seine Predigten erscheinen unter dem Titel »Die Leidensgeschichte
Jesu Christi, sowie seine Höllenfahrt und glorreiche Auferstehung«.
Wundervoll schildert er hier die Höllenfahrt, die er natürlich für
eine historische Tatsache hält und so eingehend beschreibt, als wäre
er dabei gewesen. Er kennt auch genauestens die Wirkung der Predigt
Jesu bei den »Geistern der Vorwelt«. »Seht, wie sie aufhorchen, wie
sie die Epiphanie des Herren anstaunen. Die Millionen scharen sich
um den einst Verachteten ... Millionen fallen nieder, bekennen und
bereuen ihren Unglauben und beten ihn an ... und der Held führt das
ganze Gefängnis im Triumphe gefangen und führt alle die, welche sich
retten lassen wollen, als den ersten Lohn seiner Todesschmerzen,
hinüber in das selige Paradies« (S. 121).
Mühe weiß es ganz genau, wie lange Christus in der Unterwelt war:
drei Stunden. Da er um 3 Uhr nachmittags starb, und zum Schächer
gesagt hatte, »heute noch sollst du mit mir im Paradiese sein», »so
kann er nach irdischer Zeitrechnung nicht ganz drei Stunden in der
Unterwelt verweilt haben, denn der Tag ging um sechs Uhr zu Ende und
er mußte Wort halten« (S. 123).
»Da nun aber bald die Zeit herannahte, da Jesus auferstehen mußte,
so kam er wieder aus dem Paradies hinauf, begab sich in seine
Grabeshöhle und _nahm seinen Leib wieder an_, und seine Gottheit
durchleuchtete und verklärte ihn. Nur seine Wundenmale behielt er
_freiwillig_, als Beglaubigungs- und Erkennungszeichen und als
ehrenvollen Siegesschmuck. Bald darauf kam ein Engel vom Himmel
herab und wälzte den Stein von des Grabes Tür. Die Erde aber
erbebte vor Freuden über ihren auferstandenen Schöpfer. So ist die
Auferstehung in Wahrheit geschehen; nur blinder Unglaube kann daran
zweifeln.«
So geht es weiter. Herrlich ist auch die Predigt Mühes über die
unbefleckte Empfängnis. Dieser Protestant sagt: »O selige Stunde
der unbefleckten Empfängnis! Maria wird Mutter ohne Zutun eines
Mannes.« »Ein geistgesalbter Prediger der Neuzeit sagt: Gott hat Adam
geschaffen nicht bloß ohne Zutun des Mannes, sondern auch ohne Zutun
einer Frau. Er hat Eva geschaffen mit Zutun eines Mannes und ohne
Zutun einer Frau; nun schafft er Jesum ohne Zutun eines Mannes mit
Zutun einer Frau.«[7]
Dieser würdige und völlig ebenbürtige Geistesgenosse seines
katholischen Kollegen Bautz, erzählt in seinen »Biblischen
Merkwürdigkeiten« und der »Neuen Folge biblischer Merkwürdigkeiten«
(Leipzig 1886) folgende erbauliche und seinem Scharfsinn Ehre
machenden Geschichten:
In der Arche Noah waren alle Tiere in Winterschlaf verfallen.
Infolgedessen brauchten sie nicht ernährt zu werden (Vorwort).
Die Mauern Jerichos sind mit Hilfe der Engel eingefallen (I, 80).
Die Sonne Josuas stand still, indem »Gott den Umschwung der Erde
um ihre Achse und infolgedessen auch den Lauf des Mondes plötzlich
aufgehalten hat« (I, 95).
Der Teufel vollbrachte sein erstes teuflisches Wunder, indem er der
Schlange Sprache verlieh, Gott sein erstes göttliches, indem er die
Schlange umbildete, daß sie auf dem Bauche kriechen mußte (II, 17-19).
