kultureller Höhe steht, all den Blödsinn gläubig hinnimmt, den wir
bisher kennen lernten. Gewiß wird das Beispiel der Theologen, in
denen es die Intelligenz, die Männer verehrt, die die es in ihrer
Hand haben, ewige Strafen oder ewigen Lohn zu verleihen, geraume
Zeit alle Auflehnungsversuche des gesunden Menschenverstandes
niederzuhalten wissen. Früher oder später wird aber zuerst bei
einzelnen, dann bei breiteren Volksschichten der Augenblick
eintreten, wo man die Ketten versuchen wird abzuschütteln.
Das war natürlich auch in unserer Geschichte der Fall. Wir meinen
hier weniger die Reformation, die gewiß viel Gutes brachte, aber
aus anderen Gründen entsprang und die schlimmsten Verstöße gegen
den gesunden Menschenverstand zum guten Teile beließ. Wenn sie
auch Dogmen und Priesterherrschaft verwarf, so richtete sie dafür
doch desto höher das Regiment der Bibel auf. Da mag wohl die Frage
erlaubt sein, ob es an sich als ein so großer Sieg der Vernunft zu
begrüßen ist, wenn der Papst, der doch als höchste Glaubensinstanz
die Möglichkeit hat -- ob er im guten Sinne von ihr Gebrauch machte,
ist eine andere Frage -- die Glaubenslehren an die Zeitforderungen
anzupassen, beseitigt wird, damit der kalte Buchstabe einer zwei
Jahrtausende zurückliegenden Zeit unbeugsam herrscht.
Wir haben zunächst den Kampf der Vertreter des Fortschrittes gegen
die überzeugten Verfechter der mittelalterlichen Anschauung im
Auge und werden mit Staunen sehen, daß selbst Männer, die sonst
verdienstlich wirkten und an deren Intelligenz kein Makel ist, für
den kindischsten Aberglauben eintraten. Die suggestive Macht der
altehrwürdigen Tradition, großer Namen, einer gewaltigen Organisation
ist so ungeheuer, daß nur sie es begreiflich erscheinen läßt, wie der
scharfe Verstand gelehrter Männer völlig stumpf wird in dieser Frage.
Als die fürchterliche Epidemie des Hexenwahnes, von Kirche und Papst
gefördert und noch zu einer Zeit künstlich und mit den scheußlichsten
Gewaltmitteln aufrecht erhalten, wo der Aberglaube, wie die im
vorigen Kapitel angeführten Klagen darüber hinlänglich beweisen, im
Volke längst im Schwinden begriffen war, ihren Höhepunkt erreicht
hatte, ließ _Johann Weier_ im Jahre 1563 sein Buch »_De Praestigiis
Daemonorum_« erscheinen.
Dieser gelehrte Arzt aus Kleve hatte den Mut des gesunden
Menschenverstandes, den seltensten und verdienstlichsten, den es
gibt. Wenn er auch noch den Glauben an Hexerei mit der Mehrzahl
seiner Zeitgenossen teilte, so betonte er doch, daß viele der Opfer
kirchlicher Verfolgung lediglich Wahnsinnige seien, also unschuldig
hingerichtet würden. Ferner erklärte er, daß alle Hexen vom Teufel
getäuscht würden, wenn sie behaupteten, durch die Luft zu fahren,
mit ihm geschlechtlich zu verkehren usw. Der Teufel rede ihnen nur
ein, daß sie das alles getan hätten. Damit trat ganz von selbst
der Begriff der Besessenheit an Stelle der Hexerei. Wenn Weier nun
weiterhin behauptete, daß der Teufel die Besessenen direkt und nicht
durch Vermittlung einer Hexe plage, vielmehr aus Bosheit nur ein
armes altes Weib in diesen scheußlichen Verdacht bringe, sowie, daß
besonders Kranke und durch Gemütsleiden Geschwächte den Verführungen
des Teufels zugänglich seien, und mit einem Appell an die Fürsten
Europas schloß, dem Vergießen unschuldigen Blutes Einhalt zu tun, so
ist ohne weiteres klar, daß sein Werk höchsten Lobes würdig ist. Mag
er auch theoretisch noch auf irrigem Standpunkte stehen, so macht er
doch praktisch der Menschlichkeit und Vernunft solche Konzessionen,
daß die notwendige Folge des Buches eine bedeutende Abnahme, wo nicht
ein Aufhören der Hexenprozesse sein mußte.
