Ich merkte sofort, daß das »lila« sich auf irgend eine Gaunerei bezog,

allein ich spielte die freudig Hoffende und ging nochmals zu meiner

»Stellenbesorgerin«. Auf das »lila« hin, bewirtete sie mich mit einer

Tasse Kaffee und einer »Butterbemme« und rückte dann, während ich

tafelte, mit ihrem famosen Anerbieten heraus. _Ich sollte ihr, wenn ich

die Stellung erhielt, den ganzen Wochenlohn der ersten Woche geben und

dem Aufseher den der zweiten Woche._ Ich ging darauf ein und bezahlte

ihr vorläufig die Hälfte jenes ersten Wochenlohnes, den sie mit 3 Mark

berechnete. Als ich dann zum Aufseher zurückkam und ihm sagte, daß Alles

in Ordnung sei, teilte er mir das Nähere über die Art der Stellung mit.

Darnach sollte _ich täglich den großen Fabrikhof kehren, wofür ich

wöchentlich 2 Mark erhalten sollte_. Man denke sich in die Lage eines

armen, alleinstehenden und im Orte vollkommen fremden Mädchens (wofür

sie mich hielten), wenn es in den christlichen Hospizen solche liebevolle

Unterstützung findet, _wo_ muß es dann Rat und Hülfe suchen und finden,

wenn es in die Hände von Gaunern fällt? Es verwickelt sich so tief in die

Netze solcher Räuberinnen, daß es zuletzt selbst einsieht, daß es auf

anständige Art und durch anständigen Erwerb nicht los kommen kann, _es

muß sich prostituieren_. --

An jenem Tage besuchte ich noch ein »Café«, unter den Arbeiterinnen die

»Ruhehalle« spottweise genannt. Dort versammelte sich gewöhnlich das

arbeitscheue Gesindel und die stellenlose Armut. An dem Tage, an dem ich

das Lokal besuchte, fand ich nur fünf Gäste vor, drei Frauenspersonen

und zwei Männer. Der eine, ein Mann in mittleren Jahren, in hübschem,

hellgrauem Anzug, hohem Filzhut und braunen Glacéhandschuhen, schien

ein stellenloser Buchhalter zu sein; er aß mit Heißhunger eine Portion

elenden, übelriechenden Käse.

Der andere, ein junger Arbeiter mit ausgesprochener Banditen-Erscheinung,

saß vor einem Glase Schnaps und las ein sozialdemokratisches

Arbeiterblatt. Dann und wann stieß er wilde Flüche gegen die Regierung

und gegen die Gesetze aus, stampfte dazu mit dem Fuße und nahm einen

Schluck aus seinem Schnapsglas.

Zwei der Frauenspersonen saßen zusammen in der dunkelsten Ecke des Raumes,

beide arm aber sauber gekleidet, beide strickend. Sie waren jedenfalls

obdachlos und hatten vor dem strömenden Regen Schutz gesucht in jenem

Lokal. Man sah ihnen den Hunger am Gesicht an, und obgleich beide das

dreißigste Jahr schwerlich überschritten haben mochten, waren es doch

alte verblühte Frauen. Ich setzte mich zu den beiden, bestellte Kaffee

und stieß ab und zu einen tiefen Seufzer aus; als dies unberücksichtigt

blieb, holte ich aus meiner Tasche einige Münzen hervor, die ich vor mich

auf den Tisch legte und sorgenvoll zählte. »Na«, wandte ich mich dann an

die eine, »wissen Sie vielleicht, was ein Butterbrot kostet?«

»Sechs Pfennige«, murmelte sie tonlos.

»Dann langts noch«, meinte ich leichthin, »ich habe noch

siebenundzwanzig Pfennige.« Die Frauen sahen habgierig nach dem Gelde.

»Ja«, sagte die ältere, »wenn wir nur noch so viel hätten! Uns langts

nicht mal zu 'ner trockenen Bemme!«

»Sind Sie denn arbeitslos?« frug ich.