Dieser unerschrockene Streiter Gottes ist auch in der beneidenswerten
Lage, über die Werke des Teufels und sein Treiben genau Auskunft
geben zu können. In seiner Predigt »Alttestamentliches Exempel aus
Moses Leben« (Leipzig 1883) hat er die glorreiche Entdeckung gemacht,
daß die Wunder der ägyptischen Zauberer keineswegs Blendwerk waren,
sondern »nach der einzig richtigen Auslegung« vollbrachten sie ihre
Wunder »_mit Hilfe des Satans und der bösen Geister, mit denen sie
im Bunde standen_« (S. 77). Wie der fromme Verfasser in seinen
»Biblischen Merkwürdigkeiten« feststellt, unterliegt »es keinem
Zweifel, daß _der Teufel in Menschengestalt oder sonstwie erscheinen
und sichtbar werden kann_«, denn in der Versuchungsgeschichte (Matth.
4) »faßte er Christus an und führte ihn im Fluge mit sich durch die
Luft«. -- »Es ist ganz verkehrt, wenn die Weltmenschen den Teufel
immer als eine Spukgestalt mit Hörnern und Pferdefuß lächerlich
machen. Er kann in tausenderlei Gestalt die Menschen betrügen. Am
meisten Macht übt er dadurch, daß er den Menschen einredet, es gäbe
gar keinen Teufel.« Aus Hiob geht hervor, daß Unglücksfälle, Sturm,
Hagel, Krieg, leibliche Krankheit und geistliche Anfechtungen nur
vom Satan über uns gebracht werden, freilich dürfen wir damit nicht
sagen, daß jede Krankheit geradezu vom Teufel komme, aber mittelbar
kommt doch alles von ihm.
Der gleiche Gottesmann setzt in seinem Buche »Der Aberglaube. Eine
biblische Beleuchtung der finstern Gebiete der Sympathie, Zauberei,
Geisterbeschwörung usw.« (2. Aufl., Leipzig 1886) auseinander, wie
sich der Teufel bei Bündnissen mit ihm benimmt. Diese Greuel haben
auch in unserer aufgeklärten Zeit nicht aufgehört, nur daß der Teufel
jetzt »manierlicher auftrete und sich der Mode und Zeitrichtung
schlau zu akkomodieren wisse«. »Alles Unheimliche fasse der Glaube
an Zauberer und Hexen in sich.« Die Zauberei ist der Höhepunkt
menschlicher Teufelei. Nach dem abschließenden Gesamturteil Mühes
ist der _Aberglaube ein Eintreten in die Gemeinschaft mit dem Reich
der Finsternis_ und in höchster Linie eine Auflehnung gegen Gott.
Darum gebühre ihm die Strafe der Gotteslästerung, die Gott im Alten
und Neuen Testament hundertfach angedroht habe (3. Mos. 20, 27,
Offenb. 22, 15): _Hinrichtung und Steinigung_. Doch will Herr Mühe
ihn zunächst mit Predigt und Belehrung bekämpfen, »_da leider die
neue Gesetzgebung den Obrigkeiten keine genügende Handhabe bietet, um
diesem Frevel wirksam zu steuern_«[8].
In dieselbe Kategorie von Wahrheitssuchern scheint sich auch der
evangelische Pfarrer _Ewald Dresbach_ stellen zu wollen, wenn er in
seinem Buche »Die protestantischen Sekten der Gegenwart im Lichte der
heiligen Schrift« (Barmen 1888) schreibt; wir sprechen es »als unsere
wohlerwogene Überzeugung aus, daß _im Sektentum sich der Antichrist
offenbart_«. Auf den Einwurf, daß sich doch auch in ihnen fromme
Leute finden, antwortet er: »Was die Frömmigkeit betrifft, so wissen
wir es auf Grund der apostolischen Aussage, daß auch der Satan
hin und wieder das Lichtgewand des Engels tragen kann«, das gehört
zuweilen zu seinen Manieren; im übrigen reden wir ja nicht von einem
einzelnen, auch nicht von einer schnell vorübergehenden Erscheinung:
sondern tiefer schauend haben wir das Allgemeine im Auge, die Dinge
betrachten wir im »Lichte der Ewigkeit« -- und eben da besteht die
Behauptung zu Recht: im Sektenwesen äußert sich der »Widerchrist« (S.
19).
Daß sich in den Sekten außerordentlich viel Fanatismus und Dummheit
jeder Art findet, ist ja zweifellos richtig. Aber etwa in den großen
Kirchen nicht? Mit welchem Recht bestreiten wir der Minderheit eine
Meinung, die die Mehrheit haben darf?
