»Dies ist das Buch des Ursprungs von Himmel und Erde« (Genesis 2,
4) meint Cosmas, wenn die Lehre von den Antipoden richtig wäre,
dann würde der Himmel die Erde umschließen und es hätte daher nur
zu heißen brauchen: »Dies ist das Buch des Ursprungs des Himmels.«
Da es nun kaum einen biblischen Schriftsteller gibt, der sich nicht
des Ausdruckes »Himmel und Erde« zur Bezeichnung des Universums
bedient, so war das von Cosmas angeführte Argument von größter
Beweiskraft. Setzte es ihn doch in die Lage, als Gewährsmänner gegen
die Existenz der Antipoden _Abraham_, _David_, _Hosea_, _Jesaja_,
_Sacharia_, _Melchisedek_ usw. anzuführen. Autoritäten beweisen aber
ja bekanntlich noch heute und besonders war das damals der Fall.
Aber Cosmas hat damit seine Beweismittel noch keineswegs erschöpft.
Da es in der Bibel heißt, die Erde stehe auf ihren Pfeilern fest,
was zum mindesten schließen lasse, daß sie nicht in der Luft schwebe,
da ferner Paulus sagt (wenigstens wie Cosmas aus den phantastischen
Erklärungen von Hebr. VIII, 1, 2, IX, 1, 2, 11, 12, 24 folgert), alle
Menschen seien geschaffen, um auf dem Antlitz der Erde zu leben,
woraus deutlich hervorgeht, daß sie nicht auf mehr als einem Antlitz
oder gar auf ihrem Rücken leben, so müsse ein Christ »nicht einmal
von Antipoden sprechen«.
Daß die Beweise des Cosmas, gestützt auf Bibel und Autoritäten, nicht
minder auch durch den Antagonismus gegen die Manichäer, allgemeine
Anerkennung finden mußten, ist selbstverständlich. Selbst ein
_Bonifacius_, ermutigt vom Papst _Zacharias_, fand es nicht unter
seiner Würde, in dieser Sache die Sturmfahne gegen den Irländer _St.
Virgilius_ zu führen, als dieser es gewagt hatte, um die Mitte des
8. Jahrhunderts in Bayern die Existenz der Antipoden zu behaupten.
Man bannte 748 diesen später heilig gesprochenen Abt von St. Peter in
Salzburg, späteren Bischof, der trotz seiner Irrlehre dazu berufen
war, Kärnten und Steiermark zu christianisieren. Übrigens wurden
auch noch in späteren Jahrhunderten Verteidiger der Antipodenthese
von päpstlicher Seite verdammt, während _Albertus Magnus_, _Dante_
und andere ungestraft die gleiche Ansicht vertreten durften. Im 14.
Jahrhundert wurden wegen der Antipodenlehre noch _Pietro d'Abano_
bestraft, _Cecco d'Ascoli_ als Greis verbrannt. Aber selbst noch
zur Zeit Heinrichs des Seefahrers, als die großen atlantischen
Entdeckungen doch schon begonnen hatten, konnten sich noch Männer wie
der Kardinal _d'Ailly_ auf Grund der Bibel gegen Antipoden erklären,
ja ein _Columbus_ mußte sich von den Theologen Salamancas darüber
belehren lassen, daß die Annahme bewohnter Länder auf der anderen
Erdhälfte gegen Schrift und Kirchenväter verstoße[17].
* * * * *
Unter dem Titel »Systema Theologicum ex Prae-Adamitarum Hypothesi«
erschien im Jahre 1655 von dem französischen Protestanten _La
Peyrère_ ein Werk, das verdienstvoll genannt werden muß durch
die Kritik, die es an der biblischen Geschichte übt und mit der
es versucht Widersprüche zwischen Wissenschaft und Bibel dadurch
aufzuklären, daß es die ganze vorsintflutliche Geschichte lediglich
auf das jüdische Volk beschränkt wissen will. Sehr merkwürdig sind
nun einzelne Fragen, die er in diesem Bestreben aufwirft: Warum
hütete Abel die Schafe, da es doch keine Diebe gab? Wo nahm Kain die
Waffe her, mit der er seinen Bruder tötete?
