Ich gab ihnen offen und ehrlich meine Anschauungen zum besten, wonach die

Bibel eine alte Chronik sei, mit ebenso viel rührend schönen, als für

den Menschenverstand schädlichen Stellen. Dies schien ihnen sehr zu

gefallen, denn während der Mittagspause kam ich an mehreren Gruppen von

Mädchen vorüber, die über das Thema diskutierten und sich zustimmend zu

meiner Äußerung verhielten.

Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom Wort des

Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie von einer

Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie halten eine Ehe ohne

kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim; einige meinten naiv: »Na,

dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet, dann können sie ja jeden

Tag auseinander.« Hier spricht aber nicht Religiosität aus dem Urteil,

_sondern das Festhalten an althergebrachten Sitten_.

Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine große Hochachtung

vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit höher, denn den Pfarrer,

schelten jene niemals Heuchlerinnen und Scheinheilige, wie sie es diesem

gegenüber thun. Ich glaube nach allem, daß die religiösen Schwestern die

einzigen sind, die unbegrenzte Macht über jene Mädchen erlangen könnten.

Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil bemerkt in

der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den Geistlichen. Wo jene zur

Krankenpflege oder aus anderen Motiven in Arbeiterfamilien verkehren, sind

sie freundlich, gütig, geduldig; ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein

neues Kleid oder einen etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz

am Pfarrhause vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten,

_um den Pfarrer zu ärgern_. Von _den selben_ weiß ich mit voller

Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem Hause

thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck wegließen, um

die Achtung der Schwester nicht einzubüßen.

_Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein glücklicher Beweis,

daß Frauen auf Frauen einwirken können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß

die Ansicht so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern Frau keine

Achtung habe, sondern sich nur der physischen Gewalt beuge, eine irrige

ist._

Elftes Kapitel.

Sozialdemokratie und Frauenfrage.

Es ist ein sonderbares Ding um die Sozialdemokratie der Arbeiterinnen!

»..... ich finde nicht die Spur

Von einem Geist, und alles ist Dressur!«

Wohl nannten sich fast alle Mädchen, mit denen ich zusammen war,

»Sozialdemokratinnen«, aber wenn man der Sache auf den Grund ging, so

waren sie es nur, weil ihre Väter, Brüder oder Schätze Sozialdemokraten

sind, _in ganz verschwindend seltenen Fällen aus Überzeugung_.

Diejenigen, die wirklich Kenntnis von den Lehren der Sozialdemokratie

besaßen, sind die verheirateten Frauen, die durch ihre Männer in den

Strudel der Agitation hineingezogen werden und auf diese Weise zuletzt

selber mitwirken. Sie sind, je nachdem _wie_ sie die sozialdemokratische

Richtung auffassen, entweder _umsichtig_ und _verhältnismäßig gebildet_

oder _roh und verkommen, aller menschlichen Gesetze spottend_.

Ich brachte die Rede wiederholt auf Bebels Buch: »Die Frau und der

Sozialismus«, _allein die wenigsten unter ihnen kannten es, sie hatten

kaum eine Ahnung von dessen Existenz. Sie wissen nichts von Verbesserung

des Frauenloses, von Zukunftsstaat und Zukunftsträumen, von Liebknecht und

den sozialdemokratischen Führern._

Ihre ganze Sozialdemokratie besteht darin, daß sie das Recht auf

Arbeit vertreten, daß sie mehr verdienen möchten und neidisch auf alle

Gutgestellten sind. Dieser »Neid auf Gutgestellte« umfaßt aber nur den

Kaufmannsstand, Fabrikbesitzer, Geschäftsleute, seltener Beamten; sie

sympathisieren mit Offiziersfrauen, von denen sie mit freundlichem Mitleid

sprechen.

»Ach,« hieß es da, »die armen Offiziersfrauen, die haben größtenteils

nur ein altes Kleid anzuziehen; das Geld langt zu nichts, sie können sich

nie richtig satt essen, weil sie Gesellschaften geben müssen.«

Es war dies kein ironisches Kritisieren, sondern aufrichtige Teilnahme für

jene Damen. Ich glaube, daß diese Ansicht durch Dienstmädchen verbreitet

worden ist, die in armen Offiziersfamilien gedient hatten, wo allerdings

Schmalhans recht oft Küchenmeister sein mag.

