VI.

Die Sklaven verlieren in ihren Ketten alles,

selbst endlich den Wunsch, ihrer los zu sein.

_Rousseau._

Sie haben sicher schon einmal in Ihrem Garten zur schönen Frühsommerzeit

einen blühenden Rosenstock betrachtet -- ich meine natürlich nicht mit

den Augen eines Schwärmers oder eines Verliebten, sondern als ein Gärtner

oder vielleicht gar als Naturforscher. Ihnen wird dann auch gewiß mitunter

eine geschäftige Schar von Ameisen aufgefallen sein, die behende an dem

Stamm und den Stielchen auf und ab liefen. -- Alsdann wurden Sie noch

aufmerksamer, schauten noch schärfer zu, und Sie entdeckten an den

zarten Knospen und unter den saftigen Blättern versteckt ganze Herden

von Blattläusen, die in ungestörter Ruhe sich am Safte des Bäumchens

gütlich taten. Und mit großem Interesse sahen Sie weiter, wie die

fleißigen, schlauen Ameisen eine nach der anderen zu den Blattlauskolonien

pilgerten und sich dortselbst allerhand zu schaffen machten. -- Aha!

Sie wissen, was ich meine! -- Ganz richtig! -- Die Ameisen statten den

Blattläusen einen Besuch ab. Sie tänzeln und scharwenzeln und krabbeln da

herum, bis sie ganz dicht an die faulen Kreaturen herankommen. Dann machen

sie ihr Kompliment und beginnen mit ihren Fühlern die feisten Rücken

ihrer Freunde zu streicheln und zu kitzeln. Diese fühlen sich natürlich

sehr geschmeichelt und geben als Dank einen »süßen, blinkenden Stoff«

von sich, den die Ameisen sehr hoch schätzen. Denn darum kommen sie ja

doch, die Schlauberger! Nur um die Blattläuse zu melken. Und haben sie

genug, so verschwinden sie in ihrem Bau. -- Man wird natürlich einige

Zeitlang mit großer Freude den flinken Tierchen zuschauen. Das Leben und

Treiben der Ameisen ist doch so interessant und lehrreich -- man kann

gar nicht genug davon sehen. -- Aber man haßt die Blattläuse, das faule

Gesindel, denn sie verderben auf die Dauer den schönen Rosenstock. Darum

nimmt man die Spritze zur Hand und schüttelt das Stämmchen, damit die

Ameisen abfallen. Die gewandten Geschöpfchen landen irgendwo sicher auf

ihren Füßen, aber die Blattläuse sind zähe und bleiben hängen. Darum

müssen sie mit dem scharfen Zeug abgespritzt und getötet werden. Denn

sonst kann der Rosenstock nicht weiterleben --

Wie ich auf einmal auf die Naturgeschichte zu sprechen komme? -- Oh,

ich dachte nur eben daran, daß die Ameisen die Kellner und Wirte ~par

excellence~ im Reiche der Insekten seien. Beherbergen sie nicht auch viele

Gäste in ihren Bauen! Werden diese nicht gut gefüttert und gestreichelt!

-- Natürlich des »blinkenden Stoffes« wegen. -- Der einzige Unterschied

ist, daß nicht die Gäste, sondern die Wirte dabei betrunken werden.

Auch sind die Ameisen ~businesslike~ genug, den Gast, der für die gute

Behandlung nicht bezahlen will, einfach aufzufressen. -- So können wir uns

auch die geschäftigen Armeen von Kellnern vorstellen, die der sogenannten

»Gesellschaft« -- diesen Nichtstuern, diesen Blattläusen am Rosenbaume

des Lebens -- den süßen Mammon abstreicheln und abschmeicheln müssen.

Diese Blattläuse saugen sich an den Knospen des grünen Lebensbaumes so

fest, daß es bis jetzt noch keinem Gärtner gelungen, sie abzuspritzen.

Schon viele Tausende tapferer Männer haben Millionen und Millionen

Flaschen giftiger Tinte verspritzt. Es hat nichts genutzt! Noch immer

sitzen die faulen Geschöpfe da und saugen dem Leben den Saft aus.

Die Ameisen sind ganz schlau! -- Sie wissen, welche Arbeit sie haben

würden, das Gesindel auszurotten. Darum nehmen sie nur so viel, wie sie

auf einigermaßen angenehmem Wege erlangen können. -- Gewiß, gewiß!

Viele brave Menschen, besonders diejenigen, die aus Mangel an Gelegenheit

und Fähigkeit dem Ameisenbeispiel nicht folgen können, halten solche

diplomatische Lebensweise für ganz und gar verwerflich und verächtlich.

Die Ameisen denken anders darüber. -- Weise, gelehrte Männer bemühen

sich unausgesetzt um die Ameisen und suchen die Lebensweise und die

Einrichtungen dieser Geschöpfe zu erforschen. Ja, manche versteigen sich

sogar zu der Behauptung, die Menschheit könne noch riesig viel von den

fleißigen Insekten lernen. Namentlich in bezug auf Liebes- und Eheleben,

Kindererziehung, Arbeitsweise, innere und auswärtige Politik. Dem mag

sein, wie es will. Wir wollen das den gelehrten Leuten überlassen. Da aber

die Kellner keine anderen Lebewesen sind als wie wir, so wollen wir uns der

Kritik anschließen, welche die Art und Weise, wie die Ameisen die fetten

Blattläuse behandeln und von ihnen leben, als eine für menschliche Tiere

ungebührliche und verächtliche verdammt. Dies braucht unsere Achtung vor

dem Fleiß und der Schlauheit der Ameisen nicht zu beeinträchtigen. Man

sollte aber doch sagen, daß solch intelligente Wesen sich auch auf andere

Art ihr täglich Brot erwerben könnten! -- Und sie können es! --

Hierin liegt die Lösung der Trinkgeldfrage, -- ein Kobold, der heutzutage

die ganze zivilisierte Welt vexiert. -- Im Hotel hat sich dieser

Quälgeist ganz natürlicherweise eingenistet. Und so fest, daß ihm schwer

beizukommen ist. Er begibt sich aber auch auf andere Gebiete.

Es ist unmöglich, in einigen Worten zu sagen, wieviel Für und Wider das

Trinkgeld in sich birgt. Seine Daseinsberechtigung im Hotelwesen jedoch ist

in wenigen Sätzen auszudrücken. Warum bekommt der Kellner Trinkgeld? --

Weil er darauf angewiesen ist. -- Warum ist er darauf angewiesen? -- Weil

er zu schlecht bezahlt ist, um ohne Trinkgeld leben zu können. -- Warum

ist der Kellner schlecht bezahlt? -- Weil er Trinkgeld bekommt! -- Das ist

die ganze Situation. Aber so einfach sie erscheint, so schwierig ist sie.

Um überhaupt nur an sie herantreten zu können, müßten wir uns zunächst

klar machen, was ein Trinkgeld ist. Ich glaube, Sie, Herr Kommerzienrat,

als Finanzier sind eher imstande, diese Frage zu beantworten als ich.

-- Soll es das sein, was der Name sagt -- ein Geld zum Vertrinken? --

Schwerlich! -- Doch ich bin auch ein wenig Philologe, und durch die

Etymologie können wir vielleicht etwas Aufklärung erhalten. -- Sehen

Sie, der Franzose zum Beispiel nennt das Trinkgeld »~Pourboire~« -- im

Schwedischen heißt es »~Drickspengar~« -- beides gleichbedeutend mit dem

»Geld zum Vertrinken«. -- Der Italiener dagegen gebraucht die Ausdrücke

»~Buona mano~« und »~Mancia~«. Hier hat das Geld etwas mit »Hand« zu

tun. -- Der Spanier wendet das Wort »~Propina~« auf »Trinkgeld« an, und

es hat sonst keine andere Bedeutung. Im Englischen sagt man »~fee~« oder

meistens »~tip~«. »~Fee~« ist ganz einfach »Bezahlung«, »~Tip~«

dagegen hat eine mannigfaltige Bedeutung. Das Wort hängt mit dem deutschen

»Tüpfchen« und »Zipfel« zusammen und heißt eigentlich »Spitze«.

Dann gebraucht man es aber auch in der Bedeutung »Wink«. -- Ja, nicht

wahr, Herr Kommerzienrat! -- An der Börse! -- Richtig, auf dem Rennplatz

auch! Ein guter »~Tip~«. Schließlich in dem Sinne auch in bezug auf

die Polizei. Aber das hilft uns nicht weiter. -- Die einzige Erklärung in

unserem Falle kann man erhalten, wenn man »~tip~« etymologisch von dem

mundartlichen »~dibs~« -- süßer Sirup -- herleitet, was im Volksmunde

aber auch mitunter für »Geld« angewandt wird. Ich habe mich ziemlich

eingehend dafür interessiert, aber die dickleibigsten englischen

Wörterbücher schweigen sich über den Ursprung des Wortes »~tip~« in

der Bedeutung »Trinkgeld« hinweg. Das Trinkgeld scheint ihnen eine sehr

verächtliche Sache zu sein. -- Unsere philologische Weisheit bringt uns

also doch nicht viel weiter. -- Zwar gebraucht man im Umgang auch noch

Worte wie »Obolus« oder »Diobolus«, was sich schrecklich anhört, aber

doch nur eine harmlose griechische Bezeichnung für eine gewisse kleine

Münze ist. Auch das französische »~douceur~« wird mitunter für

»Trinkgeld« angewandt. Doch man kann es höchstens als »Freundlichkeit«

oder »Süßigkeit« verstehen. Das persische »~Bakschisch~« und noch

verschiedene andere Worte, die das Trinkgeld charakterisieren sollen,

sind aber auch alle nur gleichbedeutend mit »Geld«, »Geschenk«,

»freiwillige Gabe« usw. Gewöhnlich aber ist das Trinkgeld eine sehr

unfreiwillige Gabe, eine dringende Notwendigkeit, zu der man sich in

gewissen Lagen verpflichtet fühlt und wodurch gewöhnlich höchst

peinliche Situationen entstehen. Doch nirgendwo auf der Welt scheint

man ihr aus dem Wege gehen zu wollen, oder besser: überall wird man

hineingedrängt. In der Türkei, in China, wo wenig alkoholische Getränke

genossen werden, gibt es eben »Kaffeegelder«, »Teegelder« und allerhand

sonstige »Gelder«.

Ich halte des Trinkgeldgeben und -nehmen für eine echt orientalische

Krankheit mit allen für den Orient charakteristischen Ansteckungsgefahren,

Symptomen und Folgen. Man kann wirklich die Länder und Völker am

Trinkgeld erkennen; man kann den ganzen Wert und die soziale Stellung der

Nation danach bemessen ... Wo diese Form von Bezahlung für geleistete

Dienste vorherrscht, da ist es faul im Staate. -- Der Orient -- klassisch

für Korruption -- mit seiner teilweise noch bestehenden Sklaverei, ist

auch klassisch für das Trinkgeld. Es ist nur noch mit Beulenpest oder

asiatischer Cholera zu vergleichen. -- Solche unhygienische Finanzen

grassieren natürlich auch in Europa sehr stark. -- Rußland steht

bekanntlich wie in politischer und sozialer Malpropretät so auch in

finanzieller Unreinlichkeit an der Spitze der europäischen Nationen.

