VII.

Ach, gnädige Frau, das ist doch wirklich eine traurige Geschichte! --

Ja, ein Stiefkind in der Familie sollte man besonders schonend behandeln.

Stiefkinder sind äußerst zartfühlend und mißtrauisch. Die

Unsicherheit ihrer Stellung, ihr Verhältnis zur Familie, das Gefühl der

Nichtzugehörigkeit bestimmen ihren Charakter. Die geringste Kleinigkeit

kann sie bitter kränken. Gewöhnlich aber ist immer jemand in der Familie,

der dem Stiefkind gram ist. Vielleicht ist's ein hartherziger Stiefvater

oder eine keifende, zänkische Stiefmutter; die Geschwister sind auch

nicht immer liebevoll. Das Stiefkind muß es eben leiden; es ist nicht

vollwertig.

Sprechen Sie daher niemals zum Kellner wegen des Trinkgeldes. Sie können

ihn tödlich verletzen, denn der Kellner ist das Stiefkind unserer

Zivilisation. Sehen Sie nur, wie schwierig es ihm gemacht wird, auf

ehrliche, menschenwürdige Weise ein Stück Brot zu verdienen. Warum

müssen ihm denn noch andere Schwierigkeiten und Nachteile in den Lebensweg

gelegt werden, die ihm sein Dasein vollends versauern!?

Die geschäftlichen Nachteile, woran der Kellner sein Leben lang zu

schleppen hat, stehen natürlich im Vordergrunde. Es ist kaum möglich,

einen anderen Beruf anzugeben, der mehr geschäftliche Unannehmlichkeiten

aufzuweisen hat. Die obligatorische Einquartierung und Verpflegung im

Hause, die langen Geschäftsstunden, die vielen Reisen, das alles schließt

ein gesittetes Familienleben aus und verdammt den Kellner zum Zölibat,

während ein Heim und geliebtes Weib den jungen Menschen vor Verschwendung,

Unstetigkeit, ja Verderben retten und die Beschwerden des Berufes ihm

erleichtern könnte. Wir alle kennen die langen Sitzungen, die sich bis

in den frühen Morgen hinein ausdehnen. Wir kennen die Festlichkeiten,

Banketts und Bälle. Für uns heißen sie Vergnügen, für den Kellner

Verlängerung seiner Arbeitszeit und Verlust seiner Ruhe. Zur grauen

Morgenstunde, wenn die letzten Nachzügler über die verlassenen Straßen

wanken und sich über die Heimatlosen lallend lustig machen, die auf den

Rosten über warm dünstenden Kellerlöchern zusammengekauert dem neuen

Tag entgegendämmern, dann kramt auch verschlafen der Kellner seine

Siebensachen zusammen, zählt sein Trinkgeld, flucht ein wenig und

schleicht sich in sein Lager.

Ich habe einmal gesagt, daß der Kellner keinen Sonn- und Feiertag

kenne. Das ist unrichtig. Er kennt die Tage sehr genau. Denn dann hat er

gewöhnlich doppelte Arbeit. Der Anblick der schön geputzten, fest- und

sonntäglich gestimmten Menge macht keinen erhebenden, freudigen Eindruck

auf sein schwarzes Gemüt. Die Sonntagsmenschen sehen ihn nicht. Sie leben

in einem schönen Traum und schwatzen, schwatzen, lachen, lachen, schauen,

schauen. Der Sonntag ist das Ereignis. Der gute Rock tritt in seine Rechte.

Die Barschaft erlaubt, daß man wenigstens einmal in der Woche über

die Stränge schlagen darf, daß man seinen Neigungen zur Verschwendung

wenigstens einmal Raum läßt. Die Sonntagsmenschen sind sehr gemischt. Sie

wissen es aber nicht. Sie lachen und schwatzen. Nur der Kellner weiß es

und fühlt es.

Wenn der erste leichte Morgenreif gefallen ist und das dürre, bunte

Laub an den Bäumen zittert, wenn die frische, klare Luft vom Schrei der

südwärts ziehenden Zugvögel durchbebt wird, dann schnürt auch der

Kellner sein Bündel und rüstet sich wieder einmal zur Wanderschaft. Der

Wirt hat sein Etablissement geschlossen oder die Zahl der Angestellten

vermindert, denn die bunten, wimmelnden Sommermenschen, die schönen Frauen

mit den dünnen Blusen, lachenden Augen und fliegenden Haaren, die smarten

Herren mit den Negligéhemden, weißen Flanellhosen, seidenen Strümpfen

und farbigen Schuhen, mit dem malerischen Panamahut, der feinen

Stummelpfeife und dem Tennisracket, alle die geschmückten, glücklichen

Kinder des Sommers, alle sind sie verschwunden. Wohin? -- Das weiß

man nicht. Sie sind fort. Das ist alles. Aber darum gähnen auch die

Hotelzimmer in öder Langweiligkeit, und man erklärt die Saison wieder

einmal für tot. In den schwarzen Bahnhofshallen der Großstädte aber

stehen Berge von Koffern und Gepäck. Die frohen Sommermenschen schauen

schon wieder winterlich aus. Hin und wieder hat ein ankommender Kellner

auch das Vergnügen, für einen Sommermenschen gehalten zu werden, und der

Dienstmann berechnet ihm etwas mehr als Taxe für das Kofferschleppen.

Der Kellner zahlt es gern: er gibt noch ein Trinkgeld obendrein. Dann aber

wird's bald anders. Es heißt nun Stelle suchen. Manchmal glückt's gleich,

manchmal nicht. Schnee fällt, und die Barschaft auch. Der Kellner macht

Offerten, geht von Geschäft zu Geschäft. Immer begegnet ihm das gleiche

indifferente Achselzucken. Alles besetzt! Die Trottoirs, die Eingänge vor

den schmutzigen, verrauchten Kneipen der Plazierungsbureaus sind bereits in

aller Frühe von bleichen, fröstelnden jungen Männern belagert. Endlich

gegen zehn, elf Uhr kommt ein dicker Herr im Pelz. Man macht ehrfurchtsvoll

Platz. Schnaufend setzt sich der Gewaltige an seinen Schreibtisch in der

elenden, stinkenden Bude. Er öffnet die Lade, und die fetten Finger, mit

Brillanten geschmückt, nehmen die lange Liste heraus. Der erste, blasse

Jüngling, der am längsten gewartet hat, tritt heran. Die listigen

Schweinsaugen des dicken Herrn gleiten halb an ihm auf und ab, prüfen das

Bleichgesicht auf eine Möglichkeit hin, die nicht möglich ist, während

eine große, dicke Havanna mit feinem Bändchen zwischen den saftigen

Mundwinkeln hin und her wandert. Ein Augenblick Totenstille, dann stummes

Verneinen, Kopfschütteln, ein zager Einwand seitens des Bleichen, eine

gebieterische Handbewegung, die Brillanten blitzen: adieu! -- Der Nächste.

-- Diese Pantomime wiederholt sich hundertmal mit tödlicher Präzision,

bis die Sonne von dem grauen Bilde sich langsam abwendet. --

Der hungrige Kellner pumpt nun schon bei seinen arbeitenden Kollegen.

Die jungen Leute sind untereinander von einem wunderbaren Gefühl von

Zugehörigkeit und Freundschaft beseelt. Ein Kellner gibt für den anderen

das letzte Hemd her, teilt mit ihm den letzten Groschen. Aus Mitleid wird

er für den stellenlosen Kameraden gern ein halbes Dutzend Hühnerbeinchen

oder Hammelkoteletts »abservieren« und die Beute des Abends aus dem

Geschäft herausschmuggeln, um den Hungrigen damit zu füttern. Vielleicht

hat der stellenlose Kellner während des Winters einige Banketts mitgemacht

und sich ... Wie? -- Nein, nicht als Gast, sondern als Aushilfskellner

selbstverständlich. Ein Bankett in der Woche kann ihn über Wasser halten.

Er kann sich dort von den Überresten jedesmal so anfressen, daß er für

die nächstfolgenden Tage nicht zu sorgen braucht. Der Hungrige hat auch

verschiedentlich Gelegenheit, zu sehen, wie die reichen Leute tanzen

und Hochzeit machen und wie alle die Wohltätigkeitsbasare zugunsten der

Stellenlosen abgehalten werden. Er sieht, wie die mildtätigen Herren den

reizenden, dekolletierten Damen Goldstücke für Küßchen geben und wie

diese Goldstückchen überall hingesteckt werden, nur dort nicht, wohin sie

gehören. Was Wunder daher, wenn das Gold oft so versteckt ist, daß man es

nicht wiederfinden kann und die Stellenlosen infolgedessen noch immer den

ganzen Winter hungrig umherlaufen, bis der Frühling wiederkommt.

Das alles, geschäftliche Unannehmlichkeiten, Sonntagsarbeit, Nachtarbeit,

Stellenlosigkeit, Zölibat, Plazierungsunwesen, Ausbeutungen, die Gefahren,

die dem Stande durch »Überläufer« drohen, das alles drückt die soziale

Stellung des Kellners in unseren Augen sehr herunter; die Unkenntnis

der Menschen von seiner Lage, seine Popularität in der Karikatur,

die Gedankenlosigkeit und Ungerechtigkeit des Publikums machen ihn zum

Stiefkind der Zivilisation, lassen seinen Stand, sein Leben, sein Los

mit dem anderer Berufe und Geschäfte als minderwertig, verächtlich

erscheinen. Der Kellner darf es nicht wagen, sich mit dem geringsten

Arbeiter auf gleiche Höhe zu stellen. Warum? Hat er nicht genug

geschäftliche Schwierigkeiten zu überwinden? Muß man ihn auch noch bei

seiner Ehre als Arbeiter angreifen und ihn als die minderwertigste aller

Kreaturen hinstellen?

Früher, als die Zeiten einfacher waren, hatte jeder seine Werkzeuge,

arbeitete bei sich und für sich in seiner Werkstatt und verkaufte seine

Produkte. Dieser kleine, fleißige Mann von damals ist heute fast ganz

ausgerottet worden. Nur in kleinen, abgelegenen Städtchen taucht er noch

vereinzelt auf und fristet ein kümmerliches Dasein. -- Die zahllosen

Massen verkaufen heutzutage ihre Körper- und Geisteskräfte an die

Fabriken, die die Produkte im großen hervorbringen und auf den Markt

tragen. Die Fabriken stellen dem Handwerker die Aufgaben und zur

Ausführung derselben Werkstatt, Werkzeuge und Maschinen. Gleichzeitig

beanspruchen sie natürlicherweise die besten Stunden des Tages und die

besten Lebensjahre des Arbeiters. Eine Arbeiterfamilie braucht weder dem

lieben Herrgott noch dem lieben Fabrikherrn zu danken, wenn ihr Ernährer

Arbeit und Verdienst hat. Der Arbeiter glaubt auch nicht, daß seine

Arbeitgeber ihn anstellen und bezahlen, damit er und seine Familie etwas

zu essen und eine Schlafstätte habe. Er kennt seine Lage genau. Der

Arbeitgeber stellt seine Leute an, weil er in den Kräften derselben

einen Nutzen für sich selber erblickt. Er kann dem Arbeiter nicht so

viel zahlen, als wie dessen Körper- und Geisteskräfte für ihn, den

Arbeitgeber, wert sind. Und wenn der Arbeiter noch so guten Lohn erhält,

-- seine Kräfte sind dem Fabrikherrn mehr wert.

Diese Wahrheit muß natürlich auch der Kellner in seiner Arbeit erfahren.

Denn auch er gehört zu den großen, unermeßlichen Kolonnen, die mit

Sonnenaufgang zur Fabrik pilgern und sie mit Sonnenuntergang verlassen. Ja,

er tut noch mehr. Er arbeitet noch lange nach Sonnenuntergang weiter, er

arbeitet fast ununterbrochen.

Für den alten, trotzigen, stolzen Handwerksmeister der vergangenen

Jahrhunderte muß die Arbeit eine unendliche Freude gewesen sein, eine

Quelle der Wonne und der Stärke. Ich kann nicht glauben, daß die strammen

Gesellen, die flinken Lehrlinge, die bärtigen, ernsten Meister jemals

müde geworden sind. Aus ihrer Werkstatt heraus drang schmetternder Gesang

lebensfroher Menschen, und die Bürger draußen hielten am Fenster an, die

werdenden Meisterwerke zu bewundern. --

Anders ist es heute. Die Maschinen surren, die Motoren heulen: wilde,

gebändigte, unterirdische Geister seufzen darin vor Wut und wollen sich

von dem Joche der Menschen befreien, die es vermochten, die geheimen

Mächte des Erdinnern zu bändigen und ihrem Willen untertänig zu machen,

ohne sie auch nur im entferntesten zu kennen. Doch die Geister sind wild

und bleiben es. Und sie haben sich an der Menschheit gerächt, haben ihr

Hammer und Säge aus der Hand genommen und schmieden nun Maschinenwerke

mit der Schärfe und Genauigkeit, die der Schöpfer sie aus dem Wandel der

Sterne gelehrt hat. -- Die Werke der Maschinen sind nicht mehr die Werke

der Menschen. Ihnen fehlt die schöne Spur der menschlichen Hand,

das Tasten und Suchen des Meisters, der die Vorbilder der Schöpfung

nachzuahmen versucht. Die gefesselten Elemente haben sich gerächt, das

Leben der Maschinen hat die Menschen, welche sie bedienen, selber zu

Maschinenmenschen gemacht.

Das ist die Rache der furchtbaren Elemente. Die Maschinenmenschen des

zwanzigsten Jahrhunderts haben das Herz des Schöpfers nicht mehr in sich.

Aber dafür sind sie ganz mit der dämonischen Kraft gefesselter Elemente

erfüllt. Sie wühlen und arbeiten mit heißer, fiebernder Wut, fauchen

und keuchen wie die Maschinen, fluchen und stoßen unheilige Worte aus.

Der Gesang der Werkstatt tönt nicht mehr. Er ist auf immer verstummt. Die

unersättlichen, selbsttätigen Maschinenmenschen aber hasten stumpfsinnig,

betäubt und rasten nicht, bis sie eines Tages die innere Kraft verläßt.

Die Feder bricht, sie fallen zusammen, werden auf den Schutthaufen geworfen

und später umgeschmolzen. Schauderhaft groß ist dieser menschliche

Schutthaufen unseres Jahrhunderts. Und stumm ziehen daran vorüber die

Armeen des Morgens und die Armeen des Abends, stumm, gefühllos, apathisch,

ohne einen Gott im Herzen. Was nützt es, daß der eine oder der andere

frivol und zynisch auflacht, wenn er einsieht, daß auch er bald zum

Schutthaufen gehört? Wer gedenkt derer, die schweigend den Kampf aufgeben

und in der stummen Finsternis verschwinden? -- Wer steht jenen bei, die

sich wild gegen die unterdrückenden Kräfte aufbäumen und am Rande des

Weges ihr Blut verröcheln? -- Die großen Armeen marschieren weiter,

schnell werden die Lücken der unterbrochenen Linien von hinten

ausgefüllt.

Wir leben im Zeitalter des industriellen Faustrechts. Ungestraft darf

der starke Maschinenmensch über die Trümmerhaufen, über die Leichen

hinweghasten. Wenn er mit größerer Kraft erfüllt ist als seine

schwächeren Brüder, so preist man ihn, man jubelt ihm zu, wenn er

niedertritt, was schwächer und zarter ist. Da sich aber die menschliche

Natur nicht mit dem Faustrechte verständigt, da sie ihm flucht, so nennt

man die rohe Kraft, welche Tausende und Abertausende verdrängen und

niedermetzeln darf, »Energie«. Wiederum nur einer der vielen schönen

Namen, die sich die Menschheit erfindet, um ihre größten Laster und

Sünden zu verdecken. Ich habe Ihnen bereits gesagt, welch schöne Namen

man dem Trinkgelde gegeben hat. Ich habe Ihnen auch gesagt, daß das meiste

Unglück auf der Welt durch die Tatsache hervorgerufen wird, daß der

einzelne Mensch seiner eigenen Persönlichkeit viel zu viel Wichtigkeit

zuschreibt. Dies war zu allen Zeiten der Fall. Napoleon zum Beispiel war

so von der Wichtigkeit seiner eigenen Person überzeugt, daß er sich gar

nicht lange bedachte, seine Pläne durchzusetzen, selbst wenn es galt,

Gewalt zu gebrauchen und wenn sie Hunderttausende von Menschenleben

kosteten, wenn Hunderttausende von friedlichen Menschenhäusern dabei

in Flammen und Asche aufgehen mußten. Aber er wurde gepriesen. Er war

»energisch«. Man ahmt ihm nach. Indes, was ist aus ihm und seinem Reiche

geworden? -- Was ist aus den Reichen aller großen Menschenschlachter

geworden? -- Das Reich eines Christus wird weiterbestehen. Zum bleichen,

dornengekrönten Haupte auf Golgatha wird die Welt immer die Blicke in

Ehrfurcht erheben müssen.

Der Napoleone großen und kleinen Stils gab es und gibt es viele und zu

allen Zeiten. Der öffentlichen Sicherheit und des Friedens wegen sollten

sie eingesperrt werden. Geistig sind sie gewöhnlich nur mittelmäßig

begabt, Feinheiten gehen ihnen ganz ab. Aber man preist sie! Man weicht mit

Schrecken und Ehrfurcht vor ihnen zurück, denn die Maschinenmenschen sind

feige in ihren Herzen. Sie haben nicht mehr den Geist des Schöpfers in

sich, sie haben ihren Gott verloren. Es ist nicht ihre Schuld! -- Wir

wollen sie nicht schmähen. Die Sklavenarbeit der Maschine hat ihnen alles

geraubt, was einst heilig war.

