_Ernst Mühe_, Pfarrer in Derben in Pommern, ließ 1884 in Leipzig

seine Predigten erscheinen unter dem Titel »Die Leidensgeschichte

Jesu Christi, sowie seine Höllenfahrt und glorreiche Auferstehung«.

Wundervoll schildert er hier die Höllenfahrt, die er natürlich für

eine historische Tatsache hält und so eingehend beschreibt, als wäre

er dabei gewesen. Er kennt auch genauestens die Wirkung der Predigt

Jesu bei den »Geistern der Vorwelt«. »Seht, wie sie aufhorchen, wie

sie die Epiphanie des Herren anstaunen. Die Millionen scharen sich

um den einst Verachteten ... Millionen fallen nieder, bekennen und

bereuen ihren Unglauben und beten ihn an ... und der Held führt das

ganze Gefängnis im Triumphe gefangen und führt alle die, welche sich

retten lassen wollen, als den ersten Lohn seiner Todesschmerzen,

hinüber in das selige Paradies« (S. 121).

Mühe weiß es ganz genau, wie lange Christus in der Unterwelt war:

drei Stunden. Da er um 3 Uhr nachmittags starb, und zum Schächer

gesagt hatte, »heute noch sollst du mit mir im Paradiese sein», »so

kann er nach irdischer Zeitrechnung nicht ganz drei Stunden in der

Unterwelt verweilt haben, denn der Tag ging um sechs Uhr zu Ende und

er mußte Wort halten« (S. 123).

»Da nun aber bald die Zeit herannahte, da Jesus auferstehen mußte,

so kam er wieder aus dem Paradies hinauf, begab sich in seine

Grabeshöhle und _nahm seinen Leib wieder an_, und seine Gottheit

durchleuchtete und verklärte ihn. Nur seine Wundenmale behielt er

_freiwillig_, als Beglaubigungs- und Erkennungszeichen und als

ehrenvollen Siegesschmuck. Bald darauf kam ein Engel vom Himmel

herab und wälzte den Stein von des Grabes Tür. Die Erde aber

erbebte vor Freuden über ihren auferstandenen Schöpfer. So ist die

Auferstehung in Wahrheit geschehen; nur blinder Unglaube kann daran

zweifeln.«

So geht es weiter. Herrlich ist auch die Predigt Mühes über die

unbefleckte Empfängnis. Dieser Protestant sagt: »O selige Stunde

der unbefleckten Empfängnis! Maria wird Mutter ohne Zutun eines

Mannes.« »Ein geistgesalbter Prediger der Neuzeit sagt: Gott hat Adam

geschaffen nicht bloß ohne Zutun des Mannes, sondern auch ohne Zutun

einer Frau. Er hat Eva geschaffen mit Zutun eines Mannes und ohne

Zutun einer Frau; nun schafft er Jesum ohne Zutun eines Mannes mit

Zutun einer Frau.«[7]

Dieser würdige und völlig ebenbürtige Geistesgenosse seines

katholischen Kollegen Bautz, erzählt in seinen »Biblischen

Merkwürdigkeiten« und der »Neuen Folge biblischer Merkwürdigkeiten«

(Leipzig 1886) folgende erbauliche und seinem Scharfsinn Ehre

machenden Geschichten:

In der Arche Noah waren alle Tiere in Winterschlaf verfallen.

Infolgedessen brauchten sie nicht ernährt zu werden (Vorwort).

Die Mauern Jerichos sind mit Hilfe der Engel eingefallen (I, 80).

Die Sonne Josuas stand still, indem »Gott den Umschwung der Erde

um ihre Achse und infolgedessen auch den Lauf des Mondes plötzlich

aufgehalten hat« (I, 95).

Der Teufel vollbrachte sein erstes teuflisches Wunder, indem er der

Schlange Sprache verlieh, Gott sein erstes göttliches, indem er die

Schlange umbildete, daß sie auf dem Bauche kriechen mußte (II, 17-19).

