Millionen wehrhafte Männer, die Blüte der Christenheit, mit
unwiderstehlicher Gewalt in den Hades führten? Gewiß, die Folgen
waren vielfach segensreich. Die Berührung mit fremden Völkern und
Zonen erweiterte den Horizont, gab dem glücklich Heimkehrenden
manch fruchtbares Samenkorn in die Hand, das im Heimatlande üppig
erblühen sollte. Aber die Idee selbst? Die Art der Verwirklichung?
Wie müssen wir den _Kinderkreuzzug_ des Jahres 1212 beurteilen, als
Tausende und Abertausende, den Ruf des Heilands »Lasset die Kindlein
zu mir kommen« mißverstehend, auszogen, um im fremden Lande elend
unterzugehen? Reiners Annalen vom Jahre 1212 berichten dazu, daß
»ex arte magica« dieses Phänomen bewirkt worden sei. Wir aber sagen:
es war die gewissenlose Dummheit der Eltern und Seelsorger, die
namenloses Leid über unzählige Familien brachte.
Stehen hier gleich am Anfange klassische Beispiele für den Heroismus,
die Todesverachtung, zu der die Dummheit die Massen fortzureißen
vermag, so werden wir im bunten Wechsel einer Fülle von Gesichten
begegnen, die kaleidoskopisch an unserm Auge vorbeiziehend, neben den
edelsten Regungen des Menschenherzens auch dessen gemeinste enthüllen.
Wie die gewaltige Autorität der Kirche die treibende Kraft der
Kreuzzüge war, so werden wir finden, daß sie fast ausnahmslos auch
die anderen Dummheiten bewußt oder unbewußt veranlaßte. Fast immer
aber sind es religiöse Motive, die den grandiosesten Erscheinungen
der Massendummheit als Triebfedern zugrunde liegen.
Wir sahen, daß die Kirche seit je der Askese das Wort geredet hat.
Während im allgemeinen der Mensch es sich lieber gut sein läßt, die
Feste feiert, wie sie fallen, gibt es auch Zeiten großer Erregung,
in denen die unvermeidlichen Übel nicht zu genügen scheinen, in
denen man danach trachtet, sich »zur Buße« für etwas, was man
meistens weder direkt noch indirekt verschuldete, noch andere Leiden
freiwillig zuzufügen.
Hierher gehören die _Geißelfahrten des Mittelalters_.
Die Kirche hat es von je gern gesehen, wenn Büßer sich mit eigener
Hand geißelten. Gab es Virtuosen dieser Art der Askese, so fehlte es
auch nicht an gekrönten Häuptern, die ihnen nur wenig nachstanden.
Daß selbst Kaiser und Könige, ein Otto III., Heinrich II. von
England, Otto IV., Ludwig IX. von Frankreich, ja noch ein Maximilian
I. von Bayern sich mit eigener Hand züchtigten, ist hinlänglich
bekannt. Besonders abschreckend -- nach unsern Begriffen -- ist
das Verfahren Otto IV., der an den Folgen eines in zu großer Dosis
genommenen Abführmittels starb. Am 18. Mai 1218 hatte der erst
36jährige Fürst aus dem alten Welfenhause gebeichtet. Doch das
genügte ihm nicht. An seinem siechen Körper wollte er abbüßen, was
seine Seele gesündigt hatte. So ließ er denn Ruten herbeischaffen
und unter den Klängen des Miserere sich von den Geistlichen damit
schlagen. Die Streiche schienen ihm zu milde. Bis aufs Blut sollte
man ihn peitschen. Endlich wurde er erschöpft in sein Bett getragen,
in dem er andern Tags seine Seele aushauchte[1].
Wo das Volk solches bei seinen Führern sah, ist es nicht so
wunderlich, daß es in schweren Zeiten an Nachahmung dachte. So
entwickelte sich denn die _Geißelwut_ zu einer _Massenepidemie_, die
riesige Dimensionen annahm.
Das kam so: Aus dem I. Kapitel des Neuen Testamentes ließ sich
berechnen, daß das große Jahr des Gerichtes 1260 eintreten würde.
