Arcidosso geboren, seines Zeichens Karrenführer (barocciaio). Er
stammte aus einer Familie, in der religiöser Wahnsinn vorgekommen
war, besaß Intelligenz und war ein schöner, stattlicher Mann. Auf
eine Erscheinung der Madonna im Jahre 1866 hin, brachte er einige
Monate bei einem Einsiedler in Montorio Romano zu. Das Resultat
dieser frommen Zurückgezogenheit war ein Stigma an der Stirn,
bestehend in dem von Strahlen und Dornen umgebenen Herzen Jesu. War
er auch nicht gerade auf sehr wunderbare Weise zu diesem Zeichen
gekommen -- er hatte es durch Glüheisen und Tätowierung hervorgerufen
-- so läßt sich denken, daß es im gegebenen Moment seine Wirkung
nicht verfehlte.
Aus dem früheren Trinker und Flucher wurde durch religiöse
Halluzinationen ein Asket und Schwärmer, der zum Volke predigte und
durch Prophezeiungen, Versprechungen und Drohungen auf die ländliche
Bevölkerung großen Einfluß zu gewinnen verstand. So konnte er,
gefördert durch großes Selbstgefühl, zunächst die »Gesellschaft der
christlichen Familien«, die 80 Familien umfaßte, aus der Bevölkerung
von Monte Amiata gründen. Die Kolonie lebte unter Führung ihres
Propheten, für den sie sogar Frondienste tat, um ihn der profanen
Feldarbeit zu entheben, mehrere Jahre lang in genossenschaftlichem
Kommunismus.
Lazaretti begnügte sich nicht damit, immer geheimnisvoller zu
prophezeien und heftig auf alle Andersgläubigen, besonders die
Protestanten, zu fluchen, sondern ordnete auf dem Monte Labbro, den
er sich zum Sitze seines geistlichen Fürstentums erkor, den Bau eines
Turmes an. Seine Gemeinde widmete sich dieser Arbeit mit Feuereifer,
vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Wind und glühender Sonne
Steine tragend. Übrigens wurde der Turm nicht vollendet.
Der religiöse Wahnsinn zeigte bei Lazaretti immer groteskere Formen.
Er schrieb an den König von Italien, an die Fürsten der Christenheit,
umgab sich mit »Aposteln« und suchte in Äußerlichkeiten, so weit es
eben ging, Christus nachzuahmen. So hatte er seinem Apostel Petrus
als Symbol seines Amtes zwei Schlüssel aus Pappdeckel kreuzweise auf
die Brust geheftet.
Für den 18. August 1878 hatte Lazaretti ein Erdbeben vorherverkündet,
das alle, die nicht an ihn glaubten, verschlingen würde. Natürlich
sah seine Gemeinde mit Furcht und Hoffnung diesem Tage entgegen,
hatte er doch versprochen, sich um Mitternacht ihr in anderer Gestalt
zu zeigen. Immerhin war auch seine jetzige Erscheinung, wenigstens
in seinen und der Gläubigen Augen, ganz respektabel, denn er
beanspruchte »Symbol der neuen Reform des heiligen Geistes« zu sein.
Die Tragödie -- oder sollte es keine sein, wenn wir viele Hunderte
von Menschen einem Wahnsinnigen folgen sehen? -- ging ihrer
Katastrophe entgegen. Sprach er von sich als »Anführer und Richter
Christus in der wahren und lebendigen Gestalt der Wiederkunft unseres
Herrn Jesu Christi in diese Welt«, so war das natürlich Irrwahn.
Recht aber sollte er mit seiner düsteren Prophezeiung erhalten, er
sei das »Opfer, das für die Erlösung der Welt hingeschlachtet werden
mußte«.