Wenn wir an dem Werke irgend etwas auszusetzen haben, so ist es die
naive Anschauung vom Wirken des Teufels. Schließlich ist das nur eine
dem Kausalitätsbedürfnis gemachte Konzession. Wir registrieren eben
die Phänomene der Hysterie und Besessenheit, deren Ursachen wir oft
nicht kennen, ohne sie auf den Teufel oder Dämonen zurückzuführen,
verzichten dafür aber auf eine kausale Begründung.
Auf alle Fälle tut Weier einen energischen Schritt auf der Bahn der
natürlichen Erklärung und der Humanität nach vorwärts und es wäre
sehr zweifelhaft, ob er klüger gehandelt und der Sache mehr genützt
hätte, wenn er Dämonen und Teufel negiert hätte. Wahrscheinlich hätte
dann das Buch, weil von den Zeitgenossen noch nicht verstanden,
gar keine weitere Wirkung ausgeübt, als die, den Autor auf den
Scheiterhaufen zu bringen.
Nun lebte damals in Frankreich _Jean Bodin_ (c. 1530-1596), den
seine Zeitgenossen für den bedeutendsten Mann seines Volkes hielten
und der zweifellos ein ausgezeichneter Philosoph war. Sein Werk »De
la république« (Paris 1577) legt dafür Zeugnis ab. Dieser kluge und
tolerante Mann, der in seinem »Colloquium Heptaplomeres de rerum
sublimium arcanis abditis« einen Standpunkt über den Religionen
einnimmt und -- damals etwas Unerhörtes -- die Meinung äußert, daß
jede ein Recht auf Anerkennung habe, wofern sie nicht gegen Staat,
Sittlichkeit oder Gottesfurcht gerichtet sei, griff Weiers Buch
heftig an! In seiner »_Démonomanie des sorcières_« beruft er sich
auf die _Autoritäten_, die so einmütig und entscheidend über diesen
Gegenstand seien, daß es keinem vernünftigen Menschen möglich wäre zu
widerstehen. Er beruft sich ferner auf den Volksglauben aller Länder,
aller Zeiten und aller Religionen, auf Aussprüche einer ungeheuren
Anzahl von heidnischen Schriftstellern und Kirchenvätern, auf Gesetze
gegen die Hexerei und auf Hunderte von Fällen, die französische und
andere Gerichte untersucht hätten. War er doch selbst soundsooft als
Richter Vorsitzender bei solchen Prozessen gewesen!
Er berichtet dann mit den kleinsten und umständlichsten Details und
mit unerschütterlicher Zuversicht alle Vorgänge beim Hexensabbat, die
von den Hexen zur Luftfahrt angewandten Methoden, ihre Verwandlungen,
ihren fleischlichen Verkehr mit dem Teufel, ihre verschiedenen
Mittel, den Feinden zu schaden, die Zeichen, die zu ihrer Entdeckung
führen, ihre Geständnisse nach der Verurteilung und ihr Benehmen auf
dem Scheiterhaufen.