Denn die 42 Geschlechter von Abraham bis Jesus Christus, jedes zu 30
Jahren berechnet, ergaben in Anwendung auf die Zukunft der Menschheit
die Zahl 1260. Ein Irrtum war völlig ausgeschlossen, da ja das große
Sterben des Jahres 1259, das Italien heimsuchte, deutlich auf das
Ende aller Dinge hinwies. Ein gewaltiger Bußeifer, geschürt durch das
Tertiariertum des Ordens vom hl. Franz, ergriff die weitesten Kreise.
Ein alter Einsiedler, _Rainerio Fasani_ genannt, trat in der Nähe von
Assisi als einer der ersten Führer von größeren Bußbrüderschaften,
die sich öffentlich geißelten, auf. Von Perugia aus, wo er die
Genossenschaft von »Geißlern Jesu Christi« gründete, verbreitete
sich die Seuche weiter nordwärts. Halbnackt zogen die Büßer, von
fanatischen Mönchen geführt, von Stadt zu Stadt, im Takt der
gesungenen Bußpsalmen die Geißeln auf ihre Körper fallen lassend und
ihre Wege mit Blutspuren bezeichnend. In die Gegend von Modena und
Parma fällt der Hauptschauplatz dieses Treibens. Man wäre über den
Po vordringend bis in die Lombardei gezogen, hätte nicht der Tyrann
Pallavicini von Cremona Verstand genug besessen, dieses Korps der
Rache von seinem Gebiete fernzuhalten. So bewirkte sein Eingreifen
das baldige Abflauen der Bewegung. Schon mit dem Ende des Jahres 1260
hörten die Geißelfahrten auf, um sich für viele Jahrzehnte nicht zu
wiederholen.
Übrigens betrugen sich die frommen Büßer nichts weniger als gesittet.
Ihr wüstes Geheul, ihr Benehmen fremdem Eigentum gegenüber -- wo
ihren Betteleien kein geneigtes Ohr geschenkt wurde, scheuten sie
auch vor Gewalttaten nicht zurück -- heilte manchen der Bewegung
sonst freundlich gegenüberstehenden Christen. So auch _Salimbene_,
den Augenzeugen und Berichterstatter der merkwürdigen Epidemie.
Erst das furchtbare Pest- und Hungerjahr 1348/49 ließ wieder
Geißelfahrten im großen Stile aufkommen. Nicht mehr Prozessionen,
sondern Wallfahrten großer Massen zogen im Lande herum, nicht mehr
auf Italien beschränkte sich die Epidemie, wenn sie auch wieder von
dessen Norden ausging, sondern Ungarn und Polen, Österreich, Böhmen,
Sachsen, Thüringen, die Gegenden des Ober- und Niederrheins, die
Niederlande, ja England und Jütland samt den dänischen Inseln wurden
zum Schauplatz dieses Völkerwahns. Frankreich wurde nur mit Mühe
freigehalten.
Die Wallfahrer gaben sich durch Bezeichnung ihrer Mäntel und Hüte
mit roten Kreuzen, sowie durch Vorantragen von Fahnen und Kreuzen
als eine Art von Kreuzfahrern aus und behaupteten durch einen von
Christus selbst geschriebenen und von einem Engel dem Patriarchen von
Jerusalem überbrachten Brief zu ihren Bußübungen aufgefordert zu sein.
Als Geißelwerkzeug bedienten sich die sonderbaren Heiligen kurzer
Stöcke, mit je drei Strängen daran, durch deren dicke Endknoten je
zwei scharfe Stacheln kreuzweise hindurchgetrieben waren. Auch mit
ihrer Körperhaltung und ihren Manipulationen ahmten sie das Kreuz
nach, indem sie sich bei Absingung des Bußliedes an den drei Stellen,
wo der Refrain wiederkehrte:
»Jesus der wart gelabt mit gallen
des süllen wir an ein criuze vallen«
mit kreuzweise ausgestreckten Armen zu Boden warfen und für die Dauer
von fünf Paternostern liegen blieben. Am Schluß des Gesanges schlugen
sie sich mit kreuzweise ausgebreiteten Armen an die Brust.
