»Wahrhaftigen« oder »Erwählten«, bestand nach den übereinstimmenden
Angaben der Kirchenväter, wie der orientalischen Quellen vor
allem in der Übernahme der »drei Siegel« (signacula). Das sind:
1. die Enthaltung des Mundes von jeder Art unreiner Speise und
unreiner Worte (signaculum oris). 2. Die Enthaltung der Hände von
jedweder die Lichtwelt schädigenden Beschäftigung, namentlich
vom Abbrechen von Baumfrüchten usw. (signaculum manum), 3. Die
Enthaltung des Busens von aller sinnlichen Unlauterkeit, besonders
allem Geschlechtsverkehr, auch der Ehe (signaculum sinus). Die
Mundversiegelung verpflichtete den vollkommenen Manichäer zur
Vermeidung nicht nur jeglichen Fleischgenusses, sondern auch aller
nicht reiner Vegetabilien. Nur »reine« Pflanzenkost bestehend aus
Melonen, Öl und anderen (angeblich an Lichtbestandteilen besonders
reichen) Baumfrüchten war gestattet. Getreideprodukte, namentlich
Brot, durfte von ihnen nur ausnahmsweise genossen werden und auch
dann war es keinesfalls zulässig, daß sie es selbst zubereiteten
oder brachen. Die manichäischen Laien hatten keine so strengen
Kostgesetze, immerhin mußten sie durch die Fürsprache eines
»Elektus« göttliche Verzeihung erwirken. Der Elektus redete das
ihm überreichte Brot, um seine Unschuld an dessen Zubereitung zu
beteuern, folgendermaßen an: »Ich habe dich nicht geschnitten, nicht
gemahlen, nicht geknetet, nicht in den Backofen gelegt, sondern ein
anderer hat das getan; ich esse dich ohne Schuld usw.« Übrigens galt
ihnen die Tötung von Tieren als noch schlimmeres Vergehen, als diese
Pflanzenverletzungen, weil die Tiere dämonischer Abkunft seien, ihre
Schlachtung also einen Eingriff ins Reich der Dämonen bedeute. Auch
die Bereitung und der Genuß von Wein war ein Kapitalverbrechen, denn
der Wein sei die Galle des Fürsten der Finsternis.
Die Beschränkungen des »Händesiegels« fallen weniger unter den
asketischen Gesichtspunkt, als unter den einer abergläubigen
Reinlichkeitsobservanz. Die Busenversiegelung aber war eine Maßnahme,
die die »Erwählten« zwar in den Augen derer, die nicht alle werden,
zu höheren Wesen stempelten, im übrigen aber keine größere Torheit
forderte, als die Mönchs- und Nonnenorden bis zum heutigen Tage, ja
als die Kirche von ihrem gesamten Klerus[2].
Das Fastenverbot, das ja bekanntlich im ganzen Mittelalter und
zum Teil heute noch bestand, wurde besonders in Frankreich mit
außerordentlicher Strenge gehandhabt. Wie Bodin erzählt (Démon des
sorciers, p. 216), ließen die Zivilgerichte von Angers im Jahre 1539
diejenigen, die des Fleischgenusses am Freitag überführt waren,
_lebendig verbrennen_, wenn sie ohne Reue blieben, aber aufhängen,
wenn sie bereuten[3].
Diese Zwangsmaßregeln beweisen zur Genüge, wie wenig bereitwillig
man es handhabte. Auf die einfältigen Spitzfindigkeiten es zu
umgehen -- daß man etwa den Biber zu den Fischen rechnete -- sei nur
andeutungsweise hingewiesen.
Die Fastenaskese wird noch heute in alter Stärke in der
griechisch-orthodoxen Kirche gehandhabt. Einige an der Sonne gedörrte
Baumfrüchte mit etwas Brot und Wasser bilden die einzige Kost für
die strenger lebenden Athos-Asketen. Dabei wohnen sie in finsteren
Schluchten unter elenden Obdächern von Lehm, Baumzweigen usw. Ein
gewissenhafter anatolischer Christ hat sich im Jahre mindestens
an 180 Tagen des Fleischgenusses zu enthalten, ja an ungefähr 140
Tagen darf er auch keine Fische genießen. Im orthodoxen Rußland
aber hat für die strengeren Fastenzeiten das Priestertum eine Art
Überwachungsrecht sogar über die Ärzte. Nur auf Grund besonderer
vom Popen ausgestellter Erlaubnisscheine dürfen den Kranken dann
kräftigere Speisen, wie Fleisch, Fleischbrühe, Eier, Butter usw.
