Zelleinschlüsse in Karcinomen des Magens, des Darmes und der Mamma
berichtete, welche er als Koccidien deutete. Die meist stark
lichtbrechenden Gebilde wurden durch Karmin, Hämatoxylin, Eosin u.
dgl. gefärbt und lagen stets in Vakuolen degenerirter Krebszellen
eingeschlossen. Daneben fanden sich auch feinkörnige, stark
lichtbrechende Kugeln, welche sich nicht färbten. In demselben
Jahre haben dann +Darier+[105] und +Wickham+[106] bei der sog.
+Paget+’schen Krankheit -- einem in Karcinom übergehenden Ekzem
der Brustwarze -- Zelleinschlüsse beschrieben, welche von ihm und
später von +Malassez+[107] für Psorospermien gehalten worden sind.
+Darier+ und +Wickham+ hielten die Gebilde gleichzeitig für die
Erreger der eigenthümlichen Hauterkrankung. Erwähnt sei auch noch,
dass +Nils-Sjöbring+[108] in Karcinomen der Mamma, der Leber und der
Prostata Zelleinschlüsse in verschiedenen Formen gefunden hat, welche
er als verschiedene Entwickelungsstadien desselben Sporozoons ansieht.
Im Laufe der letzten Jahre sind dann weitere zahlreiche Arbeiten
erschienen, in welchen über protozoenähnliche Gebilde besonders bei
Karcinomen und Sarkomen berichtet wird. Genannt mögen noch sein
die Veröffentlichungen von +Steinhaus+[109], +Metschnikoff+[110],
+Soudakewitsch+[111], +Podwyssozki+ und +Sawtschenko+[112],
+Ribbert+[113], +Ruffer+[114], +Korotneff+[115], +Foa+[116],
+Ruffer+ und +Wolker+[117], L. +Pfeiffer+[118], +Adamkiewicz+[119],
+Vedeler+[120], +Sanfelice+[121], +Gebhardt+[122] und +Roncali+[123].
+Vedeler+ fand in einem +Lipom+ stark violett gefärbte, kreisrunde
Gebilde, welche innerhalb der Kapsel der Fettzellen liegen und eine
blauschwarz gefärbte Begrenzungsmembran haben, die durch einen
helleren Zwischenraum vom undurchsichtigen Inhalt geschieden ist.
Die Gebilde haben einen weissen Glanz, als enthielten sie Fett.
Behandelt man jedoch den einzelnen Schnitt mit Aether, so erfolgt
keine Veränderung, und sucht man sie mit chlorwasserstoffsaurem
Alkohol zu entfärben, so verschwindet zwar die Farbe zum grossen
Theil, aber der Inhalt bleibt gleich undurchsichtig. +Vedeler+ hält
mit Recht diese Gebilde für thierische Parasiten und wahrscheinlich
sind es Koccidien. Auch gilt es ihm als erwiesen, dass auch das +Lipom
nicht von selbst wächst+, sondern dass hier wie bei Cancer, Sarkom,
Myom ein lebendiges Irritament erforderlich ist, welches den ersten
Ursprung und das spätere Wachsthum verursacht. +Sanfelice+ isolirte
+aus gährenden Säften einiger Früchte einen Sprosspilz+, welcher
auf Agar- und Gelatineplatten weisse, in der Tiefe punktförmige und
sphärische, an der Oberfläche stecknadelkopfgrosse und kuppelförmige
Kolonien bildet, in Stichkulturen nagelförmiges Wachsthum zeigt und
auf Kartoffeln einen weisslichen, scharf erhabenen, üppigen Belag
hervorbringt. Die verschieden grossen Zellen zeigen in den Jugendformen
ein gleichmässiges Protoplasma, in vorgeschrittener Entwickelung
sieht man peripher eine stärkere lichtbrechende Substanz und einen
hyalinen Centraltheil, zuweilen auch stark lichtbrechende Körnchen in
diesem. Bei der +Vermehrung+ entstehen an der Peripherie nach einander
2 Knöspchen, welche zu Tochterzellen auswachsen, die dann ebenfalls
Knospen hervorbringen. Eine Betheiligung der lichtbrechenden Körnchen
an der Vermehrung des Pilzes wurde nicht beobachtet.