Was nun Weiers Buch betrifft, so kann Bodin kaum Worte finden,
um sein Erstaunen und Mißfallen darüber auszudrücken, _daß ein
unbedeutender Doktor es gewagt haben sollte, sich der Autorität aller
Zeitalter zu widersetzen_. Daß dieser Mann ein solch unbegrenztes
Vertrauen auf seine eigenen Ansichten und eine so übermäßige
Mißachtung für die weisesten Menschen gehabt haben sollte, um
mit skeptischem Geist die Wirklichkeit einer der bekanntesten
vorhandenen Tatsachen zu tadeln und zu bekritteln, das wäre in der
Tat das Übermaß menschlicher Anmaßung, der _Höhepunkt menschlicher
Beschränktheit_. Aber die _Gottlosigkeit_ sei noch größer, wie diese
Vermessenheit, Weier hätte »sich gegen Gott gerüstet«, sein Buch sei
ein Gewebe »schrecklicher Gotteslästerungen«. »Keiner, der noch so
wenig von der Ehre Gottes berührt ist, könnte ohne gerechten Zorn
derartige Lästerungen lesen.«
Weier hätte es nicht nur gewagt die Urteile so vieler gewissenhafter
Richter anzufechten, er hätte es versucht, jene, die die Heilige
Schrift und die Stimme der Kirche als die schlimmsten Verbrecher
brandmarkte, zu retten. Er hätte sich's sogar herausgenommen, die
Zaubersprüche und Beschwörungsformeln, die er von einem berüchtigten
Zauberer erlernt hatte, der Welt kundzumachen.
Mit diesem berüchtigten Zauberer meint Bodin den _Cornelius Agrippa_,
Lehrer Weiers, der sich durch seine Bemühungen die Verfolgungen wegen
Hexerei zu verhindern, sowie dadurch, daß er das Leben einer Bäuerin,
die der Inquisitor Savon verbrennen wollte, rettete, ausgezeichnet
hatte. Daher glaubte man allgemein, er sei mit dem Teufel im Bunde.
Wegen Magie, die er mit dem Resultate studiert hatte, daß sie
_entweder auf Betrug oder einer höheren Kenntnis der Naturgesetze_
beruhe, war er ein Jahr eingesperrt gewesen. Agrippa hatte also dafür
gebüßt, daß er in diesen Fragen seiner Zeit um Jahrhunderte voraus
war.
Doch kehren wir zu Bodins Entrüstung über Weier zurück!
Wer könnte -- meinte er -- nach solchen furchtbaren Enthüllungen,
wie sie Weiers Buch enthalte, _ohne Bestürzung an die Zukunft der
Christenheit glauben_? Wer könnte in Frage stellen, daß die derartig
verbreitete Wissenschaft die Zahl der Hexen ungeheuer vermehre, die
Gewalt des Satans unendlich steigere und den Unschuldigen zahllose
Leiden bringen werde? Niemand könnte nun mit mehr Recht ob seiner
Gesinnung beargwöhnt werden, wie Weier, der ein so gottloses Buch
geschrieben habe und eine solche Vertrautheit mit den Geheimnissen
eines so gottlosen Gewerbes gezeigt habe.
Denen zu verzeihen, die Gottes Gesetz zum Tode verdamme, läge
außerhalb der Kompetenzen der Fürsten. Wer sich solcher Handlungen
schuldig mache, hätte die Majestät des Himmels beleidigt. So sei der
frühe Tod Karls IX. von Frankreich darauf zurückzuführen, daß er
das Leben des berüchtigten Zauberers Trois-Echelles geschont habe
unter der Bedingung, daß er seine Mitschuldigen nenne. »Denn das
Wort Gottes lautet sehr bestimmt, daß derjenige, der einen des Todes
Schuldigen entrinnen läßt, die Strafe auf sich selbst zieht, wie der
Prophet zum König Ahab sagte, er müsse sterben, weil er einem Manne
verziehen, der des Todes schuldig war. Denn niemand hätte jemals
gehört, daß Zauberern Gnade widerfahren wäre[1].«
Wie kam nun einer der gebildetsten Geister Europas gegen Ende des 16.
Jahrhunderts -- die »Démonomanie des Sorciers« erschien 1581 -- dazu
einen Irrwahn, den sämtliche Zeitgenossen, wenigstens so weit sie
sich literarisch zu äußern wagten, teilten, noch durch das Gewicht
seines Namens zu stützen?