Für die Mitte des August 1878 bereitete Lazaretti einen großartigen
Auszug vom Monte Labbro vor. Die Tage vom 14.-18. August wurden
mit Gebet, Predigt und Gottesdienst zugebracht und in ungezählten
Tausenden war die Umgebung herbeigeströmt, harrend der Dinge, die
da kommen sollten. Am Morgen des 18. August kam Lazaretti in die
Kirche, das rote Futter seines Mantels nach außen. Mit leiser und
feierlicher Stimme sagte er: »Dies ist ein Blutzeichen. Mein Blut,
das Blut des neuen Abel wird, ihr werdet es sehen, binnen kurzem
vergossen werden und wird sich mit dem heiligen Blut, das dort in
jenem Kelch ist, vermischen«. Als er an der Spitze des grotesken
Zuges aufbrach, trat ihm die Behörde mit der Aufforderung, sich
zurückzuziehen, entgegen. Er leistete keine Folge. Ein Steinhagel
überschüttete die Beamten und Karabinieri. Sie gaben Feuer. Als eines
der ersten Opfer fiel der Prophet.
Noch 1883 gab es Leute, die an die Wiederkunft des »heiligen David«
glaubten[19].
Einwohner des Ortes Korano bei Neapel sahen noch im Cholerajahr
1885 auf einem benachbarten Hügel, auf dem eine Kapelle stand,
die _Madonna_ in schwarze Gewänder gehüllt, für die Errettung
der Menschheit betend. Die Kunde von diesem Ereignis zog alsbald
solche Menschenmassen nach Korano, daß sich die italienische
Regierung veranlaßt sah, zur Verhütung weiterer Ausbreitung der
Halluzinationsepidemie den Hügel polizeilich abzusperren, und die
Kapelle zu beseitigen. Natürlich könnte sich jeden Tag wieder etwas
Ähnliches ereignen[20].
* * * * *
Daß die Dummheit auch in den gebildeten Kreisen Masseninfektionen
ermöglicht, lehrt die Geschichte der »_Königsberger Mucker_«.
In den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts erregte in Königsberg,
ausgerechnet in Königsberg, der Stadt Kants, eine Sekte berechtigtes
Aufsehen. Zwei Geistliche, der Archidiakon _Ebel_ von der
Altstädter Kirche, und der Prediger _Diestel_ von der Haberger
Kirche hatten sie ins Leben gerufen, und zwar ausschließlich aus den
höchsten Gesellschaftsschichten. Grafen und Barone, Gräfinnen und
Geheimrätinnen, Offiziere und ein jüdischer Professor hatten sich zu
Ebels Gemeinde die Bruderhand gereicht, und tatsächlich hatte dieser
dafür Sorge getragen, daß man auf seine Kosten kam.
Das Zeremoniell interessiert uns am meisten, denn die Lehre war
schließlich auch nicht viel dümmer, als manche offiziell vertretene,
und wenn sich Ebel als »_des Menschen Sohn_« feiern ließ, so will das
alles noch gar nichts besagen gegen die Art, in der dies geschah.
Es handelte sich natürlich um eine Geheimlehre. Da war vor allem die
Rangordnung wichtig, die Ebel in seinem Reiche einführte. Hinter
ihm, als Spitze, folgten drei Frauen, die Gräfin v. d. G. als Ebels
erste Frau im Geiste als »Lichtnatur«, Emilie v. S. als seine zweite
Frau im Geiste in der Eigenschaft als »Finsternisnatur« und endlich
seine angetraute Gattin als dritte Frau im Geist. Sie repräsentierte
die »Umfassung«. In psychischer und physischer Hinsicht stand
sie dem heiligen Ebel weit weniger nah, als seine vornehmen und
schönen Seelenbräute. Auf diese drei Frauen folgte dann in genauer
Rangordnung die übrige fromme Gemeinde.
Wo so viel vom Geist die Rede ist, darf natürlich der Körper
nicht darben. Und daß er das nicht tat, dafür hatte Ebel in
bewundernswerter Weise gesorgt. Da war zunächst die _Beichte_.
Die Angehörigen der engeren Gemeinde hatten von Zeit zu Zeit
zu beichten, und zwar nicht etwa Ebel selbst, sondern den drei
»Frauen im Geiste«. Worauf es hier besonders ankam, waren natürlich
geschlechtliche Sünden mit inbegriffen die einfache Gedankenunzucht.
