Frau von der Natur aus schon unter den Schutz des Mannes gestellt sei.
O, über dies heuchlerische Glaubensdogma des männlichen Schutzes! Wer
schützt die armen Fabrikmädchen vor Ausbeutung, Überanstrengung und
vor der Willkür ihrer Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene
heldenhaften Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen
Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen, die es
aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und _reich_ ist, mit einem
Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit bietet, eine »gute«
Partie zu machen! Merkwürdig, daß die Herren Theologen, die ihren
Nächsten lieben wollen wie sich selbst, nicht _hier reformierend_
eingreifen, statt für die Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die
Ferne schweifen, sieh', das »Schlechte« ist so nah!« --
Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in der ich
arbeitete; dort war ein junger Prokurist, _der wußte, wer ich war_ und
infolge dessen freundlicher mit mir war, als mit den anderen Mädchen. Am
dritten Tage frugen mich ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon
Kost und Logis?« Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja
so freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem möblierten
Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem kommts auf ein paar Mark
nicht an.«
Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz traurig, daß
ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; _und das waren Arbeiterinnen auf
dem Lande_. --
Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat einen Schatz, schon
mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen Schatz hat, muß ganz unsagbar
häßlich sein oder irgend ein körperliches Gebrechen aufweisen, das
ihm dies verbietet; sonst sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der
Unmöglichkeit.
_Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter Begriff_; ist der Schatz
beim Militär, verreist oder längere Zeit krank, so nehmen sie flugs einen
anderen.
Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen, zum Tanz, den
Beschützer und vor allem -- denjenigen, der ihnen Schmuck, Bänder und
andere Dinge schenkt und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß.
An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht, trotzdem dies oft
vorkommt.
So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der Inspektoren eine
Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater werden sollte; man sah dabei
in ihm weniger den Ehrenmann, als den Gutmütigen. --
Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d. h. gemeine Witze gemacht;
es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art angebracht wurden.
In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen in schamlosen,
wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen, wie ich zuvor in meinem
ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte.
Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht
wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten war,
_das waren die verheirateten Frauen_. Neben mir saß eine etwa 30jährige,
kinderlose Frau, die so unglaublich verkommen war, daß sie, sobald ihr
etwas von Seiten ihrer Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke
emporschlug und einen gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz
unglaubliche Redensarten führte.
Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten! Ich fand hier
eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht zu beschreiben ist, die
meisten dieser Mädchen schienen jedes Schamgefühles bar.
Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier nicht lange
aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie suchen andere
Arbeit.
Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen aus folgendem
Vorkommnis machen.
Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte ich mehrere Male die
Retirade auf. Als ich zum dritten Mal eintreten will, stürmt eine der
Directricen auf mich zu, reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie
S..... Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun, Sie haben
wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!« (Der vorhergehende
Tag war ein Sonntag gewesen.)
Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart verloren
habe, so war es da; ich starrte die Person entsetzt an und war so
vollständig verblüfft, daß ich mich nicht vom Fleck rühren konnte. Ich
hatte nur ein Gefühl unsäglichen Ekels vor der Directrice, die sich nicht
entblödete, _als Mädchen_, vor allen umstehenden Arbeitern, _so etwas_ zu
sagen.
Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit, gerade da, als
ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und Verkommenheit giebt, erlebt zu
haben. Ich danke dem Himmel, daß es nicht am ersten Tage war!
Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher und keineswegs
roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit meiner Behauptung, daß die
Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend wirkt, die Handarbeiterinnen
jedoch immer sanfter, _äußerlich_ wenigstens gesitteter bleiben. --
Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der Mädchen zu erwerben,
ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung eingeladen. Die Mädchen
benahmen sich nett, unauffällig und ruhig, waren in Essen und Trinken
bescheiden und dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach
an mich, um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie
sich geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name als
Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants haben oder sie
geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir nicht mehr mit ihr!«
Auch nur annähernd die Wahrheit aber ahnte keine einzige. -- Schon der
Umstand, daß ich eine Uhr besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine
zweifelhafte Moral.
Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich einen Schatz
besitze.
»Ich hatte einen,« erklärte ich.
»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige.