Am deprimierendsten aber wirkt es, wenn ein Mann, der sich zur
Aufgabe stellte, die Sekten und ihre Torheiten und Schattenseiten zu
beleuchten, keine schärfere Angriffswaffe findet, als die aus dem
Arsenal des finstersten Mittelalters entnommene des Antichrists und
Satans!
Wen wird es, wenn Männer mit solch finsterem, stupidestem
mittelalterlichen Aberglauben auf das Volk losgelassen werden,
wundern, wenn sich nachstehende Geschichte ereignen kann?
Im Dezember 1910 erschien bei der Polizeiverwaltung Cöpenick eine
Arbeiterfrau namens K. und wünschte den Polizeiinspektor in einer
dringenden Angelegenheit zu sprechen. Sie stellte allen Ernstes
das Verlangen, ihrer Nachbarin, einer 70jährigen Frau, den Prozeß
zu machen, denn sie sei -- eine Hexe! Die alte Frau habe schon
viele Leute behext, lasse alte Hexenbücher im Zimmer herumtanzen
usw. Das schlimmste aber sei, daß sie das neugeborene Kind der
Beschwerdeführerin, das bis zum dritten Tage ganz gesund gewesen
sei, behext habe, so daß es seitdem immer schreie. Auch ihr Mann war
überzeugt, daß das Kind behext sei. Da die Frau durchaus nicht den
Eindruck einer Geisteskranken machte, versuchte der Polizeiinspektor
ihr durch Vernunftgründe den Aberglauben auszureden. Natürlich nützte
es nichts. Sie entfernte sich mit den Worten: »Sie mögen noch so
schlau sein, Herr Inspektor, aber die Hexe ist doch noch schlauer.
Sie hat ihre alten Bücher, die Sie nicht haben[9].«
Das Verfahren der oben gekennzeichneten Theologen wirkt umso
grotesker, je mehr wir die Forderungen des Tages auf den
verschiedensten Gebieten betrachten. Wenn wir einen Blick werfen auf
die Fortschritte der Naturwissenschaften, die uns zur Stellung immer
größerer Fragen zwingen, auf die sich auf ihrer Grundlage bildende
neue Weltanschauung, auf den Siegeslauf der Technik, der Medizin
und so und so vieler anderer Wissenszweige. Wenn wir die gewaltigen
Aufgaben ins Auge fassen, die das Wirtschaftsleben an uns stellt, der
Übergang des Agrarstaates in den reinen Industriestaat mit seinen
unabsehbaren Folgen. Wenn wir in die Rechtspflege, Wohnungsfrage und
tausend andere Probleme hineinleuchten, Probleme, die die Zukunft zu
lösen haben wird, aber nicht lösen kann, ohne die regste Mitarbeit
jedes einzelnen von uns.
Und in solchen Zeiten, wo letzten Endes die Fortexistenz des
Vaterlandes als Weltmacht auf dem Spiele steht, wo das Europäertum
gegen das erstarkte Amerika und das neu erwachte Asien kämpfend
seine Kräfte sammeln muß, da treten Männer auf, angeblich Verkünder
der Religion der Liebe, Bringer der Wahrheit, und schüren
konfessionelle Zwietracht, wenn sie nicht einer längst endgültig
abgetanen Weltanschauung neues Leben einzuhauchen versuchen.
Gäbe es einen Teufel, selbst dann wäre es eine Dummheit kostbare
Zeit durch Nachdenken über ihn zu verlieren. Unser harren wichtigere
Aufgaben!
VII. Kapitel
Die heilige Garderobe und ähnliches
So ungefähr alles das, was wir bisher an Dummheiten kennen lernten,
was naive Zeiten, eine irregeleitete Phantasie auf diesem Gebiete
ersannen, finden wir zu einem blühenden Strauß gebunden in einer
gewissen Literatur vereint, in die sich hineinzuwagen, nicht geringe
Überwindung kostet. Es handelt sich nicht etwa um Hintertreppenromane
oder Detektivgeschichten, mit denen die hungernde Phantasie unserer
Jugend verdorben wird. Für _Erwachsene_ ist sie geschrieben, für _das
unwissende Volk_, das in Büchern Belehrung sucht, seine kärglichen
Mußestunden dazu benutzen will, den Geist zu bilden, der Wahrheit
näherzukommen.
