Der Vater der zu betrachtenden Sekte war _David Lazaretti_, 1834 in

Arcidosso geboren, seines Zeichens Karrenführer (barocciaio). Er

stammte aus einer Familie, in der religiöser Wahnsinn vorgekommen

war, besaß Intelligenz und war ein schöner, stattlicher Mann. Auf

eine Erscheinung der Madonna im Jahre 1866 hin, brachte er einige

Monate bei einem Einsiedler in Montorio Romano zu. Das Resultat

dieser frommen Zurückgezogenheit war ein Stigma an der Stirn,

bestehend in dem von Strahlen und Dornen umgebenen Herzen Jesu. War

er auch nicht gerade auf sehr wunderbare Weise zu diesem Zeichen

gekommen -- er hatte es durch Glüheisen und Tätowierung hervorgerufen

-- so läßt sich denken, daß es im gegebenen Moment seine Wirkung

nicht verfehlte.

Aus dem früheren Trinker und Flucher wurde durch religiöse

Halluzinationen ein Asket und Schwärmer, der zum Volke predigte und

durch Prophezeiungen, Versprechungen und Drohungen auf die ländliche

Bevölkerung großen Einfluß zu gewinnen verstand. So konnte er,

gefördert durch großes Selbstgefühl, zunächst die »Gesellschaft der

christlichen Familien«, die 80 Familien umfaßte, aus der Bevölkerung

von Monte Amiata gründen. Die Kolonie lebte unter Führung ihres

Propheten, für den sie sogar Frondienste tat, um ihn der profanen

Feldarbeit zu entheben, mehrere Jahre lang in genossenschaftlichem

Kommunismus.

Lazaretti begnügte sich nicht damit, immer geheimnisvoller zu

prophezeien und heftig auf alle Andersgläubigen, besonders die

Protestanten, zu fluchen, sondern ordnete auf dem Monte Labbro, den

er sich zum Sitze seines geistlichen Fürstentums erkor, den Bau eines

Turmes an. Seine Gemeinde widmete sich dieser Arbeit mit Feuereifer,

vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Wind und glühender Sonne

Steine tragend. Übrigens wurde der Turm nicht vollendet.

Der religiöse Wahnsinn zeigte bei Lazaretti immer groteskere Formen.

Er schrieb an den König von Italien, an die Fürsten der Christenheit,

umgab sich mit »Aposteln« und suchte in Äußerlichkeiten, so weit es

eben ging, Christus nachzuahmen. So hatte er seinem Apostel Petrus

als Symbol seines Amtes zwei Schlüssel aus Pappdeckel kreuzweise auf

die Brust geheftet.

Für den 18. August 1878 hatte Lazaretti ein Erdbeben vorherverkündet,

das alle, die nicht an ihn glaubten, verschlingen würde. Natürlich

sah seine Gemeinde mit Furcht und Hoffnung diesem Tage entgegen,

hatte er doch versprochen, sich um Mitternacht ihr in anderer Gestalt

zu zeigen. Immerhin war auch seine jetzige Erscheinung, wenigstens

in seinen und der Gläubigen Augen, ganz respektabel, denn er

beanspruchte »Symbol der neuen Reform des heiligen Geistes« zu sein.

Die Tragödie -- oder sollte es keine sein, wenn wir viele Hunderte

von Menschen einem Wahnsinnigen folgen sehen? -- ging ihrer

Katastrophe entgegen. Sprach er von sich als »Anführer und Richter

Christus in der wahren und lebendigen Gestalt der Wiederkunft unseres

Herrn Jesu Christi in diese Welt«, so war das natürlich Irrwahn.

Recht aber sollte er mit seiner düsteren Prophezeiung erhalten, er

sei das »Opfer, das für die Erlösung der Welt hingeschlachtet werden

mußte«.

