Bei der Thronbesteigung Elisabeths wurde ein Gesetz erlassen,

das jeden Gottesdienst der Katholiken -- die sich bis dahin noch

vollkommen ruhig verhalten hatten -- außer nach dem Prayer Book

verbot. Die Strafe für die dritte Übertretung war _Einkerkerung

auf Lebenszeit_. Ein anderes Gesetz legte jedem, der sich vom

anglikanischen Gottesdienst fern hielt, eine Geldbuße auf. Die

Presbyterianer wurden während einer langen Reihe von Herrschern

eingekerkert, gebrandmarkt, verstümmelt, gegeißelt und an den Pranger

gestellt. Viele Katholiken wurden unter falschen Vorwänden gefoltert

und gehängt, die Wiedertäufer und Arianer aber lebendig verbrannt.

* * * * *

In Schottland war es am schlimmsten. Dort wurde fast während der

ganzen Zeit, die die Stuarts auf dem Trone Englands saßen, von der

englischen Regierung auf Anstiften der schottischen Bischöfe und mit

Billigung der englischen Kirche eine Verfolgung gegen alle, die die

bischöfliche Verfassung verwarfen, mit einer Grausamkeit geführt, die

mit fast allen, die uns überliefert sind, wetteifern kann.

Wenn ein Konventikel in einem Hause gehalten wurde, war der

Priester der _Todesstrafe_ verfallen. Wurde es unter freiem Himmel

abgehalten, verfielen Prediger und Gläubige demselben Schicksal.

Die Presbyterianer wurden wie Verbrecher über die Berge gejagt, man

riß ihnen die Ohren vom Kopf, brandmarkte sie mit glühenden Eisen,

riß ihnen die Finger mit Daumenschrauben auseinander, zerquetschte

die Knochen ihrer Beine in spanischen Stiefeln, peitschte Frauen

öffentlich durch die Straßen, exportierte unzählige nach Barbados,

hetzte wütend gemachte Soldaten auf sie und feuerte sie an, ihre

Geschicklichkeit im Foltern zu zeigen.

Als die Reformation in Schottland siegte, war eine ihrer ersten

Handlungen ein Gesetz, das jedem Priester die Zelebrierung und jedem

Laien das Hören der Messe verbot bei Strafe der Vermögensentziehung

bei der ersten, der Verbannung bei der zweiten und des Todes bei der

dritten Übertretung. Man bezeichnete es öffentlich als unerträgliches

Übel, daß der Königin von Schottland gestattet sein sollte, in ihrer

eigenen Privatkapelle die Messe zu hören. Daß noch heute in England

die Katholiken einige Rechte _nicht_ besitzen, ist ja allgemein

bekannt.

Als in Frankreich die Verwaltung gewisser Städte den Protestanten

eingeräumt wurde, unterdrückten sie sofort gewaltsam den katholischen

Gottesdienst unbedingt, verboten jedem Protestanten einer Hochzeit

oder einem Leichenbegängnis beizuwohnen, wobei ein katholischer

Priester fungierte, hoben alle gemischten Ehen auf und verfolgten

mit Aufbietung all ihrer Macht diejenigen, die von ihrem Glauben

abgefallen waren.

In Schweden wurden alle, die in irgendeinem Artikel von der

Augsburger Konfession abwichen, sofort verbannt[20].

Es war eben in allen Ländern, bei allen Konfessionen der gleiche

Geist der Intoleranz lebendig. Mit den gleichen Mitteln der

Absperrung gegen Gedanken, die von den eigenen abwichen, der

Zwangserziehung zu einer äußerlichen Kirchlichkeit, der Verfolgung

Andersdenkender wurde gewirkt. Überall machte sich der Staat zum

Büttel der Kirchen. Und doch hätte jedem Verständigen klar sein

sollen, daß man mit Gewaltmitteln Gedanken nicht besiegen kann und

daß es doch wohl an der Beschaffenheit der kirchlichen Lehren liegen

müsse, wenn sie sich nicht anders, als durch solche Zwangsmaßnahmen

aufrecht erhalten ließen.