Und doch steht die Arbeit, so schwer sie auch heute auf den Gemütern

und Körpern der Menschen lasten mag, als solche der Arbeit vergangener

Jahrhunderte nicht nach. Ihr Geist ist innerlich der gleiche geblieben. Der

Geist der ehrlichen Arbeit erfüllt unsere Herzen heute genau mit derselben

Freude, die er vor Jahrhunderten verteilte. Man muß sich weit von den

Menschen entfernen, um sie zu erkennen. Und wer dann von ferne die Arbeit

unserer heutigen Tage betrachtet, wird nicht die Irrtümer und Schwächen

der Menschen sehen, er wird nicht sehen, wie sie sich einander morden und

verdrängen, wie die entfesselten Geister der Elemente Tausende schlachten,

er hört nur einen gewaltigen, brausenden Gesang aus dem Getöse der Zeit

heraus, wie einst der Gesang der frischen Gesellen aus der Werkstatt drang.

Und aus dem Gewühl vernimmt er schon, wie sich allmählich eine wunderbare

Harmonie bildet, wie der Gesang der arbeitenden Völker einträchtlicher,

harmonischer wird, wenn sich alle Stimmen verständigt haben. Und in diesem

göttlich schönen Gebrause ahmt die arbeitende Menschheit die Harmonien

der Schöpfung, den donnernden Gang der Gestirne nach, wie der einzelne

menschliche Schöpfer dem einzelnen Vorbilde der Natur zustrebt.

Wie nun der moderne Durchschnittsmensch selber nichts mehr produziert,

sondern wie sich die Menschen zusammentun, um als ein einziger, großer,

machtvoller Körper etwas zu produzieren, und wie jeder einzelne Mensch

seine Kräfte dem großen Körper, dem er angehört, verkaufen muß, so

folgt auch der Kellner dem Beispiel seiner Mitmenschen. So entsteht aus der

Zusammensetzung von den verschiedensten Kräften und Begabungen einzelner

das große moderne Hotel, welches oft die Kräfte von tausend bis

zweitausend Menschen beansprucht. Und dieser große Hotelkörper

produziert. Er produziert Essen und Trinken und Unterkommen für Menschen,

wie eine Schuhfabrik Schuhe und eine Kleiderfabrik Kleider für Menschen

produziert. Somit nimmt der Kellner eine Stellung als Arbeiter in der

Hotelfabrik ein.

In unserer menschlichen Gemeinschaft hat man meistens die Gewohnheit,

den einzelnen Menschen nach seiner Arbeit oder seiner Stellung in dieser

Gemeinschaft zu schätzen und zu bemessen. Diese Art und Weise, einen

Menschen zu berechnen, ist die einfachste, denn man braucht nicht viel

dabei zu denken. Man macht sich gewöhnlich nicht gern viel Gedanken, und

demnach hält man einen Schuster gewöhnlich für einen Schuster. Und einen

Priester oder einen Premierminister gewöhnlich für einen Geistlichen

oder einen Staatsmann. Aber natürlicherweise ist nichts falscher als dies.

Indessen wie man den Menschen gewöhnlich nach seiner Arbeit bemißt, so

bemißt man seine Arbeit auch nach dem Lohne, den er dafür erhält. Das

ist natürlich ebenso falsch. Es ist sonderbar, wie falsch die Menschheit

denkt und urteilt und immer wieder die gleichen Irrtümer begeht. Wer der

Wahrheit auf den Grund kommen will, der stelle eine von der Menschheit

als wahr akzeptierte Sache einfach auf den Kopf, und in neunundneunzig von

hundert Fällen wird er die Wahrheit erkennen.

Sie glauben dies nicht? -- Sie werden mir doch wohl nicht sagen wollen,

daß die beste, edelste Arbeit stets am besten bezahlt oder gar nur als

solche anerkannt wird!? Und daß die schlechteste Arbeit am schlechtesten

belohnt wird! Nein, so verkommen kann ich mir keinen Menschen denken, daß

er solches zu behaupten wagt.

Da man nun aber einmal die Arbeit nach ihrem Lohne abschätzt, so finden

wir auch erklärlich, warum der Kellner allgemein mißachtet wird. Wir

haben die Lösung des Rätsels, warum der junge Arbeiter in unseren Tagen

der großen Industrie- und Arbeiterbewegungen abseits dastehen muß, wie

wenn er ein Nichthinzugehöriger wäre. Aus diesem Grunde erkennt man ihn

im Rate der großen Arbeiterschaften nicht an. Da er sehr geringen Lohn

für seine Arbeit empfängt, so ist diese auch in den Augen des Volkes

gering. Wo er gar keinen Lohn erhält, ist seine Mühe und sein

Schweiß gleich Null. Ich sehe hier natürlich vom Trinkgelde ab, dessen

Verwerflichkeit und Illegitimität ich erwiesen habe. Weil die Arbeit

des Kellners nun so schlecht bezahlt wird, weil sie von der Gnade und der

Barmherzigkeit und der unrichtigen Wertschätzung derer abhängig ist,

denen er sie liefert, so fühlt sich auch selbst der geringste Taglöhner

mehr als der intelligenteste Kellner und läßt dem letzteren diese

seine liebevolle Meinung bei jeder Gelegenheit fühlen. Nicht einmal

der niedrigste Arbeiter hält den Kellner aus diesem Grunde für einen

vollwertigen Genossen. Er hat eine unbestimmte Vorstellung von ihm, er

hält ihn für etwas, aber nicht für seinesgleichen, für einen Arbeiter.

Ja selbst die Gesetze der verschiedenen Länder scheinen tatsächlich noch

nicht zu wissen, was sie mit dem Kellner anfangen sollen, wohin sie ihn

stecken sollen, in welche Kategorie er gehört. Und doch ist er da! Er

ist doch etwas, er will doch auch ein Mensch sein, zur menschlichen

Gesellschaft gehören und nicht mit schelen, zweiflerischen Blicken

betrachtet werden. Das ist der größte Schmerz, den unser Ganymed, der

Kellner, hat. Das ist die größte von allen Ungerechtigkeiten, die wir

gedankenlosen Menschen ihm antun. Traurig, gekränkt wendet er sich von uns

ab, mit aller Charakteristik eines verfemten und verhaßten Volkes hält er

zu seiner Art und sucht sich unter seinesgleichen zu trösten. Er hat keine

Freunde außer den Seinigen, er will keine. Diese internationalen Menschen,

ohne Heimat, ohne Vaterland und doch überall zu Hause, die überall

Bekannten und doch Fremden, die Namenlosen, sie nennen sich bescheiden

»Zugvögel«.

Wir haben aber gesehen, daß sie Arbeiter sind! Daß sie schwere,

intelligente Arbeiter sind, die mit den Körperkräften eines Bullen hohes

geschäftliches Wissen und die Finessen eines Diplomaten verbinden müssen,

wenn sie nicht vor Hunger sterben wollen. Wir haben erkannt, welche

wichtige Rolle der Kellner in dem großen Verbande der Gastwirtsindustrie

spielt. Warum soll er nicht gleichberechtigt sein mit den Arbeitern,

die die Maschinen beaufsichtigen und bedienen? Bedient der Kellner keine

Maschinen? Ja, und was für gefährliche! Soll er noch länger von fern

stehen und uns fremd sein müssen!? -- Ein Arbeiter sein müssen und nicht

einstimmen dürfen in das Summen der Maschinen, in das Singen der Motoren,

in das Dröhnen der Hämmer, in das brausende Hohelied der Arbeit!! -- Das

ist schrecklich! Das ist die schlimmste Beleidigung, die man einem Arbeiter

ins Gesicht schleudern kann. -- Ein Krieger opfert uns alles auf, Gut, Blut

und Leben. Aber wir dürfen ihm nicht wehren, in den Gesang der Schlacht

miteinzustimmen.

Das ist der Kern in der Handlung der Tragödie vom Kellnerfrack.

-- -- -- -- --

Zu all diesem tritt aber noch mehr hinzu, um das Dasein des anständigen

Kellners unerträglich zu machen, um seine geschäftliche Existenz zu

bedrohen und sein Ansehen in unseren Augen herabzudrücken. Ich will

Sie, meine Freunde, nur noch auf eins aufmerksam machen, das ich soeben

bemerkte. Zu diesem Zwecke muß ich unseren Kellner mit ins Gespräch

ziehen. --

Sagen Sie mal, Kellner, was ist denn das für ein entsetzlich ungeschickter

Mensch da drüben? -- Ich habe ihn seit einiger Zeit beobachtet; er scheint

sich nicht ein noch aus zu kennen. -- Wie? noch nicht lange im Geschäft?

Er ist doch schon verhältnismäßig alt! -- -- Aha! Er war früher

»etwas anderes«! Was denn? Doktor? Oder ist er ein Adeliger? -- So, man

weiß nicht recht. -- Der arme Teufel! Sieht sonst ganz anständig aus! --

Aus diesem Grunde hat man ihn wahrscheinlich auch nur engagiert. Kommt

es häufiger vor, daß sich diese mysteriösen Gestalten in die Kellnerei

hineinflüchten? -- So! Ja, leider, sehen Sie, Kellner, das scheint auch

noch ein Krebsschaden an Ihrem Stande zu sein. Es sieht aus, als ob er die

letzte Zuflucht aller verkrachten Existenzen sei. Nicht wahr? So eine Art

Abladeplatz für die Scherben der Gesellschaft, für die verschimmelte

~Jeunesse dorée~. Was sagen denn die Prinzipale dazu? Sind die denn damit

einverstanden? -- Ja, aber können Sie denn als Fachmann nichts dagegen

tun? -- Aha, also da steckt's! Keine Organisation! -- Gewiß, ganz richtig!

Viele werden durch die Gerüchte von dem großartigen Verdienst angelockt,

nicht wahr? -- Schließlich ist es ja auch ganz natürlich, wenn sich ein

heruntergekommener Jüngling der »Gesellschaft« oder ein verkrachter

Lebemann den schönen Stätten seines früheren Genusses und Glücks wieder

zuwendet. Solche Tage sind unvergeßlich. Verbrecher kehren ja auch immer

wieder an der Ort der Tat zurück. Und dann scheinen verkrachte

Edelleute, Leutnants a. D. usw. sich durch ihre früheren Erfahrungen

auf kulinarischem Gebiete genügend Vorkenntnisse erworben zu haben,

um, gestützt auf ihre feinen Manieren und angeborene Gewandtheit, ganz

passable Kandidaten für den Kellnerstand zu werden, wenn sie noch kein

allzu hohes Alter erreicht haben und ihre Beine noch nicht zu schlotterig

geworden sind. -- Sie kennen doch die Geschichte aus New York? -- Nicht?

Sie ist doch der beste Beweis für diese Behauptung. Erst kürzlich bot

ein hervorragender Restaurateur in New York einem Grafen in Paris per Kabel

eine Stellung als ~Maître d'Hôtel~ mit unglaublich hohem Gehalt an, da

die empörte Frau Gräfin -- eine amerikanische Millionenerbin -- ihrer

Ehekomödie müde, den Seigneur aus ihrem üppigen Nestchen am Bois de

Boulogne an die frische, rauhe Luft setzen ließ, so daß der Ärmste,

plötzlich aller Mittel entblößt, nicht nur keine Champagnerbäder mit

anderen Freundinnen mehr nehmen konnte, sondern über Nacht seinen ganzen

Kredit verlor, was bekanntlich das Schlimmste ist, das einem Sterblichen

zustoßen kann. Selbst ein Aristokrat weiß den plebejischen Kredit

zu würdigen. Kurz, die Geschichte ist weltberühmt. Der Gedanke des

Restaurateurs wurde seinerzeit als famoser Witz applaudiert, und nicht nur

er, sondern die ganze Stadt hat die ablehnende Haltung des Edlen in Paris

unendlich bedauert. Eigentlich war es ein sehr billiger, schäbiger Witz.

Aber es ist eine gute Illustration für das, was wir soeben besprachen.

Daß derartige Fälle selbst bei Wirten vorkommen können, die von

Sensationshascherei dazu angetrieben werden, ist nicht nur bedauerlich

für den Kellner und seinen Stand, nein, es ist geradezu entmutigend. Der

betreffende Restaurateur aber hat sich aufs Glatteis begeben. Denn

wenn sein Etablissement von verrotteten, verschuldeten, ausgemergelten,

moralisch und intellektuell auf der niedrigsten Stufe stehenden

Aristokraten geleitet werden kann, so stellt der Inhaber des Geschäftes

sich damit selber ein Zeugnis aus, das einem bürgerlichen Totenschein

verzweifelt ähnlich sieht. -- Wiederum ein schrecklicher und zugleich

interessanter Beweis, wie gedankenlos die meisten Menschen vorgehen und

dadurch sich immer und immer wieder verraten und sich kompromittieren.

Was wird aber aus den anständigen Arbeitern, unter welche sich solch

zweifelhafte Elemente ungestört mischen dürfen? Kann man gar unter

diesen Umständen verhindern, daß uneingeweihte nachteilig über den Stand

urteilen? -- Gewiß nicht! -- Ich will Ihnen nur ein einziges, aber

ein klassisches Beispiel erzählen, wie und was man in der »höheren«

Gesellschaft unter den Einflüssen genannter Art von dem freundlichen,

hart arbeitenden jungen Mann denkt, der uns am Tische aufwartet. Er ist

der bekannte Ausspruch, den der damalige Direktor der Königlichen

Kunstakademie in Berlin, Herrn Anton von Werner, gelegentlich einer Kritik

über das Gemälde von Max Klinger, »Christus im Olymp«, sich erlaubte.

Das genannte Bild erregte bei seinem Erscheinen vor etlichen Jahren als

das Werk eines »Modernen« großes Aufsehen. Herr von Werner, der auch

ein ganz tüchtiger Maler ist, sich aber bekanntlich zur »alten« Schule

bekennt, ließ sich zu heftigen Worten gegen den »Modernen« hinreißen.

Das Bild, welches sich jetzt in Wien befindet, stellt den Erlöser dar, wie

er in Begleitung von christlichen Büßerinnen die Götter des heidnischen

Altertums von ihren Höhen verdrängt. In den Augen des Herrn von Werner

stellte das klingersche Gemälde jedoch Christus in Gesellschaft von

pariser Kellnern und Freudenmädchen dar. So drückte er sich wenigstens

aus. Man hat ihm natürlich dies vorübel genommen, und er mußte

öffentlich bedauern, daß er sich getäuscht hätte. Die Geschichte ist ja

genugsam bekannt.

Ich habe mich aber oft gefragt, warum der brave Herr von Werner gerade den

Kellner zur Zielscheibe seines geistarmen Spottes machte. Haben pariser

Kellner etwa mehr mit pariser Freudenmädchen zu tun als -- na! -- sagen

wir -- pariser Maler? -- Oder berliner Kellner und berliner Mädchen und

berliner Maler? -- Oder die Kellner, Mädchen und Maler irgendeiner Stadt

auf der Welt? -- Man braucht wirklich nicht in Paris gewesen zu sein, um zu

wissen, was ein Quartier Latin, Monmartre oder Porte St. Martin ist,

oder wie sonst die Stadtviertel heißen mögen, wo Pseudokünstler mit

Pseudojungfrauen ein Pseudodasein, ein Dämmerleben und -treiben führen,

das nichts ist als ein tatenloses, selbstverherrlichendes, langsames

Verglimmen. In jeder Großstadt sind solche »Quartiers« zu finden. Doch

das Thema ist bis zum Überdruß verherrlicht, behandelt, abgeleiert und

abgedroschen worden; es wirkt nachgerade uninteressant.

Der gute Herr von Werner war sehr erregt, als er die Wörter »Kellner«

und »Freudenmädchen« in einem Atem aussprach. Er muß sehr erregt,

fieberhaft erregt gewesen sein. Der Arme! Darum hätten die Kellner sich

damals nicht aufzuregen brauchen. Darum hätten sie ihm stillschweigend

verzeihen müssen und ohne seine öffentliche Erklärung zu

verlangen. -- --

Sie haben einesteils recht, gnädige Frau, wenn Sie sagen, daß die ganze

Geschichte für uns Mitglieder der Gesellschaft von sehr geringer Bedeutung

sei. Aber gestatten Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache, welche

Bedeutung sie für die Kunstgeschichte hat. Uns Kunstkennern liefert sie

nämlich ein Freibillett zu einer Arena, wo ästhetische Gladiatoren sich

auf Tod und Leben ans Fell gingen. Die bösen Worte, die Herr von Werner

in der Hitze des Gefechtes ausstieß, bilden für uns den höchst

interessanten, für ihn aber verhängnisvollen Kulminationspunkt in einem

erschütternden Drama vom Kampfe des Alten gegen den Ansturm des Jungen.

Dieser Schauspiele in mannigfaltiger Gewandung erleben wir viele gerade in

unserer Zeit. Ja, jeder von uns wird eins auskämpfen müssen. Das Drama

mag verschieden sein, aber der Kern der Handlung ist meistens der gleiche.