Und wo könnte es das mit größerer Zuversicht tun, als in Schriften
seiner geistlichen Hirten? In Büchlein, für deren Inhalt die höchste
Autorität eintritt. Soll es _hier_ nicht Belehrung und Erbauung
finden, wo wäre sie dann zu suchen?
Folgen wir also dem gläubigen Leser in seine Erbauungslektüre! Wenn
wir dabei kirchlichen Lehren begegnen, deren Ersetzung durch bessere
wir für kein unerreichbares Ideal menschlicher Geistesarbeit halten
können, so mag auch das nicht ohne Nutzen sein.
Mit bischöflicher Approbation erscheinen eine große Reihe von
Schriften, die sich mit den kirchlichen Gnadenmitteln befassen und
deren billiger Preis keinen Zweifel darüber aufkommen lassen kann,
daß sie für Verbreitung in die Volksmassen bestimmt sind. Sie sollen
der frommen Herde Fingerzeige geben für die zur Erlangung der ewigen
Seligkeit erforderlichen Schritte.
Besonders handelt es sich hier darum, den Gläubigen das Tragen von
gewissen Kleidungsstücken, deren hohe Bedeutung für das Seelenheil
wir gleich kennen lernen werden, ans Herz zu legen.
Wir meinen die _Skapuliere_.
Unter Skapulare versteht die Ordensregel des h. Benediktus ein
Kleidungsstück, das die Mönche bei der Handarbeit über der
Ordenskleidung trugen. Es bedeckte die Schultern und hatte das eine
Ende vorn, das andere hinten herabhängen. Manche Ordensleute tragen
dieses Skapulier als Teil ihrer Ordenskleidung in der Form eines etwa
einen Fuß breiten, vorn und hinten bis auf die Füße herabhängenden
Stückes Zeug.
Dieses Skapulier nun, in verschiedenen Farben getragen, hat eine gar
wunderbare Kraft!
Da ist zunächst das _braune_ der Karmeliter. Dem h. _Simon Stock_,
Generalobern dieses Ordens, erschien die heilige Jungfrau und gab
ihm ein braunes Skapulier mit dem Auftrage, die Mitglieder seines
Ordens und der mit diesem verbundenen Bruderschaften sollten ein
solches tragen als Zeichen ihrer besonderen Verehrung gegen die
heilige Jungfrau und als Unterpfand ihres besonderen Schutzes. Um an
den gewährten Gnaden und Ablässen Anteil zu haben, muß das Skapulier
beständig, auch zur Nachtzeit, getragen werden, desgleichen in
Krankheiten. Legt man es ohne Not ab, dann hat man während dieser
Zeit keinen Anspruch auf Ablässe. Allerdings darf man es auch unter
der Kleidung tragen.
Die kleine Mühe des Tragens lohnt dieses Skapulier allerdings
reichlich. Hat doch die Madonna dem h. Simon Stock verheißen, daß
»wer in dem braunen Skapulier sterbe, das ewige Feuer nicht erleiden
werde.« Wenn es sich nun auch allerdings nach katholischer Lehre
von selbst versteht, daß der Träger des Skapuliers nicht darauf
sündigend ein ruchloser Mensch sein darf, so ist es doch offenkundig,
»daß gar manche durch Bekleidung mit dem Skapulier noch auf dem
Todbette die Gnade der Bekehrung und Rettung ihrer Seele erlangt
haben, ebenso liegen auch Beispiele vor, wo Vermessentlichen und
Unbußfertigen auf auffallende Weise noch vor ihrem Tode das Skapulier
entrissen wurde und abhanden kam.« So schreibt wenigstens der Jesuit
_Maurel_ in seinem mit Genehmigung der Oberen in sechster Auflage
1878 in Paderborn erschienenen Buche »Die Ablässe, ihr Wesen und ihr
Gebrauch« (S. 379).