Dieser unerschrockene Streiter Gottes ist auch in der beneidenswerten

Lage, über die Werke des Teufels und sein Treiben genau Auskunft

geben zu können. In seiner Predigt »Alttestamentliches Exempel aus

Moses Leben« (Leipzig 1883) hat er die glorreiche Entdeckung gemacht,

daß die Wunder der ägyptischen Zauberer keineswegs Blendwerk waren,

sondern »nach der einzig richtigen Auslegung« vollbrachten sie ihre

Wunder »_mit Hilfe des Satans und der bösen Geister, mit denen sie

im Bunde standen_« (S. 77). Wie der fromme Verfasser in seinen

»Biblischen Merkwürdigkeiten« feststellt, unterliegt »es keinem

Zweifel, daß _der Teufel in Menschengestalt oder sonstwie erscheinen

und sichtbar werden kann_«, denn in der Versuchungsgeschichte (Matth.

4) »faßte er Christus an und führte ihn im Fluge mit sich durch die

Luft«. -- »Es ist ganz verkehrt, wenn die Weltmenschen den Teufel

immer als eine Spukgestalt mit Hörnern und Pferdefuß lächerlich

machen. Er kann in tausenderlei Gestalt die Menschen betrügen. Am

meisten Macht übt er dadurch, daß er den Menschen einredet, es gäbe

gar keinen Teufel.« Aus Hiob geht hervor, daß Unglücksfälle, Sturm,

Hagel, Krieg, leibliche Krankheit und geistliche Anfechtungen nur

vom Satan über uns gebracht werden, freilich dürfen wir damit nicht

sagen, daß jede Krankheit geradezu vom Teufel komme, aber mittelbar

kommt doch alles von ihm.

Der gleiche Gottesmann setzt in seinem Buche »Der Aberglaube. Eine

biblische Beleuchtung der finstern Gebiete der Sympathie, Zauberei,

Geisterbeschwörung usw.« (2. Aufl., Leipzig 1886) auseinander, wie

sich der Teufel bei Bündnissen mit ihm benimmt. Diese Greuel haben

auch in unserer aufgeklärten Zeit nicht aufgehört, nur daß der Teufel

jetzt »manierlicher auftrete und sich der Mode und Zeitrichtung

schlau zu akkomodieren wisse«. »Alles Unheimliche fasse der Glaube

an Zauberer und Hexen in sich.« Die Zauberei ist der Höhepunkt

menschlicher Teufelei. Nach dem abschließenden Gesamturteil Mühes

ist der _Aberglaube ein Eintreten in die Gemeinschaft mit dem Reich

der Finsternis_ und in höchster Linie eine Auflehnung gegen Gott.

Darum gebühre ihm die Strafe der Gotteslästerung, die Gott im Alten

und Neuen Testament hundertfach angedroht habe (3. Mos. 20, 27,

Offenb. 22, 15): _Hinrichtung und Steinigung_. Doch will Herr Mühe

ihn zunächst mit Predigt und Belehrung bekämpfen, »_da leider die

neue Gesetzgebung den Obrigkeiten keine genügende Handhabe bietet, um

diesem Frevel wirksam zu steuern_«[8].

In dieselbe Kategorie von Wahrheitssuchern scheint sich auch der

evangelische Pfarrer _Ewald Dresbach_ stellen zu wollen, wenn er in

seinem Buche »Die protestantischen Sekten der Gegenwart im Lichte der

heiligen Schrift« (Barmen 1888) schreibt; wir sprechen es »als unsere

wohlerwogene Überzeugung aus, daß _im Sektentum sich der Antichrist

offenbart_«. Auf den Einwurf, daß sich doch auch in ihnen fromme

Leute finden, antwortet er: »Was die Frömmigkeit betrifft, so wissen

wir es auf Grund der apostolischen Aussage, daß auch der Satan

hin und wieder das Lichtgewand des Engels tragen kann«, das gehört

zuweilen zu seinen Manieren; im übrigen reden wir ja nicht von einem

einzelnen, auch nicht von einer schnell vorübergehenden Erscheinung:

sondern tiefer schauend haben wir das Allgemeine im Auge, die Dinge

betrachten wir im »Lichte der Ewigkeit« -- und eben da besteht die

Behauptung zu Recht: im Sektenwesen äußert sich der »Widerchrist« (S.

19).

Daß sich in den Sekten außerordentlich viel Fanatismus und Dummheit

jeder Art findet, ist ja zweifellos richtig. Aber etwa in den großen

Kirchen nicht? Mit welchem Recht bestreiten wir der Minderheit eine

Meinung, die die Mehrheit haben darf?