Daß in der Bibel zwei Schöpfungsgeschichten miteinander verquickt
sind, was zu Widersprüchen führt, war ihm nicht entgangen und kommt
ja auch z. B. klar in Kains Furcht weiter zu wandern zum Ausdruck, da
er nicht von jemand getötet zu werden Gefahr laufen wollte.
Nun ist es gewiß kein Wunderwerk der Intelligenz, daß noch am Ende
des 18. Jahrhunderts gestützt auf diese aus der Bibel zu folgernde
Schöpfung anderer Menschen unabhängig von der Adams das irländische
Parlamentsmitglied _Dobbs_ die Existenz einer nicht von Adam
stammenden Menschenrasse nachdrücklich verteidigt und die _Neger
auf eine Ehe Evas mit dem Teufel zurückführt_! In Amerika geschah
dasselbe zur Verteidigung der Negersklaverei[18].
* * * * *
Im Jahre 1752 erschien in Nordhausen eine 9 Bogen starke Schrift des
Konrektors des dortigen Gymnasiums Joh. Friedrich _Albert_ mit dem
Titel »Versuch eines neuen Beweises, daß die _Sündfluth allgemein
gewesen, und über die gantze Erde ergangen sey_; wobey zugleich noch
andere dahin gehörige Sachen und seltene Nachrichten ausgeführet
worden.«
Das Buch, das natürlich jedes Bibelwort für bare Münze nimmt und
in naivster Weise u. a. beweist, daß die Schrift bereits vor der
Sintflut erfunden war, wirft auch die Frage auf, ob _genug Wasser
zur Überschwemmung der ganzen Erde vorhanden gewesen sei_. »Einige
Meßkünstler sagen, daß zur gäntzlichen Bedeckung der Oberfläche
unmöglich, so viel Wasser vorhanden seyn könne: zumahl Moses anführe,
daß das Gewässer 15 Ellen hoch über die höchsten Berge gestiegen sey.
Aber es hat noch Niemand unter allen Meßverständigen eine so genaue
Ausrechnung des Meeres Breite und Tiefe geliefert, daß man sagen
könnte, wie viel Lasten Wasser in dieser oder jener See sey. Wer
misset die Erde mit einem Dreyangel? ist ein Ausdruck der Heiligen
Schrift. Wer weiß, wie viel Wasser in den unterirdischen Gängen der
Erde, und in ihren Hölen eingeschlossen sey. Moses sagt ausdrücklich:
alle Brunnen der großen Tieffen brechen auf, d. i. alles Wasser, das
in den tiefsten Gründen der Erde befindlich war, stieg auf Gottes
Befehl herauf. Wie gieng das zu? Gott brachte durch Hülfe der Winde
die Wasser weg, also ist es ihm auch möglich gewesen durch dieselben
die Wässer über der Erde zusammen zu treiben. Man stelle sich nur
einen Seesturm vor. Wäre dieses Wasser auch nicht genug gewesen, so
kam doch das Wasser aus den Wolcken darzu.« In dieser Tonart geht es
weiter[19].
Es ist wirklich höchste Zeit, daß Gelehrte mit Rücksicht auf die
Möglichkeit einer totalen Sintflut den Wasservorrat auf den Liter
berechnen. Das wäre auch eine dankbare Aufgabe für eine Akademie der
Wissenschaften!
Welche Unsumme von pfäffischer Borniertheit und Dummpfiffigkeit ist
zur Prüfung einer solchen Frage erforderlich! Und das in der Zeit der
Aufklärung!
Der Leipziger Anti-Wolfianer _Crusius_ ([+] 1775), faßte die
»oberhimmlischen Wasser« als eine _wirkliche Wassersphäre_ auf, die
die ganze Welt umgebe und _durch Widerspiegelung der Gestirne den
Schein der Milchstraße erzeuge_[20]!
* * * * *
Der Kampf der freien Forschung, der Astronomie, Geologie,
Anthropologie, ja der ganzen Naturwissenschaft gegen die Bibel bzw.
gegen die erdrückende Mehrheit der Theologen, die auf sie gegen
gesunden Menschenverstand und Erfahrung schworen, ist voller Tragik.