Wir haben gar keine Veranlassung, hoheitsvoll auf jene Zeiten

herabzublicken. Es wäre heute noch ebenso, wenn der Laienverstand

nicht über die Weisheit der Theologen und ihrer Werkzeuge gesiegt

hätte. Die Gefahr eines Rückfalles besteht aber so lange, bis

nicht die Trennung von Kirche und Staat durchgeführt ist. Denn

auch heute noch muß der freie Denker, jeder, dessen Gewissen sich

nicht in die Schablone irgendeiner polizeilich konzessionierten

Lehrmeinung einzwängen läßt, um sein Dasein kämpfen. Die Mittel sind

ja minder barbarisch, aber der Geist, in dem sie angewandt werden,

unterscheidet sich nur unwesentlich von dem der Vorzeit.

Und fragen wir uns, welche hohen Glaubensgüter denn heute noch

mit Gewaltmitteln, als da sind Kirchenzwang, Boykott gegen

Andersdenkende, Schwierigkeiten bei Staatsanstellungen usw. usw.

verteidigt und propagiert werden, so finden wir, daß darunter gar

manche sind, die alles andere eher als Schutz verdienen. Sehr

häufig wird die Dummheit gegen Aufklärung und Intelligenz in Schutz

genommen, und wenn das nicht schon immer so gewesen wäre, dann

hätten wir es in der Kultur unendlich viel weiter gebracht. Dem

Laienverstand gehört und gehörte stets die Zukunft. Er brachte immer

und überall den Fortschritt, führte der Wahrheit näher und darum

wurde er auch immer bekriegt.

Die folgenden Kapitel werden keinen Zweifel darüber lassen können,

daß noch in der Gegenwart von Faktoren, die sich für Hüter der

Wahrheit und Volkserzieher halten, und die durch die staatliche

Autorität in diesem Wahn bestärkt werden, ja denen geradezu ein

Monopol verliehen wurde, Lehren verbreitet und Anschauungen vertreten

werden, die wir nur als hohes Lied der Dummheit bezeichnen können.

VI. Kapitel

Der Teufel in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart

Die Leidenschaft mit der die spätmittelalterliche Kirche für den

Teufels- und Hexenglauben eintrat, die Gewaltmittel, mit der sie

das Volk, das sich zum guten Teil gegen diesen Blödsinn sträubte,

zu seiner Anerkennung zwang, haben wir kennen gelernt. Desgleichen

die literarischen Don Quichote, die auf die Bibel und sonstige

Autoritäten gestützt, dem Fortschritt der Vernunft Knüppel in den

Weg warfen. Endlich siegte diese doch mit der Aufklärung im 18.

Jahrhundert. Aber dieser Sieg war keineswegs vollständig.

Die Kirche hielt und hält auch heute noch an der Teufelslehre

fest, nur daß sie sie aus guten Gründen nicht mehr in allzugroßen

Buchstaben auf ihre Fahne schreibt. Heute noch wagt sich da und

dort ein kühner Streiter Gottes mit einer Dissertation zu Ehren des

höllischen Fürsten vor, ohne daß die kirchlichen Oberen es wagen

würden, ihn zu verleugnen. Ob sie gerade ihre besondere Freude an

solchen Arbeiten haben, ist ja eine andere Frage.

Am bekanntesten sind auf katholischer Seite die Untersuchungen des

Höllentopographen und Professors in Münster, Dr. Joseph _Bautz_ (vgl.

Kultur-Kuriosa I, S. 232 ff.), sowie des Professors in Dillingen,

David _Leistle_ (vgl. Kultur-Kuriosa II, S. 35 ff.), über diese

Materie. Sie beweisen, daß man heute noch in diesen Kreisen der

Frommen um kein Haar anders denkt, als vor einem halben Jahrtausend.

Denn es handelt sich keineswegs um einzelne Entgleisungen wie

die _Leo Taxil_-Affäre zum Gelächter der ganzen gebildeten Welt

hinreichend bewiesen hat. (Vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 236 ff.)