Der alte Maler, der seit Jahr und Tag in Berlin Militärstiefel gemalt

hatte und sich im Strahle allerhöchster mediceischer Gunst sonnte und

so der deutschen Kunst, welche ohnehin in den damaligen Jahren ein

schwächliches Blümchen war, vollständig die Sonne wegnahm, er mußte in

dem Kampfe weichen, denn er hatte sich zu sehr entblößt. Er hat das Gift

eines alten Geiferers gegen die frische Jugend ausschleudern wollen, statt

sie lächelnd und freudig zu begrüßen, statt sich an ihrem übermütigen

Streben als Philosoph zu ergötzen und, wenn er auch selbst kein großer

Maler sein kann, so doch zu versuchen, ein großer Mann an Herz und Gemüt

zu sein, was noch etwas mehr ist als pur geniales Pinseln.

Aber Herr Anton von Werner war kein großer Mann an Herz und Gemüt, und

darum hat die Zeit ihn auch schon vor seinem leiblichen Tode gerichtet. --

Hu, mit einer ganz unheimlichen Sicherheit richtet die Zeit! Und namentlich

den Eiferer und Geiferer. Wie schmerzlich muß es für einen Menschen sein,

der sich sein Lebtag lang auf den Höhen des Lebens wähnte, wenn er eines

Tages erwacht und sieht, daß er Ruck für Ruck hinabgezerrt wird. So

arbeitet die Zeit. Ruck für Ruck. Niemals heftig und plötzlich, sondern

wie das knappe, abgerissene Zucken des Pendels.

Es klopft die Jugend an unsere Tür und ruft: »Platz, Platz!« Dann muß

man zuschauen, wie die Zeit einem das Lebenswerk in die Rumpelkammern

unserer Kultur steckt, in die dumpfen Kellerräume, wo an den feuchten

Gewölben ein muffiger Grabgeruch wie von verfaultem Sonnenlicht und welkem

Lorbeer klebt. -- --

Aber wie alles Böse, so birgt auch das gehässige Wort des Herrn von

Werners etwas Gutes in sich. Es läßt einen herrlichen Gedanken in sich

aufdämmern, an dem freilich der Urheber unschuldig ist, nämlich _den_

Gedanken, daß in Wirklichkeit einmal ein Christus unter Kellnern und

auch wieder unter Freudenmädchen segnend und tröstend einherwandeln

möge ....

Indes, ein solches Bild könnte kein Künstler malen, der sein Lebtag lang

nur Stiefel und Sporen und Schlachtenbilder mit mangelhafter Perspektive

malt, der Bilder malt, worauf die großen Generale an den gefährlichsten

Stellen stehen, wo rings um die kühn und unerschrocken dreinblickenden

Fürstlichkeiten Schrapnells, Pferde, Gemeine und Unteroffiziere vom

Feldwebel abwärts in Mengen krepieren und wo brechende Blicke dankbar

verklärt an der hehren Gestalt des Landesvaters auf und ab wandern. --

Nein, ich glaube nicht, daß die Kellner sich für Bilder interessieren,

die allerhöchsten Geschmack irreleiten und einer braven patriotischen

Partei der eiserne Bestand an Rührseligkeit sind. Die Kellner

interessieren sich für solche Schlachtenbilder nicht. Gegen Romantik sind

sie stumpf. Gegen Militärtrompeten sind sie taub. Auch danken sie für

Orden. Sie kriegen sowieso keine. Die Kellner steckt man ja doch nur

immer ins Offizierskasino. Für die Front sind sie der Plattfüße wegen

untauglich. -- Thackeray meint an einer Stelle einmal, daß die Menschheit

die militärische Tüchtigkeit so fürchterlich hochschätze, weil sie --

die Menschheit -- im Herzen feige sei. Ich weiß nicht, wie Schlachtenmaler

darüber denken. Ich weiß nur, die Kellner wollen nicht feige sein. Sie

haben Mut, ihr Leben zu ertragen. Also keine Schlachtenbilder, bitte,

und mögen sie noch so schön und glatt und glänzend sein. -- Aber wenn

wirklich einmal ein Christus unter Kellnern erscheinen sollte, so bin ich

gewiß, daß sie sich bei einem Uhde ein Bild bestellen werden. -- --

Diese Geschichte ist also ein typisches Beispiel, wie man über den Kellner

denkt. Aber wie dunkel muß es in den Köpfen sein, die so denken! Denn sie

denken nicht, sie machen sich nur Vorstellungen -- nach ihnen selber. Sie

sehen nicht, sie haben nur Ansichten. Darum hat der Kellner keinen Platz

unter uns: er hat nur eine Stellung. Darum bekommt er keine Anerkennung

für seine Arbeit, nur Wohlwollen. Er hat darum keine Ziele, nur

Aussichten. Keine Ideale, nur Idole. Keinen Gott, nur Götzen. Kein

Einkommen, nur ein Auskommen. Kein Heim, nur ein Unterkommen, ein Obdach.

Keine Heimat, nur einen Geburtsort. -- Solange er jung ist, läßt sich

dies leicht ertragen; aber was wird aus ihm, wenn er in Jahren vorrückt?

Als junger Mensch hat er Gelegenheit, viel Geld zu verdienen, mehr wie

manch ein anderer seiner Gesellschaftsschichte. Aber seine Unkosten sind

auch groß. Und nach dem dreißigsten bis fünfunddreißigsten Jahre lassen

seine physischen Kräfte schon nach. Sein Aussehen hat schon nicht mehr

die nötige Frische der Jugend, welche verlangt wird. Was wird nun aus

ihm, nachdem er seine Jugend weggegeben hat? Nicht jeder kann im Geschäfte

fortkommen und höher steigen. Von einem Tausend erreichen nur wenige einen

höheren Posten. Aus hundert _dieser_ Glücklichen wird vielleicht nur

einer Geschäftsinhaber. Und es tritt noch der merkwürdige Umstand hinzu,

daß ein Kellner außerhalb seines gelernten Geschäftes in einer anderen

Beschäftigung oder Beruf trotz oder wegen seiner Welterfahrung und

Weltgewandtheit selten oder fast nie erfolgreich ist. Vielleicht kann er

sich nicht einschränken. Er fühlt sich nicht wohl in der Enge, in welche

so viele Berufe die Menschen zwängen. Er kann kaum das zustande bringen,

was ein bescheidener, ungebildeter, beschränkter Mann vermag. Er ist

zu sehr an großartiges Leben, gutes Essen, Luxus, Geldverschwendung,

Frivolität gewöhnt; er kann nicht haushälterisch mit seinen Mitteln

umgehen, er kann schlecht rechnen.

Nach einer eingehenden Betrachtung des Werdens, Seins und Vergehens des

Kellners kommt man zögernd aber sicher zu dem hoffnungslosen Fazit,

daß sein Los eines der undankbarsten, unangenehmsten ist, die unsere

Zivilisation zu verteilen hat. Höchstens pekuniär scheint sein Beruf den

gewöhnlichen Gewerben gegenüber einige Vorzüge aufzuweisen, aber auf

die Dauer hält er seine Versprechungen nicht und hintergeht den, der mit

vielen Freuden und Hoffnungen begonnen hat, meistens so schnöde, daß

sein Opfer jeder weiteren Hoffnung beraubt wird und sein Leben in noch

verhältnismäßig jungen Jahren schon als ein verfehltes verflucht. --

Ein ganz Schnodderiger wird daher nur die Achsel zucken und sagen, daß

überhaupt kein anständiger, sich selber respektierender junger Mann die

Hotellaufbahn als Lebensweg erwählen wird. -- Aber der erfahrene Kellner

lächelt bitter darüber. Er weiß, wie wenig gewöhnlich die Kinder sagen

und zu sagen haben, wenn sie am Scheidewege stehen, wo alle vier Straßen

in das große Leben, in die weite Welt hinausführen. Hier sind die Eltern

genau so hilflos wie ihre Kinder. Man wählt den großen, breiten Weg am

liebsten. Eltern haben meistens nur vage Begriffe von den Berufen, die sie

für ihre Sprößlinge in engere Wahl ziehen; und wie immer sehen sie nur

die glänzende Seite derselben.

Der Kellner, der von Jugend an in seinem Berufe tätig war und ihn

allmählich mehr hassen statt lieben gelernt hat, muß oft schmerzlich

einsehen, wie schwer es ihm gemacht wird, denselben gegen eine andere,

seiner Natur und seinen Kenntnissen passendere Beschäftigung umzutauschen.

Immer und immer wieder wird er abgewiesen werden, obgleich er noch

jung sein mag. Und wer in den zwanziger Jahren steht und ein Geschäft

gründlich kennt, will auch in einem fremden nicht gerne mehr Lehrling

sein. So verbleibt die größte Anzahl der Kellner in ihrem Berufe, oder

man kehrt nach einigen fruchtlosen Versuchen auf anderen Feldern dorthin

zurück, obgleich derselbe durch seine vielen Nachteile und Mängel

verleidet worden ist und auf die Dauer sogar unerträglich werden muß.

Das Hauptproblem unseres jungen Mannes besteht also in der einen Frage,

wie ein intelligenter, vielgereister junger Weltmensch sich aus den

verschiedenen Dilemmen und Hindernissen seines Berufes herauszieht und

das Beste aus dem Leben machen kann. Diese schwierige Aufgabe lösen nur

einzelne, allerdings dann oft in ganz bewunderungswürdiger Weise. Und aus

ihnen entstehen die vielen erfolgreichen Hoteliers, welche durch andauernde

strenge Selbstzucht sich vom Kellnerstande emporgerafft haben und -- um den

gebräuchlichen Ausdruck anzuwenden -- »zu etwas gekommen« sind.

Wie zu jedem Leben, so gehört eine gewisse, nicht zu unterschätzende

Philosophie zum Leben des Kellners, die natürlich nicht jedem gegeben

ist, die sich aber mit einigem Willen, Fleiß und Studium mehr oder weniger

aneignen und bemeistern läßt. Wenn Sie mir aufmerksam zugehört haben,

so werden Sie auch gesehen haben, wie ich mich bemühte, die notwendige

Philosophie an den einzelnen kritischen Punkten zur Geltung kommen zu

lassen. Ein feiner Zug von Selbstironie ist auch oft in dem Leben dieser

Leute zu finden und bildet einen beträchtlichen Lehrsatz in ihrer

Lebensweisheit, deren Basis natürlich auf den großen Grundregeln des

Umgangs mit Menschen beruht. Ohne vielleicht jemals mit den Weisheiten

der großen Klassiker des Altertums bekannt geworden zu sein, lebt der

wirkliche gute Kellner doch ganz nach diesen herrlichen Vorbildern.

In seinem Leben bestätigt sich auf die wundervollste Weise die reine,

einfache Wahrheit der alten Lehren, was um so erstaunlicher ist, je mehr

die in einer ganz einfachen, von Dampfkraft und Elektrizität ungestörten

Zeit entstandene Wahrheit in unserer komplizierten Zivilisation Anwendung

findet und sich mit ihrer süßen, mahnenden, sanft drängenden Gewalt

immer und immer wieder Recht verschafft.

Ja, meine Freunde, welche Leidensgeschichte habe ich Ihnen da erzählt!

Nichts Großes, nichts Blutiges, nichts Erhaben-Schreckliches, aber

immerhin Leiden. Und nur Leiden! -- Glauben Sie jedoch, das Leben sei so

grausam, daß es einen Menschen nur peinigt und ihm nichts, gar nichts als

Entgelt für seine Leiden bietet? Niemals! -- Es ist gerecht, es tröstet

die Schmerzensreichen. Es gewährt ihnen hohe Freuden, die den unwissenden

Glücklichen nicht bekannt sind. Das Leben stärkt auch seinen Kämpfer. Es

stellt keinen Schwachen an die gefährliche Stelle, ohne ihm die Mittel

in die Hand zu geben, mit denen er sich decken kann. Es hängt ganz vom

Menschen ab, ob er sie weise benutzt oder übersieht.

Wie sich dies überall und auch hier bewahrheitet, will ich Ihnen noch kurz

beweisen. Ein altes Volkslied beginnt mit den Worten: »Wem Gott will

eine rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt ...« Alte

Volkslieder sind oft nicht nur schön, sie sind auch wahr, ja berauschend

wie alter Wein. Und je älter sie werden, um so würziger, wahrer werden

sie. -- Freilich, in unserer alles umwälzenden und umwertenden Zeit, wo

auch ein gottverlassenes Benzinfatzkentum mit neugierigen Nüstern an

alten Wahrheiten herumschnüffelt und sie als wunderliche Kuriositäten

bemäckert, da verblaßt vieles -- da werden oft die zarten Geister

einstiger Freude verscheucht, und sie schleichen sich mit herzbrechendem

Schluchzen von dannen, verkriechen sich wimmernd in das dunkle Innere der

Vergangenheit. Sie prostituieren sich nicht. Sie lassen sich auch nicht

begaffen. Sie hassen aber dennoch die Gegenwart nicht, denn sie sind

unsterblich. Und wer sie aus ihrem Versteck hervorlocken will, der muß mit

gutem Willen und reinem Herzen kommen und darf nicht nach Benzin stinken.

Dann wagen sie sich heraus und umarmen ihren Liebling. Scherzend verbinden

sie ihm die Augen und führen ihn kichernd und wichtig tuend bei der Hand

durch weite, unendliche Irrgänge, wo die Luft mit süßer, jugendlicher

Ungeduld angefüllt ist, bis vor die zarten Schleier, mit denen ihre

Geheimnisse behangen sind. Endlich reißen sie ihm jubelnd die Binde von

den Augen, der Vorhang fällt, -- das erstaunte Menschenkind findet

sich lächelnd in einer fremden, niegeschauten blühenden Märchenflur.

Wuchtige, silberweiße Wolken hängen an dem klaren Azur, farbenreiche

Gebirge mit würdigen Schneehäuptern wälzen sich am Horizont entlang

hinab bis in das ewige, purpurblaue Meer. Und alles schenken die guten,

freigiebigen Geister ihrem Liebling, alles. Sie lachen dabei, krönen ihn

mit Blumen und tanzen Reigen um ihn.

Die Jünglinge, die als Kellner in die Welt hinausziehen, stinken noch

nicht nach Benzin. Sie kommen mit dem reinen, unverdorbenen, durstigen

Herzen der Jugend. Ihnen gilt daher noch der ganze Wert des alten Liedes;

ihnen schenkt Gott daher noch seine ganze Gunst, legt vor ihren großen

Augen seine Wunderwelten dar. Sie sind zwar arm an Gütern, die Jünglinge,

aber ihr Beruf führt sie überall hin. Er gibt ihnen einen freien

Passepartout zu allen Wundern der Erde, den andere teuer erkaufen müssen,

ja, der den meisten unerschwinglich teuer ist. Was andere unbemittelte

Menschen in einsamen Nächten sehnsüchtig aus mangelhaften,

unvollständigen, von Menschen verfertigten Büchern und Bildern

schlürfen, das legt die Gunst Gottes dem jungen Kellner in Natur, in

Wirklichkeit, in königlicher, erhabener Größe vor seine jugendfrischen

Augen. Was ist ein Abdruck gegen das Originalbild! Was ein Bild erst gegen

den Glanz der Wirklichkeit! -- Wie viele Menschen würden unseren Ganymed

als den Glücklichsten der Sterblichen beneiden, wenn sie wüßten, welche

Genüsse das große Leben ihm, seinem Günstling, lächelnd reicht.

Fragen Sie, meine Freunde, nur unseren jungen Mann hier. Vielleicht kann er

es Ihnen sagen. Heute ist er hier, aber mit den Zugvögeln zieht er schon

wieder im Spätherbst nach dem Süden, nach Italien, der Riviera, nach

Ägypten, nach Algier. Wir finden ihn im Winter vielleicht in Indien oder

auf den Kanarischen Inseln, in Florida oder auf Honolulu, in Athen oder

Konstantinopel oder Monte Carlo. Den Frühling begrüßt er in den

Bergen, den Alpen, Karpathen, in den Pyrenäen oder im Taunus am Rhein,

im schottischen Hochland oder im amerikanischen Felsengebirge. Im heißen

Hochsommer promeniert er vielleicht am Strand in Ostende, Scheveningen,

Boulogne, Biarritz, Atlantic City oder Santa Cruz. -- Überall ist er.

Gefällt ihm heute Berlin nicht mehr, so sitzt er morgen im Expreß

nach Paris. Wenn er will, vertauscht er London mit Rom, New York mit San

Francisco, Buenos Aires mit Sydney, Yokohama mit Calcutta. Überall findet

er Arbeit, überall ist er willkommen, überall zu Hause. Verordnet sein

Arzt ihm Karlsbad, so zögert er nicht lange und packt seinen Koffer. Ist

Aachen oder Nauheim seiner Gesundheit zuträglicher, so besinnt er sich

nicht lange, sondern studiert den Fahrplan für diese Richtung. Zur Kur

wählt er Wiesbaden oder Saratoga, Baden-Baden oder Aix-les-Bains, Virginia

Hot Springs oder Marienbad -- je nach Bedarf. Entfernungen spielen keine

Rolle, Finanzen sind Nebensache, Nationalitäten gibt's keine -- er ist der

Weltbürger ~par excellence~.

Mit einem wehmütigen Stolze blickt dieser Wanderer auf sein unstetes Leben

zurück. Alle Himmelsrichtungen kennt er. Fällt ihm ein Buch in die Hand,

das Beschreibungen von fernen Ländern oder Orten bringt, so greift er es

auf und freut sich herzlich, wie wenn er einen lieben alten Bekannten sehe.

