Die Vaterstadt Basel ist noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
einem Bewunderer Böcklins, der hingewallfahrtet war, um die Heimat
des Propheten kennen zu lernen, unsäglich eng und muffig erschienen und
von ihm danach verlästert worden. Da mögen unangenehme Reiseerlebnisse
das Urteil getrübt haben, aber früher, in Böcklins Jugend, hätte
ein flüchtiger Besucher wirklich nicht ahnen können, daß ein
enthusiastischer Künstler in den Mauern heranwuchs, der die Faune und
Nymphen, Tritonen und Nereiden und die schaumgeborene Aphrodite aus dem
Orkus heraufholen werde.
Die Stadt war freilich zur Zeit des Humanismus und der Reformation der
Mittelpunkt geistigen Lebens für ganz Südwestdeutschland gewesen. Sie
hatte gleichzeitig auch ein blühendes Kunstleben gehabt. Dürer hatte auf
der Wanderschaft hier Arbeit gefunden und zwanzig Jahre später Holbein
eine zweite Heimat und große und lohnende Aufträge. Die Buchdrucker
datierten damals ihre Drucke aus der „weitberühmten Stadt Basel“ und in
den kleinen Randleisten, mit denen Holbein die Titel schmückte, spielten
sogar schon damals die Tritonen und Nereiden eine Rolle. Es galt die
Stadt auch als eine der fröhlichsten am Rhein, der Frau Venus besonders
hold. Aber mit der Reformation war ein puritanischer Geist eingezogen,
der sich bis ins 19. Jahrhundert erhalten hat, und ein großer Teil der
angesehensten alten Familien geht sogar, wie schon die Namen andeuten,
auf Flüchtlinge zurück, die ihres Glaubens wegen aus Italien, Frankreich
und auch aus Deutschland eingewandert waren. Diese haben nun allerdings
fremde Industrien hierher verpflanzt und damit den Reichtum gefördert
und es wurde dem alemannischen Stamme der Bevölkerung durch sie auch ein
fremdes und gutes Reis aufgepfropft. Aber seit dem 17. Jahrhundert war
der Zustrom von außen nur ein sehr schwacher und das Gemeinwesen hat
sich nicht mehr vergrößert. Die Bevölkerung erhielt dadurch ein scharf
ausgesprochenes Gesicht, wie es in heutigen Städten gar nicht mehr
möglich ist und dies Gesicht sah etwas anders aus als im Anfange des
16. Jahrhunderts.
Die Stadt war sprichwörtlich für ihren Erwerbssinn und ihren Reichtum,
aber auch für die altväterischen Gepflogenheiten, den Familiensinn,
die Frömmigkeit, den Gemeinsinn und ihre Wohltätigkeit. Kaufmännische
Tugenden gaben neben der pietistisch gefärbten Religiosität der
Physiognomie der Bewohner ihre charakteristischen Züge.
Allein es fehlte durchaus nicht an geistigem Leben, nur kam der
Wohlstand mehr der Wissenschaft als der Kunst, und unter den Künsten
am meisten der Musik und der Baukunst zugute. Durch alle Zeiten des
Stillstandes und des Niederganges hatte sich die Universität erhalten
und so haben neben Böcklin in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts
auch ein Jakob Burckhardt und ein Nietzsche gewirkt. Aber auch die
Gemälde und Zeichnungen Holbeins, die sich aus den Tagen des Glanzes
im Besitze der Stadt erhalten haben, waren immer geschätzt, wenn auch
vielleicht nicht häufig besichtigt worden und übten ihre stille Wirkung
aus. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann ferner das
Interesse für das Münster und die übrigen mittelalterlichen Kirchen
der Stadt zu erwachen. Namentlich aber ist schon seit dem Beginn des
18. Jahrhunderts eine aufsteigende Entwicklung auf dem Gebiete der
Architektur zu beobachten. Diese brachte später, in der Rokokozeit,
die große Zahl von schönen, zum Teil sogar prunkvollen Patrizierhäusern
hervor, die dem Innern der Stadt noch heute ihr Gepräge verleihen.