Da ist zunächst zu berücksichtigen, daß die Kirche, wie wir sehen,
eine bis in alle Einzelheiten ausgebaute Lehre von Hexerei und
Zauberei besaß. Doch das allein genügt nicht. Bodin hatte als Richter
ja selbst die Geständnisse der Angeschuldigten gehört. Der Irrtum,
daß die Tortur die Wahrheit enthülle, statt der richtigen Ansicht,
daß ihre Qualen fast jeden zu jeder gewollten Aussage bewogen, spielt
weiter eine große Rolle. Dazu kommt, daß _viele der sogenannten
Hexen selbst fest davon überzeugt waren, daß sie der inkriminierten
Handlungen sich schuldig gemacht hatten_, weil der von der Kirche,
wo nicht erzeugte, so doch sicherlich gepflegte Wahn allen ins Blut
übergegangen war. Und endlich -- und das ist die letzte Wurzel --
weil die Autorität der Kirche immer noch unumstößlich feststand,
selbst bei einem Manne, wie Bodin, der wegen seiner Toleranz gegen
die Protestanten fast ein Opfer der Bartholomäusnacht geworden wäre.
Die Dummheit Bodins bestand im wesentlichen eben in seinem
_Autoritätsglauben_. Autoritätsglauben in Fragen der Wissenschaft ist
eine der verhängnisvollsten, den Fortschritt am meisten hemmenden
Dummheiten.
Die Hexenverfolgungen nahmen in Frankreich unter dem Einflusse
_Voltaires_ und seines Spottes immer mehr ab, um schließlich ganz
aufzuhören, nachdem noch im Jahre 1718 das Parlament von Bordeaux
einen Mann als Zauberer verbrennen ließ. Daß trotzdem die Geister-
und Teufelsbannformeln in der römisch-katholischen Kirche bis auf
den heutigen Tag im Rituale blieben und das ganze 18. Jahrhundert
hindurch angewandt wurden, ist allerdings richtig, ebenso, daß
mancherlei Versuche von geistlicher Seite, die alte Praxis wieder
einzuführen, gemacht wurden.
Als diese erfolglos blieben, da gab zu Anfang des 19. Jahrhunderts
der _Abbé Fiard_ ein diese beklagenswerte Tatsache erklärendes
Werk heraus. Er wies darin nach, daß die _Philosophen_ und die
Revolutionäre des 18. Jahrhunderts die _Repräsentanten der alten
Zauberer wären_, daß sie unter der unmittelbaren Eingebung des
Satans handelten und daß ihr Erfolg ganz und gar der Satansgewalt
zuzuschreiben sei. In gläubigen Kreisen hatte man sich nämlich gar
nicht daran gewöhnen können, daß der Satan, der bisher eine solche
Rolle gespielt hatte, daß man seine höllischen Komplizen, die Hexen
und Zauberer, mit Feuer und Schwert, durch Kirchen- und Staatsgewalt
kaum hatte unterdrücken können, so plötzlich seine Gewalt hätte
verloren haben sollen.
Fiard bewies seine immerhin nicht alltägliche These durch den
Hinweis, daß viele große und erschreckende Wunder die philosophische
Bewegung begleitet und daß diese Wunder noch jetzt nicht aufgehört
hätten. Die Kuren Mesmers so gut wie die Prophezeiungen Cagliostros
müßten der übernatürlichen Wirksamkeit zugeschrieben werden. Das
schrecklichste aber von allen Zeichen der teuflischen Gegenwart sei
das immer mehr zunehmende Vorkommen der _Bauchrednerei_! Gottlob
sind wir über diesen Gegenstand nicht auf unsere eigenen Vermutungen
angewiesen, da ja einige der gelehrtesten Geistlichen des 14.
Jahrhunderts feierlich erklärt hätten, daß der Mensch angewiesen sei
mit dem Munde zu sprechen und daß, so oft er in irgendeiner anderen
Weise spräche, er es mit Hilfe des Teufels täte[2].
Im protestantischen England stand es um diesen Wahnwitz nicht viel
besser, als bei uns oder in Frankreich.
Während unter _Heinrich VIII._ von England nur sehr wenige
Hinrichtungen von Hexen und Zauberern stattgefunden hatten und das
Hexengesetz unter seinem Nachfolger überhaupt aufgehoben wurde,
führte die »jungfräuliche Königin« _Elisabeth_ es wieder ein und zwar
schon bei ihrer Thronbesteigung. Als der Bischof _Jewel_ vor der
Königin predigte und auf die Vermehrung der Hexen zu sprechen kam,
drückte er die Hoffnung aus, daß die Strafen noch mehr verschärft
würden, wiewohl Elisabeth neue Gesetze, die mit Strenge vollzogen
wurden, gemacht hatte.