Wenn doch auch nur die anderen Menschen die gleiche Gelegenheit zum Wandern

hätten, oder wenn sie nicht zu faul wären und nicht in ihren muffigen

Nestern hocken blieben, so würde viel Engherzigkeit verschwinden, die

Nationen würden dichter und inniger aneinander kommen und sich besser

kennen lernen. Denn sie wissen trotz aller unendlicher Schreiberei, trotz

aller Eisenbahnen und Dampfschiffe, trotz aller Kabel und drahtlosen

Telegraphie, trotz aller Luftschiffe noch herzlich wenig oder so viel wie

gar nichts voneinander. Wenigstens keine Wahrheiten. Und das Resultat

ist, daß sie sich gegenseitig beständig scheel belauern, anknurren und

womöglich sich die Köpfe blutig schlagen, wo sie sich nur begegnen. --

In seinen Reisen liegt die eine einzige, aber große Freude, die das Leben

dem Kellner bietet. Hier liegt auch das Geheimnis seiner Friedfertigkeit,

seiner Geschmeidigkeit und Duldsamkeit verborgen, welche sein Beruf

erfordert. Und wie nur wenige andere Erdbewohner hat er Gelegenheit, in die

Tiefen der Menschheit zu schauen. Er kann die edelste Beschäftigung, das

interessanteste Studium betreiben: Menschen studieren. Er sieht sie. Alle

Nationen, alle Rassen, alle Klassen kommen zu ihm. Könige, Fürsten, Edle,

Geistes- und Geldgrößen und deren Frauen kommen als Gäste; die mittleren

und armen Schichten arbeiten mit ihm als Kollegen und Helfer. Er sieht

sie alle. Er sieht sie besser, als andere sie sehen können. Mitten in das

glänzendste, summende Gewimmel, das unaufhörliche Getriebe und Gewühl

der verschiedensten Charaktere, in das unendliche, willkürliche,

unverantwortliche, rücksichtslose Treiben einer verwirrten Zivilisation

wird er gedrängt. Und er sieht noch mehr, viel Wertvolleres: er sieht die

verwundbarsten Stellen der Menschen -- ihre Schwächen.

Manch ernstes Bild, manche unerwartete Überraschung, manchen grauenvollen

Schrecken stellt das Leben vor seine Augen, indem es ihm offen sein

tiefstes Geheimnis, den Menschen zeigt. Tagtäglich predigt es dem Kellner

seine erhabenen, stumm mahnenden Predigten auf die mannigfaltigste Weise.

Es führt ihn ernst lächelnd hinter den leeren Glanz des Reichtums, mit

unerbittlicher Miene an die abscheulichen Tiefen der Armut heran. So kann

das rätselhafte Gesicht des Lebens nur flüstern, stumm, aber es gibt

keine eindringlichere Sprache. So spricht es zum Kellner. So legt es ihm

einen immensen Reichtum an Gesehenem und Geschehenem zum Gebrauch fürs

eigene Dasein vor die Füße. Und unerbittlich verlangt es Verwaltung und

weise Verwertung dieser Schätze.

Doch wer verwertet sie wirklich? -- Wer läuft nicht unachtsam, gedankenlos

daran vorüber? -- Ach, sie schauen nur, aber sie sehen nicht! Sie denken

nur, aber sie wägen nicht! -- Man kann zwar nicht erwarten, daß jeder

Mensch ein großer Philosoph sei, aber man darf von jedem erwarten, daß

er Schlüsse aus _dem_ Leben ziehe, das ihn umgibt. Doch es braucht Gewalt,

dies zu tun; und die Gewalt kann nur durch Übung erlangt werden.

Das Leben aber verzeiht weder dem Unwissenden noch dem Schwachen. Es

versagt ihm seinen höchsten Genuß, sein schönstes Glück; und die Stimme

des Gewissens, das Bedauern, die Reue über ein verschuldetes, verfehltes

Dasein wird ihn bis zum Tode verfolgen.

Erst aus dem Kern der hehren Gewalt, aus der großen Selbstzucht entspringt

das süße, überwältigende Bewußtsein der Kraft, und die einzige,

die wahre dionysische Freude am Erdendasein loht daraus auf, sich zum

Gottesdienste erhabensten Stils entfaltend.

* * * * *

Ei, gnädige Frau, auf diese Frage habe ich lange gewartet! -- Woher ich

mit dem Schicksal der Kellner so vertraut bin? -- Hm -- ich habe so viel

-- ja, natürlich als Gast in den großen internationalen Hotelpalästen

-- aber ich habe noch mehr getan: nämlich selber einmal als Kellner

gearbeitet. Und nicht nur gearbeitet, sondern noch mehr: ich habe mich

für das Leben dieser Menschen _interessiert_! Es gibt Tausende, die hier

arbeiten, ohne aber zu wissen, was sie tun, ohne Anteil an dem eigenen

oder an fremdem Leben zu nehmen. -- Aber Sie sind ja ganz sprachlos,

meine Gnädige! -- Hat mein Bekenntnis Sie so entsetzt? -- Wie? -- Ob das

Schreckliche wahr ist? -- Ei, selbstverständlich! -- Woher sollten wohl

sonst alle meine fabelhaften Kenntnisse über dieses Leben stammen!?

-- -- Nur Studien halber? -- Hm, meistenteils ja! -- Ich will aufrichtig

sein ... Wie ungläubig Sie lachen, meine Freunde! -- Warum? -- Weil ich

solch eine verzweifelt ehrliche Natur bin? -- Oh, das sind alle normale

Menschen. Und ich halte mich für einen solchen. Aber es gibt doch

sehr wenig normale Menschen auf der Welt. Und meine Ehrlichkeit besteht

hauptsächlich darin, daß ich nichts Überflüssiges sage. Es sei denn,

ich werde danach gefragt, wie in diesem Falle.

Da so vieles, das ich Ihnen erzählte, auf eigener Erfahrung und Anschauung

beruht, so kann ich Ihnen auch ohne Bedenken verraten, wie ich Kellner

wurde und gleichzeitig ein Anekdötchen zur Illustration beigeben, wie man

in meiner früheren Gesellschaft darüber -- also folglich auch über den

Wirt und seine Angestellten -- denkt. Es ist eine ganz harmlose Geschichte,

sie mag langweilig sein, aber sie ist wahr.

Nichts ist amüsanter als Maskerade. Sie wird aber auch zu hinterlistigen

Zwecken benutzt. Der Wilde versucht in allerhand Verkleidung als Strauß,

als Hirsch usw. seinem Jagdopfer beizukommen. Auch für den wirklichen,

zivilisierten Jäger, den Sportsmann, für den Naturforscher gibt es kein

größeres Vergnügen, als unter irgendeinem Schutze die Tiere des Feldes

und des Waldes zu belauschen, wenn diese sich unbeobachtet glauben und

den Menschen nicht wittern. Aber das ist gar nichts! Ich habe die perfide

Angewohnheit, den _Menschen_ auf alle möglichen Arten beizukommen und

ihnen in die Karten zu gucken. Ich muß gestehen, kein Mittel ist mir zu

schlecht, keine Maskerade zu verächtlich, um meinen Zweck zu erreichen.

Ich kann wirklich nicht umhin und muß bekennen, daß mir das Beobachten

der Menschen trotz aller ihrer Schlechtigkeit hundertmal mehr Genuß

bereitet hat, wie meine schönsten Jagderfahrungen in den Bergen, auf

den weiten Prärien oder in den Urwäldern. Und die Menschen, denen ich

begegnet bin, waren so offenherzig gegen mich, daß ich viele Masken

lächelnd beiseite legen konnte und ohne dieselben hinter ihre Schliche

kam. -- Ja, Gnädige, das sieht beinahe wie Vertrauensbruch aus. Aber es

ist nicht so. Danke! -- Ich habe auch nie durch Schlüssellöcher geguckt

oder sonstige Dienstbotenmethoden angewandt. -- Wie gesagt, es war

unnötig. -- Die Offenherzigkeit war nicht die schöne Tugend, das edle

Vertrauen, welches jeder dem anderen entgegenbringen sollte, nein, es war

gerade das Gegenteil davon. Es war eine unverzeihliche Bequemlichkeit, eine

Gemütsfaulheit, eine Dummheit, beleidigend, wie nur sie sein kann; es war

eine verletzende verallgemeinernde Stupidität, die die Menschen an anderen

voraussetzten, weil sie selber damit behaftet waren. Darum soll man nie

jemand mit dem eigenen Maßstabe messen, ebensowenig, wie man eine fremde

Sprache sprechen soll, während man in der Muttersprache denkt.

Mit einer geradezu ekelhaften, widerwärtigen Frechheit und Voraussetzung,

einen ihresgleichen oder weniger vor sich zu haben, sind die Menschen

mir begegnet und haben mich demgemäß behandelt. Solche rücksichtslose,

beleidigende Behandlung verdiente so grausam bestraft zu werden, wie ich es

tat. -- Worin die Strafe bestand? -- Nun, die größte ist doch, wenn man

alles lächelnd über sich ergehen läßt und mit scharfem Auge unter den

Wimpern hervor den Ahnungslosen beobachtet. Solche Blicke sind wie die

Pfeile des wilden Jägers. Sie durchdringen das tiefste Innere des Opfers

und erkennen es. -- Was ich erkannt habe, besitze ich, gehört mir. Es ist

mir untertan wie der Körper des erlegten Wildes.

Ich bin überall. Ich speise in erstklassigen Hotels, ich frequentiere die

gefährlichsten Spelunken. Künstler- und Dienstmädchenbälle besuche ich

gleich gern. Hintertreppen-, Kammerdiener- und Staatsgeheimnissen schenke

ich das gleiche willige Ohr. Ich produziere mich in den verschiedensten

Berufen und Stellungen mit größtem Geschick und größtem Vergnügen. Als

Automobilist in den Garagen und auf den Landstraßen. Als Cowboy auf weiten

Prärien unter ruppigen Desperados. Als Privatsekretär in den Familien der

Multimillionäre, als Maler in Kunstreichen, in Minen unter Goldsuchern,

als Literat auf journalistischen und literarischen Gefilden, als

Handlungsreisender, Maschinenschmierer, Zeichner, Koch, und in noch

verschiedenen anderen Stellungen habe ich konditioniert.

Die Welt ist klein. Und wer in so vielen Kapazitäten und überall

auftritt, hat das Vergnügen, häufig alte Bekannte anzutreffen. Dann

entstehen meistens köstliche Situationen, namentlich wenn man -- wie ich

-- ehrlich genug ist, immer unter dem eignen Namen aufzutreten. So kam

ich auch einmal auf den kühnen Gedanken, als Kellner Material für einen

monumentalen Roman der höchsten internationalen Hautevolée zu sammeln.

Ich hatte damals einen genußreichen Sommer im amerikanischen Felsengebirge

verbracht, mein Freund ging nach Europa zurück, ich aber blieb in New

York, um meinen Plan auszuführen. Durch Empfehlung gelang es mir, bald

eine Stellung als Kellner in einem großen Hotel zu erlangen, und ich

stürzte mich mit Wonne in das Getriebe. Ja, ich avancierte sehr bald.

In dieser Stellung sahen mich eines Tages ein paar Herrschaften schalten

und walten, mit denen ich auf einer Mittelmeerreise, von Ägypten

kommend, flüchtig bekannt geworden war und die ich zufällig während

des vergangenen Sommers in Colorado wiedergetroffen hatte, wo sie die

Ehre gehabt hatten, einige angenehme Tage mit mir zu verbringen. -- Nein,

gnädige Frau, ich habe mich nicht im geringsten geniert, denn im Eifer

meiner Tätigkeit bemerkte ich die Herrschaften nicht gleich. -- Mit

Staunen und Schrecken aber erkundigte sich die liebenswürdige, junge Dame

bei ihrem Kellner nach meinem Namen. Allmächtiger! -- Ihr entsetzlicher

Verdacht bestätigte sich! -- Ich war wahrhaftig der geniale, reizende

Mensch, den sie unter dem Azur des Mittelmeers kennen gelernt und in

Colorado wiedergetroffen hatten! -- Ganz verwirrt und erstaunt konnten sie

eine ganze Weile lang nichts sagen. Dann zogen sie den Kellner wieder zu

Rate und vertrauten dem Milden, Vielgeplagten ihre Kalamität an. »Aber

wie ist denn das möglich, Kellner,« flüsterte die Mutter, »in Luxor hat

er doch archäologische Studien betrieben, sagte er!« -- »Diesen Sommer

erst noch haben wir mit ihm in seinem Automobil gefahren und bei ihm zu

Abend gespeist!« seufzte der Sohn. »Und mit ihm Golf gespielt!« jammerte

das reizende Töchterchen. »Weißt du noch, Mama, hinter dem Hotel auf

dem prachtvollen Rasen!« -- Mama wußte noch. -- »Traf er nicht auch alle

Vorbereitungen zu einer Jagd auf Grizzlybären in den kanadischen Bergen?«

erinnerte sich der Sohn. Und das Töchterchen antwortete: »Was ist denn

aus seinem reizenden Freund geworden? Ist der _auch_ Kellner?« -- Die arme

Mutter war am schwersten getroffen: »Ach, konnten wir denn ahnen, daß

er so was ist! -- -- Wir haben ihn doch als anständigen Menschen kennen

gelernt! -- Und hier ...!? -- Uh!«

Das war zu viel für den braven Kellner, und er antwortete ruhig: »Madame,

ich habe noch nicht gesehen, daß er sich hier unanständig benommen hat!«

Und er wandte sich ab, um mich heimlich aufmerksam zu machen und mir die

ganze Geschichte hastig zu erzählen. -- Meine Freunde aber fühlten sich

plötzlich so unbehaglich, daß sie den Saal verlassen mußten. Sie gingen,

ohne mit mir zu sprechen. -- Nein, ich sprach auch nicht mit ihnen. Zum

Dank für die schönen Erinnerungen an kühle Autofahrten, an herrliche

Kunstgenüsse und an schöne, unschuldige Spiele auf grünem Rasen

versuchten sie, mich aus der Sklaverei des flatternden Kellnerfrackes zu

befreien, indem sie meine Entlassung bewirken wollten. Was ihnen aber nicht

gelang, da ich ein zu guter Kellner bin, um ohne Grund an die Luft gesetzt

zu werden ...

Wie? -- Sie wollen sich schon so früh zurückziehen, gnädige Frau!? --

Wir gedachten doch noch ein wenig der Musik zu lauschen. -- Hm -- Fatige --

Ich springe schnell zum Apotheker im Hause -- -- -- die Kapseln -- zwei

Stück auf ein Glas Wasser -- ... hm ... nicht ...« -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wer ist denn das!? -- Kellner, sehen Sie dort unter der Palme im Fauteuil

den jungen, eleganten Herrn? -- Ja, den schwarzgekleideten, mit dem Buche;

er dreht uns den Rücken zu -- ich glaube -- -- Was? Ein Geistlicher!

Unmöglich! -- Wahrhaftig! -- Aber er ist's! -- Er ist's! -- Sagen Sie ihm,

bitte, ich wünsche ihn einen Moment zu stören. -- Er wird sich freuen,

wenn Sie ihm meinen Namen nennen. -- --

Mein geliebter amerikanischer Freund George Washington Abraham Lincoln

Shoultse! Welch eine Überraschung! Das wird aber lustig werden! --

Besonders nach diesem Schluß. ... Aber wie kommt er hierher? -- Was tut

er im Rock eines Priesters? --

Well, well, altes Haus! Das ist doch einfach großartig! Freue mich

ganz barbarisch, dich wiederzusehen. -- Ich staune -- hätte dich kaum

wiedererkannt -- -- so verändert. ... Wie lange ist's her, seit wir uns

als Studenten zum letztenmal umarmten?! -- Vierzehn, fünfzehn Jahre. --

Ja, wie die Zeit vergeht! -- Und, ach, die herrlichen Heidelberger Tage!

Wo sind sie hin? -- An dich habe ich aber immer gedacht! Das kannst du mir

glauben! -- Denn du warst doch der fidelste Kerl, der mir jemals ... hm

-- -- Na, aber wie geht's denn? -- Was treibst du jetzt? -- Ich dachte

immer, du wolltest dich ganz auf die Philologie verlegen. -- Was? -- der

Teufel! -- hm -- Pardon! -- Bischof bist du -- hm Pardon! -- Sind Sie

-- --? Seit wann denn? -- Ich bin starr! -- Pardon! Donnerwetter, da

gratulier' ich! -- -- -- So, so! In Kalamazoo City im Staate

Oklahoma! Wirklich! Da gratulier' ich nochmals! -- -- -- Wer

hätte das gedacht! Bischof der konsolidierten, reformierten

episkopal-lutherisch-methodistisch-unitarisch-baptistischen Kirche! -- Ja,

aber zum ... Pardon, sag mal -- -- verzeihen Sie -- -- ist denn da --

hm -- so viel -- hm -- Geld -- äh, ich meine, Genugtuung und Inspiration

drin, daß du alle deine großen Pläne ... hm -- na, jedenfalls gratulier'

ich! -- Ja, drüben in Amerika avanciert man schnell! Junge, tüchtige

Leute werden dort gesucht. -- Aber da müssen wir doch eins drauf trinken.