Besonders günstig gestellt sind die Träger des Skapuliers, der
an einem Samstag das Zeitliche segnen: die Jungfrau Maria wird
in höchsteigener Person zu diesen »hinabsteigen und jene, welche
ich im Fegefeuer finde, befreien und zum Berge des ewigen Lebens
führen.« Allerdings muß der Skapulierträger auch einige »gute Werke«
verrichten, aber von ihnen allen, vom Fastengebot, täglichen Gebeten
usw. usw. kann er befreit werden -- so entschied noch Papst Paul V.
unterm 15. Februar 1613 -- nur das Tragen des Skapuliers ist eine
unerläßliche Bedingung.
Die Länge des Aufenthaltes im Fegefeuer hängt also nicht etwa von
der persönlichen Würdigkeit des armen Sünders ab, sondern vom
Skapuliertragen und vom _Wochentage, an dem er stirbt_!
Doch diese Vergünstigungen scheinen dem Papst Clemens X. noch nicht
ausreichend gewesen zu sein, sonst hätte er nicht unterm 8. Mai 1673
verordnet, daß die mit dem Skapulier der Karmeliter Bekleideten »von
der Mutter Gottes auf ganz besondere Weise an Kindesstatt angenommen«
sind und »einen größeren Anteil von all dem Guten, was in der
gesamten katholischen Kirche geschieht«, erhalten.
Dazu bemerkt der Karmeliter-Pater _Grassi_: »Ordensleute, Mitglieder
der Bruderschaft und andere, die zu diesem Skapulier Andacht hegen,
entgehen vermöge eines ungewöhnlichen Beistandes der Mutter Gott
zahllosen Gefahren. Die Gewehre, welche nicht losgegangen oder deren
Kugeln matt und ohne zu verwunden zu Boden gefallen, die Ketten,
welche zerbrochen, die Dolche, die sich gekrümmt, die Bedrängnisse,
von welchen man befreit, die Abgründe, in die man gefallen und aus
denen man unbeschädigt hervorgekommen, die Feuersbrünste, welche
gelöscht, die Krankheiten, welche gehoben, die verzweifelten Lagen,
denen man glücklich entronnen, wie auf so vielen Gemälden dargestellt
wird, die unzähligen Gedenktafeln, welche an den Altären der h.
Jungfrau Maria vom Berge Karmel aufgehängt sind, -- verkündigen alle
der Welt, mit wie großem Rechte dem _Karmeliter-Skapuliere_ der Titel
»_Rettung in Gefahren_« zukommt, welchen ihm die h. Jungfrau gegeben
hat. Man sah sogar viele von diesen Wundern sich ereignen, wenn man
dieses Skapulier anderen Gläubigen, die in Gefahren des Leibes oder
der Seele waren, auflegte, Beängstigten, Verwundeten, Besessenen
usw. oder wenn man es in anderen Notfällen anwandte, z. B. es mit
lebhaftem Vertrauen in die Flammen warf, um eine Feuersbrunst zu
löschen, oder in die Luft, in das Meer, um einen Sturm zu stillen[1]!
Ein anderes Skapulier ist das _weiße_, das der »allerheiligsten
Dreifaltigkeit«, bestehend aus zwei Zeugstücken aus weißer Farbe mit
eingenähten Kreuzchen von roter und blauer Wolle. Die weiße Farbe
weist auf die Herrlichkeit des Vaters, die blaue auf das Leiden
des Sohnes, die rote auf die Liebe des heiligen Geistes hin. »Das
Skapulier verleiht die Gemeinschaft der guten Werke und Verdienste
sowohl mit dem Orden der heiligen Dreifaltigkeit als auch mit der
Bruderschaft gleichen Namens, in welche man durch Annahme dieses
Skapuliers eintritt.«
Ein drittes Skapulier ist das _blaue_, das der »unbefleckten
Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria«. Es hatte einst die
ehrwürdige _Ursula Benincasa_, die in Neapel im Rufe der Heiligkeit
starb, vom Jesuskind erbeten, das ihr mit der unbefleckten Jungfrau
selbst erschienen war. Durch Tragen dieses Skapuliers erhält man
nicht nur die besondere Gunst der Madonna, sondern auch noch
Anteil an den Gebeten und guten Werken der Theatiner. Wer es trägt,
gewinnt »so oft er, es sei an welchem Orte es wolle, zu Ehren der
heiligen Dreifaltigkeit und der allerseligsten, ohne Erbsünde
empfangenen Jungfrau sechs Vaterunser mit ebenso vielen Ave Maria
und Ehre sei dem Vater usw. nach der Meinung des Papstes spricht,
alle Ablässe, welche für den Besuch der sieben Hauptkirchen Roms,
der Portiuncula-Kirche zu Assisi, sowie für den Besuch Jerusalems
und des Gnadenortes des heiligen Apostels Jacobus zu Compostella in
Spanien bewilligt sind, und ist hierzu ausnahmsweise keine Beichte
und Kommunion und auch kein weiteres Ablaßgebet erforderlich.«
Wer sich über dieses geheimnisvolle Skapulier näher informieren
will -- und wer wollte das nicht, nachdem man auf bequemere Weise
kaum seiner Sünden ledig werden kann -- lese »_Andachten und
Satzungen der Bruderschaft zu Ehren der unbefleckten Empfängnis
Mariä mit dem himmelblauen Skapulier_« (Regensburg, Verlag Pustet)
oder »_Kurze Erklärung über das kleine himmelblaue Skapulier zu
Ehren der allerseligsten unbefleckten Jungfrau Maria_, das von den
Skapulierklerikern der Theatiner-Kongregation geweiht wird, samt
einem Verzeichnis der Ablässe. Getreue Übersetzung des römischen
approbierten Textes« (Mainz, bei Kirchheim).