Nach +interperitonealer Impfung von Reinkulturen des Sprosspilzes
starben Meerschweinchen+ nach 20–30 Tagen. Milz, Leber und Nieren
der Thiere waren vergrössert und an der Oberfläche mit zahlreichen
grösseren und kleineren Flecken bedeckt. Aehnliche Veränderungen fanden
sich auf der Schnittfläche der zum Theil hepatisirten Lungen. Ebenso
waren die Inguinal-, Achsel- und Mesenterialdrüsen stark vergrössert.
Bei mikroskopischer Untersuchung fand man in den erkrankten Organen
zahlreiche Hefezellen verschiedener Grösse, welche mit einer bald
dickeren bald dünneren Membran bekleidet waren und zum Theil zwei
halbmondförmige Gebilde erkennen liessen. Mit dem Material von
sämmtlichen Organen, besonders aber von der Milz, der Leber und den
Lungen gelang die Reinzüchtung des als Ausgangsmaterial verwendeten
Sprosspilzes in Agar und Gelatine.
Mit Anilinfarben konnte die Membran am stärksten gefärbt werden,
doch wurde auch das Protoplasma mitgefärbt. Wie +Sanfelice+ ferner
angiebt, war sehr auffallend +das vollkommen gleichartige Verhalten
des Bildes der beschriebenen Hefezelle in gefärbten und ungefärbten
Gewebsschnitten mit dem Aussehen der in neuerer Zeit mit so grossem
Interesse verfolgten Zelleinschlüsse in Geschwülsten+. Der Autor konnte
gelegentlich mikroskopischer Untersuchung +menschlicher Epitheliome
und einzelner Tumoren von Pferden und Rindern+ die vielfach als
Koccidien angesehenen Gebilde nachweisen und dabei feststellen,
dass dieselben sich +in ihrem mikroskopischen Verhalten von den
Hefepilzen+ in Gewebsschnitten der an Sprosspilzinfektion erlegenen
Meerschweinchen +einzig und allein durch ihre Anzahl unterschieden+.
Während die Hefepilze in grossen Mengen gefunden wurden, fanden sich
die koccidienähnlichen Gebilde in den untersuchten Tumoren nur ganz
vereinzelt.
Weitere Untersuchungen werden erst lehren müssen, ob die genannten
Beobachtungen und Schlussfolgerungen richtig sind; jedenfalls weisen
auch diese Untersuchungsergebnisse auf eine Beziehung der Parasiten zu
den Geschwülsten hin.
Neuerdings hat +Gebhardt+[124] noch einen Befund über +zwei von
Protozoen erzeugte Pylorustumoren beim Frosch+ veröffentlicht, welcher
für die Entstehung der Geschwülste ebenfalls nicht ohne Interesse ist.
+Gebhardt+ fand unter hunderten geöffneter Frösche zweimal die
Pylorusgegend von einem sehr augenfälligen Tumor eingenommen. Die
Oberfläche der Tumoren besteht aus einer grösseren Anzahl glatter
Höcker von im Ganzen kugeliger Gestalt, welche so angeordnet sind,
wie die Buckeln auf einem Morgenstern, -- d. h. ihre Längsachsen
konvergiren radienartig nach den Centren des Tumors, also dem
Pyloruslumen, zu. Die Gegend des Mesenterialansatzes war in beiden
Fällen von diesen Höckern frei und nur im Ganzen etwas vorgewölbt. In
der Farbe war kein Unterschied von der Umgebung zu bemerken, überhaupt
schien äusserlich die Magendarmwand durchaus intakt über den Tumor
hinzuziehen. Nirgends sonst waren, weder im Intestinum noch im übrigen
Körper, ähnliche Tumoren oder überhaupt auffällige Veränderungen zu
bemerken. Die Konsistenz beider Tumoren war eine recht derbe. Auf dem
Querschnitt zeigten sich beide Tumoren makroskopisch als solide, nur
vom Pyloruslumen durchbrochene Geschwülste. Ueber die ganze Fläche
des sonst ziemlich einfarbigen Tumors verstreut zeigten sich einzelne
kleine, rostbraune, ¼–½ mm grosse, im Ganzen rundlich konturirte
Pünktchen, die sich bei näherer Untersuchung als mit bröckligem Inhalt
erfüllte Hohlräume erwiesen. Auf dem optischen Querschnitt, bei etwa
20-facher Vergrösserung, zeigte sich, dass der Tumor aus einer ganzen
Anzahl von Einzeltumoren besteht, welche in Analogie zu der Stellung
der oben beschriebenen äusserlich sichtbaren Höcker durchaus radiär
angeordnet sind. Von einander sind dieselben durch Schleimhautfalten
getrennt, die auf dem Schnitt scheinbar anastomosiren, nach dem Lumen
zu aber grösstentheils frei endigen. Bei stärkerer Vergrösserung
erkennt man, dass dieselben fast durchweg beiderseits mit Epithel
besetzt sind.
