»~Business is Business~«
Es liegt etwas sehr Schönes in dem Gedanken, den Menschen Heime und
Unterkunft zu bereiten, ihnen Speise und Trank zu reichen.
Aber dann kommt das Geschäft. Wirklich, ich habe lange auf den Augenblick
gewartet, um mit einem hervorragenden Geschäftsmann ein Wörtchen über
Geschäft zu sprechen und seine Ansichten zu hören. Darum ist unsere
heutige Konversation auch so interessant für mich. -- Natürlich, ich
verstehe Ihren Standpunkt als Großindustrieller vollkommen. Sie müssen
mir aber erlauben, daß ich vom menschlichen Gesichtspunkt aus, auf dem ich
stehe, mancherlei gegen moderne Geschäftsmethoden einzuwenden habe. Das
sind die Widersprüche, aus denen unser Dasein zusammengesetzt ist. Aber
_ein_ Zug tritt schön hervor: wir alle versuchen unser Bestes, und gleich
stark in uns allen wühlt der Drang nach Tätigkeit und Arbeit, gleichviel,
wie oder ob derselbe zum Ausbruch kommt. Er ist da. -- Ob als Künstler,
als Gelehrter, als Kaufmann oder Handwerker, jeder tut, was in seinen
Kräften steht, jeder ist gleich stolz auf seine Arbeit -- von seinem
Standpunkt aus. Und mit Recht. -- Aber jedes Geschäft -- oder Arbeit
-- oder Kunst -- wie man will, ist eine Art Kleinigkeitskrämerei. Ein
Geschäftsmann, ein Künstler, ein Staatsmann, ja schließlich jeder
Mensch, welcher Kleinigkeiten übersieht oder ignoriert, wird dafür
bestraft -- in manchen Fällen ruiniert. Kleinigkeiten scheinen die Welt
und das große Leben auszumachen, so lächerlich es klingt. -- Goethe
mußte sich als Staatsminister um lederne Gendarmeriehosen und allerhand
sonstigen Kram bekümmern. Und er tat es. Oft sogar mit wirklichem
Vergnügen. Er, der Olympier!
Dann ist das Geschäft als solches aber auch etwas mehr, es ist ganz
Unerbittlichkeit. So unerbitterlich wie jede fortlaufende Handlung, wie
ein Drama, wie das Ticktack der Uhr, das ein Endziel, einen Abschluß hat.
Sonst ist es kein Geschäft.
Was sagen Sie aber nun zu einem modernen Riesenhotel, Sie, der Inhaber von
großen Industrien, von ausgedehnten Geschäften? Ich meine von Ihrem, vom
geschäftlichen Standpunkt aus. -- Ist das moderne Riesenhotel nicht
eine ganz großartige Industrie? -- Und sonderbar! So interessant und
weitverzweigt das Hotelwesen als Geschäft ist, so miserabel ist der Wirt
als Geschäftsmann. -- Wieso? -- Ei, seine Tätigkeit, sein Geschäft
bringt dies selber mit sich. Und ein schlechter Geschäftsmann ist
gewöhnlich auch ein schlechter Prinzipal und Arbeitsgeber. Auch dies
bestätigt sich beim Wirt. -- Ja, Sie haben sich vielleicht noch nicht
genügend für die geschäftliche Seite der Hotelindustrie interessiert,
und darum klingt Ihnen meine Behauptung neu und fremd. Aber sie beruht auf
Tatsache. -- Gewiß, ich weiß, im Sinne des bürgerlichen Gesetzbuches
ist der Wirt ein Kaufmann. Aber darauf gebe ich nichts, gar nichts. Ich
bekümmere mich nicht um leere Phrasen und Namen. Nun wohl! Ich habe
Ihnen gesagt, daß etwas mehr Schönes in dem Gedanken liege, den der Wirt
aufgreift und zu seinem Geschäft macht. Nicht jeder Geschäftsmann kann
behaupten, daß er durch seinen Beruf den Mitmenschen Wohltaten und
Freude bereiten kann. Und gewiß hat kein Geschäft einen mehr idealen
Hintergrund, als das des Wirtes.
Ein Wirt, der nichts mehr wäre als ein strikter Geschäftsmann, müßte
eine abschreckende Gestalt für seine Kundschaft sein. Wenigstens für
seine moderne, so anspruchsvolle Kundschaft. Daher ist der Wirt mehr Mensch
als Geschäftsmann. Schlechte Kaufleute sind oft sehr gute Menschen. --
Bitte, ich weiß, was Sie sagen wollen! Ich will gewiß nicht behaupten,
daß alle gewiegten Geschäftsmänner schlechte Menschen und alle
geschäftlichen Stümper gute menschliche Exemplare seien. Es gibt
Mittelwege. Aber trotzdem! Ich glaube nicht an Gefühl, an Edelmut, an
Freigiebigkeit bei einem geschäftlichen Vorgang. Das menschliche Herz
hat keine Stimme in der Geschäftswelt. Edelmut läßt sich mit unserem
kommerziellen Leben noch nicht vereinbaren. Es ist das Privilegium des
Schönen, lächerlich zu werden, wenn der Alltag spricht.
Der Wirt ist sich seiner zwiefachen Stellung sehr wohl und schmerzlich
bewußt. Sagen Sie ihm, daß sein Geschäft genau das gleiche sei, was
jedes andere Geschäft ist, so wird er freudig zustimmen. Wenn man ihm aber
sagt, daß er und seine Angestellten deshalb genau so auftreten sollten,
wie es andere Geschäftsleute tun, so wird die freudige Miene verschwinden
und eine besorgte an ihre Stelle treten. Er wird sagen, daß dies
unmöglich sei. Er wird Ihnen eine ganze Reihe von Gründen hierfür
angeben, und doch keinen einzigen, der stichhaltig und greifbar wäre.