Daß sich frühere Jahrhunderte an den Wortlaut der Bibel hielten und
auch die Schöpfungsgeschichte buchstäblich auffaßten, ist allgemein
bekannt. Weniger schon, daß noch in einer 1789 erschienenen Dogmatik
des Freiburger katholischen Exegeten und Apologeten Engelbert
_Klüpfel_ ([+] 1811) die _sechs_ Tage der Schöpfung als _24stündige
Zeiträume_ aufgefaßt werden. Er wies alle Versuche zur Ausgleichung
der geologischen Lehren mit der Bibel zurück und behauptete, daß
die Raschheit des Schöpfungsverlaufes im Interesse der Wahrung von
Gottes unbeschränkter Allmacht betont werden müsse. Sogar _Augustins_
Simultanschöpfungslehre ließ er als plausibel, weil durch die
bedingte Zustimmung so großer Kirchenlehrer wie den hl. _Thomas
von Aquino_ gedeckt, zu. Er verteidigte ferner die Geschichte des
Sündenfalls und des Paradieses als _streng historisch aufzufassende
Urkunden_.
Ähnlich faßt auch das 1796 erschienene Bibelwerk von
_Brentano-Dereser_ im 1. von Brentano bearbeiteten Teil den
Schöpfungsbericht, die Tagewerke und alles andere buchstäblich und
streng historisch auf.
Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es eine Reihe bedeutender
protestantischer Theologen, so _Buddeus_, Joh. Jak. _Rambach_ usw.,
die noch _zwischen Helio- und Geozentrismus schwanken_, natürlich
aus _biblischen Gründen_. So schrieb noch 1717 S. H. _Klausing_
in Wittenberg De Scriptura Sacra non Copernizante. Um dieselbe
Zeit verfaßte Sam. Chr. _Hollmann_ ebenda die Dissertation »_Vom
Gebundensein des christlichen Astronomen durch die hl. Schrift_«
(De obligatione astronomi christiani erga Scr. S.), und Nikol.
_Möller_ in Kiel eine Abhandlung »Von der _unzweifelhaften Bewegung
der Sonne und Ruhe der Erde_« (De indubio solis motu immotaque
telluris quiete) 1724. Er verwarf darin _Kopernikus_, _Tycho Brahe_,
_Cartesius_, _Huyghens_, _Newton_ samt und sonders und beschwor
ihre Anhänger: sie möchten doch »jene höchst gottlose, von gewissen
heidnischen Philosophen des Altertums auf des Erzfeindes Satan
Antrieb ausgesonnene, dann von Kopernikus wieder aufgewärmte und von
Cartesius und dessen Anhängern vergeblich in Schutz genommene Meinung
fahren lassen, weil sie damit doch nur dem _Atheismus, Deismus,
Naturalismus und Indifferentismus Vorschub leisteten_!«
Fromme Protestanten haben ja noch im 19. Jahrhundert gegen den
Heliozentrismus geeifert, nachdem schon (!) 1822 Papst _Pius_ VII.
offiziell erklärt hatte, »daß die Drucklegung und Publikation von
Werken, welche über die Bewegung der Erde und das Stillestehen der
Sonne nach der gemeinsamen Meinung der modernen Astronomen handeln,
in Rom gestattet sei.« Allerdings ließ erst der Neudruck des Index
von 1835 die Verbote gegen _Kopernikus_, _Stunica_, _Foscarini_,
_Galilei_ und _Kepler_ fallen. Schon achtzig Jahre vorher hatte
_Benedikt_ XIV. für einen einzigen Fall die Weglassung gestattet[21].
* * * * *
Doch was will das alles gegen folgende Zeugnisse protestantischer
Beschränktheit bedeuten? Ihnen kann man weder den Stand des Wissens
ihrer Zeit als mildernden Umstand anrechnen, noch die Intoleranz
einer höchsten kirchlichen Instanz, die mit Exkommunikation
und Scheiterhaufen drohte, und sie dadurch zum Verschweigen
der eigenen Meinung zwang, noch gibt es sonstwo irgendwelche
Entschuldigungsgründe. Vielmehr handeln alle diese Autoren aus
reiner, lauterer Dummheit.