»Je überströmender man in dieser Hinsicht war, je empörenderer
Ausdrücke man sich bediente,« so erzählt Professor _Sachs_ als
Eingeweihter, »desto höher wurde man gestellt, desto mehr als im
wahren Ernst der Heilung stehend, wurde man betrachtet. Schien
das Bekannte nicht wichtig, d. h. nicht arg genug, so erregte das
Unzufriedenheit und wurde ein Festhalten am Argen, ein Unterhandeln
mit dem Teufel, Lauheit, ärger als kalt und warm genannt, und nun
begann das heftigste und andringlichste Pressen auf andere und
geschärftere Bekenntnisse. Kamen solche hervor, so wurde Gott
gepriesen, der das Herz eines Verstockten erweicht hatte.«
Im Zeremoniell der Ebelschen Mysterien spielte der »_Seraphinenkuß_«
eine große Rolle. Er bestand darin, daß sich die Gläubigen
verschiedenen Geschlechts mit den Zungenspitzen berührten.
Doch gab es noch eine weit vollkommenere Methode zur stufenweisen
Läuterung und fortschreitenden Heiligung der Mitglieder dieser
frommen Gemeinde. Im wesentlichen bestand diese heilige Prozedur
darin, daß in den Versammlungen Frauen irgendwelche, für gewöhnlich
dem männlichen Anblick entzogene _Teile ihres Körpers entblößten_.
Die Männer hatten dabei die ihnen sicherlich nicht wenig sauer
fallende Aufgabe, die ganze Herrlichkeit ohne Empfindung von
Sinnenlust zu betrachten. Da das natürlich nicht so einfach war,
wurde eifrig geübt. Übrigens hat auch diese Art der Abtötung, wie
wir an anderer Stelle ausführten, in der von der Kirche gebilligten
»Askese« ihr Vorbild.
Die Erfolge der Methode waren, wie ja vorauszusetzen, glänzend. Sachs
schreibt darüber:
»Schon das unaufhörliche starke Küssen und Umarmen, das gang und
gäbe war, die ungenierte Art der körperlichen Annäherung auch da, wo
von geschlechtlichen Übungen zur Heilung keine Rede war, sondern die
zur gewöhnlichen Art des Zusammenseins gehörte (denn in Gegenwart
irgendeines Fremden, draußen Stehenden, trat das förmlichste und
zierlichste Zeremoniell ein), schon dies konnte nicht verfehlen, jene
Wirkung sinnlicher Erregung auszuüben, zumal viele der Frauen mit
vielen Reizen des Äußeren, wie des Geistes ausgestattet waren. Wer
etwa sagen wollte, es sei ihm hierin anders ergangen, von dem scheint
es mir, daß er sich belüge oder wenigstens täusche.«
Wir brauchen nicht die Versicherung des Mediziners Sachs, der in der
ganzen frommen Geschichte keine rühmliche Rolle spielte, um an der
Wirkung der Übungen nicht zu zweifeln.
Ebel hatte sich selbst eine besonders schwere Form des Gottesdienstes
vorbehalten: Zur Herstellung von einer Hautkrankheit besuchte er das
Seebad Tenkitten bei Fischhausen, wo ihn ein Teil seiner weiblichen
Gemeinde pflegte. Als ihn einst der behandelnde Arzt besuchen
wollte, wie er gerade im Bade saß, bemerkte er schon von weitem, daß
in dem nahe gelegenen Damenbad gebadet wurde. Kaum hatte man von
dort seine Annäherung wahrgenommen, als eine halb entkleidete Dame
ihm entgegenrannte und ihn beschwor, fern zu bleiben, weil _Ebel
gerade von den Damen gewaschen und gebadet würde_! Zehn bis zwölf
jüngere und ältere Damen standen entkleidet halb im Wasser um ihren
Oberpriester herum, um ihm »voll Eifer Hilfsleistungen zu tun, von
denen das Schamgefühl mit Unwillen sich abwendet«.
Daß Ebel sich auf so angenehme und billige Weise mit einem Harem zu
versorgen wußte, mag für seine Sittlichkeit nicht eben rühmlich sein,
jedenfalls macht es aber seiner Intelligenz alle Ehre. Was aber soll
man von den Damen seiner Gemeinde denken, die ohne Rücksicht auf
Schamgefühl und Standesbewußtsein sich bereitwillig seinen Wünschen
fügten!? Was von der Gräfin Ida v. d. G., einer jungen Witwe, die
durch Geburt, Charakter und Schönheit gleich ausgezeichnet war? Und
doch glaubte sie, ungeachtet ihrer hohen Bildung, in Ebel Gottes Sohn
verehren zu müssen. Sie glaubte es auch noch, als das Gericht über
die »Mucker von Königsberg« sein Urteil gefällt, Ebel seines Amtes
entsetzt und als sittlich verworfenen Menschen gebrandmarkt hatte.