-- Nein, nein, er kann den Gästen gegenüber nicht so auftreten, wie es
andere Geschäftsleute ihren Kunden gegenüber tun. -- Das ist nun einmal
so und nicht anders. Der Wirt wird Ihnen sagen, daß er höflicher,
zuvorkommender, nachsichtiger, freigiebiger, williger, fügsamer sein muß
als irgendein anderer Geschäftsmann, daß er sogar nötigenfalls sich
bücken und Kratzfüße machen muß. Die Gäste verlangen dies nun einmal
so, die Konkurrenz ist nun einmal so groß usw. Der arme Mensch wird
sich vor Qualen winden und drehen, aber keine richtige Lösung seiner
eigenartigen Situation finden können.
Ich kenne kaum einen Betrieb, dem mehr Gefahren von innen und von außen
drohen, wie der Hotelindustrie. Ungünstiges Wetter und Verkehrsstörungen
können großen Schaden anrichten. Eine Epidemie, ja ein einziger Todesfall
oder eine ansteckende Krankheit können den Betrieb vollständig lähmen.
Selbstmorde, Skandale gehören nicht zu Annehmlichkeiten. Dem Hause kann
jederzeit durch verleumderische Untergrabung des guten Rufes und
des Renommees unermeßlichen Schaden beigefügt werden. Schwindler,
Hochstapler, Gauner, Diebe treiben hier unausgesetzt ihr Unwesen. Infolge
der großen Haftpflicht der Wirte droht eine beständige Gefahr in
Prozessen aller Art. Die Sorge um das Eigentum und die Sicherheit
der Gäste ist beileibe keine geringe. Vor allem aber ist die Ungnade
hochgestellter, einflußreicher Leute am meisten zu fürchten.
Einflußreiche Damen der hohen Gesellschaft namentlich sind große Faktoren
in der Prosperität oder dem Ruin eines Hauses. Die verheerende oder
wohltätige Wirkung, welche ein einzelnes weibliches Wesen durch ihre
Zungenfertigkeit im Klub, in der Gesellschaft, bei ihren Freundinnen und
selbst bei den Männern in einem Hotel hervorrufen kann, ist oft ganz
unglaublich groß. -- Von den eigentlichen Betriebsgefahren, den inneren,
wie die Verderblichkeit der Waren, Gewissenlosigkeit und Unredlichkeit
der Angestellten, Feuersgefahr usw. will ich gar nicht reden. Es sind nur
einige von den vielen Sorgen, die das Gemüt des modernen Hoteliers als
Geschäftsmann belasten. Seine Hauptsorge aber ist: er will seinen Gästen
_ein Heim_ bereiten.
Ein wahrhaft heroischer Versuch! Ein herkulisches Unternehmen für einen
Geschäftsmann! Aber was ist das Ende? -- So wird der Hotelier durch seine
Sisyphusarbeit geschäftlich schwach statt stark. Er wird ängstlich,
enttäuscht, entmutigt, er kann seiner Kundschaft nicht als Kaufmann
entgegentreten. -- Er wird stets einem unverschämten Gaste, einem
chronischen Nörgler, der -- weil er die Hoteliers und ihre Schwächen
kennt -- prinzipiell überall wegen hoher Preise, schlechten Essens,
miserabler Bedienung usw. aufmuckt, sofort weitgehende Privilegien
einräumen und einen Rabatt gewähren. Zum Protest gegen derartige, sehr
häufig vorkommende Unverschämtheit erkühnt sich der Wirt höchstens
zur Zeit der Hochsaison, wo drei oder vier andere, weniger unverfrorene
Wanderer mit Bergen von Gepäck der Unterkunft harren und die fraglichen
Preise gerne zahlen wollen, da sie schon an verschiedenen anderen
gastlichen Portalen bedauernd zurückgewiesen wurden. Die übertriebene
Hochachtung und Devotion vor seiner Kundschaft blendet den
Durchschnittshotelier in dem Maße, daß er die größten Grobheiten
übersieht oder schweigend einsteckt, ja daß er sich von einem
internationalen Hochstapler, der nur halbwegs geschickt auftritt, oft ins
Bockshorn jagen und betrügen läßt.
Mich dünkt, es hat sich der muffige Geruch des Interieurs wackeliger
Karossen und Kaleschen selbst bis in die modernsten Hotels verschleppt. Den
Geist, der die Hotelindustrie als Geschäft bedrückt, könnte ich nur --
um ihn ganz genau zu definieren -- »Postkutschengeist« nennen. Und wie
eine vererbte Krankheit oder Angewohnheit schleicht er sich durch die ganze
große Familie des mildtätigen Bonifaz hindurch. So angemessen, gemütlich
und zutraulich dieser liebe alte Postkutschengeist vor fünfzig oder
hundert Jahren noch gewesen sein mag, die heutige Zeit hat keinen Gebrauch
mehr für ihn. Das Dröhnen der stählernen Räder und Schienen, das
gewaltige Fauchen der Lokomotiven, das dumpfe Stampfen der Schiffsmaschinen
haben ihn, den Alten, vertrieben. -- Wir bedauern dies unendlich. Wir
betrauern ihn, wie wir uns über das Ableben eines alten Urgroßvaters oder
Großonkels grämen, dessen Erbe wir, die Jungen, die Lebenden, antreten.
-- Aber dann schnell in die Erde mit ihm! Gott hab' ihn selig! Und zurück
ins Leben! -- Zeit ist Geld! -- Und in unserer Zeit lautet der Kriegsruf:
»~Business is Business!~«
Der moderne Hotelier wird alles, alles aufbieten, seinen reisenden Gästen
Schutz, Obdach, Sicherheit, gutes Essen, gutes Trinken, freundliche
Bedienung zu geben. Er wird sein Haus so bequem, so luxuriös, so behaglich
und vollkommen ausstatten, wie es in seiner Macht steht. -- Ja, wie gesagt
-- er wird das Menschenunmögliche versuchen: er wird den müden Reisenden
so aufnehmen, daß dieser unter dem Dache des Hotels sein eigenes
zurückgelassenes Heim vergißt. Gelingt dies jemals einem Hotelier, so ist
er ein Künstler, ein großer Wohltäter der Menschheit, der stolz auf sein
Lebenswerk sein kann.
