gratia lacrimarum, das ganze Mittelalter hindurch hoch geschätzt.
Wohl die armseligste Art der Askese ist die, welche die Freude an der
Natur in Acht und Bann tut. So wird von einem Mönch in den ersten
christlichen Jahrhunderten erzählt, _daß er sich, sooft er in den
Garten ging, das Gesicht verhüllte, damit der Anblick der Bäume nicht
seinen Geist störe_[15]!
Welch trauriger Tropf!
Aber gerne geben wir zu, daß jeder Grashalm, jedes Sandkörnchen
mehr Reiz bietet, als die damalige Art über religiöse Gegenstände
nachzudenken. Wem das vorige Kapitel diese Erkenntnis nicht
beigebracht hat, dem ist nicht zu helfen.
Übrigens ist man noch im 16. Jahrhundert auf den Pfaden des obigen
idiotenhaften Mönches gewandelt, wie ja die Dummheit mit der Wahrheit
das gemeinsam zu haben scheint, daß beide unsterblich sind.
Der Jesuit _Petrus Canisius_ warnte davor, die Schönheit einer
Gegend zu bewundern, da aus zu großer Freiheit der Seele Gefahren
entstehen. Das Leben ist ein Kampf; bestehen kann ihn nur, wer
mit scheuem und gesenktem Blick, unter Abtötung und Kasteiung, auf
dieser Erde wandelt. Der gefährlichste Gegner der Seele ist der
Leib, an den sie gekettet. Das vornehmste Werkzeug des Teufels das
Weib, die personifizierte Verführung, gegen die nur die äußerste
Vorsicht schützen kann. »O wie große Narren sind diejenigen, die aus
diesem Jammertal ein Paradies machen wollen!« _Der Mensch darf sich
an nichts freuen und ergötzen, da alles ein Werk des Teufels sein
könnte_[16].
Hier sehen wir noch einmal in der einfachsten Formel dieselben
Gedankengänge, die zu Resultaten führten, wie wir sie oben kennen
lernten! So wenig vermag die Dummheit Mittel und Absicht zu
unterscheiden! Aus dem berechtigten Bestreben durch Bekämpfung
der Sinnenlust Kräfte für höhere Aufgaben freizumachen, wird ein
unausgesetztes Ringen mit der Sinnlichkeit, ein Kampf, der für nichts
anderes mehr Kräfte frei läßt. Aus dem Wunsche, sich abzuhärten, an
Entbehrungen und Schmerzen zu gewöhnen, um dadurch nicht durch kleine
Unbequemlichkeiten sich ständig den Lebensgenuß zu trüben, also
aus der Absicht einer _Steigerung_ des Lebensgenusses, wird dessen
völlige Unterdrückung. Und endlich führte Christi Lehre, die durch
den Auferstehungsglauben die Todesfurcht bekämpfen sollte, also im
eminentesten Sinne dazu bestimmt war, das Leben _freudig_ zu machen,
da es den Gedanken an dessen Ende, das ja manchem Hasenfuß jedes Mahl
gleich dem Schwerte des Damokles vergällen mag, fortnahm, dazu, daß
die Menschen ein solches Dasein führten, daß sie den Tod nur als
willkommene Erlösung betrachten konnten.
So gewaltig ist die Macht der Dummheit!
Nun wollen wir noch zum Schlusse dieses Abschnittes an einer
Klosterregel zeigen, wie alle die oben angeführten Torheiten zu
einem System vereint mit Hinzunahme der blödesten Gebetsaskese dazu
bestimmt waren, das ganze Leben auszufüllen und dadurch zu zerstören.
Wie diese Denkweise aus Leuten, die vielleicht Brauchbares hätten
leisten können und jedenfalls hinter dem Pflug oder in der Spinnstube
auch geleistet hätten, Drohnen erzog, denen als besonderes göttliches
Gnadengeschenk eine so groteske Dummheit verliehen war, daß sie nicht
nur meinten ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun, ihre Seele auf
unermeßliche himmlische Freuden vorzubereiten, sondern auch noch die
Sünden der Menschheit abzubüßen sich berufen fühlten.