-- Wie? -- Ein solch unerwartetes Wiedersehen, das muß begossen werden --

was? -- Na, wenn Sie jetzt auch Bischof und Right Reverend und alles das

sind, so können Sie doch ein Gläschen Wein mit mir ... wie? ... nicht ein

wenig die alten Erinnerungen auffrischen!? -- Waaas? -- keinen Wein ...?

-- -- Hör 'mal, du bist wohl verrückt geworden ... oh, oh, Pardon!

-- Ich kann es gar nicht fassen -- ich staune -- Sie trinken keinen Wein

mehr!? -- -- Sie waren doch früher -- hm -- -- -- Oh, oh! -- Wie

sich die Zeiten ändern! -- Sie haben sich aber großartig gemacht, Mr.

Shoultse! Sie sehen vorzüglich aus! -- Wie meinen Sie? Ob ich noch immer

trinke? Ja, leider, ich hab's mir noch nicht abgewöhnen können. Es ist

schrecklich! -- Oh, oh -- --!

Ob ich weiß, was die amerikanische Prohibition ist? -- O ja, ich hab mal

was davon gehört. Wissen Sie's auch, Herr Bischof? -- Was? Sie sind einer

der Hauptkämpfer für die Prohibition geworden?! Das ist ja interessant!

Und sagen Sie mal, wie bezahlt sich die Sache denn? -- So, Sie verfolgen

nur den idealen Zweck der guten Sache? Das ist löblich. -- Aber ist

denn das wahr, was ich in den Zeitungen gelesen habe, daß bereits an die

vierzig Millionen Menschen in den freien Vereinigten Staaten von Amerika

keine geistigen Getränke mehr zu sich nehmen dürfen? So, so, das ist also

Tatsache! Unglaublich, wie Sie gekämpft haben müssen, Mr. Shoultse.

Na, dafür können Sie sich jetzt auch ein wenig ausruhen! Das ist recht!

Vierzig Millionen Menschen müssen Durst leiden! Das ist ja einfach

fabelhaft! Ja, in Amerika wird alles im großen Stil betrieben. -- Aber was

fangen denn die armen Durstigen an? Wird denn jeder eingesperrt, wenn er

ein Glas Bier oder Wein trinkt? Vergeht er sich gegen das Gesetz, wenn er

dies tut? -- Nicht? -- Aber wie hängt denn das zusammen? -- Das _Trinken_

ist gestattet und wird nicht bestraft! Man verbietet nur den Verkauf,

den Transport und das Fabrizieren von geistigen Getränken! Das sind ja

geradezu diabolische Gesetze! -- -- Tantalusqualen! Man darf trinken, aber

das edle Naß wird einem vorenthalten! Einfach ungeheuerlich! --

So, Sie glauben also, mein lieber Mr. Shoultse, daß Amerika die erste

Nation ist, die versucht hat, den Alkohol auszurotten und sich so

unsterbliche Verdienste um die ganze Menschheit zu erwerben!? -- Da sind

Sie im Irrtum. Bei den ältesten Völkern der Erde hat man schon Temperanz-

und Abstinenzbewegungen entdeckt. Die Chinesen brüsten sich heute noch

damit, den Krieg gegen den »Dämon« des Weins eröffnet zu haben. Und

ich glaube ganz bestimmt daran. China sieht gerade danach aus. Im elften

Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung soll ein Kaiser in China alle

Weinstöcke in seinem Reiche haben ausreißen lassen. Die Priester in

Persien und Indien haben schon lange vor Christi Geburt den Genuß des

Weines verboten. Die Karthager hatten auch ein Weinverbot. -- Ich selber

habe die Spuren einer Temperanzbewegung in Pompeji entdeckt und werde

vielleicht ein Traktätchen darüber schreiben. -- Wie? -- Verschiedene

Sekten der Juden durften nichts trinken, ohne ihr Seelenheil zu gefährden.

Noch heute erwarten die Mohammedaner und Buddhisten im Jenseits

kolossale Schwierigkeiten, wenn sie zeitlebens einen edlen Tropfen nicht

verabscheuen.

Die Prohibitionsepidemie in Amerika ist nichts als eine Wiederholung der

orientalischen Sitte. Wirkliche Epidemien tauchen immer periodenweise auf.

Das ist eine alte Geschichte. Es ist aber geradezu phänomenal, wie die

Bewegung in den letzten fünf bis sechs Jahren um sich gegriffen hat. Vor

dem amerikanischen Bürgerkriege 1861-64 dachten nur wenige Menschen daran,

daß jedes geistige Getränk ohne Gnade und Barmherzigkeit vom Erdboden

vertilgt werden müsse. Aber es entstanden allmählich die großen

amerikanischen Brauereien und zugleich eine der häßlichsten Ausgeburten

der anglo-amerikanischen Zivilisation, die »American Bar« oder

»Saloon«, wie das Ausschanklokal für geistige Getränke gewöhnlich

genannt wird. -- Die »Bar« ist ein typisches Produkt des amerikanischen

Alltaglebens. Mit der zunehmenden Rastlosigkeit in europäischen Ländern

wird sie sich dort auch sehr bald einbürgern. Die Großstädte Europas

erfreuen sich der »American Bar« bereits. Indessen wird in Europa die

Bar wie auch alles andere Amerikanische falsch aufgefaßt und falsch

dargestellt. Entweder aus Absicht oder aus Ignoranz. Meistens ist das

letztere der Fall. Die europäische »American« Bar ist gewöhnlich nur

eine Animierkneipe, was die amerikanische Bar gewöhnlich nicht ist. Das

muß man dem Amerikaner lassen: in seiner Bar findet man keine Mädchen zur

Bedienung, was in England und am Kontinent fast ausnahmslos der Fall ist.

-- Dennoch ist die amerikanische Bar ein entsetzlich abschreckender Ort.

Nüchtern, inhaltslos, kalt. Ich glaube, einer schmutzigen, altrömischen

~Taberna vinaria~ haftete mehr Begeisterung und Liebenswürdigkeit an, wie

dem feinsten amerikanischen »Saloon« mit allen seinen Spiegeln, Bildern,

Lichtern und seiner Reinlichkeit. Die geschäftsmäßige Verabreichung des

Trunkes, die Vorherrschaft scharfer geistiger Getränke, das unbedachtsame,

hastige Hinuntergießen des starken Stoffes, die ganze Inhaltlosigkeit des

Ortes, der nur daraufhin eingerichtet ist, möglichst große Quantitäten

in möglichst kurzer Zeit umzusetzen, die Menge herumstehender, den

Schanktisch belagernder Menschen, welche keine Zeit haben, ihren Trunk

in Ruhe zu genießen und sich dazu niederzulassen, das alles macht die

amerikanische Bar zu einem sehr wenig einladenden Ort. Der biedere Deutsche

würde seine ganze Abneigung dagegen in dem einen urdeutschen Worte

»ungemütlich« zusammenfassen. Ich stimme vollständig mit Ihnen, Herr

Bischof, überein, wenn Sie den »Saloon« nicht sehen können. Auch finde

ich es gerechtfertigt, daß die Bundesregierung infolge des zunehmenden

Umsatzes von geistigen Getränken den Verkauf von Alkohol in irgendwelcher

Form an die Indianer verbot. Es ist viel in dieser Hinsicht gesündigt

worden.

Warum aber dies drakonische Gesetz auf die vernünftige weiße Bevölkerung

der Vereinigten Staaten erstreckt werden soll oder schon wurde, ist mir

nicht verständlich. In den Neu-Englandstaaten, wo das puritanische Element

besonders stark ist, wurde schon früh in einzelnen Gemeinden unter dem

Druck der strengen Kirche der Ausschank von berauschenden Getränken

magistratlich verboten. Aber dann kam der Staat Maine als erster, der für

absolutes Verbot von Spirituosen innerhalb seiner Grenzen stimmte. Der

starke Rum, der von Westindien nach Maine exportiert wurde und dort viel

Unheil anrichtete, hat im Jahre 1846 Anlaß zu einem bittern Wahlkampf

gegeben, der mit dem scheinbaren Sieg der Alkoholgegner endigte. Im

Jahre 1851 trat darauf das Gesetz in Kraft, welches das Spirituosenverbot

innerhalb des Staates Maine proklamierte. Das war der Anfang der

Prohibition. Dem Beispiele folgten ein Jahr später die Nachbaarstaaten

Massachusetts, Rhode Island und Vermont. Die beiden ersteren Staaten sahen

jedoch sehr bald ein, wie wenig ratsam es für die Regierung sei, sich

mit derartigen Gesetzen abzugeben, und sie überließen das Verbot des

Ausschanks den örtlichen Behörden oder den Verwaltungen der Kreise, falls

diese es wünschen sollten, den Alkohol aus ihrer Mitte zu verbannen. So

entstanden die »~Local option~«- und »~County option~«-Gesetze. Jeder

Gemeinde oder jedem »~County~« war es somit anheimgestellt, den Verbrauch

von geistigen Getränken nach eigenem Gutdünken und Bedürfnis zu dulden,

zu regeln oder zu unterdrücken. Die feigen Landesväter dachten sich

dadurch aus der Verlegenheit zu helfen, gerieten aber nun in die Lage

eines zärtlichen Familienvaters, der eine Prügelei zwischen seinen

Sprößlingen nicht dämpfen kann, weil er nicht weiß, wer im Rechte ist,

und aus Angst, er könnte den Unschuldigen züchtigen, die Buben den

Streit unter sich entscheiden läßt und ein Auge dazu zudrückt. -- Nicht

wahr? --

So nahm die Geschichte ihren Anfang. Bald erging vom Lager der

Temperänzler aus ein Ruf an die ganze amerikanische Nation zwecks

Gründung und Organisation einer politischen Partei, deren Hauptbestreben

die Unterdrückung der Fabrikation und des Verkaufs von geistigen

Getränken in den gesamten Vereinigten Staaten bilden sollte. Man hatte

nämlich eingesehen, daß die großen führenden politischen Parteien

sich niemals für die Alkoholfrage interessieren würden. So wurden am

1. September 1869 in Chicago die Anti-Alkohol-Partei unter dem Namen

»~National Prohibition Party~« von den Gesinnungsgenossen auf eigene

Faust gegründet. Wenn aber in einem zivilisierten und politisch

organisierten Lande eine neue Partei ihren neuen Ansichten und Zielen

Raum und Anerkennung verschaffen will, so muß sie Stimmen haben. Die

Prohibitionisten wußten aber auch, ganz genau, daß sie bei vernünftig

denkenden Männern mit ihren Ideen nicht durchdringen würden. -- Bitte,

Herr Bischof, lassen Sie mich weitererzählen. -- Darum verschanzten sie

sich hinter die Röcke der Weiber. In der ersten Nationalversammlung

der neuen Partei am 22. Februar 1872 zu Columbus, Ohio, wurde von den

Prohibitionisten der Entschluß gefaßt, für Frauenwahlrecht in den

Vereinigten Staaten aufzutreten, da man dringend der weiblichen Stimmen in

der Alkoholfrage bedurfte. Das ganze weibliche Element sollte hysterisch

gemacht werden. Man begann die schrecklichen Verheerungen, die der »Teufel

Alkohol« in den Familien anrichten soll, in den glühendsten Farben zu

schildern.

In den darauffolgenden Jahren waren die Stimmresultate der neuen Partei

alle noch sehr bescheiden. Sie wuchs nur mäßig. Den Prohibitionisten

schien aber kein Gedanke zu schlecht zu sein, um sich neue Anhänger

für ihre Partei zu verschaffen. Sie kitzelten die brennenden Fragen im

amerikanischen Leben, wie die der Einwanderung, und suchten durch eine

schäbige Politik der Beschränkung und Erschwerung der europäischen

Einwanderung die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und

dadurch mehr Anhänger anzuwerben. Gleichfalls wurde die Forderung für das

Frauenwahlrecht aufrecht erhalten.

Mit wechselndem Glück wuchs die neue Partei. In den letzten fünf Jahren

jedoch hat sich eine wahre Panik des Prohibitionistenlagers bemächtigt.

Seit dieser Zeit hat sich eine nervöse Tätigkeit entfaltet, so

fieberhaft, daß man glauben sollte, der jüngste Tag sei nahe, um die

Menschen für ihren Hang zum Alkohol zur Rechenschaft zu ziehen. Die

verschiedenen großen Temperanzgesellschaften, fünf oder sechs an

der Zahl, sowie eine unübersehbare Menge verschiedenster Sekten und

Kirchengemeinden wurden plötzlich von Reue und Zerknirschung ergriffen und

vereinigten sich zum Feldzug gegen ihre Sünden und die ihrer Mitmenschen.

Dieses plötzliche, ruckartige Erwachen des nationalen Gewissens ist

anscheinend ein ganz unerklärliches Phänomen. Aber alles hat seinen

Grund. --

Die Gegner der Spirituosen hatten es nämlich vor zehn bis fünfzehn Jahren

zustande gebracht, sich der Schulbücher zu bemächtigen. Im Laufe der

Jahre wurden nun systematisch den Schulkindern Lügen und Verdrehungen der

Wahrheit eingeimpft, indem man die Schulbücher mit prohibitionistischer

Propaganda, mit Flüchen gegen den Alkohol anfüllte. Die Schulkinder

sind nun inzwischen zum Teil oder ganz erwachsen und haben den Keim der

engherzigen Lehren in sich aufgenommen, von deren Wirkungen sie sich

nicht mehr befreien können. Sie sind in der Jugend geistig entmannt oder

verstümmelt worden. Und bei jeder neuen Wahl tritt nun am Ballotagekasten

die geistige Impotenz drastisch zutage. -- Bitte, bitte. -- Der Same, der

gesät wurde, trägt nun reiche Früchte.

Unendliche Massen von Papier wurden verschwendet, die der lesewütigen

Frauenwelt alle Schrecken des Alkohols gratis und franko vor Augen

führten. Schade um die Tannenwälder, welche zur Herstellung dieser

Gebirge von Makulatur ihr unschuldiges Leben lassen mußten. Immer und

immer wieder wurden dieselben bombastischen Reden, die alten abgedroschenen

Phrasen und Kanzelweisheiten in echt melodramatischer Weise wiederholt

und von hinten aus unsichtbaren Quellen gespeist und verstärkt. Jeder

erdenkliche Tamtam, alle Heilsarmeemethoden, für die das Gemüt des

Durchschnittsamerikaners so wunderbar empfänglich ist, wurden angewandt,

die Gewohnheitssäufer zu Reue und Leid zu veranlassen und die simplen

Herzen der Jugend von der Verwerflichkeit des Trinkens zu überzeugen.

-- Wie, ich sei ungerecht! -- Ich kann der Prohibitionspartei leider kein

einziges vernünftiges Argument nachrühmen, so gern ich es täte.

Die ganze Kampagne besteht aus einer endlosen, hysterischen Rezitation

absurdester Geschmacklosigkeiten, von einer hartnäckigen, teuflisch

ausgerechneten Appelation an die Stupidität der biederen Landbevölkerung,

die das größte Kontingent der amerikanischen Nation stellt. Kein Mittel

schien der Partei zu stupide, zu lächerlich, zu lügnerisch zu sein, um

die Stimme des ungebildeten Farmers zu erbetteln, zu erschmeicheln oder

zu erdrohen, der nota bene noch durch die Abgabe seiner Stimme an die

Prohibition seine Existenz untergräbt.

Der beliebte Gedanke und Ausgangspunkt der Prohibition nämlich, daß der

Alkohol so viele traute Heime ruiniere, ist unvernünftig und grundfalsch.

Aber dieser Gedanke wird gehegt und gepflegt und gemästet. Bis zur

Überdrüssigkeit wird er dem Volke immer wieder aufgetischt. --

Gewöhnlich ist es nicht der Mann, der als Trinker sein Heim zerstört,

sondern es ist das Heim, welches den Mann zerstört und in die Wirtschaft

jagt. -- Die Anschuldigung, daß der Alkohol Armut schaffe, ist falsch.

Es ist nachgewiesen, daß das jährliche Einkommen des amerikanischen

Arbeiters durchschnittlich 768 Dollars und 54 Cents beträgt. Davon gibt

er jährlich durchschnittlich 12 Dollars und 44 Cents für Spirituosen aus.

Für Tabak bezahlt er fast genau so viel. Wenn die Nation verarmt, so ist

es also nicht die Schuld des Alkohols. Da muß die Ursache in einem anderen

Übel gesucht werden. Wenn die Heime der Menschen ruiniert werden, so

geschieht dies einzig und allein durch die Menschen selber. Wenn ein Mensch

herunter kommt, so ist es sein Naturell. Welchen Anteil hat der Alkohol an

einem Menschen, der durch übermäßiges Trinken zugrunde geht!? Alkohol

schafft nicht Wahnsinn -- Wahnsinn sucht Alkohol.

Nach den Grundsätzen der Prohibition müßte man das Weib für nahezu alle

Übel und Unglücke aller Zeiten und auf der ganzen Welt verantwortlich

machen. Wir müßten das weibliche Geschlecht prinzipiell aus der Welt

schaffen. Und die Frauen müßten das männliche Geschlecht auszurotten

suchen.