»Vier Wochen schon«, entgegnete sie. »Eine Schlafstelle habe ich auch

nicht mehr, meine Sachen hab' ich verkauft, denn ich mußte jede Nacht

zwanzig Pfennige im Schlafsaal zahlen; und man muß doch auch etwas essen,

wenns auch nur trockenes Brot ist, das Geld geht doch fort!«

»Was sind Sie denn«, frug ich, »und warum haben Sie keine Arbeit?«

»Wir sind Falzerinnen«, entgegnete nun die andere, »wir wurden

entlassen, weils nicht genug Arbeit gab; wir laufen den ganzen Tag nach

Arbeit rum, aber jetzt haben wir's aufgegeben, Arbeit finden wir doch

nicht und vom Herumlaufen bekommt man nur größeren Hunger. Ich hatte

eine Aufwartestelle auf acht Tage, aber dann fand der Herr eine jüngere,

hübschere, da hab' ich gehen müssen. Ich hab' alles versucht, um Arbeit

zu finden, aber man kommt in vier Wochen zu sehr herunter, wenn man jede

Nacht in einer anderen Herberge schlafen muß; man kann die Wäsche nicht

wechseln und sich kaum waschen, da will einen schließlich keiner!«

Die andere hatte einen ganz ähnlichen Roman zu erzählen, nur daß sie

noch hinzufügte: »Ich wart' noch ein paar Tage, wenn's dann nicht besser

wird, gehe ich zu den böhmischen Maurern, die nehmen einen mit in die

Schlafstelle und geben einem noch zwanzig Pfennige! Jetzt hab' ich noch

nicht den Mut dazu, denn 's ist doch nicht leicht, so »Eine« zu werden,

wenn man sich immer sein Brot ordentlich verdient hat. Aber schließlich

thut man's aus Verzweiflung; und ist das erste Mal überwunden, dann geht's

schon leichter.« Sie stützte ihren Kopf in die Hand und schien sich

durch ihre Mitteilsamkeit Mut zusprechen zu wollen zu ihrem schrecklichen

Vorhaben. Ich ließ jeder eine Portion des elenden Käses kommen, so

leid es mir that, ihnen nichts besseres geben zu können. Wären sie

mißtrauisch geworden, so hätte die Mitteilsamkeit schnell abgenommen.

Heute vielleicht treiben sich die beiden in der »Kaiserkrone« herum und

spielen die frechsten, weil sie die hungrigsten sind. --

Das sind die Früchte der Humanität, die lebenden Beweise für das

»segensreiche« Wirken jener »christlichen« Asyle für Obdachlose,

die wohl Geld genug haben, um eine Vorsteherin in schwarzer Seidenrobe zu

erhalten, aber nicht genug, um armen, verkommenen Stellenlosen einen Teller

Suppe zu reichen!

Ihr Heuchler und Pharisäer, was schmäht Ihr die wenigen ideal schönen

Stellen der Bibel durch Profanation, indem Ihr sie an _Eure_ Wände

schreibt?! Werft das Maskengewand von Euch und malt an Eure Wände:

»Hier werden Frömmler und Heuchler aufgenommen oder solche, die uns Geld

einbringen.«

Vielleicht würden dann die meisten, die sich als Ende des Liedes

der Prostitution in die Arme werfen, lieber das sanfte Antlitz der

scheinheiligen Frömmigkeit wählen! Die heuchlerische Frömmigkeit ist gar

oft ein Kapital, das gute Zinsen trägt! So kannte ich in Berlin mehrere

Fabrikarbeiterinnen, die, so oft sie stellenlos waren, mit »heiligem«

Eifer die Versammlungen der Methodisten besuchten, weil die wirklich

Frommen sie unterstützten und ihnen auch Arbeit verschafften; sobald die

Mädchen Verdienst gefunden hatten, ließen sie die braven Methodisten

brave Menschen sein.

Der Haß gegen die Geistlichen hat aber unter den Chemnitzer Arbeiterinnen

zu tief Wurzel gefaßt, als daß sie sich so leicht und schnell unter deren

Banner flüchten würden; die Geistlichen und jene »christlichen Vereine«

thun _zu wenig_, um sich dem offen gegen sie arbeitenden Haß auszusetzen,

_zu viel_, um die Mädchen heranzuziehen.