Am deprimierendsten aber wirkt es, wenn ein Mann, der sich zur

Aufgabe stellte, die Sekten und ihre Torheiten und Schattenseiten zu

beleuchten, keine schärfere Angriffswaffe findet, als die aus dem

Arsenal des finstersten Mittelalters entnommene des Antichrists und

Satans!

Wen wird es, wenn Männer mit solch finsterem, stupidestem

mittelalterlichen Aberglauben auf das Volk losgelassen werden,

wundern, wenn sich nachstehende Geschichte ereignen kann?

Im Dezember 1910 erschien bei der Polizeiverwaltung Cöpenick eine

Arbeiterfrau namens K. und wünschte den Polizeiinspektor in einer

dringenden Angelegenheit zu sprechen. Sie stellte allen Ernstes

das Verlangen, ihrer Nachbarin, einer 70jährigen Frau, den Prozeß

zu machen, denn sie sei -- eine Hexe! Die alte Frau habe schon

viele Leute behext, lasse alte Hexenbücher im Zimmer herumtanzen

usw. Das schlimmste aber sei, daß sie das neugeborene Kind der

Beschwerdeführerin, das bis zum dritten Tage ganz gesund gewesen

sei, behext habe, so daß es seitdem immer schreie. Auch ihr Mann war

überzeugt, daß das Kind behext sei. Da die Frau durchaus nicht den

Eindruck einer Geisteskranken machte, versuchte der Polizeiinspektor

ihr durch Vernunftgründe den Aberglauben auszureden. Natürlich nützte

es nichts. Sie entfernte sich mit den Worten: »Sie mögen noch so

schlau sein, Herr Inspektor, aber die Hexe ist doch noch schlauer.

Sie hat ihre alten Bücher, die Sie nicht haben[9].«

Das Verfahren der oben gekennzeichneten Theologen wirkt umso

grotesker, je mehr wir die Forderungen des Tages auf den

verschiedensten Gebieten betrachten. Wenn wir einen Blick werfen auf

die Fortschritte der Naturwissenschaften, die uns zur Stellung immer

größerer Fragen zwingen, auf die sich auf ihrer Grundlage bildende

neue Weltanschauung, auf den Siegeslauf der Technik, der Medizin

und so und so vieler anderer Wissenszweige. Wenn wir die gewaltigen

Aufgaben ins Auge fassen, die das Wirtschaftsleben an uns stellt, der

Übergang des Agrarstaates in den reinen Industriestaat mit seinen

unabsehbaren Folgen. Wenn wir in die Rechtspflege, Wohnungsfrage und

tausend andere Probleme hineinleuchten, Probleme, die die Zukunft zu

lösen haben wird, aber nicht lösen kann, ohne die regste Mitarbeit

jedes einzelnen von uns.

Und in solchen Zeiten, wo letzten Endes die Fortexistenz des

Vaterlandes als Weltmacht auf dem Spiele steht, wo das Europäertum

gegen das erstarkte Amerika und das neu erwachte Asien kämpfend

seine Kräfte sammeln muß, da treten Männer auf, angeblich Verkünder

der Religion der Liebe, Bringer der Wahrheit, und schüren

konfessionelle Zwietracht, wenn sie nicht einer längst endgültig

abgetanen Weltanschauung neues Leben einzuhauchen versuchen.

Gäbe es einen Teufel, selbst dann wäre es eine Dummheit kostbare

Zeit durch Nachdenken über ihn zu verlieren. Unser harren wichtigere

Aufgaben!

VII. Kapitel

Die heilige Garderobe und ähnliches

So ungefähr alles das, was wir bisher an Dummheiten kennen lernten,

was naive Zeiten, eine irregeleitete Phantasie auf diesem Gebiete

ersannen, finden wir zu einem blühenden Strauß gebunden in einer

gewissen Literatur vereint, in die sich hineinzuwagen, nicht geringe

Überwindung kostet. Es handelt sich nicht etwa um Hintertreppenromane

oder Detektivgeschichten, mit denen die hungernde Phantasie unserer

Jugend verdorben wird. Für _Erwachsene_ ist sie geschrieben, für _das

unwissende Volk_, das in Büchern Belehrung sucht, seine kärglichen

Mußestunden dazu benutzen will, den Geist zu bilden, der Wahrheit

näherzukommen.