»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines =Doctor juris= wenigstens in der
»Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.«
Aber da kam ich gut an.
»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter Laffe! Na,
da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die Feine spielen! Wollen Sie
sich hier keinen neuen Schatz suchen?«
Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und wie sie das
aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen; eine jede hatte in
ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder Schwager, der »schatzlos«
war, der zu mir »prächtig« paßte, mit dem ich schon auskommen würde,
der nicht knauserte u. s. w., und den sie mir nun in der verlockendsten
Weise beschrieben, mir seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß
ich ihnen bald so »nahe« treten würde.
Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang meiner Broschüre
sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber war, und den ich schon oft
bei ihr gesehen und gesprochen hatte. Den schlug sie mir nun auch vor
und fügte hinzu: »Gleich, wie er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie
könnten sein Schatz werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie
sitzen läßt, er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau
anfangen, heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von seinem
Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon die Gewißheit
zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde.
Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird, erwartet wohl ein
gleich elendes Dasein, wie das Deine! --
Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich hatte es
immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten Fabrik, wo ich der
Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen Töchterchen berichtete. Als ich
angab, daß es in Kost sei, waren die meisten sehr ungehalten darüber;
eine gute Mutter, sagten sie, behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es
auch nur am Abend zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde,
wo der Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten. --
An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die Kaserne als
nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft immer bereit, uns ihre
Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem meine Genossinnen sie gar nicht
beachteten; gewöhnlich fiel unsere Frühstückspause mit irgend
einer Pause in der Kaserne zusammen. Die Soldaten, und noch mehr die
Unteroffiziere, standen dann am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten
Nelken oder anderen Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten,
die ihnen am besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein
schwarzlockiger Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies.
Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben zu erwecken, als
könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen erfahren; ich wies sie
deswegen ab, so oft es von vornherein anging, ohne den Argwohn der Mädchen
zu erregen.
Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen aus der Appretur
auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier abzutreten, falls ich ihn
nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei jetzt in Dresden Soldat und sie
möchte doch gern bis zum nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter
haben. Ich habe sie auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«,
aber seit der Zeit ließ er sich nicht mehr blicken. --
Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man muß die
Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man muß sie streng, _je
nach ihrem Beruf_, trennen. _Hier giebt es keine goldene Mittelstraße, nur
entweder grenzenlose sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei
dem Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen geradezu
bewunderungswürdig anständig zu nennen ist._
Fünftes Kapitel.
Sparsamkeit und Ehrlichkeit.
»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort; wenn wir
dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten, so müßten diese in
ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen; denn sie kennen den Begriff
Sparsamkeit überhaupt nicht.
Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie sparen sich die
ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um sich ein hübsches Kleid zu
kaufen, sie essen lieber die ganze Woche trocknes Brot, um des Sonntags
Bier zu trinken.
Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen, sie wollen alle
einmal damit anfangen, aber keine einzige führt es aus. Sie haben auch
nicht den geringsten häuslichen Sinn, sie leben in den Tag hinein,
unbekümmert um das, was die Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so
geben sie aus, haben sie keins, so hungern sie.
Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit einem Spaziergang
ins Feld hinaus würden sie sich in keinem Fall begnügen. So kam ich
einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie, von der ich genau wußte, daß
sie seit Wochen kein Fleisch gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter,
ich frug den Mann erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen.
»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau und Kindern vor
_einem_ Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause. Die Kinder wollen trinken,
man kriegt Durst vom Weg, am Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne
einen Nickel hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann
man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!«
Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah er sich in dem
engen, übelriechenden, feuchten Hof um.
Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause bleiben, als
nur spazieren zu gehen.
Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie in die Ehe
treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich als Mädchen mit
ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel weniger erst, wenn sie für
andere mitsorgen sollen!
_Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in der Frauenbewegung_, die
Mädchen jener Kreise, die am schnellsten, häufigsten und in größter
Armut heiraten, zur Sparsamkeit, zur Ordnung und zur Häuslichkeit
anzuhalten; hier müßten überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen
gegründet werden, in denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten
unterrichtet werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung
ordentlich kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so
sehr vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man bedenke nur
einmal, _wie_ die verheirateten Arbeiter oft essen, lediglich durch die
völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem Manne, der elf Stunden schwer
gearbeitet hat, einen halbgaren Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den
der wohlgenährte Hofhund der Fabrik verschmähen würde.
Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus
Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren, meist
zu 3 Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse stark in
Anspruch nimmt.
Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3 Mark vom Wochenlohn für sich
zurück, d. h. er deckt damit seine Bedürfnisse an Bier und Cigarren. In
diesen Kreisen ist _das Rauchen_ ein _sozialer Schaden_; es hemmt zuweilen
den Aufschwung einer ganzen Familie.
So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier doch durch ein
kleines Beispiel beweisen.
In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war, sollte für die
beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft werden zum Preise
(Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk. 12. Allein die Mittel langten
nicht, trotzdem der Händler wöchentliche Abzahlung von nur Mk. 3
beanspruchte. _Der Mann aber rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er
wöchentlich Mk. 2 (!!) brauchte._
»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von dem, was Sie
rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne. »Dann könnten Sie ganz gut
jede Woche 2 Mark abzahlen, wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier
trinken!«
Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter, aber das Rauchen konnte
er doch nicht lassen -- und das Bett wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf
bekam das älteste Kind Diphteritis, dann das jüngste, _das die Krankheit
erhalten hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen liegen mußte_.
Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte erhalten bleiben; jetzt
hat es sein eigenes Bettchen, das die Geschwister ihm eingeräumt, die nun
unter der Erde schlafen. Der Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf
machte, daß die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat
sich aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät ist,
raucht er nicht mehr. --
Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim Einkauf von
Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre drei Kinder
Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer um den Vater.
Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle Kleider zu 6 Mark pro
Stück für die beiden größeren, zu 5 Mark für das kleinere Kind.
Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere Arbeiterin
kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein hübsches schwarzes
Kleid, Handschuhe und einen recht netten Strohhut mit schwarzer
Perlengarnitur; selbstverständlich war das ihre Sonntagstoilette. Ich
wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete, aber ich hielt sie für eine
der bestangestellten Frauen.
Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und sagte dann:
»Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich, am nächsten Sonntag ist
Pfingsten, da will ich doch die Trauer ablegen!«
Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur Garnitur; sie bat mich
(es war überall herumgekommen, daß ich Putzmacherin sei), mit ihr nach
Hause zu kommen und ihr den Hut gleich zu garnieren.
Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste Kind heulend in
seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich am Fußboden herum. Das
erste Begrüßungswort der Kinder war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so
Hunger!« Die Frau verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte
dann in ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige,
geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.«
Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze Woche wenig
verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte mir zwanzig Mark, _da
mußte ich doch erst die Kinder und mich ordentlich kleiden_. Die Leute
reden gleich, lieber hungere ich und kleide mich und die Kinder gut.«
Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche Tricot- und
Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel. Ich hätte ihr mit der
gleichen Quantität Kleider _meines_ Töchterchens nicht aufwarten
können; die ältesten, sechsjährigen Zwillingsmädchen hatten fünf noch
vollkommen intakte Stoffkleider und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste
Kind war schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß
Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder hatten mehr denn
auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen neue, und sie hatten nichts
zu essen! Und was sah ich noch alles! Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich
mußte erst Zwirn holen, ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war
ungefüllt, Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. _Es
fehlte an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig ist_,
während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe Frau saß zu Hause
und häkelte kleine Kragen für die Kinder, während diese hungernd nach
einem Teller Suppe lechzten. _Und diese Zustände habe ich nicht einmal,
sondern oft getroffen._
Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches trauriges in den
Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die Unehrlichkeit, wenn nicht gar
direkten Diebstahl. Wo nichts ist, soll etwas hinkommen, die Gelegenheit
ist vielleicht günstig, warum lassen, was auch andere thun -- so kommt es,
daß das Stehlen in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen =en vogue= ist,
und ganz speziell _bei den verheirateten Frauen_.
Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als Schande, man stiehlt
offen vor den anderen Mädchen, denn sie klatschen nicht und spielen nicht
die Verräterin. Es wurde massenhaft Garn gestohlen, immer in kleinen
Docken; die Frauen verstricken es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei
Farben tragen. Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den
Hefterinnen zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon,
die sie in ihre Sonntagskleider heften.