Dort besitzt man sogar die charakteristische Roheit, das Trinkgeld

»Schnapsgeld« zu bezeichnen. -- Doch die anderen Staaten Europas sind

nicht minder von der orientalischen Krankheit verseucht. In den Vereinigten

Staaten von Amerika wird noch am wenigsten Trinkgeld gegeben, weil im

großen ganzen die Arbeitslöhne gut und geregelt sind. Allein in den

letzten Jahrzehnten hat mit der zunehmenden europäischen Kultur und Sitten

auch das Trinkgeldwesen sehr zugenommen. Die Trusts sorgen eifrig dafür,

daß es den Lohnarbeitern und kleinen Leutchen nicht allzu gut gehe, und

sie schrauben demgemäß die Preise für Lebensbedürfnisse in die Höhe

in einem Tempo, worin die Lohnsätze nicht folgen können. -- So ist dem

freien Durchschnittsamerikaner auch schon eine gewaltige Hochachtung vor

dem Trinkgelde beigebracht worden.

Wie lange die Menschheit schon von der Trinkgeldkrankheit behaftet

ist, läßt sich gar nicht sagen. Jedenfalls ist sie so alt wie die

Gastwirtschaftsindustrie, in der sie sich noch am stärksten erhalten hat.

Ganz hitzige Köpfe in unseren Tagen beheben häufig, das Trinkgeld als

eine gelinde Form von Bestechung zu bezeichnen. Trifft diese Bezeichnung

zu, so ist das Trinkgeld sehr, sehr alt; denn die Bestechung in jeder Form

ist eine erbliche Angewohnheit der Menschen. Schon im grauen Altertum gab

es keine Festung, die nicht ein mit Gold beladener Esel hätte einnehmen

können. Das Mittelalter mit seinen schlechten sozialen Verhältnissen

und sonstigen unhygienischen Zuständen war natürlich die Blütezeit des

Trinkgeldes. Vom Hofmarschall herab bis zum geringsten Kanzleischreiber,

vom Meister bis zum Lehrling, hoch und gering, -- alle waren sie die Ritter

von der hohlen Hand. -- Die trotzigen Meister der Zünfte schämten sich

nicht, für sich und ihre Gehilfen ein Trinkgeld zu verlangen, wenn der

Patron, der sie mit einem Auftrage betraut hatte, befriedigt vor dem

fertigen Meisterwerke stand. Albrecht Dürer, ein wackerer deutscher Mann,

ein unerreichter Meister des Pinsels und des Stichels, heute noch und

für alle Zeiten der Stolz der ganzen deutschen Nation, war auch von der

unheilvollen Krankheit behaftet, Trinkgelder zu verlangen. Er hat dies

sogar schriftlich gegeben, damit es niemand später abstreiten könne. --

Aber selbst schon damals gab es Männer, die die Verderblichkeit dieser

niederen Angewohnheit erkannt hatten. Die ehrlichen, braven, gestrengen

Räte und Landesväter, die die bayrische Landesordnung vom Jahre 1553

verfaßten, haben sich gegen solche Übelstände gesträubt.

Ich kann mich wirklich nicht mit dem Worte »Trinkgeld« zurechtfinden.

Da es aber der gebräuchlichste Ausdruck für freiwillige Belohnung

geleisteter Dienste ist, von Diensten, die der Empfänger nach eigenem

Gutdünken selber abschätzt und ein dementsprechendes, xbeliebiges Stück

Geld dafür hinwirft, und wo derjenige, der den Dienst geleistet hat,

geduldig und demütig harrend dastehen muß, bis ihm das xbeliebige

Geldstück hingeworfen wird und dabei gar nichts über das Gewicht und die

Dicke des Geldstückes zu sagen hat, ja nicht einmal mucksen darf, wenn er

überhaupt nichts bekommt, so will ich ihn -- den Ausdruck »Trinkgeld«

-- seiner Gebräuchlichkeit wegen beibehalten und anwenden, wo ich seiner

bedarf. -- Unter die Kategorie der Trinkgelder fallen demnach auch die

milden Gaben, die eine dankbare Nation ihren großen Leuten gibt, wenn

diese alt geworden sind und zufällig nicht genug zu essen haben. Das sind

die Gaben, die zum Beispiel alte Dichter bekommen, weißhaarige Sänger,

die in ihrem Leben so lange gehungert haben, bis das Volk auf einmal

einsieht, daß es dem alten Herrn etwas schuldig ist. Ein jeder Bürger

-- diese Behauptung ist zwar etwas optimistisch -- greift dann in seinen

Säckel und rechnet an den Fingern ab, wie groß die Dienste des alten

Herrn Dichters sind und wieviel Trinkgeld er, der Herr Bürger und

Empfänger der besagten Dienste, geben kann. Ein dritter Herr im schwarzen

Gehrock und Zylinderhut sammelt das Geld ein, schreibt es gewissenhaft auf,

und der Herr Bürger kann am nächsten Morgen seinen Namen in der Zeitung

sehen. Wenn es darauf nichts mehr zu sammeln gibt, schenkt der Herr im

Zylinder das Sümmchen Trinkgeld dem lieben alten, verdienstvollen Sänger.

-- Es gehen viele solcher schwarzen Herren herum und sammeln Trinkgeld

für geleistete Dienste. Trotzdem die pekuniäre Störung im Momente der

Inspiration ganz besonders empfunden wird, wie Busch sagt, so wandert

dennoch der Klingelbeutel mit Trinkgeldabsichten umher und stört die

braven Gläubigen in der Andacht. Wenn der Herr Pfarrer besonders schön

und erbaulich gepredigt hat, gibt man gewöhnlich gern ein besonders fettes

Trinkgeld. Ja, hartgesottene Sünder lassen sich oft erweichen, statt des

billigen, bequemen blanken Hosenknopfes zwei Pfennig für eine erbauliche

Andacht zu geben.

So schätzte das deutsche Volk die Dienste seines Eisernen Kanzlers ab und

überreichte ihm auf Friedrichsruh in einem Eichenkranz mit Schleifen und

der Aufschrift: »Für treue Dienste« das wohlverdiente Trinkgeld. So

würdigt die gesamte gläubige Welt die Dienste des Heiligen Vaters, und so

bekommt der Nachfolger Petri sein Trinkgeld oder seinen Peterspfennig, wie

man es bescheiden nennt.

Wenn das Volk nun einmal mit den Diensten solcher hochgestellten

Trinkgeldempfänger wenig zufrieden ist und wenn infolgedessen das

Ehrengehalt, Opfergabe, Spende, Peterspfennig oder wie man sonst noch das

Trinkgeld taufen mag, etwas mager ausfällt, so können die betreffenden

Herren Empfänger auch nichts anderes machen als das, was irgendein

ganz plebejischer Bakschischheischer in einem Falle von wenig generöser

Abschätzung seiner Dienste machen kann, d. i. heimlich schimpfen. Laut

und hörbar zu schimpfen spricht von einer überaus großen Gemütsroheit

und Undankbarkeit. Indessen tritt diese leider sehr häufig auf. Oft wird

sie ganz unverblümt von der Kanzel heruntergedonnert.

Bei einem ansehnlichen Trinkgelde, oder wenn es sich gar um fette

Ziffern handelt, erfindet gewöhnlich der respektvolle Mensch allerhand

wohlklingende Namen. Mit dem Namen und der Summe, die das Trinkgeld

repräsentiert, steigt dann auch natürlicherweise die Achtbarkeit

desselben, so daß jeder dann ungeniert seine Hochachtung vor dem

Trinkgelde ausdrücken darf. -- Ganz wie beim Menschen selber. Daher ist es

auch erklärlich, daß selbst die höchsten Persönlichkeiten Trinkgelder

annehmen können und sie dankend quittieren.

Ein sehr düsteres Bild von der Notwendigkeit und der Wirksamkeit des

Trinkgeldes entfaltete sich anfangs 1909 in New York, wo sich zu

den bevorstehenden Wahlen des Bürgermeisters und der städtischen

Verwaltungsbeamten eine neue Partei gebildet hatte, die beantragte, daß

der neue Bürgermeister außer seinem Gehalt, welches höher ist als das

des Präsidenten der Vereinigten Staaten, nach Ablauf seiner Amtstätigkeit

einen »~Bonus~« von fünfhunderttausend Dollars erhalten solle. Dieser

»~Bonus~«, Gratifikation, Geschenk, Trinkgeld -- was es nun gerade ist

-- sollte durch Subskription unter Privatleuten beschafft werden, damit die

politische Unabhängigkeit, die Unparteilichkeit des neuen Würdenträgers

und zugleich die Wohlfahrt der Stadt gesichert sei. Die Urheber dieses

Gedankens behaupteten, daß es auf eine andere Weise unmöglich sei, einen

Mann für den Posten zu erhalten, der seine Pflicht auf ehrliche Weise

ausführen würde. -- Die Partei klagte weiter, daß diese radikalen

Maßnahmen -- nämlich der »~Bonus~« -- durch die bisherige Verwaltung

der Stadt, -- die schlechteste in irgendeiner Großstadt -- notwendig

geworden seien. Entblößt, beraubt, betrogen, so gut wie bankerott stehe

die herrliche Stadt nun da und bedürfe eines »ehrlichen und kompetenten«

Verwalters. Selbst die dümmste und ungebildetste Bevölkerung der

Stadt habe nun einen dämmerigen Begriff bekommen, was eine derartige

Mißwirtschaft der öffentlichen Angelegenheiten -- das Wort sei nur ein

beschönigender Ausdruck für Diebstahl und Schwelgerei auf Kosten der

Stadt -- bedeute. -- -- Man will also durch eine Trinkgeldversprechung die

neue Stadtverwaltung bewegen, ehrlich und haushälterisch, unbestechlich

und unparteiisch zu arbeiten. -- Welche Abgründe werden da vor unseren

Augen geöffnet! --

Über die Gefühle, die der Mensch bei der Entgegennahme eines Trinkgeldes

hegt, läßt sich vieles sagen. Indes muß ich gleich hinzufügen, daß

dergleichen Gefühle zu sehr durch äußere Umstände bestimmt werden, als

daß man eine einheitliche Regel auf sie anwenden könnte. Die äußeren

Umstände sind nämlich, wie wir bereits gesehen haben, die verschiedenen

Bemäntelungen, worin das Trinkgeld auftritt. Jedoch auch diese

Verkleidungen sind noch nicht der letzte, der bestimmende Faktor für die

Gemütserregung des Empfängers. Nein, die Entscheidung hängt einzig und

allein von dem Moment ab, wo das empfängliche Gemüt den ersten Eindruck

von der materiellen Bedeutung des Trinkgeldes in sich aufnimmt und über

das Verhältnis der Wirklichkeit zu seinen vielleicht idealen

Erwartungen unterrichtet wird. Die Möglichkeiten für alle Arten von

Gefühlsausbrüchen sind daher uneingeschränkt. Und ihr Feld wird

sonderbarerweise noch bedeutend durch das bemerkenswerte individuelle

Verhalten des Trinkgeldes erweitert. Seinerseits erhebt nämlich das

ganz winzige Trinkgeld gewöhnlich die größten Ansprüche auf

eine regelrechte, öffentliche, möglichst feierliche Kundgebung von

überwallenden Dankbarkeitsgefühlen. Höchst ungerecht und arrogant, aber

charakteristisch wie für jede Kleinigkeit. Der gewöhnliche Kellner wird

besonders davon getroffen und hat sehr unter der Tyrannei zu leiden.