Sie verließ ihn auch dann nicht und opferte ihm Stellung, Familie,
Vermögen, ja pflegte ihn bis an sein Ende (1861). Und zwar darf man
nicht annehmen, daß sie mit ihm im Konkubinat lebte, wenn auch eine
unbewußte Erotik sie sicherlich zu dem schönen Manne hinzog. Es war
pure Dummheit[21].
Ganz gewiß nicht intelligenter war die Gemeinde, die sich um den
_Henry James Prince_ in England scharte. Er hatte seinen weiblichen
Anhang so betört, daß er sich eines Tages folgendes leisten konnte:
in offener Versammlung kündete er an, »in der Kraft Gottes werde er
eine Jungfrau sozusagen zum Weibe nehmen, nicht mit Fürchten und
Schämen an geheimer Stelle und bei verschlossenen Türen, sondern
offen im Lichte des Tages und in Gegenwart aller Heiligen beiderlei
Geschlechtes. Gottes Wille sei es, daß er sie nehme und er werde
niemanden fragen, am wenigsten die Erwählte selbst. Welche er nehmen
würde, sagte er nicht. Die Jungfrauen sollten sich also bereit
halten, da niemand wissen könne, wann der Bräutigam käme. Zuerst
wollte er sie besiegeln mit einem Kuß, dann sie herzen und an sich
halten, so daß der himmlische Geist und das Ding von Erde miteinander
verwüchsen und fortan eins seien an Leib und Seele.«
Tatsächlich passierte das Unerhörte. An der von ihm gegründeten
»Stätte der Liebe« (Agapemone) _deflorierte er in offener Versammlung
der Gläubigen ein schönes Mädchen_ namens Miß Paterson!
Die Folge davon war, daß allerdings einige Mitglieder der Gemeinde
sich von Prince lossagten, _die Mehrzahl scharte sich aber um so
dichter um den Heiligen_!
* * * * *
Übrigens hatte er in Norddeutschland einen Vorläufer gehabt in der
Person des Johann Paul Philipp _Rosenfeld_ (geb. 1731). Wiewohl aus
guter Familie stammend, trieb er sich in bettelhafter Kleidung
als Vagant herum, da seine Faulheit ihn an der Ausübung eines
Berufes hinderte. Da kam er auf den Gedanken, die Dummheit als
unerschöpfliche Goldader auszubeuten, und er sollte glänzenden
Erfolg haben. Durch geheimnisvolle Andeutungen über seine Person,
Prophezeiungen, Angriffe auf Geistlichkeit, Taufe, Kirchenbesuch,
weltliche Obrigkeit usw. usw. verstand er es, sich in bengalische
Beleuchtung zu setzen und den Landleuten den Glauben beizubringen,
er sei der wahre Messias und Gottessohn. Er stellte ihnen das ewige
Leben schon auf Erden in Aussicht, doch war daran eine Bedingung
geknüpft. Er erklärte, die Schlüssel zum verschlossenen Paradies zu
besitzen, sowie das »Buch des Lebens, das nach der Beschreibung in
der Offenbarung Johannis mit sieben Siegeln versiegelt sei. Um das
Erlösungswerk zu vollenden, müsse er die Siegel öffnen und dazu müsse
er sieben Jungfrauen haben«.
Seine Anhänger, höchst ehrbare, wenn auch, im Gegensatz zum
Königsberger Fall, ungebildete Leute, waren gern bereit, ihm diesen
bescheidenen Wunsch zu erfüllen, doch waren unter der damaligen
Gemeinde in Prenzlow (Brandenburg) keine sieben Jungfrauen
aufzutreiben und so mußte die Zeremonie verschoben werden.
