lassen.

Sie ließ nun in ihre Kammer ihre Anhänger und Anhängerinnen kommen,

zwölf an der Zahl, und das widerliche Schauspiel begann.

Zunächst machte sie der Umgebung klar, daß nunmehr Blut fließen

müsse, damit viele tausend Seelen gerettet würden. Sie befahl allen,

sich auf Brust und Stirn zu schlagen, damit dem Teufel die Gewalt

über sie genommen würde. Dann versetzte sie ihrem Bruder Kaspar mit

einem eisernen Keile so heftige Hiebe auf Kopf und Brust, daß er

ohnmächtig zu werden begann. Es fiel dem Dummkopf aber keineswegs

ein, sich zu wehren. Während sie losschlug, rief sie: »Sehet, wie

der Teufel die Hörner aus dem Kopfe des Kaspar hervordrängen will, --

sehet, wie sie aus der Brust herauskommen!« Und die fromme Gemeinde

sah es auch wirklich!

Sie ließ dann von ihrem übel zugerichteten Bruder ab, und behandelte

andere mit einem hölzernen Hammer. Das war aber nicht ausreichend.

Auf ihre Frage, ob die Anwesenden für die armen Seelen sterben

wollten, erhielt sie ein einstimmiges »Ja« zur Antwort. Sie begnügte

sich aber vorerst mit ihrer Schwester Elisabetha.

Diese schlug sich zunächst selbst mit einem hölzernen Schlägel

auf den Kopf, dann legte sie sich quer über das Bett und forderte

Margarete auf, sie sofort totzuschlagen. Sie wurde dann auch

erschlagen, nachdem die »heilige Gret« versprochen hatte, _sie am

dritten Tage wieder auferstehen zu lassen_. Sie ließ sich ohne einen

Laut des Schmerzes mit einem eisernen Keil den _Kopf zerschmettern_

und sagte noch unter den Todesstreichen: »Ich lasse mein Leben für

Christus.«

Grausiger war das Ende der »Heiligen« selbst. Neben der Leiche ihrer

Schwester auf dem Bette sitzend, schlug sie sich den Kopf blutig und

befahl ihrer Anhängerin Kündig, die auch beim Tode der Schwester

mitgewirkt hatte, ihr noch weitere Wunden beizubringen, denn

»Christus in ihr habe gegen seinen Vater für so viele tausend Seelen

Bürgschaft versprochen; erst jetzt müsse noch mehr Blut fließen;

sie müsse sterben und sich selbst opfern.« »Schlag zu, Gott stärke

deinen Arm!« rief sie der zögernden Freundin zu. Sie ließ sich dann,

ohne die geringste Äußerung von Schmerz, von der Kündig mit einem

Schermesser einen Kreisschnitt um den Hals und einen Kreuzschnitt

auf die Stirne machen.

Hierauf mußte die Kündig auf ihren Befehl, damit die Seelen erlöst

und der Satan überwunden werde, die _Kreuzigung_ an ihr vornehmen.

Sie legte sich auf Holzstücke und ließ sich von der Freundin, die sie

mit »Gott stärke deinen Arm« und der Verheißung nicht nur die tote

Schwester aufzuerwecken, sondern auch selbst nach drei Tagen wieder

aufzuerstehen, anfeuerte, Nägel durch Füße und Hände, durch jedes

Ellbogengelenk und durch die beiden Brüste schlagen. Eine andere

Närrin half dabei. Während der Kreuzigung rief sie unaufhörlich:

»Gott stärke deinen Arm! Ich fühle keinen Schmerz! Es ist mir

unaussprechlich wohl! Sei du nur stark, damit Christus überwinde.«

Als sie nun, ohne jegliche Schmerzäußerung, gekreuzigt war, forderte

sie, man solle ihr einen Nagel ins Herz schlagen, oder ihr den Kopf

spalten. Die Kündig versuchte ihr demgemäß ein Messer in den Kopf zu

treiben. Da es sich krümmte und sie gleich darauf begehrte, man solle

ihr den _Kopf einschlagen_, taten es die Kündig und ein weiterer

Anhänger mit einem Stemmeisen[12].