Bei Aufhebung der Klöster, und vielleicht da und dort noch heute,
war der Tageslauf einer Nonne, wenigstens bei den Klarissinnen in
München, folgender:
Nachts um 1/2-12 Uhr wird die Nonne geweckt, punkt 12 Uhr beginnt
die Matutin, die fünfviertel Stunden, an Festtagen aber volle zwei
Stunden dauert, weil dann die Laudes und das Te Deum gesungen werden.
Nach 2 Uhr müssen alle Nonnen wieder in ihren Betten liegen und zwar
bis 5-1/4 Uhr. Dann werden alle geweckt und müssen das hochwürdigste
Gut besuchen.
Um 3/4-6 Uhr gibt die Priorin das Zeichen zur Meditation
(Betrachtung). Sie geht sogleich von Zelle zu Zelle um nachzusehen,
ob jede Nonne vor ihrem Altärchen kniet und ihren Betrachtungen
obliegt. Diese dauern eine halbe Stunde, an Feiertagen aber eine
viertel Stunde, weil die Prim um 6 Uhr beginnt.
Die Prim fängt täglich um ein Viertel nach 6 Uhr an, an Sonn- und
Feiertagen aber pünktlich um 6 Uhr. Nach derselben wird in das
Kapitel gegangen, wo die Abgestorbenen vorgelesen und für sie das
Seelen-Offizium (Officium de profundis) gebetet wird.
Die Kapiteltage sind Montag, Mittwoch und Freitag, ferner Samstag,
falls an diesem Tage nicht gebeichtet wird.
Das Zeichen zur ersten heiligen Messe wird mit der Glocke um Viertel
nach 7 Uhr gegeben, an Sonn- und Feiertagen aber pünktlich um 7 Uhr.
Um 8 Uhr ist die Terz, die während des ganzen Jahres gesungen wird,
darauf folgt die zweite heilige Messe und darauf werden die Sext und
die Non psalliert. Hierauf kann jede Nonne bis um 10-1/4 Uhr ihrem
Amt oder Arbeit nachgehen oder in ihrer Zelle arbeiten.
An Sonn- und Feiertagen tritt insofern eine Änderung ein, als nach
der Terz eine Predigt mit Hochamt gehalten wird. An den Ordensfesten
wird nach dem Gottesdienst eine Exhortation im Speisesaal vom
Beichtvater gehalten. An den Festtagen werden die Laudes, Prim,
Vesper und Komplet gesungen, während an den Werktagen die Äbtissin
oder Priorin das Recht hat von einer gesungenen Vesper zu
dispensieren und sie nur beten zu lassen.
Um ein Viertel nach 10 Uhr wird das erste Glockenzeichen zu Tisch
gegeben, worauf jede Nonne in ihrer Zelle das »Partikular-Examen«
macht, das die Priorin, wie bei der Meditation, von Zelle zu Zelle
wandernd kontrolliert. Nach Beendigung dieses Examen besuchen alle
das hochwürdigste Gut und begeben sich dann in den Speisesaal.
Um 1/2-11 Uhr setzen sich alle an die Tische und bleiben dort eine
oder höchstens fünfviertel Stunden lang. Während des Mittagsmahles
werden die Ordensregeln, die Lebensgeschichten der Heiligen und auch
Predigten gelesen.
Wird nicht vom Lesen dispensiert, was einmal die Woche geschieht,
dann muß eine Frau bei Tisch bedienen. In letzterem Falle darf nur
eine Viertelstunde lang gelesen werden und die bei Tisch bedienende
Frau wird von einer Schwester abgelöst.
Nach beendetem Mittagsmahl wird wieder das hochwürdigste Gut besucht
und dann geht jede Nonne an ihr Amt oder ihre Arbeit.
An Fasttagen wird unter dem Beten des Psalmes Miserere nach dem Chor
gegangen und dort das Tischgebet vollendet. Nach demselben nehmen
die Nonnen ihr Tischzeug weg und verwahren es, während die jüngeren
Frauen abnehmen und alles in Ordnung bringen.
