Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien auf eine »gute

Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen in einer Kammer

schlafen, um die geräumige und luftige Stube nicht mit Betten zu

verunstalten. So kommt es, daß das Mißverhältnis zwischen der Enge des

Raumes und der Anzahl seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die

Kinder in diesen Räumen verkommen _müssen_, daß die Erwachsenen keinen

erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter aufstehen,

denn sie sich Abends niedergelegt haben.

Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen Komfort,

ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit Konsole und allerlei

unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen, Gipsfiguren, Stehrahmen und

Truhen. Die Schlafkammer dagegen sah meist einer Trödelkammer ähnlich;

abgesehen von den elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen

widerwärtigen Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige

Wäsche der ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und

Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf einem

Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und Brot, daneben

Kämme und Seife und allerlei Denkbares und Undenkbares. _Ich habe bei

keiner der gewöhnlichen Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht

in der Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu eng ist_, sonst in

der Stube; aber hierzu entschließen sich die wenigsten gern.

Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter mit zwei

Töchtern _in einem Bett_, oder Vater und Mutter mit einem Kinde

und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett; auf die

Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen. Jungen schlafen

mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen Brüdern -- aber

natürlich, die Polizei kann nichts drein reden, denn es ist eben alles

»Familie«.

Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste Seite des

Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume schlafen; erst da, wo

Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten werden, fängt die grenzenlose

sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse an. Wohl hat die

Polizei das Halten von Schlafleuten beider Geschlechter verboten; aber dies

Verbot ist dehnbar, und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist,

so kann man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen.

Eine Witwe mit zwei Kindern z. B. bewohnte eine einzige große und ganz

hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern; Sopha, Konsolspiegel und

Wanduhr fehlten nicht. Oben im vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie

noch Zutritt in eine Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit

Balken und einem einzigen winzigen Fensterchen. _Hier schliefen die drei

Personen_, die Mutter in einem ordentlichen Bett, _das eine der Kinder in

einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden zwischen Kiste und Bett_.

Die Luft war hier entsetzlich, die Hitze unerträglich, wie in einem

Photographenatelier, _der Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg,

um die Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die Thür schließen

konnte. Währenddem stand das geräumige Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um

eine gute Stube zu haben._

Ähnliches habe ich _oft_ gesehen; das tollste jedoch an

»Familienwohnungen«, was ich sah, war die Behausung einer

Webereiarbeiterin; das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin

des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer, die

womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher beschriebene,

schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem Strohsack. Die

Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer auf einem Feldbett, in einem

ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen, eine 60jährige Sortiererin

und eine 15jährige Wäscherin. In dem Vorderzimmer, das man passieren

mußte, um in die Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem

Sopha ein Bruder der Tante und in einer #Hängematte# (!!!), die vom

Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser zahlte

wöchentlich 2 Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung, seinen Koffer mit

Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer zahlte 2,80 Mark,

jedoch _ohne Koffer_; ich habe mir nie erklären können, _wo_ diese Leute

ihre Sachen lassen.

Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine Wohnung von Stube

und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel war, schlief sie, in der

Stube lagen nächtlich vier Personen auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner

und zwei Fabriklehrlinge. Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht

vor ½9 Uhr abends einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um

½6 Uhr morgens verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß

die Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie dieselben

so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den Sonntag Vormittag

vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin, die dafür monatlich

3 Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr für Kundschaft und bekommt dann

Tantièmen.

Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande wohnten ganz

hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem jüngsten Kinde in einem

Zimmer, die übrigen Töchter in einer und die Söhne in der anderen

Kammer.

_Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in ihrem ganzen Wesen,

im Benehmen, wie in der Kleidung._ Die Schlafgängerinnen und jene, die in

erbärmlichen Klausen mit anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos

und körperlich schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die

bei den Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen, sind

gesitteter, manierlicher, reinlicher.

Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen »edlen

Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre und Sitte, als

Trägerin des Schönen, des Guten, der _Ideale_!« Es ist ein sonderbares

Ding um die Logik unserer männlichen Gegner! Sie weisen die Frau zurück,

wenn sie ins öffentliche Leben treten will, sie sagen ihr, um sie

einzulullen gar süße Worte von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem

unvergleichlichen, schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann

durch Verehrung und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu

widerlegen; ich sage einfach: _je mehr die Frau im Hause arbeitet, je mehr

sie Kinder gebiert und wäscht und kocht, je mehr isoliert sie sich vom

Mann, je mehr sucht er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie

ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet er sie_.

Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm Vorgehen konsequenter,

denn unsere Gegner; _wir_ legen uns Opfer auf, um für unsere Ideeen zu

wirken; _wir_ gründen Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime

für alleinstehende Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten

Mitteln.

Warum thun unsere Gegner nichts für _ihre_ Bestrebungen, _warum bauen sie

jenen Arbeiterinnen, die da verkommen in Unweiblichkeit und Unmoral_, warum

bauen sie ihnen nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit«

nicht gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen

Arbeiten« beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte«

bleiben?

_Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem Munde, nicht mit der That?

Warum sind wir unweibliche Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und

Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den Armen verschaffen?_

Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes Vergnügen

ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen _sie_ nicht die Wohnungen der

Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen vorzuleuchten als Muster

tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte und geliebte Gattin« eines sie

hochschätzenden Gatten? _Wir_ unweiblichen Geschöpfe können das doch

nicht!

Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«, die

»sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«, warum tragen sie nicht Hygiene,

Lehren zur Erziehung der Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen

jener Unwissenden?

Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie Sache der

Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht?

Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik! --

Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich während fünf

Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf, Trepp ab, in allen Teilen von

Chemnitz, auf Wohnungs- resp. Schlafstellensuche gewesen.

Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die sich »mit

Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volke abwenden«,

raten, doch auch einmal solch eine Wanderung anzutreten; vielleicht daß

sie ihr parfümiertes Taschentuch dann öfters gebrauchen werden, um ihren

aristokratisch-weiblichen »Ekel« zu verbergen.

Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da gesehen, in

meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von Anfang bis zu Ende

erzählen, dabei aber nur die besten und die schlechtesten Schlafstellen

berücksichtigen.

Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein Inserat

erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde Arbeiterin eine

Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich erhielt, trugen auf

einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße und Hausnummer; von den 17

Antworten, die auf mein Gesuch einliefen, waren nur zwei ausführlich, und

die will ich hier wortgetreu wiedergeben:

1.

Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im driten

stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben und eine

schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um sie anzusehn,

das der preis ist 2 Mark für die Woche mit dem kafee und wäsche

können sie hir waschen. Mannsleute haben wier nich in der wohnung

allens für uns allein. Es grüßt sie

Frau .......

2.

Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist mit einem

hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich nicht leide, weil ich

mit meine Frau und Kindern drin schlafe. Ich hab ihr gekündigt Sie

können kommen, es kostet 1,50 für 7 Tage und eine kaffeschänke ist

nebenan, ein früstük kostet 10 fennige.

Alexander ........

Maschinist.

Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war wirklich

gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle befand sich

im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen Hütte, die jedenfalls

bald abgerissen werden mußte; der kellerartige Raum hatte steinernen

Fußboden und ungetünchte Wände. Unmittelbar über dem verhältnismäßig

guten Bett hing ein Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte

mich feindselig an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des

Raumes streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der Frau

und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die vier Jungen und der

Vater des Mannes schliefen im Vorraum. Das Ganze war noch nicht eins der

schlimmsten Logis, denn die Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die

fünf Kinder sahen nett und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen

guten, wenn auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus,

daß ihnen 2 Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden. So

mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte; sie haben

mich aber nie wiedergesehen.

Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück zu

der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen

Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich passieren mußte,

ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von gellenden Weiberstimmen.

Windeln und elende Frauenunterkleider hingen zum Trocknen vor jedem

Fenster, ein entsetzlicher Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus.