Und wo könnte es das mit größerer Zuversicht tun, als in Schriften

seiner geistlichen Hirten? In Büchlein, für deren Inhalt die höchste

Autorität eintritt. Soll es _hier_ nicht Belehrung und Erbauung

finden, wo wäre sie dann zu suchen?

Folgen wir also dem gläubigen Leser in seine Erbauungslektüre! Wenn

wir dabei kirchlichen Lehren begegnen, deren Ersetzung durch bessere

wir für kein unerreichbares Ideal menschlicher Geistesarbeit halten

können, so mag auch das nicht ohne Nutzen sein.

Mit bischöflicher Approbation erscheinen eine große Reihe von

Schriften, die sich mit den kirchlichen Gnadenmitteln befassen und

deren billiger Preis keinen Zweifel darüber aufkommen lassen kann,

daß sie für Verbreitung in die Volksmassen bestimmt sind. Sie sollen

der frommen Herde Fingerzeige geben für die zur Erlangung der ewigen

Seligkeit erforderlichen Schritte.

Besonders handelt es sich hier darum, den Gläubigen das Tragen von

gewissen Kleidungsstücken, deren hohe Bedeutung für das Seelenheil

wir gleich kennen lernen werden, ans Herz zu legen.

Wir meinen die _Skapuliere_.

Unter Skapulare versteht die Ordensregel des h. Benediktus ein

Kleidungsstück, das die Mönche bei der Handarbeit über der

Ordenskleidung trugen. Es bedeckte die Schultern und hatte das eine

Ende vorn, das andere hinten herabhängen. Manche Ordensleute tragen

dieses Skapulier als Teil ihrer Ordenskleidung in der Form eines etwa

einen Fuß breiten, vorn und hinten bis auf die Füße herabhängenden

Stückes Zeug.

Dieses Skapulier nun, in verschiedenen Farben getragen, hat eine gar

wunderbare Kraft!

Da ist zunächst das _braune_ der Karmeliter. Dem h. _Simon Stock_,

Generalobern dieses Ordens, erschien die heilige Jungfrau und gab

ihm ein braunes Skapulier mit dem Auftrage, die Mitglieder seines

Ordens und der mit diesem verbundenen Bruderschaften sollten ein

solches tragen als Zeichen ihrer besonderen Verehrung gegen die

heilige Jungfrau und als Unterpfand ihres besonderen Schutzes. Um an

den gewährten Gnaden und Ablässen Anteil zu haben, muß das Skapulier

beständig, auch zur Nachtzeit, getragen werden, desgleichen in

Krankheiten. Legt man es ohne Not ab, dann hat man während dieser

Zeit keinen Anspruch auf Ablässe. Allerdings darf man es auch unter

der Kleidung tragen.

Die kleine Mühe des Tragens lohnt dieses Skapulier allerdings

reichlich. Hat doch die Madonna dem h. Simon Stock verheißen, daß

»wer in dem braunen Skapulier sterbe, das ewige Feuer nicht erleiden

werde.« Wenn es sich nun auch allerdings nach katholischer Lehre

von selbst versteht, daß der Träger des Skapuliers nicht darauf

sündigend ein ruchloser Mensch sein darf, so ist es doch offenkundig,

»daß gar manche durch Bekleidung mit dem Skapulier noch auf dem

Todbette die Gnade der Bekehrung und Rettung ihrer Seele erlangt

haben, ebenso liegen auch Beispiele vor, wo Vermessentlichen und

Unbußfertigen auf auffallende Weise noch vor ihrem Tode das Skapulier

entrissen wurde und abhanden kam.« So schreibt wenigstens der Jesuit

_Maurel_ in seinem mit Genehmigung der Oberen in sechster Auflage

1878 in Paderborn erschienenen Buche »Die Ablässe, ihr Wesen und ihr

Gebrauch« (S. 379).