Die Mädchen haben auch nicht den geringsten Sinn für Tagesinteressen und

öffentliche Fragen; sie lesen wohl Zeitungen, aber nur die Lokalberichte

über Mordthaten; hatte die eine einen recht grausigen Mordfall in einer

Zeitung entdeckt, so brachte sie das Blatt mit zur Fabrik, las es laut vor,

die gräßlichsten Stellen laut betonend. Es wirkte äußerst komisch, als

einmal eines der Mädchen nach Beendigung der Lektüre ausrief: »_Aber war

das ein schöner Mord!_« Dabei standen ihr selber die Haare zu Berge.

Das Aufseherpersonal besteht durchwegs aus Sozialdemokraten; sie behandeln

die Arbeiterinnen durchaus nett und freundlich. Jedoch bemerkte ich, daß

mancher dieser Männer _die_ Mädchen bevorzugte, deren Väter oder

Brüder Gesinnungsgenossen von ihm waren, während er Töchter konservativ

gesinnter Väter oftmals ungerecht behandelte.

_Durch die bestehenden Verhältnisse werden die Mädchen zur

Sozialdemokratie getrieben; der Tag wird kommen, wo eine Arbeiterin

gleichbedeutend sein wird mit einer Sozialdemokratin._ Manche Mutter, die

in der Zeit ihrer Ehe Muße gefunden hatte, über sozialdemokratische Ideen

nachzudenken, kleidete ihre Töchter mit Vorliebe in rot, oder ließ sie,

wenn sie größer wurden, rote Hutgarnitur und rote Schleifen tragen; hier

artete die Liebe zur Sozialdemokratie in Fanatismus aus.

Am interessantesten waren die Dinge und Meinungen, die ich über den

deutschen Kaiser hörte; es wurde viel über ihn gesprochen, weil die

Mädchen in der Auffassung leben, daß in Berlin ein jeder von jedem

Schritt des Kaisers unterrichtet sei und ich doch »viel erzählen«

könne. Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um interne

Angelegenheiten des Kaiserlichen Familienlebens; sie wollten wissen,

_wie_ das Kaiserliche Paar zusammen lebt, wie viele Kleider und Hüte die

Kaiserin hat, ob die Prinzen gut erzogen seien und anderes.

Wir haben uns manche Stunde über dies Thema unterhalten, leider kann ich

hier aber auf die Einzelheiten nicht eingehen. In den Wohnungen hingen

allenthalben fürchterliche Öldruckbilder des sächsischen Regentenpaares,

aber nur höchst selten das Bild des Kaisers, _das der Kaiserin sah ich

nie_.

Die Mädchen scheinen auch keinen rechten Begriff von Majestätsbeleidigung

zu haben; ich erschrak oft, mit welcher Kühnheit sie allerlei Dinge

aussagten, die ihnen die Freiheit auf lange hätten rauben können.

Auch hier fand ich ganz konträre Punkte zu Göhres Ansicht, welcher sagt,

daß die Arbeiter sich vor Majestätsbeleidigungen hüten, weil keiner

dem andern traue, daß der Kaiser ihnen eine sympathische, volkstümliche

Gestalt sei.

Ich fand immer, _daß sie den deutschen Kaiser nicht als zu ihrer Heimath

zugehörig anerkennen_, daß er für sie ein fremder Herrscher ist, der

ihren König unterdrücken will, daß sie den Haß gegen die Preußen

auch auf den Kaiser übertragen. -- Die Landarbeiterinnen sind

durchwegs Sozialdemokratinnen mit bedeutend gründlicherer Kenntnis der

sozialdemokratischen Lehren, als ich sie bei allen Stadtmädchen fand.