Die Menschen müssen immer eine Art Sündenbock für ihre Leidenschaften

und Sünden haben. Und wenn es auch nur eine dumme Ausrede ist. Sie richten

andere auch meistens nur nach ihren _eigenen_ Beschaffenheiten. Wenn ein

Schwachkopf zum Beispiel unter dem Banne der Trunksucht oder irgendeines

anderen Lasters steht, so setzt er von der ganzen übrigen Menschheit

das gleiche voraus. Wenigstens glaubt er, die anderen _müßten_ unter

demselben Drucke stehen, die Leidenschaften _müßten_ die gleiche Wirkung

auf sie haben, die sie auf ihn ausüben. Es ist aber nur seine Unvernunft,

die ihm solches einredet. Ein Säufer klagt nicht sich, sondern den Trunk

an, ein Dieb nicht sich, sondern das verführerische Geld, das er nicht

liegen lassen kann, ein Liebeskranker nicht sich, sondern die Leidenschaft,

der er nicht widerstehen kann. Das alles ist Unvernunft. -- Wenn ein

Säufer sich gesteht: »Ja, ich bin schuldig, ich habe zu viel getrunken,

ich will mich aber der Mäßigung befleißigen, weil ich nicht viel

vertragen kann, und will denen, über die der Trunk keine Macht hat, den

Genuß desselben nicht wegnehmen,« so erinnert diese Sprache an das, was

wir in der menschlichen Gesellschaft gewöhnlich als Vernunft bezeichnen.

Einem solchen Säufer ist vielleicht noch zu helfen. Er hat sich und die

dämonische Gewalt seiner Leidenschaft erkannt. Wer aber weder sich noch

die Gewalt seiner Leidenschaft kennt, der ist unrettbar verloren.

Warum hat die Prohibition fanatische und hysterische Frauenzimmer

hervorgebracht, welche mit Äxten und gefährlichen Wurfgeschossen

bewaffnet, unbehindert umherziehen und das Eigentum der Wirte, an deren

Lokalen sie gerade vorbeikommen, willkürlich auf scheußliche Weise

zerstören können? -- Diese Megären werden von der Prohibition

aufrechterhalten und als Heilige oder Heroinen dargestellt. Solche

Glorifizierung steigt den armen, bedauerlichen Wesen natürlich derartig

zu Kopfe, daß es des unsinnigen Scherbenmachens kein Ende gibt. Ein

religiöser, orientalischer Fanatiker ist ein Amateur im Vergleich mit

einem solchen Weibchen. Die Polizei sieht wunderbar gleichgültig zu, wenn

die Axt, von einem frommen Stoßgebet oder einem heiligen Fluche begleitet,

zwischen den zerbrechlichen Gläser- und Flaschenbestand der Wirte saust

oder von wohlgedeckter Stellung auf der Straße aus in die ahnungslosen

Spiegelscheiben des Lokals prasselt. Das liebe Publikum hat sein Vergnügen

an solchen Freivorstellungen. Die Zeitungen bringen ihre verherrlichenden

Bilder dazu. Überall, wo es Scherben gibt, reibt sich der Nachbar die

Hände, wenn nur sein Eigentum unbeschädigt bleibt. -- Und was sagen die

Wirte zu ihren Feinden? -- Haben sie bisher nicht stets einen wunderbaren

Takt besessen, sich nicht an einer solchen Megäre zu vergreifen? Haben

Sie nicht meistens stillschweigend den oft in die Hunderte gehenden Schaden

getragen? --

Die irdische Rentabilität der Agitation gegen die wohlhabende

Spirituosenindustrie ist unverkennbar. -- -- Bitte, bitte -- ich bin noch

nicht zu Ende ... -- Jede Agitation ist profitabel und erfolgreich, wenn

sie auf die Beschränktheit der Massen gemünzt ist. Hier ist sie doppelt

erfolgreich. Die ganze Prohibitionsbewegung scheint im Grunde nichts

anderes zu sein als eine unter dem Deckmantel der christlichen Liebe

versteckte perpetuelle Schröpfung der wohlhabenden Brauereien und

verwandten Interessenten. Weil eine derartige Operation im kolossalen Stil

betrieben wird, ist sie zulässig. Große Räubereien werden staatlich

und gesellschaftlich sanktioniert, denn man ist ihnen machtlos gegenüber.

Außerdem sind sie rentabler wie die kleinen.

Die Spirituosen-Interessenten haben durch ihre anfängliche Untätigkeit

und Sorglosigkeit bei der Abwehr ihrer Angreifer viel versäumt. Die

leidige Brüderschaft, die viele Saloonwirte während der Wahlen mit den

Tausenden und aber Tausenden von korrupten Politikern schließen,

verleitet durch Aussichten auf gute Geschäfte von Seiten der betreffenden

politischen Parteien und gutes Einvernehmen in bezug auf die Gesetzgebung,

hat der Sache der Spirituosen-Interessenten auch viel bei dem gerecht

denkenden Publikum geschadet. Denn die Saloons sind oft die Wiegen

von korrupten, politischen Strohkönigen, stellen sich dadurch in sehr

schlechtes Licht und haben manchen gegen sich erbittert, der sonst

vielleicht nichts gegen ihr Dasein einzuwenden hätte. Diese Tatsache ist

von den Prohibitionisten gleichfalls mehr als reichlich breitgetreten

und ausgebeutet worden, denn eine solche Unvorsichtigkeit kommt ihnen gut

zustatten.

Wie wackelig aber im Grunde das Gebäude der Prohibition steht, beweist die

fieberhafte, hysterische Note, die aus allen Stimmen der Antialkoholiker

herausschrillt. Die skrupellosen Übertreibungen und Verdrehungen von

Tatsachen, der nervöse, neurasthenische Ton ihrer Sprache erinnert

wirklich an einen Bösewicht, der seine Schliche und Absichten um jeden

Preis durchsetzen will, oder an einen eigensinnigen, hartnäckigen

Dummkopf, der einen im Eifer begangenen Unsinn eingesehen hat, denselben

aber mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu verfechten und

aufrechtzuerhalten sucht. Die Prohibitionisten haben nicht den geringsten

Respekt vor der Gerechtigkeit, der sie geradezu ins Gesicht schlagen. Der

unberechenbare Materialschaden, den sie der Nation zufügen, gilt ihnen

nichts. Die Frage, wie es um die hochgepriesene und nur noch künstlich

erhaltene Freiheit im Lande stehe, sobald ihre Ansichten durchgesetzt

werden, beantworten sie nicht.

Die Sprache der Spirituosen-Interessenten ist meistens eine durchaus ruhige

und vernünftige. Sie steht wenigstens in wohltuendem Kontrast zu den

leidenschaftlichen Ausbrüchen ihrer Gegner. Sie widerlegt ruhig und

sachlich die vielen Übertreibungen, entmäntelt und beweist klar

und deutlich mit Hilfe von statistischen Ziffern die Unwahrheiten der

Anschuldigungen und wehrt die Angriffe sachgemäß ab. Ein solches

Verhalten sollte zum mindesten die rapide Verbreitung der Prohibition doch

etwas aufhalten und die vernünftigeren Bürger zum Nachdenken veranlassen.

Aber sonderbarerweise gewinnt die Prohibition immer mehr Grund. Auf mehr

als zwei Drittel des Gebietes der ganzen Nation ist das Haus, wo es etwas

zu trinken gibt, dem Erdboden gleich gemacht worden; auf dem letzten Rest

des Landes ist es von gierigen Feinden belagert, die auf seinen Sturz

warten. Acht oder neun Staaten der Union sind jetzt schon vollständig

»trocken« gelegt, mit anderen Worten: der Verkauf, die Fabrikation, der

Versand von geistigen Getränken in diesen großen, weiten Gebieten ist

zu einer verbrecherischen Handlung gestempelt worden und wird gerichtlich

verfolgt. Trinken darf man in diesen trockenen Staaten, denn das _Trinken_

ist nicht als verbrecherische und strafwürdige Handlung im Kodex erwähnt

worden. O ihr bösen Prohibitionisten! -- Wenn ein Hausmütterchen sich aus

Heidelbeeren, Johannisbeeren oder Trauben einen Saft bereitet, denselben

auf Flaschen zieht und gären läßt, so macht es sich damit zur

Verbrecherin! Der Prohibitionist, der sich auf irgendeine Weise seinen

Whisky verschafft und ihn heimlich genießt, ist unschuldig wie ein

neugeborenes Lamm!!

Die Musterstaaten, welche ihren Millionen von Einwohnern den Genuß von

geistigen Getränken irgendwelcher Art vollständig entzogen haben, welche

die einschlägigen Industrien und Interessenten als Verbrecher gebrandmarkt

und mit Gewalt ihre Existenz und Lebensunterhalt zerstört und die

Unglücklichen ihres Heimatbodens verwiesen haben, ohne ihnen ein

Äquivalent für den zugefügten Schaden zu bieten, sind in chronologischer

Ordnung: Maine, Kansas, North Dakota, Georgia, Oklahoma, Alabama,

Mississippi, North Carolina, Alaska, und nun reiht sich auch noch der

Staat Tennessee der würdigen Galerie an. Rund fünfzehn Millionen Menschen

wohnen in diesen Staaten. Zu dieser Zahl von Tranklosen treten noch

die Eingeborenen und Passanten der einzelnen Landbezirke, Städte

und Ortschaften der anderen Staaten hinzu, denen durch die »~Local

option~«-Gesetze der stärkende Trunk entzogen worden ist. Die Zahl

dieser unglücklichen vertrockneten Länderstriche betrug Ende 1908

fünfhunderteinunddreißig und die Zahl der bedauernswerten Städte

und Ortschaften im ganzen Lande (außerhalb der Prohibitionsstaaten,

wohlverstanden) war zur gleichen Zeit zehntausendeinhundertzweiundfünfzig.

Darunter befinden sich dreihundert Städte mit je fünftausend Seelen

und neunzig Städte mit je zehntausend Seelen und mehr. Worchester in

Massachusetts, eine Stadt von zirka einhundertfünfzigtausend Einwohnern,

ist total »trocken«. Die ganz genaue Summe der Einwohner der von der

Prohibition gedeckten Bezirke im ganzen Verbände der Nation läßt sich

schwer feststellen. Man beziffert diese Summe auf zirka fünfundzwanzig

Millionen Menschen. Demnach wären zusammen mit den Einwohnern der

Prohibitionsstaaten ungefähr vierzig Millionen Menschen, also fast die

Hälfte der Einwohner der Vereinigten Staaten auf zwei Drittel der Fläche

des Landes unter dem Zwange der Prohibition.

Die Agitation wird wütend weiterbetrieben. In neun weiteren Staaten

tobt der Kampf für die gänzliche Vertilgung der geistigen Getränke,

selbstverständlich auch Vernichtung jeder Möglichkeit und Mittel zum

Ersatz derselben. Und es sieht ganz danach aus, als ob die Gegner des

Alkohols in den nächsten Jahren siegreich daraus hervorgehen würden. Ist

es nicht sonderbar, daß die Prohibition erst wirklich Fuß faßte, als die

Spirituosen-Interessenten im Jahre 1904 anfingen, ihre Sache ernstlich zu

verteidigen? Seit diesen fünf Jahren gewann die Prohibition fünf resp.

sechs Staaten mit zwölf Millionen Einwohnern. Außerdem gewann sie in

anderen Staaten durch ~Local option~-Gesetze einhundertundfünfzig neue

Städte, Hunderte von ~Counties~ und Tausende von neuen Ortschaften und

Dörfern. Im ganzen rund zwanzig Millionen Menschen, also in fünf Jahren

genau so viel, wie in dem vergangenen halben Jahrhundert ihres

früheren Bestehens zusammen. Erst durch die Verteidigung der

Spirituosen-Interessenten hat der Kampf begonnen und die Aufmerksamkeit der

Presse auf sich gelenkt, welche mit bemerkenswertem Instinkt die wachsende

Zahl der Prohibitionisten erkannte und natürlich in deren Lager überging,

in das Schlachtgeheul mit einstimmte und die bahnbrechenden Siege

verherrlichte. Denn man hält sich gern mit der Übermacht. -- Die

Zeitungen sind Blätter. Die Blätter drehen sich je nachdem, wie der Wind

geht. Geht der populäre Wind nach Norden, so zeigen sie mit ihren Spitzen

nach Norden. -- Die Zeitungen sind die Wetterfahnen der Zeit. Sonst gar

nichts. Nichts mehr und nichts weniger. Die Nützlichkeit einer Wetterfahne

stellen wir dabei nicht in Frage. Es scheint aber doch, als ob die

größten Gedanken zu einer Zeit geboren wurden, da es noch keine

Zeitungen gab. -- Da nun der populäre Wind durch die Aktivität der

Spirituosenhändler entfacht, nach Prohibition blies, so wandten sich

die Zeitungen mit. Tritt eine Reaktion ein, welche, nebenbei gesagt,

unausbleiblich ist, so werden die Zeitungen _diese_ unterstützen.

Die wirtschaftlich und moralisch verderblichen Spuren der Prohibition

machen sich schon allenthalben bemerkbar. Nicht nur im Staate Maine, wo

durch mehr als fünfzigjähriges Bestehen der Prohibition die Gesetze des

Landes zu einer elenden, lächerlichen Farce geworden sind und von keinem

Menschen heilig gehalten, sondern auf alle erdenkliche Weise heimlich und

öffentlich umgangen und übertreten werden, sondern auch in den jüngeren

Prohibitionsstaaten wird das Ansehen des Gesetzes und des gesetzgebenden

Körpers in den Schmutz gezogen. Wie kommt es, daß die Trunkenheit in den

Prohibitionsstaaten zugenommen hat, seit man den Einwohnern die Gelegenheit

zum Trinken nahm? -- Die Bürger wissen sich schon ihren Trunk zu

verschaffen. Daß sie dies aber wie die Diebe bei Nacht tun müssen, ist

eine Schande. Es ist unglaublich, wie erfindungsreich die bedauernswerten

Bürger der trockenen Staaten werden, wenn es gilt, ihren Durst zu

löschen. -- Die Apotheken, welche jetzt Spirituosen als »Medizin«

verkaufen, machen Bombengeschäfte, denn die »Medizin« darf in solchen

Fällen nur in Literflaschen verkauft werden. Überall werden Gesöffe

ausgeschänkt, die man für »alkoholfrei« erklärt, und wenn man sie

näher untersucht, sind sie nichts als purer Whisky oder Bier, manchmal

eine geradezu gesundheitsschädliche Mischung von allerhand scharfen

Flüssigkeiten. -- Freunde und Bekannte handeln frei ohne Lizenz mit

Spirituosen untereinander. Die Gesetzgebung und der Staat ist machtlos.

Sie kennen doch die genialen Methoden, die vor kurzem im Staate Georgia

entdeckt wurden. Wer sich eine Flasche Whisky verschaffen wollte, ging in

ein Hotel und verlangte ein Zimmer. Je nach dem Preise, den er bezahlte,

fand der Gast auf dem Tische in seinem Zimmer eine Flasche, welche den

ersehnten Trunk -- Whisky, Wein, Bier, oder was es gerade war, enthielt.

Diese Flasche steckte der Gast in sein Köfferchen, »reiste« sofort

wieder ab, und das Zimmer wurde gleich darauf neu »besetzt«. So kam

es vor, daß ein und dasselbe Zimmer oft hunderte Male an einem Tage

»besetzt« wurde. Die Trunkenheit nahm überhand, das Gesetz wurde

öffentlich verhöhnt. -- Ein eifriger, leitender Prohibitionist war hinter

diese Schliche gekommen und »mietete« sich auch einmal ein Zimmer in

einem Hause, wo er nicht bekannt war, zwecks Überführung des Wirtes. In

der gewohnten Weise eignete sich der Fromme die verhängnisvolle Flasche

an, um sie bei der Anklage als Korpusdelikti zu benutzen. Der Wirt aber

strengte ganz kaltblütig eine Gegenklage wegen Diebstahls gegen den

eifrigen Spirituosenfeind an, der nicht das Recht habe, Gegenstände,

welche sich in Hotelzimmern befinden, daraus zu entwenden. Und unter

allgemeinem Gaudium und Gegröle aus tausend feuchten Kehlen wurde der

Ärmste als ein gemeiner Dieb verdonnert. -- Dem Wirte konnte nicht

nachgewiesen werden, daß er Spirituosen verkaufte. Er ging frei aus.

Solche Komödien in verschiedenster Art und Weise kommen täglich vor. Es

ist schon nicht mehr amüsant, es ist lächerlich. -- Man denke sich einen

Soldaten ohne Bier oder Wein! -- In Amerika, wo bekanntlich alles möglich

ist, ist auch solch ein undenkbarer Vaterlandsverteidiger möglich. Seit

einigen Jahren hat man sämtliche Kantinen in der amerikanischen Armee

abgeschafft. Das Resultat ist, daß im Februar 1909 ein Armeebefehl

erlassen wurde, wonach alle Flaschen, Behälter und Gefäße in der Armee,

welche denaturierten Spiritus enthalten, mit der abschreckenden Aufschrift

»Gift« versehen werden müssen, da die Soldaten in vielen Fällen, um

ihren Durst zu stillen, zur Spiritusflasche gegriffen hatten, in dem guten

Glauben, Spiritus habe nur die wünschenswerten Eigenschaften eines starken

Whiskys. Natürlich kamen viele Erkrankungen und auch Todesfälle vor.