Wenige Jahre vorher, 1817, war in dem österreichischen Dorfe

_Ampfelwang_ etwas Ähnliches passiert. Veranlaßt war die fanatische

Bewegung durch den dortigen katholischen Pfarrer _Pöschl_, der

die Köpfe seiner Gemeinde mit närrischen Ideen von einer nahen

Judenbekehrung, dem bevorstehenden Ende der Welt und ähnlichem

füllte. Da er durch die Regierung versetzt wurde, sah sich die

Gemeinde, in der dieser Blödsinn Wurzel gefaßt hatte, gezwungen,

sich ein neues Haupt zu geben. Sie wählte sich also den Bauern

_Joseph Haas_, einen leidenschaftlichen Anhänger Pöschls, zum

geistlichen Führer. Dieser gewann in Kürze die ganze Gemeinde mit

Ausnahme einer einzigen Familie für seine Ideen.

Die Pöschelianer waren sich bald darüber klar, daß in dieser

Familie der Antichrist stecken müßte, weigerte sie sich doch den

gemeinschaftlichen Andachtsübungen beizuwohnen. Daß man sie deshalb

_umbringen mußte_, war selbstverständlich und es geschah auch unter

dem Zauberworte »der Herr will es«.

Doch man sann auf neue fromme Taten, wozu gerade die Karwoche die

beste Gelegenheit bot. Die Frage wurde aufgeworfen, ob Gott, da ihm

doch der für die Brüder erfolgte Tod Christi angenehm war, wohl auch

Gefallen daran finden würde, wenn ein Mitglied der Gemeinde für die

andern Brüder und Schwestern den Opfertod erlitte. Natürlich bejahte

man sie und beschloß durch das Los eines der Gemeindemitglieder

als Opfer zu bestimmen. Da zuerst der Führer Haas gezogen wurde,

man ihn aber für unentbehrlich hielt, warf man das Los zum zweiten

Male mit dem Erfolg, daß es auf ein 17- bis 18jähriges Mädchen

fiel. Es jubelte laut über die Gnade, für die Brüder und Schwestern

wie Christus sterben zu dürfen, nur _bat sie, ihr auch die Martern

Christi zuzufügen_. Man schneidet ihr den Kopf bis aufs Gehirn

auf, als sie aber, bisher jubelnd, nun zu wimmern begann, wurde

sie _völlig erschlagen_. Nun erwartete ihre Gemeinde betend ihre

Auferstehung gleich der Christi, da sie doch wie dieser gestorben

war. Vorher schnitt man ihr noch das Herz auf, um darin mystische

Figuren zu finden. Während die Gläubigen die Auferstehung erwarteten,

wurden sie verhaftet[13].

* * * * *

Zu den grausigsten Äußerungen der Dummheit gehört wohl unzweifelhaft

in neuerer Zeit die russische Sekte der _Skopzen_, d. h. der

Selbstverstümmler. Sie zählt mehrere tausend Anhänger, meistens

aus dem niederen Volke, besonders Soldaten, aber auch sehr reiche

Kaufleute, die große Geldsummen dafür, früher namentlich zur

Bestechung der Obrigkeit, hingeben. Sie berufen sich für ihren

Wahnwitz auf zwei Bibelstellen (Matth. 19, 12 und Luk. 23, 29),

wiewohl in der ersteren nur von Verschnittenen die Rede ist, ohne

jede Nutzanwendung, es in der zweiten aber heißt: »Die Zeit wird

kommen, wo man sagen wird: selig sind die Unfruchtbaren, die Leiber,

die nicht geboren, die Brüste, die nicht gesäugt haben.« Das ist

aber völlig genügend, und vielleicht noch weniger wäre es, denn die

Dummheit stellt sehr bescheidene Ansprüche an das Material, aus dem

sie ihre Schlüsse zieht.

Die eigentliche Lehre der Sekte nimmt an, daß der Sündenfall Adams

die geschlechtliche Vermischung gewesen sei, denn die Menschen

sollten sich nur durch »heilige Küsse« fortpflanzen. Aus dieser

ersten Sünde seien alle übrigen gekommen und die Welt sei jetzt sehr

verderbt. Die Hauptlehre Christi, die Erlösung, bestehe aber in

nichts anderem, als der »Feuertaufe«, d. h. der _Entmannung durch

glühendes Eisen_. Diese, jetzt durchs Messer ausgeführt, besteht

entweder in vollständiger Entfernung oder in Kastration, das »große

und kleine Siegel«. Damit verbinden sich chiliastische Ideen. Im

Anfange des 19. Jahrhunderts war ein gewöhnlicher Bauer Seliwanoff

der inkarnierte Christus und auch zugleich der Zar Peter III., der

nicht wirklich getötet worden sein soll. Dagegen ist der herrschende

Zar der Antichrist. Ferner fordern die Skopzen geheime Versammlungen,

in denen wildes Tanzen und Singen, inspiriertes, sinnloses Predigen

und wohl auch wirklich ekstatische Zustände die Hauptsache sind.