Es ist jedoch eine Tatsache, daß das moderne Hotel das Heim der Menschen
langsam verdrängt. -- Beachten Sie nur, wie die Hoteliers dies unbewußt
ahnen. Oder sollten die bösen Menschen es wirklich schon wissen!? --
Jedenfalls aber, um den Übergang möglichst sanft zu gestalten, um die
bittere Pille, die die Menschheit schlucken werden muß, süß zu machen,
preisen sie ihre Häuser instinktiv -- oder mit teuflisch schlauer
Berechnung -- als »Heime« an. Sie machen die verzweifeltsten
Anstrengungen, sie sparen keine Mittel, ihre Lokale einem Heime ähnlich zu
machen.
Aber ich bezweifle, ob es jemals einem Hotelier bisher gelungen ist, dem
Reisenden das ferne Heim zu ersetzen. -- Denn das Hotel ist und bleibt doch
immer ein Geschäftshaus, und es kann doch auch nur als solches betrachtet
und betrieben werden. Nach unseren bisherigen Begriffen war das Heim aber
kein Geschäftshaus, sondern eine Art Heiligtum, eine geweihte Stätte. Der
moderne Hotelier sollte dies bedenken, und wenn er rechnen kann, wird er es
bedenken. Er würde sich dann auch nicht aufreiben auf der Suche nach
etwas Unerreichbarem, nach dem Ersatz des Heims, sondern er würde dann nur
danach trachten, sein Haus zu einem wirklichen Geschäftshaus zu gestalten.
Eine sehr traurige, trostlose Botschaft für das liebe Publikum! Der eine
Hotelier, um sie ihm offen zu verkünden, müßte ein viel größerer Heros
sein als alle seine heimebauenden Kollegen zusammengenommen. Aber da das
liebe Publikum nur immer seine eigenen Interessen im Auge hat, und da die
Hotels zur Selbsterhaltung auch bald anfangen müssen, das gleiche zu tun,
so wird wohl jemand unter ihnen die Botschaft in nächster Zeit öffentlich
verkünden müssen. Aber es braucht keine Kriegserklärung zu sein. Man
kann es zum sanften Appell an die Vernunft des lieben Publikums machen.
Der Hotelier wird heute noch eingestehen müssen, daß er seinen Gästen
kein wirkliches Heim bieten kann, sondern nur ein vorübergehendes Obdach
-- gegen Bezahlung. Was man Geschäft nennt ... Darum soll das Publikum
auch eigentlich nicht mit Millionen unsinniger Forderungen und Erwartungen
kommen und aus dem Ärmsten einen Neurastheniker machen. Wenn dies
geschieht, so ist es nichts als die gerechte Strafe für die eigentlich
geradezu unglaubliche Gemütsroheit, ein Geschäftslokal als heimähnlich
oder heimersetzend anzupreisen. Mögen die Hoteliers durch Konkurrenz zu
solch waghalsigem Tun angetrieben werden, es ist unverzeihlich, roh, --
noch verfrüht. Das moderne Hotel kann in sich selbst eine kleine Stadt
sein, es kann ein Kunst-, Musik-, Theaterpalast sein -- ein Heim nach
unseren Begriffen ist es noch nicht. Für unsere Enkel vielleicht, --
wer weiß? -- Freilich, freilich, es gibt heute schon genügend Menschen,
welche große Hotels zu ihrem beständigen Aufenthaltsort machen und
jahraus und jahrein darinnen vegetieren. Aber es gibt auch Menschen,
denen der Begriff »Heim« fremd ist. Es gibt Menschen, deren Leben so
entsetzlich öde, inhaltslos und leer ist, deren Inneres so verwüstet ist,
daß sie allerhand künstlicher und mechanischer Mittel bedürfen, um sich
über ihre Herzensöde hinwegzutrösten. Doch diese Menschen kommen für
uns nicht in Betracht. -- Frauen allerdings, Herr Kommerzienrat, ach,
die Frauen, sage ich Ihnen, so weit sie angefangen haben, die Krise der
Umwandlung, die Metamorphose des Heims zu erkennen, sie begrüßen die neue
Ära mit einer frenetischen Begeisterung ... pst! -- huh! da kommen unsere
Damen gerade aus dem Garten -- -- sollten wir nicht lieber ein
anderes Thema ...? Nicht? -- Nun, ich werde versuchen, sie bald wieder
fortzubringen. --
-- -- -- -- -- Häh, ich schaue so glücklich drein, gnädige Frau? --
Ja, ich fühle ein großes Dichtwerk in mir reifen. -- Interessant, nicht
wahr? -- Wie meinen Sie ...? Ein titanisches Drama? -- Ah, Sie halten
viel zu wenig von mir! -- Nein, nein! Ich fühle mich berufen, bald einen
Nekrolog auf die Hausfrau zu singen. Vielleicht noch etwas verfrüht, aber
immerhin ... -- Selbstverständlich, gnädige Frau! Die Männer sind daran
schuld. -- Sonst niemand! Bevor ich aber in die Saiten greife und mein
Lamento anstimme, will ich dem schlimmsten Feinde der Hausfrau, dem
siegreich vordringenden Kochkünstler männlichen Geschlechts noch einen
kräftigen Hieb versetzen, ja, ihn gar zurückzuschlagen versuchen,
obgleich ich als Mann -- persönlich -- gegen den liebenswürdigen Menschen
nichts einzuwenden habe. -- Dieser herrliche Achilleus des Herdes hat
nämlich eine sehr verwundbare Ferse: seine souveräne Verachtung für
Hausmannskost. Wenn er nicht weise genug ist, noch einiges von der Hausfrau
zu lernen, bevor er ihr ganz das Handwerk legt, so ist es um ihn geschehen.