Ferner gibt es das »_rote Skapulier_ des Leidens des heiligsten
Herzens Jesu, sowie des liebreichsten und mitleidigen Herzens der
seligsten unbefleckten Jungfrau Maria« über das ein bei Pustet in
Regensburg mit Genehmigung des dortigen bischöflichen Ordinariats
erschienenes Schriftchen »_Herz-Jesu oder rotes Passions-Skapulier_«
näheren Aufschluß gibt. Wir verdanken es einer barmherzigen Schwester
in Paris, der im Jahre 1846 »der Heiland wiederholt mit einem solchen
Skapulier in der Hand erschien«.
Das Skapulier der sieben Schmerzen Marias oder das _schwarze_ ist
von den sieben Stiftern des Servitenordens eingeführt. »Man wird
durch Anlegung dieses Skapuliers der Bruderschaft der schmerzhaften
Mutter Gottes einverleibt und erhält sowohl an den Verdiensten aller
Bruderschaftsmitglieder wie des Ordens der Serviten Anteil. Außerdem
hat der Herr, wie nach dem heiligen Alphons der heiligen Elisabeth
geoffenbart worden ist, auf die Bitte seiner Mutter den Verehrern
ihrer Schmerzen u. a. die Gnade verheißen, daß, wer die göttliche
Mutter durch ihre Schmerzen anruft, vor seinem Tode wahre Buße über
alle seine Sünden tun wird.«
Nun ist es klar, daß dem wahrhaft Frommen die Qual der Wahl
zwischen so viel Glücksspendern äußerst wehe tun muß. Doch es ist
in anerkennenswerter Milde dafür gesorgt, sie zu lindern. Man
kann nämlich ein »_fünffaches Skapulier_« tragen, indem man alle
aufeinander heftet. Dadurch wird man »aller Gnaden und Ablässe«
teilhaftig. Und das ist doch was wert! Allerdings kann jedes
Skapulier nur von einem dazu bevollmächtigten Priester angelegt
werden, doch haben die Redemptoristen-Patres die Vollmacht mit einem
vierfachen Skapulier, bestehend aus allen, mit Ausnahme des roten,
zu bekleiden[2]. Sie können, wie Pater M. _Ulrich_ in seiner Schrift
»_Die geistliche Schatzkammer, oder kurzgefaßter Unterricht über das
vierfache Skapulier, die geweihten Kreuze_ usw.« (Passau, Bucher, 5.
Aufl., 1874) S. 24 sagt: Durch eine einzige Weihe und Auflegung in
alle vier Bruderschaften zugleich aufnehmen.