Wenn eine lange Vigil gehalten wird, so fängt sie um 2 Uhr an, worauf
die Laudes gesungen werden, die Vesper aber nur psalliert wird.
Alle Tage ist die Vesper gewöhnlich um 3 Uhr nachmittags.
An Sprechtagen dürfen die Klosterfrauen ohne besondere Anfrage bei
der Priorin im Garten spazieren gehen, sooft sie Zeit haben, auch
dürfen sie im Winter im Winterrefektorium (Speisesaal) und im
Sommer im Sommerrefektorium sich zur Arbeit versammeln und erhalten
dann ihren Abendtrunk. An Fasttagen aber darf keine Frau im Garten
spazieren gehen ohne besondere Erlaubnis der Priorin. Das gleiche
gilt auch von der Versammlung im Refektorium. Eine solche Versammlung
findet nachmittags von halb drei bis 3 Uhr statt, wenn die Äbtissin
einen Abendtrunk bewilligt.
An den Muttergottestagen findet um 1/2-3 Uhr Prozession statt, danach
musikalische Vesper nebst Litanei. Nach deren Beendigung ist bis halb
5 Uhr Gebetstunde.
Wird nur eine kurze Vigil gehalten, dann wird sie nach der Vesper
psalliert. An allen Schweigetagen wird die Gebetstunde von 3/4-4 Uhr
bis 1/2-5 Uhr gehalten und zwar von jeder Klosterfrau in ihrer Zelle.
Die Priorin gibt hierzu das Zeichen und sieht in den Zellen nach. Im
Winter, sowie an Beicht- und Kommuniontagen wird diese Gebetstunde im
Chor gehalten.
Um 1/2-5 Uhr wird das erste Zeichen zum Nachtmahl gegeben, worauf das
hochwürdigste Gut wieder besucht wird. An Schweigetagen wird um 3/4-5
Uhr, an den Sprechtagen um 5 Uhr zu Tisch gegangen.
An den Schweigetagen wird zweimal zu den besonderen Schweigestunden
geläutet. Diese Stunden sind von 1-2 Uhr nachmittags und vom Abend
6 Uhr bis zum anderen Morgen nach der Prim. Binnen dieser Zeit darf
niemand etwas sprechen.
An allen Beichttagen, dann an Sonn- und Feierabenden, ist die
Gebetstunde zum zweiten Mal bis 1/2-7 Uhr auf dem Chor und dann die
Lektion im Konvent. Diese dauert eine halbe Stunde und auf sie folgt
die Komplet.
Alle Nonnen müssen wöchentlich einmal beichten und kommunizieren,
falls aber in eine Woche ein Feiertag fällt, so auch an diesem.
Abwechslungsweise müssen aber alle Tage drei Nonnen beichten und die
Kommunion empfangen.
Nach beendetem Komplet wird das nächtliche Examen eine Viertelstunde
lang gehalten und zwar in der Zelle einer jeden Klosterfrau und unter
der Kontrolle der Priorin. Hierauf wird das höchste Gut zum letzten
Male besucht.
Um 8 Uhr abends müssen alle Nonnen in ihren Betten ruhen, was
ebenfalls die Priorin kontrolliert. Sie sieht auch manchmal während
des Schlafens nach und weckt diejenigen liebreich aus dem Schlafe,
die allenfalls unanständig in ihren Betten liegen. Geschieht das bei
einer oder der anderen Nonne öfters, so wird sie gebüßt.
Es war verboten im Bett auf dem Rücken zu liegen, vielmehr sollte die
Nonne auf der rechten oder auf der linken Seite schlafen.
Der Gebrauch des Papiers auf dem Abort ist nicht erlaubt[17].
An Strafen gab es zur Ertötung der Fleischeslust -- die schon
dadurch bekämpft wurde, daß die Klarissinnen niemals Fleisch aßen
-- die große Disziplin, bestehend in 300 Geißelhieben und die
kleine Disziplin mit 36 Geißelhieben. Außerdem wurde der stachliche
Bußgürtel auf den bloßen Leib gelegt.
