Kellner, meine Gäste lassen heute aber lange auf sich warten. -- So, Sie
sahen den Herrn Doktor ausgehen? -- Hm, dachte mir schon, daß er nicht
kommen würde. Und die anderen Herrschaften? -- Abgereist? -- Wer? -- Der
Herr Bischof? Davon hat er mir doch gar nichts gesagt! -- Na, und der
Herr Professor läßt sich entschuldigen! -- Der Herr Kommerzienrat hat
plötzlich wichtige Geschäfte zu erledigen! -- Die Damen sind unwohl!
Hurra! Die Musik spielt heute auch nicht hier. Der Saal ist schwach
besetzt! -- Großartig! -- Ein wahrer Glückstag. --
Na, Kellner, dann bringen Sie mir aber mal was Gutes zum Essen. Heute werde
ich meine Mahlzeit mit Andacht einnehmen können; heute werde ich doch
verstehen können, was ich esse. -- Was? -- Canapé de Caviar à la
Romanoff?! -- Nein, danke, heute nicht. -- Als Horsd'œuvre einen
eingemachten Hering. Ich habe 'nen Katzenjammer. Darauf einen Teller gute
Fleischbrühe, einen saftigen Rostbraten mit hausgemachten Nudeln. Die
Nudeln mit ein klein wenig Muskatblüte und recht viel geriebenen Käse.
Und eine Flasche Bier. Ah, das wird munden! -- --
Übrigens muß ich Ihnen mein Kompliment machen, junger Mann. Sie verstehen
Ihr Geschäft. Und das ist keine Kleinigkeit! Sie haben mich und meine
Gäste während meines Aufenthalts ausgezeichnet gut bedient. Meine Diners
waren fehlerlos, ein Gegenstand des Neides für meine Rivalen. Ich habe
nicht zu warten, mich kein einziges Mal umzusehen brauchen. Alles kam von
selber. Alles war einfach perfekt. -- Hier, darf ich Ihnen daher diese
Kleinigkeit für Ihre Mühen und ...? -- Wie? Sie nehmen kein Trinkgeld!?
-- Oder wollen Sie mich gar beleidigen? -- Sind zwanzig Mark für acht
Diners nicht genug? -- Wie? Überreichlich, und doch wollen Sie es nicht
annehmen! Dann halten Sie mich also für einen Kollegen? -- Auch nicht? --
Sonderbar! Von _mir_ nehmen Sie kein Trinkgeld --?! -- Warum gerade von
_mir_ nicht und doch von den anderen Gästen? -- Mein Geld ist doch genau
so gut wie das der anderen und vielleicht weniger »befleckt« ... nun, was
ist es denn! So sprechen Sie sich doch aus! -- -- -- Ja, ja, gewiß, ich
nehme Anteil an Ihrem Lose, ich nehme Anteil an jedem menschlichen Lose.
-- Aber woher wissen Sie denn das? -- Aha! Sie haben auf meine Reden mit
meinen Gästen gehorcht! -- Welch ein Wunder! Der Mensch horcht und bedient
gut zur gleichen Zeit! -- Aber ein Kellner soll nicht horchen. -- Ein
guter Kellner tut das überhaupt nicht! Das wissen Sie so genau wie ich.
-- Wirklich, ich habe mich in Ihnen getäuscht! Ich hätte Sie für einen
besseren Mann gehalten! -- Was? Sie konnten beim besten Willen nicht
widerstehen? -- Na, diesmal soll Ihnen noch verziehen werden! -- -- Aber
das ist interessant! Ich soll etwas für Sie tun?! -- Ja, mein lieber,
junger Freund, Trinkgeld nehmen Sie nicht von mir an! -- Was soll ich denn
sonst noch für Sie tun? -- Ich habe Ihnen doch bereits ein gutes Zeugnis
ausgestellt. -- Wollen Sie Ihr Lob noch einmal vor dem Prinzipal ausposaunt
hören? -- Nicht? -- Dann könnte ich Sie höchstens noch als meinen
Haushofmeister engagieren; aber mein Château ist erst im Bau begriffen,
und es wird noch lange, sehr lange dauern, bis es fertig ... Na,
jedenfalls geben Sie mir Ihre Adresse ... ich will sehen, was ... Wie?