Hier üben die Frauen auch Einfluß aus auf die politische Wahl der

Männer, hauptsächlich insofern, als Familienväter vieler Kinder

diejenigen wählen, die gegen die Kornzölle stimmen. Ich kannte eine

Arbeiterfamilie, die wöchentlich 81 Pfund Brot verzehrte; die Frau hetzte

beständig ihren Mann, »ja am nächsten Wahltage einen »besseren« zu

wählen, dann würde das Brot doch gewiß billiger.«

Der Hauptgroll aber richtete sich gegen die Bäcker, die, trotz

Zollermäßigung in den neuen Handelsverträgen, den Preis des Brotes nicht

herabsetzten. Bei Familien, die 81 Pfund Brot wöchentlich verzehren,

wäre eine Herabsetzung der Brotpreise natürlicher Weise von großer

Bedeutung für das Haushaltungsbudget. Sonst aber fand ich keinerlei

politische Ansicht bei den Frauen, weder Interessen, noch Verständnis

dafür.

Die Mädchen besuchen sehr selten sozialdemokratische Versammlungen, selbst

die verheirateten Frauen sind dort nicht oft gesehene Gäste. Ich

muß leider eingestehen, _daß die Arbeiterinnen überhaupt sehr wenig

Kenntnisse der öffentlichen Vorgänge besitzen, und auch gar kein

Interesse dafür zeigen_. --

Etwas besser stand es schon mit ihren Ansichten über die Frauenfrage. Nur

will ich hier gleich betonen, _daß sie keine Ahnung von der Agitation der

Kämpferinnen für Frauenrechte haben, daß sie unsere Forderungen nicht

kennen, weder von Frauenstudium noch Mädchengymnasien einen Begriff haben

und auch nicht erwarten, daß die Stellung der Frau je anders würde. Aus

diesen Gründen bedaure ich, daß die Sozialdemokratie unter den weiblichen

Arbeitern nicht tiefer eingedrungen ist, sie allein würde den Mädchen

Interesse an Bildung und Menschenrechten geben._ Ebenso lebhaft bedaure

ich, daß das Bebelsche Buch unter den Mädchen so wenig bekannt ist;

ich sage das, trotzdem die darin vertretenen Anschauungen nicht immer

die meinen sind; sie geben aber den unwissenden Arbeiterinnen wenigstens

Aufklärung über die Stellung der Frau im Leben und regen sie an zu

ernsterem Denken. Das wäre eine Vorarbeit zu unseren Bestrebungen.

Ich habe meine Gesinnungsgenossinnen so oft klagen hören, daß es tausend

und abertausend Frauen giebt, die keine Ahnung von dem Wirken von unserer

Seite haben; wir agitieren durch Wandervorträge und Zweigvereine, die wir

in allen Städten zu gründen suchen, allein stets kommt der Gewinn, den

uns diese Arbeit bringt, den oberen Kreisen zu gute. Ich glaube, daß

die meisten Damen es geradezu lächerlich finden würden, wenn man davon

spräche, den Arbeiterinnen Vorträge über die Frauenfrage zu halten. So

lange man die Thätigkeit aber auf seinesgleichen, auf gebildete Kreise

ausstreckt, auf Frauen, die der »guten Gesellschaft« angehören, _so

lange ist alles Wirken Spielerei_. Jedweder Baumeister baut lieber den

schlanken Turm der Kirche, denn im Schlamme des Grundwassers das Fundament

zu legen; aber wenn dieses nicht gelegt wird, dann stürzt der stolze Turm

zusammen.

Für die Mädchen der unteren Stände giebt es noch weniger Berufsarten,

als für die Töchter des Mittelstandes.

Wollen sie nicht dienen, so erwartet sie die Fabrikarbeit, und wollen sie

auch dieses nicht, dann harrt ihrer -- _die Prostitution_! Die Prostitution

ist der Ruin des Frauengeschlechtes, die Prostitution ist einer der

Hauptfaktoren, durch den eine »Frauenbewegung« entstanden ist. So lange

wir das immer dicker und üppiger werdende Reptil der Prostitution ruhig

wachsen lassen, nützt alle Arbeit nichts, sie bleibt fruchtlos. Und um die

Prostitution auf das allerniedrigste Maß zu beschränken, müssen wir in

erster Linie _die_ Mädchen haben und besser stellen, die das Heer jener

Jammergeschöpfe liefern.