Die stellenlose Erzieherin kann immer noch eine Stelle als Kinder- oder

Stubenmädchen, als Bonne oder Schreiberin nehmen, ehe sie der Verzweiflung

in die Arme fällt. Die stellenlose Arbeiterin jedoch ist, findet sie nicht

bald wieder Beschäftigung, rettungslos verloren, mag es so oder so

kommen. Ihr ist die Möglichkeit benommen, irgend einen anderen Posten zu

bekleiden, selbst wenn sie außer ihrer Branche arbeiten will -- sie kann

es nicht! Sie ist einseitig und mechanisch für ihr Fach herangedrechselt

worden, sie hat sich in guten Zeiten um andere Arbeiten nicht bekümmert

und auch aus Zeitmangel nicht bekümmern können -- sehe sie nun, wie

sie durchkommt. Ob sie sich schändet, ob sie stiehlt, ob sie trügt,

sie fällt der Polizei eines Tages doch in die Hände, die sie, das

arbeitslose, aber _anständige_ Mädchen, so gern übersah.

Es giebt auch für jene armen Verlassenen keine andere Art der

Stellensuche, als die, von Haus zu Haus, von Fabrik zu Fabrik zu gehen und

um Arbeit zu bitten. Ein Mädchen, das im Elternhause lebt, kann diese Art

der unfreiwilligen Spaziergänge schon eine Zeitlang aushalten, es

findet immer wieder Obdach und die notdürftigste Nahrung; aber die

alleinstehenden Frauen haben nur zwei Wege, die sie ans Ziel führen:

_moralischer Tod_ oder _leiblicher Tod_!

Und es wird so bald nicht anders werden! So lange die Männer die Frauen

unterdrücken, so lange männliches Aufsichtspersonal in Fabriken die Macht

und das Recht hat, die Arbeiterinnen, die ihnen aus irgend welchen Gründen

nicht passen, zu entlassen, so lange die Frau in sich selber keinen

Schutz findet -- so lange wird alles beim Alten bleiben! Durch Liebe und

Menschenfreundlichkeit werden wir hier nicht durchdringen, hier gilt nur

energisches Handeln, gemeinsames Vorgehen _aller_ Frauen gegen die Gesetze,

die das Weib in seiner geistigen und moralischen Freiheit unterdrücken und

zu einem hülflosen und haltlosen Wesen machen, ohne ihm Hülfe und Halt

zu gewähren. Im deutschen Reiche sind gegen 130.000 verheiratete Frauen

in Fabriken und Fabrikateliers beschäftigt, die alle das gleiche elende

Dasein führen und von denen täglich eine Anzahl durch ihr Elend der

Prostitution in die Arme läuft!

An die Frauen aber wende ich mich hier ganz besonders, an alle edel

denkenden und edel handelnden Frauen, an alle Mütter und Töchter

geliebter Eltern, an alle die Glücklichen, die in Sitte und Wohlhabenheit

leben können! Vor allem aber _an alle die tausend und tausend Frauen,

die ihr Leben auf der Chaiselongue, den Hauptstraßen, in Theaterlogen,

Gesellschaften, Bällen und Konzerten verbringen, an jene weiblichen

»Blumen«, die Treibhaus- und Giftpflanzen unseres Geschlechtes_, an sie

wende ich mich mit dem Aufruf: Wacht auf aus Euerem jammervollen Dasein,

reißt Euch los von den vergiftenden Abenteuern der Boudoirs, aus der

ekelhaften, entnervenden Parfumatmosphäre, die Euch umgiebt, steigt hinab

in die Sphäre der Armut und der Arbeit, und seht Euch um, wie es dort

steht! Dann werdet Ihr vielleicht doch noch erkennen, daß Euere jetzige

Existenz schmachvoll ist, daß Ihr nicht über den Haremsfrauen steht und

daß die Gesetze Eueres Vaterlandes daran arbeiten, Euch festzuhalten

im geistigen Elend und in geistiger Knechtschaft! Vielleicht, daß

das Ehrgefühl, daß der göttliche Funke in Euch erwacht und Ihr

zusammentretet, um mit vereinten Kräften Euer Joch zu brechen! Dann kommt

sicherlich der Tag, wo die deutsche Frau zu anderen Frauen nicht mehr

hinauf-, sondern herabsehen kann! --

Fünfzehntes Kapitel.

Verschiedenes.