Der alttestamentliche Exeget C. Fr. _Keil_ in Dorpat trat seit
1860 als Gegner der Geologen und _Verteidiger einer buchstäblichen
Geltung der sechs Schöpfungstage auf_. Seine triftigsten Gründe zur
Widerlegung der Geologen nimmt er aus der _Bibel_. Sie berichtet
»von zwei Ereignissen der Urzeit, deren Einfluß auf die Gestaltung
des Erdbodens und die Entwicklung der Pflanzen- und Tierwelt keine
Naturwissenschaft ermessen kann. Wir meinen 1. den _Fluch_, der
infolge des Falles der Stammeltern unseres Geschlechtes von Gott
über die Erde ausgesprochen und durch den auch die Tierwelt dem
Verderben unterworfen wurde (Gen. 3, 17; Röm. 8, 20), und 2. die
_Sintflut_, durch welche der Erdboden bis zu den höchsten Bergen
unter Wasser gesetzt wurde und alle lebendigen Wesen auf dem trocknen
Lande bis auf die von Noah in der Arche geborgenen Tiergeschlechter
untergingen.« Die _Sintflut verursachte die Gebirgsbildung, Wirkung
des göttlichen Fluches aber sind die in der gegenwärtigen Tierwelt
verbreiteten Phänomene des Raubens, Zerreißens, Verzehrens_ usw.[22]!
Einen Vorgänger von ähnlicher Glaubensstärke und Verstandesschwäche
-- es hat da oft den Anschein, als könnten sich Glaube und Verstand
nicht vertragen, so daß derselbe Mensch entweder nur gläubig oder
nur verständig sein kann, oder doch, als ob zu gewissen Zeiten beim
gleichen Individuum bald der Glaube herrscht, bald der Intellekt --
hatte Keil allerdings im orthodoxen Protestanten Joh. _Richers_.
Dieser gab unter dem Titel »Natur und Geist« im Jahre 1850 ein
dreibändiges gelehrtes Werk heraus, in dem er, gleich wie in seiner
»Zeitschrift für heilige Naturforschung« (1860) der gesamten
physikalischen Wissenschaft vom Standpunkt einer theosophischen
Spekulation den Krieg erklärte. Er _griff die Lehren von der
Schwerkraft, der Anziehungskraft, Elektrizität, Wärme, Licht,
Galvanismus und Magnetismus_ an. Übrigens blieb dieser bibelfeste
Mann keineswegs vereinzelt. Karl _Schöppfer_ schrieb »_Die Erde
steht fest_«, Berlin 1854 (5 Auflagen!), ferner »_Die Bibel lügt
nicht_« (Nordhausen 1854), und »_Die Widersprüche in der Astronomie_«
(1869). Der Superintendent A. _Frantz_ in Sangershausen wurde sich
gefährlich durch sein Buch »Andeutungen über die Pseudodoxie der
Naturwissenschaft« (Magdeburg 1867). Der Engländer _Morrison_ ließ
im gleichen Jahre »New Principia or True System of the Astronomy, in
which the Earth is proved to be the Stationary Centre of the Solar
System« erscheinen.
Noch im Jahre 1876 konnte von protestantischer Seite in Frankfurt ein
Werk verbrochen werden, das im wesentlichen auf gleichem Standpunkte
steht. _Anton Ziegler_ vertritt in seinem Buche »Die Nachtseite
der evangelischen Glaubenswissenschaft« den stumpfsinnigsten
Bibelglauben. »In sechs gewöhnlichen Tagen, d. h. _in 6 mal 24
Stunden_, hat Gott die rohe Weltsubstanz zum Kosmos verklärt.«
»Gott hat, nachdem er gleichsam das Gröbste auf einmal vollbracht
und die Weltmaterie, wie ein Bildhauer seinen Marmorblock, außer
sich hingestellt hatte, sich bei der ... Formierung des Marmorblocks
geradeso wie ein Mensch an die _Abwechslung von Tag und Nacht
gehalten_, so daß also die materielle Substanz der Schöpfung, wenn
auch nur um ein Weniges, älter ist als ihre Ordnung und Schönheit.«
Der geniale Verfasser erblickt ein eklatantes historisches Zeugnis
für diese Wahrheit, in den zwar nicht die Erdensubstanz selbst, aber
doch deren Gestalt und Ordnung teilweise ändernden Wirkungen der
Sintflut, die man jetzt gewöhnlich viel zu gering anschlage, nachdem
man sie in früheren Jahrhunderten ungebührlich überschätzt habe.