Nebenher kam auch das Sammeln von Bildern auf. Der Malerberuf war zu
Beginn des 19. Jahrhunderts in dieser Stadt der Kaufherren und der
frommen Sitte an sich durchaus nicht gerade verachtet, wenn man auch dem
Erbauer komfortabler Familienhäuser jedenfalls mehr Verständnis und
sicher weit größere persönliche Achtung entgegengebracht haben wird,
als den Jüngern der leichter geschürzten Muse der Malerei. Was den
fürsichtigen und bedächtigen Baslern damals wirklich zu einem Kunstleben
fehlte, war vielleicht nur der Sinn für naiven Lebensgenuß und schönen
Schein und jener Leichtsinn, der zu großen Taten schließlich nun einmal
nötig ist. Wenigstens vermißt man in vielen Äußerungen der damaligen und
noch einer späteren Zeit das Gefühl für das Heroische im Verhalten eines
Mannes, der ohne finanzielle Sicherheiten, nur im Bewußtsein eigener
Kraft, eine Bahn betrat, die den Winden und Wogen ein so sicheres Ziel
bot wie der Künstlerberuf, und der auch noch auf dieser an sich schon
gefährlichen Bahn, lediglich der eigenen Vernunft gehorchend, alles
Hergebrachte und Anerkannte in den Wind schlug.
Die Maler, die in Böcklins Jugend in Basel den Stand vertraten, waren
nicht dazu angetan, diese Anschauungen zu ändern. Sie waren keine
Gesetzgeber sondern Diener des Zeitgeschmackes. Fast alle sind sie zwar
von der deutschen Bewegung, die von Carstens, Koch und den Nazarenern
ausging, berührt worden. In Basel aber kamen sie dem Bedürfnis nach
Alpenlandschaften und Veduten nach und unterrichteten die Jugend in
einer Zeichenschule, die im 18. Jahrhundert gegründet worden war. Einer
von ihnen, der genial veranlagte Hieronymus Heß, ist in der Enge der
Heimat, verbittert und versauert, als Mensch und Künstler zugrunde
gegangen, ein anderer, Miville, einer der Lehrer Böcklins an der
Zeichenschule, hat auf vielen Reisen in zahlreichen Skizzenbüchern
dieselben Gegenden und ähnliche Motive wie später sein Schüler verewigt,
wenn auch ohne alle tiefere Originalität und ohne den feineren Natursinn
des größeren Nachfahren.
Nicht der Glanz, mit dem Böcklin etwa als Knabe den Maler umgeben sah,
hat ihn auf seine Bahn gelockt, sondern innere Notwendigkeit und das
Gefühl, daß das, was er in sich trug, etwas Stärkeres und Besseres sei
als die Triebkräfte, die seine künstlerische Umgebung beherrschten.
Böcklin ist der Sohn eines Kaufmanns, dessen Großeltern aus Beggingen im
Kanton Schaffhausen eingewandert waren. Der Urgroßvater des Malers war
offenbar ein verarmter Landwirt, der in einer Basler Fabrik sein Brot
suchte und fand, auch der Großvater war Fabrikarbeiter; mit dem Vater
aber begann der Aufstieg. Er war ein erfinderischer Kopf, hatte sich
schon in ganz jungen Jahren durch die Verbesserung eines roten
Farbstoffes die Wertschätzung seines Brotherrn erworben, dann mit
zweiundzwanzig Jahren eine Tochter aus gebildeter und auch etwas
wohlhabender Familie geheiratet und sich später selbständig gemacht. Das
Vermögen der Frau ging freilich in seinem eigenen Unternehmen zugrunde.
Er mußte dann wieder die technische Leitung einer fremden Fabrik
übernehmen, und gerade in den Jahren, als die Söhne heranwuchsen, hatten
sich die Eltern sehr einzuschränken. Die Mutter gehörte einer alten
Basler Familie an, die schon seit Jahrhunderten von städtischer Kultur
verfeinert worden sein mag. Ihre Mutter war eine Werenfels und
Mitglieder dieser Familie haben sich verschiedentlich ausgezeichnet. Ein
Werenfels, wenn auch nicht ein Vorfahr Böcklins, ist der Schöpfer der
glanzvollen Rokokobauten aus den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts.
Die erhaltenen Bilder von Böcklins Mutter zeigen eine Physiognomie von
merkwürdig großem Schnitt; sie war eine feine, gebildete, begabte, wohl
direkt bedeutende Frau, die Vertraute ihrer Kinder. Böcklins Jugend ist
keine unglückliche gewesen; er erinnerte sich später gerne manch
drolliger Geschichte aus seinen Knabenjahren. Er hat auch am städtischen
Gymnasium eine tüchtige Schulbildung erhalten und wenigstens den Julius
Cäsar noch im Originaltext gelesen. Einen wirklich bedeutenden Menschen
lernte er hier in dem Germanisten und Dichter Wilhelm Wackernagel
kennen, der neben seiner Tätigkeit an der Universität auch am Gymnasium
Unterricht erteilen mußte, doch hatte derselbe die Schüler nicht etwa
in die Literaturgeschichte einzuführen, der Unterricht ging lediglich
darauf aus, ihnen ein möglichst gutes Deutsch beizubringen. Böcklin hat
auch mit seinen Brüdern die Zeichenschule besuchen dürfen; nur davon
wollte der Vater nichts wissen, daß er Maler werden sollte. Es gebe
schon hungernde Maler genug. Ein Calame werde er doch noch lange nicht.