Ich will unter dem Titel »Verschiedenes« einige Beobachtungen, die

ich machte, wiedergeben, warne jedoch davor, diese Betrachtungen

als Durchschnittserscheinungen anzusehen; ich fand die nachfolgend

beschriebenen Fälle sehr häufig vor, schreibe sie aber nur dem Zufall zu.

Die einzige unter den angeführten Beobachtungen, die ich nicht dem Zufall

zuschreibe, sondern die ich als Folge der Überanstrengung in der

Arbeit betrachte, ist die enorm _häufig auftretende Kurzsichtigkeit der

Mädchen_. Speziell unter den Handarbeiterinnen tragen in jedem Saal eine

große Zahl der Arbeiterinnen Brillen, und zwar, wie ich mich überzeugt

habe, sehr scharfe Brillen. Ich glaube, daß der Grund zu diesem Übel in

den Wintertagen gelegt wird, wo die Mädchen bei ungenügender Beleuchtung

die feinen Nadeln einzufädeln haben und wo die Augen, durch die unruhig

blendende Farbe der Strümpfe, fortwährend zu Thränen gereizt werden.

Beinahe ebenso häufig als die Kurzsichtigen sind die Lahmen und Hinkenden

vertreten. Gleich am ersten Tage fiel mir dies auf; so manche der hübschen

Mädchen haben eine gebrochene Hüfte, die wenigsten tragen an einem

angeborenen Leiden. Ich führe dies darauf zurück, daß die meisten

Mütter jener Mädchen arme Fabrikarbeiterinnen waren, ihre Kinder nicht

beaufsichtigen konnten und diese sich auf der Straße durch Unglücksfälle

die Verkrüppelung zuzogen; die Mädchen, die ich darnach frug,

bestätigten mir meine Vermutungen.

Das Schrecklichste jedoch von allen derartigen Gebrechen und Verletzungen

trifft die verheirateten Frauen, und zwar diejenigen, die an den Formen

arbeiten. Wie ich in einem Kapitel schon erwähnte, werden die Strümpfe

über Holzformen gezogen, gegen die die Arbeiterin sich mit aller Kraft

stemmen muß. _Die Folge hiervon sind regelmäßig wiedereintretende

Fehlgeburten._ Ja, es teilten mir sogar einige im Vertrauen mit, daß

sie, sobald sie in schwangeren Zustand kommen, mit Vorliebe jene Arbeit

acceptieren, »um alles los zu werden«.

Neuerdings sollen die Fabrikanten aber nur die kräftigsten Mädchen

hierzu verwenden, jede Frau, die nicht vollkommen normal aussieht, wird

zurückgewiesen; ich glaube aber nicht, daß das Hülfe schaffen wird. Ich

befürchte eher, daß viele der Frauen ihren Zustand durch allerlei Künste

so lange als möglich zu verbergen trachten werden und das Unglück auf

diese Weise noch verschlimmern. --

_Leider_ sind die Mädchen größtenteils nicht naschhaft; ich sage

»leider«, weil die Naschhaftigkeit ein weit größeres Laster vertreiben

würde, das _des Essens von Kaffeebohnen_.

Es giebt Mädchen unter den Arbeiterinnen, vor denen man erschrickt, die

den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit weißer Gesichtsfarbe und

tiefliegenden Augen, wie wandelnde Leichen, die sich ruinieren und

elend machen um elender Kaffeebohnen willen. Solche Koffeïnsüchtigen

verbrauchen ihren halben Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils

einen ruinierten Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine

meiner Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte frischgebrannter

Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte sich nach

»neuen«. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen retten kann, denn

sie sind jeder Selbstbeherrschung und Energie bar, sie sind weit schwerer

zu kurieren, denn Cocaïnsüchtige. --

Im allgemeinen sind die Mädchen äußerst peinlich in ihren Sachen, sie

gehen nie mit zerrissenen Kleidungsstücken einher. So manche hatte einen

ganz verflickten Rock oder eine mit zweierlei Stoff ausgebesserte Taille

an, nur um nicht mit zerrissenen Sachen zur Fabrik zu kommen. Man sollte

glauben, daß diese Liebe zur Ordnung auch die Liebe zur Reinlichkeit

zeitigt; allein damit ist's, was den eignen Körper anbetrifft, nicht

von weit her. Sie kennen die Wohlthat des Bades nicht, höchstens aus den

heißen Sommertagen; im Winter scheint ihnen das Baden ein Ding des Luxus

zu sein, ja, _sogar eine Dummheit_! So sagte mir einmal die eine: »Ich

bade vom September bis zum nächsten Juni nicht mehr!«

Baden ist halbes Leben für jeden gesunden und normal arbeitenden Menschen.