Die Prohibitionisten haben sich auch eine unpassende Zeit zur Purifikation

des Menschengeschlechtes gewählt, welche auf Kosten vieler Tausender von

ehrlichen Arbeitern stattfinden soll. Gerade zu unserer heutigen Zeit, wo

Arbeitsmangel und Stellenlosigkeit in allen Industrien überhand genommen

hat, gilt es, alte Industrien, die seit Jahrtausenden existieren, nicht

mehr zu zerstören, als bisher schon durch die unabwendbare Ebbe und Flut

der Zeit geschehen ist, sondern es gilt, _neue_ Industrien ins Leben zu

rufen, die den Millionen von hungernden Familien in allen zivilisierten

Ländern Brot geben.

Ich glaube nicht, daß das amerikanische Volk der Arbeiter sich mit der

mutwilligen Vergrößerung seines an sich schon bedenklichen Notstandes

einverstanden erklären wird. Die direkten und indirekten ökonomischen

Verluste, die die Prohibition mit sich bringt, sind ganz unberechenbar. Das

ganze immense Kapital der Brauerei-, Destillations- und Weinbauindustrien

in Amerika steht auf dem Spiel; zahllose, davon abhängige Industrien

und Gewerbe sind bedroht. Was würde die Landwirtschaft allein an Hopfen,

Gerste usw. jährlich verlieren! Im Staate Kentucky allein, wo man

gegenwärtig auf absolute Abschaffung der Spirituosen drängt, steht ein

Kapital von 192 Millionen Dollars auf dem Spiel, welches durch den Sieg der

Prohibition rettungslos verloren gehen würde.

So hat die Prohibition seit mehr als einem halben Jahrhundert ihres

Bestehens genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie versprach. Sie hat

weder die Verbrechen vermindert, noch die korrupten Politiker vertrieben.

Sie hat auch nicht die Trunkenheit abgeschafft, sondern dieselbe indirekt

gefördert. Sie hat die Bürger aber zu Sklaven erniedrigt und auf die

gemeinste Stufe gestellt, welche ein zivilisiertes Volk einnehmen kann. Sie

hat sie zur Menschenfurcht und Heuchelei gezwungen. Sie hat den ehrlichen

Bürger, der eines Glases Bier oder Wein zu seiner Erholung bedarf oder

dessen nicht entbehren will, zur Überschreitung und Mißachtung der

Gesetze des Landes veranlaßt.

Jawohl, Herr Bischof, die Kirchen des Landes haben viel zur Förderung

der Sünden beigetragen. Aber darum will ich gerade die Stellungnahme der

römisch-katholischen Kirche zum Trinkverbot lobend hervorheben. Seit ihren

ersten Zeiten hat diese Kirche (von einigen einzelnen Fällen abgesehen)

einen versöhnlichen Standpunkt gegen die uralte Frage eingenommen und nur

Mäßigung anempfohlen. Das wirklich großzügige und weitsichtige Urteil,

welches der würdige Repräsentant der katholischen Kirche in Amerika, der

Kardinal Gibbons, über die wachsende Prohibition vor einigen Jahren

abgab, verdient verewigt zu werden. Es hat seinerzeit dem Kardinal volle

Anerkennung und Beifall der vernünftigen Welt zu beiden Seiten des

Atlantiks eingebracht. -- Was aber war die Folge? -- Sieg der Dummheit der

Prohibition selbst in der Diözese des Kardinals.

Die Aussichten der Anhänger des Bacchus in Amerika sind also vor der Hand

sehr trübe. Blinde, Enttäuschte, Glücksritter, Neugierige, Ignoranten

von europäischer Herkunft haben in unermeßlichen Schwärmen die Küsten

Amerikas bestiegen und sich bald wieder abgewandt, als sie das Gold nicht

auf der Straße liegen sahen. Diese Leute haben es auf dem Gewissen, daß

Amerika bei uns als ein entsetzlich nüchternes Land, ohne Inspiration,

ohne geistiges Leben und ohne Ideale, weil nur auf Gelderwerb bedacht,

verschrien ist. -- Aber Amerika hat Ideale. Der Beweis für das

Vorhandensein von Idealen in kruder Form ist die Prohibition selber. Die

junge Riesennation muß ihre Kämpfe, muß ihre Zweifel und Torheiten der

Jugend durchmachen. Sie hat alle Zeichen des jungen Idealisten an sich. Sie

torkelt von einer Maxime in die andere. Der junge Idealist wird alles über

den Haufen werfen, wenn es gilt, seine Ideale zu verfechten. Am nächsten

Tage wird er die teuer erworbenen Ideale ablegen, wie man einen Rock

ablegt, der zu eng geworden ist ... Der Rock mag noch schön und neu

sein, aber der Jüngling freut sich über sein Wachstum und holt sich einen

passenden Rock. Diese Häutungen muß jeder Mensch und folglich auch jede

Nation in ihrer Jugend durchmachen.

Eine der amüsantesten amerikanischen Jugendtorheiten ist der Superlativ.

Freilich, für uns Europäer etwas unangenehm, ja widerlich. Manch alter

Griesgram mag im Superlativ eine gefährliche Krankheit sehen, aber wir,

die wir jung bleiben wollen, wollen uns darüber köstlich freuen! Die

amerikanischen Superlative sind bekannt: das reichste, das größte, das

höchste, das schnellste, das längste in der Welt. So heißt es, wenn

von irgend etwas die Rede ist. Der Amerikaner spricht im Superlativ, lebt,

schläft, träumt darin: er besitzt ihn, sucht ihn, verlangt ihn, betet ihn

an. -- Sein Land hat ihn in Ausdehnung, in Naturschönheit, in natürlichem

Reichtum, ja selbst im Wetter und im Klima. So schafft sich das Volk

seinen Superlativ im Verkehrswesen, im Geschäftsleben, in der Arbeit,

in Gebäuden, im Reichtum und in Armut, in Religionen und Lastern, in

Bigotterien und Gemütsroheiten, in Verbrechen und in öffentlichen

Wohltaten.

So wenden auch die Prohibitionisten den Superlativ in der Anklage gegen

Bacchus und seine Freuden an. -- Aber Bacchus, der Milde, wird dem jungen

Amerika verzeihen. An der Hand der Geschichte wird er Amerika leiten und

ihm zeigen, was er aus seinem Feinde gemacht hat.

Tausend Jahre vor Christi Geburt tobte ein kaiserlicher Sohn des

Himmlischen Reiches der Mitte gegen die Macht des Weines. Er ließ alle

Weinstöcke entwurzeln. Wo ist der Kaiser jetzt? Tot, sehr, sehr lange

tot. Die Reben blühen noch immer. So sehr tot ist die armselige, bezopfte

Majestät, daß man schon gar nicht mehr weiß, welcher Dynastie sie

angehörte. Die Reben blühen weiter. Tausend persische Fakire und Pfaffen

grölten in der Mitte des elften Jahrhunderts die verderbliche Macht des

Weines an. Als Gegengabe schenkte uns Persien zur selbigen Zeit einen

einzigen Omar -- Omar Chajjam. -- Das Lachen eines einzigen Omars war

tausendmal wuchtiger als das Gezeter und Geheul von tausend Derwischen und

Priestern zusammen. Alle tausend Schreihälse sind tot. Sehr, sehr lange

tot. Man kennt ihre Namen gar nicht. Man hat sie nie gekannt. Und nie

kennen wollen. -- Omar lebt weiter. Seine Rubaiyat, sein Lachen macht heute

noch alles Gezeter stumm. --

Was ist aus Indien, dem uralten Lande der Wunder, der tiefsten Denker, der

jungfräulich herrlichen Poesie geworden? Was ist Arabien und die anderen

Länder, denen Buddha und Mohammed den Wein verbot? Unzählige Beispiele

wird Bacchus bringen, wo er seine Gegner in die Lächerlichkeit zog, sie

dem Spott der Welt preisgab. Er wird die Dichter und Denker aller Zeiten

und aller Völker kommen lassen, um Zeugnis für ihn abzulegen. Sollte ihm

dann noch die Tür gewiesen werden, so wird er sich nicht darob grämen.

Dann wird er ruhig das Land verlassen und es meiden. Und wo er auszieht,

da zieht orientalische Apathie, Trägheit und Lasterhaftigkeit ein und

legt sich wie ein böser Traum auf das Gemüt des Volkes. -- Dann wird die

Statue der Freiheit die größte Lüge und Karikatur, die jemals von den

Menschen errichtet wurde. Sie wird dann zum verlockenden Aushängeschild

an der Tür zum Despotismus des Pöbels, der Plutokratie, der

Pfaffenwirtschaft und Heuchelei.

Ich weiß, der wirkliche Amerikaner ist mit solchen Zuständen nicht

einverstanden. Was kann aber die vernünftige Minderheit gegen die blinde

Mehrheit machen? Die Heiligkeit des Gesetzes darf nicht verletzt, nicht in

Frage gestellt werden. Die Heiligkeit des Gesetzes hat nichts zu tun mit

dem Blödsinn, den das Gesetz oft vertritt, fördert und beschützt. Wenn

ein Unwürdiger die Priesterweihe erhält, so ist nicht die Weihe

entehrt, sondern der Unwürdige selber. Wenn das Gesetz einen Blödsinn

sanktioniert, so ist nicht das Gesetz anzugreifen, sondern der Blödsinn.

Ein Untertan, geschmückt mit dem Purpur und den Regalien des Königs, darf

sich höchstens in einer komischen Oper sehen lassen. Wenn er sich aber

ernst nimmt, so kann man ihn mit gutem Gewissen für geistesgestört halten

und ihn einsperren.

So kann man auch den Blödsinn in das würdige Gewand des Gesetzes kleiden,

aber er wird immer ein Blödsinn bleiben. Daß er so in monumentalster

Weise angebetet wird, daß Millionen und Abermillionen vor ihm auf die Knie

sinken, ändert gleichfalls nichts an der Tatsache, daß er ein Blödsinn

ist.

Mit der Autorität der Stimmenmehrheit war es von jeher, überall und zu

allen Zeiten eine eigenartige Sache. In einem Schwarm von Spatzen hat

eine Nachtigall nichts zu sagen. Wer unter den Wölfen ist, muß mit

ihnen heulen. In Rom tut man, was die Römer tun. Und in Amerika bei der

Übermacht der Prohibitionisten muß man tun, was diese Leute tun: nämlich

im geheimen trinken oder Kokain nehmen und fromm drein schauen. Aber die

Heiligkeit des Gesetzes ist unantastbar. -- Bevor ich mich aber hiermit

einverstanden erklärte, würde ich mich betrübt von Amerika abwenden und

das schöne große Land betrauern, das dem Schicksale Indiens und Arabiens

entgegengehen soll. Ich würde mich nicht wohl fühlen in einem Lande, wo

man sich an einem toten Sonntage Inspiration aus Gefrorenem und Limonaden

mit Strohhalmen in die öden, müden Schädel einsaugt und sich einen

Sodawasserenthusiasmus antrinkt, damit man wieder mutig den Stürmen des

mühevollen Lebens am Montag entgegentreten kann. Nein, wenn ich an der

Tafel und beim Wein sitze, dann fühle ich Erdgeborener mich den ewigen

Göttern gleich und will nichts, aber auch absolut gar nichts verachten

und entbehren, das die schöne Erde mir bietet, wenn ich es haben und

in schöner Freude genießen kann. -- Und mein Kellner ist dann mein

Ganymedes, und mag er noch so verzweifelt irdisch drein- und ausschauen.

Dann will ich seine und die eigene Weltlichkeit vergessen. -- Aber

vierzig Millionen Menschen ohne einen Tropfen Wein! -- Ein schallendes,

anakreontisches Gelächter dafür! -- -- Nun, Herr Bischof? -- --

So!? -- Hm ... Warum ich nicht lache, warum ich plötzlich so ernst

dreinschaue? -- Eingesehen? -- Nein, gar nichts habe ich eingesehen! Aber

hör' mich an, alter Freund! -- Ich habe dir noch etwas zu sagen. -- Du

zitterst! -- --! -- Ja -- du tust mir leid! -- -- Bitte, laß mich reden!

Nur noch ein paar vernünftige Worte will ich zu dir sprechen: -- --

Bitte, laß mich reden, sag' ich! Nimm doch noch einmal deine frühere

Vernunft zusammen. Und dann will ich dich hören, was du zu sagen hast.

-- Also du behauptest, das Ausschänken von Spirituosen hat einen

verderblichen Einfluß auf das Seelenleben des Kellners! -- Mein Kellner

macht sich zum Mitschuldigen an meinen Sünden, am Untergang der Säufer

und der Schlemmer! -- Das sagst du mir!? Nun höre, was ich dir zu sagen

habe:

Mögen fromme Menschen, die sich um das Seelenheil anderer bemühen, ihrem

lieben Herrgott danken, daß sie nicht so sind wie der Kellner, der seine

Kräfte in die Dienste des entsetzlichen Dämons Alkohol stellt; mögen

die frommen Leute ihm sein Brot abnehmen; mögen sie ihn in Grund und Boden

verdammen, über diesen Fluch, über sein Unglück hilft die Philosophie

den freundlichen Ganymed hinweg. Muß der Soldat nicht, durch die Umstände

gezwungen, Menschen töten, die er niemals zuvor gesehen hat, Menschen, die

ihm nicht das geringste Leid zugefügt haben? -- Und je mehr er von diesen

unschuldigen Menschen abmordet, um so ein besserer Soldat ist er! -- Man

wird mir doch nicht sagen wollen, daß ein Soldat mit Freude, Mut und

Tapferkeit zur Schlacht auszieht! Ein solcher Soldat wäre doch eine wahre

Bestie. -- Nein, es ist die Furcht und der Fluch der Notwendigkeit,

welche die Kugeln aus den Läufen heraustreibt. Es ist die selbstgemachte

Notwendigkeit, welche die Menschheit zu solcher Sklaverei erniedrigt, die

Notwendigkeit, welche dich und mich und auch den Kellner macht. Darum, je

mehr Alkohol der Kellner verkauft, um so ein besserer Kellner ist er und

folglich ein um so besseres Mitglied der menschlichen Gesellschaft. --

Welch eine Jammergestalt von einem Soldaten, der in die Luft schießt aus

Furcht, er könnte dem unschuldigen Menschen, den er abmurksen soll, ein

Leid zufügen. Welch ein miserabler Kellner, der nicht einschenkt aus

Furcht um das Seelenheil des Gastes!

Darum drauf los, ihr Jünglinge, die ihr Soldaten und Kellner spielen

müßt! Laßt die Gewehre und die Pfropfen knallen, was das Zeug halten

kann! Macht so viele Feindes- und Bierleichen, wie ihr könnt! Dann

habt ihr eure Pflicht getan! -- Darum drauf los, ihr Schriftsteller und

Theologen, ihr Künstler und Juristen, drauf los alle ihr, die ihr im

Namen unserer Zivilisation lügen, betrügen, heucheln, schön tun, rauben,

morden, stehlen, plündern, faulenzen, euch wegwerfen müßt! Und wer

müßte es nicht unter euch zivilisierten Menschen!? -- Selbst der

Unschuldigste unter euch, der Rentier, sündigt. Er faulenzt auf Kosten

des Gemeinwohls. Wer unter euch frei von Schuld ist, der mag einen Stein

aufheben und die Flasche in des Kellners Hand zertrümmern!

Die Sauferei und Schlemmerei verabscheuen die guten Kellner und Wirte

ebensosehr wie ihre Antipoden, die Prohibitionisten. Vielleicht noch etwas

mehr als diese. -- Denn sie sind es, die den Schmutz wegräumen müssen;

sie sind es, die die Schlemmer in ihrer tiefsten Erniedrigung sehen. Diese

sehen sich nicht selber. Sie schlafen den tiefen, traumlosen Schlaf, den

die Erinnyen bewachen. -- Niemand weiß besser, was Trunkenheit ist, als

der Kellner, niemand weiß besser, was der Tod ist, als die Totengräber.

Wer es nicht glaubt, befrage Shakespeare.

Wenn die Menschen aus allem, was sie sehen, Lehren für sich und ihr Leben

zögen, so stünde vieles besser um sie. Wenn die Kellner dies täten, so

würde aus ihnen ein gewaltiges Geschlecht entstehen, wie die Welt noch

keines gekannt hat, dagegen sich die größten Satyriker als armselige

Kläffer verkriechen müßten. Sie würden stärker und machtvoller werden

als die biblischen Propheten, die beim Anblick eines versumpften Volkes

nichts als weinen oder schlechtes Wetter prophezeien konnten. Jerusalem,

Babylon, Ninive, wieviel Gutes müßt ihr noch in euch geborgen haben, da

man noch Lamentationen und Tränen an euch verschwendete! -- Es werden aber

diejenigen kommen, die nicht predigen, nicht weinen und nicht prophezeien,

sondern nur schauen, mit kalten, ruhigen Augen schauen, darinnen alles

Mitleid erstarrt ist, starke Geister, die das Gift den Schwächlingen

reichen und den Trunkenen zuflüstern: »Trinkt, trinkt und lebt euch tot!

-- Wir wollen allein sein! Uns gehört die Erde und das Leben, uns, den

Gesunden und Starken!« -- Und allmählich wird die Macht der Erde in die

Hände dieser kalten, starken Menschen übergehen, sie werden die Herrscher

und die Selbstbeherrscher sein. Ich nenne das soziale Chirurgie und

Okulation des Baumes des Lebens.

Die Menschen haben aber noch immer nicht sehen gelernt. Und da die Kellner

eben auch nicht mehr als Menschen von heute sind, so tun sie eben auch

nicht mehr als andere Menschen tun und ziehen keine Lehren für sich aus

dem Leben der anderen. So geht der ganze Wert des Bösen an ihnen verloren.