Besonders günstig gestellt sind die Träger des Skapuliers, der

an einem Samstag das Zeitliche segnen: die Jungfrau Maria wird

in höchsteigener Person zu diesen »hinabsteigen und jene, welche

ich im Fegefeuer finde, befreien und zum Berge des ewigen Lebens

führen.« Allerdings muß der Skapulierträger auch einige »gute Werke«

verrichten, aber von ihnen allen, vom Fastengebot, täglichen Gebeten

usw. usw. kann er befreit werden -- so entschied noch Papst Paul V.

unterm 15. Februar 1613 -- nur das Tragen des Skapuliers ist eine

unerläßliche Bedingung.

Die Länge des Aufenthaltes im Fegefeuer hängt also nicht etwa von

der persönlichen Würdigkeit des armen Sünders ab, sondern vom

Skapuliertragen und vom _Wochentage, an dem er stirbt_!

Doch diese Vergünstigungen scheinen dem Papst Clemens X. noch nicht

ausreichend gewesen zu sein, sonst hätte er nicht unterm 8. Mai 1673

verordnet, daß die mit dem Skapulier der Karmeliter Bekleideten »von

der Mutter Gottes auf ganz besondere Weise an Kindesstatt angenommen«

sind und »einen größeren Anteil von all dem Guten, was in der

gesamten katholischen Kirche geschieht«, erhalten.

Dazu bemerkt der Karmeliter-Pater _Grassi_: »Ordensleute, Mitglieder

der Bruderschaft und andere, die zu diesem Skapulier Andacht hegen,

entgehen vermöge eines ungewöhnlichen Beistandes der Mutter Gott

zahllosen Gefahren. Die Gewehre, welche nicht losgegangen oder deren

Kugeln matt und ohne zu verwunden zu Boden gefallen, die Ketten,

welche zerbrochen, die Dolche, die sich gekrümmt, die Bedrängnisse,

von welchen man befreit, die Abgründe, in die man gefallen und aus

denen man unbeschädigt hervorgekommen, die Feuersbrünste, welche

gelöscht, die Krankheiten, welche gehoben, die verzweifelten Lagen,

denen man glücklich entronnen, wie auf so vielen Gemälden dargestellt

wird, die unzähligen Gedenktafeln, welche an den Altären der h.

Jungfrau Maria vom Berge Karmel aufgehängt sind, -- verkündigen alle

der Welt, mit wie großem Rechte dem _Karmeliter-Skapuliere_ der Titel

»_Rettung in Gefahren_« zukommt, welchen ihm die h. Jungfrau gegeben

hat. Man sah sogar viele von diesen Wundern sich ereignen, wenn man

dieses Skapulier anderen Gläubigen, die in Gefahren des Leibes oder

der Seele waren, auflegte, Beängstigten, Verwundeten, Besessenen

usw. oder wenn man es in anderen Notfällen anwandte, z. B. es mit

lebhaftem Vertrauen in die Flammen warf, um eine Feuersbrunst zu

löschen, oder in die Luft, in das Meer, um einen Sturm zu stillen[1]!