Es war gerade Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben

zurück, einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte

an _die_ Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei

tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür auf, im

Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was ich wollte, ich trat

ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein, viereckig, an den Wänden

standen drei Betten, in der Mitte des Zimmers ein Tisch, an dem fünf

Männer saßen, die aus einer gemeinsamen großen Blechschüssel

löffelten. Wohin ich blickte, lagen, standen, saßen und schliefen Kinder,

Kinder in allen Größen, Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das

andere.

_Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann, Frau und zehn Kindern zu

schlafen, von denen das älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes

alt sein konnte_; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine

mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen.

Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich schon als die

Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten suchten sie mich

zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger war, bot einen ekelerregenden

Anblick, wie sie mit kurzem Rock, Nachtjacke und bloßen Füßen ein

zustimmendes, freches Gejohle ausstieß, so oft einer der Männer eine

recht gemeine Zote ausließ. Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der

Schlafstelle einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten

Moment, um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum ersten

Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten bei meinem Manne

anlangte, der mich überall hin in angemessener Entfernung begleitete; ich

glaubte unter jenem Gesindel beinahe einer Hülfe zu bedürfen.

Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl Schlafstellen, teils

in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen oder in Zimmern, bevölkert von

4-10 Personen, die mehr oder minder vertiert waren, und wo speziell die

Frauen Unglaubliches an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der

Schlafstellen variierten zwischen 1-3 Mark wöchentlich, inklusive Kaffee.

Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett und Stuhl,

in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und wenden konnte, die aber

reinlich und nett aussahen; blühende Blumen vor dem Fenster, weiße

Vorhänge, kleine Bildchen und Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas

anmutendes. Solch ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8 Mark monatlich;

meist wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die es

vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer, Schutzleute

und Aufseher; man sah dem ganzen Heim das Walten des früheren

Dienstmädchens aus feinen Häusern an, das gewohnt war, Ordnung zu halten.

Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen gewesen ist

und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit, Ordnung,

Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher Kreise; Schlafstellen

vergaben diese Familien in den seltensten Fällen.

Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten.

In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße, von

wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir eine Frau die zu

vermietende Schlafstelle, die 1 Mark pro Woche kosten sollte.

Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in den dunklen

Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein; sobald sich meine Augen

an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß eine Kommode in dem Raume

stand.

»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen.

»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die wird am Abend

ausgezogen bis in den Korridor hinein!«

Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im dunklen Wandschrank,

die übrigen Körperteile schliefen im Korridor. Es war zu naiv köstlich,

ich konnte mich des Lachens kaum erwehren.

Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer; und wenn

auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem Gang hatten, so konnte

man immerhin nicht wissen, wer da alles aus- und einging.

Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen solch einen

Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals im Glauben gelassen,

daß ich mieten wolle), sagte sie wütend spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren

Schatz im Hotel empfangen wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer

Schlafstelle suchen!« --

Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein Wunder zu nennen

wäre, wenn die Mädchen, die in solchen Räumen wohnen und schlafen,

sittlich und moralisch wären. Vom frühesten Kindesalter an wird das

Schamgefühl in der jungen Seele systematisch zu grunde gerichtet, der

Geschlechtsunterschied nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute

schlafen mit Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder zur

Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen.

Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind, Scenen, die nicht

mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind.

Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn Männer und

Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie glauben, oder, was mir

richtiger scheint, _sie wollen glauben_, daß dann jedes Schamgefühl im

Mädchen ersterbe, _ersterben müsse_, trotz der hohen Bildung, die es

erhalten, und die immer ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich

möchte sagen: _Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!_

Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige Zusammensein und

Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung ein unbekannter Begriff und der

Mensch eher zum Laster geneigt ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen?

Hier wird das Zusammensein der beiden Geschlechter verhängnisvoll, _weil

sie hier keine gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier nichts

zusammenführt, denn Sinnlichkeit_!

Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß sie mit

keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren kann, schützt die

_akademische Bildung, die Erziehung unter Ägide einer echt weiblichen

Mutter_ die jungen Männer so wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die

»edle Weiblichkeit« erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung

geschlechtlicher Ausschweifungen?