ärztlich verordnet werden[4].
* * * * *
Geradezu wahnwitzig ist der Kampf, den der Gläubige gegen die
Sinnenlust führen muß. Zugegeben, daß sie da und dort die Gedanken
von Wichtigerem und Höherem ablenken mag, so lehrt doch gerade die
Geschichte der Asketen die Unmöglichkeit oder doch Unzweckmäßigkeit
dieses Ringens mit einer Naturgewalt. Mit etwas mehr Intelligenz
begabt, hätte der Asket hie und da der Natur nachgegeben, statt vor
unbefriedigter Sinnlichkeit keinen anderen Gedanken fassen zu können.
_Makarius_, der Lehrer des Evagrius, wurde einst derart vom Dämon
der Wollust geplagt, daß er sich nur durch eine ganz erleuchtete
Kriegslist helfen konnte: er hielt sich sechs volle Monate hindurch
splitternackt in einer Sumpfgegend seiner Wüste auf, _bis die
Stechmücken seinen Körper bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet hatten_
und man ihn, über und über verschwollen und wie ein Aussätziger
aussehend, nur mehr an seiner Stimme erkannte.
_Ammonios_ mußte auch zu einer Gewaltkur greifen, um seiner Sinne
Herr zu werden. Sobald er ein menschliches Rühren verspürte,
_verbrannte er sich_ bald an diesem, bald an jenem Gliede. Daß sein
Körper mit Brandmalen über und über bedeckt war, läßt Schlüsse auf
sein Innenleben zu.
Kein Wunder, daß diese Männer im wahrsten Sinne des Wortes -- hatten
sie doch schon in der Einsamkeit ihrer Einsiedelei genug auszustehen
-- den Anblick eines weiblichen Wesens nicht ertragen konnten. So
riß einer der Altväter Cassians, _Paulus_ mit Namen, beim Anblick
einer Frau plötzlich aus, als würde er von einem Löwen verfolgt. Die
Beschaffenheit der Frau spielte gar keine Rolle. Diese armen, an
Satyriasis leidenden Trottel -- denn wie ließe sich ihr Verhalten
anders als durch diese Krankheit erklären? -- wurden sogar durch _den
Anblick der eigenen Schwester in Wallung versetzt_. Ein gewisser
_Pior_ mußte erst von seinem Bischof den strikten Befehl erhalten,
seine Schwester aufzusuchen. Er kürzte aber den Besuch möglichst ab,
betrat nicht einmal ihr Haus, sondern stellte sich ihr nur auf der
Türschwelle zu kurzer Betrachtung vor. Dann kehrte er spornstreichs
in seine Zelle zurück.
Wie doch nichts erfunden wird, bevor sich das Bedürfnis dazu
einstellt! Was hätte man damals mit Yohimbin angefangen!
Die weiblichen Reize wirkten ja sogar noch im Grabe! Wenigstens
existiert eine Legende vom keuschen Abte _Thomas_ -- wie der gute
Mann zu dem Epitheton ornans keusch kommt, wird ihm wohl selbst ein
Rätsel sein! -- dessen Gebeine noch im Grabe keine weibliche Leiche
neben sich dulden konnten[5]!
Der Geist dieser Heiligen muß auch in den frommen Leuten in Schweden
gewirkt haben, als sie die Unterdrückung von Linnés System forderten,
weil es sich auf die Entdeckung der Geschlechter der Pflanzen gründe
und demnach darauf berechnet sei, die _Einbildung der Jugend zu
erhitzen_[6]!
Gegenüber den oben genannten, recht unbequemen Gewaltkuren, ist
entschieden die folgende Form der Askese geschmackvoller oder doch
amüsanter.