Das Trinkgeld von mittelmäßiger Bedeutung gibt sich meistens mit einer

angemessenen Verbeugung des lächelnden Empfängers zufrieden. Das große

Trinkgeld -- generös wie es ist -- beansprucht nichts. Höchstens eine

Empfangsbestätigung auf Papier. Der Ordnung halber. Auch der Empfänger

verhält sich hier äußerlich sehr ruhig. Wir können uns aber nur in

wenigen Fällen auf äußerliches Verhalten verlassen. Es ist für die

inneren Gefühle des Kulturmenschen meistens nicht maßgebend.

Es hängt also ganz allein von dem Trinkgelde ab, ob es für uns an- oder

unannehmbar, achtbar, ehrfurchterregend oder das Gegenteil davon ist. Und

der Empfänger empfindet dieser Beschaffenheit entsprechend. Es ist ihm

aber im Interesse seiner Gesundheit und seines Seelenfriedens dringend

anzuraten, keine allzu hohe Überzeugung von der Güte seiner Leistungen zu

besitzen. Für den Trinkgeldempfänger kann eine solche Selbstüberhebung

verderblich werden. Überhaupt in allen Lebenslagen ist sie schädlich,

denn sie ist zum allerwenigsten lächerlich und provoziert die Mitmenschen.

Wenn der Kaufmann Nr. 1 dem anderen Nr. 2 aus purer Freundschaft einen

guten Wink gibt -- ja ganz richtig: einen »~Tip~« -- oder ihm ein

Geschäftchen vermittelt, das _er_ aus den verschiedensten Gründen nicht

selber machen kann oder will, so darf er dafür nicht zuviel Trinkgeld

verlangen. Es ist nicht schön von ihm. Der Kaufmann Nr. 2 wäre auf

die besagte Geschäftsgelegenheit vielleicht _ohne_ die Güte des Nr. 1

aufmerksam geworden. Aber selbst in der nüchternen Geschäftswelt, wo nur

Ziffern und keine Gefühle reden, hat man so viel Anstand besessen und

das häßliche Trinkgeld in ein schönes Kleid gesteckt. -- Ja, in diesem

Kleide heißt es »Kommission«. -- Sie meinen, man könnte die Kommission

nicht zu den Trinkgeldern rechnen!? -- Oh, man hat sogar die Illegitimität

derselben erkannt und versucht, sie legitim zu machen, indem man sie

im voraus vereinbart und sich über die Materie klar ist, bevor

das Geschäftchen zustande kommt. Dieses Verfahren verhindert viel

Unannehmlichkeiten. Ein Trinkgeld im Kommissionskleid oder ein Wolf im

Schafspelz ist ungefähr das gleiche.

Ich will Ihnen aber zeigen, welch feiner Mensch der Kellner ist, wieviel

Anstand und Zartgefühl er besitzt. Er hat nicht die Frechheit und

Unverfrorenheit, das ihm zustehende Trinkgeld im voraus zu vereinbaren.

Er wartet geduldig, bis er es erhält oder auch nicht erhält. Wie der

schwindlerische Kellner niemals mit großen Zahlen manipuliert, so hat der

ehrliche Kellner auch niemals mit Trinkgeldern von respektablem Umfang zu

tun, wie die Menschen in höheren Lebensstellungen. Und wie der Wert und

die Achtbarkeit des Trinkgeldes mit seinen Ziffern steigt oder sinkt, so

finde ich es denn auch ganz verständlich, daß das Trinkgeld des Kellners

eine entsetzlich lächerliche und verächtliche Bagatelle ist. Und der

Mensch, der sich mit solchen Dingen abgibt, ist eben auch nur ein ganz

niedrig stehendes Individuum. Nur derjenige, der die großen Summen

handhabt, kommt in Betracht. Darum sollten sich die Kellner eben auch nur

mit ganz enormen Trinkgeldern abgeben oder mit gar keinen. Da die ersteren

aber sehr rar sind und der Kellner auf die Bagatelle angewiesen ist, so

können wir hieraus leicht das Dilemma, in dem er sich befindet, erkennen.

Ja, sehen Sie! Da haben wir's! -- Auf der ganzen Welt herrscht dieser

freundliche Glaube! Die Hotelangestellten, denken die Gäste und überhaupt

jedermann, nehmen so viel an Trinkgeldern ein, daß die Glücklichen sich

nach Verlauf von -- sagen wir -- zehn Jahren selber ein Hotel oder doch

mindestens ein kleines Rittergut genehmigen können. Und aus diesem

freundlichen Glauben suchen dreierlei Parteien Vorteile zu schöpfen.

Erstens der junge Angestellte, der sich in zehn Jahren das kleine Rittergut

oder das große Hotel kaufen will, zweitens der Hotelbesitzer, der mit der

allzu großen Vermehrung von Hotels nicht einverstanden ist, und drittens

das liebe Publikum. Die Vorteile, die der Angestellte sucht, gelten

natürlich der eigenen Tasche, die Absichten des Hoteliers und des

Publikums sind nicht minder auf dasselbe Ziel gerichtet.

Der Prinzipal, der von den fabelhaften Trinkgeldern hört und sieht, hält

es mit Recht für unnötig, die beneidenswerte Lage der Angestellten noch

durch hohe Gehälter zu verschönern. Manche Prinzipale gewähren aus

diesem Grunde gewissen Angestellten überhaupt keine Gehälter. Die Leute

dürfen glücklich sein, daß sie bei ihm überhaupt geduldet werden.

Wieder andere Prinzipale, von einer heillosen Angst vor der zukünftigen

Konkurrenz ihrer Angestellten angetrieben, suchen die nahende Flut solcher

Gefahren einzudämmen, indem sie im Namen des heiligen Rechtes, das ihnen

zusteht, einen Teil der Trinkgelder ihrer Angestellten im eigenen Sack

verschwinden lassen. -- Sie verkaufen also eine fette Stelle an den

Meistbietenden. Eine juristisch durchaus ehrliche, achtbare und zulässige

Geschäftstransaktion. Selbst in Amerika kommt dies vor. Der ~Cloak

Room-»Boy«~ -- der Garderobe-»Junge« eines Riesenhotels -- ein ganz

beträchtlicher Finanzier -- muß oft zehntausend Dollars jährlich für

das Privilegium zahlen, sein Dasein führen zu können, und außerdem muß

er noch eine Herde von anderen »Jungen« und Parlormaids zu seiner Hilfe

aus eigenen Mitteln anstellen. Selbst in kleineren Betrieben lassen wieder

andere Prinzipale die Angestellten an aufreibenden Posten, wo so ungeheuer

viel Trinkgeld eingeheimst wird, vollständig ohne Hilfe stehen und drohen

mit Entlassung, wenn nicht »alles klappt«. Der Angestellte in seiner

Angst, die Stelle zu verlieren und seine Gesundheit zu schonen, engagiert

sich die notwendige Hilfe auf eigene Rechnung. So hat ein großer

Oberkellner oder ein Portier sehr häufig seinen Privatsekretär, der mit

dem Hause, in welchem er arbeitet, direkt nichts zu tun hat und nur für

den Mann lebt, der ihn engagiert hat und ihn entlohnt. -- Es ist eine

alte Geschichte, daß ein Hausknecht häufig ein halbes Dutzend anderer

Hausknechte beschäftigt und bezahlt. So kommt er dadurch in die

rätselhafte Situation, daß seine Kollegen zu gleicher Zeit Hausknechte

bei ihm sind. -- Sie lachen, mein lieber Freund! -- Das sind Lagen,

verzwickte Produkte des zwanzigsten Jahrhunderts, Blüten, die überall zu

finden sind. In manchen komplizierten Ehe- und Verwandtschaftsverhältnissen

kann es vorkommen, daß man eines Morgens als sein eigener Stiefgroßonkel

aufwacht.

Wir wollen uns daher nicht über die Hausknechte bei einem Hausknecht

amüsieren. In den großen Hotels, wo die Oberkellner ihren eigenen

Speisesaal haben, gibt's sogar einen Oberkellner für die Oberkellner. Na

also! --

Die Vorteile, die das liebe Publikum aus den Märchen von den

Trinkgeldschätzen zu ziehen sucht, liegen natürlich klar auf der Hand.

Manchem Gaste, der mit seinem Gelde rechnet oder zu rechnen hat, treten

bei der Abschätzung der vom Kellner geleisteten Dienste die horrenden

Einkünfte des Menschen vor Augen. »Na,« denkt er, »der Mann verdient ja

ohnehin so viel, und ich bin gerade knapp bei Kasse.« -- In einem solchen

Falle wird das Trinkgeld sehr mager sein, oft selbst so unscheinbar, daß

es nur ein illusorischer Begriff ist, der sich mit dem Sehnerv oder dem

Sinne, der in den Fingerspitzen steckt, nicht wahrnehmen läßt. -- Wenn

solcher Fälle viele auftreten -- und sie kommen -- so wird das Budget des

Kellners dadurch sehr beeinträchtigt. Wenn nun alle Gäste eine nebelhafte

Vorstellung von den Einkünften eines Kellners haben -- und die haben

die meisten -- und wenn diese Vorstellungen optimistisch sind -- was

gewöhnlich der Fall ist -- dann schrumpft das Trinkgeld zu einem

hoffnungslosen, vagen Begriff zusammen, mit dem der Kellner sich auf die

Dauer nicht zufrieden erklären kann.

So sind die Aussichten des Kellners auf eigene Hotels und Rittergüter

verhältnismäßig gering. Dank dem optimistischen Publikum, dank

eigensüchtigen Prinzipalen. Und selbst von den freigiebigen Gästen, die

in dem großen Gewühle von Geizhälsen und Optimisten des Kellners einzige

Hoffnung und eisernen Bestand bilden, geht dem Armen viel verloren. Die

freigiebigen Leute sind gewöhnlich gutmütig und vertrauend, aber auch

leider ignorant in vieler Hinsicht. Sie verteilen den Lohn für das gute

Service, das sie erhalten haben, oft so ungeschickt wie möglich. Das

Trinkgeld gerät dann meistens an die unrichtige Adresse, und er, der am

meisten zum Wohlbefinden der Gäste beigetragen hat, der Kellner, wird

entweder vergessen oder geflissentlich von denen, die das Trinkgeld

einheimsen, übersehen. Daß dies ein Mistbeet für allerhand Auswüchse

häßlichster Leidenschaften ist, braucht man wohl gar nicht zu bemerken.