Außer den anbefohlenen Bußen war jede Nonne gehalten bei
Jahresanfang der Äbtissin schriftlich anzuzeigen, welche Bußen und
guten Werke sie noch freiwillig auf sich nehmen wolle. Zur Einhaltung
der freiwillig übernommenen Verpflichtungen war sie bei schwerer
Sünde in ihrem Gewissen verpflichtet.
Das Formular einer solchen Anzeige lautete:
Ich nehme mir mit der Gnade Gottes vor, nebst der Verrichtung der
sonst alle Jahre gewöhnlichen Gebete, Klosterandachten, Abstinenzen
und Bußwerke in den Fasten
1. wöchentlich einmal die Bußpsalmen und die Litanei von allen
Heiligen, auch einmal den Kreuzweg zu beten,
2. alle Mittwoch, Freitag und Samstag des Salates mich zu enthalten,
wie auch mir einen kleinen Abbruch im Essen zu machen,
3. in jeder Woche an einem Tage den Bußgürtel zu tragen, alle 14 Tage
die kleine, am heiligen Karfreitag aber die große Disziplin zu machen
usw.
Außer den Fasten
1. inner- und äußerliche kleine Abtötungen,
2. alle 14 Tage einmal den Bußgürtel ein oder zwei Stunden lang zu
tragen,
3. an gewöhnlichen Festtagen und jenen meiner besonderen Patrone die
kleine Disziplin vorzunehmen usw.[18]
* * * * *
Übrigens leistete auch der Protestantismus bisweilen Erkleckliches
auf dem Gebiete der künstlichen Lebensverschandelung.
So gab es Pietisten, die nicht nur Theaterbesuch, weltliche Spiele
und regelmäßigen Besuch von Wirtshäusern verboten, sondern auch
das Tabakrauchen, den fröhlichen Trunk im Freundeskreise, ja man
focht das Lachen und das Spazierengehen als mit dem christlichen
Lebensernst unverträglich an. _A. H. Francke_ aber verbot den Kindern
sogar das Spielen, wenigstens in den Räumen des Schulgebäudes[19].
III. Kapitel
Der Hexen- und Teufelswahn in der Mittelalterlichen Kirche
Die moderne Weltanschauung betrachtet alles Geschehen als
Naturgesetzen unterworfen. Überall herrscht die lückenlose
Kausalität. Keine Ursache ohne Wirkung, keine Wirkung ohne Ursache
und zwar eine Ursache, die natürlich ist und unter sonst gleichen
Umständen genau dieselbe Wirkung hervorruft. Das Experiment
des Naturforschers hat diese Weltanschauung zur notwendigen
Voraussetzung. Denn welchen Wert hätte alles Experimentieren, wenn
die Möglichkeit bestände, daß trotz genau gleicher Bedingungen die
Wiederholung einer Untersuchung ein anderes Resultat lieferte? Kommt
bei verschiedenen Versuchen nicht jedesmal genau dasselbe Ergebnis
heraus, dann ist nach unserer Weltanschauung der einzig zulässige
Schluß der, daß die Versuchsbedingungen eben doch nicht genau gleich
waren, daß das Material geringe Differenzen aufwies, die Wärme
verschieden war, die Versuchsdauer variierte und was noch dergleichen
Möglichkeiten mehr sein mögen.
Was für den Physiker, Chemiker, Elektriker gilt, hat auch seine
Gültigkeit in allen anderen Naturwissenschaften, nur daß in
einigen von ihnen -- etwa in der Medizin -- die Vorbedingungen
des Experimentes nie mit der absolut erforderlichen Genauigkeit
herstellbar sind, weil es sich eben um lebende Wesen handelt, die
immer mehr oder minder voneinander abweichen. Sieht der Arzt einen
Fall von Geisteskrankheit, so wird er keinen Augenblick zögern, die
Ursache dafür im Inneren des Patienten, in seinem Gehirn zu suchen.