_Evagrius_ schildert sie mit Bewunderung: gewisse Mönche in Palästina
seien durch »ein ganz vortreffliches und göttliches Leben« so sehr
Herr ihrer Leidenschaften geworden, daß sie gewöhnt waren, mit den
Frauen zusammen zu baden. Denn weder der Blick, noch die Berührung,
noch die Umarmung einer Frau konnte sie in ihren natürlichen Zustand
wieder zurückfallen lassen. »Unter Männern wollten sie Männer, unter
Frauen Frauen sein« (Hist. Eccl. I, 21).
Damals wohnten auch Jungfrauen und Mönche oft in demselben Hause
beisammen und erklärten mit einer Heuchelei von seltener Kühnheit,
sie hätten ihre natürlichen Leidenschaften so beherrscht, daß sie _in
Keuschheit dasselbe Bett teilten_[7].
* * * * *
Die, eingangs erwähnte, an sich sicherlich ganz berechtigte Lehre,
daß man sich nicht durch persönliche kleinliche Rücksichten,
vermeidbare Schwächen, dazu verleiten lassen darf, große Ziele
aufzugeben, daß man nicht früh genug die jugendliche Sentimentalität
abstreifen soll und, ohne sich über das Notwendige hinaus zu
verhärten, gegen Heimweh und Trennungsschmerz schon deshalb ankämpfen
muß, weil es unvermeidliche Übel sind, Tatsachen, mit denen der Weise
fertig werden muß, führten zu recht widerlichen Konsequenzen bei
unseren Asketen. Hartherzigkeit, Unempfindlichkeit gegen menschliche
Leiden, Undankbarkeit gegen erwiesene Wohltaten gehören wohl
sicherlich zu den abstoßendsten menschlichen Fehlern. Gewiß muß der
Feldherr, ohne sich durch das Jammern der Verwundeten, das Röcheln
der Sterbenden erweichen zu lassen, unter Umständen Tausende opfern.
Er hat das größere Ziel, die Erhaltung des Vaterlandes, im Auge.
Weichen Regungen hier nachzugeben, die Schonung von Tausenden auf
dem Schlachtfelde mit der Auslieferung von Hunderttausenden daheim an
einen siegreichen Gegner zu erkaufen, wäre eine Pflichtwidrigkeit.
Sicherlich muß der Operateur ohne Rücksicht auf die Schmerzen des
Patienten seine blutige Kunst ausüben, wenn es Höheres gilt, die
Erhaltung des Lebens. Der Missionar darf nicht an die Lieben daheim
denken, so wenig wie der Forschungsreisende, wenn er in die Ferne
zieht zur Ausübung seines schweren und entsagungsvollen Berufes.
Höhere Rücksichten müssen eben immer und überall den minder hohen
vorangestellt werden. Zu den schwierigsten im Leben zu erlernenden
Künsten gehört sicherlich, sich jederzeit über das, worauf es
ankommt, über das Essentielle, klar zu sein.
Sonach kann man es auch gewiss verstehen und gutheißen, wenn Christus
seinen Jüngern anbefiehlt, ihre Familien zu verlassen, um ihm in
die Fremde zu folgen. Zu Hause sitzend, hätten sie eben die Lehre
unmöglich verbreiten können. Was aber wurde aus diesem in der Natur
der Sache liegenden Gebot?
Was macht die Dummheit aus ihm?
Wer zweifeln sollte, daß die Hartherzigkeit kirchliches Gebot war,
wird eines Besseren belehrt durch die Geschichte, die _Gregor
der Große_ (Dial. II, 24) erzählt: Ein Knabe war in ein Kloster
eingetreten. Die Liebe zu seinen Eltern übermannte ihn aber derart,
daß er eines Nachts sie heimlich besuchte. Er starb jedoch am Tage
seiner Rückkehr, und als er begraben wurde, weigerte sich die Erde,
einen so schändlichen Verbrecher aufzunehmen. _Seine Leiche wurde
wiederholt aus dem Grabe geschleudert_ und konnte erst in Frieden
ruhen, als der heilige _Benedikt_ ihr das Sakrament auf die Brust
gelegt hatte[8].
Das ist ja natürlich nur eine Legende, aber eine mit recht trauriger
Moral! Welche Unsumme von Herzensroheit steckt in ihr! Aber diese
Roheit ist lediglich eine Ausgeburt der Dummheit. Als ob die
kindliche Pietät des Knaben ein dauerndes Hindernis seines neuen
Berufes gewesen wäre! Und wie mußte diese brutale Dummheit auf das
Volk wirken!