Nähere Untersuchungen lehrten, dass der Tumor von den Drüsen ausgeht,
und es war deshalb die Annahme berechtigt, +in der Umgebung des Tumors
und zwar in der Tiefe der Drüsen frisch infizirtes Zellmaterial
anzutreffen+. In der That wurden in einer grossen Zahl von Drüsen,
sowohl in deren Lumen, als auch innerhalb ihrer Zellen, und zwar nicht
innerhalb, sondern ausserhalb des Kerns, dem sie oft dicht anlagen,
kleine polymorphe Gebilde von etwa 2–3 µ Durchmesser beobachtet,
welche dem nach +Gebhardt+’s Meinung ersten Entwickelungsstadium der
Parasiten entsprachen. Auf den ersten Blick gleichen sie überraschend
kleinsten Myxamöben. Bei näherer Untersuchung ist ein schwach
granulirter intensiv färbbarer Protoplasmaleib und innerhalb desselben
ganz konstant eine rundlich begrenzte hellere Stelle zu erkennen, in
der man stets noch ein dunkel gefärbtes Körnchen bemerken konnte. Als
Resultat von Theilungsvorgängen sieht man an anderen Stellen 15–25
kuglige Sporen auftreten, die wieder ihrerseits, nachdem sie sich mit
einer dünnen Hülle umgeben haben, zwei sichelförmige Körperchen und
einen kleinen, von diesen beiderseits umgebenen Restkörper im Inneren
ausbilden.
[Illustration: Figur 11.
+Epithelioma molluscum+ nach +Neisser+.
1. Querschnitt eines Molluskumknotens bei schwacher Vergrösserung.
Die stark glänzenden, durch Hornsubstanz zusammengehaltenen, fertigen
Molluskumkörperchen (_c_) treten oben heraus. 2. Körnige Schollen neben
dem Kern der Epithelzelle, stark vergrössert, aus Zone _a_. 3. u. 4.
Isolirte glänzende Körper in den Zellen aus Zone _b_.]
Hinsichtlich der +Untersuchungsmethode+ sei erwähnt, dass als
Fixirungsmittel Sublimat, konzentrirte Lösung in physiologischer
Kochsalzlösung benutzt wurde. Darauf folgte allmählich ansteigend
Alkohol, von 90% an mit Jodzusatz, Färbung im Stück, dann wiederum
ansteigender Alkohol, schliesslich Alkohol absolutus, Cedernholzöl,
Paraffin. Die Schnitte wurden auf erwärmter Unterlage einem Unterguss
von +Strasser+’scher Klebmasse aufgelegt. Zur Färbung wurde R.
+Heidenhain+’sche Stückfärbung mit wässerigem dünnen Hämatoxilin und
Kaliummonochromat vorgenommen.
Ueber das Ergebniss seiner Untersuchungen macht +Gebhardt+ folgende
Angaben:
1. Es handelt sich in den vorliegenden Fällen um ein ziemlich
erhebliches epitheliales und gut lokalisirtes Neoplasma, welches von
zweifellosen Protozoen veranlasst ist. Dabei besteht recht wenig
Aehnlichkeit mit Karcinom.