In vielen Hotels hat sich die geradezu satanische Methode eingebürgert,

daß alles Trinkgeld in eine gemeinsame Kasse fließen muß, die von dem

Argusauge des Herrn Oberkellners bewacht und deren Inhalt am Schlusse der

Woche »gerecht« verteilt wird. Viele Menschen haben sehr individuelle

Rechtsbegriffe. So auch manche Hoteliers und Oberkellner. Manchmal sollte

man sagen, die Leute hätten zehn Semester Jura studiert. -- Ein Drittel --

wenn nicht gar mehr -- dieser Kasse fließt gewöhnlich dem Herrn Ober zu,

fünfzig Prozent vom Rest wird unter den Assistenz-Oberkellnern verteilt,

der Rest vom Rest, also höchstens fünfundzwanzig bis dreißig Prozent

vom Ganzen, geht unter die vielen Kellner, die davon gewöhnlich noch etwas

ihren treuen Pikkolos abgeben müssen, ohne deren Hilfe sie vielleicht

nicht fertig geworden wären. -- Hier gebiert das Böse wiederum Böses.

Die ungerechte Verteilung verleitet die Kellner natürlich oft, nur einen

Teil des sauer verdienten Trinkgeldes in die Kasse fließen zu lassen,

und sie machen sich so der Unterschlagung schuldig. Selbst das ehrlichste

Gemüt wird Grund genug für einen solchen Akt finden und wird die Stimme

des Gewissens mit erfundenen Theorien zu beschwichtigen suchen. Dies ist

gewöhnlich der erste Schritt zur wirklichen Unterschlagung, wenn die

Feinheit des Gewissens durch das Praktizieren solcher Tricks abgestumpft

ist und sich einen Grund für eine verbrecherische Tat ausheckt. Derartige

Systeme sind also geradezu Vorschulen für den werdenden Verbrecher.

Sie kitzeln und animieren die verbrecherischen Instinkte, die in jeder

menschlichen Brust schlummern. Ein Kellner ist gewöhnlich in den Jahren

der Jugend, wo sein Gemüt am dunkelsten, am chaotischsten und zugleich am

empfänglichsten ist. Die äußern Einflüsse bestürmen ihn so gewaltig,

daß er sich oft der unheimlichen Mächte nicht mehr entziehen kann und

sinkt, rettungslos sinkt.

Das Rittergut des Kellners liegt also nicht so nahe, wie man glauben

sollte. -- Was bleibt ihm sonst noch übrig? -- Sein Gehalt. Dies Gehalt

ist, wie wir sahen, infolge des freundlichen Glaubens an das Trinkgeld

überall gering -- meistens sehr gering -- manchmal sogar Null, in allen

Fällen aber für das, was der Kellner zu leisten hat, für die Kenntnisse,

die Geistes- und Körperkräfte, die man von ihm verlangt, für die

überaus unangenehme, oft gesundheitsschädliche und vielfach geradezu

unerträgliche Tätigkeit des Kellners, für die Atmosphäre, in der

er sich bewegt, für die langen Überstunden und oft grausam lange,

regelmäßige Arbeitszeit, für den Verlust eines Sonn- oder Ruhetages --

für das alles ist das Gehalt des Kellners überall auf der ganzen Welt

bettlerhaft, nein, sklavisch.

Dies Gehalt richtet sich, wie gesagt, nach dem Charakter des Hauses.

Das Durchschnittsgehalt in Deutschland beträgt vielleicht kaum

fünfunddreißig Mark monatlich, im übrigen Europa, in Asien und Afrika

dreißig bis vierzig Franken, in Amerika ungefähr fünfundzwanzig Dollars.

In Australien dagegen hat man in jüngster Zeit die Löhne versuchsweise

gesetzlich geregelt, so daß diese ziemlich annehmbar erscheinen. Ich habe

leider keine Statistiken darüber und nenne diese Ziffern, wie ich sie auf

meinen Reisen erfahren habe. Nebst seinem Gehalt empfängt der Kellner von

seinem Arbeitgeber in Europa und Amerika fast ausnahmslos Kost im Hause. In

Europa tritt in fast allen Fällen noch ein obligatorisches Logis im

Hause dazu. Man hat jedoch in Amerika bereits die Verwerflichkeit solcher

Sklaverei eingesehen und sie aus praktischen und moralischen Gründen

abgeschafft. Höchstens in einzelnen Sommerhotels wird es den Kellnern

anheimgestellt, ihre Quartiere nach Belieben im Hause oder außerhalb

desselben aufzuschlagen.

Ja, diese aufgezwungene Verpflegung sieht wunderbar schön und mildtätig

aus. In Wirklichkeit aber ist es anders. Denn der Angestellte muß dafür

-- schlecht, wie sie in den meisten Fällen ist -- natürlicherweise

indirekt schwer bezahlen. Sie wird ihm als einen Teil seines Gehaltes

vorgerechnet. In Deutschland berechnet ein Hotelier seinem Kellner -- sagen

wir -- dreißig Mark für monatliche Kost und vielleicht zwanzig Mark für

das monatliche Logis. Summa fünfzig Mark. -- Schön. Da der Prinzipal nun

aber die Rohmaterialien für die Kost im Großen einkauft und in vielen

Fällen sogar bezahlte Speisenreste seiner Gäste zur Abfütterung seiner

Angestellten verwertet, so macht er dabei ein sehr lukratives Geschäft.

Bei einer großen Anzahl von Angestellten läuft dies natürlich kolossal

zusammen und bildet eine beträchtliche Einnahmequelle des Prinzipals.

-- In seinem großen Hause findet der Hotelier natürlich auch genügend

Speicher- und Kellerräume, viele Winkel und Stuben, um seine Schar von

Angestellten zu beherbergen. Für die Gäste können derartige Löcher

nicht in Betracht kommen, als sonstige Betriebsräume sind sie vielleicht

nicht geeignet oder überflüssig. Folglich stehen sie leer und sind

unbenutzt. Aber jeder Quadratzoll, den ein Hotel bedeckt, kostet Geld,

oft sehr viel Geld, und somit ist jeder unbenutzte Raum in dem Gebäude

verlorenes Geld. Die obligatorische Einquartierung der Angestellten ist

daher aus diesem Grunde höchst erwünscht. Die Angestellten, die im Hause

schlafen müssen, sind wertvollere Gäste als die Gäste selber. Sie lassen

sich irgendwo, in irgendeinen Stall hineinpferchen und bezahlen schweres

Geld dafür. Denn für zwanzig Mark im Monat bekommt man überall ein

halbwegs menschenwürdiges möbliertes Zimmer -- wenigstens nach unseren

heutigen Begriffen -- und vielleicht noch liebenswürdige Wirtsleute

obendrein. Der Kellner und die anderen Angestellten des Hotels werden aber

nicht selten zu fünf oder zehn Personen in einem Raume kaserniert, der

kaum mehr als den gesetzlichen Kubikinhalt hat. Oft hat er diesen nicht

einmal. Und für solches Quartier bezahlt der Kellner seine hohe Miete.

-- Von den Unannehmlichkeiten, Unzuträglichkeiten, von der zweifelhaften

Gütergemeinschaft, die durch das Zusammenleben in solchen Quartieren

entstehen, will ich schweigen. Ich will schweigen von der Schmucklosigkeit,

die solchen Räumen anhaftet. Sie sehen allem ähnlich, nur keinem Heim,

dessen ein hart arbeitender Mensch zur Ruhe und Erholung dringendst bedarf.

Ich will schweigen von den unhygienischen, schmutzigen Zuständen, die

sich dabei notwendigerweise entwickeln müssen. Ich will schweigen von der

deprimierenden, erdrückenden Wirkung, welche derartige Quartiere auf das

Gemüt des jungen Menschen haben, der soeben seinen Arbeitsplatz -- eine

Stätte des Überflusses, des Reichtums und der Üppigkeit -- verließ.

Hier hat er Gelegenheit, erst recht sein eigenes Elend einzusehen und

darüber nachzugrübeln. -- Ich will schweigen von den verderblichen

Folgen, welche Massenquartiere von jungen Leuten beiderlei Geschlechts

mit sich führen. Wir brauchen keine Moralisten zu sein, um uns über die

bestehenden Versuchungen und den Verfall der Moral der Angestellten zu

entrüsten. -- Nein, wir wollen keine Moralisten sein. Wir wollen uns nicht

darüber entrüsten. Wer schlecht sein will, kann es irgendwo und überall

sein. Ein reiner Mensch kann in einem Pfuhl von Laster und Elend stecken,

ohne daß er davon berührt wird. Aber der Ekel, die Krankheiten an Leib

und Seele, die solche Umgebungen auf die Dauer selbst dem stärksten

Gemüte aufdrücken, sind unbeschreiblich.

Und für solche Umgebungen und Einflüsse bezahlt der Kellner schweres

Geld. Um solcher Quartiere willen, die nur der Bereicherung seines

Arbeitsgebers dienen, der schon ohnehin zu viel Nutzen aus seinen

Angestellten zieht, muß der Kellner den Gedanken an ein gesittetes

Familienleben von vornherein als etwas ganz Unmögliches von sich abweisen.

Um solcher Quartiere willen kann er kein menschenwürdiges Dasein führen,

darum geht ihm die so notwendige Ruhe und Erholung ab. -- Freilich hat

die obligatorische Einquartierung ihren doppelten Vorteil -- für den

Prinzipal. Er kann seine Leute möglichst lange im Geschäft halten und sie

je nach Bedarf -- immer -- bei Tag und Nacht -- zitieren, sie möglichst

früh wieder heraustrommeln. Sie sind ihm immer zur Hand -- immer! --

Natürlich veranlassen solche ekelhaften Zustände die jungen Leute, statt

nach der Arbeit sich zur Ruhe zu begeben, noch spät in der Nacht oder

vielmehr früh am Morgen zu fliehen und im Nachtleben der Großstädte

Zerstreuung zu suchen.

Ich war sehr generös im Kostenanschlag für das Logis und die Nahrung,

die dem Kellner als ein Entgelt für seine Dienste aufgenötigt werden. Ich

kann mit ruhigem Gewissen behaupten, daß die Kost einer Volksküche oft

besser, nahrhafter, appetitlicher zubereitet ist, als das Futter, das man

gewöhnlich dem Kellner vorwirft. Auch hier hat er wieder schmerzliche

Gelegenheit, Vergleiche zu ziehen zwischen seinem Menü und dem der

glücklicheren Menschen, die er abfüttert. -- Eine monatliche Pension

in einer Volksküche wird nicht die Summe von dreißig Mark, die ich für

Kellnerkost veranschlagt habe, verschlingen. Dafür kann man sich schon

ganz leidlich in einem Privatkosthause oder bei einer anständigen

Bürgerfamilie durchbringen, wo es gute Hausmannskost und gelegentlich

einen saftigen Braten oder ein Hühnchen am Sonntag gibt. -- Die

veranschlagten zwanzig Mark als monatliche Miete für einen Stall --

denn mehr kann man die sumpfigen Quartiere meistens nicht nennen, sind

gleichfalls reichlich. Addieren wir nun diese zwei Zahlen zu dem schon oben

erwähnten Gehalt von rund fünfunddreißig Mark, so ergibt dies eine Summe

von fünfundachtzig Mark, die der Kellner von seinem Arbeitsgeber für

die geleisteten Dienste monatlich erhält. Und nehmen wir an, daß er nur

vierzehn Stunden durchschnittlich im Tage arbeitet, so erhält er für

eine monatliche Arbeitszeit von dreißig mal vierzehn -- also

vierhundertundzwanzig Arbeitsstunden einen Lohn von zirka zwanzig Pfennig

pro Stunde. Dies ist ein Lohnsatz, mit dem sich nicht der geringste

Tagelöhner zufriedengibt.