Die Neubekehrten werden dabei in narkotischen Schlaf versetzt und

dann entmannt, die Weiber verschneiden ihre Brüste. Geschlechtlicher

Verkehr ist die größte Sünde. Deshalb fluchen die Skopzen ihren

eigenen Eltern. Trotz aller Verfolgungen besteht die Sekte noch heute.

Eine sicherlich nicht minder furchtbare Sekte, wie die Skopzen, ist

in Rußland die der _Teufelsanbeter_, die dem Satan Opfer darbieten.

Ferner gibt es in Sibirien die _Morelschiki_, die es für ihre Pflicht

halten, sich »Gott ganz darzubieten« und sich in _ganzen Scharen

gegenseitig niederstechen und verbrennen_. Das taten im Jahre 1868

auf dem Gute eines Herrn von Gurieff an der Wolga 47 Männer und

Frauen gleichzeitig. Um 1870 sollen hundert, ja Hunderte auf diese

Weise zugleich gestorben sein.

Die Geißlersekte der _Chlysten_, die stündlich den Weltuntergang

erwartet, sowie das Reich des Antichrist, gerät unter wilden Tänzen

und Sängen in eine ekstatische Wut, wobei sie sich nicht nur selbst

furchtbar mißhandeln und durchpeitschen, sondern im Jahre 1869 sich

einmal auf die harmlosen Zuschauer stürzten und einige totprügelten.

Im Gouvernement Kiew bei Tiraspol weihten sich 25 Sektierer, beinahe

alle Bewohner eines Gehöftes, freiwillig dem Opfertod, indem sie

sich auf Anstiften einer Frau den Tod durch _Einmauernlassen_ und

_Verhungern_ gaben[14].

Noch am Ende des 19. Jahrhunderts bestand in unserem so gesitteten

und aufgeklärten Europa, nämlich in _Appelteren bei Amsterdam_ eine

Sekte, die mehrfach zu religiösen Zwecken geheime Morde begangen

haben soll. Gerichtlich konnten etwa 40 Mitglieder ermittelt werden.

Sicher ist, daß der Knecht Brinkman, in Diensten bei einem Bauern

Scherf, bei einer »Teufelsaustreibung« ums Leben kam. Man sprach

bei einer Versammlung dieser ultraorthodoxen Protestanten im Hause

Scherfs die Überzeugung aus, der Teufel sei im Hause und habe

speziell von Brinkman Besitz ergriffen. Zunächst soll Scherf nach dem

Beispiel Abrahams seine eigenen 5 Kinder als Opfer angeboten haben.

Da man sie aber nicht im Hause fand, so ging man um 1 Uhr nachts,

sofort nach Schluß der Sitzung, zu Brinkman, den man aus dem Schlafe

weckte. Scherf begann die _Teufelsbeschwörung_, worauf der Knecht mit

Stangen und Stöcken von allen _totgeschlagen wurde_. Am nächsten Tage

richtete man für die »Brüder und Schwestern« ein festliches Mahl her

und sang dabei zahlreiche religiöse Lieder. Bei der bald folgenden

Verhaftung gab der _Gemeindevorsteher_ Spiering an, _er habe die

feste Absicht gehabt, auch noch eines seiner Kinder zu opfern_[15].

Wer an den heute noch in der protestantischen theologischen Literatur

spukenden Teufelsglauben sich erinnert, wird sich nicht im mindesten

darüber wundern, daß Bauern das praktisch üben, was ihre Seelenhirten

theoretisch begründen.

Es läßt sich ja überhaupt nicht in Abrede stellen, daß _alle

diese Massendummheiten auf kirchliche oder biblische Einflüsse

zurückgehen_. Entweder wird eine kirchliche theoretische Forderung

praktisch und im großen Stile geübt, wie wir es bei den verschiedenen

Formen der Askese sahen. Oder es wird ein Beispiel aus der Geschichte

unserer Religion nachgeahmt, wie etwa die Kreuzigung Christi, oder

aber eine in den Evangelien enthaltene, oder auch nur angedeutete

Lehre wird weiter entwickelt. Dahin gehört der kirchlich -- vom

Katholizismus so gut wie vom Protestantismus -- sanktionierte und

in ein System gebrachte Hexen- und Teufelsglaube. Oder man beruft

sich, wie etwa die Skopzen, auf teils mißverstandene, teils isoliert

betrachtete und ganz einseitig, monomanisch, zur Lebensrichtschnur

gemachte Bibelstellen. Schließlich können die Skopzen sich mit dem

gleichen dogmatischen Recht auf ein Bibelwort hin verstümmeln, wie

das Papsttum auf ein anderes, seine Macht des Bindens und Lösens

aufbaut.