Für die Mitte des August 1878 bereitete Lazaretti einen großartigen

Auszug vom Monte Labbro vor. Die Tage vom 14.-18. August wurden

mit Gebet, Predigt und Gottesdienst zugebracht und in ungezählten

Tausenden war die Umgebung herbeigeströmt, harrend der Dinge, die

da kommen sollten. Am Morgen des 18. August kam Lazaretti in die

Kirche, das rote Futter seines Mantels nach außen. Mit leiser und

feierlicher Stimme sagte er: »Dies ist ein Blutzeichen. Mein Blut,

das Blut des neuen Abel wird, ihr werdet es sehen, binnen kurzem

vergossen werden und wird sich mit dem heiligen Blut, das dort in

jenem Kelch ist, vermischen«. Als er an der Spitze des grotesken

Zuges aufbrach, trat ihm die Behörde mit der Aufforderung, sich

zurückzuziehen, entgegen. Er leistete keine Folge. Ein Steinhagel

überschüttete die Beamten und Karabinieri. Sie gaben Feuer. Als eines

der ersten Opfer fiel der Prophet.

Noch 1883 gab es Leute, die an die Wiederkunft des »heiligen David«

glaubten[19].

Einwohner des Ortes Korano bei Neapel sahen noch im Cholerajahr

1885 auf einem benachbarten Hügel, auf dem eine Kapelle stand,

die _Madonna_ in schwarze Gewänder gehüllt, für die Errettung

der Menschheit betend. Die Kunde von diesem Ereignis zog alsbald

solche Menschenmassen nach Korano, daß sich die italienische

Regierung veranlaßt sah, zur Verhütung weiterer Ausbreitung der

Halluzinationsepidemie den Hügel polizeilich abzusperren, und die

Kapelle zu beseitigen. Natürlich könnte sich jeden Tag wieder etwas

Ähnliches ereignen[20].

* * * * *

Daß die Dummheit auch in den gebildeten Kreisen Masseninfektionen

ermöglicht, lehrt die Geschichte der »_Königsberger Mucker_«.

In den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts erregte in Königsberg,

ausgerechnet in Königsberg, der Stadt Kants, eine Sekte berechtigtes

Aufsehen. Zwei Geistliche, der Archidiakon _Ebel_ von der

Altstädter Kirche, und der Prediger _Diestel_ von der Haberger

Kirche hatten sie ins Leben gerufen, und zwar ausschließlich aus den

höchsten Gesellschaftsschichten. Grafen und Barone, Gräfinnen und

Geheimrätinnen, Offiziere und ein jüdischer Professor hatten sich zu

Ebels Gemeinde die Bruderhand gereicht, und tatsächlich hatte dieser

dafür Sorge getragen, daß man auf seine Kosten kam.

Das Zeremoniell interessiert uns am meisten, denn die Lehre war

schließlich auch nicht viel dümmer, als manche offiziell vertretene,

und wenn sich Ebel als »_des Menschen Sohn_« feiern ließ, so will das

alles noch gar nichts besagen gegen die Art, in der dies geschah.

Es handelte sich natürlich um eine Geheimlehre. Da war vor allem die

Rangordnung wichtig, die Ebel in seinem Reiche einführte. Hinter

ihm, als Spitze, folgten drei Frauen, die Gräfin v. d. G. als Ebels

erste Frau im Geiste als »Lichtnatur«, Emilie v. S. als seine zweite

Frau im Geiste in der Eigenschaft als »Finsternisnatur« und endlich

seine angetraute Gattin als dritte Frau im Geist. Sie repräsentierte

die »Umfassung«. In psychischer und physischer Hinsicht stand

sie dem heiligen Ebel weit weniger nah, als seine vornehmen und

schönen Seelenbräute. Auf diese drei Frauen folgte dann in genauer

Rangordnung die übrige fromme Gemeinde.

Wo so viel vom Geist die Rede ist, darf natürlich der Körper

nicht darben. Und daß er das nicht tat, dafür hatte Ebel in

bewundernswerter Weise gesorgt. Da war zunächst die _Beichte_.

Die Angehörigen der engeren Gemeinde hatten von Zeit zu Zeit

zu beichten, und zwar nicht etwa Ebel selbst, sondern den drei

»Frauen im Geiste«. Worauf es hier besonders ankam, waren natürlich

geschlechtliche Sünden mit inbegriffen die einfache Gedankenunzucht.