Die illusorische Summe von fünfzig Mark, veranschlagt für die

Verpflegung, zieht nicht viel direkte finanzielle Auslagen für den

Prinzipal nach sich. -- Das Personal, welches für die Verpflegung des

Personals engagiert ist, ist nicht zahlreich. -- Gewöhnlich probieren die

angehenden Kochkünstler, die Lehrlinge in der Küche ihrer Künste an

dem Essen des Personals. Das Menü des Personals ist oft sozusagen ein

Versuchskaninchen. Auch hierin liegt ein Profit des Prinzipals. In den

meisten Fällen braucht er den Lehrlingen kein Gehalt zu geben -- im

Gegenteil, diese bezahlen oft das Haus noch, damit sie das Essen der

Angestellten versalzen und anbrennen lassen dürfen; zweitens erstreckt

sich die verheerende und zerstörende Tätigkeit dieser jungen Schüler des

Lukulls nicht auf die delikaten Rohmaterialien, die hübsch zubereitet die

Tafel der Gäste zieren sollen, sondern auf den minderwertigen Fraß der

Angestellten, welche nichts zu sagen haben. Die jungen Köche lernen auf

Kosten des Personals die Grundelemente ihres Handwerks; sie ersparen dem

Prinzipal erfahrene Personalköche und zugleich Rohmaterialien, die in

ungeschickten Fäusten entheiligt und zerstört würden. Drei Fliegen mit

einer Klappe. --

Für die Reinigung und Instandhaltung der Personalquartiere genügen

einige alte Weiber. Gewöhnlich sind dies Frauen mit einem langweiligen

Lebensroman und traurigen Augen. Still und langsam verrichten sie ihre

Arbeit; das junge Volk hat Nachsicht, wenn nicht alles so ist, wie es sein

sollte, denn die Alten leben ja nur noch aus Gnade und Barmherzigkeit und

kriegen ihre zehn Mark im Monat. --

Wenn wir nun die direkten monatlichen Gesamtauslagen eines Prinzipals,

die ihm durch die Verpflegung eines Angestellten verursacht werden,

hochgegriffen, auf zehn bis fünfzehn Mark beziffern, so hat er gemäß

unserer Kalkulation einen Reingewinn von fünfunddreißig Mark ~pro

capita~, denn die fünfzig Mark, die er dem Kellner für Verpflegung in

Rechnung stellt minus fünfzehn Mark, die ihn die Verpflegung tatsächlich

kostet, ergeben diesen Reingewinn. So hätte also, streng genommen, der

Durchschnittshotelier die Dienste eines Kellners gewöhnlich ganz umsonst.

Ja, unter Umständen verdient er noch obendrein an seinem Angestellten.

Denn wenn er auch fünfunddreißig Mark in bar an Gehalt zahlt, so wird

dies doch durch den Gewinn von fünfunddreißig Mark an der Verpflegung des

Angestellten aufgehoben. Und wenn die Auslagen für die Verpflegung noch

weniger betragen als die veranschlagten fünfzehn Mark, so ist jeder

Pfennig darunter eine Gratiszugabe zu den Gratisdiensten, die der Kellner

dem Hause verrichtet. Und was erst, wo der Angestellte gar kein Gehalt in

bar erhält und sogar noch einen Teil seiner Trinkgelder an den Prinzipal

abliefern muß?! --

Mit dem Lohnsatze des Kellners aber gibt sich kein Handlanger zufrieden.

Mit dem Gehalt von fünfunddreißig Mark pro Monat plus den illusorischen

fünfzig Mark in Naturalverpflegung kann auch kein Kellner zufrieden sein.

Es ist kein Äquivalent für seine Leistungen. Nein, es deckt nicht einmal

die monatlichen Auslagen des Kellners. Der Prinzipal verlangt von seinen

Leuten, daß sie nicht nur reinlich und anständig erscheinen, denn dies

darf jeder Prinzipal verlangen -- nein, sie sollen womöglich nobel,

hochnobel auftreten. -- Dies ist zwar ein sehr dehnbarer Begriff, aber um

ihm nur halbwegs gerecht zu werden, braucht man schon einen ansehnlichen

Posten Geld. Die Wäsche verschlingt einen großen Teil davon. Kragen,

Manschetten, Hemden sind wegen der anstrengenden Tätigkeit des Kellners

nach einmaligem Gebrauche gewöhnlich zu erneuern. In den Sommermonaten

wächst es ins Ungeheure. Die absurde Mode, den Vielgeplagten selbst in der

größten Hitze mit steifem Kragen, weißem Panzerhemd und engem, schwarzem

Frack zu quälen, verschlingt eine Menge Geld. Die gute Kleidung des

Kellners wird durch den häufigen Kontakt mit fettigen Schüsseln und

Gegenständen in der Küche gleichfalls sehr bald ruiniert. Ein neuer

Frack in jedem Quartal ist die Regel des anständigen Kellners. Mit dem

Schuhzeuge geht es gleichfalls nicht besser. Gute, leichte Schuhe, die für

den Kellner nur in Betracht kommen, halten einen täglichen Sturmschritt

von zehn, zwanzig, oft dreißig Kilometern treppauf und treppab über

Teppiche, Marmor- und Steinfliesen nicht lange aus. Nach einem Monat

ist das Leben eines Paares Schuhe, das zwanzig Mark gekostet hat, im

Hoteldienste erloschen.

So kommen wir zu dem erschreckenden Resultat, daß die Einkünfte, die der

Kellner vom Hause bezieht, nicht einmal seine notwendigsten geschäftlichen

Auslagen decken. Wie muß er sich nun mit den anderen geschäftlichen

Verlusten abfinden, die ihm aus seiner Tätigkeit erwachsen? -- Wie

bezahlt er das Bruchgeld, die Verluste durch die Gäste oder seine

Unaufmerksamkeit, die Abgaben an seinen Pikkolo, die Strafen, die ihm von

den Vorgesetzten auferlegt werden, das Schürzengeld und wie sonst noch

alle die Anzapfereien heißen? -- Wie bestreitet er alle diese Kosten?

Wie verschafft er sich die Mittel für seine fortwährenden ausgedehnten,

kostspieligen Reisen? -- Wie lebt er zur Zeit seiner oft entsetzlich langen

Stellenlosigkeit? -- Was verbleibt ihm für sein Alter, welches mit

seinem fünfunddreißigsten bis vierzigsten Lebensjahre beginnt und

ihn unbarmherzig z. D. oder a. D. stellt? -- Selbstverständlich! Das

Trinkgeld muß es machen! --

Ich habe Ihnen aber klargemacht, was das Trinkgeld ist. Es ist kein

Einkommen, es ist nur ein Auskommen. -- Würde der Kellner nicht lieber

ein _sicheres_ Einkommen seinem unsicheren Auskommen vorziehen? Ich kann es

nicht sagen! Der Kellner -- wie ein Jongleur -- liebt das Waghalsige.

Wie ihm ein sicheres Einkommen verschafft werden könnte? Nichts einfacher

als dies! Und vielleicht nichts schwieriger. -- Selbstverständlich gibt

es unter dem Publikum viele Gegner des Trinkgeldes. Und mit Recht. Manche

darunter sind aber doch recht sonderbare Käuze. Sie agitieren gegen

das Trinkgeld an der unrichtigen Stelle. -- Wieso? -- Nun, indem sie dem

Kellner _kein_ Trinkgeld geben und in ihrer heiligen Entrüstung nicht

bedenken, daß, solange dieser Mensch schlecht bezahlt ist, er quasi ein

Anrecht auf das Trinkgeld hat, und daß der Gast moralisch verpflichtet

ist, eine angemessene Belohnung für die erhaltenen Dienste zu geben.

Denn wenn die Löhne der Angestellten erhöht werden, so müssen auch

folgerichtig die Preise der Waren erhöht werden, sonst kann der Wirt

unmöglich auf seine Kosten kommen. Der Gast hat also auf jeden Fall die

bittere Pille des Zahlens zu schlucken.

Unter den gegenwärtigen Verhältnissen profitiert natürlich ein »Gegner

des Trinkgeldes« ganz erheblich auf Kosten des armen Kellners. Der Gast,

welcher kein Trinkgeld gibt, schindet es dem Kellner ab. Er bereichert sich

auf Kosten eines armen, arbeitenden Menschen. Der Kellner steht machtlos

da, aber er merkt sich gewöhnlich seine Kunden. Bei seinem häufigeren

Erscheinen wird einem solchen Gaste nicht das Interesse entgegengebracht,

welches er sich wohl wünschen möchte. Auf die Dauer entstehen Spannungen

zwischen ihm und dem Kellner, die wirklich unerträglich, oft gar

gesundheitsschädlich für beide Parteien werden können. Dennoch ist

der bedauernswerte Nichttrinkgeldgeber aus Prinzip eigentlich noch der

achtbarste unter denen, deren Hand verschlossen bleibt. Geldverlegenheit

ist zu entschuldigen, aber der Geizige im Speisesaal ist die

verächtlichste Kreatur, die ich mir denken kann. Sie machen auch

gewöhnlich immer die größten Ansprüche, und ihr Erscheinen ist das

Zeichen eines hereinbrechenden Strafgerichtes Gottes für den Hotelier

und seine Angestellten. Aber scharenweise treten sie auf. Sie wollen

gewöhnlich nie »etwas Extras« haben, sondern nur das, wozu sie

»berechtigt sind«. Sie sind gräßlich, wenn wütend gemacht durch die

indifferente Ruhe, mit welcher ihnen gewöhnlich der Kellner begegnet,

sobald er sie erkannt hat. In derartigen Gemütserregungen verringert sich

meistens der Wortschatz dieser Leute auf die primitivsten Formen, und

in willkürlichen, ungewählten Ausdrücken ergießen sich die schönen

Seelen. Ich kann nicht verstehen, warum die Hoteliers nicht in eine

Versicherung gegen solche Gäste gehen und überall, wo sie diesem

Typus begegnen, sich seiner ohne viel Zeremonien entledigen. Die einzige

Erklärung für die Unterlassung der Maßregeln ist der Umstand, daß

meistens nicht _sie_, sondern die Angestellten unter der Pest zu leiden

haben.