Noch im Jahre des Heils 1912, konnte der württembergische Pfarrer

_Zisterer_ in Eriskirchen am Bodensee in der Zeitschrift »Der

Katholik« die _Verfassung der Hölle_ zu seinem Spezialstudium

erwählen. Er führt in dem Aufsatz aus, daß es falsch sei von Teufeln

in der Mehrzahl zu reden, denn der Teufel, Satan oder Luzifer sei

der einzige souveräne Fürst und unbeschränkte Monarch im höllischen

Reiche. Die bösen Geister seien seinem Willen als untertänige Diener

und persönliche Hilfskräfte unbedingt unterworfen. Daher ist es

klar, daß man wohl von bösen Geistern, nicht aber von Teufeln reden

darf. Das unterirdische Reich ist einheitlich, seine Bewohner sind

durch den Geist der Solidarität miteinander verbunden. Sie dürfen

ohne persönliche Teilnahme ihres Herrn und Meisters auf der Erde

Streifzüge ausführen und Mensch und Vieh Schaden bringen.

Also selbst an einem theoretischen Ausbau der Lehre fehlt es nicht!

So war das rücksichtslose Eintreten der alten Kirche für den alten

Teufelsglauben doch nicht umsonst. Die Dummheit hat eben nicht

weniger Ewigkeitsdauer, als die Wahrheit, nur daß sich beider

Machtsphären, was das Menschenmaterial betrifft, nicht decken.

* * * * *

Doch nicht allein die römisch-katholische Kirche, die ja als Lehrerin

ewiger Wahrheiten ihrem prinzipiellen Standpunkte nach eine einst

gültige Lehre, möge sie auch noch so töricht sein, nicht aufgeben

darf, hält am Teufel fest. Auch der Protestantismus, der sich so gern

als Träger des religiösen Fortschrittes feiern läßt und keinesfalls

dogmatisch festgelegt ist, zählt in seinen Reihen mannhafte

Verfechter des Teufelsglaubens.

Daß er sich auf die Bibel stützt, die soundso oft vom persönlichen

Teufel spricht, will ihn nicht entlasten. Denn im Kampfe zwischen

Bibel und Vernunft siegte letztere doch im Laufe der Zeit und trotz

aller dem Fortschritt bereiteten Schwierigkeiten stets. Das müßte

längst bei denkenden Menschen zur Erkenntnis geführt haben, daß nicht

die Bibel oder irgendeine Glaubenslehre als Maßstab der Vernunft in

Frage kommen kann, sondern lediglich die Vernunft als Maßstab der

ersteren.

Doch sehen wir uns nunmehr einmal im höllischen Reiche, das noch bis

auf den heutigen Tag in den Köpfen protestantischer Gottesgelahrter

sein petrifiziertes Dasein fristet, näher um!

In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, jener berüchtigten

Reaktionszeit auf allen Gebieten, sollte auch der Teufelsglauben,

den man wenigstens im Protestantismus seit den Jahren der Aufklärung

für endgültig überwunden halten durfte, selige Urstände feiern.

Jedenfalls waren Kräfte am Werke, ihm zu neuem Leben zu verhelfen.

August Friedrich Chr. _Vilmar_, in weitesten Kreisen als Verfasser

der Literaturgeschichte bekannt, ließ unter dem Titel »Die Theologie

der Tatsachen wider die Theologie der Rhetorik« (Marburg 1856, 4.

Aufl. Gütersloh 1876) eine Schrift erscheinen, die nicht mehr und

nicht weniger, als die Wiedereinführung des Teufelsglaubens bezweckt.

Er führte (S. 38f.) u. a. folgendes aus: »Unsere Rhetoriker

lachen zwar nicht mehr über den Teufel, wie die Vokabulisten

und Grammatisten vor vierzig Jahren taten und so weit sie noch

vorhanden sind, auch jetzt, gleich den Naturweisen, noch immer tun.