Ein anderes Skapulier ist das _weiße_, das der »allerheiligsten

Dreifaltigkeit«, bestehend aus zwei Zeugstücken aus weißer Farbe mit

eingenähten Kreuzchen von roter und blauer Wolle. Die weiße Farbe

weist auf die Herrlichkeit des Vaters, die blaue auf das Leiden

des Sohnes, die rote auf die Liebe des heiligen Geistes hin. »Das

Skapulier verleiht die Gemeinschaft der guten Werke und Verdienste

sowohl mit dem Orden der heiligen Dreifaltigkeit als auch mit der

Bruderschaft gleichen Namens, in welche man durch Annahme dieses

Skapuliers eintritt.«

Ein drittes Skapulier ist das _blaue_, das der »unbefleckten

Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria«. Es hatte einst die

ehrwürdige _Ursula Benincasa_, die in Neapel im Rufe der Heiligkeit

starb, vom Jesuskind erbeten, das ihr mit der unbefleckten Jungfrau

selbst erschienen war. Durch Tragen dieses Skapuliers erhält man

nicht nur die besondere Gunst der Madonna, sondern auch noch

Anteil an den Gebeten und guten Werken der Theatiner. Wer es trägt,

gewinnt »so oft er, es sei an welchem Orte es wolle, zu Ehren der

heiligen Dreifaltigkeit und der allerseligsten, ohne Erbsünde

empfangenen Jungfrau sechs Vaterunser mit ebenso vielen Ave Maria

und Ehre sei dem Vater usw. nach der Meinung des Papstes spricht,

alle Ablässe, welche für den Besuch der sieben Hauptkirchen Roms,

der Portiuncula-Kirche zu Assisi, sowie für den Besuch Jerusalems

und des Gnadenortes des heiligen Apostels Jacobus zu Compostella in

Spanien bewilligt sind, und ist hierzu ausnahmsweise keine Beichte

und Kommunion und auch kein weiteres Ablaßgebet erforderlich.«

Wer sich über dieses geheimnisvolle Skapulier näher informieren

will -- und wer wollte das nicht, nachdem man auf bequemere Weise

kaum seiner Sünden ledig werden kann -- lese »_Andachten und

Satzungen der Bruderschaft zu Ehren der unbefleckten Empfängnis

Mariä mit dem himmelblauen Skapulier_« (Regensburg, Verlag Pustet)

oder »_Kurze Erklärung über das kleine himmelblaue Skapulier zu

Ehren der allerseligsten unbefleckten Jungfrau Maria_, das von den

Skapulierklerikern der Theatiner-Kongregation geweiht wird, samt

einem Verzeichnis der Ablässe. Getreue Übersetzung des römischen

approbierten Textes« (Mainz, bei Kirchheim).

Ferner gibt es das »_rote Skapulier_ des Leidens des heiligsten

Herzens Jesu, sowie des liebreichsten und mitleidigen Herzens der

seligsten unbefleckten Jungfrau Maria« über das ein bei Pustet in

Regensburg mit Genehmigung des dortigen bischöflichen Ordinariats

erschienenes Schriftchen »_Herz-Jesu oder rotes Passions-Skapulier_«

näheren Aufschluß gibt. Wir verdanken es einer barmherzigen Schwester

in Paris, der im Jahre 1846 »der Heiland wiederholt mit einem solchen

Skapulier in der Hand erschien«.

Das Skapulier der sieben Schmerzen Marias oder das _schwarze_ ist

von den sieben Stiftern des Servitenordens eingeführt. »Man wird

durch Anlegung dieses Skapuliers der Bruderschaft der schmerzhaften

Mutter Gottes einverleibt und erhält sowohl an den Verdiensten aller

Bruderschaftsmitglieder wie des Ordens der Serviten Anteil. Außerdem

hat der Herr, wie nach dem heiligen Alphons der heiligen Elisabeth

geoffenbart worden ist, auf die Bitte seiner Mutter den Verehrern

ihrer Schmerzen u. a. die Gnade verheißen, daß, wer die göttliche

Mutter durch ihre Schmerzen anruft, vor seinem Tode wahre Buße über

alle seine Sünden tun wird.«

Nun ist es klar, daß dem wahrhaft Frommen die Qual der Wahl

zwischen so viel Glücksspendern äußerst wehe tun muß. Doch es ist

in anerkennenswerter Milde dafür gesorgt, sie zu lindern. Man

kann nämlich ein »_fünffaches Skapulier_« tragen, indem man alle

aufeinander heftet. Dadurch wird man »aller Gnaden und Ablässe«

teilhaftig. Und das ist doch was wert! Allerdings kann jedes

Skapulier nur von einem dazu bevollmächtigten Priester angelegt

werden, doch haben die Redemptoristen-Patres die Vollmacht mit einem

vierfachen Skapulier, bestehend aus allen, mit Ausnahme des roten,

zu bekleiden[2]. Sie können, wie Pater M. _Ulrich_ in seiner Schrift

»_Die geistliche Schatzkammer, oder kurzgefaßter Unterricht über das

vierfache Skapulier, die geweihten Kreuze_ usw.« (Passau, Bucher, 5.

Aufl., 1874) S. 24 sagt: Durch eine einzige Weihe und Auflegung in

alle vier Bruderschaften zugleich aufnehmen.