Andere prinzipielle Feinde des Trinkgeldes sind die Herden von

Reisegesellschaften, die unter der Führung eines Leithammels mit

Sprachrohr und Baedeker ganz Europa überschwemmen. Man kann sie sehen, die

großen Fuhren der Reiseviehtransporte. Zusammengepfercht rasseln sie im

Galopp durch die Straßen und recken die Gummihälse. Ihnen ist jedoch zu

verdanken, daß unsere Museen noch einigermaßen bevölkert sind. Diese

Leute und auch die vereinzelt und doch nicht minder zahlreich auftretenden

nomadisierenden, ästhetischen Jungfern, die ein gemischtes Parfüm

von Museumsluft und welken Rosen mit sich bringen, sind durch

gewohnheitsmäßige, kompulsorische Arithmetik ausgesprochene

Gegnerinnen des Trinkgeldgebens. Sänger, Schauspieler, Theaterdichter,

Konzertkünstler verbinden oft mit dem Trinkgeld einen guten Zweck. Sie

geben dasselbe reichlich, jedoch in der weniger liquidierbaren Form von

Billetten zu ihren respektiven Vorstellungen. Sie haben dabei oft wenig

Ahnung, welch kritisches Füllsel sie sich für gähnende Leeren im Parkett

des Hauses auserwählt haben.

Ich kann wirklich nicht einsehen, warum die Wirte von ihren Gästen den

wohlverdienten Lohn ihres Personals nicht selber einkassieren! Es ist

mir rätselhaft, warum sie dies Geschäft -- ihre Pflicht -- auf eine so

umständliche, unangenehme, ungerechte, erniedrigende, ja oft gemeine

Weise von den an und für sich schon mit Arbeit überladenen Angestellten

besorgen lassen, ohne ihnen jedoch die Vollmacht zu geben, dies so dringend

notwendige Geschäft nötigenfalls energisch zu betreiben und durchsetzen

zu können. -- Es ist eine ganz verdammenswerte Zauderpolitik, die kaum

ihresgleichen kennt.

Leute, die möglichst gut und möglichst billig leben wollen, veranlassen

oft ihren Kellner, ihnen allerhand Privilegien zu verschaffen, zu denen sie

nicht berechtigt sind. Der Arme, auf sein Trinkgeld angewiesen, wird sein

Möglichstes tun, den Wünschen seiner Leute selbst auf Kosten des

Hauses nachzukommen. Schließlich erheben sich die Gäste, bedanken und

verabschieden sich freundlichst und lassen das lange Gesicht des Kellners

hinter sich zurück und suchen es zu vergessen. Der Arme befindet sich in

einer bedauerlichen Lage. Er, der zu kleinlichen Unterschleifen verführt

wurde, ist selber der Betrogene. Und warum? Weil er seine Augen auf das

verheißene Trinkgeld gerichtet hatte. Ein Mann, der dies nicht zu tun

braucht, kann die häufig vorkommenden, oft unverschämten und unredlichen

Anforderungen solcher Leute höflich aber kühl abwimmeln und dazu

lächeln.

So wundert sich daher das liebe Publikum, regt sich auf, ist entrüstet,

beleidigt, schmäht und schimpft, wenn es bei seiner Abreise aus einem

Hotel verschiedene lauernde, bleiche Gesichter ängstlich und unruhig

umherspuken sieht ... Ja, diese bleichen, unheimlichen Gesichter haben

es auf den Herrn Gast abgesehen. Sie wollen ihn abfangen. Er darf nicht

entwischen. Denn seine Rechnung ist noch nicht ganz beglichen. Ob es

entsetzlich erniedrigend ist, so auf der Lauer liegen zu müssen, das geht

den lieben Herrn Gast gar nichts an. Er darf sich deshalb nicht entrüsten.

Er braucht nur zu zahlen und dann zu gehen. Das ist alles. Jeder Arbeiter

ist seines Lohnes wert. Es ist aber sicher entsetzlich erniedrigend für

einen reichen Gast, einen armen Angestellten prellen zu wollen. Und darum

wird der Kellner geschmäht und verachtet, weil sich seine Gäste so

entsetzlich erniedrigend, so hündisch benehmen?! Es ist sonderbar, wie

die Rechte verdreht werden! -- Wir können es doch wohl kaum einem Menschen

verdenken, daß er zu allen möglichen erlaubten, ja verzweifelten Mitteln

greift, seinen verdienten Lohn einzukassieren. Was tun die Menschen nicht

alles, um unverdientes Geld zu erwerben!? --

Es rentiert sich wirklich, dem Kellner das verdiente Trinkgeld zu

geben. Ein schwerer Druck lastet auf dem Gemüte der Gäste, die ihm den

schuldigen Lohn verweigern. Sie wissen wohl, welches Unrecht sie begehen,

und beschämt suchen sie sich so schnell wie möglich zu entfernen. Ja,

ihr Auszug gleicht dem eines Diebes bei der Nacht. Und ihnen folgen keine

Segenswünsche. Ihnen folgt die Wut und der gerechte Zorn des Betrogenen.

Wer von diesen moralischen Beweggründen unberührt bleibt, mag vielleicht

den materiellen Schaden, der seiner Ungerechtigkeit nicht selten folgt,

um so mehr empfinden. Wir wollen uns nicht die Augen verbinden, um von

dem Anblick verschont zu sein, den unser Gepäck in den Fäusten eines

rachsüchtigen Hausknechts darbietet, wenn dieser weiß, daß er leer

ausgehen wird. Mit Handschuhen wird er es nicht behandeln. Er wird seinen

Racheakt so geschickt ausführen, daß man ihm nicht einmal etwas anhaben

kann. Es ist zwar eine Dummheit, aber immerhin die typische Kundgebung der

kochenden Volksseele. Die gebildeten, vielgereisten Gäste sollten

damit vertraut sein. Die Kenntnis derartiger Kleinigkeiten ist nicht zu

unterschätzen. Dem Geizhalse im Saal ergeht es kaum besser. Sein Diner

wird gewiß nicht zum Genuß. Er muß geduldig, wenn auch innerlich

kochend, zusehen, wie sein freigiebiger Mitgast den ganzen Balsam einer

guten, erstklassigen Behandlung und Hochachtung erhält. Dies allein kann

einem Knicker unter Umständen schon genügend Gelbsucht einbringen, daß

die Doktorrechnungen sich weit höher belaufen als das Kellnertrinkgeld.

Denn er darf als Gast des Hauses doch auch die größtmögliche

Aufmerksamkeit beanspruchen. Diese läßt sich jedoch nicht energisch

beitreiben. Sie will gelockt sein. Energie im Speisesaal wird begrinst; sie

ist absolut machtlos.

Es folgt nun noch ein anderer Typus von Trinkgeldgebern. Das ist der

verschwenderische, der protzenhafte. -- Es ist leicht, sich in die Seele

des Geizhalses hineinzudenken. Der Protz aber und der Verschwender sind

ganz andere, viel schwierigere Fälle. Der Grundzug im Charakter des

Geizhalses ist List und Egoismus, beim Protzen hochmütige Dummheit und

beim Verschwender Leichtsinn. Nichts entblößt sich mehr als List und

Egoismus. Ein ehrlicher Mensch kann sie lächelnd durchschauen, wenn er

seine Augen aufhält. Die Dummheit aber zu durchschauen hat noch niemand

vermocht. Sie ist hoffnungslos dunkel. Und der Leichtsinn ist wie ein

Sumpf, unergründlich tief. Der wirkliche Leichtsinn hat keinen Boden. Er

ist bodenlos. So schön und so edel die milde, diskrete Freigiebigkeit ist,

so ekelhaft ist die Art des Protzen, zu geben, und so verwerflich die des

leichtsinnigen Verschwenders. Und doch! Warum können wir der Dummheit und

dem Leichtsinn nie wirklich ganz von Herzen gram sein wie dem Geize? --

Weil wir die beiden ersteren und ihre Schrecken nicht völlig erkennen

können? Eine verschwenderische und protzenhafte Handhabung des Geldes

verleitet naturgemäß auch den Empfänger zu solchem Tun. Was man

fortwirft, kann nicht viel Wert haben. So wird der Wert des Geldes

durch den Protzen und den Verschwender entehrt. Und so wird die keimende

Lebensanschauung des jungen Kellners vergiftet. Wenn sein Gemüt nicht ganz

stark ist, so wird er das auf solche Weise erhaltene Geld auch wieder auf

solche Weise verlieren.

Hier will ich Sie auch gleichzeitig auf die eine, vielleicht die größte

Gefahr des Trinkgeldes aufmerksam machen, der sein Empfänger ausgesetzt

ist und der er schwer widerstehen kann. Der Kellner arbeitet nicht wie die

meisten anderen Lohn- oder Gehaltarbeiter von Woche zu Woche oder von Monat

zu Monat. Nein, als Trinkgeldempfänger arbeitet er von Tag zu Tag oder

noch richtiger von Minute zu Minute. -- Diese Art und Weise, den Lohn

zu beziehen, hat einen ganz verderblichen Einfluß auf das Leben und den

Charakter des Mannes. Derjenige, der ein monatliches Gehalt bezieht, ist

gezwungen, mit den Früchten seiner Arbeit haushälterisch umzugehen, damit

dieselben bis zum nächsten Zahltage ausreichen. Er lernt also rechnen.

Ohne diese Kunst wird er an den letzten Tagen vor dem Empfang des neuen

Gehaltes hungern müssen. Anders der Kellner. Er kann heute abend seine

ganze Barschaft verjubeln, morgen früh fließt das Geld wieder herein. Er

kann seinen morgigen Tagelohn am Abend des Tags verjubeln, -- übermorgen

zu Frühstück hat er wieder ein wenig im Sack. Und so weiter. Er kommt

niemals in Geldverlegenheit, der glückliche Mensch! Darum ist er auch

scheinbar so sorglos und lebt von heute auf morgen. Darum kommt er nie in

Not, denn er hat immer Geld, und er hat niemals Geld, weil es immer geht,

wie es kommt. Folglich tötet das Trinkgeld auch im Innern des Empfängers

die Stimme ab, welche ihn warnt, daß er nicht immer jung sein wird, daß

er aufspeichern muß für magere Jahre. Es bestärkt ihn im Leichtsinn, den

er durch die verderblichen Beispiele aus seiner Umgebung gelernt hat.

Der legitime Anspruch, den der Kellner in seiner gegenwärtigen Lage auf

Trinkgeld hat, artet oft in vielen Fällen in eine Sucht nach Trinkgeld

aus, die namentlich besonders auftritt, wenn der eben erwähnte Leichtsinn

Oberhand gewonnen hat. Die Trinkgeldfrage ist wirklich eine moderne Hydra.

Schneidet man einen Kopf des Ungeheuers ab, so wachsen drei andere sofort

nach. Unerbittlich fordert und verschlingt sie ihre Opfer. Auf die eine

oder die andere Weise. Nur die wenigsten können ihr entgehen. Setzt der

Kellner seinen Anspruch auf Trinkgeld energisch durch, so zieht er sich die

Verachtung der Menschen zu, gefährdet seine Stellung und macht sich Feinde

unter seinen Kollegen. Verzichtet er generös und resigniert, so arbeitet

er umsonst und reibt seine Gesundheit auf für nichts.

