Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten Tage vor ihrer

Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft und bei schwerer Arbeit;

eine normal gesunde Frau setzt hier täglich -- in Anbetracht der elenden

Nahrung -- einen Teil ihrer Lebenskraft zu; _wo soll da eine Frau Kraft und

Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das womöglich das sechste oder

achte der Reihenfolge ist?_

Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige Zeit von

3-4 Jahren dazwischen liegt, _pflegen_ sich die Arbeiterfrauen, d. h. sie

besuchen nicht die Fabrik, gehen an die Luft und bringen infolge dessen ein

kräftigeres und intelligenteres Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust

reichen, sie können es pflegen und hüten und ihm wirklich _Mutter_ sein.

Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die Not leise

in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht mehr alle, die

Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein weiteres Menschenkind zu

erwarten ist. Die allgemeine Nahrung wird, je reichlicher sie sein muß,

je schlechter, an Säugen des Weltbürgers kann die Frau nicht denken,

sie muß, kaum genesen, von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der

Säugling liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im Munde,

während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder auf der Straße

ihre »Erziehung« finden. _Zwei auch drei Kinder können jene unteren

Klassen pflegen und erziehen, was darüber ist, liefert in den weitaus

meisten Fällen Proletariat und Dummköpfe._

Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind, die der

vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege stehen. _Oder

halten sie es vielleicht für sittlicher, bei Geburt eines Kindes

die Hoffnung auszusprechen, daß es nicht lange lebe, daß es durch

erbärmliche Pflege thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt,

als daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die mit Freuden

begrüßt und gut gezogen werden?_

Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen, die da

behaupten, _die Frau sei zur Gattin und Mutter bestimmt und gehöre ins

Haus, sie könne nur so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum

sorgen diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen ihre

»natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen können und

in ihren vier Wänden bleiben, statt die unnatürliche, schwere

Maschinenarbeit zu verrichten?_

Oder haben die Frauen nur dann _natürliche Pflichten als Gattin und

Mutter, wenn sie befähigt sind, den Männern Konkurrenz zu machen_?

Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen« Pflichten

zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz jener weisen,

menschenfreundlichen Gegner nicht dazu?

Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und Unterdrückung

für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat macht, _warum

hilft dieser Staat_ der Frau nicht bei Ausübung ihrer »natürlichen«

Pflichten?

Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den Gesetzen, die die Frau

unterjochen, passen dürfte: »=Ne vous inquiétez en rien des murmures de

la femme, de ses cris, de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage

et pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de l'homme.=«

Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme, wenn er sagt:

»Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die Stellung, welche die

Frau daselbst einnimmt.« _Wie muß aber dann der deutsche Kulturzustand

sein?_ --

Ich habe übrigens bei _vielen_ Mädchen in der Fabrik den Ausspruch

gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel Kinder zu

bekommen.

_Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen die Einzigen, die

vernünftigere Kinderproduktion kennen_; in deren Haushaltungen herrscht

auch durchwegs bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem

innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen mit den Männern

vor den Hausthüren und unterhalten sich über politische und andere

Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen Männer vielfach

die Kneipen aufsuchen und die Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind

die Kinder der Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter.

In diesen Schichten, d. h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue ein

unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein Beispiel

nehmen.

Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die Mutter; jene sind auch

liebevoller mit ihnen als die Mutter, die sie den ganzen Tag um sich hat

und oft die Geduld verliert. Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und

Kinder; das Wirtshauslaufen des Bürgerstandes z. B. wird vom Arbeiter

nicht stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer

Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen am Abend

schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren oder ledigen

Arbeitern.

Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik; die Wohnung

wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des Mannes, nicht der Frau

gewählt.

Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis für die

»körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das in Strapazen

_das_ aushalten kann, was, wie es scheint, für den Mann zu viel wäre.

Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie kaufen Wäsche

und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder ein oder nur ein bis

zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie zahlen die Schulden

ab, fangen dann mit dem Sparen an und können einem gesicherten Alter

entgegensehen. Wo natürlich jedes Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird,

vergrößern sich die Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich

heimlich verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte

Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten. Die

Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen aufs Heiraten

als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß es ihnen in der Ehe

größtenteils schlechter, selten aber besser geht. Sie sind mit ihrem

Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als sie als Frau werden

arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame, geduldige Schatz in Gestalt

eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt.

Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein Mittel

unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die sich das

Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein _Heiratsgesuch_

in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind _die Witwen für das

»Heiraten durch die Presse« sehr eingenommen_.

Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche Kinder verschiedener

Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb sie kinderlos. Mann und

Frau pflegten die absonderlichen »Geschwister« rührend, es hätte keiner

geahnt, daß der Mann von keinem der Vater war.

Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich da, wo

eheliche Kinder vorhanden. --

Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen Kreisen für

sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise, wo die Frau

Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines Stammhalters sein muß,

_weiter aber auch nichts_. --

Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt, so kann sie

meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und walten. Sie ist vom Manne

weniger unterjocht, als die Frau des Kleinbürgers, die sich oft keinen

Weg erlaubt, ohne den Mann um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie

überall in Europa den Frauen gegenüber, das Motto: =Vae victis!=

Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten Familien, wo mehr

als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu finden ist; man könnte

hier beinahe die These aufstellen, daß die Frauen dieser Kreise

durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt bringen können, ehe ihre

Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen sind, ein Triumph für den

Philosophen Eduard von Hartmann, der da behauptet, _die ganze Frauenfrage

sei gelöst, wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil sie dann

schneller sterben, und einer andern zur Ehe Platz machen würden_. _Er

hat Recht_; würden die Frauen im _allgemeinen_ so viel Kinder zur Welt

bringen, als sie, unbekümmert um die Qualität derselben, gebären

könnten, so würden sie schneller sterben. -- _Gott sei Dank, daß es

aber noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht Sklavinnen,

sondern Herrinnen ihres Körpers sind!_

Siebentes Kapitel.

Die Stellung des Mädchens.

Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung, verglichen mit

den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn es erfreut sich eines

Gutes, das jene nicht besitzt: _der Freiheit_.

Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14. Jahre selbst verdienen, sind

wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr regelmäßiges Kostgeld,

das für die Eltern meist mit kleinem Gewinn verbunden ist, und leben im

übrigen unbekümmert um diese.

Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen der Wäsche,

beim Reinigen der Zimmer u. s. w.; allein das sind die ganz gutmütigen

oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen leben.

Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese Selbständigkeit

Schaden an Körper und Seele genommen hätten, _wenigstens nicht mehr, als

es auch unter Egide der Eltern geschehen wäre_. Ich fand, daß dadurch

die Energie und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich

selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig

und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter sitzenden »besseren«

Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet wird.

Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht auch noch ein Heer

von Dornröschen findet, die von Rosenduft und Morgentau zu leben glauben,

deren einzige Arbeit spinnwebenartige Stickereien sind, und die da von

dem Bedauernswerten, der sie in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er

ihren Fuß auf Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage

auf seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu

erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil, sie fassen

die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit ihrer Mädchenzeit

auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor Augen. Ich kannte mehrere,

deren Schätze sie jederzeit geheiratet hätten, gutgestellte, fleißige

Mädchen mit 12 Mark Wochenlohn. »Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu

jung zum Heiraten, wir warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit

kommt man früh genug.«

Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches Mädchen

vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber machte ich sie darauf

aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese Weise untreu würde.

»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann wäre er so

wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon wieder einen anderen.«

Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame« wirklich auf

ihr Mädchen warten und 8-10 Jahre lang »verlobt« bleiben; sehr viele

unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon seit ihrem 16. Jahre

denselben Schatz, heiraten aber wollten sie immer noch nicht.

Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend; die

Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren fast durchwegs am Magen,

auf fünf kommen immer vier, die am chronischen Magenkatarrh, Beschwerden,

immerwährende Verstopfung und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich

vor, daß die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde,

um zum Arzt zu gehen.

Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und magenkrank;

dafür altern sie aber -- wahrscheinlich durch die angestrengte Thätigkeit

-- sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist schmutzig grau, ihr Gang schlaff

und müde, fast durchweg sind sie sehr mager, während ich bei den Strumpf-

und Handschuharbeiterinnen wahre Monstra an Beleibtheit fand.

Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen Ausbildung

der Mädchen aus; _sie haben davon meist keinen Begriff_. Wenn die Mädchen

heiraten, so treten sie in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne

die geringsten Vorkenntnisse _der gerade in diesen Kreisen so notwendigen

hauswirtschaftlichen Kenntnisse_; in allen andern Schichten der

Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd ihre Unkenntnis ersetzen,

oder sie braucht nicht _derart_ mit dem Pfennige zu rechnen und kann eher

einmal etwas verderben. _In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen

Familie von der Frau ab_, denn da wird der Vers zur vollsten Wahrheit

»..... Ist der Mann auch noch so fleißig Und die Frau ist liederlich,

Geht die Wirtschaft hinter sich.«

_Die praktische und sittliche Forderung aber richtet sich an die vorbauende

und rettende Wohlthätigkeit_: Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe

nimmer fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde, es

erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, _es ist eine Arbeit,

die dem Staat zu gute kommt, es ist ein Wirken für die Nation_.

_Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je nach der Art, wie sie

betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen oder Untergang._ Wenn wir

dem Arbeiterstande tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die

moralische Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres Glied

der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der Seite einer

schlechten Frau werden könnte.

Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen,

von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen; aber alle diese

Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch nicht das Gewünschte,

erfüllen noch nicht voll und ganz ihren Zweck. So lange die Mädchen

zum Besuch einer solchen Anstalt gezwungen werden, können wir nicht

segensreich wirken; _wir müssen vorerst moralisch auf die Mädchen

einwirken, wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie

selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung schaffen durch

hauswirtschaftliche Kenntnisse_.

Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen, die Kämpferinnen

für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür eintreten, sie sind die

Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise.

Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend hervorheben, es

würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher gehören. Aber ehe ich

dies Kapitel schließe, möchte ich noch einmal die dringende Bitte an alle

edlen Menschen richten: Helft diese Zustände bessern, wartet nicht ab,

bis die Sozialdemokratie euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die

Ausbildung der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist,

dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste Grundbahnen

zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes zu sichern!

Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die Mädchen der

Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch strenges Abschließen

von jenen Kreisen _versündigt_. _Die überhand nehmende Prostitution ist

der Ruin des Familienlebens, der Ruin der Generationen, der Felsen, an

dem jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des ganzen Geschlechtes

strandet!_

Achtes Kapitel.

Seßhaftigkeit und Versicherung.

Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als möglich;

trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner »Ton«

herausgehört, den ich mir angewöhnt habe.

Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von Berlin nach

Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt ihres Interesses.

Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche, und dennoch eine

Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie glauben, man würde am hellen

Tage auf offener Straße ermordet, ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die

Mädchen hatten mit großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr

gerade in Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und -- schnell fertig war

die Jugend mit dem Wort!

Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es in Berlin aussehe,

was man treibe, _was der Kaiser mache und ob ich ihn schon gesehen_.

Dabei sprechen sie ausnahmslos mit nicht näher zu beschreibendem Tone

absichtlich stets vom »deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser

König« von Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles

sagen, aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen. --

Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz: Bleibe im

Land und nähre dich redlich. Unter dem »im Land bleiben« verstehen sie

aber immer Sachsen, meist sogar nur Chemnitz. Der größte Teil von ihnen

ist nie über Chemnitz hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen

waren, erzählten mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden

und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen,

die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich Dinge aufbinden

ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht glauben würde.

Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten nur _ein_ Ziel vor Augen:

möglichst bald in Berlin eine Stellung zu erhalten. Ich mußte ihnen

Berliner Stellenvermittlerinnen nennen, an die sie noch am selben Tage

schrieben. In Chemnitz erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d. h.

mit Berliner Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles

bekommen 7-8 Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige Mädchen

schon 15 Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe Lohn und der Umstand,

daß die Mädchen häufig in den Familien wenig und schlecht zu essen

bekommen, ist mit ein wesentliches Motiv, warum die Mädchen alle in die

Fabrik gehen.

Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt, ob es weniger

Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die Chancen, recht bald einen

Schatz zu bekommen, gut seien. Ich habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen

im Verdacht, daß sie nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern

ganz andere Dinge nach Berlin lockten.

Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden Kapitel. Jene

Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit fremd, sie sprechen ein schlechtes,

sächsisches Deutsch, so daß keine Berliner Familie sie als Kindermädchen

engagieren würde und _für andere Stellen taugen sie absolut nichts_.

Ihre hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle

als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos in

Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende Berliner

Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell gemacht und nach

wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser Mädchen als

Prostituierte durch Berlins Straßen.

Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher Dirnen, die

in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl von 40.000 überschritten

ist, aber man forscht nicht nach den Ursachen, _man philosophiert, aber man

handelt nicht_.

Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen, die in

Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen Kenntnissen der

Prostitution in die Arme getrieben werden _müssen_. Man sehe einmal die

Statistik an, die uns zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen

Mädchen aus bisherigen Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen

besteht.

Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin einen »Schatz«,

irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar, der mit ihnen zu Kroll geht,

sie frei hält -- und verführt. Das Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das

durch das Fabrikleben wohl _an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit_ gewöhnt

ist, empört sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes;

zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines Tingeltangels,

den es gesehen, und das der schlaue Verführer je nach dem Grad der

Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert wählt, _so geblendet_,

daß ihm ein Leben, das täglich solche Freuden gewährt, als das

Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz« geht ein-, zwei-, auch dreimal mit

ihr aus; sie findet einen andern, ihm folgt der dritte, und schließlich

ist sie so abgestumpft gegen jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr

suchen läßt, _sie sucht_.

_Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes des männlichen Schutzes,

den sie einem anständig bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen

wollen._ --

Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie gewähren

ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder Kräftigung, aber

sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser originelle Geiz für das

Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit äußert sich auch der Alters- und

Invaliditätsversicherung gegenüber. Sie sind so naiv, zu glauben, der

Fabrikbesitzer sei verpflichtet, für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre

Gesundheit ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an,

meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche sehr weh.

Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an irgend einem dummen

Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen Vergnügen abzusparen.

Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung einverstanden, sie

sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft. _Begeisterung aber fand ich

bei keiner einzigen_; diese Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr

für den Augenblick, daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu

denken. In einer der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein

herzensguter, menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem

Ergehen der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten

alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn lieber hier

blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten.

Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den andern

Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem Stoßseufzer: »Hätten

wir's nur auch so!«

Dieser Fabrikherr _borgte_ seinen Arbeiterinnen öfters das Geld zur

Versicherung, d. h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen oder vorausgeben,

sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige den Mädchen weniger schwer fiel.

Leider aber sind die Arbeiterinnen sich nicht bewußt, wie segensreich die

Einrichtung dieser Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art

_moderner staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben, der

Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß die Mädchen das Alter

nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt bekommen sollten_.

Neuntes Kapitel.

Wohnungen und Schlafstellen.

»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!« bin ich immer

versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf die Arbeiterinnen anwenden

würde, so dürften sie größtenteils nicht mehr Menschen genannt werden.

Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze Familie in einer

Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in zwei Stuben. Die Leute ziehen

bei ihrer Verheiratung in solch kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen

aber die Kinder, so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um

eine größere Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der

Mehrausgaben für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt auf

Vergrößerung der Wohnung sehen.

Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein Heer von

Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum mehr »Wohnungen«

nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien in solch einem Hause der

Vorstadt. Die Arbeiterinnen, die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben

freundliche, bessere Wohnungen, meist im eigenen Häuschen.

Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten in

Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die Wohnräume

meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah; ich glaube, daß es im

Winter bei ungenügender Ventilation und Dunst der Kohlen in diesen Räumen

noch viel schrecklicher sein muß.

3½ Monate Fabrik-Arbeiterin · 第 3 / 7 段