»Je überströmender man in dieser Hinsicht war, je empörenderer

Ausdrücke man sich bediente,« so erzählt Professor _Sachs_ als

Eingeweihter, »desto höher wurde man gestellt, desto mehr als im

wahren Ernst der Heilung stehend, wurde man betrachtet. Schien

das Bekannte nicht wichtig, d. h. nicht arg genug, so erregte das

Unzufriedenheit und wurde ein Festhalten am Argen, ein Unterhandeln

mit dem Teufel, Lauheit, ärger als kalt und warm genannt, und nun

begann das heftigste und andringlichste Pressen auf andere und

geschärftere Bekenntnisse. Kamen solche hervor, so wurde Gott

gepriesen, der das Herz eines Verstockten erweicht hatte.«

Im Zeremoniell der Ebelschen Mysterien spielte der »_Seraphinenkuß_«

eine große Rolle. Er bestand darin, daß sich die Gläubigen

verschiedenen Geschlechts mit den Zungenspitzen berührten.

Doch gab es noch eine weit vollkommenere Methode zur stufenweisen

Läuterung und fortschreitenden Heiligung der Mitglieder dieser

frommen Gemeinde. Im wesentlichen bestand diese heilige Prozedur

darin, daß in den Versammlungen Frauen irgendwelche, für gewöhnlich

dem männlichen Anblick entzogene _Teile ihres Körpers entblößten_.

Die Männer hatten dabei die ihnen sicherlich nicht wenig sauer

fallende Aufgabe, die ganze Herrlichkeit ohne Empfindung von

Sinnenlust zu betrachten. Da das natürlich nicht so einfach war,

wurde eifrig geübt. Übrigens hat auch diese Art der Abtötung, wie

wir an anderer Stelle ausführten, in der von der Kirche gebilligten

»Askese« ihr Vorbild.

Die Erfolge der Methode waren, wie ja vorauszusetzen, glänzend. Sachs

schreibt darüber:

»Schon das unaufhörliche starke Küssen und Umarmen, das gang und

gäbe war, die ungenierte Art der körperlichen Annäherung auch da, wo

von geschlechtlichen Übungen zur Heilung keine Rede war, sondern die

zur gewöhnlichen Art des Zusammenseins gehörte (denn in Gegenwart

irgendeines Fremden, draußen Stehenden, trat das förmlichste und

zierlichste Zeremoniell ein), schon dies konnte nicht verfehlen, jene

Wirkung sinnlicher Erregung auszuüben, zumal viele der Frauen mit

vielen Reizen des Äußeren, wie des Geistes ausgestattet waren. Wer

etwa sagen wollte, es sei ihm hierin anders ergangen, von dem scheint

es mir, daß er sich belüge oder wenigstens täusche.«

Wir brauchen nicht die Versicherung des Mediziners Sachs, der in der

ganzen frommen Geschichte keine rühmliche Rolle spielte, um an der

Wirkung der Übungen nicht zu zweifeln.

Ebel hatte sich selbst eine besonders schwere Form des Gottesdienstes

vorbehalten: Zur Herstellung von einer Hautkrankheit besuchte er das

Seebad Tenkitten bei Fischhausen, wo ihn ein Teil seiner weiblichen

Gemeinde pflegte. Als ihn einst der behandelnde Arzt besuchen

wollte, wie er gerade im Bade saß, bemerkte er schon von weitem, daß

in dem nahe gelegenen Damenbad gebadet wurde. Kaum hatte man von

dort seine Annäherung wahrgenommen, als eine halb entkleidete Dame

ihm entgegenrannte und ihn beschwor, fern zu bleiben, weil _Ebel

gerade von den Damen gewaschen und gebadet würde_! Zehn bis zwölf

jüngere und ältere Damen standen entkleidet halb im Wasser um ihren

Oberpriester herum, um ihm »voll Eifer Hilfsleistungen zu tun, von

denen das Schamgefühl mit Unwillen sich abwendet«.

Daß Ebel sich auf so angenehme und billige Weise mit einem Harem zu

versorgen wußte, mag für seine Sittlichkeit nicht eben rühmlich sein,

jedenfalls macht es aber seiner Intelligenz alle Ehre. Was aber soll

man von den Damen seiner Gemeinde denken, die ohne Rücksicht auf

Schamgefühl und Standesbewußtsein sich bereitwillig seinen Wünschen

fügten!? Was von der Gräfin Ida v. d. G., einer jungen Witwe, die

durch Geburt, Charakter und Schönheit gleich ausgezeichnet war? Und

doch glaubte sie, ungeachtet ihrer hohen Bildung, in Ebel Gottes Sohn

verehren zu müssen. Sie glaubte es auch noch, als das Gericht über

die »Mucker von Königsberg« sein Urteil gefällt, Ebel seines Amtes

entsetzt und als sittlich verworfenen Menschen gebrandmarkt hatte.