Der Streiter Gottes sagte zur Königin: »Mögen Eure Gnaden geruhen,
sich von der wunderbaren Vermehrung zu überzeugen, die Zauberer und
Hexen in den letzten Jahren in Ihrem Königreiche genommen haben.
Euer Gnaden Untertanen schwinden dahin bis zum Tode, ihre Farbe
verbleicht, ihr Fleisch modert, ihre Sprache wird dumpf, ihr Sinn
betäubt. Ich bitte Gott, daß die Zauberer ihre Kraft niemals weiter
anwenden mögen, als an den Untertanen.«
Trotz dieser Scharfmacherei blieben die Gesetze weit milder, als
auf dem Festlande, da die Hexen, denen man nicht nachweisen konnte
jemandem durch ihre Zauberformeln geschadet zu haben, beim erstenmal
nur mit Pranger oder Gefängnis bestraft wurden, während die zum Tode
verurteilten am Galgen und nicht auf dem Scheiterhaufen sterben
mußten. Ferner wurde gegen sie keine Tortur angewandt, sondern nur
die Nadelprobe, bei der die Opfer über den ganzen Körper gestochen
wurden, um das unempfindliche Mal (stigma diabolicum) zu finden
-- daß es sich hier um hysterische Anästhesie handelt, liegt auf
der Hand! -- oder man unterzog sie dem Hexenbad. Hier galt das
Schwimmen auf dem Wasser als Zeichen von Schuld, da das reine Element
eine Hexe nicht aufnahm, Untersinken aber war ein Beweis für die
Unschuld. Endlich störte man mehrere Nächte hindurch den Schlaf der
Angeklagten, um so ein Geständnis zu erpressen, ein heute noch in
Amerika bei Strafverhören als »dritter Grad« übliches Verfahren, das
allerdings wenig humaner ist, als die Folter.
Gegen diese grausamen oder einfältigen Methoden schrieb im Jahre 1584
ein Laie (natürlich!) namens _Reginald Scott_ seine »_Enthüllungen
der Hexerei_« (Discovery of Witchcraft) und bewies mit größter
Geschicklichkeit die Grausamkeit und Torheit der Verfolgung und die
Einfältigkeit des ganzen Hexenwahns. Wiewohl dieser Angriff der
denkbar geschickteste war, im volkstümlichen Stile geschrieben, jeden
Denkenden überzeugen mußte, verfehlte er seine Wirkung. Das wird den
Kenner der menschlichen Dummheit in keiner Weise verwundern, denn
was will Logik, gesunder Menschenverstand, Gelehrsamkeit oder gar
Humanität ausrichten, wenn es sich um Dummheiten handelt, die die
Religion als Mutter verehren!
_Jakob_ I., weit entfernt sich überzeugen zu lassen, verfolgte nur
desto heftiger, war er doch überzeugt, daß die stürmische Seefahrt
bei seiner Rückkehr von Dänemark, ein Werk der Hexen gewesen sei,
und daß der Teufel ihn für seinen fürchterlichsten Gegner ansehe. Er
ließ hinfort die Hexen schon bei der ersten Übertretung töten, selbst
wenn sie ihren Nächsten keinen Schaden zugefügt hätten. Dieses Gesetz
trat in Kraft, als _Coke_ Kronanwalt und _Bacon_ Parlamentsmitglied
war und zwölf Bischöfe in der Kommission saßen, der es überwiesen
war. Die Verfolgungen wurden heftiger, zugleich drang der Aberglaube
tiefer in die Literatur und in das Volk ein. Denn die Dummheiten, die
oben gemacht werden, verbinden mit dem Zauber, der jeder Dummheit
schon von Natur eigen ist, noch den Nymbus der Majestät.
Damals konnte _Sir Thomas Browne_ erklären, daß diejenigen, die das
Vorhandensein der Hexerei leugneten, nicht bloß Ungläubige, sondern
mittelbar auch _Gottesleugner_ wären. Übrigens glaubte er selbst
weder an Incubi, noch an Lykanthropie.
