Ich hatte also meinen Zweck erreicht! Ich stand allein mit meinem Kellner.
Meine internationalen Freunde hatten sich entschuldigt, sich zerstreut --
mich gemieden. Sie hatten genug. Ganz sanft hatte ich sie tot gelangweilt,
respektvoll und auf praktische, ehrliche Weise hinweggeekelt. Der Kellner
ist gut zur Bedienung. Sehr gut sogar mitunter. Unzureichend aber ist er
als Gegenstand amüsanter Betrachtung am Tische, den er bedient. -- Darum
schließt man die Augen lieber. -- Die Spannung bleibt allerdings.
Ich hatte also meinen Zweck erreicht. Aber wie! Mit welchen Mitteln!
Mit welchen Opfern! -- Nicht, daß ich den Verlust der Freunde beklage!
Beileibe nicht. -- Aber durch die hartnäckige Verfolgung des Fadens wurde
ich in Tiefen geleitet, die ich anfangs selber nicht ahnte. Ich hatte einen
neuen Menschen kennen gelernt. Ich fühle aber nun, daß die schöne Zeit
der sorglosen, fröhlichen Mähler auf immer dahin ist. Denn seit ich
unseren Ganymed, den Kellner, ganz kennen gelernt habe, seit ich die
Leiden, das Schicksal dieses Menschen weiß, seit diesem Tag kann ich keine
Mahlzeit, kein Glas Wein mehr so froh wie ehedem genießen, und mag's mir
noch so freundlich gereicht werden -- oder gerade dann noch viel weniger.
Ich fühle mich nicht mehr als Gott. Alles rings um mich ist menschlich.
Sehr menschlich.
Meine Freunde ahnten dies Unheil dumpf. Sie hatten zwar keine bestimmte
Vorstellung davon, aber darum gerade blieben sie weg. Sie entfernten sich.
Sie fühlten etwas wie ein kalter Hauch einer unsichtbaren, neidischen
Geisterhand über ihren Freuden schweben, sie hörten einen Tropfen Wermut
in ihren Becher sickern. Sie sahen bleiche Gesichter, Tränen -- sie sahen
Gespenster -- was weiß ich! -- Kurz, sie schlossen die Augen, sie wollten
nichts sehen, sie dankten, zitterten, flohen ...
Halb erleichtert, halb bedrückt atmete ich auf. Dann ging ich hinaus in
die frische Luft. Doch noch lange lag die brütende Schwüle des werdenden
Menschenschicksals drückend auf meiner Stirn.
Wir atmen nicht nur ein, wir atmen auch aus. Und der keimende Gedanke wirkt
in uns, bis er zum Ereignis wird. Das Ereignis ist die stumme Nacht -- die
Frucht -- das Letzte ...
Und das Wesentliche an dem Vergangenen ist nicht, daß es ging, sondern
daß es nicht mehr wiederkehrt.