Was der fromme Skapulierträger für einen Profit macht, ist allerdings

fabelhaft. Wer das fünffache Skapulier trägt, gewinnt »am Tage

der Aufnahme fünf vollkommene Ablässe; täglich, sooft er sechs

Vaterunser, Ave Maria und Ehre sei usw. betet, jedesmal die mit dem

Besuche verschiedener heiligen Orte verbundenen Ablässe (vgl. oben);

in jeder Woche Mittwochs und Freitags je einen vollkommenen Ablaß

usw.; ferner: in der Todesstunde vier General-Absolutionen und fünf

vollkommene Ablässe; nach dem Tode bei jeder für ihn gelesenen Messe

wenigstens einen vollkommenen Ablaß; das samstägliche Privilegium.«

Nach dem von Ulrich gegebenen Verzeichnis (S. 41 ff.) der Ablässe,

kann man an einigen Tagen« etliche Jahrhunderte Ablaß gewinnen;

erhält man doch schon 60 Jahre, »sooft man durch eine halbe Stunde

das innerliche Gebet übt oder eine fromme Betrachtung anstellt«.

* * * * *

Das Skapulier, von dem übrigens auch die Franziskaner eines besitzen,

ist nicht das einzige Kleidungsstück der frommen Garderobe.

Verfügt doch der gleiche Orden in seinem »_seraphischen Gürtel_«

über ein nicht minder seelenrettendes Instrument. Darüber belehrt

das Schriftchen »_Der Seraphische Gürtel und dessen wunderbare

Reichtümer._ Nach dem Französischen des hochw. Herrn von _Segur_«,

das mit bischöflicher Erlaubnis 1877 in erster, im folgenden Jahre

in zweiter Auflage erschien.

Sixtus V. errichtete im Jahre 1585 eine »Erzbruderschaft des Gürtels

des heiligen Franziskus«, deren Mitglied man werden kann, wenn man

aus der Hand eines Franziskaner-Oberen oder eines anderen dazu

bestellten Priesters den Gürtel empfängt und denselben Tag und Nacht

trägt. »Es ist Gebrauch, aber nicht Pflicht, jeden Tag zum Andenken

an die fünf Wunden des Erlösers und des heiligen Franziskus sowie

auch für die Bedürfnisse der Kirche nach der Meinung des heiligen

Vaters sechs Vaterunser usw. zu beten. Man kann den Gürtel auf

dem Hemde tragen. Er mag von Wolle oder Baumwolle sein, von Garn

oder Hanf, von weißer oder Naturfarbe. Man soll ihn nur ablegen im

Falle der Not, um ihn so bald als möglich wieder anzulegen. Ist er

zerrissen oder sonst nicht mehr tauglich, so kann man ihn verbrennen

und ganz einfach durch einen anderen ersetzen. Eine kleine Schnur

wäre nicht hinreichend, doch muß es auch kein dicker Strang sein.«

Es lohnt sich wirklich, diesen Gürtel zu tragen, denn er spendet

geradezu fabelhaften Segen. Segur schreibt darüber: »Die mit dem

seraphischen Gürtel verbundenen geistlichen Vorteile enthalten

den unvergleichlichen Schatz der Ablässe, welche aus der

Franziskaner-Familie ein Wunderding machen, einzig in seiner Art. Die

Träger des seraphischen Gürtels haben Anspruch auf alle diese Gnaden«

(S. 6). »So oft sie die sechs Vaterunser usw. beten, gewinnen sie

alle Ablässe des h. Landes, der sämtlichen Basiliken und Heiligtümer

von Rom, der Heiligtümer von Assisi usw., das heißt _Tausende

vollkommener Ablässe und sicher mehr als 100000 Jahre teilweiser

Ablässe_. Ist das nicht gleichsam ein unvergeßlicher Ozean von

Erbarmungen? Kann man da nicht täglich Tausende armer Seelen aus dem

Fegfeuer erlösen? Und diese Ablässe kann man gewinnen, so vielmal des

Tages, als man will; es ist nicht notwendig, morgens kommuniziert zu

haben, man darf sich nur im Stande der Gnade befinden, seine Sünden

bereuen und fest entschlossen sein, Gott dem Herren treu zu bleiben.

Wo ist ein Christ, der dies nicht tun könnte und gern tun sollte?«

(S. 7).

Aber das ist noch nicht alles: Wenn die Gürtelträger nach der

Kommunion den Psalm Exaudiat usw. beten, können sie alle Ablässe

gewinnen, die je allen Heiligtümern der ganzen Welt verliehen worden

sind (S. 8) und 36mal im Jahre die »große Franziskaner-Absolution«

empfangen.

Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit · 第 13 / 19 段