_Bacon_ konnte in einem seiner wichtigsten Werke als die drei
»Abweichungen von der Religion« _Ketzerei, Abgötterei und Hexerei
bezeichnen_. Daß _Shakespeare_ an die Wirklichkeit der Hexerei
glaubte, beweisen seine Hexen im Macbeth nicht minder, wie das
entstellte Bild, das er von der Jungfrau von Orleans zeichnet.
So wirkte in einem protestantischen Lande -- das ist zu beachten! --
die obrigkeitliche Dummheit Tod und Verderben bringend fort! Aber es
wurde noch schlimmer[3].
Die _Puritaner_, die mit _Cromwell_ die Gewalt erlangten, waren
geneigt in allem, was ihnen nicht paßte, satanischen Einfluß zu
erblicken. Als Unruhen in der Grafschaft Suffolk entstanden,
erklärte der berüchtigte Hexenfinder _Matthew Hopkins_ sie von
Hexen verpestet. Eine Kommission, begleitet von zwei vom Parlament
ausgewählten ausgezeichneten presbyterianischen Geistlichen,
leitete dort die Untersuchung, und in einem Jahre mußten in der
einen Grafschaft 60 Personen als Zauberer für die Dummheit ihrer
Zeitgenossen am Galgen büßen. Während der wenigen Jahre der Republik
wurden mehr Personen wegen Hexerei und Zauberei zu Tode befördert,
als in der ganzen Periode vor und nachher.
Doch von langer Dauer war der Wahn in dem so nüchternen und
klugen England nicht und sein letztes Stündlein hätte noch eher
geschlagen, würde er nicht in der Person des _Joseph Glanvil_ einen
eifrigen Verteidiger gefunden haben. Dieser zu seiner Zeit berühmte
Geistliche, in dessen Händen siebzehn Jahre lang die Verteidigung des
sterbenden Glaubens gelegen hatte, ein relativ aufgeklärter und sogar
skeptischer Kopf, Freund der induktiven Methode, die in erster Linie
dazu berufen war, der mittelalterlichen Spekulation den Todesstoß zu
versetzen, sollte zum Hexenanwalt werden.
In seinem »_Sadducismus Triumphatus_« schrieb _Glanvil_ eines der
geschicktesten Bücher, die je zur _Verteidigung_ des Aberglaubens
verfaßt worden sind. Zunächst klagt er über den raschen Fortschritt
des Skeptizismus in England, in dessen Folge es in den oberen Klassen
Mode geworden sei, nicht mehr an Hexerei zu glauben. Wir machen hier
wieder die interessante Beobachtung, daß, wie einst die katholische
Kirche im 16. Jahrhundert über das rasche Schwinden des Hexenglaubens
im Volke klagte und deshalb mit Gewalt die entweichende Dummheit
festhalten wollte, so im protestantischen England ebenfalls die
Geistlichkeit in sich den Beruf fühlte, sich gegen die Aufklärung
des Volkes zu stemmen. Übrigens ist sie sich in diesem Punkte, dem
Festhalten an alter Torheit, bis zur Stunde treu geblieben, wenn auch
Verteidiger des Inkubus sich in der Regel nicht mehr ins dichteste
Gewühl wagen.
Glanvil sucht vor allem zu beweisen, daß die Annahme, Hexerei sei
abgeschmackt, lächerlich oder unwahrscheinlich sei. Mit Recht
konstatiert er, daß es eine Leichtgläubigkeit des Unglaubens gäbe,
er irrt eben nur in der Annahme, daß ein solcher Fall der Hexerei
gegenüber vorliegt. Sein Buch, mit Logik und großem Wissen, mit
einem Schein von Skeptizismus und viel Material aus der Bibel so
gut wie aus der Praxis der Gerichtshöfe ausgestattet, hatte einen
außerordentlichen Erfolg.
Der berühmte Philosoph _Henry More_ schrieb eine Lobrede auf Glanvil
und unterstützte seine Beweisführung durch neues Material. Die
Gegner des Hexenglaubens nannte er »_Gaukler, die lediglich von
Unwissenheit, Eitelkeit und dummen Unglauben aufgeblasen seien_«.