* * * * *
War Frankreich von der großen Geißelbewegung von 1348/49 verschont
geblieben, so holte es das damals Versäumte doch später nach. Wo
hätte je das zündende Beispiel der Dummheit nicht epochemachend
gewirkt?! In Südfrankreich und Spanien trat unter Führung des
gewaltigen Bußpredigers _Vincentius Ferrer_ ([+] 1419) im Jahre 1399
die Bewegung mit größter Kraft auf. Es sollen sich um ihn 80000 Büßer
gesammelt haben, die unter den Rufen »(dies geschieht) zu Ehren des
Leidens Jesu Christi!« oder »Zur Erlangung der Vergebung meiner
Sünden« oder »Herr Gott habe Erbarmen« barfüßig einherzogen und sich
öffentlich geißelten. Übrigens wurde die Kirche, die hier im großen
und ganzen den kühlen Kopf behielt, den sie der privaten Geißelung
gegenüber verloren hatte, dieser Bewegung gleichfalls Herr, wenn auch
nach nicht geringem Kraftaufwande[2].
Dieser Wahn hat sich in scheußlichster Form sogar bis in unsere Zeit
erhalten!
Unweit Messina geißelten sich im Jahre 1891 bei einer Prozession am
Feste »U. L. Frau in Ketten« die Büßer mit Eisenketten so grausam an
Brust, Schultern, Schenkeln und Waden, daß im Volke eine lebhafte
Erregung entstand. Von Bußschmerz und Bewunderung ergriffen, leckten
Weiber den blutbesprengten Boden der Kirche, in der die Prozession
zum Hochaltar zog, ab! Zwei Männer sollen damals an ihren Wunden
gestorben sein.
Eine Fraternidad piedosa in Neu-Mexiko vereint in der Karwoche
Geißelungen mit Schaustellungen der Kreuzigung. Einzelne ihrer Büßer
schleppen schwere Holzkreuze auf den Knien über steinigen Boden
hinrutschend einen steilen Hügel hinauf. Einer derselben ließ sich
-- um das Jahr 1870 -- in Puerto de Luna _ans Kreuz nageln_, was
seinen Tod verursachte. In Santa Rita in Südkalifornien sind ähnliche
Aufführungen auch heute noch im Schwange, doch lassen sich die Büßer
vorsichtshalber nur anbinden[3].
Auf die grausigste Form dieser Raserei, die Kreuzigung, werden wir
weiter unten noch zurückkommen.
* * * * *
Ein anderes Gebiet der Dummheit betreten wir mit folgenden Berichten:
Im _Findelhaus zu Amsterdam_ trat im Jahre 1566 eine psychische
Massenerkrankung unter den Pfleglingen auf, die auch heute noch unter
dem Namen Chorea magna bei hysterischen Kindern beobachtet wird.
Bei der Mehrzahl der Insassen des Findelhauses, etwa 30-60 Kindern
beiderlei Geschlechts, sah man damals eigenartige Konvulsionen mit
Grimassenschneiden, wütendem Herumklettern auf Möbeln, Dächern
und Bäumen, Blöken wie die Schafe und Verschlucken einer Menge
von unverdaulichen Dingen, wie Nadeln, Wolle, Glasscherben und
Lederstücken, die nachher wieder erbrochen wurden.