Doch wir brauchen uns keineswegs an Legenden zu halten. Die
Geschichte der »Heiligen« bietet genug Material. Und das Traurige
ist, daß es sich nicht etwa um menschliche Schwächen handelt, die
einfach registriert werden, sondern um _vorbildliche Taten_!
Das möge aus folgendem hervorgehen:
Der uns schon bekannte Wüsteneinsiedler _Evagrius_ erhielt nach
geraumer Zeit Briefe von seinen Eltern. Da er es aber nicht ertragen
konnte, daß seine Gedanken durch Erinnerung an diejenigen, die ihn
liebten, gestört wurden, warf er die Briefe ungelesen ins Feuer.
Der heilige _Pömen_ und seine sechs Brüder hatten ihre Mutter
verlassen, um ein asketisches Leben zu führen. Die alte, durch
Krankheit gebeugte Mutter ging nun, uneingedenk des Undankes ihrer
Söhne, allein in die Wüste, um die zärtlichgeliebten Kinder noch
einmal zu sehen. Sie erblickte sie gerade, als sie aus ihrer Zelle
in die Kirche gehen wollten. Sie liefen aber sofort in die Zelle
zurück und einer der Söhne warf die Türe vor ihr zu, so daß sie
draußen bleiben mußte und bitterlich weinte. Pömen kam nun an die
Türe, öffnete sie aber nicht und sprach: »Warum weinst und schreist
du so sehr, bist du nicht schon genug vom Alter geplagt?« Als sie die
Stimme ihres Sohnes erkannte, antwortete sie: »Es geschieht, weil ich
euch, meine Söhne, zu sehen verlange. Was könnte es euch schaden,
wenn ich euch sehen würde? Bin ich nicht eure Mutter? Säugte ich
euch nicht? Ich bin jetzt eine alte und verwelkte Frau, aber der Ton
deiner Stimme hat mein Herz so erregt, daß ich mein Verlangen, euch
zu sehen, nicht bewältigen kann.« Die heiligen Brüder weigerten sich
trotzdem, die Türe zu öffnen. Sie sagten der Mutter, sie würde sie
nach dem Tode sehen, und der Lebensbeschreiber erzählt, sie sei dann
fortgegangen, zufrieden mit dieser Aussicht[9].
So ehrt man seine Eltern.
* * * * *
Ein gewisser _Mutius_ verließ einst in Begleitung seines einzigen
Kindes, eines achtjährigen Knaben, sein Besitztum und bat um Aufnahme
in ein Kloster. Die Mönche willfahrten seiner Bitte und begannen
damit sein _Herz zu disziplinieren_. »Er hatte bereits vergessen,
daß er reich war; er mußte nunmehr vergessen lernen, daß er Vater
war,« sagt _Cassian_, der uns die erbauliche Geschichte überliefert.
Man trennte also das Kind von ihm, hüllte es in schmutzige Lumpen,
schlug es, trat es mit Füßen und mißhandelte es auf jede Art. Tag um
Tag mußte der Vater sehen, wie das Kind sich vor Kummer verzehrte.
»Aber,« sagt der bewundernde Biograph, »obgleich er dies Tag für Tag
sah, war doch die _Liebe zu Christus und zur Tugend des Gehorsams so
groß, daß das Vaterherz starr und unbewegt blieb_.« »Er dachte wenig
an die Tränen seines Kindes, er war einzig um seine eigene Demut und
Vollkommenheit in der Tugend bekümmert.« Endlich befahl ihm der Abt,
das Kind zu nehmen und in den _Fluß zu werfen_. Er ging ohne Murren
und ohne sichtbaren Schmerz, das Gebot zu vollziehen. Erst im letzten
Augenblicke traten die Mönche dazwischen und retteten das Kind am
Rand des Flusses. Mutius erlangte später eine hohe Stellung unter den
Asketen und wurde mit Recht als einer betrachtet, der das Gemüt eines
Heiligen zu großer Vollkommenheit entfaltet hatte.