_Casaubonus_, der gelehrte Dekan von Canterbury, schrieb im gleichen
Sinne. _Cudworth_, wohl der tiefste Denker der englischen Kirche,
meinte, der Skeptizismus gegen den Hexenglauben sei hauptsächlich
eine Folge des Einflusses von _Hobbes_ und fügte hinzu, daß
diejenigen, die dem Skeptizismus huldigten, mit Recht des Atheismus
verdächtigt werden könnten.
Die Gegner des Aberglaubens konnten dem allen keinen Autor von Namen,
kein Buch von Erfolg entgegensetzen, was aber keineswegs hinderte,
daß der Skeptizismus und damit die Vernunft ständig zunahmen.
Nun wird man mit vollem Rechte sagen können, daß Hexen und Teufel
ebenso _möglich_ sind, wie Gott und Engel. Denn wie können wir
mit unserer geringen Kenntnis vom Weltganzen die Unmöglichkeit
irgendeiner Erscheinung genügend beweisen? Um wie viel weniger
konnten es frühere Jahrhunderte, die noch viel weniger Naturgesetze
erkannt hatten und deshalb viel häufiger zu Hilfshypothesen, wie
sie ihnen Engel und Teufel boten, greifen mußten? War aber die
Möglichkeit eines solchen Glaubens gegeben, dann handelte es sich
nur darum, die Wirklichkeit zu beweisen, und dafür standen Bibel
und Autoritäten, Kirche und Gerichtsprotokolle, ja die Aussagen der
Beschuldigten selbst zu Gebote. Die Dummheit eines Bodin, eines
Glanvil und wie sie alle heißen, bestand also viel weniger in der Art
der Beantwortung der Frage, sondern vielmehr in deren _Stellung_.
Denn daß die Hexenverfolgungen nirgends Gutes gestiftet hatten, also
praktisch wertlos waren, selbst wenn sie theoretisch berechtigt
gewesen wären, müßte doch jedermann klar sein.
Auch die _Neue Welt_, die so mancher Auswanderer aus keinem anderen
Grunde aufgesucht hatte, als um dort unter selbstgegebenen Gesetzen
ledig jedes Glaubenszwanges zu leben, wurde von der Seuche ergriffen.
Daß das gerade in eine Zeit der größten naturwissenschaftlichen
Entdeckungen fällt, ist gewiß beachtenswert.
Einer von _Cotton Mather_ geschriebenen Geschichte der ältesten
Hexenprozesse und einem Werke des _Richard Baxter_ über »Die
Gewißheit der Geisterwelt«, das im Jahre 1691 erschien, war es
zuzuschreiben, daß auch in Nordamerika die Hexenverfolgung durch
die Geistlichkeit mit Eifer betrieben wurde. Die Grausamkeit, mit
der sie auch hier vorging, erhellt daraus, daß ein achtzigjähriger
Mann zu Tode gequetscht wurde, 27 Personen wurden in Massachusetts
hingerichtet. Auch hier wurde von der Geistlichkeit, von gebildeten
Männern, ein törichter und grausamer Aberglaube neuerdings erzeugt,
nachdem der gesunde Menschenverstand der Laien ihn bereits abgelegt
hatte.
Übrigens wurde in England, wo im Gegensatz zu Amerika der
Skeptizismus sehr schnell die Oberhand bekam und wo die anglikanische
Kirche im Gegensatz zum Katholizismus und zum Puritanismus nie viel
Unheil angerichtet hatte, der letzte Prozeß dieser Art gegen _Johanna
Wenham_ in Herfordshire im Jahre 1712 geführt. Gegen den Willen
des Richters verurteilte eine stumpfsinnige Geschworenenbank die
Angeklagte zum Tode, doch war es dem Richter nicht schwer, das durch
geistlichen Einfluß zustande gekommene Urteil zu mildern. Im Jahre
1736 wurden in England die Hexengesetze ohne Schwierigkeiten oder
Agitation aufgehoben[4].