Wie viel nötiger aber wird es für diejenigen, die in einer Atmosphäre

des Staubes und Schmutzes leben, in schlechtriechenden Betten und dumpfen

Kammern schlafen! So manche Krankheit der Arbeiterinnen entsteht ja durch

Unreinlichkeit!

In erster Linie würden städtische Armenbäder hier am Platze sein,

die Fabrikbesitzer müßten die Mädchen zweimal wöchentlich zum Bade

schicken, was die Mädchen vielleicht im Anfang mit Widerstreben, sehr bald

aber mit Freuden thun würden. --

Zum Schlusse will ich noch mein in einem vorhergehenden Kapitel gegebenes

Versprechen erfüllen, und jenem »liebenswürdigen« Buchhalter

ein Gedenkblatt sichern. Wie ich schon mitteilte, habe ich ihm seine

»Freundlichkeit« reichlich vergolten.

Der Besitzer der Fabrik hatte ihm, nachdem ich die Fabrik verlassen,

mitgeteilt, daß eine Dame als Arbeiterin daselbst gearbeitet hätte. Als

ich vom Besitzer Abschied nehmen wollte, empfing mich jener Buchhalter, der

Prokura für die Firma besaß, und bei den Besuchen zugegen war. Er nahm

meine Karte, las den Namen, sah mich an, lächelte, stammelte, stotterte,

wurde blutrot und bald bleich -- und verschwand plötzlich, ohne nochmals

zum Vorschein zu kommen! Ihn hatte eine Strafe getroffen, wie er sie

wohl nicht erwartet hatte! Ich hoffe, daß diese eine Lehre meinen

Nachfolgerinnen, d. h. den »echten« Arbeiterinnen, die er mit seiner

Huld wird beglücken wollen, zum Segen gereichen wird, denn ich bin der

Überzeugung, daß er auf einige Zeit genug haben wird, denn: »gebrannte

Kinder scheuen das Feuer!«

Schlußbetrachtungen.

Aus meinen in Vorstehendem Mitgeteilten wird man -- wenn man irgend einen

Funken göttlicher Nächstenliebe in der Brust trägt -- ersehen, daß die

Zustände unter der weiblichen Fabrikarbeiterschaft, und stehe es auch nur

mit derjenigen Sachsens dergestalt, unhaltbare sind, daß Änderung und

Abhülfe dringend Not thut. Aber diese Änderung wird nicht durch stille

Seufzer, durch mitleidiges Jammern oder durch Ströme im Verborgenen

geweinter Thränen herbeigeführt!

Zur Befreiung der Negersklaven entbrannten ganze Weltteile in erbittertem

Kampf, die kirchliche Reformation erschütterte alle europäischen Staaten!

_Soll Befreiung weißer weiblicher Sklaven möglich sein, so muß der

Kampf die Frauen aller Weltteile erfassen_; das weibliche Geschlecht muß

einmütig dastehen, fest und unerschütterlich, um die Freiheit kämpfend

und ringend, nicht aber sie als Gnadengeschenk erbittend. Die Frauen sollen

nicht erbitten, was ihr Recht ist, sie sollen fordern, kämpfen!

Wohl giebt es heute schon eine große Anzahl hervorragender Frauen, die in

Wort und That eintreten für ihre unglücklichen Mitschwestern, die deren

Erniedrigung und deren Elend zu lindern suchen! Aber was könnten jene thun

im Gegensatz zu der ungeheuren Zahl _der_ Frauen, die dahin vegetieren,

murrend und knirschend in ihrem Joch, aber zu feige, um es zu sprengen, um

sich die Hände wund zu reißen an den Ketten!

Kann man es dem Manne verdenken, daß er nicht helfend eintritt für ein

anderes Geschlecht, das scheinbar ruhig sein schmachvolles Los trägt? _An

den Frauen ist es, die Initiative zu ergreifen_, an denjenigen, die der

Sonnenschein des Hauses sind, die Liebe empfangen und Liebe spenden, an

ihnen ist es, ihre Mitschwestern wachzurütteln aus ihrer Verkommenheit!