2. Der vorliegende Krankheitserreger, zu den Koccidien gehörig, zeigt
eine doppelte Art der Fortpflanzung, einmal Bildung nackter Sporen
zur Weiterinfektion des Wirthes, zweitens aber Bildung beschalter
Dauercysten, die nach aussen entleert werden.
3. Es tritt in der Entwickelung von vornherein ein kernähnliches
Gebilde auf, welches auch stets die Rolle eines Kerns zu spielen
scheint. Seine scheinbare Auflösung erfolgt nur vor wichtigen
Umwälzungen in der Konstitution seines Trägers.
4. Eigentliche Mitosen wurden bei den Theilungsvorgängen nie beobachtet.
5. Konjugationsvorgänge sind nicht auszuschliessen. Namentlich das
Verhalten des Kerns scheint auf solche zu deuten.
6. Die Schale der Dauerformen ist doppelt; die sekundäre wird von innen
an die primäre angelagert.
7. Aktive Beweglichkeit ist während eines grossen Abschnittes der
Entwickelung vorhanden.
* * * * *
Erwähnt sei schliesslich noch die Beobachtung von V. +Müller+[125] über
+Parasiten im Uteruskarcinom+. +Müller+ konnte sich durch zahlreiche,
von verschiedenen Forschern kontrollirte Untersuchungen von dem
gelegentlichen Vorkommen parasitärer und amöboider Organismen als
Epithelzelleneinschlüsse bei Uteruskarcinomen überzeugen. Er beschreibt
Makrocysten und Mikrocysten und ferner nicht incystirte intracelluläre
Gebilde; bei letzteren will es ihm gelungen sein, eine unzweifelhaft
nicht degenerirte, lebende, in Bewegung befindliche Zelle zu fixiren.
+Clarke+[126] fand bei einem typischen Alveolarsarkom geformte
Elemente innerhalb der Zellkerne aller Theile des Tumors. Bei Färbung
mit Hämatoxylin und Eosin nahmen diese intranukleären Körper eine
rothgelbe, und mit +Biondi+’s Reagenz eine rothbraune Farbe an. Die
meisten derselben zeigten einen oder zwei helle Stellen im Innern. Ihre
Gestalt war meistens rund oder birnförmig. Einige von ihnen theilten
sich durch Spaltung in zwei Theile, und wenn dies der Fall war, sah
man auch, dass der Kern der Zelle, welche den intranukleären Körper
enthielt, sich in passiver, amitotischer Theilung befand. +Clarke+ hält
die Gebilde für Parasiten, die zu den Suktorien gehören, und stellt sie
in ursächliche Beziehung zur Geschwulstbildung.
Während nun die vorstehend genannten Autoren und manche Andere mit mehr
oder weniger Bestimmtheit neben der parasitären Natur der von ihnen
innerhalb und ausserhalb der Zellen gefundenen Gebilde auch an ihrer
ätiologischen Beziehung zur Entwickelung von Geschwülsten festhalten,
werden die von einzelnen Autoren gefundenen Zelleinschlüsse von
+zahlreichen Gegnern der parasitären Aetiologie+ der Geschwulstbildung,
+überhaupt nicht als Parasiten anerkannt+, sondern als eigenthümliche
Formen von Zelldegeneration aufgefasst. Von diesen Autoren mögen
+Hansemann+[127], +Marchand+[128], +Ziegler+[129], +Noggerath+[130],
+Neisser+[131], +Borril+[132], +Ströbe+[133] genannt sein.