Die krankhafte Störung des Gehirnes aber, deren Folge eben die
Wahnerscheinungen sind, wird er je nachdem auf Alkoholmißbrauch,
Lues, Verkalkung der Arterien oder sonst eine natürliche Ursache
zurückführen. Was dem wissenschaftlichen Menschen als Ursache völlig
fern liegt, was er als unmöglich abweist, ist das Wunder, d. h. die
Durchbrechung der naturgesetzlichen Kausalität durch eine außer- oder
übernatürliche Kraft, mögen wir sie nun Gott, Teufel oder Dämonen
nennen.
Primitive Zeiten dachten anders und mußten auch anders denken. Gewiß
hatte man in so und so vielen Fällen die regelmäßige Aufeinanderfolge
bestimmter Vorgänge beobachtet und dies in einen Kausalzusammenhang
gebracht; etwa die zunehmende Wärme im Frühling und die darauf
zurückzuführende Entfaltung der Vegetation, oder die Einwirkung der
Wärme auf den Aggregatzustand der meisten Stoffe u. a. m. Aber diese
Beobachtungen waren nicht sehr zahlreich und die Interpretation
sehr häufig irrig. Sah man z. B. den Mond in einer klaren kalten
Winternacht, so folgerte man die Kälte aus seiner Einwirkung,
während umgekehrt eine Folge der Kälte und der dadurch verhinderten
Nebelbildung seine größere Sichtbarkeit ist. Oder sah ein Naturvolk
die Schmetterlinge in der größten Tageshitze am zahlreichsten
fliegen, so folgerte es daraus, daß der Flug dieser Insekten die
Hitze hervorrufe, um so mehr, als sie gegen Abend zugleich mit der
Sonne verschwinden. So wurde der Schmetterling Herr des Tages und ihm
eine wunderbare Macht beigelegt.
Die Folge der geringen Kenntnisse der Naturgesetze mußte sein,
daß man überall, wo etwas nicht sofort erklärlich war, nicht nach
ihnen suchte, da sie ja doch nur in den seltensten Fällen genügende
Auskunft hätten geben können, sondern nach _übersinnlichen Ursachen_.
Bald war es das unmittelbare Eingreifen Gottes, bald das des Teufels,
seines Gegners, der in einer Welt, die lediglich nach gut und böse
gewertet wurde, Urheber des letzteren sein mußte. Dazu kamen Zauberer
und Hexen.
Das alles ist durchaus nicht dumm, sondern nur unwissend. Und es wird
desto entschuldbarer, als die höchste Instanz, die Bibel, sowohl
im Alten, als im Neuen Testament soundsooft von einem leibhaftigen
Teufel spricht, wie von Dämonen, Engeln und Hexen.
Anders müssen wir diese naive Denkweise beurteilen zu einer Zeit,
wo die Naturwissenschaften bereits so fortgeschritten sind, daß sie
in den meisten Fällen eine zureichende Erklärung der Erscheinungen
bieten können.
Das war aber bereits im 16. Jahrhundert bei uns der Fall. Hatte sich
doch gegenüber der äußerst dürftigen Kenntnis der Natur im frühen
Mittelalter, im 16. und besonders noch im 17. Jahrhundert das Wissen
von ihr ganz außerordentlich vermehrt. Wir können es verstehen,
wenn das Volk, das doch von den Forschungsergebnissen der Gelehrten
nur eine sehr verschwommene Kenntnis besitzt, am Aberglauben
festhält, dazu neigt Natürliches, dessen Kausalität es nicht kennt,
übernatürlich zu erklären. Dafür müssen wir jedoch erwarten, daß die
intellektuellen Instanzen, die Kirche, die Obrigkeit, die Theologen,
die ganze Gelehrtenwelt alles aufbietet, um nach der Richtung der
natürlichen Erklärung des Weltgeschehens zu wirken.