Ferner zeigte sich in dem _Kloster Uvertet_ (Grafschaft Hoorn) nach
Ablauf eines sinnlosen Fastens von 50 Tagen in den Jahren 1550-1565
eine merkwürdige Epidemie unter den Nonnen. Nachdem sie sich
während des Fastens nur von Rübensaft ernährt hatten und beinahe
alle an einer schweren Stomatitis mit fauliger Zersetzung im Munde
erkrankt waren, stellte sich zunächst bei einer der Klosterfrauen
die Halluzination von nächtlichem Stöhnen ein. Bald folgten bei
ihr und dann bei einer Anzahl anderer Lachkrämpfe. Dann verdrehten
sie auf alle möglichen Weisen den Körper, fielen in kataleptische
Starre, die mit grotesken Sprüngen abwechselte, und mißhandelten sich
selbst, schrieben aber die Peinigungen einem zornigen Teufel zu. Die
Nonnen rutschten ferner auf den Knien durch weite Räume und selbst
die Treppen herab, ja sie kletterten auf Bäume und ließen sich, den
Kopf nach unten, herabhängen. In den Intervallen waren sie häufig
sprachlos geworden. Hervortretend war auch die Sucht, andere zu
beißen, wie überhaupt die Angriffe auf Zuschauer. Beten in Gegenwart
der Nonnen und Widerstand steigerte ihr Gebaren zu Wutparoxysmen. Zu
den sonderbarsten Bewegungen gehörte auch das Hinunterrollen eine
ganze Treppe hinab um die eigene Längsachse. Als Sündenbock mußten
die unglückliche, selbst mitergriffene Köchin des Klosters und ihre
alte Mutter herhalten. Die Nonnen verklagten sie stürmisch als
Satansanbeterinnen und Urheberinnen der Seuche, was zur Folge hatte,
daß beide Frauen _verbrannt_ wurden. Darnach steigerte sich jedoch
noch die Seuche und erlosch erst nach drei Jahren[4].
Im Jahre 1609 trat in der Landschaft _Labourd_ in den französischen
Pyrenäen gleichfalls eine schreckliche Epidemie auf: Die Frauen
der armen, ungebildeten, ein rauhes Leben führenden baskischen
Fischer wurden nachts massenhaft von Träumen und Teufelsvisionen
heimgesucht. Meistens glaubten sie mit einem _Incubus-Teufel
geschlechtlich zu verkehren_. Man schickte besondere Kommissäre, die
den hervortretenden Zug der Nymphomanie in erster Linie erkundeten
und hunderte von Frauen alsbald _hinrichten_ ließen. Auf der Folter
sollen verschiedene »unsagbare Genüsse« erlebt haben. Nun ergriff
dieser Zustand aber _auch die Kinder_ zu Tausenden: beinahe alle
gaben an von schwarzen Katzen, den Seelen der hingerichteten Mütter,
nachts zu den Hexensabbaten entführt zu werden. Man versammelte sie,
um sie zu behüten, scharenweise nachts in den Kirchen. Trotzdem
dauerte es noch Monate, bis die Epidemie erlosch[5].
Es ist klar, daß in beiden Fällen die kirchliche Lehre von Hexen
und Teufel das Unheil angestiftet hatte. Das gemeine Volk ist ja
meistens zu unproduktiv, um auch nur eine Dummheit aus sich selbst zu
erzeugen. Selbst dazu braucht es eine höhere Instanz, die sich ihm im
vorliegenden Falle in der Kirche in wünschenswerter Vollendung bot.
Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi!
Die stärkste und tragischste aller so zahlreicher ähnlicher
Klosterepidemien war die der Ursulinerinnen des _Klosters bei
Loudun_, einer Stadt im Departement Vienne, in den Jahren 1632-1637
resp. 1642. In diesem erst vor sechs Jahren begründeten Kloster waren
viele Töchter vornehmer Familien, auch eine Verwandte Richelieus.
Durch ein gegenseitiges maßloses Überbieten in asketischen Übungen
wohl verursacht, brach der merkwürdige Wahn plötzlich bei 16
Nonnen, darunter der Oberin, aus. Zuerst traten zahlreiche Visionen
und Halluzinationen erst schreckhaft von Gespenstern (darunter
bezeichnenderweise des verstorbenen Beichtvaters) auf, dann wurden
die Visionen lasziv.