Der Auffassung dieser Autoren steht nun noch als ganz eigenartige
diejenige von L. +Pfeiffer+[134] und +Adamkiewicz+[135] gegenüber,
welche meinen, dass u. A. z. B. die +Krebszellen selbst+, welche
von jenen irrthümlich als Abkömmlinge der Körperzellen betrachtet
werden, +die Parasiten sind+. +Adamkiewicz+ kam zu seiner Auffassung
weniger durch eingehende morphologische Studien, als vielmehr auf
Grund theoretischer Ueberlegungen über das erheblich abweichende
biologische Verhalten der Krebszellen von den normalen Zellen des
Körpers. +Adamkiewicz+ suchte seine Meinung auch durch anderweitige
Versuchsergebnisse zu stützen. Er übertrug Krebsgewebe in das Gehirn
von Kaninchen und sah die Thiere an schnell zum Tode führenden
Vergiftungserscheinungen zu Grunde gehen. Die Giftwirkung führte er
auf ein von den Parasiten erzeugtes Toxin zurück, wobei die Parasiten
die epithelialen Krebszellen selbst sein sollten. +Adamkiewicz+ ging
nach dieser Beobachtung noch einen Schritt weiter und wollte eine dem
+Koch+’schen Verfahren bei der Tuberkulose ähnliche +Behandlung des
Krebses+ versuchen. Zu diesem Zwecke stellte er sich aus Krebsgewebe
ein wässeriges Extrakt (+Kankroin+ genannt) her, durch dessen Infektion
Kaninchen gegen tödtliche Dosen des Krebsgiftes immunisirt werden
sollten. Nach Injektion des Kankroin bei +Krebskranken+ war ähnlich,
wie nach Tuberkulininjektionen bei Lupus, zunächst Röthung und
Schwellung der Krebsgeschwulst, und nach weiteren Injektionen deutliche
Rückbildungserscheinungen zu erkennen. Der Tumor wurde weicher und
verkleinerte sich. Eine Heilung konnte jedoch +Adamkiewicz+ bisher mit
seiner Methode nicht erzielen.
Jedoch mag hierbei erwähnt sein, dass +Emmerich+[136] durch Injektion
von Serum von Schafen, welche vorher gegen Erysipelkokken immunisirt
waren, eine wirkliche Heilung von Krebsfällen gesehen haben will
und dabei ebenfalls die Ansicht ausspricht, dass die vermeintliche
Rückbildung der Krebsgeschwulst auf die Vernichtung der Krebsparasiten
durch das injizirte Serum zurückgeführt werden müsse. Leider sind
jedoch die Beobachtungen von +Adamkiewicz+ und +Emmerich+ von anderen
Autoren bisher nicht bestätigt worden.
Immerhin ist nach den bisher mitgetheilten Beobachtungen über das
Vorhandensein von Koccidien oder ähnlichen Gebilden in Geschwülsten die
Frage berechtigt, +ob die Wahrscheinlichkeit besteht, die Geschwülste
als parasitäre Neubildungen auffassen zu können+.
Zur Beantwortung dieser Frage werden von +Hauser+ zwei Unterfragen
gestellt: Giebt es zweifellose Infektionskrankheiten, welche in
ihrem Verlauf gewisse Analogien mit der Entwickelung und dem Verlauf
der Geschwülste, insbesondere der bösartigen erkennen lassen? Und
lassen sich ferner die bei Geschwülsten, namentlich beim Krebs zu
beobachtenden anatomischen Befunde und biologischen Vorgänge nach
unserem gegenwärtigen Wissen mit einer parasitären Theorie der
Geschwülste vereinbaren?
Was die erste Frage betrifft, so ist, wie auch +Hauser+ hervorhebt,
nicht zu leugnen, dass in einem sehr wesentlichen Punkte, nämlich
hinsichtlich der Fähigkeit Metastasen zu bilden, eine gewisse
+Analogie zwischen den bösartigen Geschwülsten und den sogenannten
Infektionsgeschwülsten+, zu welchen z. B. die Tuberkulose und die
Syphilis, ich möchte hinzufügen Aktinomykose und Botryomykose zu
rechnen sind, besteht. In allen Fällen können unter bestimmten
Voraussetzungen metastatische geschwulstähnliche oder geschwulstartige
Krankheitsheerde zur Entwickelung kommen. Vielfach analoge Vorgänge
sieht man nun auch bei der Krebsbildung sich abspielen. Zunächst ein
lokalisirter Krankheitsheerd, dann meistens Zerfall des neugebildeten
Gewebes, folgt häufig krebsige Erkrankung der benachbarten Lymphdrüsen,
wie bei Tuberkulose und Syphilis, schliesslich kommen auch bald
vereinzelte, bald zahllose metastatische Geschwülste von der gleichen
Beschaffenheit wie die primären zur Entstehung.