Ob die Geschichte wahr ist oder nicht, ist wie bei fast allen
Heiligengeschichten recht gleichgültig und von minimaler Bedeutung
gegenüber der Tatsache, daß die damalige Kirche diese Herzlosigkeit
und alles menschliche Gefühl mit Füßen tretende Verhalten lobte. Was
hat doch die Dummheit der Askese und die um jeden Preis Gehorsam
fordernde klerikale Herrschsucht aus dem einfachen »Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst« gemacht!
Daß jemand aus Gehorsam um ein Haar zum Mörder wird, was nicht zum
mindesten die spätere Heiligsprechung veranlaßt, ist durchaus kein
vereinzelter Fall.
Einst kam ein Thebaner zum Abte _Sisös_ und bat ihn Mönch zu werden.
Der Abt fragte ihn, ob er Angehörige hätte. Auf die Antwort »einen
Sohn« entgegnete der Abt, »_Nimm deinen Sohn und wirf ihn in den
Fluß_ und dann kannst du ein Mönch werden«. Der Vater hätte den
Befehl vollzogen, wenn nicht im letzten Augenblicke ein von Sisös
abgesandter Bote ihn widerrufen hätte[10].
Die Beispiele ließen sich ins Unendliche vermehren. Verlassen wir
aber lieber diese häßlichen Bilder, jedoch nicht ohne noch eines
hinzuzufügen, das Zeugnis ablegt von der Skrupellosigkeit der Mittel,
deren sich »Christen« zur Erreichung ihrer Zwecke bedienten und von
der Herzensroheit, die sich dabei offenbart.
Der fromme Kirchenvater _Tertullian_ verbot den Gläubigen den Besuch
der Theater, dafür stellte er ihnen aber ein desto herrlicheres
Schauspiel in Aussicht, nämlich -- die _Todesqualen der Sünder in der
Hölle_. »Von welcher Größe wird dieses Schauspiel sein? Wie werde
ich es bewundern? Wie werde ich lachen? Wie werde ich mich freuen?
Wie werde ich frohlocken, wenn ich so viele und so große Könige,
von denen es heißt, sie seien in den Himmel aufgenommen worden, mit
Jupiter in eigener Person und denen, die für ihn zeugten, in der
tiefsten Finsternis werde jammern sehen! Dann werden die Verfolger
des Namens unseres Herrn in einem grausameren Feuer schmelzen, als
das war, das sie angezündet hatten für die Christen ... Dann werden
die Tragödienspieler in ihrem eigenen Schmerz größere Weherufe
ausstoßen, als einst auf der Bühne. Dann werden die Schauspieler erst
richtig geschätzt werden können dank der größeren Geschmeidigkeit,
die ihnen das Feuer verleiht. Dann wird man den Wagenlenker
erblicken ganz feuerrot in feurigem Wagen; dann werden die Athleten
ein Schauspiel bieten, aber nicht wie sie gymnastischen Übungen,
sondern dem Feuer erliegen usw.« Der Mann, der ein solch glänzendes
Zeugnis seiner Menschenliebe ablegt, schließt das 30. Kapitel seiner
Schrift de Spectaculis mit den Worten: »Wenn du solche Schauspiele
betrachtest, darüber in _ausgelassene Freude_ gerätst, was kann dir
dagegen ein Prätor oder Konsul, ein Quästor oder hoher Priester bei
all seiner Freigebigkeit bieten[11]?«
* * * * *
Welch ein Geist, der daraus atmet! Und auf diese Weise wollte
Tertullian zur Religion der Nächstenliebe erziehen!
Gegen diese häßlichen Bilder von mit Dummheit gepaarter Roheit wirken
körperliche Peinigungen noch harmlos.
In ihnen war man recht erfinderisch. Die Übungen hatten keineswegs
nur den Zweck, den Leib abzutöten, als vielmehr dazu nach den höheren
durch Nachahmung der Leiden Christi zur Entsühnung der Menschheit
beizutragen.