-- Der Kochkünstler mag ein Philosoph, ein Träumer sein, was er
hervorbringt und ersinnt, kann hohe Vollendung, Kunst oder Maschinenarbeit
sein, die mit Präzision und Verve der Berufsmäßigkeit entsteht oder
aus dem wunderbaren Reichtum und dem Fleiße eines erfinderischen
Genies geboren wird. Seine Leistungen weisen aber nicht die Spuren jener
liebevollen Hand auf, die den Gerichten einer guten Hausfrau anhaften.
Warum ist diese häusliche Handarbeit mit allen ihren Mängeln und
Ungeschliffenheiten in ihrer Einfachheit und Anspruchslosigkeit uns
Menschen so wertvoll, so teuer? Vollkommenes ist uns noch fremd, denn
wir selber sind noch nicht vollkommen. Die vollendete Arbeit mag unsere
Bewunderung hervorrufen, sie hat aber einen befremdenden Eindruck auf uns:
wir können sie eben nicht von Herzen lieben.
Hausmannskost, so nahrhaft, so einfach sie ist, in diesem Hotel ist sie
noch nicht zu finden! Was die liebe, einfache Hausfrau, die biedere,
ungebildete Köchin oft zu leisten vermag, den berühmtesten kulinarischen
Größen ist's ein Rätsel. -- Ich würde mit einer einzigen Bestellung
auf einen kräftigen, deftigen Pfannekuchen mit Speck oder einen
wunderlieblichen »Armen Ritter« unten das ganze Regiment von
Kochkünstlern in Aufregung und Verzweiflung versetzen können. Vor einem
Heringssalat aus Pellkartoffeln stehen die weisen Schüler des Lukullus und
Brillat-Savarins, die schöpferischen Genies einer klassischen Küche, die
Chemie, Physik und Anatomie studiert haben, genau so verblüfft da, wie ein
Kollegium von Professoren der Psychologie, die vielleicht die verzwickten
Liebesgefühle der Prinzessin Salome und des Propheten Jokanaan haarscharf
erklären können, aber einen Fall von unglücklicher Liebe zwischen einem
Hausknecht und einem Kammerkätzchen staunend angaffen und ratlos -- aber
ganz absolut hilf-, wort-, rat-, taten- und hoffnungslos davorstehen.
Höchstens lächeln können sie und die Achseln zucken. Die Kochkünstler
sowohl wie die Professoren. Das ist aber auch alles. Jedoch lächeln und
achselzucken kann jedermann und besonders, wenn er sich sonst nicht zu
helfen weiß.
Sind es wohl besondere Geheimnisse, Zaubersprüche und
Beschwörungsformeln, die die Hausfrau bei der Zubereitung ihrer Gerichte
anwendet, deren magische Gewalt dem Sohne in der Fremde grausames
Heimweh bereitet, deren Duft allein schon den flatterhaften Ehemann mit
unsichtbaren Fäden ans Haus fesselt? -- Nein, gnädige Frau, so viel
Wunderglauben besitze ich leider nicht. -- Ich kann mir nicht einreden,
daß die traute Liebe der Gattin und Mutter genug physische Kraft
besitzt, um fürsorglich und beeinflussend über den dampfenden
Kochtöpfen zu schweben und das Gedeihen des Inhalts zum Heile der
Familienverdauungsorgane zu beschützen und zu segnen. -- Wie so vieles
Transzendentale von ruchlosen atheistischen Menschen wissenschaftlich
ausgelegt werden kann, und da ich zur Beseitigung jedes Wunderglaubens
nach Kräften beitragen will, so bin ich daher roh genug, die Wunder der
häuslichen Küche physiologisch zu erklären. -- Die Hausfrau bereitet vor
allem die Speisen nicht zu lange vor. Sie kommen direkt vom Feuer auf
den Tisch. Sie sind daher frei von dem metallischen Geschmack vieler
Hotelspeisen, die stundenlang zubereitet warten müssen, bis sie serviert
werden können. Während dieser Wartezeit zersetzen sich auf chemischem
Wege kleine Metallteilchen, die, ohne schädlich zu sein, gewissen Speisen
einen unangenehmen Geschmack mitteilen. -- Nichtsdestoweniger gibt es
Sachen, die aufgewärmt geradezu gottvoll sind. Durch den wiederholten
Prozeß des Kochens wird oft ein gewisser, erster, halbroher Zustand
beseitigt, die Speisen werden garer, zuträglicher und verdaulicher, wenn
ihre ursprüngliche Kraft sorgfältigerweise erspart wird. Die Hausfrau,
die oft aus Sparsamkeitsrücksichten gezwungen ist, Reste aufzuwärmen,
hat dies entdeckt und weiß es wohl zu benutzen. Der Kochkünstler
dagegen schaudert meistens vor aufgewärmten Speisen zurück. Durch weise
Haushaltung an Sparsamkeit gewöhnt, verwendet die Hausfrau allerhand Reste
und Überbleibsel von Suppen, Saucen, Knochen und dergleichen, kocht alles
wieder auf und erzielt dadurch in ihren Gerichten jenen unbestimmbaren
Grad von Kraft und Nahrhaftigkeit, welche jede sparsame, haushälterische
Wirtschaft in allen Lebenslagen erreicht -- das große, dem Verschwender
ewig verborgen bleibende Geheimnis des Wohlstandes und der Gesittung.
-- Der Kochkünstler ist gewöhnlich ein Verschwender, wie alle Genies
Verschwender sind. In der Enge muß das Genie zugrunde gehen. Aber
die ganze Ausbeutung seiner Kräfte und Mittel kennzeichnet den weisen
Künstler, den tüchtigen Handwerker. So viel kann der Koch von der
Hausfrau lernen. -- -- Ja, meine Damen, ich schaudere bei dem Gedanken,
daß das Heim der Menschen auf dem Aussterbeetat stehen soll! -- Das
moderne Heim ist nur noch ein Schatten von dem früheren. Und was wird die
Zukunft uns als Ersatz bieten? -- Nun, etwas Ähnliches wie ein Hotel muß
es doch wohl werden, wenn die Frauen keinen anderen Rat wissen. --
Wie meinen Sie, ich sei ein Weiberfeind? -- Oh, welche ungerechte
Anschuldigung! Welche Verleumdung! -- -- -- -- --
Da fließen sie hin, die Holden! -- Zornig, entrüstet, schmollend, weil
ich ihnen schmeichelte! -- Wer kennt das Gemüt der Frauen!? -- Wäre ich
grob gegen sie gewesen, so lägen sie mir jetzt am Halse. Doch dem Himmel
Dank! Nun können wir vom Geschäft weiter sprechen.