Was der fromme Skapulierträger für einen Profit macht, ist allerdings
fabelhaft. Wer das fünffache Skapulier trägt, gewinnt »am Tage
der Aufnahme fünf vollkommene Ablässe; täglich, sooft er sechs
Vaterunser, Ave Maria und Ehre sei usw. betet, jedesmal die mit dem
Besuche verschiedener heiligen Orte verbundenen Ablässe (vgl. oben);
in jeder Woche Mittwochs und Freitags je einen vollkommenen Ablaß
usw.; ferner: in der Todesstunde vier General-Absolutionen und fünf
vollkommene Ablässe; nach dem Tode bei jeder für ihn gelesenen Messe
wenigstens einen vollkommenen Ablaß; das samstägliche Privilegium.«
Nach dem von Ulrich gegebenen Verzeichnis (S. 41 ff.) der Ablässe,
kann man an einigen Tagen« etliche Jahrhunderte Ablaß gewinnen;
erhält man doch schon 60 Jahre, »sooft man durch eine halbe Stunde
das innerliche Gebet übt oder eine fromme Betrachtung anstellt«.
* * * * *
Das Skapulier, von dem übrigens auch die Franziskaner eines besitzen,
ist nicht das einzige Kleidungsstück der frommen Garderobe.
Verfügt doch der gleiche Orden in seinem »_seraphischen Gürtel_«
über ein nicht minder seelenrettendes Instrument. Darüber belehrt
das Schriftchen »_Der Seraphische Gürtel und dessen wunderbare
Reichtümer._ Nach dem Französischen des hochw. Herrn von _Segur_«,
das mit bischöflicher Erlaubnis 1877 in erster, im folgenden Jahre
in zweiter Auflage erschien.
Sixtus V. errichtete im Jahre 1585 eine »Erzbruderschaft des Gürtels
des heiligen Franziskus«, deren Mitglied man werden kann, wenn man
aus der Hand eines Franziskaner-Oberen oder eines anderen dazu
bestellten Priesters den Gürtel empfängt und denselben Tag und Nacht
trägt. »Es ist Gebrauch, aber nicht Pflicht, jeden Tag zum Andenken
an die fünf Wunden des Erlösers und des heiligen Franziskus sowie
auch für die Bedürfnisse der Kirche nach der Meinung des heiligen
Vaters sechs Vaterunser usw. zu beten. Man kann den Gürtel auf
dem Hemde tragen. Er mag von Wolle oder Baumwolle sein, von Garn
oder Hanf, von weißer oder Naturfarbe. Man soll ihn nur ablegen im
Falle der Not, um ihn so bald als möglich wieder anzulegen. Ist er
zerrissen oder sonst nicht mehr tauglich, so kann man ihn verbrennen
und ganz einfach durch einen anderen ersetzen. Eine kleine Schnur
wäre nicht hinreichend, doch muß es auch kein dicker Strang sein.«
Es lohnt sich wirklich, diesen Gürtel zu tragen, denn er spendet
geradezu fabelhaften Segen. Segur schreibt darüber: »Die mit dem
seraphischen Gürtel verbundenen geistlichen Vorteile enthalten
den unvergleichlichen Schatz der Ablässe, welche aus der
Franziskaner-Familie ein Wunderding machen, einzig in seiner Art. Die
Träger des seraphischen Gürtels haben Anspruch auf alle diese Gnaden«
(S. 6). »So oft sie die sechs Vaterunser usw. beten, gewinnen sie
alle Ablässe des h. Landes, der sämtlichen Basiliken und Heiligtümer
von Rom, der Heiligtümer von Assisi usw., das heißt _Tausende
vollkommener Ablässe und sicher mehr als 100000 Jahre teilweiser
Ablässe_. Ist das nicht gleichsam ein unvergeßlicher Ozean von
Erbarmungen? Kann man da nicht täglich Tausende armer Seelen aus dem
Fegfeuer erlösen? Und diese Ablässe kann man gewinnen, so vielmal des
Tages, als man will; es ist nicht notwendig, morgens kommuniziert zu
haben, man darf sich nur im Stande der Gnade befinden, seine Sünden
bereuen und fest entschlossen sein, Gott dem Herren treu zu bleiben.
Wo ist ein Christ, der dies nicht tun könnte und gern tun sollte?«
(S. 7).
Aber das ist noch nicht alles: Wenn die Gürtelträger nach der
Kommunion den Psalm Exaudiat usw. beten, können sie alle Ablässe
gewinnen, die je allen Heiligtümern der ganzen Welt verliehen worden
sind (S. 8) und 36mal im Jahre die »große Franziskaner-Absolution«
empfangen.