Sie verließ ihn auch dann nicht und opferte ihm Stellung, Familie,

Vermögen, ja pflegte ihn bis an sein Ende (1861). Und zwar darf man

nicht annehmen, daß sie mit ihm im Konkubinat lebte, wenn auch eine

unbewußte Erotik sie sicherlich zu dem schönen Manne hinzog. Es war

pure Dummheit[21].

Ganz gewiß nicht intelligenter war die Gemeinde, die sich um den

_Henry James Prince_ in England scharte. Er hatte seinen weiblichen

Anhang so betört, daß er sich eines Tages folgendes leisten konnte:

in offener Versammlung kündete er an, »in der Kraft Gottes werde er

eine Jungfrau sozusagen zum Weibe nehmen, nicht mit Fürchten und

Schämen an geheimer Stelle und bei verschlossenen Türen, sondern

offen im Lichte des Tages und in Gegenwart aller Heiligen beiderlei

Geschlechtes. Gottes Wille sei es, daß er sie nehme und er werde

niemanden fragen, am wenigsten die Erwählte selbst. Welche er nehmen

würde, sagte er nicht. Die Jungfrauen sollten sich also bereit

halten, da niemand wissen könne, wann der Bräutigam käme. Zuerst

wollte er sie besiegeln mit einem Kuß, dann sie herzen und an sich

halten, so daß der himmlische Geist und das Ding von Erde miteinander

verwüchsen und fortan eins seien an Leib und Seele.«

Tatsächlich passierte das Unerhörte. An der von ihm gegründeten

»Stätte der Liebe« (Agapemone) _deflorierte er in offener Versammlung

der Gläubigen ein schönes Mädchen_ namens Miß Paterson!

Die Folge davon war, daß allerdings einige Mitglieder der Gemeinde

sich von Prince lossagten, _die Mehrzahl scharte sich aber um so

dichter um den Heiligen_!

* * * * *

Übrigens hatte er in Norddeutschland einen Vorläufer gehabt in der

Person des Johann Paul Philipp _Rosenfeld_ (geb. 1731). Wiewohl aus

guter Familie stammend, trieb er sich in bettelhafter Kleidung

als Vagant herum, da seine Faulheit ihn an der Ausübung eines

Berufes hinderte. Da kam er auf den Gedanken, die Dummheit als

unerschöpfliche Goldader auszubeuten, und er sollte glänzenden

Erfolg haben. Durch geheimnisvolle Andeutungen über seine Person,

Prophezeiungen, Angriffe auf Geistlichkeit, Taufe, Kirchenbesuch,

weltliche Obrigkeit usw. usw. verstand er es, sich in bengalische

Beleuchtung zu setzen und den Landleuten den Glauben beizubringen,

er sei der wahre Messias und Gottessohn. Er stellte ihnen das ewige

Leben schon auf Erden in Aussicht, doch war daran eine Bedingung

geknüpft. Er erklärte, die Schlüssel zum verschlossenen Paradies zu

besitzen, sowie das »Buch des Lebens, das nach der Beschreibung in

der Offenbarung Johannis mit sieben Siegeln versiegelt sei. Um das

Erlösungswerk zu vollenden, müsse er die Siegel öffnen und dazu müsse

er sieben Jungfrauen haben«.

Seine Anhänger, höchst ehrbare, wenn auch, im Gegensatz zum

Königsberger Fall, ungebildete Leute, waren gern bereit, ihm diesen

bescheidenen Wunsch zu erfüllen, doch waren unter der damaligen

Gemeinde in Prenzlow (Brandenburg) keine sieben Jungfrauen

aufzutreiben und so mußte die Zeremonie verschoben werden.