Vernünftige Männer wie wir, Herr Kommerzienrat, welche so hohe Preise
zahlen, daß ein patriarchalisches Verhältnis zwischen ihnen und dem
Hotelier schwerlich aufkeimen kann, werden daher vorläufig noch nicht die
Torheit begehen und ein Hotel mit einem Heim vergleichen oder erwarten,
daß es ihnen ein solches biete. Aber ein Geschäftshaus sehen wir im
Hotel, ah, und was für ein Geschäftshaus! Welch ein Leben und Treiben!
Interessant, nutzbringend sowohl für den Besucher wie auch für den
Unternehmer und den Angestellten. Vielseitig, anregend wie kaum ein
anderes. Und aus diesem Grunde verlangen wir vom Hotelier und seinen
Angestellten nur striktes geschäftliches Auftreten und nichts mehr. --
Würden Sie als Kaufmann bei einem Auftrage etwas mehr leisten, als
Ihr Kontrakt Sie verpflichtet!? -- Nein, sehen Sie. Jede überflüssige
Leistung ist verdächtig. Nicht nur im geschäftlichen, sondern auch im
privaten Leben. Als kleiner Junge besorgte ich oft gerne Einkäufe
für meine Mutter. Ich tat's viel lieber als zur Schule gehen, denn ich
vibrierte damals schon vor Verlangen, mich ins große Leben stürzen zu
können. Aber ich habe niemals unserm Metzger getraut, wenn er zu gut
gewogen hatte und mir gar noch ein Stück Wurst obendrein gab. Es schien
mir nie ganz geheuer. Und unser Metzgermeister war doch so ein ehrenwerter
Geschäftsmann! -- Zu viel geben ist meiner Ansicht nach nicht gut. Ein
Mann, der von sich selber und der Güte seiner Ware überzeugt ist, wird
dies nie tun. Er wird nie zu wenig, aber auch nie zu viel geben. Freilich,
zur Zeit der Postkutsche pflegten unsere Großväter einer Ruhe, die leider
gänzlich aus unserem heutigen Geschäftsleben verschwunden ist. Sie
hatten geschäftliche Ansichten, Prinzipien, Methoden, die heute nicht mehr
gelten. Die Angestellten sind nicht mehr die aus der »guten, alten
Zeit«. Ich kann daher auch nicht einsehen, warum sich im Hotel -- ein ganz
modernes Geschäft -- der Geist der Postkutschenära erhalten sollte.
Ich kann nicht einsehen, warum der moderne Hotelier von seinem Kellner
verlangt, daß er sich total für das Wohl seiner Gäste aufreiben soll.
Ein Gast, der im Hotel einen Kellner vielleicht von der Höhe eines
Grandseigneurs herab als seinen Leibeigenen ansieht, wird es nicht wagen,
in einem Laden den geringsten Verkäufer durch die aristokratische Brille
zu betrachten. Nein, er wird geduldig warten, bis die Reihe an ihn kommt.
-- Anders hier! -- Wehe, wenn hier jemand auf die geringste Kleinigkeit
warten muß! -- Sie dürfen sich in solchem Falle den Generaldirektor des
Hotels kommen lassen. Sie können das ganze Haus in Aufregung versetzen.
Unter einer Flut von devotesten Entschuldigungen werden Sie getröstet und
besänftigt werden. Es gibt menschliche Wesen, die nichts zu tun haben,
vornehme Tagediebe und Müßiggänger, die derartigen Unfug als eine
Spezialität betreiben. Solche Leute machen es sich zum Prinzip, möglichst
viel Aufsehen mit ihrer Person zu erregen und die armen Angestellten durch
ihren Anblick allein schon in allertiefste Ehrfurcht zu versetzen. Dies hat
einen doppelten Wert. Es ist ein wunderbarer Nervenkitzel, und zugleich ist
der finanzielle Vorteil unverkennbar. Durch ihre Frechheit glauben sie
den Kellner dermaßen einschüchtern zu können, daß dieser schon
pränumerando auf das Trinkgeld verzichtet und sich mit der hohen Ehre
begnügt, einem feinen Gaste aufwarten zu dürfen. Solche Spezimina des
~Homo sapien~ sind nicht glücklich, wenn bei ihrem Erscheinen auf dem
Plane nicht zwei oder drei Assistenzdirektoren, sechs Oberkellner und eine
Schar von niedereren Kreaturen sie umtänzeln. -- Oh, ich sage Ihnen, Herr
Kommerzienrat, die Damen! -- Damen gibt es, die oft ganz Hervorragendes,
wahrhaft Großes in solchen Theaterszenen leisten. Besonders wenn sie
Gesellschaft haben und wenn sich unter den Eingeladenen ihre Feindinnen und
Rivalinnen befinden. -- Hierin sind Damen unerreichbar. Leutnants, Dichter,
Korpsstudenten, Sänger, Musiker männlichen Geschlechts, die sich auch
zuweilen auf diesem Gebiete versuchen, fallen neben den Damen kläglich
ab. Nichtsdestoweniger kann durch ein arrogantes Monokel, eine pompöse
Uniform, Säbelgerassel, Sporengeklirr und sonstiger Maskerade und
Requisiten für Komische Oper und Possen, durch klingende Titel und
fliegende Mähnen eine gelinde künstliche Panik zwischen den Angestellten
heraufbeschworen werden.