Die Engländer hatten übrigens den Naturwissenschaften gegenüber sich
nicht minder rabiat benommen. So konnten zwei glaubensstarke Männer,
_Fairholm_ und _George Young_, der profanen die »_Schriftgeologie_«
(Geol. of Scripture, Scriptural Geology 1833) entgegenstellen.
Im Jahre 1844 eiferte _Dean Cockburn_ in einem Vortrage vor der
britischen Naturforscherversammlung, einmal sogar speziell gegen
die Physische Geographie der _Lady Somerville_ in einer Predigt,
die er in der Kathedrale von York hielt, gegen die Irrlehren der
Geologie. Der anonyme Verfasser der 1853 erschienenen Schrift »A
brief and complete refutation of the anti-scriptural theory of
Geologists« behauptete, die Versteinerungen seien bloße Naturspiele.
Selbst die _Mammute_ Sibiriens seien niemals lebende Tiere gewesen,
_sondern als leblose Fleisch- und Knochenklumpen unter dem Eise
erschaffen_. Ein umgeknickter Baumstamm, den man versteinert in einem
Steinkohlenlager gefunden hatte, sei nur geschaffen worden, »um
die _schrecklichen Gotteslästerungen der Geologen zum Schweigen zu
bringen_[23].«
Doch genug des Blödsinns! Wer es nicht gelernt hat seiner Vernunft
und Erfahrung zu vertrauen, wer Autoritäten bedarf, um sich von der
Wahrheit irgendeiner Sache überzeugen lassen zu müssen, der ist
auf der schiefen Ebene. Wie weit ihn seine Dummheit forttreibt,
das ist mehr oder weniger Frage des Zufalls. Der schlimmste
Förderer der Dummheit war zweifellos der Bibelglaube bzw. der an
die Unfehlbarkeit der Bibel in allen Fragen. Ferner der an die
Unfehlbarkeit irgendeiner kirchlichen Instanz, der Dogmen, Konzilien,
des Papstes oder irgend eines Bekenntnisses, weil diesen Autoritäten
die Macht zur Verfügung stand eventuell mit Gewalt ihre Ansicht
aufzuzwingen. Zudem hatten sie die Heiligung durch die Länge der
Zeit für sich und die Resonnanz der Massen. Aber auch andere Mächte
sind nicht ungefährlich, auch wenn sie nicht mit dem Bannstrahl der
Amtsentsetzung, von Folter und Gefängnis ganz zu schweigen, auftreten
können.
Doch wir wollen das Kapitel nicht schließen, ohne ein reizendes
Pröbchen von Verquickung der Naturwissenschaft mit dem Bibelglauben
mitzuteilen:
Der französische Botaniker _Naudin_ entwickelt in seiner Abhandlung
»Die verwandten Spezies und die Entwicklungslehre« (im Bulletin der
französischen botanischen Gesellschaft 1874) folgende Gedanken:
Adam, der erste Mensch, der sich aus dem Urblastem oder aus dem
Erdkloße loslöste, besaß vorerst nur einen temporären Organismus,
einen androgynen Larvenleib ohne geschlechtliche Differenzierung.«
Aus diesem _Larvenzustande_ trat dann durch jene entwickelnde Kraft
der volle Mensch heraus. Um dieses große Werk zu ermöglichen, mußte
Adam in einen erzeugungslosen und bewußtlosen Schlaf versetzt werden,
welcher mit dem Larvenzustande der Tiere, die einer Metamorphose
unterliegen, Ähnlichkeit hat.« Während dieses Schlafes erfolgte
nach der Bibel die Hervorbildung des Weibes aus dem Manne. Man hat
sich nach Naudin diesen Vorgang als ein ähnliches _Knospentreiben_
zu denken, _wie es bei den Medusen und Ascidien stattfindet_. Der
auf diese Weise physiologisch fertig ausgebildete Mensch konnte
fortan, ähnlich wie die Pflanzen- und Tierarten, zwar noch zahlreiche
Rassen oder Spielarten als Produkte des ihm noch innewohnenden Rests
von Entwicklungskraft hervorbringen, jedoch keine neue organische
Spezies[24].