Die Rhetoriker und Dogmatiker unter ihnen zum voraus, besitzen

allerdings nicht die aller Belehrung unzugängliche Dummdreistigkeit

der Vokabulisten, denen ihre Vokabeln die Welt sind ... Also die

Existenz des Teufels kommt wieder zum Vorschein, aber nur als eine

Existenz der Floskel, der Phrase; käme die Existenz des Teufels

wirklich wieder in der christlichen Lehrunterweisung der Hirten und

Lehrer zum Vorschein, so müßte sie als eine Existenz des Schreckens

und Entsetzens zum Vorschein kommen; denn, beiläufig gesagt, _die

Lehre vom Teufel_ ist wie die von der ewigen Verdammnis nicht ein

Artikel des Glaubens und des Trostes, sondern des _Wissens und der

Furcht_. ... Es kommt hier darauf an, wenn man recht lehren und

die Seelen recht behüten will, des Teufels Zähnefletschen aus

der Tiefe _gesehen_ (mit leiblichen Augen gesehen; ich meine das

ganz unfigürlich), und seine Kraft an einer armen Seele empfunden,

sein Lästern, insbesondere sein Hohnlachen aus dem Abgrund gehört

zu haben. Wer kann nun hiervon zeugen? Wer kann mit einer solchen

Erfahrung, zugleich den Sieg des Gekreuzigten auf den Lippen und in

den Augen, als rechter Lehrer an Christi Statt, auftreten? Wer lehrt

mit dem Teufel kämpfen? Wer lehrt, sich gegen ihn zu verwahren? Ihn

zu überwinden? Davon schweigt die heutige Dogmatik, dieser Tatsachen

gänzlich entleert, durchaus ...

Ich habe einmal, schon vor Jahren, von der Kanzel mit mißtönender

aber aus tiefstem Herzen kommenden Stimme die laute Apostrophe

gehört: >Könnt ihr denn beten, beten von selbst und wann ihr wollt?

Ihr könnt's nicht, nein! Warum könnt ihr's denn nicht? Der _Satan_

leidet's nicht, ja der _Satan_; der _Teufel_ verwehrt's euch!<

... Mir jedoch klang jene mißtönende Stimme damals und klingt mir

nachhallend noch jetzt gleich der Stimme der Harfen, die da ist wie

die Stimme starker Donner und wie die Stimme großer Wasser.«

Vilmar will in diesem IV. Abschnitt nicht mehr und nicht weniger, als

den Teufelsglauben wieder in die Theologie einführen.

Zur Lehre vom geistlichen Amt bekennt Vilmar, der als vortragender

Rat im Ministerium gewirkt hatte, bevor er in Marburg Professor

der Theologie wurde, daß es nicht aus der Gemeinde, sondern direkt

von Christus stamme, »welcher unmittelbar hinter der Ausübung

desselben steht.« Er führt u. a. als Begründung an: »Zumal vermag

sie (die Gemeinde) nicht in des Teufels zornige Augen zu sehen,

denn was von den letzten Zeiten geweissagt ist, daß wo es möglich

wäre, die Auserwählten verführt würden, das gilt mit weit schärferem

Nachdrucke von der einzelnen Erscheinung des Teufels in dieser Welt:

vor ihr stiebt die Gemeinde auseinander wie Schneeflocken, nicht

verführt, aber erschreckt bis in den Tod. Nur wir erschrecken nicht

und fürchten uns nicht, denn der, welcher den Fürsten dieser Welt

ausgestoßen hat, hat uns vor des Teufels ödes Schlangenauge, vor

seinen lästernden und hohnlachenden Mund und vor sein im Höllenzorn

zuckendes Angesicht gestellt.« (S. 85 f.)