Gewiss, wenn man die jungen Herren Corpsstudenten, die in Zucht und Sitte

bis zum 20. Jahre zu Hause aufgewachsen sind, mit den vom 14. Jahre an

oft elternlosen, immer aber ihr Brot allein verdienenden Fabrikarbeitern

vergleicht, so sind diese tausendmal moralischer und tausendmal weniger

verdammenswert!

Und mit den jungen Mädchen der höheren Stände, die nie von Mutters

Schürze wegkommen, ist es noch viel schlimmer.

Jene Fabrikmädchen, die da in erbärmlicher Wohnung vegetieren, die

sich ihr Brot bitter schwer erwerben müssen, die nichts denn Rohheit

und Verkommenheit bei ihrer Umgebung sehen, denen niemand von den

»hohen Zielen« der Frau »als Hüterin der Ideale« spricht, sind zu

entschuldigen, wenn sie nichts Höheres kennen, als die Befriedigung

tierischer Triebe, die Sucht, ihr elendes Dasein in traurigen Vergnügungen

zu ertränken.

Sie kennen kaum den Begriff der sorgenden Elternliebe, des

Dornröschendaseins, das alles wie durch Zauberhände, in Wirklichkeit

aber durch das Portemonnaie der Eltern, vorgelegt bekommt, das die kleinen

Hände nur zu feinen, niedlichen Arbeiten =vulgo= Spielereien hat, das von

Vergnügen zu Vergnügen jagt, genau mit denselben unsittlichen Gedanken

im »jungfräulichen« Herzen, wie die Arbeiterin sie -- natürlicher und

deswegen moralischer -- dem Schatz gegenüber empfindet.

Spekulieren sie nicht ebenso auf die Sinnlichkeit der Männer, jene

ehrbaren Töchter, die mit entblößten Armen, Nacken und Schultern zum

Balle eilen, wie jede Straßendirne? Diese will den Mann auf Augenblicke

fesseln, jene auf Lebenszeit, der Unterschied ist gering.

Die Fabrikmädchen _lassen sich_ verführen ohne geschminkte Heuchelei, die

feinen Dämchen aber _verführen selber_, d. h. sie reizen den Mann durch

Ball- und Toilettenkünste bis zu einem gewissen Grad; wenn sie wissen,

daß er ins Netz rennt, ziehen sie sich ins Schneckenhaus zurück und

spielen das »keusche Gretchen«.

Sagen das die vielen »Gedankensplitter« und »Goldkörner« nicht

hinreichend deutlich, die sich alle darauf beziehen, die heutige deutsche

Frau in »origineller« Weise zu besingen? Ich wähle hier einige Aperçus

des Dichters Georg von Schulpe, die augenblicklich in den »Salons«

beliebte Ware sind.

»Die tausend feinen Fäden der Coquetterie, mit denen ein schönes Weib

die Männer umgarnt, können sich leicht in eherne Fesseln verwandeln.«

»Die Sirenen der antiken Sage suchten ihre Männer durch ihren Gesang, die

Zaubermacht ihrer Stimme zu bestricken, die modernen Sirenen vermögen

dies durch ein beredtes Schweigen, einen vielsagenden Blick ihrer Augen zu

erzielen.«

»Die Eitelkeit ist die gefährlichste Krankheit der Frauen, ihre Krisis

ist die Gefallsucht, ihr Ende zumeist der sittliche Tod.«

»Ist eine Frau gefallsüchtig, so fällt sie auch in den meisten

Fällen.«

»Liebe und Eitelkeit sind die Gottheiten der Frauen, doch oft opfern sie

ihre Liebe der Eitelkeit zuliebe.«

»Am Weibe ist alles Zweck und Berechnung, und doch fällt es so manchmal

aus seiner Rolle, und gerade diese unberechnete Berechnung ist's, die ihm

den höchsten Zauber verleiht.«

»Die Frauen haben einen scharfen Blick, die Männer zu durchschauen und

eine geschickte Hand, sie einzufädeln.« --

Der Dichter dieser »schönen« Sprüche hat seine Modelle dazu doch

jedenfalls aus den _feinen Kreisen_ genommen. Wie müßten jene Frauen, die

bei gutem Familienleben so verkommen können, wie die modernen Dichter sie

uns schildern, erst werden, wenn sie durch Schicksalsschläge in die Lage

der Fabrikmädchen kämen? --

Zehntes Kapitel.