[Illustration: Figur 12.
+Einschlüsse+ in oder zwischen Epithel- oder Geschwulstzellen. Vergr.
500–1000.
1. Aus einem Hautsarkom nach +Touton+; die in der mittleren Zelle
liegenden Kügelchen nehmen die +Weigert+’sche Fibrinfärbung an. 2.
Aus einem Carcinom nach +Steinhaus+. 3. Zelle aus einem Carcinom nach
+Podwyssowski+ und +Sawtschenko+. Die neben dem Kern liegenden Körner
färben sich mit Pikrokarmin, das daranliegende Korn mit Safranin. 4.
Zelleinschluss aus einem Sarkom nach +Pawlowski+. 5.-8. Verschiedene
Formen aus einem Lippenkarcinom. „Rhopalocephalus carcinomatosus“ nach
+Korotneff+. 9 a-c. Zellen aus einem Fall von Sycosis non parasitaria,
stammen von der Wurzelscheide eines Barthaares, nach +Kruse+.]
Der scheinbaren Analogie zwischen den Infektionsgeschwülsten und der
Karcinom- und Sarkombildung steht nun der +Unterschied+ gegenüber,
dass bei den letzteren die +Geschwulstelemente selbst+ weitergetragen,
an irgend einer Stelle des Körpers abgelagert werden und zur
Metastase die Veranlassung abgeben. Auch der Annahme, dass mit diesen
Geschwulstelementen gleichzeitig die spezifischen Krankheitserreger
verschleppt werden und die Metastasenbildung bewirken, steht die
Thatsache entgegen, dass bei den Geschwülsten im engeren Sinne die
metastatische Geschwulst durch Wucherung der verschleppten Zellen
selbst erzeugt wird. Während es sich bei den Infektionsgeschwülsten
um eine Art entzündlicher Gewebsneubildung handelt, tritt bei den
+Geschwülsten im engeren Sinne eine zu Geschwulstbildung führende
Wucherung verschleppter Körperzellen ein. Das grosse biologische
Räthsel der Geschwülste im engeren Sinne, sagt Hauser, beruht also auf
einer bis an den Parasitismus reichenden Emanzipation der Gewebszellen
von den physiologischen Wachstumsgesetzen.+ Nach ihm wären die
beobachteten Koccidien zufällige Gäste in den Geschwülsten dieser
Art, ohne mit der Entstehung derselben in irgend welcher Beziehung zu
stehen. Bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge wird man sich daher den
Ausführungen +Hauser+’s vollkommen anschliessen können:
„Es ist gewiss eine dankenswerthe Aufgabe der Zukunft, zu erforschen,
welche weitere Bedeutung den Protozoen als Krankheitserregern
thatsächlich noch zukommt; denn die Möglichkeit, dass dieselbe eine
viel weitere sein kann, als wir zur Zeit auf Grund wirklich positiver
Kenntnisse anzunehmen berechtigt sind, kann nicht bestritten werden.
Auch für die Aetiologie mancher Geschwülste mag vielleicht die
Protozoenforschung noch werthvolle Aufschlüsse bringen; +denn wenn auch
der Infektionstheorie der Geschwülste sich im Allgemeinen die erwähnten
Schwierigkeiten entgegenstellen, so dürfen wir deshalb doch nicht a
priori es für absolut unmöglich erklären, dass nicht doch Vorgänge,
wie wir sie bei der Krebsentwickelung beobachten, durch Parasiten
veranlasst werden könnten+. Wir müssen nur bei der ausserordentlichen
Unwahrscheinlichkeit unbedingt eine unanfechtbare und exakte
Beweisführung fordern.“
* * * * *
In der jüngsten Zeit hat +Roncali+[137] in einer zusammenfassenden
Arbeit über den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse über die
Aetiologie des Krebses berichtet. Er kommt dabei zu Ergebnissen, welche
der Vollständigkeit wegen ebenfalls in Kürze hier wiedergegeben werden
sollen.