Es ist eben immer eine ungeheure Dummheit sich irgendeinem Ausspruch,

irgendeiner Autorität mit Kadavergehorsam zu unterwerfen, auf

Buchstaben und Worte zu schwören. Damit soll natürlich nicht gesagt

sein, daß es nicht auch sehr klug sein kann, sich die Weisheit und

Lebenserfahrung anderer zunutze zu machen. Aber maßgebend soll eben

doch stets die Art der Interpretation, die Kritik, die Beurteilung

des Falles, kurz der eigene gesunde Menschenverstand bleiben.

* * * * *

Ein anderer religiöser Gedanke, der auch auf die Bibel zurückgeht,

ist der des _tausendjährigen Reiches_. Ja, für die Wiederkehr

Christi können sich Gläubige sogar auf seine eigenen Worte berufen.

Da ist es nur natürlich, wenn sie für ihr Leben die Konsequenzen

daraus ziehen. Die Dummheit besteht eben auch hier wieder in der

willenlosen Unterordnung unter eine fremde Autorität. Aber auch diese

Willenlosigkeit, dieser freiwillige Verzicht auf Kritik, ist von den

Kirchen mit Feuer und Schwert gezüchtet worden, wie die Geschichte

der Glaubensverfolgungen lehrt. Ist aber einmal das eigene Urteil zum

Schweigen gebracht, ist der Fromme gezwungen mancherlei, was Vernunft

und Erfahrung widerspricht, unter dem Drucke kirchlicher Autorität

bedingungslos zu glauben, dann ist der Geist für die gläubige

Hinnahme _jeder_ Ungeheuerlichkeit entsprechend präpariert.

Übrigens hat die gewissenhafte Befolgung des »Wachet und betet« auch

manches Gute im Gefolge und die Verirrungen der Chiliasten sind im

Vergleich mit jenen, die wir oben kennen lernten, recht harmloser

Natur.

Einer solchen Form der Narretei huldigt eine Sekte in Amerika,

die sich _Shaker_ nennt und Mitte vorigen Jahrhunderts etwa 4000

Mitglieder zählte. Auch sie sind Chiliasten, unterscheiden sich aber

nicht unwesentlich von zahlreichen Glaubensgenossenschaften, die

gleichfalls an die Wiederkehr des Messias glauben, dadurch, daß sie

vom bereits erfolgten Eintritt dieses Zustandes fest überzeugt sind.

Und zwar war es ein weiblicher Messias, namens _Ann Lee_, in der

die Wiederverkörperung Christi zu erblicken ist. Diese Ann Lee, die

zu Bolton in Lancashire 1758 einer kleinen Gemeinde von Mystikern

beitrat und durch mancherlei Verfolgungen sich genötigt sah, im Jahre

1772 nach Amerika auszuwandern, ist als »Schwester und Braut Christi«

die einzige Heilige, die die Shaker verehren.

Die Lehre ist sehr einfach: Im Jahre 452 begann mit der Begründung

der päpstlichen Macht das Reich des Antichrists, das nach der

Offenbarung Johannis dem zweiten irdischen Auftreten des Heilandes

vorangehen soll. Seit der Reformation, die den »großen Drachen«

nicht tötete, sondern nur in zwei Teile zerriß, nahm dieses Reich

allmählich wieder ab. Während dieser Herrschaft des Antichrists war

der göttliche Geist Christi in den Himmel zurückgekehrt, um dort

seine »Wiederkunft in und mit der heiligen Braut, welche die Tochter

der ewigen Weisheit ist«, vorzubereiten. Anno 1747 ließ er sich auf

Ann Lee herab, um durch eine zweite Erlösung der Menschheit sein

tausendjähriges Reich zu gründen, in dem die Sünde keine Stätte hat.

Die friedliche, arbeitsame und überhaupt brave Gemeinde scheut vor

allem jeden geschlechtlichen Verkehr. Gott feiert sie durch tägliche

Tänze, nach flotten Melodien. Warum sollten allein die Beine den

Schöpfer nicht loben dürfen[16]?