Religion.

Mit der Religion standen die Arbeiterinnen auf sehr gespanntem Fuße.

Pfaffen, Kirche und Beten sind ihnen ein Gräuel, sie meinen, _wer viel

betet und in die Kirche läuft, muß ein schlechtes Gewissen haben_. Es ist

auch seltsam, daß sie den Geiz stets mit der Frömmigkeit in Zusammenhang

bringen und den Wahn haben, wer fromm sei, müsse geizig und wer geizig,

fromm sein. _Sie glauben wohl an Gott, aber als an ein notwendiges Uebel.

Es ist dasselbe Verhältnis, wie zu ihrem Schullehrer, sie fürchten Gott,

aber sie glauben sich ihm entzogen, wenn sie einmal konfirmiert sind._ Bis

zur Konfirmation hüten sie sich vor dem Bösen, ich glaube, sie würden

sich vor einem Diebstahl fürchten; nach der Konfirmation aber ist alles

wie weggeweht, sie fluchen und lästern Gott und kichern im Hintergrunde:

»Ha, Du wütender Gott, was willst Du thun, wir sind konfirmiert, Du hast

uns nichts mehr zu sagen!«

_Das Benehmen der Geistlichen selber ist aber größtenteils Schuld an

diesen Zuständen._ Ich habe in Familien verkehrt, wo konfirmierte und

nichtkonfirmierte Töchter vorhanden waren. Wenn der Prediger die Familie

besuchte, was allerdings sehr selten vorkam, so verkehrte er freundlich und

»väterlich« mit den jüngeren, salbungsvoll predigend mit den großen

Mädchen. Er tadelte, wenn sie noch so anständig waren, alles an ihnen,

ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Benehmen, ja, selbst ihr Gesicht. So

hörte ich ihn einmal in einer Familie, wo die 16jährige Tochter einen

durchaus tadellosen Lebenswandel führte, zu derselben sagen: »Ja, mein

Kind, Du bist hübsch und blühend nach außen, aber häßlich und trocken

im Innern. Der Herr aber sieht nur ins Herz, ihm wäre es wohlgefälliger,

wenn Du, statt Dir Stirnlocken zu drehen, Deine Seele vom Erdenschmutze

rein hieltest!«

Das Mädchen war tief empört, es schmähte den Pfarrer und die Kirche

und räsonnierte sehr richtig: »Der sieht auch nur den Splitter in unserm

Auge, nicht aber den Balken im Auge seiner Tochter.«

Ich hörte überhaupt öfters Aussprüche, wie:

»Na, wenn Gott gütig und barmherzig ist, warum hat er dann Freude daran,

daß Tausende armer Bettler leiden, daß im Winter so viele verhungern und

erfrieren, daß es so viel grausig verkrüppelte Menschen giebt?«

Oder: »Wenn Christus ein uneheliches Kind der Maria war, warum schmäht

man uns, wenn wir ein Kind haben, ohne verheiratet zu sein?«

Am meisten spotteten sie über das biblische »Wen der Herr lieb hat,

den züchtigt er!« Sie wollten lieber von Gott gehaßt werden, denn

Schicksalsschläge als Beweise der göttlichen Liebe annehmen.

Wir sprachen auch manchmal über die Bibel; ich wurde dann eifrigst

befragt, ob die Berliner viel in der Bibel lesen, die wären doch so

schlau, die wüßten schon, was an der Bibel sei.

3½ Monate Fabrik-Arbeiterin · 第 4 / 7 段