Man sah Dämonen, die durch die verschlossene Tür, öfter in der
Gestalt des derzeitigen Beichtvaters, eindrangen und unter tausend
Überredungskünsten obszöne Anträge stellten. Die Nonnen liefen aus
ihren Zellen, kletterten sogar auf den Dächern herum und wurden bei
ihrem Widerstande gegen die Verlockung der Dämonen »von diesen«
furchtbar mißhandelt, so daß die Spuren noch tagelang sichtbar
waren. Leichname im Fegefeuer erschienen, die bei Bespritzen mit
Weihwasser laut aufzischten. Bald fühlten die Nonnen die Macht der
Dämonen, die durch Mund und Genitalien einzudringen pflegten, oft
mehrere, 3-5 gleichzeitig. Sie werden in die tollsten Verdrehungen
geworfen. Besonders oft kommt es zu dem sogenannten »arc de cercle«,
so daß der Kopf weit hinten übergebogen die Zehen berührt. In dieser
Position laufen sie mit verblüffender Schnelligkeit durch die Zimmer.
Dann schreien und brüllen sie laut in tierischen Tönen oder lassen
die Zunge schwarz und borkig weit zum Munde heraushängen. Dann
kommen wieder laszive Stellungen, Beckenbewegungen und schamlose
Entblößungen sehr oft vor. Sie schließen dabei die Augen und scheinen
die Halluzination sexuellen Verkehrs zu erleben. Dazwischen schütteln
sie blitzschnell den Kopf, werden von hystero-epileptischen Krämpfen
befallen mit Schaum vor dem Mund und folgender kataleptischer
regungsloser Starre oder flexibilis cerea mit automatischem Einhalten
der eigenartigsten Stellungen.
Am meisten bestürzte das Verhalten der Besessenen bei den
Exorzismen, in der Kirche oder überhaupt in Gegenwart heiliger,
gottesdienstlicher Übungen. Während die Frauen in den Zwischenzeiten
normal schienen, ihren Verrichtungen nachgingen und tiefe
Verzweiflung über ihren Zustand an den Tag legten, brach, sobald der
Exorzismus begann, der Paroxysmus mit voller Macht aus. Die vorher
gesitteten Mädchen benahmen sich nun wie die Furien.
Mit wüsten Schimpfworten, wie sie dem Pöbel eigen sind und von denen
man nicht wissen konnte, wie sie die Nonnen kennen gelernt hatten,
zogen sie gegen alles Heilige los. Sie schalten über die wütenden
Schmerzen, die ihnen der Anblick der heiligen Kultobjekte verursache
und verlachten die Ohnmacht des beschwörenden Priesters. Dann wanden
sie sich wieder -- meist unter lasziven Reden -- unter Krämpfen und
Verdrehungen am Boden.
Da die Nonnen den Priester Urbain Grandier als Veranlasser ihrer
Besessenheit nannten und dieser beim Versuch sie zu beschwören fast
in Stücke gerissen worden wäre, wurde er grausam gefoltert und dann
hingerichtet. Nachdem sich dieser Wahnsinn auch auf die städtische
und ländliche Umgebung des Klosters ausgebreitet hatte, erlosch er
erst nach 9 Jahren[6].
* * * * *
Ein Wahnsinn, der der Großartigkeit nicht ermangelt, befiel die
_Hugenotten_ nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes durch Ludwig
XIV. im Jahre 1685. Diese Handlung des alternden Sonnenkönigs,
bei der man zweifeln kann, ob sie mehr ein Akt der Dummheit
oder der Niedertracht war, hatte der allliebenden Kirche, die
ihren Grundsätzen damals so getreu blieb, wie in den Zeiten der
Albigenser oder Stedinger, das Schwert in die Hand gedrückt. In
den Landschaften Dauphiné, Vivarais und in den Cevennen wurde jede
kalvinistisch-protestantische Religionsübung mit den grausamsten
Maßregeln unterdrückt, Geistliche hingerichtet, Güter konfisziert
und dennoch die Auswanderung aufs härteste bestraft. In dieser Not
ergriff die einfachen Bauern, zunächst der Dauphiné, das Feuer
göttlicher Inspiration. Sie sahen die Wiederkunft Christi nahe und
erklärten sich selbst für den auferstandenen Heiland. Sie versprachen
die Truppen der Regierung durch den heiligen Geist selbst in die
Flucht zu schlagen, ja buchstäblich »_wegzublasen_«.
