Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo das Volk sich den
Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen« Deutschlands die Seuche
herholen, die sich weiter und weiter ins Volk frißt? Man fängt die arme
Streichholzverkäuferin auf der Straße gar bald ab, aber man läßt jene
giftigen Spinnen der menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in
ihrem Netz, trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt.
Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber man handelt
nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz: »Was mich
nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht den Ursachen nicht
nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den niedrigsten
Geschöpfen gemacht haben! _Die Prostitution ist ja immer noch das einzige
Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot und dem Mangel an weiblichen Berufsarten
abzuhelfen und einzulenken in andere Wege._
Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen _konservativen_ Herrn, der
selber Vater von zwei Töchtern ist. »_Das thut ja nichts_,« meinte er
menschenfreundlich, »_daß die Löhne für weibliche Arbeiter so gering
sind; die Frau findet immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das
notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie einen wählt, der nichts
hat! Der Mann aber kann das nicht, darum muß er mehr verdienen als die
Frau!_«
Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei Millionär ist
und seine 6 älteren Töchter mit 18 Jahren durchschnittlich verheiratet
hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen, warum man eine
Frauenfrage für nötig hält und behauptet, den Frauen stünden nicht
genug Berufe offen. Ich habe sieben Töchter und habe mir nie Sorge
gemacht, um für sie Berufsarten herauszufinden; ich habe sechs Mädchen
verheiratet und hoffe, daß auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne
einen Beruf ergreifen zu müssen.«
Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein, ich glaube,
die Millionen haben den Mann so dumm gemacht!
Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter Köpfe und
die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt immer wieder Neues! --
Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement
anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich Fabrikmädchen und
Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe Kaufleute.
Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den Tischen und
unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend, wozu sie ihr Kavalier
unter einer Verbeugung abholte und ebenso höflich zurückführte. Die
Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös, es kam nie zu wilden Hopsereien,
wie es in Bauernschenken vorkommt; es wurde sehr wenig getrunken, ich fand
hier, wie auch im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar
Kaffee als Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das
Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen.
An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben mir sitzendes
Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen war und fremd zu sein
schien. Sie sah furchtbar dumm aus, wagte kaum, um sich zu sehen und schien
noch keinen Schatz besessen zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein
»Herr« sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den
Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen und hatte nur
noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon viel freundlicher
antwortete und auf dem besten Wege war, mit ihm »gut Freund« zu sein.
Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf dort jenes
Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute blickte sie schon
viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie ansah; sie trug eine
Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust und im heute gelockten Haar,
das vor 8 Tagen einfach gescheitelt war. Sie hatte jedenfalls an dem einen
Nachmittage viel »gelernt«, sie war auf dem besten Wege, abwärts zu
kommen. An jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren,
ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen.
Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich 3 Wochen später
das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten Erstaunen jenes Mädchen
am Arme eines Herrn (zweifellos ein Referendar oder Lieutenant in Civil,
da er Schmisse hatte) sah, fein gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das
Haar kurz geschnitten, das Gesicht bemalt. =Sapienti sat!= Sie war
»klug« gewesen und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine
»dümmere« wäre nicht so schnell »gestiegen«. --
Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen Schatz besaß, das
»Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal, in welchem man leicht und
schnell Bekanntschaften machen könne. So biß ich denn in diesen sauren
Apfel und begab mich ins »Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch
hinter einem Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem
Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen Schatz warte;
ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen bleiben,« fuhr er fort,
»ich habe Geld, ich kann was draufgehen lassen.« Er hatte eine goldene
Uhr mit schwerer goldener Kette, feingepflegte weiße Hände und trug einen
goldenen Zwicker. Ich hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht
einen Assessor, trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer
Fabrik. Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise,
glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn erkannte.
Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten, schienen
keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte »feine« Leute. Ich merkte
daher bald, daß die »leicht zu machenden Bekanntschaften« sich nicht auf
die Arbeiterkreise bezogen, sondern von anderer Seite zu ganz anderem Zweck
gesucht wurden. -- Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den
Arbeitern bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten und
sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in der Fabrik,
bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen in einem Lokal;
gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten mit Kavalieren versorgt,
eine weniger gesuchte Art der Bekanntschaft.
Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit meines Chemnitzer
Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen aller Fabriken, in denen
ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein besonderes Interesse für
eine Tingeltangelbude, in welcher vier gemein und verkommen aussehende
Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern die abscheulichsten Zoten sangen.
Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen sie in
vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen und
erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu wollen.
Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht ihnen wie den
Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von 10 Pfennig einen Gegenstand
zu 50 Pfennig gewonnen haben, so würfeln sie fiebernd weiter, immer in
der Hoffnung, noch weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn
doppelt so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen
Gegenstand gegeben hätten.
Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn der Einsatz auch
nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder 3 Mark allmonatlich für
sie doch kein geringer Schaden. Sie hoffen alle auf das große Los oder
wenigstens auf einen Gewinn, der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde
zu leben. Ich kannte alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der
Fabrikräume, frühere Arbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der Lotterie
spielten, die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den
großen Gewinn doch nicht fahren ließen.
Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste resumiere und in
Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen Woche, so muß ich betonen:
_daß die Vergnügungssucht der Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so
entwickelt, blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen
der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht »mit Ekel von der
häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volk« abzuwenden brauchen_.
Dreizehntes Kapitel.
Die Hausindustrie.
»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben
der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders für den Arbeiterstand.
Während in den höheren Ständen noch andere veredelnde Einflüsse und
Motive sich geltend machen können und müssen, so ist bei dem Arbeiter
die Frau fast ausschließlich die Hüterin der _Sittlichkeit_ und des
_Gemütslebens_.«
Dies ungefähr waren die Worte, die =Dr.= Brinkmann in seinem Vortrage
in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben
der Familie« aussprach. Ich führe diese Worte hier an, weil ich die
Hausindustrie mit ganz anderen Augen betrachte, als die Arbeit in der
Fabrik, weil sie den Frauen die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und
die Kinder ständig zu bewachen.
Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs auf dem Lande zu
finden, und, wie ich schon erwähnte, unter den verheirateten Frauen.
In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit, d. h.
immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter gesprochen. Im
großen Wohnraum dieser kleinen Häuser arbeiten die Frauen an ihrer
Nähmaschine, die eine den ganzen Tag, andere nur am Nachmittag, wieder
andere bloß in den Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und
der Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die
Näherinnen, die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein
gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe
behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer schmutzigen
Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu steppen, ist deswegen ein
Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich richten sich die Frauen nach einem
festen Tagesprogramm, wonach sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden
hindurch an der Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten.
Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der Hausarbeiterinnen
und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und dieser Unterschied in der
Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl, mehr oder minder deutlich
hervor. Die Frauen haben es hier auch leichter, Ordnung zu halten, da sie
im Platz bei weitem nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den
kleinen Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die
Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die größeren
Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied der Geschlechter
wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo die teuren Wohnungspreise Familien
zum Halten von Schlafburschen treiben. Die Kinder sind durchweg blühend
und dick, sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit
den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum. Sie
werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen Städten mit
starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum immer in Anspruch
genommen, das Wäschewaschen wird zum Ereignis, das in regelmäßigen
Pausen wiederkehren muß, und wo infolge dessen mit der Wäsche gespart
wird.
Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf das
Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen das einfache Mahl
fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein halbes Stündchen legen,
neu gestärkt und in guter Stimmung geht er wieder zur Fabrik zurück, um
am Abend Erholung im reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich
nicht abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und
gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der Kinder, die
Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, -- ein friedliches
Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar kaum denken
kann.
Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens, er sieht in
den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die Ehe entstanden, in der
Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen und für das er arbeiten soll,
sondern er fühlt, daß er nach allen Schicksalsstürmen hier allein
geborgen ist, und daß die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit
ist.
Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf die
Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die Frauen selber
zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und Dienstmägde des Mannes
fühlen, sondern als Mitarbeiterin in der Familie.
Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß die Hausindustrie
unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns einen leichter zu
bearbeitenden Boden verbietet.
Die Frauen tragen dergestalt _viel_ dazu bei, daß Sittlichkeit und
Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den ganzen Tag in der
Fabrik arbeitenden Manne _das Gemüt erhalten_. Und wenn es auch tief
zu beklagen ist, daß sich diese armen Frauen nicht voll und ganz ihren
Pflichten als Gattin und Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im
eignen Hause arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den
Kindern zu weilen, doch ein unberechenbarer.
Vierzehntes Kapitel.
Stellenlos.
Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler kennzeichnet,
das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not, Verzweiflung und
Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom Elend stellenloser Lehrerinnen,
Gouvernanten und ähnlichen »besseren Dienstboten« gehört, vielfach
erfahren, daß stellenlose Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen
in die Arme des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und
heimatloser Dienstmädchen gehört -- aber sie alle repräsentieren noch
nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose Fabrikarbeiterin
entgegensieht.
Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder aus dem Munde meiner
Genossinnen erhalten; was ich mitteile, _habe ich selber erlebt, es deckt
sich mit dem, was mir die andern erzählten_.
Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt und mir so viel
Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell als Arbeiterin dieser oder
jener Branche auszugeben, machte ich mich auf den Weg »um Stellung zu
suchen«.
Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung, der dort
waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei Hefterin. Sie behandelte mich
von oben herab, nichts weniger, denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum
Antwort und frug mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis
ich Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr einer
Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich »Näheres«
erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür hinaus. Etwas
verblüfft setzte ich mich unten an einen der Tische; das große Lokal
glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen davon, daß an den Wänden
Sprüche standen, als da sind: »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und
beladen seid, ich will euch erquicken.«
»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«
»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das habt ihr mir
gethan.«
Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die Hoffnung, daß die
Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen Sprüchen handeln und mich
als der »Geringsten einer« mit Rat und Hülfe unterstützen würden.
Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden Kühle, die in
dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch ostentativ hingelegten
Bibeln Gebrauch zu machen.
Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit in
absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer Pfarrköchin
gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener und frug mich
sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle.
»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da kommen sollte.
»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte.