Gerade diese sind dazu berufen in Fällen, die an sich vielleicht die
Wahl zwischen den Möglichkeiten der natürlichen und übernatürlichen
Erklärung zuließen, alles daranzusetzen, der ersteren Vorschub
zu leisten, im Sinne der Aufklärung und Befreiung vom Alb des
Aberglaubens. Selbst wenn sie von der Existenz der Hexen und Zauberer
theoretisch überzeugt wären, so müßten sie bestrebt sein, in der
Praxis deren Wirkungsbereich nach Tunlichkeit einzuschränken und
damit den Weg verfolgen, den vor ihren Augen die Wissenschaft seit
Jahrhunderten eingeschlagen hat. Wir sehen aber das Gegenteil! Gerade
in dieser Zeit wurde die Hexentheorie am wahnwitzigsten ausgebildet
und mit Gewalt verbreitet.
Die Dummheit besteht also in erster Linie darin, daß wir die
Autoritäten in kulturhemmender Weise und dem Fortschritt der
Naturwissenschaften entgegen arbeitend, am Werke sehen. Statt die
natürliche Deutung zu fördern, selbst auf die Gefahr hin, eine
Hypothese aufzustellen, die ihrem Bereich weitere Grenzen steckt,
als der damalige Zustand der exakten Wissenschaft gestattete, wird
sie bekämpft. Aber selbst wenn es wirklich Zauberei je gegeben hätte,
wäre es weit klüger gewesen, diese Tatsache zu ignorieren, als durch
Aufwerfung der Frage neuerdings Unruhe in ein sich beruhigendes Volk
zu tragen und zahlreiche Menschen Qualen und dem Tode auszuliefern.
Um es nochmals mit allem Nachdruck zu betonen: der Glaube an Teufel
und Zauberei ist allen primitiven Völkern gemeinsam. Er schwindet
erst mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften. Auch die Antike
war von diesem Wahn nicht frei und Christus teilte ihn gleichfalls.
Während er aber im Neuen Testament einen winzigen Raum einnimmt,
während wir genötigt sind, die bescheidenen naturwissenschaftlichen
Kenntnisse der Antike und der ersten Hälfte des Mittelalters als
hinreichende Entschuldigung anzuführen, fällt dies für die neuere
Zeit fort. Da ist es die _Autorität des Papsttums und die der Bibel,
die ihn festhalten_, während die Erleuchtetsten der Zeit ihn längst
innerlich überwunden hatten, ja, während das niedere Volk ihn, wie
die Prozeßakten lehren, bereits anfängt aufzugeben. Da ist es das
Kirchenregiment, das ihn mit Gewalt einem sich von mittelalterlichem
Aberwitz befreienden Volke aufzwingt, ungezählte Tausende ihm zuliebe
auf die grausamste Weise hinschlachtet.
_Gerade in dem Augenblick, in dem die Naturwissenschaften diese
Irrlehre überwunden haben, wird sie päpstlicherseits neuerdings in
ein System gebracht_ und mit einem Eifer verfochten, wie ihn die
Kirche für eine gute Sache kaum je aufzubringen vermocht hatte.
Ein Analogon finden wir in der Anti-Modernistenbewegung der
Gegenwart. Es ist ganz sonnenklar, daß die Kirche in ihrer
gegenwärtigen Verfassung und mit starrem Festhalten an längst
veralteten Glaubenslehren dem Untergange in dem Sinne verfallen ist,
daß sie aufhören wird, die geistig Reifen zu befriedigen. Um das
gänzliche Hinabsinken in den Paganismus zu verhüten, der alten Form
neues Leben einzuflößen, nicht auf Schritt und Tritt die Inferiorität
der christlichen gegenüber den profanen Wissenschaften merken zu
lassen, haben gläubige und kluge Männer versucht, dem modernen
Geist bei aller Wahrung des prinzipiellen katholischen Standpunktes
die nötigen Konzessionen zu machen. Sie revidierten den Glauben
an die Verbalinspiration der Bibel, legten die kritische Sonde an
ihre historischen Berichte an, leuchteten in die Geschichte der
kirchlichen Dogmen und Institutionen hinein, kurz begannen jene
Modernisierungsarbeiten, die bei einer so uralten Organisation, wie
die Kirche ist, sicherlich ebenso notwendig ist, wie die Restauration
eines alten Domes.