Der Widerstand des Vaters war angesichts der eigenen Geldsorgen und
angesichts der Künstlerschicksale, die er vor sich sah, begreiflich.
Aber auch der Sohn hatte etwas von dem Wagemut der alten Eidgenossen und
noch etwas mehr als einst der Vater; er glich ihm überhaupt sehr und
vielleicht am meisten da, wo er ihm unbequem wurde, und der Entschluß,
Maler zu werden, stand bei ihm fest. Die Mutter trat in ihrer ruhigen
und stillen Weise auf des Sohnes Seite und fand eine Unterstützung bei
seinem Lehrer Wackernagel. Sie durfte sich später wenigstens noch über
die ersten äußeren Erfolge des Sohnes, die Berufung nach Weimar, freuen.
Der Vater aber ist erst in dem Jahre gestorben, als Böcklin seine
Toteninsel schuf; er hat also die glänzendste Schöpfertätigkeit des
Sohnes noch miterlebt, indessen er gerade allem Anschein nach ohne
zu ahnen, daß er einen der bedeutendsten und einflußreichsten Geister
des damaligen Europa zum Sohne hatte; wenigstens äußerte er sich an
seinem Lebensabend noch zu einem jungen Maler, der sich dem Meister
angeschlossen hatte, es sei das Verhängnis seines Sohnes, daß er keinen
Rat annehmen wolle.
An Anregungen hat es dem Maler in seiner Jugend nicht gefehlt. Die
Familie wohnte, als er heranwuchs, in einem höchst malerisch gelegenen
säkularisierten Kloster St. Alban, dicht an den grünen Fluten des
Rheins. Kirche und Friedhof des Klosters werden heute noch gerne gemalt.
Bei Basel umgeben die weite Ebene des Rheintals drei Gebirge, alle drei
reich an Naturschönheiten. Offenbar hat der Jura am stärksten auf
Böcklin gewirkt. Die langgezogenen Höhenrücken, die steil aufragenden
Felswände, die malerischen Schluchten, die wundervollen Buchen- und
Tannenwälder und die Burgruinen, die von Berg zu Berg hinübergrüßen und
an eine kriegerische Vergangenheit erinnern, all das war dazu angetan,
die Phantasie des Knaben mächtig anzuregen. Das Schlichte wirkt oft
nachhaltiger als das Glanzvolle. Gewisse Grundzüge dieser Landschaft
scheinen denn auch in berühmten Schöpfungen der Spätzeit, die im
glänzenden Talare südlicher Vegetation auftreten, wiederzukehren.
Die Gemälde Holbeins, die den stolzen Kunstbesitz der Stadt bildeten,
hingen damals noch in einem Raume der Bibliothek, der nicht genügend
Licht hatte, wie Briefmarken in einem Album dicht beisammen „bis unter
die Decke“; „aber ich hatte gute Augen“, meinte der Meister. Freilich
befinden sich unter diesen Meisterwerken nur wenige, die auf
Unvorbereitete tiefen Eindruck zu machen pflegen und auch das Wenige
war--wie man glauben sollte--nicht dazu angetan, einen geborenen
Landschafter anzuregen. Was die Arbeiten auszeichnete, war die Klarheit
der Form und die Feinheit und Schärfe der Beobachtung, und dennoch, sie
haben ihm „sehr gefallen“, haben ihn „sehr interessiert“, obwohl, wie er
selber hervorhob, Holbeins Richtung eine andere als die seine gewesen
ist.
Von starkem, wenn auch heute im einzelnen gar nicht mehr abzuschätzendem
Einfluß auf das Denken und Fühlen des heranwachsenden Künstlers war
endlich zweifellos die literarische Bewegung der Zeit (schon sein
Zeichenlehrer klagte, Böcklin lese zu viel), waren auch die mächtigen
Wogen der patriotischen Begeisterung, die in den vierziger Jahren durch
die Schweiz gegangen sind. Die Zeit, in der Böcklin es durchsetzte,
Maler werden zu dürfen, fällt zusammen mit der, da Gottfried Keller
erkannte, daß er zum Dichter berufen war.
[Illustration:
LANDSCHAFT MIT GEWITTERWOLKEN 1846]