Fußnote:
[A] In der Vorrede der Benediktiner-Ausgabe der griechischen
Kirchenväter -- Paris 1706 -- Tom. II. hat Montfaucon viele Stimmen
von Kirchenvätern gesammelt, die die Antipoden leugnen.
II. Kapitel
Die Askese
Sahen wir im vorigen Kapitel, wie der Geist durch die Autorität
der Bibel und Kirche geknechtet wurde, so wenden wir uns nun der
Mißhandlung des Körpers unter dem Einfluß der gleichen Faktoren zu.
Daß die sinnlichen Begierden viel Unheil in der Welt anrichten
und ihre Zügelung eine der wichtigsten Aufgaben der sittlichen
Persönlichkeit sei, ist ganz zweifellos richtig. Jeder strebende
Mensch wird danach trachten, sich von den Ketten der Sinnenlust zu
befreien, seinen Verstand und Willen über das Triebhafte in ihm Herr
werden zu lassen.
Dieser durchaus gesunde Gedanke, den alle hochstehenden Religionen
mehr oder minder klar aussprechen, bedarf aber, wie jeder, zur
Durchführung der Intelligenz. Wo diese fehlt, wird ein teils
widerliches, teils komisches Zerrbild daraus. Aus dem berechtigten
Bestreben, seine Sinne zu zügeln, wird das törichte sie überhaupt zum
Schweigen bringen. Hat eine verständige Selbstzucht das Ziel durch
Beherrschung der Sinne, Kräfte für höhere Zwecke frei zu machen,
wird in den Händen der Dummen die Ertötung des Fleisches Selbstzweck,
sie führen einen Kampf, in dem sie ihre gesamte Kraft absorbieren.
Sollen wir durch Abhärtung, Bedürfnislosigkeit, Erlangung einer
gleichmäßigen Heiterkeit der Seele uns widerstandsfähiger machen
gegen die nur allzugroßen und allzuvielen Leiden, die uns das Leben
bringt, es erreichen, daß nicht jede bagatellmäßige Unbequemlichkeit
uns derart stört, daß wir zu ernster Arbeit oder verständiger
Lebensfreude unfähig werden, so bereitet der Asket sich absichtlich
größere Leiden, als sie normalerweise je das Leben ihm bringen wird.
Gewiß gibt es eine Weltanschauung des traurigsten Pessimismus, die
das ganze Leben als eine ununterbrochene Leidenskette betrachtet.
Niemand hat sie in eine tiefere Lehre gebracht, als Buddha. Aber
selbst dieser erhabene indische Weise ist weit davon entfernt, Askese
zu fordern. Mögen wir aus den vielen Unzulänglichkeiten des Daseins
folgern, daß es höhere Werte gibt, als Sinnengenuß, daß es nicht
ratsam ist, sein Herz allzusehr an Vergängliches zu hängen, darum
auf die ohnehin bescheiden zugemessenen Freuden zu verzichten, ist
etwa geradeso töricht, als wollte der Frierende noch seine letzten
Kleidungsstücke abwerfen, statt die wenigen, die er hat, desto fester
um sich zu nehmen.
Zweck der Askese, der Genügsamkeit und Bedürfnislosigkeit kann doch
nur sein dadurch _glücklicher_ oder besser zu werden, höhere oder
dauerhaftere oder leichter zu beschaffende oder auch unschädlichere
Genüsse an die Stelle der gegenteiligen zu setzen. Der Soldat, der
Hochtourist, der Nordpolfahrer, werden gut tun, sich an Entbehrungen
zu gewöhnen, um auch ohne schwer zu beschaffende materielle Genüsse
zufrieden sein zu können. Der Seemann wird versuchen müssen, das
Heimweh zu bekämpfen, der körperlich Leidende wird seine Freuden
vornehmlich auf dem Gebiete des Gemütes und Geistes suchen, statt
seinen Schmerzen nachzugeben. Nicht der ist weise, der aus Furcht
ein Glied verlieren zu können, sich selbst verstümmelt, aus Angst
vor dem Tode Hand an sich legt, sondern die starke Seele, die beim
Verlust der Augen froh ist, noch das Gehör zu besitzen, die sich mit
der linken Hand begnügt, wenn die rechte verloren ging, die überhaupt
nicht das Fehlende, sondern das _Vorhandene_ betrachtet und mit
diesen Mitteln das Möglichste zu erreichen versucht.