-- Nicht für Sie persönlich, sagen Sie! Aber für wen denn sonst? -- Den
Stand? -- Ich soll etwas für den Kellnerstand im allgemeinen tun! -- Sie
meinen, seine soziale Lage verbessern, das Ansehen heben ...? Aber wie
kommen Sie denn auf eine solche Idee? Wie soll ich denn das anfangen!? --
Bücher darüber schreiben! -- Bah, welchen Zweck sollten solche Bücher
haben!? -- Bei der heutigen Flut von Büchern ... haben Sie eine Ahnung? --
Niemand würde Bücher über die Kellner lesen. Die Kellner selber würden
sie nicht einmal beachten! -- Wenn die freie Zeit haben, liegen sie auf dem
Turf. Wenn ohne Stellung, treiben sie sich in den dumpfen Schnapslokalen
der Stellenvermittler herum. Sie haben keine Zeit, Bücher zu lesen und
sich um ihr Los zu kümmern. -- Nein, mein junger Freund. Die Kellner
allein haben ihr Schicksal in der Hand! Sie und niemand anders auf der
Welt kann es bessern, kann ihnen helfen! -- Sehen Sie denn nicht, niemand
bekümmert sich um Ihr Los! -- Der Bischof, gegen den ich gestern Ihren
Stand verteidigt habe, reist heute ab. Der Soziologe, dem ich die Ohren
voll gepredigt habe, läßt sich entschuldigen. Der Herr Doktor strahlt
durch Abwesenheit. Der Großindustrielle ist jedenfalls so von der
Verwerflichkeit des Trinkgeldes überzeugt worden, daß er in Zukunft keins
mehr geben wird. -- Die Damen, oh -- Ihre schlimmsten Plagegeister -- --
Sie sehen ja selber, wie es mir ergeht! Ich bin in argen Mißkredit
geraten! -- -- Nein, mein Freund, Ihr Schicksal müssen Sie selber
ausfechten. Die Zeit wird kommen, wo die Kellner gut organisiert und
menschenwürdig für ihre Arbeit bezahlt sind. Dann wird Ihr Stand von
selber angesehen sein. Wenn alle Vorurteile beseitigt, alle Übelstände
und Schäden Ihres Standes im Laufe der Zeit kuriert sein werden, wenn
die Zustände, die heute noch als primitiv und engherzig Ihr Leben
unerträglich machen, verbessert worden sind, dann fallen die meisten
Möglichkeiten zu Konflikten in Ihrem Geschäfte wie im geistigen Leben
in sich selber zusammen. Das Dasein des Kellners wird sich dann als ein
menschenwürdiges und glückliches erweisen, wie es deren trotz allen
Elends in den modernen Industrien noch zu Millionen unter den Menschen
gibt. Es wird dann eine Freude sein, in Ihrer Stellung arbeiten zu können.
Dann werden Sie auch die Freude der Arbeit empfinden -- ihr eigentlicher
Lohn, der Ihnen bis jetzt noch versagt ist.
Ob ich wirklich einmal als Kellner gearbeitet habe? -- Selbstverständlich,
mein Freund! Und als solcher habe ich einen unvergeßlichen Augenblick
erlebt. Dies war, als ich einen jungen Koch am Herdfeuer stehen sah, einen
sauberen, kleinen, lebhaften Franzosen mit schwarzen, funkelnden Augen.
Meine stumme Bewunderung schien ihn mit Stolz zu erfüllen; meine Wenigkeit
machte ihn keck. Er klapperte ungeduldig mit seiner Pfanne und stieß
plötzlich aus:
»~Mon Dieu, que j'ai envie de travailler!~«
Dabei schwenkte er die Pfanne mit einer flinken Bewegung und warf eine
»Crêpe« in die Luft, wo sie dreimal Saltomortale schlug und geschickt
wieder aufgefangen wurde. -- Dazu dann die berühmte, unnachahmliche
südliche Geste ... -- gottvoll! Das Bild dieses jungen Arbeiters, ganz
mit dem Stolz auf seine Kunst erfüllt und mit der großen Liebe für seine
Arbeit -- es ist eine meiner liebsten Erinnerungen!
Auch Sie, mein Freund, sind auf die Freude der Arbeit berechtigt und nicht
auf ihren klingenden Lohn allein. Und darum raffen Sie sich auf! Nichts ist
herrlicher als »~struggle for life~«, als der Kampf ums Leben. Er ist das
Leben selber. Denn während wir kämpfen, hoffen wir. Die Entscheidung des
Kampfes ist erschütternd, wenn nicht noch mehr: langweilig. Der Sieger
ruht gern auf seinen Lorbeeren aus, wird fett, behäbig, unwachsam. Der
Besiegte wird zermalmt, vernichtet. Der Kämpfer allein steigt und bewegt
sich. Darum ist das Leben ein beständiges Ringen und dies die Freude der
Lebenden, der Gesunden ... Und der Mann, der einmal aus einem seelischen
oder körperlichen Ringen als Sieger hervorging, darf auch nicht glauben,
daß er nun gegen die Angriffe geheimer Mächte oder gegen die Tücke
des Nachbarn auf immer gefeit sei. Nein, neu und immer neu stürmen die
Widersacher und die Versuchungen auf ihn ein. Neu und immer neu bedrängen
sie ihn. Er muß wachen, muß bereit sein. Die Versuchungen sind das Leben
der Seele. Je heftiger und häufiger diese Angriffe sind, um so schöner
wird sich die Seele des Kämpfenden gestalten. Und wie jeder einzelne
Mensch sich seine Existenz erkämpfen muß, so müssen es auch die
Familien, die Stämme, die Völker, die Nationen, die Welten. So entstehen
Ackerbau, Künste, Industrien, Wissenschaften, Kulturen, Gewerbe,
Kriege, Revolutionen, Aufruhre. Wer kann sagen, daß Erdbeben, Fluten,
Feuersbrünste, alle Aufruhre der Elemente Unglück sei? Verschlingt
nicht eine Woge die andere? Bleibt nicht alles zusammen in der großen
Gemeinschaft des Meeres?
Wir Menschen können einander wenig oder gar nicht helfen. Aber einer
unserer größten Denker, Kant, sagt, daß der Mensch so viel tun soll, als
in seinen Kräften steht, um ein besserer Mensch zu werden. Unter dieser
Voraussetzung -- aber dann auch gewiß -- könne er hoffen, was nicht
in seinem Vermögen stehe, werde ihm durch höhere Veranstaltung zuteil
werden ...