Auch ein Zankapfel unter den Kollegen selbst ist das böse Trinkgeld. Es

ist eine unerschöpfliche Quelle von großen und kleinen Streitereien,

Ungerechtigkeiten, ja selbst Unredlichkeiten. Zu den vielen Sorgen des

Oberkellners tritt noch die eine große hinzu: wie muß er einen »guten«

Gast »verteilen«, damit keine Aufruhre in seinem Bezirk entstehen? Sie

haben keine Ahnung, mein Freund, welche Spekulationsobjekte wir sind, mit

welchen Hoffnungen wir abgemessen werden, mit welchen Möglichkeiten in uns

man rechnet. -- Wenn manche wohlwollende Gäste wüßten, welchen Vulkan

von Schmutz und Schlamm menschlicher Niedrigkeit ihre Freigiebigkeit

hinter der Szene oftmals in Aktivität setzt, so würde ihnen der

Appetit vergehen, und sie würden den schönen Ort mit Schrecken fliehen.

Selbstverständlich gibt es auch Leute unter den Kellnern, die in sehr

primitiver Rechtsanschauung ein Trinkgeld, worauf sie kein Anrecht haben,

oft einfach für sich behalten. Daß dies Unterschlagung ist, wird in

den meisten Fällen nicht bedacht. Eine derartige Handlung braucht nicht

unbedingt aus unehrlichen Motiven zu entspringen, sondern in Fällen, wo

sich der Mann dazu berechtigt glaubt, wenn er seinem vielleicht bedrängten

Kollegen bei der Arbeit geholfen hat, kann dies eine Streitfrage werden.

Ich könnte Ihnen noch gar vieles vom Trinkgeld erzählen. Aber das würde

langweilig werden. Um es ganz genau zu bezeichnen, kann man es nur mit

einer ekelhaften orientalischen Krankheit oder mit einem Meisterwerk Satans

vergleichen, das, mit allen Raffinessen satanischen Esprits ausgestattet,

alle Schwächen der menschlichen Seele durch und durch kennt und darin

herumwühlt. -- Wir fassen daher unsere Anklage gegen das Trinkgeldsystem

noch einmal in kurzen Worten zusammen und schleifen es vor das Tribunal

vernünftig denkender Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts und des

Fortschrittes: Das Trinkgeldsystem ist ein aus urdenklichen Zeiten

hergebrachter Brauch, eine Dienstleistung nach eigenem Ermessen zu

belohnen, ohne daß dabei derjenige, der die Dienste geleistet hat, etwas

zu seinem Vorteil sagen darf. Es ist eine schäbige Reliquie aus der

Sklavenzeit, der Zeit der tiefsten Erniedrigung der Menschheit, und hat

sich mit großer Zähigkeit bis auf unsere Tage erhalten. Es steht im

schroffen Widerspruch zu unseren modernen Ansichten von der Unabhängigkeit

selbst des geringsten Arbeiters und verletzt die Würde einer modernen

Geschäftsführung. Kein Mittel ist ihm zu gemein und zu niedrig, seine

fluchwürdige Existenz zu erhalten, und es hat sich folgender Verbrechen

gegen die Menschheit schuldig gemacht, die wir durch unumstößliche

Dokumente und die Zeugnisse von Hunderttausenden ruinierter Leben,

zertrümmerter Jugendhoffnungen beweisen und bei einem Meer von Tränen

eidlich bekräftigen können:

1. Degradation unschuldiger Menschen. 2. Demoralisation unschuldiger

Seelen. 3. Verführung zum Leichtsinn und Förderung desselben.

4. Vernichtung des Selbstbewußtseins des Empfängers. 5. Verleitung zur

Verschwendung. 6. Verleitung zur Unehrlichkeit. 7. Stiften von Unfrieden

zwischen Kollegen. 8. Schüren der Leidenschaften des Neides und der

Gemeinheit. 9. Untergrabung des Ansehens bei den Mitmenschen. 10. Foltern

des guten Gebers. 11. Schädigung des Nichtgebers in moralischer und

materieller Hinsicht. 12. Verleiten der Wirte zur Bequemlichkeit und

Faulheit. 13. Tausende von indirekten schädlichen Folgen besagter

Verbrechen und verdächtig vieler ihm nicht direkt nachweisbarer

Verbrechen.

Ist das nicht ein stattliches Schuldkonto!? Könnten Sie mir etwas angeben,

das zur Entlastung des Angeklagten beiträgt?! -- Das seine Existenz

irgendwie berechtigt? -- Nein, nichts, gar nichts! Unser Urteil ist daher

fertig. Es heißt, »Schuldig«. Schuldig, unwürdig der Zugehörigkeit zur

menschlichen Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts. -- Nach dem Kodex

des Lebens steht darauf Ausstoßung aus dem Verbande der Menschheit,

lebenslängliche Verbannung und Verlust sämtlicher bürgerlichen

Ehrenrechte und Existenzrechte. --

Aber durch diese Aburteilung wird die Hydra noch lange nicht getötet. Der

erste Kopf ist nur abgeschlagen. Es wachsen sogleich drei andere nach, wenn

die Wunde nicht ausgebrannt wird. Das offene Geschwür muß behandelt

und verbunden werden, die Wunde muß sich schließen und heilen. Es soll

womöglich keine Narbe bleiben. Anfangs mag sie den Körper noch sehr

peinigen, doch der Schmerz wird sich bei richtiger Behandlung bald legen.

Die Zeit wird heilen.

Wer, meinen Sie wohl, würde am schlimmsten durch eine derartige Operation

an unserem Geschäftskörper betroffen werden? -- Nun, jedenfalls doch

diejenigen Leute, die aus dem Trinkgelde Nutzen für sich selber zu ziehen

suchen. Und diese sind, wie wir sahen: die Kellner, die Prinzipale und

die Gäste. Eine Flut von erzürnten, erstaunten, wütenden, ängstlichen,

feigen, dummen Fragen würde plötzlich mit einem Male brausend

aufspringen. Das Wort Rousseaus wird sich wieder bewahrheiten:

»Die Sklaven verlieren in ihren Ketten alles, selbst endlich den Wunsch,

ihrer los zu sein.«

Die Kellner würden fragen: ›Was wollen wir ohne Trinkgeld anfangen!?‹

-- Sie würden besorgt auf den Prinzipal schauen und ungeduldig dessen

Bewegungen abwarten. Der Prinzipal würde genau dieselbe Frage stellen,

besorgt auf seine Angestellten schauen und ungeduldig abwarten, was diese

machen. Die armen Gäste sind dann sogar in drei Lager geteilt. Die beiden

ersteren Lager werden sich genau dieselbe bange Frage stellen, jedoch

mit verschiedenen Hintergedanken. Lager Nr. 1 denkt mit Schrecken an die

Preiserhöhung der guten Dinge; Nr. 2 ist in Verzweiflung, denn es weiß

nicht, was es machen soll, wenn es kein Trinkgeld mehr geben kann. Das

dritte Lager aber wird sich gar nichts fragen und auch nicht besorgt den

Kopf hängen lassen, sondern es wird sich freuen, daß alles endlich ein

Ende nahm. Und dieses Lager ist das weitaus größte.

Ah, Sie glauben also wirklich an die Unbesiegbarkeit des Trinkgeldes, an

seinen endgültigen Triumph?! -- Ich bewundere die Schärfe und Feinheit

Ihres Gedankens, vor Ihrer Menschenkenntnis graut mir beinahe! -- Ja, ich

muß mein Haupt im Schmerz beugen und zugestehen: das Trinkgeld ist das

Zauberwort, der große, wunderwirkende Sesam, vor dem die stärksten

Tore in Staub zerfallen. Ein Trinkgeld verwirklicht das Unwirkliche, es

ermöglicht das Unmögliche, es buchstabiert das Unaussprechliche. -- --

Wie ich mich selber zu betrügen versuche! Ich weiß ja genau, daß unser

Almosen doch gerade das Gegenteil von dem ist, was es sein soll. Es wird

doch niemand die Frechheit besitzen, zu behaupten, daß er mit der elenden

Münze, die er dem schlotternden Bettel hinwirft, denselben aus seinem

Jammer helfen will. Man gibt sie doch nur, um seines unliebsamen Anblicks

oder seines Gedudels los zu werden. -- Außerdem ist Geben seliger denn

Nehmen. --

Ein Trinkgeld mag oft mehr sein, viel, viel mehr sein als eine vom Arbeiter

verlangte Bezahlung für seine Leistung, aber es wird sich doch immer

erhalten, denn die schmierige Vertraulichkeit im Verkehr untereinander,

zu der es Berechtigung gibt, -- welche es sanktioniert, scheint vielen

Menschen zu behagen. Es ist die fette, lauwarme, schmierige Vertraulichkeit

zwischen dem Gebieter und dem Sklaven und dem Sklaven mit dem Gebieter. Das

moderne Trinkgeldsystem weist tatsächlich alle Symptome einer regelrechten

Sklaverei auf. Durch die Aufhebung des Trinkgeldes würde jedenfalls

der gleiche heillose Wirrwarr entstehen, der durch die Emanzipation der

Negersklaven über Nordamerika hereinbrach. -- Materialistisch genommen

ist die Negerfrage und die Lage der Neger in Amerika selbst heute noch

schlimmer, als sie vor dem Bürgerkriege, also vor der Aufhebung der

Sklaverei war. Die wirtschaftliche Lage der Befreiten hat sich bisher

in keiner Weise gebessert. Von vielen einzelnen Ausnahmefällen freilich

abgesehen. Diese bergen allerdings schon die schöne, große Hoffnung auf

_allgemeine_ Besserung des Schicksals der befreiten Sklaven in sich. Das

Verhältnis zwischen dem Sklavenhälter und dem Sklaven ist -- oder besser

war -- in vielen Fällen ein durchaus kordiales, oft sogar sehr intimes.

Das hing natürlich vom Charakter des Sklaven ab. Der Hälter war im

völligen Besitz des Leibes und der Seele des mit Geld gekauften oder in

seinem Besitze geborenen Menschen. Ungefähr so wie man ein wertvolles

Stück Vieh besitzt. Und man behandelt sein Besitztum gewöhnlich gut,

namentlich, wenn es sich um leicht verderbliches und sterbliches Menschen-

oder Tiermaterial handelt.

Wie wahr das Wort Rousseaus ist und immer sein wird, geht aus der

amerikanischen Geschichte deutlich hervor, wo die Negersklaven zuerst kaum

die Freiheit annehmen wollten, die ihnen von den Nordstaaten geschenkt

wurde. Niemand unter den bedrückten Schwarzen war sehr über das so teuer

erkaufte Geschenk der Freiheit entzückt. Ja, die alten Neger behaupten

heute noch, daß es ihnen zur Zeit der Knechtschaft besser ergangen

wäre wie zur Zeit der Freiheit. Dies ist auch das beliebte Gejammer der

ehemaligen Sklavenhälter der Südstaaten, die durch das Machtwort Lincolns

Beträchtliches eingebüßt hatten. Die große Macht der Gewohnheit hat

auch hier wieder gesprochen. Die Menschheit, die jahrtausendelang in Irrtum

und Lüge gelebt hat, kann sich nicht so schnell an die Wahrheit gewöhnen.