Und er verwandelt sich, wie immer, zur bösen Macht, die sich auf alle

ausnahmslos erstreckt.

Darum schmähe nicht, mein Freund! Fürchte dich, ekle dich aber auch nicht

vor dem Laster. Schau ihm kalt und ruhig in das triefende Auge, wie

ein Arzt die eiternde Wunde betrachtet. Und es wird scheu vor dir

zurückweichen. Denn selbst das Laster hat seine Scham, wenn es sich

durchschaut fühlt. Dann wird es zusammenschrumpfen wie eine leere, elende

Bagatelle, der du einen Fußtritt versetzest. Das schleimige Lächeln in

seinem Gesichte wird zu hoffnungsloser Traurigkeit erstarren, erfrieren; es

wird nicht wagen, um Vergebung zu winseln oder dich berühren. Es wird

von dir lassen, denn es hält dich für einen Gott oder einen Teufel, und

keinen von beiden liebt es. Nur unter den erdgeborenen Menschen sucht es

seine Opfer. Ein wildes Tier ist's, das du im Auge behalten mußt, greifst

du es an, fürchtest du dich oder kehrst du ihm den Rücken, so springt

es auf dich. Bedenke: Jeder Angriff, jede Abwehr ist ein Zeichen von

Hochachtung.

Nicht Furcht soll dich stark machen! Keine Gottesfurcht soll dich

verhärten, keine Menschenfurcht soll dich zum Feigling erniedrigen, soll

dich vom Laster fernhalten. Du sollst in das Laster hineingehen, um aus ihm

wieder hervorzugehen. Die Furcht vor dir selber allein soll dich reinigen

und auferstehen lassen, Phönix! -- Und laß nie deine Wangen um das Heil

anderer bleichen. Wo es sein muß, da schau ruhig der Vernichtung zu. Laß

zugrunde gehen, was dazu bestimmt ist. Denn du verschwendest dich, wenn du

einen Finger rührst, zu helfen. Es gibt große, übermenschliche Mächte,

die nichts zugrunde gehen lassen. Du hast nicht das Recht, einzugreifen

in fremde Seelenwelten. Laß jede Welt ihrem Frühling und ihrem Winter

entgegengehen. --

Darum verdamme nicht zu schnell; es möchte dich vielleicht später

reuen. Nicht nur der Kellner wird verführt und berauscht von dem wogenden

Getriebe des Lebens. Es liegt in der menschlichen Natur, von der Menge und

dem Geiste der Zeit mitgerissen zu werden. Niemand von uns kann sich ganz

von diesen Fesseln befreien. Das einzelne Individuum ist machtlos. Nur der

ganz Starke, der Seher, der die Schalheit, das Hohle des vorübergehenden

Treibens erkennt und der ruhig verachtet, was sich ihm aufdrängt, weil

er genug mit sich selber zu schaffen hat, wird bleiben. Alle anderen

verschwinden halt- und rettungslos im großen Strudel des Daseins. Hier

treiben sie hin und her, bis sie untergehen. Hier erstickt das moderne

Fatzkentum, hinter dessen hohlem Lachen und Überlegenheit sich eine

erschütternde Tragik verbirgt, welche die Schwester der Nacht, der

Dummheit ist. Hier wanken die Trunkenbolde, nicht voll vom Weine des

Lebens, sondern trunken vom billigen Fusel der Gemeinheit, grausige Flüche

lallend. Hier sammeln sich die müden Veteranen, zerlumpt, krüppelig, die

Geschlagenen, die Entlaufenen, die Betrogenen; krank, gebrochen, elend,

dämmern sie in der Sonne dahin. Die Schlottergestalten, Skelette,

Galgenvögel, faule Schwämme, Zerrbilder Gottes, Tuberkulösen, die

aschigen Kinder des Rinnsteins, grauenhaften Nachtschatten der Großstadt,

stotternd, zitternd, vagen Zielen zustrebend, die Bacchanten der Gosse,

grauhaarige Vagranten, vibrierend nach Schmutz, sich ins eigene Elend

wühlend, im Genuß der eigenen Gerüche zitternd, die grimmen Masken

herzzerreißender Komödien, die nächtigen Kloakengeschöpfe einer

lächerlichen Tragödie, die Halbgebildeten, die Halbwissenden, welche die

Wonnen des Lebens kennen, ohne Gewalt darüber zu haben, die Ohnmächtigen,

die Verzweifelten. Müde, schläfrig brechen sie zusammen, bis der

Fußtritt des Polizisten sie weckt. -- Und draußen, freudig, daß es

Platz gibt, schieben sich die jungen Kolonnen mit Jubelgeschrei vor in

die Gefechtslinie. Immer neu werden die Lücken von den nie endenwollenden

Reserven gefüllt; immer neu schlürft sie der unersättliche Rachen

hinunter, immer neu speit er sie wieder aus, und geschlagen, verwundet,

gebrochen, befleckt kriechen die Gestalten aus dem Feuer in die Dunkelheit.

Die Parkbankgarnitur! Die Leierkastenkomödianten! Die Zierden der Stadt!

Die Trophäen der Zivilisation! Preise des Lebens! Überproduzierte --

Unterentwickelte -- Lemuren -- Halbmenschen -- quoi! --

Und die Tragikomödie des Kellnerlebens besteht in diesem einen Gedanken:

Es ist nichts Großes, Gewaltiges, das den Kellner bedroht und oft

zermalmt. Kein Grubenunglück, keine Dampfkesselexplosionen, keine tobende

See, kein brüllendes Feuer. Das Lächerliche, Oberflächliche, die

Bagatelle, die Halbeleganz, die Halbbildung, das alles bemächtigt sich

seiner Gestalt, sucht sich darin zu verkörpern, darin zu leben. Die Mühle

der Kleinigkeit reibt ihn langsam auf, die Mühle unseres modernen Lebens.

Sie zerkleinert die hehren Schmerzen der Menschenbrust langsam, damit das,

was wir anfangs für einen heiligen Funken göttlicher Gewalt hielten,

morgen zu einem lächerlichen Quark wird. Dies, dünkt mich, ist schlimmer

und gefährlicher, als in Kohlenbergwerken sich die Lungen mit Staub

anzufüllen oder in Bleifabriken giftige Gase einzuatmen. Was bedeutet es,

wenn die Arbeiter der Bergwerke, der Bahnen, Schiffe, der Stahlwerke und

Hochöfen zu Tausenden verunglücken?! -- Diese Männer sterben auf ihrem

Posten einen Heldentod. Harte Arbeit und beständige Lebensgefahr mögen

ihre Körper bedrohen und beugen, ihre Seelen aber werden stark dabei,

bleiben aufrecht und trotzig. -- Mag der Lungendurchschnitt eines

Bergarbeiters schwarz sein, sein Geistesdurchschnitt ist rein und gesund.

Und bricht ein Unglück über sie herein, so scheiden sie aus dieser

Welt als Männer, als Kämpfer, als gefallene Soldaten auf den großen

Schlachtfeldern unserer Industrien. -- Ein schöner Tod! Wie anders ist

aber das Leben unseres Kellners! Und wieviel schrecklicher ist sein Los!

Welche Kräfte muß er aufbieten, um aus dem Wuste unserer Zivilisation

einen rechten Lebensweg zu finden! Fehlen diese Kräfte, so wird sein

junges Gemüt langsam, sehr langsam zermahlen und vergiftet, angesteckt von

unheilbaren Leiden.

Wenn der Kellner nicht solch wundervolle Gelegenheit hätte, das große

Leben, die herrliche Natur, die Wunder der Schöpfung zu sehen, dann

müßte er wirklich verzweifeln. Aber die kaleidoskopische Abwechslung von

göttlichen Bildern erhält ihn unbewußt aufrecht. Unwillkürlich

läßt er alles auf sich einwirken. Willenlos läßt er sich tragen. Denn

Kokotten, Kurtisanen, geschminkte Weiber sein Lebtag lang sehen müssen,

immer und ewig dieselben, abgestandenen Phrasen anhören müssen, immer

wieder dasselbe, freche, müde, stinkende Lächeln, die schnüffelnde

Lüsternheit, die sogenannte Lebensfreude ansehen zu müssen, das muß in

seiner Art auf die Dauer noch langweiliger werden als eine Anstellung

bei der Regierung. Man muß ein eingefleischter Satan oder eine stupide

Zuhälternatur sein, um ein solches Los ertragen zu können. -- --

Aber das Leben hat den Kellner geschützt. Es liebt ihn. Es lächelt ihm,

lockt ihn hinaus, wenn Gefahr droht. Darum wandert er auch so viel. Darum

treibt's ihn von Ort zu Ort, von Land zu Land. Eine Hoffnung ersetzt die

andere. Keine erfüllt sich vielleicht. Aber sein Herz bleibt wunderbar

jung. Heute sieht er Laster, wird verführt, stürzt sich hinein, um Ekel

vor sich selber und seinem Leben daraus zu schöpfen, morgen hält ihn

wieder eine blühende Landschaft, eine neue Hoffnung, die Freude an einer

neuen Reise, vor der Selbstverachtung und Selbstvernichtung zurück.

Er kann nicht verzweifeln; er bleibt jung. Mögen auch die Musik, die

parfümierte Atmosphäre, der Glanz, der Geruch und die Hitze der Küche,

das Strahlen der Lichter, die körperlichen Anstrengungen, der Ärger, der

Haß gegen den Reichtum, die Dienerei, die Verachtung seiner Person, das

Trinkgeld, mag alles auf ihn einstürmen und sich wild in seinem Herzen

festkrallen und es aussaugen, -- der Kellner bleibt jung.

So entwickelt sich aus ihm der heimatlose, unstete Wanderer, der gott- und

freundlose, gut- und blutarme Mensch, der er heute ist. -- Die schönsten

Kräfte seiner Jugend gibt er dahin, ohne an sich zu denken. Wem gibt

er sie? Sich selber? -- Nein! Den anderen Menschen? Nein! -- Sie werden

zersplittert, entkräftigt, zermalmt in der großen unmenschlichen Mühle

unserer Zivilisation. Es gibt das berühmte Düngermehl für künftige

Kulturen.

Bei einem solchen Anblick sollte selbst das Gesicht eines Gottes zu Marmor

erstarren. Aber das Gesicht des Lebens mit seiner ganzen Inkonsequenz

lacht, lacht, während seine Tatzen die Herzen zerreißen. Die großen,

entsetzlichen Kontraste, das grausam, willkürlich zusammengewürfelte

Gemisch von Schwarz und Weiß, Gelb und Rot, ungeordnet, verwahrlost,

verwitternd, reizt nur den Künstler, den Fleißigen. Der Mensch aber, der

darin nicht umkommt, ist ein Künstler. Er fühlt sich glücklich in dem

großen Haufen von Sand und Mörtel, bunten Steinchen, Gläsern, Scherben

und Splittern, die in allen Farben leuchten vom reinsten Golde bis zum

giftigsten Grün. Wo aber ist der Meister, der diese Stückchen, die

Fragmente zu einem herrlichen Mosaik, zu einem gewaltigen Gedichte

zusammensetzt? -- Er ist noch nicht geboren. -- Aber darf man sich nicht

schon glücklich schätzen, wenn man aus der Ferne, mit den Augen eines

Schöpfers verschwommene Konturen einer erhabenen Komposition

erkennen kann, die aus dem Material entstehen könnte und entstehen

muß? -- -- -- --

Aber die Lasterhaftigkeit bleibt doch so ziemlich das Zuverlässigste in

der menschlichen Natur. In den allerschlimmsten Fällen kann man fast immer

mit ihr rechnen. Ja, leider! So ist's! Was nützen die schönen Exkursionen

ins Blaue! -- Und ich habe mir auch sagen lassen, daß Bibelgesellschaften

in Amerika sogar versuchen, Freiexemplare der Heiligen Schrift in den

Hotelzimmern aufzulegen, um damit auf das Seelenheil der Gäste einen

wohltätigen Einfluß auszuüben. Schön! Indessen glaube ich nicht, mein

Freund, daß sich trugsinnende Makler dadurch von ihrem bösen Vorhaben

abhalten oder in ihren Kalkulationen beirren lassen. -- Nein, das

Selbstbewußtsein unseres inneren Menschen ist unsere einzige Rettung.

-- -- Ich bezweifle auch sehr, daß etwaige entlaufene, legitim vielleicht

nicht zusammengehörige Pärchen, die, nachdem sie es auf oft ganz

wunderbare Weise zustande gebracht haben, den spähenden Augen des

gestrengen Detektivkorps eines großen Hotels zu entschlüpfen, unter

der schützenden Flagge des heiligen Ehestandes den sicheren Hafen

eines molligen Appartements erreicht haben, sich durch den plötzlichen

unerwarteten Anblick der ernsten Bibel zu einer schleunigen Umkehr und

Buße mit Reue und Leid veranlaßt fühlen oder sich gar nur zu einem

flüchtigen Stoßgebet ermahnen lassen, bevor sie sich in die Versuchung

begeben, wirklich Mann und Frau zu sein. -- Mein Freund, ich bezweifle es.

Aber du wirst jedenfalls auch hier wieder den Wirt verantwortlich machen

wollen für anderer Leute Sünden, wie du eine Eisenbahn oder eine

Schiffahrtsgesellschaft verdammen wirst, weil sie den Halunken und

Verbrechern Mittel bieten, sich der Gerechtigkeit zu entziehen. -- Oh, all

der bittere Hohn, mit dem uns das böse Leben überschüttet! -- Wenn

wir doch nur das Geld sparen könnten, das wir durch unsere Dummheiten

verschwenden! -- Die Qualen der blutenden Herzen, ja selbst die

Lächerlichkeiten, denen wir uns aussetzen, ließen sich dann leicht

ertragen. --

Wenn ihn also eine feine Dame beauftragt, Whisky oder Cocktail in einem

zierlichen Teetöpfchen und dünnen, unschuldigen, goldumränderten

Porzellanschälchen zu servieren, so mag ein unbeholfener Kellner

wohl heimlich grinsen und sich darüber lustig machen, ein wirklicher,

tüchtiger Kellner aber wird den Auftrag ausführen, ohne mit einer Wimper

zu zucken. Es wird nur eine grenzenlose, stille, tiefe Verachtung in seinem

Herzen aufkeimen für die Feigheit und die Heuchelei der Menschen, welche

Furcht vor sich und ihresgleichen haben, die Menschenfurcht, die gemeinste,

die hündischste aller Furchtgefühle. Und es wird eine ganz stille, tiefe,

heilige Verachtung sein, die es gar nicht mehr liebt, sich zu zeigen. Sie

wird nicht mehr versuchen wollen zu spotten, denn der Spötter verdirbt

doch viel, statt zu bessern, und sein ohnmächtiges Gelächter kehrt

unverrichteter Sache an sein eigenes Ohr zurück. Und das tut weh. --

Selbst das Gelächter der Götter über die Torheiten der Sterblichen ist

nicht das Höchste. Die Ewigen können auch Blitze schleudern oder tief,

ganz tief wie das spiegelglatte, unergründliche Meer schweigen.

Ein Mensch, der dies empfindet, steht hoch über allem Schmutze, mit dem

ihn das Leben umgibt, und er selber wird keiner schmutzigen Tat fähig

sein. Ja, der Schmutz, den seine Hand berührt, wird verklärt. -- Gelehrte

und gewissenhafte Menschen mögen ihm vorwerfen, daß man unter keinen

Umständen eine Tat begehen darf, die er mit seinem Gewissen nicht

vereinbaren könnte. Aber was ist denn das Gewissen? -- Wachse ich nicht?

Wechsele ich mich nicht wie das Licht des Tages? -- Wer sagt mir, daß mir

morgen noch gelten wird, was ich heute denke? -- Und eine Notwendigkeit,

die bis zur Neige auszutrinken uns das Leben zwingt, ist ein mächtigerer

Befehl als das heutige Gewissen. Nein, Freund, nur das Bewußtsein

unseres inneren Menschen ist unsere einzige Rettung! Das robuste, gesunde

Selbstbewußtsein mit der Verantwortlichkeit für sich selbst. Ein solches

Gewissen wünsche ich jedem meiner Zeitgenossen, den unser heutiges Leben

in einen wilden Kampf um ein Stück Butterbrot oder noch weniger stößt,

den es zwingt, nach seiner Flöte den Totentanz zu tanzen, bis die Kräfte

versagen. -- Den Zeitgenossen wünsche ich dies. Denen, die da kommen

werden, brauchen wir es nicht zu wünschen, denn dann werden Männer mit

starken Seelen Reiche des Friedens geschaffen haben, darüber der junge Tag

jedesmal mit einem Jauchzeschrei aufgehen wird. Totenfeier und Glockenklang

wird uns dann gelten, reine Tränen werden für uns, die toten, schuldigen

Kämpfer fließen. Denn wir waren es, die ihnen die Pfade mit mühsamen

Schritten geglättet haben. --

Nun, Freund, rede! -- Ich will dir gerne lauschen. -- Freund meiner Jugend!

-- ich flehe dich an, rede! -- -- Nun? -- Hm -- hast du -- -- haben Sie

nichts mehr zu sagen?! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Gute Nacht, Herr Bischof -- -- angenehme Ruhe ...

Die Moral des Hotels: Tischgespräche · 第 15 / 24 题