Leute gibt es, Hypochonder, chronische Nörgler, halbe und ganze Idioten,
denen der Hotelier und seine Angestellten nichts recht machen kann, denen
nichts zu gut und nichts gut genug ist, denen entweder alles zu teuer oder
alles zu billig ist. Der arme Kellner hat seine Last mit solchen Menschen.
Er darf nichts auf ihre Exzentrizität erwidern, er darf nicht einmal
darüber lächeln, er darf sie nicht einmal sich selber bedienen lassen.
-- Feine Leute, die eigenen Willen, Gewohnheiten und Eigenheiten besitzen,
haben auch ihre Butlers und Kammerdiener, die auf die Kinkerlitzchen
trainiert sind. Für den Durchschnittshotelgast -- und schließlich auch
für jeden Sterblichen -- gibt es keine größeren Kontagien als hochnoble,
exotische Passionen, deren Bazillen sich beim ersten Anblick in das
Nervensystem des empfänglichen Opfers einarbeiten und dort verheerend
wirken. Die Krankheiten sind natürlich harmlos, wenn genügend Mittel
vorhanden sind, um das beständige Jucken, welches sie verursachen, zu
befriedigen und zu stillen. Gewöhnlich werden aber nur verhältnismäßig
Mittellose oder Geizhälse angefallen, die nicht imstande sind, sich
genügend Dienerschaft anzulegen, die für ihre exzentrischen Gelüste
Sorge tragen. Auch werden solche armen Leute oft durch die damit
verbundenen Kosten so gemein und niederträchtig, daß selbst der
simpelste, friedlichste Diener es bei ihnen nicht aushalten kann. Diesen
Menschen kommt der Hotelangestellte ganz wie gerufen. Was dem Ärmsten in
solchen Fällen blüht, kann ich gar nicht sagen. Ein alter, aber immer
noch wirksamer Trick der Menschen, die für ihre kleinen und großen
Gelüstchen, denen sie frönen, nicht bezahlen wollen, ist, die
Angestellten mit einer leicht verschleierten Andeutung auf ein opulentes
Trinkgeld von Anfang an zu ködern und sie schließlich hinters Licht zu
führen. Erkennen sie aber mit dem ihnen eigenen Schnüffelsinn, daß
der Angestellte sie vorher durchschaut oder alle Hoffnungen auf den
versprochenen Obolus aufgegeben hat und nun anfängt, sie als ~quantité
négligeable~ zu behandeln, dann bricht die ganze Wut und Gemeinheit in den
armen Gemütern los. Nicht selten bewirken sie dann unter Drohungen, das
Haus zu boykottieren, die Entlassung des Angestellten und heimsen so durch
die Befriedigung des niederen Rachegefühls in ihren schwarzen Herzen
kostenlos eine neue Freude ein. -- Es ist erschreckend und entmutigend,
wie häufig man diesen Typus, diese Blüten der Menschheit in den großen
Hotels beobachten kann und wie sie von den Hoteliers auf Kosten der
Angestellten gefördert, ja geradezu gezüchtet und gemästet werden.
Eine schöne, entzückende Frau darf nicht glauben, ein Hotel sei ihre
exklusive Domäne, wo sie ihre Augen und Brillanten spazieren führen
kann. Salonlöwen, Literaturtiger, Kunsthyänen, die Wochen-, Tages- und
Stundengrößen dürften das Parkett des Saales nicht für sich allein
in Anspruch nehmen, wenn sie siegesbewußt einherschreiten, nachdem sie
vielleicht für fünfzig Pfennig oder eine Mark »diniert« haben. -- Ja,
ich versichere Ihnen, Herr Kommerzienrat, man kann riesig billig essen,
wenn es sein muß, und das furchtbare Gesicht des Lebens schimmert auch
durch die glänzende Sphäre des Saales und den feinen Duft der Zigaretten.
-- Und lauschen Sie nur einmal aufmerksam, Sie können alsdann ganz
bestimmt einen feinen, höhnischen Ton aus der brausenden Musik
heraushören, der wie von einem lachenden Teufel stammt. Schauen Sie nur
einmal hinter die Kulissen!
Man könnte daher namentlich dem jüngeren Kellner nicht eindringlich genug
eine geradezu atheistische Respektlosigkeit vor der vagen, götzenhaften
Größe der Durchschnittszelebrität predigen und anempfehlen. Die alten
Kellner lernen sie zwar mit der Zeit, aber erst nach vielen Qualen und
Enttäuschungen. Es gibt Kellner, die sich diesen ruhigen Blick bald
aneignen, und sie werden nie enttäuscht, wohl aber hie und da einmal
angenehm überrascht, und sie haben eine um so größere Verehrung
für wirkliche Menschenwürde und erkennen dieselbe. -- Was ein kleines
Kunststückchen ist, da sie so vereinzelt und unauffällig auftritt.
Die einfachsten, im Verkehr der Menschen untereinander geltenden Regeln der
Höflichkeit sollten doch auch einer strikt geschäftlichen Hotelführung
genügen. -- Warum müssen dieselben aber hier übertrieben werden? --
Selbstverständlich, derjenige, welcher etwas feilzubieten hat, muß sich
möglichst den Forderungen seiner Kundschaft anpassen. Da er Konkurrenz
hat, muß er auch mit in den Wettbewerb eintreten. Der Wettbewerb
aber ist's gerade, der dem Geschäfte zugleich eine interessante und
gefährliche Seite verleiht. -- Für den Käufer, der die reiche Auswahl
hat, bietet sich darin auch eine Gefahr. In je reicherem Maße eine Ware
vorhanden ist, um so geringer wird sie im Wert und um so mehr muß
sie angepriesen werden. Der Käufer, der Vielumworbene, der überall
Willkommene, ist in einem solchen Falle zu leicht verführt, die Stellung
eines Despoten anzunehmen. Und je mehr und unwürdiger sich die Verkäufer
um die Gunst des Gewaltigen bewerben, um so mehr muß er in seiner
absolutistischen Stellung bestärkt werden. Da das Menschenmaterial
heutzutage im allgemeinen sehr billig ist, so ist es auch notwendigerweise
verächtlich. Im Mittelalter wurde dies noch oft und unverhohlen
ausgedrückt. Doch man hat es in der modernen Geschäftswelt zur Regel
gemacht, derartige fromme, alte Gesinnungen hübsch für sich zu behalten
und sie keinem Menschen, sei er noch so gering und billig, direkt
fühlen zu lassen. Nur im Hotelgeschäfte, scheint es, darf sie sich noch
ungestraft zeigen. Ich habe nicht Fälle im Auge, wo jemand unter dem
Einflusse von geistigen Getränken Handlungen begeht, für die er
nicht verantwortlich gemacht werden kann, sondern ich meine das
gewohnheitsmäßige Auftreten der Kundschaft gegenüber den Angestellten im
Hotelgewerbe im allgemeinen und den Kellnern gegenüber im besonderen. Und
läßt ein Angestellter bei einer passenden Gelegenheit einem gerechten
Zorne Lauf, so erwartet ihn ein unbarmherziges, von Vorurteilen
eingenommenes Gericht.