Daß Rosenfeld im Jahre 1769 ins Irrenhaus, ein Teil seiner Gemeinde

nach Spandau gebracht wurde, schürte den Glaubenseifer nur an und

trug zur Vermehrung der Anhängerschaft bei. Er hatte nunmehr den

Hauptsitz seiner Tätigkeit nach Biesental verlegt und bewirkt,

daß die Rosenfeldianer aus friedlichen Bürgern zu Fanatikern

und Radaubrüdern geworden waren. Sie bedrohten ihren Pfarrer und

veranstalteten 1770 einen förmlichen Tumult.

Rosenfeld hatte im Irrenhaus seinen Plan der Siegeleröffnung

keineswegs aufgegeben. Unter seinen getreuesten Anhängern befand

sich auch der Schäfer Gumto aus Mecklenburg-Schwerin. Ihm gegenüber

hatte er sein Inkognito gelüftet und sich Gumto und dessen Frau als

_wahrer Heiland_ vorgestellt, dem zur Öffnung des Buches mit sieben

Siegeln nur eine Kleinigkeit, nämlich die besagten sieben Jungfrauen,

fehlten. Da Gumto drei Töchter hatte, so machte ihm Rosenfeld klar,

daß unter den von Anbeginn der Welt zur Entsiegelung bestimmten

Jungfrauen auch sie sich befänden. Würde der Schäfer sie ihm nicht

ausliefern, dann würden alle Seelen über ihn »Ach« schreien.

Die Vorstellung der über ihn »Ach« schreienden Seelen machte

begreiflicherweise auf den Schäfer den tiefsten Eindruck. Er wollte

durch seine Weigerung nicht eine schreckliche Schuld auf sich laden

und war bereit die drei Töchter auszuliefern. Aber sie waren leider

noch zu jung! Doch die Zeit verging schnell und Rosenfeld befahl aus

dem Irrenhaus -- das man sich darnach als ein recht fideles Gefängnis

vorstellen muß -- dem Ehepaar Gumto, die älteste 15jährige Tochter

ihm zuzuführen.

Die Frau übernahm die Überbringung und schärfte der Tochter unterwegs

ein, den Befehlen des Propheten ja genau zu folgen, sonst wäre sie

ewig verflucht, da sie ja schon von Geburt an zu einer der sieben

Jungfrauen erkoren sei. Unterwegs nahm man noch einen Mann und eine

Frau, ebenfalls Rosenfeldianer, mit, um der bevorstehenden Zeremonie

mehr Weihe zu verleihen.

»In der Dämmerung kamen die vier Personen im Irrenhaus an und wurden

vom Türhüter in eine besondere Stube gewiesen. Rosenfeld, von ihrer

Ankunft benachrichtigt, erschien. Er fragte das Mädchen, ob sie eine

_Braut Christi_ werden wolle? Sie antwortete: Ja! Er fuhr fort:

So müsse sie auch alles tun, was er von ihr verlange. Ob sie das

aufrichtig wolle? Als das Kind auch hierauf ja antwortete, _legte er

sie auf ein dastehendes Bett und vollzog den Beischlaf mit ihm im

Angesicht der gegenwärtigen Personen_, nämlich der _eigenen Mutter_,

ihres nachmaligen Schwagers Lüdemann und einer Frau Naumann.«

Auf Grund günstiger Berichte über seine Aufführung(!) im Irrenhaus

wurde Rosenfeld im März 1771 aus der Irrenanstalt entlassen und

ließ sich 1775 dauernd in Berlin nieder. Hier verlangte er nun zum

Erlösungswerke von seinen Anhängern die sieben Jungfrauen. Man fand

das ganz selbstverständlich und außer den drei Töchtern Gumtos

lieferte ihm noch der Weber Glanz aus Biesental zwei und ein anderer

Anhänger, namens Meyer die beiden letzten.

Die armen Kinder behandelte er nun wie Sklavinnen, die er nach Laune

rief und fortschickte und im übrigen vom Morgen bis zum Abend für

ihn arbeiten ließ. Während er eine der sieben liebte und mit ihr

drei Kinder erzeugte, verhütete er Nachkommenschaft bei den sechs

anderen, die diesen faulen Wollüstling durch ihrer Hände Arbeit

ernähren mußten. Als eine der armen geplagten und halb verhungerten

Geschöpfe aus Hunger und Kummer zu ihrer Mutter floh, genügte die

Drohung Rosenfelds, wenn sie nicht zurückkehre, gehöre sie nicht zu

den sieben glücklichen Jungfrauen, sondern sei ewig verdammt und

verloren, um die Mutter zu veranlassen, die Tochter zur Rückkehr zu

zwingen. Zwei der Jungfrauen starben, zwei Töchter Gumtos heirateten

Rosenfeldianer. Niemand beschwerte sich.