Der gleiche Gelehrte, der nur das Unglück hatte, um einige

Jahrhunderte zu spät das Licht der Welt zu erblicken, äußert sich

auch über den Hexenglauben und Teufelslug, als dessen Verteidiger er

sich aufwirft. Er schreibt:

»So beruht das _Hexenwesen_ seinem Ursprunge nach keineswegs auf

leeren Einbildungen, törichten Träumen und kindischen Märchen,

sondern _auf wirklichen Verhältnissen und handgreiflichen Zuständen_,

welche wie die Versammlungstage und Versammlungsplätze noch in der

Gegenwart vollkommen deutlich erkennbar sind.« »Der Kampf gegen das

Hexenwesen und die Hexen ist kein anderer, als derselbe, welcher

heute noch die Welt bewegt, der Streit zwischen dem Glauben und dem

Unglauben, zwischen dem Bekenntnis Christi und dessen Verleugnung.«

Die Pièce de résistance ist entschieden folgender Satz, in dem

Vilmar sich mit nicht mißzuverstehender Klarheit auf den Standpunkt

des Hexenglaubens stellt: »Vielleicht zur größern Hälfte waren die

Bündnisse mit dem Teufel, diese Zauberkünste, Einbildung, aus der zum

Abfall geneigten Zeitrichtung gezogene Einbildung, niemals jedoch

Einbildung eines einzelnen; zur kleineren, indes bedeutenderen

Hälfte, waren sie, wie die Giftmischerkünste, _Wahrheit_[1].«

Da hier Vilmar zweifellos nicht sagen will, daß die »Hexen«

gewisse hypnotische oder ähnliche Kräfte besaßen, sondern _auf dem

Standpunkte des von der Kirche gelehrten Teufelsbündnisses_ steht, so

redet er natürlich hellen Unsinn. Und doch handelt es sich keineswegs

um die Entgleisung eines einzelnen, vielmehr _stand die Regierung

hinter ihm_.

Das geht mit größter Deutlichkeit aus der Tatsache hervor, der

Pfarrer _Ewald_, der in einer Predigt im Jahre 1858 Vilmar, der über

die Versuchungen des Teufels einen Vortrag gehalten hatte, bekämpfte,

vom hessischen Konsistorium _einen Verweis erhielt_. Ewald vertrat

den Standpunkt, daß Jesus nichts weniger als verlieren könne, wenn

man seine Versuchung als _innerlichen_ Vorgang auslege[2].

Wie weit die kirchliche Reaktion sich vorwagte, lehrt vor allem der

protestantische Hannoversche Katechismus. Dieser führte im ersten

Teile die fünf Hauptstücke auf, dann folgt die Erklärung nach Luther.

Hier werden die Gläubigen ermahnt: »des Morgens, so du aus dem Bette

fährst oder des Abends, wenn du zu Bette gehst, sollst du dich segnen

mit dem heiligen Kreuz.« Im dritten Buche folgt eine »ausführliche

Erklärung des lutherischen Katechismus.« Hier wird in Frage 45, 46

und 47 der förmliche Bund mit dem Teufel gelehrt. Frage 45 lautet:

»_Zaubern heißt übernatürliche Kräfte und wunderbare Aushilfe wider

Gottes Ordnung und ohne Gottes Verheißung suchen._« Frage 46: »Wie

geschieht solches? Durch allerlei Aberglauben mit Besprechen und

Wahrsagen, Zeichendeuten, Geisterbannen und dergleichen, da man das

Heilige mißbraucht und die hochgelobte Dreieinigkeit, Gottes Wort,

Sakrament und Kreuz lästert und sonst vorwitzige Kunst treibt.«

Frage 47: »Warum ist dies eine schwere Sünde? Die solches selber

tun, oder durch andere tun lassen, verleugnen den Glauben und treten

wissentlich oder unwissentlich _mit dem Teufel in Verbindung_.« Frage

56 lautet: »Wie versucht uns der Teufel? Wenn er uns durch innerliche

Anreizung oder äußerliches Blendwerk zur Sünde locket und dränget

oder nach geschehener Sünde in Mißglauben und Verzweiflung treibt.«

Dieser Katechismus vertrat nicht nur antediluvianische Anschauungen,

sondern kam auch dem Katholizismus entgegen, wie etwa die Frage 139

beweist: »Was ist die ewige Verdammnis? Es ist die unaufhörliche

Verwerfung von dem fröhlichen Angesicht Gottes zu unaussprechlicher

Pein und Qual an Leib und Seele unter der schrecklichen Gesellschaft

der bösen Geister in der Hölle.«

Gottlob bewies das Publikum auch hier wieder mehr Verständnis für den

Zeitgeist und den gesunden Menschenverstand als die Gottesgelahrten.