Ein neuerer Schriftsteller sagt uns: »Wir fehlen schlimmer und

barbarischer, als jene Nationen, bei welchen dem Manne mehrere Frauen

erlaubt sind und welche die Frau rein als lebende Ware betrachten; denn bei

solchen Völkern werden die Frauen wenigstens mit Obdach, mit Nahrung und

Kleidung versorgt, sie werden verpflegt wie das Vieh. In einem solchen

System liegt Konsequenz. Allein in Deutschland werden die Frauen wie das

Vieh betrachtet, ohne daß wir nur wenigstens für sie sorgen, wie für das

Vieh. Wir nehmen den schlimmsten Teil der Barbarei und den schlimmsten Teil

der Civilisation und verarbeiten beide zu einem heterogenen Ganzen. Wir

erziehen unsere Frauen zur Abhängigkeit und lassen sie dann ohne irgend

jemand, von dem sie abhängen könnten. Sie haben niemand und nichts,

worauf sie sich stützen können, und so stürzen sie nieder.«

Ein anderer Schriftsteller sagt: »Darüber, daß die Löhne der weiblichen

Arbeiter zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse nicht ausreichen, herrscht

nur eine Stimme. Eine große Zahl von Arbeiterinnen arbeitet vom frühesten

Morgen bis in die späte Nacht hinein mit Aufopferung ihrer Gesundheit;

aber sie sind dennoch nicht im stande, sich so viel zu erarbeiten, um ihre

wichtigen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Was sollen diese beginnen,

um das herbeizuschaffen, was nötig ist, um den ihre Existenz bedrohenden

Abgang an ihrem Verdienst zu ersetzen? ... Wollten diese Armen tugendhaft

bleiben, so müßten sie einen so hohen Grad von moralischer Kraft

besitzen, der es ermöglichte, der langsamen Aufzehrung ihrer Lebenskräfte

ganz apathisch zusehen zu können. Da aber die Liebe zum Leben selbst

des Bettlers Brust so mächtig beseelt, daß er eher die Moral als seine

Existenz hinopfert, so kann es nicht überraschen, wenn auch diese so

hartbedrängten Mädchen ihre sozusagen unfreiwillige Preisgebung einer

sichern materiellen Vernichtung vorziehen. Was ist mehr zu beklagen, jene

sozialen Einrichtungen, durch die es so weit gekommen, daß die Löhne

der Arbeiterinnen deren Bedürfnisse nicht mehr decken, oder die

Charakterschwäche der Mädchen, die es nicht zuläßt, in ihren

Marterkammern langsam dahinzusiechen, um als Tugendheldinnen zu sterben?«

Sicherlich das erste! Die Prostitution ist das Werk der Männer, der

Gesetzesgeber, es sind ihre Prinzipien, die sich hier verkörpert finden,

es sind die Opfer ihres Egoismusses, die Opfer des =vae victis=!

Es ist eine anerkannte Thatsache, daß von einer eigentlichen Prostitution

in der Schweiz z. B. keine Rede sein kann, daß Heere von öffentlichen

Frauen, die die Straßen bevölkern, dort ein unbekanntes Ding sind. Und

merkwürdig, so hoch und so selbständig, wie die Schweizerin, steht keine

Frau Europas da; denn von der glücklichen Amerikanerin wollen wir hier

nicht reden. Aber die Herren Gegner wollen das nicht sehen, _sie sehen nur

das, was ihnen beliebt, das ist ihre Konsequenz_.

Fördern die Herren Fabrik-Ärzte vielleicht die »edle Weiblichkeit«,

sie, die die Mädchen oft in der schändlichsten Weise behandeln, und doch

in Todesangst den immer zahlreicher auftretenden Ärztinnen entgegensehen?

Eine unserer Hefterinnen, ein anständiges, nettes, 16jähriges Mädchen,

litt an Bleichsucht und allgemeiner Körperschwäche; sie war eines Tages

zum Kassenarzt gegangen, wohin ich sie begleitete. Ich wartete vor der

Hausthür auf sie; als sie zurückkam, weinte sie bitterlich, sie zitterte

an allen Gliedern vor Ärger und schluchzte: »Der Lump, zu dem gehe ich

nicht mehr!« Ich frug sie, was denn los sei. »Na,« meinte sie, »ich

sagte ihm, ich hätte öfters Schwindelanfälle und heftiges Erbrechen, und

da sagte er nur: »Na, ja, Sie sind schwanger, das wird vergehen, gehen Sie

nur wieder. Haben Sie _einen oder mehrere Schätze_?«

»Ich habe _keinen_,« hatte sie erwidert.