Ein Mensch, der aus der Dunkelheit tritt, wird durch das Licht geblendet.

Die ehemaligen Sklavenhälter, denen im Bürgerkriege die Freiheit ihrer

Unterdrückten blutig abgenommen werden mußte, hegen statt der alten

eigennützigen Liebe für die ehemaligen Sklaven nun einen wilden Haß

gegen die Befreiten und suchen selbst heute noch, nach beinahe einem

halben Jahrhundert, die Lebenswege derselben auf alle erdenkliche Weise zu

erschweren. Im günstigsten Falle besteht zwischen dem ehemaligen Hälter

und dem befreiten Sklaven ein frostiges, unerquickliches Verhältnis,

eine arktische Indifferenz, eine starre Kälte, die kein grünes

Hoffnungshälmchen aufsprießen läßt. Die ehemaligen Sklaven sind

sich und ihrem Schicksal überlassen, und in ihrer Not, in ihrer elenden

Freiheit wünschen sie sich die fetten Tage der Unterdrückung zurück.

Ähnlich würde es dem Kellner nach der Aufhebung des Trinkgeldsystems von

seiten derjenigen Menschen ergehen, die heute das Trinkgeldsystem zu ihrem

eigenen Vorteile ausnützen, nämlich viele Gäste und Prinzipale, die

ihren Zorn über das Verschwinden der guten alten Zeiten an dem Kellner

auslassen wollen. Andererseits werden selbst auch viele Kellner sich das

alte Trinkgeldsystem wieder zurückwünschen. Ja, sie werden gegen die

Aufhebung desselben auftreten, wie viele Neger sich teils direkt, teils

indirekt gegen die Aufhebung der Sklaverei gewehrt haben. Die meisten

bestellten und hüteten die Häuser ihrer Hälter treu, als diese, Vater

und Söhne, alle im Pulverrauch standen, um die Schwarzen in der Sklaverei

zu erhalten. Es waren meistens nur entflohene Sklaven, die ihren Befreiern

ernstlich beigestanden haben, teils aus Rachsucht, teils aus Furcht vor

einer Niederlage ihrer Beschützer. Ein solches Ereignis wäre auch für

sie, die Entflohenen, verhängnisvoll geworden. Wieder andere Kellner

werden sich durch die Aufhebung des Trinkgeldes aller besonderen Pflichten

dem Gaste und dem Hause gegenüber enthoben fühlen, zu deren Ausführung

das Trinkgeld heute ein wahrer Sporn ist, -- Pflichten, die nur die

Wunderkraft eines fetten Trinkgeldes auszuführen vermag. Beobachten Sie

nur, wie die befreiten Sklaven von einem Extrem ins andere fielen! Manche

glaubten nach der erhaltenen Freiheit so fest an ihre Persönlichkeit, daß

sie es für ihrer unwürdig hielten, die Pflicht als Angestellte zu tun,

ja überhaupt irgendeine körperliche Arbeit zu verrichten. Sie hatten also

nicht ihre frühere schmachvolle Lage erkannt, sondern hielten die _Arbeit_

an sich für schmachvoll. Dadurch entstand vielfach der heutige Jammer der

Befreiten. Sie dachten sich vom Gesetze vor der _Arbeit_ geschützt und

zum Dolcefarniente geboren. -- Ähnliche oder die gleichen Schwierigkeiten

würden auch nach der Entfernung des Trinkgeldes auftreten.

Wird unsere Theorie und Moral aber sklavische Verhältnisse dulden, die

im praktischen Leben ganz annehmbar und unter Umständen sogar sehr

nutzbringend sind und deren Aufhebung voraussichtlich großen Tumult und

Schaden für alle Beteiligten anrichten würde? -- Es hieße sich doch

nur vor den Schmerzen einer Operation fürchten, welche aber durch ein

verhärtetes Geschwür an unserem gesellschaftlichen Körper notwendig

gemacht wird. So sollten wir auch dem Trinkgeldungeheuer furchtlos zu Leibe

rücken, denn wir haben die ganze Verwerflichkeit desselben eingesehen.

Die Operation ist unumgänglich notwendig geworden, wenn der Körper gesund

bleiben soll.

Vom moralischen und theoretischen Standpunkt aus kann das Trinkgeldsystem

unter keinen Umständen mehr in unserer Mitte geduldet werden, selbst

nicht, wenn die Hotelangestellten, die Prinzipale und gar eine gewisse

Sorte von Gästen durch die Aufhebung des Trinkgeldes finanziell

benachteiligt werden, was aber in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Die

Operation wird sich am Ende als heilsam und wohltuend erweisen. -- Die

amerikanischen Nordstaaten kämpften eigentlich nicht direkt für die

Besserung der materiellen Lage der Negersklaven, sondern sie verfochten ein

hohes Prinzip, welches sie sich gebildet hatten. -- Dieses Prinzip --

oder Erkenntnis war, daß die Sklaverei eine für zivilisierte Völker

unwürdige Einrichtung sei. Ob und wann durch die Durchsetzung des Prinzips

eine materielle Besserung oder gar Verschlechterung eintreten wird,

sind andere Fragen, die uns nicht beschäftigen sollten, wenn wir eine

Glaubenssache, ein Ideal im Auge haben.

Ganz genau derselbe Statusquo herrscht auch bei der Bekämpfung des

Trinkgeldes. Dadurch, daß wir im Trinkgeld einen formidablen Gegner haben,

erkennen wir erst, was es ist. Aber die Opposition wird immer den Kämpfer

reizen. Denn sonst wäre seine Handlung ja kein Kampf, sondern nur eine

Arbeit. Ein träger, widerstandsloser Misthaufen läßt sich mit einiger

Überwindung entfernen. Das lebendige Böse aber läßt, wenn es einen

festen Fuß gefaßt hat, nicht ohne Widerstand los von den beherrschten

Gebieten. Und seine Hartnäckigkeit bietet die Garantie zu einem

regelrechten heißen Ringen. Erst diese Aussichten sticheln den Kämpfer

zum Angriff an.

Der Feldzugsplan gegen das Trinkgeld? -- Ich kann nur die allereinfachsten,

natürlichsten Vorschläge machen, die jedermann weiß, die jedermann

fühlt, die notwendig sind, um den Kampf erfolgreich durchzuführen. Diese

sind, indem die Kellner ein ihren Fähigkeiten, Kenntnissen, Arbeit und

Arbeitsstunden angemessenes Gehalt bekommen, das ihnen die Achtung der

Kundschaft und ihrer Mitarbeiter erzwingt. Demzufolge würde er an die

Seite eines jeden anderen Angestellten auf der ganzen Welt treten. -- Die

Prinzipale können sehr gut ohne das Trinkgeld existieren, indem sie die

durch die Gehaltserhöhungen in ihrer Kasse entstandenen Lücken durch

entsprechende Preiserhöhungen ihrer Waren ausgleichen. Eine ganz geringe

Erhöhung von vielleicht zehn Pfennig pro Platte würde schon das Gehalt

des Kellners bestreiten können. Man soll nicht zur Entschuldigung des

Trinkgelds sagen, daß der Kellner nur mit Aussichten auf ein fettes

Geldstück seine Pflicht tun wird. Ein gut bezahlter Mann wird sich immer

anstrengen, seine Pflicht zu tun und seinen Posten zu halten. Man könnte

das Interesse der Angestellten am Geschäfte noch steigern, indem man

den Kellner mit einem gewissen Prozentsatz an seinem täglichen Verkaufe

teilnehmen läßt. Ohne sehr hohe Gehälter zahlen zu müssen, würde

dann der Wirt den Umsatz seiner Ware fördern und den Verkäufer seinen

Fähigkeiten angemessen entlohnen. Es wäre auch nicht richtig, allen

Kellnern ein gleich hohes Gehalt zu zahlen, denn die Dienste des einen

mögen für ein Haus unschätzbar sein, während der andere weniger Talent

zu diesem eigenartigen Berufe hat. Man müßte jedoch einen gewissen

Lohnsatz festsetzen, den die Prinzipale in den einzelnen Fällen nach

Belieben und Gutdünken steigern könnten, um sich Ausnahmekräfte für ihr

Geschäft zu sichern.

Der freigiebige Gast, der nicht mit seinem Trinkgeld kargt, wird nichts

gegen die Preiserhöhung der Waren zugunsten seines Kellners einzuwenden

haben. Im Gegenteil, er wird erleichtert aufatmen, ja in den meisten

Fällen noch dabei profitieren. Denn sein Trinkgeld ist gewöhnlich

größer als die Preiserhöhung ausmachen würde. Denjenigen Gästen aber,

die mit Schrecken an die Erhöhung der Preise denken, weil sie gerne auf

Kosten der armen Angestellten bedient sein wollen, können wir raten, sich

dorthin zu begeben, wo sie etwas für nichts bekommen. Aber sie sollen mit

solchen Hoffnungen ein Geschäftshaus verschonen. Und den Blattläusen am

Rosenstock des Lebens raten wir, sich durch keinerlei Streicheleien

mehr bewegen zu lassen, irgendwelchen »süßen, blinkenden Stoff«

auszuschwitzen.

Sie sehen also, mit einigen »antiseptischen« Mitteln wäre das grausame

Ungeheuer des Trinkgeldes, die orientalische Pest, auf immer ausgerottet.

Damit wird auch die große Wendung zum Bessern im Leben von vielen

Tausenden eintreten. Das betrügerische und bakschischheischende Element

unter ihnen wird sich alsdann andere Gefilde für sein Dasein suchen.

Das ist der Tag der großen Reinigung. Der Augiasstall ist vollständig

ausgemistet. Die Prinzipale, die Angestellten und die Kunden

können einander freundlich die Hände reichen und sich gegenseitig

beglückwünschen.

Sollte diese Wendung zum Besseren nicht eintreten, dann haben die drei

beteiligten Parteien das Urteil über sich selber ausgesprochen. Selbst

wenn sie dazu schweigen, sprechen sie es aus. Die Trinkgeldnehmer wollen

dann heute und für alle Zeiten alles verlieren, selbst endlich den Wunsch,

von ihren Ketten befreit zu sein. Dann sind die Prinzipale heute und für

alle Zeiten einverstanden mit den menschenunwürdigen Zuständen, die unter

ihren Dächern herrschen, dann wollen sie sich heute und für alle Zeiten

auf unsaubere Weise bereichern, und dann wollen die Blattläuse heute

und für alle Zeiten Blattläuse bleiben, bis der große Gärtner mit der

großen Spritze kommt. --

Aber das hoffen wir nicht! Wir haben noch etwas Glauben an die

Menschheit ...

Die Moral des Hotels: Tischgespräche · 第 14 / 24 题