Die ganze Lehre vom Sühnetode Christi ist ja merkwürdig genug. Daß
Christus sterben mußte, wenn seine Religion nachhaltig auf die
Gemüter wirken sollte, ist klar. Die tiefe Tragik seines Martyriums
war eine Voraussetzung der weltgeschichtlichen Bedeutung seines
ganzen Auftretens. Das hat aber nur sehr wenig mit der kirchlichen
Sühnelehre zu tun, in der Gott-Vater eine merkwürdige Rolle
zugewiesen ist. Machen wir uns die alte Opferlehre zu eigen, daß man
das Beste seiner Herde, seines Besitzes dem Gotte opfert, um ihn
günstig zu stimmen, so können wir ja schließlich auch verstehen, daß
der Asket das Beste was er hat diesem Zwecke widmet, bzw. das tut,
was ihm am meisten Mühe macht oder am schmerzlichsten ist. Nur was an
dieser Ansicht christlich ist -- von der Naivität des Glaubens ganz
abgesehen -- will nicht recht einleuchten.
Gottes Hinopferung seines Sohnes ist entschieden schwieriger zu
begreifen. Ein Vater ist beleidigt worden, was Gottes Kränkung durch
die sündige Menschheit entspricht. Um nun an den Beleidigern eine
edle Rache zu nehmen, bringt der Vater seinen Sohn um, bzw. -- was
bei Gottes Allmacht auf das Gleiche hinaus läuft -- er duldet, wie
sein Sohn, noch dazu der einzige, umgebracht wird. Dadurch ist das
Verbrechen der Beleidiger gesühnt. Gewiß, eine merkwürdige Logik, die
wohl niemand ins Praktische umsetzen möchte.
Doch sei dem wie ihm wolle: die Asketen glaubten -- und in den
Mönchsorden glaubt man es heute noch -- daß die Selbstpeinigung nicht
nur Wert habe als Disziplinierungsmittel, sondern auch dazu beitrage,
den kirchlichen Gnadenschatz zu vermehren. Je mehr Übles sich also
ein solcher Heiliger zufügt, desto größere Verdienste erwirbt er sich
um die Christenheit. Wir können diese Anschauung nicht gerade als ein
Wunder der Intelligenz betrachten. Wenn wir aber in einem späteren
Kapitel sehen werden, welches Unheil sie im Volke anrichtete, dann
werden wir sie sicherlich nicht glimpflicher beurteilen.
Da man sich nun auf normale Weise die nötige Pein nicht beibringen
kann, verfielen ingenieuse Köpfe auf die Ausbildung einer besonderen
Technik, und man muß ihnen lassen, daß sie dabei Erfolg hatten. Wer
wird das bestreiten wollen, wenn er folgende erbauliche Geschichte
hört?!
Ein gewisser _Dominicus Loricatus_ hatte die Spezialität, als
Stellvertreter von anderen gewisse Bußzeiten durch von Geißelschlägen
begleitetes Psalmensingen zu absolvieren. So absolvierte er
beispielsweise hundert Bußjahre, indem er zwanzig von der
entsprechenden Zahl Geißelhieben begleitete Psalter rezitierte.
Auf diese 20 Psalter kamen 300000 Geißelhiebe, die er sich während
der sechs Tage, die diese Prozedur dauerte, beizubringen hatte.
_Damiani_, der uns von diesem sonderbaren Heiligen berichtet,
erläutert den Vorgang folgendermaßen: »Da 3000 Geißelschläge nach
unserer Regel ein Bußjahr ausmachen, und, wie es oft erprobt ist,
beim Hersingen von 10 Psalmen 1000 Hiebe stattfinden, so ergeben sich
für die Disziplin eines Psalters (also für 150 Psalmen begleitet von
15000 Hieben) fünf Jahre Buße; und wer 20 Psalter mit der Disziplin
hersingt, kann überzeugt sein, 100 Bußjahre vollgemacht zu haben«
(20mal 15000=300000). Welche Mathematik der Buße! Loricatus konnte
es aber auch schneller, als in sechs Tagen. Er soll einmal binnen
24 Stunden über 12 Psalter mit den obligaten Hieben erledigt und
damit den Beweis geliefert haben, daß er die 20 Psalter nötigenfalls
schon binnen zwei Tagen zu absolvieren imstande war. Einst erledigte
er während einer einzigen Quadragesima, ohne die 40 Tage ganz zu
gebrauchen, das Zehnfache des obigen Betrages, also 1000 Bußjahre,
mittels Absingen von 200 Psaltern, und indem er sich _drei Millionen
Geißelhiebe_ eigenhändig versetzte. Hierbei pflegte er den ganzen
Körper zu geißeln mittels einer Vereinigung der disciplina sursum
(betreffend Kopf und Rücken) und der disciplina deorsum (betreffend
Hüften und Beine). Weil die anfänglich von ihm viele Jahre lang
benutzten Ruten nicht genug Blut fließen ließen, ließ er gegen sein
Lebensende an deren Stelle die stärker schmerzenden und verwundenden
Geißelriemen oder Peitschen treten[12].