+Roncali+ glaubt, dass man eine genetische Verbindung zwischen
Blastomyceten und bösartigen Neubildungen nicht in Abrede stellen
kann, und zwar aus folgenden Gründen: 1. wegen der morphologischen
Beweise, auf Grund des Studiums der Histologie der Tumoren; 2. wegen
der gelungenen +Isolirung der Fermente+ bösartiger Neubildungen beim
Menschen, welche das Studium der biologischen, morphologischen und
pathogenen Eigenschaften dieser Mikroorganismen zum Zwecke gehabt hat;
3. wegen der Inokulation der aus ihrer Umgebung isolirten Blastomyceten
auf Thiere, welche die Reproduktion bösartiger Neubildungen bei Thieren
bezweckt hat. Aus diesen drei Beweisführungen haben sich Thatsachen
ergeben, welche man in folgenden Sätzen zusammenfassen kann:
1. In den bösartigen Neubildungen des Menschen und der Thiere findet
man im +Protoplasma der Zelle und extracellulär im Bindegewebe+ Körper,
welche nicht von den Zellen herstammen, sondern den thierischen Geweben
fremd sind.
2. Diese Körper sind morphologisch identisch mit den sog. Koccidien,
welche von verschiedenen Autoren in den Zellen von Epitheliomen und
Sarkomen eingeschlossen gefunden worden sind.
3. Diese im Krebs gefundenen Körper sind auch morphologisch identisch
mit den Blastomyceten, die man in den Geweben der zum Experiment
benutzten Thiere antreffen kann, wenn diese mit Reinkulturen von
organisirten Fermenten inokulirt worden sind.
4. Diese Körper widerstehen konzentrirten Säuren und Alkalien auf
dieselbe Weise, wie die Blastomyceten, welche in den Geweben der Thiere
in Folge von Inokulation subsistiren können.
5. Diese Körper finden sich weniger gewöhnlich in den bösartigen
Neubildungen; ausnahmsweise in anderen pathologischen Prozessen.
6. Diese Körper sind in den Neubildungen des Menschen auf bestimmte
Oertlichkeiten vertheilt; man findet sie an der Peripherie des
neugebildeten Gewebes, also wo Wachsthum stattfindet, nicht in
der Mitte des Gewebes, wo der Zuwachs aufgehört hat und wo man
nur in Degeneration befindliche Elemente antrifft. Ferner ist ihr
Sitz entweder im Zellprotoplasma, oder zwischen den Bündeln des
Stützgewebes, und ausnahmsweise im Kern, und diese Umstände schliessen
einerseits die Zufälligkeit des Vorkommens dieser Körper aus und
beweisen auf der anderen Seite die enge Beziehung zwischen ihnen und
der Neubildung.
7. Diese Körper reagiren auf eine spezifische Färbungsmethode, die man
auch an Reinkulturen aus den bösartigen Neoplasmen des Menschen und der
Thiere erhalten kann.
8. Bei Untersuchung dieser in Reinkulturen aus bösartigen Tumoren von
Menschen und Thieren erhaltenen Körper hat man gefunden, dass sie
bei Inokulation in den Zellen der pathogenen Gewebe und zwischen die
Fasern des Bindegewebes eindringen, wobei sie dieselben Formen von
Zelleinschlüssen reproduziren, die sich in den Tumoren des Menschen
und der Thiere finden, aus welchen diese Blastomyceten in Reinkultur
isolirt worden sind.
9. Diese in Krebszellen eingeschlossene Körper geben die Reaktion der
Cellulose auf dieselbe Weise, wie die Blastomyceten in den Geweben der
Thiere, in die sie durch Inokulation von Reinkulturen gelangt sind,
und dies bildet einen neuen Charakter, der sie von Degenerationsformen
unterscheidet.