In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr oft Handschuhe
entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe, schwarze oder
Tricothandschuhe, vor allem aber _Militärhandschuhe_; man glaube aber
nicht, daß diese Handschuhe dem jeweiligen Schatze der Diebin zu gute
kommen. Im Dorfe wohnt eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen
Handschuhe, gleichviel welcher Farbe, welcher Qualität und welcher
Größe, zum »Honorar« von 20 Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber
fährt alle Monate einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in
Soldatenkneipen losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin
ein Paar dedizieren; sie verkauft sie _weit_ unter dem Ladenpreis,
macht wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser
»guten Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen,
Sortiererinnen und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen
Handschuhe in die Hände bekommen.
Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen von Eßwaren
ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren die Suppentöpfe der
Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und sie verzehren diese gemausten
Dinge meist _auf der Retirade_.
Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den Saal, daß ich
weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde; im Laufe des Vormittags
erfuhr ich denn, daß man der einen mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf
Kartoffeln gestohlen hatte, den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte;
am empörtesten war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht
zurückgebracht, sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen
hatte. _Der Verdacht hatte sich auf mich gelenkt!!!_ Die Diebin wurde
indes noch am selben Tage entdeckt, als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den
leeren und sorgfältig gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte.
Die Bestohlene machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde
von den 500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese
Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen können.
Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der Fabrik, sie hatte an
einem anderen Ort Arbeit gesucht.
Diese Art der _moralischen Lynchjustiz_ wurde fast durchwegs ausgeführt;
mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen, denn Knutenhiebe; sie
erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern auf Wochen hinaus. Es ist
unglaublich, wo diese ungebildeten Mädchen diese Art feinen Nadelstiche
herhaben, diese moralischen Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben
müssen. Ich glaube, _daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung zu
bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von ihnen besitzen_.
Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für die Diebin
gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch größte
Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen.
Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils am Lohntage
ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe nur sehr wenige gefunden,
die in längerem Rückstand mit der Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht
Unglücksfälle in der Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten.
_Wer aber in diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos
verloren._
Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu vor dem
Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte, im Betrage bis
zu 15 Pfennigen, weil sie hier allein wissen, daß sie in der Lage sind,
diese Summe am Zahltag mühelos zurückzuerstatten.
Man ersieht daraus, _daß die Mädchen, wenn sie durch praktischen
Anschauungsunterricht von dem Muß des Sparens überzeugt würden, sehr
wohl sparsame Frauen werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum
edle Früchte tragen?_
Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung bemerkt: die
Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle Spirituosen; wenn
ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber während der ganzen Woche
trockenes Brot essen, um am Sonntage Bier trinken zu können, so geschieht
dies keineswegs aus Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, _wer nicht
ganz ordinär sein will_, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen haben
müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war, und so sehr ich
sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein Glas Lagerbier trank keine.
Schnapstrinkerinnen waren überhaupt, so lange die Anwesenden sich erinnern
konnten, in der Fabrik nicht beschäftigt.
Sechstes Kapitel.
Die Ehe.
Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel betrachtet, so muß
man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung ein Hazardspiel nennen.
Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten, wagen viel;
entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie kommen ins Elend, aus
dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die Ehen sind größtenteils Gegensätze;
entweder wird die Frau geachtet und gut behandelt, oder sie wird als
Lasttier, als Arbeitssklavin, als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher
Genüsse angesehen.
In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten Ehen, herrschen
gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse, _eheliche Einigkeit_.
_Wo viel Kinder sind, herrscht meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not,
Untreue von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger._
Man kann dreist behaupten, _daß mehr als drei Kinder in einer Familie,
Schuld zum Ruin derselben sind. Leider aber, und ich werde es immer
wieder tief beklagen, herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte,
beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein unberechenbarer
sein, wenn man die Leute darauf hinführen könnte, daß nicht die
Quantität, sondern die Qualität der Nachkommen für die Menschheit von
Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger und körperlicher
Beziehung gesund, mehr Wert haben, denn zehn elende Geschöpfe und
Krüppel._