Daß Rosenfeld im Jahre 1769 ins Irrenhaus, ein Teil seiner Gemeinde
nach Spandau gebracht wurde, schürte den Glaubenseifer nur an und
trug zur Vermehrung der Anhängerschaft bei. Er hatte nunmehr den
Hauptsitz seiner Tätigkeit nach Biesental verlegt und bewirkt,
daß die Rosenfeldianer aus friedlichen Bürgern zu Fanatikern
und Radaubrüdern geworden waren. Sie bedrohten ihren Pfarrer und
veranstalteten 1770 einen förmlichen Tumult.
Rosenfeld hatte im Irrenhaus seinen Plan der Siegeleröffnung
keineswegs aufgegeben. Unter seinen getreuesten Anhängern befand
sich auch der Schäfer Gumto aus Mecklenburg-Schwerin. Ihm gegenüber
hatte er sein Inkognito gelüftet und sich Gumto und dessen Frau als
_wahrer Heiland_ vorgestellt, dem zur Öffnung des Buches mit sieben
Siegeln nur eine Kleinigkeit, nämlich die besagten sieben Jungfrauen,
fehlten. Da Gumto drei Töchter hatte, so machte ihm Rosenfeld klar,
daß unter den von Anbeginn der Welt zur Entsiegelung bestimmten
Jungfrauen auch sie sich befänden. Würde der Schäfer sie ihm nicht
ausliefern, dann würden alle Seelen über ihn »Ach« schreien.
Die Vorstellung der über ihn »Ach« schreienden Seelen machte
begreiflicherweise auf den Schäfer den tiefsten Eindruck. Er wollte
durch seine Weigerung nicht eine schreckliche Schuld auf sich laden
und war bereit die drei Töchter auszuliefern. Aber sie waren leider
noch zu jung! Doch die Zeit verging schnell und Rosenfeld befahl aus
dem Irrenhaus -- das man sich darnach als ein recht fideles Gefängnis
vorstellen muß -- dem Ehepaar Gumto, die älteste 15jährige Tochter
ihm zuzuführen.
Die Frau übernahm die Überbringung und schärfte der Tochter unterwegs
ein, den Befehlen des Propheten ja genau zu folgen, sonst wäre sie
ewig verflucht, da sie ja schon von Geburt an zu einer der sieben
Jungfrauen erkoren sei. Unterwegs nahm man noch einen Mann und eine
Frau, ebenfalls Rosenfeldianer, mit, um der bevorstehenden Zeremonie
mehr Weihe zu verleihen.
»In der Dämmerung kamen die vier Personen im Irrenhaus an und wurden
vom Türhüter in eine besondere Stube gewiesen. Rosenfeld, von ihrer
Ankunft benachrichtigt, erschien. Er fragte das Mädchen, ob sie eine
_Braut Christi_ werden wolle? Sie antwortete: Ja! Er fuhr fort:
So müsse sie auch alles tun, was er von ihr verlange. Ob sie das
aufrichtig wolle? Als das Kind auch hierauf ja antwortete, _legte er
sie auf ein dastehendes Bett und vollzog den Beischlaf mit ihm im
Angesicht der gegenwärtigen Personen_, nämlich der _eigenen Mutter_,
ihres nachmaligen Schwagers Lüdemann und einer Frau Naumann.«
Auf Grund günstiger Berichte über seine Aufführung(!) im Irrenhaus
wurde Rosenfeld im März 1771 aus der Irrenanstalt entlassen und
ließ sich 1775 dauernd in Berlin nieder. Hier verlangte er nun zum
Erlösungswerke von seinen Anhängern die sieben Jungfrauen. Man fand
das ganz selbstverständlich und außer den drei Töchtern Gumtos
lieferte ihm noch der Weber Glanz aus Biesental zwei und ein anderer
Anhänger, namens Meyer die beiden letzten.
Die armen Kinder behandelte er nun wie Sklavinnen, die er nach Laune
rief und fortschickte und im übrigen vom Morgen bis zum Abend für
ihn arbeiten ließ. Während er eine der sieben liebte und mit ihr
drei Kinder erzeugte, verhütete er Nachkommenschaft bei den sechs
anderen, die diesen faulen Wollüstling durch ihrer Hände Arbeit
ernähren mußten. Als eine der armen geplagten und halb verhungerten
Geschöpfe aus Hunger und Kummer zu ihrer Mutter floh, genügte die
Drohung Rosenfelds, wenn sie nicht zurückkehre, gehöre sie nicht zu
den sieben glücklichen Jungfrauen, sondern sei ewig verdammt und
verloren, um die Mutter zu veranlassen, die Tochter zur Rückkehr zu
zwingen. Zwei der Jungfrauen starben, zwei Töchter Gumtos heirateten
Rosenfeldianer. Niemand beschwerte sich.