Am 14. April 1862 sollte dieser wundervolle Katechismus dem Lande

»zum Geschenk gemacht« und in die »evangelisch-lutherischen Kirchen

und Schulen« des Königreichs Hannover eingeführt werden, um -- wie

die königliche Verfügung sich ausdrückt -- bei den Untertanen die

rechte Erkenntnis und den wahren Dienst Gottes fördern zu helfen.

Doch es erhob sich dagegen im Volke ein solcher Entrüstungssturm, daß

unterm 19. August das Gebot der allgemeinen Einführung zurückgenommen

wurde[3].

In den Zeiten des Rationalismus war die Abrenuntiationsformel:

»Entsagst du dem Teufel und allen seinen Werken?« aus den Agenden

ausgeschieden worden. Die lutherische Reaktion hatte in ihren

Verdummungsplan auch ihre Wiederaufnahme als wesentlichen Bestandteil

der Taufe aufgenommen und auf der vom 16.-24. Mai 1854 tagenden

Kirchenkonferenz dies empfohlen. Von den Vertretern Sachsens,

Bayerns, Hannovers, Mecklenburgs und Württembergs hatten außer denen

des letztgenannten Landes alle dem dahingehenden Antrage _Kliefoths_

zugestimmt! Dieser Kliefoth hatte in Mecklenburg schon im Jahre

vorher den Prediger _Bartholdi_ seines Amtes entsetzt, weil er sich

an der Teufelsentsagung Änderungen erlaubt hatte!

Weil sich in Sachsen der Pastor _Siedel_ aus Tharand nicht damit

begnügte, bei der Taufe die Teufelsentsagung im allgemeinen

auszusprechen, sondern die Frage jedem einzelnen Paten vorlegte, war

es zu ärgerlichen Szenen gekommen. Er hatte von dem Kaufmann _Decker_

keine Antwort erhalten. Als er die Frage wiederholte, entgegnete

dieser: ich glaube an Gott, aber an keinen Teufel. Wegen dieser

Erklärung wurde er nicht nur von der Patenstelle ausgeschlossen,

sondern auch _in eine Kriminaluntersuchung wegen Störung des

Gottesdienstes verwickelt_! Die Sache führte sogar im Landtage zu

einer aufregenden Szene.

Als in Bayern im Jahre 1854 ein sogenannter Agendenkern als Anhang

zum neuen Gesangbuch empfohlen wurde, worin die Teufelsentsagung

enthalten war, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die

damit endeten, daß König Max unterm 27. November 1854 erklärte,

es sollten ohne Zustimmung der Gemeinden keine Veränderungen in

der Gottesdienstordnung getroffen werden. Endgültig wurde diese

Teufelsangelegenheit erst im Jahre 1879 entschieden und zwar dadurch,

daß nach den Beschlüssen der Generalsynode Parallel-Formulare zu

freiem Gebrauch mit und ohne Entsagungsformel aufgenommen wurden. Wen

also Herz und Geist dazu treiben, der kann noch heute in feierlicher

Weise seinen Teufelsglauben bekennen!

Übrigens war auch in der badischen Generalsynode im Jahre 1855 über

die Wiedereinführung des Teufels lebhaft debattiert worden. Es ist ja

bewundernswert, mit welcher Harmonie und Gleichzeitigkeit in allen

deutschen Staaten der Verdummungsprozeß eingeleitet wurde. Wiewohl

in Baden das ans Ruder gekommene orthodoxe Kirchenregiment mit einem

Schlage den bisherigen Katechismus, Gottesdienstordnung, biblische

Geschichte usw. abgeschafft hatte, so wagte man es doch nicht recht,

den Teufel bzw. die Teufelsentsagung in die Agenden so glatt wieder

einzuführen. Wohl aber figurierte er wieder in den neuverfaßten

Katechismen, den biblischen Geschichten und in den neuen Gebeten[4].