Betrachten Sie nur die grenzenlose Freigiebigkeit der Wirte. Ihre
glänzenden Räume stehen jedem anständig gekleideten Menschen offen. Sei
er, wer er will. Und mit einer ungenierten Selbstverständlichkeit nehmen
wir von allem Besitz, was uns das Hotel bietet. Komfort, Luxus, Musik,
Umgebung. Die Aktien eines Fremden, der in einem vornehmen Hotel lebt,
steigen ums Hundertfache, sobald es den Leuten bekannt wird, mit denen
er geschäftlich oder gesellschaftlich in Verkehr tritt. Für ein paar
Groschen kann ein Gast die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Heeres von
Angestellten in Anspruch nehmen. Und er tut es. -- In welchem anderen
Geschäfte finden Sie eine Parallele hierfür? Nirgendwo, in keinem anderen
Geschäftshause, bei keiner anderen Gelegenheit glaubt der liebe Käufer
seine Dummheit, seine Leidenschaften, ja oft tierische Gemeinheit so
ungestraft zur Schau tragen zu können wie im Gastwirtsgewerbe.
Nirgendwo im Leben wird er sich soviel anmaßen, geiziger, herrischer und
protzenhafter sein als gerade hier. -- Warum? -- Das ist eine Frage,
die sich schwer beantworten läßt. Es scheint, als ob die luxuriöse
Atmosphäre, das Bewußtsein des zu Gebote stehenden großen Betriebes
in vielen schwachen Köpfen eine gelinde Form von Cäsarenwahnsinn weckt.
Manch ein armseliges Herrchen glaubt sich hier zu den größten Anmaßungen
berechtigt, weil er fünf Mark für ein Zimmer bezahlt oder oft auch
schuldig bleibt. Für die Vorteile, die ihm durch das Prestige und den
Nimbus, mit welchem seine Wenigkeit umgeben wird, erwachsen, weiß er
meistens keinen Dank. Er bedenkt nicht, daß ein Kellner häufig durch
seine Reisen und Tätigkeit mehr Kenntnisse und Bildung besitzt als er, der
Gast. Aber er hat eben das Recht, den Angestellten anzufahren, wenn er sich
dazu veranlaßt glaubt. Spießbürger im Sonntagsröckchen, schnodderiges
Fatzkentum, alle kommen sie, wenn sie ein gutes Geschäftchen gemacht
haben, und »leisten sich« etwas. Solche Leute können gewöhnlich weder
essen, noch verstehen sie, sich unter Menschen zu benehmen. Sie wissen
nicht, wie ein Essen bestellt wird, noch wissen sie, was sie bestellen. Der
arme Kellner hat viel unter solchem Dilettantismus zu leiden. Er aber,
der geduldige, freundliche, gewandte, trinkgeldheischende Jüngling, alles
läßt er lächelnd oder schweigend über sich ergehen. Ihm steht nicht
das Recht einer Erklärung oder Verteidigung zu. -- Würden Sie nicht
den geringsten Ihrer Angestellten gegen Flegeleien und Ungerechtigkeit
verteidigen? -- Nun wohl! -- Der Wirt tut es nicht. -- Nennen Sie dies
geschäftliche Führung? -- Ich auch nicht.
Die beispiellose Zuvorkommenheit, Freundlichkeit, Devotion des Wirtes im
allgemeinen hat einen sehr schlechten Einfluß auf das Publikum selber.
Jeder Gast, mehr oder weniger, sucht diese Eigenschaften des Wirtes zu
seinem Vorteil auszubeuten. Viele beanspruchen besondere Aufmerksamkeiten
und Privilegien, Dienste, Besorgungen, die zu verlangen sie ohne Bezahlung
nicht berechtigt sind. Es ist unglaublich, welche Forderungen oft den Wirt
bestürmen. Eine Gefälligkeit, die nicht erwiesen wird oder aus gewissen
Gründen abgelehnt werden muß, kommt dem Wirt oft teuer zu stehen.