Um das zu beweisen, gingen die frommen Bauern scharenweise und ohne
Furcht den Regierungstruppen entgegen. Zunächst teilte man sich
gegenseitig durch Anblasen den heiligen Geist mit, dann begann
man mit voller Lungenkraft gegen den Feind zu _hauchen_, und zwar
taten sich hier vornehmlich die Frauen hervor, die mit hellster
Stimme »Taratara« schrien, um dadurch die Trompetenstöße Jerichos
nachzuahmen. Natürlich wurden die armen, unwissenden, frommen
Landleute wie die Schafe von den Regierungstruppen niedergemetzelt.
Erst nachdem sich diese Vorgänge so und so oft wiederholt hatten,
flohen sie und in der Dauphiné und Vivarais wurde der Widerstand
endlich im Blut erstickt.
Übrigens entspricht dem Blasen eine ähnliche Tollheit in grauer
Vorzeit.
Die Messalianer, eine häretische Sekte des 4. Jahrhunderts, machten
das _Ausspucken_ zur religiösen Handlung, in der Hoffnung, sich auf
diese Weise der Teufel zu entledigen[7].
In den _Cevennen_ jedoch ward der Widerstand weit hartnäckiger.
Nachdem die Erwachsenen schließlich der schonungslosen Gewalt
gewichen waren, begann der Geist die zarten Kinder zu erfassen,
wiewohl man Sorge getragen hatte, sie gut katholisch zu erziehen. Die
Dörfer vereinigten sich zu gemeinsamen Betversammlungen, in denen
gewöhnlich ein als Prophet anerkannter Mann den Vorsitz führte.
Zunächst kamen feurige Ermahnungen zum Ausharren, dann Absingen von
Psalmen und daraufhin einstimmig der Ruf »Erbarmen«. Hierauf stürzt
plötzlich der Vorsitzende mit einigen aus der Versammlung nieder,
entweder in vollen Konvulsionen mit schäumendem Mund oder nur unter
starkem Zittern am ganzen Körper oder klonischem Zucken von Kopf und
Schultern (daher rührt der Name _Trembleurs des Cévennes_). Die Leute
schilderten dabei das Gefühl, als ob im Hinstürzen ein Hammerschlag
sie getroffen hätte. Nach dem Erwachen beginnt sofort einer in
erhobenem Ton und pathetisch zu prophezeien, vom Untergang des großen
Babylons, d. h. der katholischen Kirche, dem Siege ihrer Sache, der
Erscheinung Gottes mit allen Engeln voll Glorie, feurigen Ermahnungen
zum Ausharren usw. Ferner reden sie oft stundenlang in einer fremden
Sprache mit sonderbaren Wortbildungen, das frühere »in Zungen reden«.
Verstummte der eine, so wurde durch Anblasen der Geist auf einen
anderen übertragen, dieser fiel sofort nieder, wand sich in Krämpfen,
prophezeite darnach und so ging es fort. Viele hatten allerdings
nur die Krämpfe, ohne dann zu prophezeien. An diesen merkwürdigen
Andachten beteiligten sich viele Tausende mit dem größten Eifer, mit
Extasen und Krämpfen. Für einen, der hingerichtet wurde, standen zehn
neue auf, wie die Schergen des Königs klagten.
Schließlich kamen die Kinder an die Reihe. Man schätzt sie auf
8000! Darunter waren ganz junge im Alter von 3-5 Jahren. Wenn den
Kindern auch die Krämpfe fehlten, so hatten sie dafür doch um so
glänzendere Visionen und besonders die göttliche Inspiration, die
sich in einem ganz ähnlichen pathetischen Redestrom äußerte, wie bei
den Erwachsenen. Der Eindruck dieser Versammlungen war so stark,
daß frühere Gegner und Katholiken mit vom Geist ergriffen wurden,
ebenfalls zu prophezeien begannen und sich den Hugenotten anschlossen.
Die Gesamtdauer dieser Bewegung ist auf 20 Jahre anzusetzen. Am
heftigsten war sie um 1689. Sie erlosch selbst bei den vielen, die
nach England ausgewandert waren, nicht vor Ablauf von Jahren.