Endlich im Jahre 1780 leitete Gumto eine Klage gegen Rosenfeld ein,
da er seine messianischen Verheißungen nicht erfüllt habe, wiewohl
der Kläger 15 Jahre sein treuer Anhänger war, ihm drei Töchter
auslieferte und in Armut, Spott und Verachtung gefallen sei. Er
bat Friedrich den Großen, Rosenfeld zu prüfen, ob er wirklich der
rechte Messias sei. Gumto erklärte aber in der Eingabe, »daß, was
an ihm sei, er sich nach der Schrift und nach der Vernunft _völlig
überzeugt habe, daß Rosenfeld wirklich der sei, für den er sich
ausgebe_, nämlich _der gerechte und lebendige Gott_!« Natürlich hatte
der Schwindler jetzt ausgespielt und mußte mit Staupenschlag und
lebenslänglicher Festungshaft seine Verfehlungen büßen[22].
* * * * *
Eine einfache, aber raffinierte Schuhmachersfrau namens _Ulbricht_
gründete in einem Dorfe in der Nähe Dresdens eine religiöse Sekte,
die 1887 70 Mitglieder zählte. Sie verbreitete den Grundsatz des
Kommunismus und das Gebot der geschlechtlichen Abstinenz, auch bei
Verheirateten. Sie gab vor »Sendbotin Christi« zu sein, hatte öfter
göttliche Inspirationen, in welchen sie mit geschlossenen Augen (die
aber dann mit blauer Brille verdeckt waren), sich in einer Art länger
dauernder ekstatischer Hypnose zu befinden schien und erteilte in
diesem Zustande der Gemeinde detaillierte Weisungen über die Art, in
der sie ihr, der Prophetin, _ihr Vermögen anzuvertrauen hätten_. Das
geschah auch wirklich und einzelne lieferten ihr den ganzen Besitz,
bis zu 30000 Mark aus. Von den Mitgliedern der Sekte reisten mehrere
im Lande herum und heilten Kranke durch Händeauflegen.
Endlich wurde ein Bauer mißtrauisch, zeigte die Frau an und führte
ihre Verhaftung herbei. Die Ulbricht legte ein volles Geständnis
ab und bekannte, daß sie als ehemaliges spiritistisches Medium die
Praktiken zur Täuschung der Bauern erlernt habe. Wegen Betruges wurde
sie zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
Merkwürdig und für die unüberwindliche Macht der Dummheit Zeugnis
ablegend ist nun die Tatsache, daß sie nach ihrer Rückkehr aus der
Strafhaft _von der Mehrzahl ihrer Gläubigen wieder als Prophetin
anerkannt wurde_ und daß die Sekte noch 1898, vielleicht auch heute
noch, fortbestehen konnte[23].
* * * * *
Wohl die harmloseste Form, in der die religiöse Dummheit sich der
Massen bemächtigen kann, ist die der Wut zu predigen.
In Schweden trat in den Jahren 1840 und 1841 diese merkwürdige
religiöse Volkskrankheit auf und verbreitete sich über _mehrere
tausend Personen_. Bei jeder kleinen Aufregung begannen lokalisierte
Zuckungen im Körper oder Gesicht und es folgte der unwiderstehliche
_Drang zu predigen_, d. h. von den Visionen, die die guten Leute
erfüllten, zu berichten, vor Laster, Trunk und Lüge usw. zu
warnen. Das Volk nannte daher diese hystero-epileptische Seuche
»_Predigerkrankheit_«[24].
Nach dem Vorangehenden wird niemand mehr bezweifeln, daß auch
heute noch, trotz aller Aufklärung, Bildung und »Kultur« ähnliche
Vorkommnisse möglich sind. Ja, vor wenigen Jahren erst, 1907, hat
sich eine derartige _Schwärmerbewegung_ gezeigt und zwar _in Hessen_.