Bekanntlich spielt für die Geschichte der Hexenprozesse die Stelle

1. Mosis 6, 1-4 eine traurige Rolle. Hier wird erzählt, daß die

Göttersöhne mit den Menschentöchtern Verbindungen eingingen, aus

denen »Gewaltige in der Welt und berühmte Leute« entsproßten. Der

Professor _Heinrich_ gab nun 1857 in Berlin unter dem hochaktuellen

Titel »Die Ehen der Söhne Gottes mit den Töchtern der Menschen« ein

Buch heraus, in dem er vor allem betont, daß die Bibel »göttlich und

inspiriert« ist. Daher kann sich in ihr keine Mythe finden, sondern

alles in ihr sei reell und wirklich »nirgends menschliche Fabeln

und Phantastereien, sondern überall Geschichte und göttliche Lehre«

(S. 1). Es handelt sich also um einen wirklichen Vorgang. Durch den

Fall der Engel mit den Menschenweibern sei ein wildes Geschlecht

entstanden, das Gottes ganzen Weltplan zerstört hätte, wenn er es

nicht vertilgt haben würde. Er entwickelt, wie es den Engeln möglich

war, physisch diese Ehen zu vollziehen, »warum die Engel allein in

die männliche und nicht auch in die weibliche Geschlechtsform sich

metamorphosierten« (S. 94), und daß das tierische Gesetz, wonach

Tiere verschiedener Gattung keine Jungen hervorbringen, hier nicht

gelte usw. usw. Daß diese geistreiche Untersuchung ganz auf den

Standpunkt des Hexenhammers hinausläuft, ist klar.

Merkwürdig ist keineswegs, daß ein Theologe so etwas produzieren

konnte, wohl aber, daß es ein protestantischer war und im Jahre

1857[5].

Noch im Jahre 1859 konnten in der evangelischen Kirchenzeitung

(Nr. 8 und 9) ähnliche Gedanken geäußert werden. Der Verfasser,

der bescheidenerweise nur E. M. zeichnet, veröffentlichte hier

»Zeitbetrachtungen über die christliche Lehre vom Teufel«. Nach

seiner Überzeugung kann »die Zugehörigkeit der Lehre vom Satan zu

dem Ganzen der kirchlichen, speziell der evangelisch-kirchlichen

Glaubenslehre nicht in Frage gestellt werden«. Er findet »die

Gegenwart merkwürdig durch den Widerspruch, welchen sie der Annahme

eines persönlichen Teufels entgegensetzt« und charakterisiert »unsere

Zeit der christlichen Lehre vom Teufel gegenüber« sehr richtig mit

den Worten »es ist die allererklärteste Antipathie«. Er beklagt, daß

»das Verhalten der großen Masse des Volkes und zumeist der Gebildeten

unter demselben, auch das eines nicht geringen Teils der Vertreter

heutiger, selbst wohl der sich gläubig nennenden Theologie »_noch

immer_ richtig durch den Ausspruch von Klaus Harms aus dem Jahre 1817

gekennzeichnet werde«. »Den Teufel hat man totgeschlagen und die

Hölle zugedämmt[6].«

Wenn es allerdings nach solchen frommen Glaubensstreitern auf

protestantischer oder katholischer Seite ginge, dann würde der

Teufelsglaube heute noch so lebendig sein, als je zuvor und man

würde auch weiterhin das bequeme Verfahren befolgen für Vergehen und

Verschuldungen nicht selbst die Verantwortung zu übernehmen, sondern

sie einem Außenstehenden, eben dem Fürsten der Finsternis, aufs Konto

zu setzen.

Doch noch ein Menschenalter später begegnen wir derselben Sorte

Literatur.

Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit · 第 12 / 19 段