Schlimmer war die _Millermanie_ in Amerika, die verursacht wurde

durch die Prophezeiungen eines gewissen _William Miller_ (geb. 1772,

[+] 1849) aus dem Staate Neu-York. Seit dem Jahre 1831 kündigte er

das Erscheinen des Herrn am Himmel an, sowie das Ende aller Dinge

für den März 1843. In Neu-York, Maine, Massachusetts und anderwärts

scharten sich Leute, denen er seine Wahnideen zu suggerieren

verstand, um ihn. Als _Adventisten_, wie sie sich im Glauben an

die Wiederkehr Christi in sichtbarer Gestalt nannten, verloren sie

alles Interesse an irdischen Dingen. Sie gaben ihre Geschäfte auf,

überließen zum Teil ihre Familien dem Elend, um in Versammlungen

zu beten und zu predigen und sich auf diese Weise für den großen

Tag vorzubereiten. Als dieser aber nicht eintraf, tröstete man

sich mit der Annahme, daß die Berechnung des Datums falsch sei und

die Prophezeiung sich am 22. November 1844 nach jüdischem Kalender

erfüllen müsse.

Manche Anhänger der Millersekte verfielen infolge der andauernden

religiösen Exaltation in unheilbare Geisteskrankheit, wähnten

sich im Himmel oder verzichteten auf Nahrung, weil sie nurnoch

die Kost der Engel benötigten. Als nun auch das zweite Datum

sich als falsch herausstellte, genügte selbst diese Enttäuschung

nicht, die Adventisten von ihrer Torheit zu heilen. Vielmehr war

die einzig bedeutsame Folge lediglich die, daß die Anhängerschaft

sich in mehrere Sekten spaltete. Noch heute gibt es in Amerika

gegen 65000 solcher sonderbarer Heiliger, während die europäische

Generalkonferenz im Jahre 1901 mit Stolz auf eine Gemeinde von 7700

Seelen blicken konnte[17].

Eine ebenbürtige Sekte gründete der gänzlich ungebildete Rademacher

_Kondrat Maljòwanni_ in Südrußland. Die Eltern dieses Analphabeten

waren Potatoren und er selbst bis zum 40. Lebensjahre dem Trunk

ergeben. Trotz oder wegen aller dieser Umstände gelang es ihm

in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine große und

begeisterte Gemeinde um sich zu versammeln. Auch er predigte den

nahen Weltuntergang und verstand es denen, die nicht alle werden,

klarzumachen, daß dieses Ereignis auf ihr Schicksal von günstigem

Einfluß sei. Sie gaben ihre Arbeit auf und verkauften oder

verschenkten ihr Eigentum.

Bei den gemeinsamen Andachtsübungen der Maljòwannisten kommt es unter

den Versammelten häufig zu hysterischen Anfällen. »Unter allgemeinem

Lärm, Geschrei und Durcheinander sieht man die einen hinstürzen wie

vom Blitze getroffen, andere entzückt oder kläglich schreien, weinen,

springen, in die Hände klatschen, sich selbst gegen die Stirn oder

vor die Brust schlagen, an den Haaren reißen, mit den Füßen stampfen,

tanzen, alle möglichen Töne und Rufe von sich geben, entsprechend

den verschiedenen Emotionszuständen wie Freude, Glück, Verzweiflung,

Furcht, Entsetzen, Erstaunen, Andacht, dem Ausdrucke psychischen

Schmerzes, der Geruchs- oder Geschmackswahrnehmung usw. Noch andere

ahmen Hundegebell, Pferdewiehern und sonstige Tiere nach[18].«

Besonders merkwürdig war bei dieser Erscheinung, daß Maljòwanni

es verstand, bei seinen Anhängern fast genau dieselben Wahnideen

hervorzurufen, die ihn selbst erfüllten. Er suggerierte zunächst

Personen aus seiner Umgebung, die eine gewisse Neigung zu religiöser

Exaltation besaßen, seine Wahnideen, und diese sorgten dann

ihrerseits für deren Weiterverbreitung. Diese psychopathische

Epidemie nahm schließlich einen so bedrohlichen Umfang an, daß nur

durch die Einmischung der russischen Regierung Einhalt getan werden

konnte.

Eine ganz analoge Bewegung haben wir im _Lazarettismus_ zu sehen.

Er ist als Erscheinung deshalb so interessant, weil er beweist, daß

noch heute, genau wie vor Jahrtausenden, ein religiöser Fanatiker

sein Publikum findet. Die Bewegung gewinnt an Bedeutung, wenn

man berücksichtigt, mit welcher Energie die katholische Kirche

Sonderbestrebungen zu bekämpfen weiß und nicht minder durch ihr

Auftreten auf dem uralten Kulturboden Italiens.

Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit · 第 16 / 19 段