Wie sein leuchtendes Vorbild auf die, welche nicht alle werden,
wirkte, werden wir in anderem Zusammenhange kennen lernen.
* * * * *
Doch die Selbstgeißelung wollte anderen Frommen nicht genügen. Sie
zerbrachen sich den Kopf, wie sie sich auf noch wirksamere Weise
Unannehmlichkeiten zur höheren Ehre Gottes zufügen und damit der
Menschheit noch dienlicher sein könnten. Und siehe da: ihr Eifer
wurde von Erfolg gekrönt! Da war besonders einer, der es auf diese
Weise zu einer gewissen Unsterblichkeit in der Geschichte der
menschlichen Narrheit bringen durfte. Denn seiner Askese, deren
Neuheit, wenigstens für das Abendland, noch ein gewisser Einschlag
von Sensation eine pikante Note verlieh, blieb die Nachahmung ähnlich
hochstrebender Seelen nicht versagt.
Der Eremit _Symeon_ war selbst für seine Zeit ein wunderlicher
Heiliger. Als frommer Hirtenknabe war er fürs Mönchleben erzogen
worden und hatte bereits während eines dreijährigen Einsiedlerlebens
zu Telanissos beispiellose Proben von Selbstkasteiungen abgelegt,
mit Stricken um den Leib, mit Ketten, Fasten bis zu 40 Tagen und
anderem. Aber das alles genügte ihm nicht. Er wollte dem verhaßten
Getriebe dieser sündigen Welt möglichst fern bleiben und erreichte
diesen seinen Zweck auf die einfachste und genialste Weise: Zuerst
stellte er sich auf eine _Säule_ von 6 Ellen Höhe, dann wählte er
eine doppelt so hohe, später eine von 18 Ellen um endlich eine von
fast 40 Ellen zu dauerndem Wohnsitz zu erküren. Hier führte er 36
Jahre lang ein luftiges Andachtsleben, um es um das Jahr 460 zu
beschließen. Sein Leben machte Schule und es soll noch gar nicht so
lange her sein, daß der letzte dieser Säulenheiligen seine Seele --
Geist hatte er vermutlich nie besessen -- aushauchte[13].
Ein Nachahmer dieses Säulenasketen, _Symeon der Jüngere_ ([+] 596)
soll gar 68 Jahre in der Höhe zugebracht haben. Tatsächlich konnten
solche Drohnen mit sich auch gar nichts Besseres anfangen, als sich
möglichst aus jeder menschlichen Gemeinschaft auszuschließen.
* * * * *
Betrachten wir noch einige Formen dieser erfindungsreichen Männer
Gottes! Da war das _ewige Schweigen_, heute noch von den Trapisten
geübt, jeglicher _Verzicht auf Körperpflege_ und _Waschwasser_,
_Schlafentziehung_ usw.
Merkwürdiger als dauerndes Schweigen -- schließlich das klügste, was
diese Geisteshelden tun konnten -- und als die anderen Formen der
Selbstpeinigung ist die Askese des _ewigen Weinens_, die seit den
Zeiten Justinians modern wird. Reichlichstes Tränenvergießen schien
diesen Männern -- einem _Isidor von Melitene_, _Paul von Anarzarbus_,
_Georg von Skythopolis_ u. a. -- zum höchsten geistlichen
Lebensbedürfnis unerläßlich. Köstliches wird da vom _Abte Joseph von
Bêth Abhê_ berichtet: so oft er Gras und Blumen sah, konnte er seinen
Tränenstrom kaum zurückhalten, weil ihm Jesaj. 40, 6 und 1. Pet. 1,
24 in den Sinn kamen[14]!