Endlich im Jahre 1780 leitete Gumto eine Klage gegen Rosenfeld ein,

da er seine messianischen Verheißungen nicht erfüllt habe, wiewohl

der Kläger 15 Jahre sein treuer Anhänger war, ihm drei Töchter

auslieferte und in Armut, Spott und Verachtung gefallen sei. Er

bat Friedrich den Großen, Rosenfeld zu prüfen, ob er wirklich der

rechte Messias sei. Gumto erklärte aber in der Eingabe, »daß, was

an ihm sei, er sich nach der Schrift und nach der Vernunft _völlig

überzeugt habe, daß Rosenfeld wirklich der sei, für den er sich

ausgebe_, nämlich _der gerechte und lebendige Gott_!« Natürlich hatte

der Schwindler jetzt ausgespielt und mußte mit Staupenschlag und

lebenslänglicher Festungshaft seine Verfehlungen büßen[22].

* * * * *

Eine einfache, aber raffinierte Schuhmachersfrau namens _Ulbricht_

gründete in einem Dorfe in der Nähe Dresdens eine religiöse Sekte,

die 1887 70 Mitglieder zählte. Sie verbreitete den Grundsatz des

Kommunismus und das Gebot der geschlechtlichen Abstinenz, auch bei

Verheirateten. Sie gab vor »Sendbotin Christi« zu sein, hatte öfter

göttliche Inspirationen, in welchen sie mit geschlossenen Augen (die

aber dann mit blauer Brille verdeckt waren), sich in einer Art länger

dauernder ekstatischer Hypnose zu befinden schien und erteilte in

diesem Zustande der Gemeinde detaillierte Weisungen über die Art, in

der sie ihr, der Prophetin, _ihr Vermögen anzuvertrauen hätten_. Das

geschah auch wirklich und einzelne lieferten ihr den ganzen Besitz,

bis zu 30000 Mark aus. Von den Mitgliedern der Sekte reisten mehrere

im Lande herum und heilten Kranke durch Händeauflegen.

Endlich wurde ein Bauer mißtrauisch, zeigte die Frau an und führte

ihre Verhaftung herbei. Die Ulbricht legte ein volles Geständnis

ab und bekannte, daß sie als ehemaliges spiritistisches Medium die

Praktiken zur Täuschung der Bauern erlernt habe. Wegen Betruges wurde

sie zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Merkwürdig und für die unüberwindliche Macht der Dummheit Zeugnis

ablegend ist nun die Tatsache, daß sie nach ihrer Rückkehr aus der

Strafhaft _von der Mehrzahl ihrer Gläubigen wieder als Prophetin

anerkannt wurde_ und daß die Sekte noch 1898, vielleicht auch heute

noch, fortbestehen konnte[23].

* * * * *

Wohl die harmloseste Form, in der die religiöse Dummheit sich der

Massen bemächtigen kann, ist die der Wut zu predigen.

In Schweden trat in den Jahren 1840 und 1841 diese merkwürdige

religiöse Volkskrankheit auf und verbreitete sich über _mehrere

tausend Personen_. Bei jeder kleinen Aufregung begannen lokalisierte

Zuckungen im Körper oder Gesicht und es folgte der unwiderstehliche

_Drang zu predigen_, d. h. von den Visionen, die die guten Leute

erfüllten, zu berichten, vor Laster, Trunk und Lüge usw. zu

warnen. Das Volk nannte daher diese hystero-epileptische Seuche

»_Predigerkrankheit_«[24].

Nach dem Vorangehenden wird niemand mehr bezweifeln, daß auch

heute noch, trotz aller Aufklärung, Bildung und »Kultur« ähnliche

Vorkommnisse möglich sind. Ja, vor wenigen Jahren erst, 1907, hat

sich eine derartige _Schwärmerbewegung_ gezeigt und zwar _in Hessen_.