Besonders einfältig aber sind Menschen, die auf den Gebrauch
irgendeines Gutes verzichten, weil sie sich nicht die Willensstärke
zutrauen, es mäßig und eines Gebildeten würdig zu verwenden. Dazu
gehört etwa die Abstinenzbewegung unserer Tage. Es ist die gleiche
Barbarei auf den Alkohol zu verzichten, weil man sonst unmäßig sein
würde, als sich zu betrinken, während es klug wäre eine Dosis zu
ermitteln, die angenehme Wirkungen hervorruft, ohne dem Körper zu
schaden und willensstark -- wenn wir dieses hochtrabende Wort auf
eine so selbstverständliche Sache anwenden dürfen -- dieses zulässige
Quantum nicht zu überschreiten, wenn das Verlangen danach auch noch
so groß sein mag.
Ein Blick auf die Geschichte des Christentums -- allerdings auch auf
die anderer Religionen -- lehrt uns, wie weit Theorie und Praxis vom
Vernünftigen abwichen. Um die Skylla zu vermeiden fiel man allgemein
in die Charybdis.
Betrachten wir zunächst die Askese des Fastens und des Speiseverbotes.
Im 4. und 5. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung gab es
Asketen, die gekochte Speisen verabscheuten und lange Zeit oder gar
ihr Leben lang sich ausschließlich von Gras, Kräutern, Baumfrüchten,
rohen Getreidekörnern usw. ernährten. _Jakob von Nisibis_ war einer
dieser »Omophagen«. Eine andere Spezies dieser Narretei wurde
von den »Krithophagen« repräsentiert, sonderbaren Heiligen, die
nur von in Wasser aufgeweichter Gerste oder, wie _Eusebius_, von
entsprechend präparierten Bohnen oder Kichererbsen lebten. In diese
Kategorie gehört auch die Linsenesserin _Domnina_. Noch weiter in
der Frömmigkeit des Magens bzw. im »Vergnügen, an Dingen, welche wir
nicht kriegen«, um mit Busch zu sprechen, gingen die Hungerkünstler
_Markianos_, der das ganze Jahr hindurch nur einmal täglich aß,
oder _Symeon Stylites_ der Ältere (bevor er seine Säule bestieg)
und die Beröenserinnen _Marana_ und _Kyra_, die bald das 40tägige
Fasten Christi nachahmten, bald das dreiwöchige Daniels. Den Rekord
aber stellt _Elpidius_ auf, der 25 Jahre hindurch nur an Samstagen
und Sonntagen aß oder gar der fromme _Johannes_ der -- wer's nicht
glaubt, bezahlt 'nen Taler -- eine Reihe von Jahren nur von der
Eucharistie lebte. Allerdings verwandte man damals zu diesem Zweck
Brot statt Oblaten.
* * * * *
Daß ein solches Leben nicht gerade die Disposition zu den Freuden der
Liebe steigert, ließe sich eigentlich annehmen. Das Verhalten der
Einsiedler widerspricht dem aber. Wie ließe es sich sonst verstehen,
daß _Evagrius_ nicht nur auf geistige Getränke verzichtet, sondern
sogar seine Schüler _vor dem Wassertrinken warnt_, da es »majores
phantasias generat et largiora daemonibus receptacula praebet«. Als
diesen Asketen einst der Dämon der Unkeuschheit peinigte, sprang er
zur Winterszeit in einen Brunnen und mußte zur Kühlung seiner Glut
dort die ganze Nacht zubringen. Was diesen Frommen an Intelligenz
gebrach, scheint demnach durch ihre »Männlichkeit« reichlich
wettgemacht worden zu sein[1]!
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