»Das sagt jede,« antwortete der Arzt, »schwanger sind Sie doch, 's ist

schon gut!«

Und ohne das tiefverletzte und gekränkte Mädchen zu untersuchen, entließ

er sie.

Und _das_ darf der »ritterliche Mann«, der »Beschützer des Weibes«

einer Vertreterin des »Humanen«, einer »Trägerin der Sittlichkeit«

sagen? Wer hilft hier dem Mädchen, wer rächt diese Beleidigung? Dem

vornehmen Fräulein, das in gleicher Lage zum gleichen Arzte käme und

bei dem diese Vermutung vielleicht berechtigt wäre, würde so etwas nicht

geboten; da würden freundliche Ratschläge und liebevolle Teilnahme auf

sie herabregnen. Weltbeherrscher, dein Name ist Geld!

Ich erzählte den Mädchen, daß in Berlin mehrere Frauenärztinnen mit

außerordentlichem Erfolg praktizieren und daß überall in den großen

Städten Medizinerinnen auftreten.

_Von dieser Thatsache waren alle entzückt!_

»Ach,« riefen mehrere, »dann würden wir uns, wenn wir nicht wohl

sind, nicht noch lange herumplagen, sondern gleich zur Doktorin gehen, da

brauchte man sich doch nicht Gemeinheiten sagen lassen!«

_Und das sagten Mädchen, die von Frauenstudium und von der Frauenbewegung

keine Ahnung haben._

Die Mädchen laufen sehr viel zur Hebamme, nur um dem peinlichen Fall zu

entgehen, den Arzt zu konsultieren; für allerlei kleine Beschwerden

und Übelstände holen sie den Rat der »weisen Frau« ein; diese macht

vorzügliche Geschäfte, sie hilft den Kranken durch kleine Volksmittel,

durch Massage und Wasser, und hat auf diese Weise immer zu thun, meist

zwar für Krankheiten, die mit ihrem wahren Berufe nichts gemein haben.

Natürlicher Weise entstehen sehr oft ernstliche Schäden durch diese

»Behandlungsweise«, die der Arzt dann wieder gut zu machen hat.

Auch hierin liegt wieder eine _tiefgehende Bestätigung, daß

Frauenärztinnen ein Ding der Notwendigkeit sind, eine natürliche

sittlich-notwendige Institution_.

Der Bildungsgang der Mädchen ist leider ein trauriger, sie lesen alle

ziemlich geläufig, allein die meisten können kaum mehr schreiben, und vor

allem, nicht Geschriebenes lesen.

Ich mußte den Krankenschein der einen einmal vorlesen, nachdem er in 10-12

Händen war und keine ihn entziffern konnte. Ich warf nur einen Blick

auf das Papier, auf dem in deutlichster und klarster Schrift stand: Wegen

Magenbeschwerden auf zwei Tage zu entlassen.

Von _der_ Zeit an, stand ich im Rufe großer Gelehrsamkeit, ich wurde mit

allerlei Fragen behelligt, ich sollte Briefe schreiben und Briefe vorlesen;

ich hätte es vielleicht noch weit gebracht, wenn nicht der Abschied vor

der Thür gestanden wäre. --

Ich glaube, daß das Feld für die Ärztin unter jenen Mädchen ein leicht

zu bebauendes ist, denn von Aberglauben, von Vorliebe für Besprecherinnen

und Blutstillerinnen habe ich nichts gefunden; es steckt mehr

natürlich-philosophische Anschauung in den Köpfen der Arbeiterinnen, als

man meinen sollte.

Und deshalb warne ich hier nochmals: Rennt nicht am Veilchen vorüber,

dessen Duft euch sicher ist, wenn ihr es findet, um einer Rose nachzujagen,

die sich, in der Nähe betrachtet, vielleicht als Heckenrose erzeigt!