In Kassel und dessen weiterer Umgebung versammelten sich religiös

erregte Volksmassen, um zwei Norwegerinnen, die behaupteten, die Gabe

des Zungenredens von Gott zu besitzen und vom Evangelisten _Heinrich

Dallmayer_ nach Kassel gebracht worden waren, zu lauschen. Die beiden

Damen schrien zwar nur in unverständlichen Tönen und gaben vor, daß

es der Geist Gottes sei, der aus ihnen rede. Das genügte aber der

frommen Gemeinde, die sich zuerst im »Blauen Kreuz« zusammenfand,

vollständig als Befähigungsnachweis. Man feierte sie also als

Prophetinnen. Aber das Zungenreden wirkt ansteckend. Kaum hört die

Versammlung die mit wildem Enthusiasmus hervorgestoßenen Worte,

als sich auch schon neue Zungenredner melden. Die Norwegerinnen

verschwinden von der Bühne und der Hexensabbat beginnt.

Als Großalmerode, das von dieser heiligen Sekte hörte, eine

Deputation in die Kasseler Versammlung geschickt hatte, kann sie

sich, in die Heimat zurückgekehrt, eines Zungenredners rühmen. Auch

dieser wirkte Wunder, denn nach wenigen Tagen gab es in Großalmerode

ein halbes Dutzend, ja Dutzende, die diese Gabe zu besitzen

behaupteten, und in Bälde galt es sogar als höchst auffallend, wenn

ein junges Mädchen, ein halbwüchsiger Bursche, nicht ebenfalls

zungenredeten.

Die Symptome nun, die sich überall, denn Großalmerode war keineswegs

der einzige Schauplatz dieses Blödsinns, gleichmäßig zeigten, waren

folgende: Wenn die Stunde gekommen ist, verfällt der Zungenredner

in einen regelrechten Krampf. Mit leichten Zuckungen beginnend,

endet er mit den wildesten Gliederverrenkungen. Die Gesichter sind

verzerrt, die Augen starr, die Arme werden wild und sinnlos durch

die Luft gewirbelt und der ganze Körper schüttelt sich rhythmisch,

wie in furchtbaren Wehen. Das Knacken der Glieder und ein wüstes,

schauerliches Zähneklappern bildet die Begleitmusik. Dann hört man

wieder jammervolles Stöhnen, Seufzen und Schluchzen, das nur von

einzelnen mehr geheulten, als gesprochenen Gebetsrufen unterbrochen

wird.

Das ist der Auftakt. Nunmehr beginnt plötzlich und gewaltsam

das eigentliche Zungenreden. Eine Anzahl unverständlicher Laute

wird ungestüm in die Versammlung geschleudert. Meistens sind es

komplizierte und verworrene Orakelsprüche. Ein Ohrenzeuge hat

einen der einfachsten Sätze festgehalten. Er lautet: »Schallo mo,

dall badbad wotschikrei.« Die meisten lassen sich aber in unserer

Buchstabenschrift gar nicht wiedergeben.

Ein Mädchen hatte es sich bequemer gemacht, indem es in seiner

Besessenheit immer »toje, toje, toje ... to« schrie. Das genügte aber

auch vollständig den Offenbarungssuchern und ließ sich als höhere

Weisheit unschwer interpretieren.

Denn das Zungenreden allein tut es nicht. Die goldenen Sprüche

müssen erst durch einen Ausleger der misera plebs verdeutlicht und

verdeutscht werden. Daß dieser Interpret sich nicht viel anders

benimmt, als die Zungenredner, ist sicher eher dazu angetan seine

Autorität zu erhöhen, als zu vermindern.

Übrigens setzte sich die Versammlung ganz systematisch durch

stundenlanges Knien verbunden mit der Monotonie des ewigen Betens,

Seufzens und Jammerns, die dann plötzlich durch die tollen Ausbrüche

der Zungenredner unterbrochen wurde, in eine seltsame, für alles

Mystische empfängliche Stimmung. Dazu kam die von Augenblick zu

Augenblick geschickt gesteigerte Erwartung, daß nunmehr etwas

besonders Großartiges sich ereignen müsse.

Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit · 第 17 / 19 段