In Kassel und dessen weiterer Umgebung versammelten sich religiös
erregte Volksmassen, um zwei Norwegerinnen, die behaupteten, die Gabe
des Zungenredens von Gott zu besitzen und vom Evangelisten _Heinrich
Dallmayer_ nach Kassel gebracht worden waren, zu lauschen. Die beiden
Damen schrien zwar nur in unverständlichen Tönen und gaben vor, daß
es der Geist Gottes sei, der aus ihnen rede. Das genügte aber der
frommen Gemeinde, die sich zuerst im »Blauen Kreuz« zusammenfand,
vollständig als Befähigungsnachweis. Man feierte sie also als
Prophetinnen. Aber das Zungenreden wirkt ansteckend. Kaum hört die
Versammlung die mit wildem Enthusiasmus hervorgestoßenen Worte,
als sich auch schon neue Zungenredner melden. Die Norwegerinnen
verschwinden von der Bühne und der Hexensabbat beginnt.
Als Großalmerode, das von dieser heiligen Sekte hörte, eine
Deputation in die Kasseler Versammlung geschickt hatte, kann sie
sich, in die Heimat zurückgekehrt, eines Zungenredners rühmen. Auch
dieser wirkte Wunder, denn nach wenigen Tagen gab es in Großalmerode
ein halbes Dutzend, ja Dutzende, die diese Gabe zu besitzen
behaupteten, und in Bälde galt es sogar als höchst auffallend, wenn
ein junges Mädchen, ein halbwüchsiger Bursche, nicht ebenfalls
zungenredeten.
Die Symptome nun, die sich überall, denn Großalmerode war keineswegs
der einzige Schauplatz dieses Blödsinns, gleichmäßig zeigten, waren
folgende: Wenn die Stunde gekommen ist, verfällt der Zungenredner
in einen regelrechten Krampf. Mit leichten Zuckungen beginnend,
endet er mit den wildesten Gliederverrenkungen. Die Gesichter sind
verzerrt, die Augen starr, die Arme werden wild und sinnlos durch
die Luft gewirbelt und der ganze Körper schüttelt sich rhythmisch,
wie in furchtbaren Wehen. Das Knacken der Glieder und ein wüstes,
schauerliches Zähneklappern bildet die Begleitmusik. Dann hört man
wieder jammervolles Stöhnen, Seufzen und Schluchzen, das nur von
einzelnen mehr geheulten, als gesprochenen Gebetsrufen unterbrochen
wird.
Das ist der Auftakt. Nunmehr beginnt plötzlich und gewaltsam
das eigentliche Zungenreden. Eine Anzahl unverständlicher Laute
wird ungestüm in die Versammlung geschleudert. Meistens sind es
komplizierte und verworrene Orakelsprüche. Ein Ohrenzeuge hat
einen der einfachsten Sätze festgehalten. Er lautet: »Schallo mo,
dall badbad wotschikrei.« Die meisten lassen sich aber in unserer
Buchstabenschrift gar nicht wiedergeben.
Ein Mädchen hatte es sich bequemer gemacht, indem es in seiner
Besessenheit immer »toje, toje, toje ... to« schrie. Das genügte aber
auch vollständig den Offenbarungssuchern und ließ sich als höhere
Weisheit unschwer interpretieren.
Denn das Zungenreden allein tut es nicht. Die goldenen Sprüche
müssen erst durch einen Ausleger der misera plebs verdeutlicht und
verdeutscht werden. Daß dieser Interpret sich nicht viel anders
benimmt, als die Zungenredner, ist sicher eher dazu angetan seine
Autorität zu erhöhen, als zu vermindern.
Übrigens setzte sich die Versammlung ganz systematisch durch
stundenlanges Knien verbunden mit der Monotonie des ewigen Betens,
Seufzens und Jammerns, die dann plötzlich durch die tollen Ausbrüche
der Zungenredner unterbrochen wurde, in eine seltsame, für alles
Mystische empfängliche Stimmung. Dazu kam die von Augenblick zu
Augenblick geschickt gesteigerte Erwartung, daß nunmehr etwas
besonders Großartiges sich ereignen müsse.