Baut keine leichte Brücke über den tiefen Abgrund der Unwissenheit und

Immoralität, um hinüber zu gelangen in Blumengefilde; ihr müßt über

_jene_ Brücke immer wieder zurückgehen. Füllt aber den Abgrund mit

guter, fetter Erde, daß Blumen darauf sprießen und ihr darüber hinweg

wandelt in die duftende Blumenpracht hinein, kaum mehr dran denkend, was

einst hier für Grauen die Nacht bedeckte! --

Zwölftes Kapitel.

Vergnügungen.

Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu nennen? Nein,

ich finde, daß es passender und zutreffender wäre, wenn ich sagen würde:

Betäubungen, um das elende Leben der Woche zu vergessen, Betäubungen,

die stark narkotisch auf Sittlichkeit und Tugend, auf Menschenwürde und

Menschenehre wirken!

Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale, in denen

Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen Arbeiter-Lokalen

kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches und weibliches

Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem Tanzboden, sie gehen unter in der

Menge der Besucher, sie sind an nichts kenntlich.

Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem nicht jene

Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes; es gab sehr viele

gerade unter den Maschinenarbeiterinnen, die vom Tanz nicht viel wissen

wollten, die da sagen, daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre

Kräfte raube, ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem

nicht die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags vorher

nicht getanzt hatten.

Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise Abneigung

gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren.

Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht, meinem

Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die Fabrikarbeiterinnen viel

zugänglicher den Lehren gegen das Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle

besseren Mädchen.

Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große Vorliebe für

Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort ist der

Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl der verschiedensten Genüsse

finden, Carussel, Affentheater, Würfel-, Schlangen- und Zaubererbuden,

Tingeltangel und Messeresser.

Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in Kappel; es war

ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher Militärkapelle,

und am Nachmittag nur von ganz gutem Publikum besucht. Nach Beendigung

des Konzerts war Ball, bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen

anfing. Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern, die die

Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt, allein gekommene

Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«, Lieutenants in Civil,

=Commis-voyageur=, aber auch Dirnen in feinen Balltoiletten; ich halte das

Lokal überhaupt für kein solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren;

die Mädchen, die dort _allein_ verkehren, treiben einen ganz anderen

»Beruf.«

Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die »Kaiserkrone«,

ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel verkehrt. Der Tanzsaal

befindet sich im ersten Stockwerk eines düstern Gebäudes; in dem elenden

Stück Hof, den man zu passieren hat, um zur Treppe zu gelangen, steht

ein altes verschnapstes Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden

Kinderwagen, der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die

Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen Stufen;

die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein. Es ist kein Wunder, daß bei

Keilereien, die hier des öfteren vorkommen, stets einige der Streitenden

halb todt geschlagen werden, daß ein großer Teil mit Wunden »versehen«

heimkehrt. Auf der engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein

Flüchten unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut

wie verloren.

Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die »Kaiserkrone«

sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten sich durchwegs

mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten erklärten, »da gehen

anständige Mädels nicht hin«.

Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft meines

als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich dort cirka

40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste Auswurf der

Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil Soldatendirnen. Das männliche

Element bestand durchwegs aus Soldaten eines Infanterie-Regiments, die

wenigen Civilisten, die anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der

Dirnen zu sein.

Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen, gemeinen, jeder

Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier, Gesichter, die das Laster

verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer, deren oft elende Kleidung roch,

mit ungekämmtem Haar und einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren

muß. In der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie

die Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie vor

aller Augen die unsittlichsten Dinge.

Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes, des

grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen zur

Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren, sind überhaupt

keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen des öffentlichen

Lebens. Ich sah so manchen blühenden und hübschen jungen Soldaten,

den die schmutzigsten und teilweise verlumptesten Frauenzimmer, die alle

zwischen 30-40 Jahre sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange

bearbeiteten, bis er mit ihnen verschwand.

Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden, daß sie

derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen Morde Hunderter ruhig

zusehen.

Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando in die Kirche zu

führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um sie am Nachmittage dem

erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen? Was nützt es, daß der

Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung mit militärischer »Disciplin«

angehalten wird, wenn er am Nachmittage ungewarnt und unbehindert Elend,

Gift und Pestilenz holen darf?

3½ Monate Fabrik-Arbeiterin · 第 5 / 7 段