»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu nehmen,« entgegnete
sie, vollständig aus der frommen Tonart fallend und ganz »Dragoner«
werdend. Sie hätte mich jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen,
wenn ich nicht endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte.
Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte, wagte
ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse, für die ich
mich allenfalls melden könnte.
»Nu nee,« schnurrte sie.
»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,« wagte ich
schüchtern zu bemerken.
»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein wollen Sie sagen!
Aber jetzt haben wir nur Stellungen für Dienstmädchen, und auch die
bekommen erst die Mädchen, die hier in Logis sind.«
Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine religiöse
Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für Obdach- und
Stellenlose,« oder so ähnlich.
»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können wir nicht
Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen empfehlen.«
»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig.
Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse zweier
Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte.
Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische Mädchen
erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr Pfarrer für
»Arme« zu sprechen sei.
Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu empfangen; er
blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen, rieb sich die fetten
Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen nur ein salbungsvolles »So,
so« bereit.
Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es ist eine schwere
Zeit für _uns Fromme_ gekommen, wir sollen Stellungen besorgen und können
es doch nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir
nicht kennen. Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige
Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr Sie
beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird auch Sie
ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine Tochter, und sollten Sie
wieder eines guten Rates bedürftig sein, dann kommen Sie getrost zu mir,
ich schicke keinen Hülfesuchenden von meiner Schwelle.«
Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der die Armen
_nicht_ empfangen will, oder derjenige, der sie _so_ empfängt und
_unterstützt_ der größere Pharisäer? --
Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen aussehende
Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle Raum, in welchem
einige schmutzige Tische und ein paar wacklige Stühle standen, war von
Tabaksqualm erfüllt, daß man mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum
durchdringen konnte. Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend
aussehenden Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe
aß. Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise
zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30 Jahre zählen. Als sie
ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um fortzugehen, nahm ich
meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die eine am Ärmel und frug: »Wissen
Sie nicht, wo man Arbeit bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie
sich wieder hin, und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir
wollen eben zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?«
»Hefterin«, war meine Antwort.
Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren; nun hatte ich
leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte ihnen dann das Anerbieten,
gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen, worin sie einwilligten. Beide waren
seit cirka 14 Tagen stellenlos, die eine, weil die Fabrik keine Arbeit
mehr hatte, die andere, weil sie krank gewesen war.
Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur solche, in denen
ich noch nicht gearbeitet hatte.
In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues Personal nicht
angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement ging es uns schlechter;
wir hatten das Thor der Fabrik kaum passiert, als ein dicker Portier auf
uns zuschoß und uns anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts
nicht, raus, raus!« Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner
livreeartigen Kleidung.
»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine meiner
Begleiterinnen.
»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch schöner,
wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde. Macht, daß Ihr
fortkommt!«
Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und hoffnungslos, ich um
eine Erfahrung reicher.
In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt, daß wir keine
Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns jedoch grob behandelt hätte.
Aber wo wir auch hinkamen, hörten wir die gleiche Klage, es wurden eher
Arbeiterinnen entlassen, denn angenommen.
Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder, für die sie
sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die sie schon seit einer
Woche schuldig geblieben war, und wo man ihr bereits mit Zurückhaltung
ihrer Effekten gedroht hatte. Ich machte beiden den Vorschlag, uns um
Stellungen als Dienstmädchen zu bewerben; aber da kam ich schön an.
Lieber wollten beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in
Tyrannei begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in einer
geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und suchte eine
mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese Frau sollte unter
der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln.
Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen Mietskaserne; auf einem
Papierstreifen, der an der Zimmerthür klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe.
Ich klopfte an; nach einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte
wurde ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem wollen
Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später erfahren, daß das
die Antwort war, die man geben mußte, um Eintritt zu der Wahrsagerin
-- das war sie nämlich -- zu erhalten; durch Zufall hatte ich die Form
gewählt.
Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert, Heiligengebilde
hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte ein Christuskopf aus Gips.
Weiße Vorhänge, mit zierlichen roten Schleifen zusammengerafft, blühende
Blumen vor den Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer,
gaben dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur in
der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand.
Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die Thür und holte dann
ein Spiel Karten vor.
»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten deutend, »ich
wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.« Ihr »Ach so« klang
merkwürdig verändert, daß ich mir nicht klar werden konnte, ob es
Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken sollte. Sie sann eine Weile nach
und meinte dann:
»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld« zahlen?«
Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf den Tisch. Die
»Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst die zwei Mark zu sich!
Nach einer Weile sagte sie freundlichst: »Ja, mein gutes Kind, ich wüßte
schon Arbeit für Sie, aber da muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie
holte Papier heraus und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten
Hieroglyphen darauf; dann couvertierte und _versiegelte_ sie den Brief und
übergab ihn mir geheimnisvoll.
»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in der S.'schen Fabrik;
geben Sie ihm den Brief ab und warten Sie auf Antwort; aber passen Sie auf,
daß es keiner merkt.«
Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen und verschmitzt
aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht, und ihm den Brief
überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn nochmals und bemusterte mich
dann von Kopf zu Füßen.
»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der Frau M., die
Stelle sei lila!«