Übrigens waren die gleichen Personen außerhalb ihrer Paroxysmen
todesmutige und äußerst unerschrockene Verteidiger ihrer Sache auf
dem Schlachtfelde[8].
* * * * *
Daß die katholische Kirche durch ihre wahnwitzige Teufels- und
Hexentheorie, sowie durch ihre Verfolgung der Hexen und Hexenmeister
diesen fürchterlichen Blödsinn noch gewaltsam zu einer Zeit aufrecht
erhielt, wo das Volk schon längst angefangen hatte ihn abzulegen
-- nicht die einzige Dummheit, die durch die kirchliche Autorität
aufrecht erhalten wurde und wird -- ist eine schon häufig betonte
Tatsache. Aber auch eine andere merkwürdige Erscheinung, die
_Lykanthropie_, ist auf die Einwirkung der alleinseligmachenden
Kirche zurückzuführen.
Diese Lykanthropie besteht in dem Wahn oder namentlich in der Furcht,
daß Menschen zu reißenden Tieren werden, oder daß Kinder durch Hexen
in »Werwölfe« verwandelt werden können. Eine solche merkwürdige
Epidemie kam in den Jahren 1598-1600 im _schweizerischen Jura_ zu St.
Claude bei Freiburg vor. Einige Frauen bildeten sich ein, sie seien
_Werwölfe_, und eine fiel auch wirklich Kinder an und tötete sie.
Die Untersuchung wurde mit christlicher oder doch kirchlicher Milde
geführt. Da es ganz klar auf der Hand lag, daß es sich hier um einen
Satansbund handelte, so ließ der Richter Bouquet 600 Personen aus der
Jura Landschaft _hinrichten_.
Harmloser war die sogenannte _Laira-Krankheit_, die im Jahre 1613
die Gemeinde Amon bei Dax in Südfrankreich ergriff. Mehr als
hundertundzwanzig Frauen, sicher ein sehr hoher Prozentsatz der
weiblichen Bevölkerung der Ortschaft, wurde von dem merkwürdigen
Drange ergriffen, laut und andauernd ein _heulendes Bellen_, so wie
die den Vollmond anbellenden Hunde, auszustoßen. Ferner wälzten sie
sich wütend am Boden herum, schlugen um sich, bissen und benahmen
sich wie wilde Tiere. Am heftigsten wurde das Bellen, wenn die
Frauen zum Gottesdienst versammelt waren. Natürlich waren auch
hier wieder Hexen schuldig, die sich deutlich dadurch verrieten,
daß die Besessenen die Nähe einer solchen durchs Gefühl merkten und
sofort einen heftigen Anfall bekamen. Allein die Hexen waren so
zahlreich, da außer den Richtern und den Besessenen die Mehrzahl der
Ortsbewohner verdächtigt worden waren, daß man sich damit begnügte,
nur eine beschränkte Anzahl hinzurichten, darunter allerdings einige,
die selbst von dem Wahne befallen waren. Das störte die Richter aber
in keiner Weise, da ja der Teufel, wie sie meinten, den Hexen die
List eingeflößt habe, die Krankheit nur vorzutäuschen[9].
* * * * *
Bei den französischen Jansenisten grassierte von 1728-1739 ein
äußerst absonderlicher Massenwahn. Ein sehr gutmütiger und
asketischer Almosenpfleger namens _François de Paris_ war 1727
gestorben und hatte sich im Testament als geheimen Jansenisten
bekannt. Er wurde auf dem kleinen Pariser _St. Medardus-Friedhof_
begraben, aber später vom Papste wegen seines Bekenntnisses
verleugnet. Sofort nach seinem Tode begannen suggestive
Wunderheilungen von oft zwanzigjährigen hysterischen Lähmungen und
sonstigen hysterischen Symptomen. Das erregte das größte Aufsehen,
eine Völkerwanderung auf den Friedhof begann und bald waren dort
hysterische Krämpfe und Extasen an der Tagesordnung. Bald kam eine
ganze Tanzseuche auf nach Art des »großen Veitstanzes«.