Wir leben in einer Zeit, wo der Materialismus, die Selbstsucht und die

Begehrlichkeit in allen Schichten der Bevölkerung auf den Höhepunkt

gestiegen ist. In den unteren Kreisen gährt es, die Unzufriedenheit

zeitigt die krassesten Auswüchse -- der Tag der Frauenrebellion wird

kommen! Er wird kommen und er muß kommen! Aber, wenn er kommt, als

Ausgeburt überreizter Köpfe, wird er zur zügellosen Meuterei, wird er

dem Menschengeschlechte zum Verderben, nicht aber zum Segen gereichen! Dann

werden jene Frauen zu Megären werden, zu jenen Gestalten, wie sie uns die

französische Revolution brachte! Dann wird unser Geschlecht nicht gehoben,

sondern korrumpiert werden! --

Tretet darum ein, ihr Mitschwestern in die Aktion mit allen Mitteln, die

Euch zu Gebote stehen, arbeitet an der Hebung unseres Geschlechtes mit

vollen Kräften, denn wollt Ihr den Sieg, so dürft Ihr den Kampf nicht

scheuen!

Wirkt mit, es gilt hygienische Maßregeln in jene Kreise zu

tragen, veranstaltet Sammlungen, um Volksbäder, um Kochkurse, um

Belehrungsanstalten zu gründen, Ihr thut besser daran, als Strümpfe für

Negerkinder zu stricken! Nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder

Geist, kann Arbeitslust und Energie wohnen, und zur Gesundheit bedarf es

guter Nahrung, vernünftiger Lebensweise und der Reinlichkeit!

Tragt Aufklärung in die elenden Räume jener Beklagenswerten, die da

wohnen wie Tiere in einem Stall, aber Geld genug erübrigen, um nach der

Mode gekleidet zu gehen!

Wirkt mit gutem Beispiele, ihr oberen Zehntausend, und vergesset bei all

Eurem Wirken nicht, daß Ihr nicht aus Sport und Launen reformieren sollt,

sondern aus selbstloser Nächstenliebe, die nicht ruht und nicht rastet,

wenn sie Unglücklichen helfen kann!

Und Ihr könnt es, Ihr werdet es thun! Den hochgesinnten Frauen, die

vorangehen im Kampf für wahre Weiblichkeit und Weibeswürde, folgt langsam

aber stetig ein Haufe bisher Gleichgültiger. Wer einmal erwacht ist aus

dem Winterschlafe der Gleichgültigkeit für moralisches und körperliches

Wohlergehen Anderer, wer in den Reihen der Kämpferinnen für Weibeswürde

gestanden hat, der kehrt nimmer um, den erfaßt und hält die Ueberzeugung

fest, daß wir kämpfen müssen, um siegen zu können, und daß der Sieg

uns sicher ist, der dem Menschengeschlecht Segen bringen soll!

Druck von _H. Ginzel_, _Berlin_ =W.=, Yorkstraße 43.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,

einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie "Mietszins" -- "Mietzins,

"Roheit" -- "Rohheit", "Überzeugung" -- "Ueberzeugung", jedoch mit

folgenden Ausnahmen,

Seite 13:

im Original "was uns gerade erreichbar war"

geändert in "was uns gerade erreichbar war."

Seite 13:

im Original "Der Hauptkontigent hatte nichts weiter"

geändert in "Der Hauptkontingent hatte nichts weiter"

Seite 44:

im Original "wenn er sagt: Der Maßstab für die Kultur"

geändert in "wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur"

Seite 50:

im Original "Hier ist ein Feld, daß die Menschenliebe"

geändert in "Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe"

Seite 66:

im Original "auf Augenblicke fesseln jene auf Lebenszeit"

geändert in "auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit"

Seite 68:

im Original "sind ihnen ein Gräuel. sie meinen"

geändert in "sind ihnen ein Gräuel, sie meinen"

Seite 97:

im Original "drei Frauenspersonen und zwei Männner"

geändert in "drei Frauenspersonen und zwei Männer" ]

3½ Monate Fabrik-Arbeiterin · 第 7 / 7 段