Das wäre in früheren Jahrhunderten kaum erforderlich gewesen, da
damals die historische Textkritik noch nicht einmal in ihren Anfängen
existierte, die profanen Wissenschaften noch wenig entwickelt waren
und das Volk gläubig hinnahm, was ihm die kirchliche und weltliche
Obrigkeit hinzunehmen befahl. Das lehrt etwa die Geschichte der
sogenannten Konstantinischen Schenkung, die erst Laurentius Valla
als Fälschung nachwies, ohne damit eine tiefe Wirkung zu erzielen.
Jetzt aber ist bei dem völlig veränderten Zeitgeist die Notwendigkeit
zwingend und alle Verständigen sehen sie auch ein.
Dies ist nun, wie im Falle des Hexen- und Teufelsglaubens, der
Augenblick, in dem das Papsttum mit seinem unheilvollen, im
eminentesten Sinne kulturfeindlichen Einfluß einsetzt. Und zwar durch
die verschiedenen Motu proprios gegen die »Modernismus« genannte,
oben gekennzeichnete Bewegung, die zwar nirgends so existiert, wie
der Papst sie sich vorstellt, immerhin aber ähnliche Tendenzen
verfolgt.
Da wir auch in diesem Falle dem »Statthalter Christi« keine
gemeine, auf den Untergang der Kirche und die Schädigung der Kultur
hinauslaufende Gesinnung zuschreiben können und dürfen, sind wir
gezwungen, die Dummheit in höchster Potenz als Milderungsgrund
anzuführen.
Eigentlich brauchte niemand die Kirche anzugreifen, solange ein
Pius X. an ihrer Spitze steht. Schädigt dieser Papst sie doch viel
nachdrücklicher, als es der fanatischste Kirchengegner je vermöchte.
Sehen wir uns nun einmal den Teufels- und Hexenglauben an, wie ihn
die Kirche ausbildete und lehrte und zum Teil heute noch, wie das
Nachstehende beweisen wird, vertritt!
Wenn _Gregor_ IX., der leidenschaftliche Feind des
Hohenstaufengeschlechtes, in seiner Bulle Vox in Rama vom 13.
Juni 1233 den Tod derer fordert, die sich mit dem »_Frosch- und
Kater-Teufel so groß wie ein Backofen_« eingelassen haben, dann
werden wir diese Dummheit zwar belächeln, aber mit der Zeit
entschuldigen.
Das kann man vielleicht noch für den Aberglauben Papst _Johann_
XXII. (1316-1334) anführen, der in seiner Bulle Super specula
in hochtönenden Worten den größten Blödsinn offenbart. Dieser
Statthalter Christi überbot sich selbst an tollem Aberglauben. Man
hatte ihm weisgemacht, es gäbe ein Schlagenhorn (cornu serpentinum),
mittels dessen Gift entdeckt werden könne. Er läßt es sofort kommen
und verpfändet für diesen unschätzbaren Wertgegenstand seiner
Besitzerin alle seine bewegliche und unbewegliche Habe. Zugleich
bedroht er jeden mit dem Banne, der sich dieses Schlagenhorn
widerrechtlich aneignen will. Im Jahre 1317 schreibt er: »Gottes
Barmherzigkeit habe in seine Hände _drei Zauberbilder_ gelangen
lassen, _durch deren Durchstechung diejenigen Personen, auf deren
Namen diese Bilder getauft seien, getötet wurden_.« Er hatte
folgerichtig für sich selbst auch immer die größte Angst vor jemand,
der die Wachsbilder mit seinem Bildnis durchstechen würde, so daß
er stürbe. Übrigens hielt sich dieser Glaube in Italien noch im 18.
Jahrhundert, wie aus Casanovas Mailänder Erlebnis hervorgeht.