Viele Gäste versuchen den Wirt zu prellen, wo sie auch nur können. Die
außerordentlichen Schwierigkeiten, die mit der Zusammenstellung vieler
Hotelrechnungen verknüpft sind, das komplizierte Buchhaltungssystem, das
für die verschiedenen Zweige des Hauses nötig ist, sind Quellen manchen
Übels. Man spricht so viel davon, daß die Gäste in den meisten Hotels
übervorteilt werden, ich glaube indessen bestimmt, daß das Gegenteil die
Wahrheit ist. Fast auf jeder Hotelrechnung wird in der Eile, mit der sie
oft zusammengestellt werden muß, etwas vergessen, woraus dem Hause oder
dem betreffenden Angestellten ein direkter Schaden erwächst. Bei dem
weitgehenden Kredit, den der Wirt oft wochenlang geben muß, bei der
unendlichen Menge von Kleinigkeiten, die er zu berechnen hat, ist selbst
das gewissenhafteste System nicht unfehlbar, und Irrtümer, die vorkommen,
fallen gewöhnlich zum Schaden des Wirtes aus. Die meisten Gäste wissen
wunderbar genau, was sie verzehrt haben, und entdecken gewöhnlich beim
Studium der Rechnung die fehlenden Posten sofort. Aber ich wette, nur ganz
wenige sind ehrlich genug, den Irrtum zu berichtigen, denn die Versuchung
ist zu groß. Sie stehen reisefertig, und sobald sie im Coupé sitzen, sind
sie vor jeder weiteren Forderung geborgen und können sich ins Fäustchen
lachen. Wehe aber, sollten sie bei Durchsicht ihrer Rechnung wirklich
etwas finden, das sie zu einer Entrüstung berechtigt. -- Ich glaube, jeder
halbwegs vernünftige Buchhalter hütet sich peinlichst zwecks Vermeidung
solcher Szenen, das Konto des Gastes irrtümlich oder wissentlich
überflüssigerweise zu belasten. Zweifellos gibt es auch eine Menge
Gäste, die durch irgendeine geschickte künstliche Aufregung das Gehirn
des vielgeplagten, anämischen Zahlenmenschen am Schalter zu verwirren
suchen, damit er sich zu ihrem Vorteile verrechne. Hochstapler ziehen von
Haus zu Haus und wissen genau, wie sie die unendliche, himmlische Geduld
des Wirtes und seiner Angestellten ausbeuten können. Es ist ein allgemein
beliebter Sport, der Hotelkasse schlechte Schecks und faule »Wertpapiere«
statt Bezahlung aufzunötigen. Ein durchaus guter Scheck verursacht schon
eine Menge Arbeit und Unannehmlichkeiten, wenn der Gast, der damit
bezahlen will, dem Wirt nicht bekannt ist. -- Geduldig muß der unbekannte
Scheckinhaber die kritischen Blicke des Bankbeamten an sich auf und ab
spazieren lassen, doch würde er es nie gestatten, daß ein Wirt ihn in
gleicher Weise beäugle. Der brave Bonifaz zögert keinen Augenblick: er
beanstandet keinen Scheck in Gegenwart seines Gastes, lächelnd reicht er
die Feder zum Indossement. Aristokraten, Studenten, Offiziere vom General
bis zum Kadetten abwärts haben wunderbar zarte Gemüter. Den kleinsten
Zweifel an ihrer Person pflegen sie furchtbar übel zu nehmen. Welch ein
Glück, daß sie die Kellner und Wirte nicht für satisfaktionsfähig
halten! Der Duelle gäbe es kein Ende. Ein Glück, daß die Hotelmenschen
so geschmeidig sind! Viel Blutvergießen wird dadurch verhütet. Ein
Glück, daß sie so wunderbar geduldig sind! Viele hungrige, hochgestellte
Persönlichkeiten haben daher etwas Gutes zu essen und zu trinken.
Ein Geschäft, sei es, was es sei, kann, um auf die Dauer erfolgreich
und nutzbringend zu sein, nur auf einer streng geschäftlichen Grundlage
geführt werden. Wie der Hotelier anmaßende Forderungen sanft aber
entschieden ablehnen muß, so muß er den berechtigten unbedingt
nachkommen. Unter dem gegenwärtigen Trinkgeldsystem jedoch ist es für den
Hotelier und in noch größerem Maße für den Kellner schwierig, strikt
geschäftlich vorzugehen. -- Einen recht frappanten Fall, der dies gut
illustriert, erlebte ich vor einigen Tagen. -- Ich wurde eines Morgens von
einem widerlichen Küchengeruch in meinem Appartement angeekelt, und als
ich den Zimmerkellner nach der Ursache der Düfte fragte, beichtete er mir
folgendes. Neben mir hatte sich eine knickerige Familie eingenistet,
die den Kellner veranlaßte, sie mit allerhand Kleinigkeiten wie heißes
Wasser, Zucker, Essig, Öl, Spiritus usw. zu versorgen. Diese Dinge konnte
der Mann sich leicht, ohne von der Kontrolle belästigt zu werden, aus der
Küche verschaffen. Ferner verlangten seine Gäste von ihm Tassen, Gläser,
Bestecke, Teller, Servietten -- gleichfalls kostenlos. Das alles sah und
hörte sich recht harmlos an. In Wirklichkeit aber gebrauchten die Gäste
diese Dinge, um sich von einigen mitgebrachten Würstchen und was es sonst
noch gewesen sein mag, auf ihrem Zimmer ein frugales Mahl zu bereiten.
-- Was sagen Sie dazu, Herr Kommerzienrat? Kann so etwas in einem
erstklassigen Hotel vorkommen? -- Dem Kellner gegenüber schützten die
Gäste Appetitlosigkeit vor, es sei so umständlich, sich hinunter in den
Speisesaal begeben zu müssen usw. usw., und dem Wirt brachten sie mit
ihrem Spirituslämpchen das ganze Haus in Gefahr. Sie verdarben die Möbel,
Tischdecken, Teppiche und Wäsche, und mit dem geradezu unerträglichen
Gestank ihrer Kochereien verpesteten sie mir die Luft. Erst als ich mich
darüber beschwerte, wurde der Unfug eingestellt, und die sparsamen Leute
entrüsteten sich höchlichst, als ihnen die Benutzung der Utensilien in
Rechnung gebracht wurde.
Durch diesen Fall aufmerksam geworden, interessierte ich mich mehr für
derartige Streiflichter des Glanzes. Mein freundlicher Zimmerkellner
erzählte bereitwilligst. Ihm schien das alles nichts Neues. So erfuhr ich
denn auch, wie in den feinsten Hotels manche sparsame Dame der höchsten
Gesellschaft im Badezimmer ihres Appartements eigenhändig ihre Leibwäsche
besorgt und die zarten Röckchen und Höschen und was es sonst noch sein
mag mit einem elektrischen Plätteisen bügelt. Aus alledem entnahm ich die
mir hauptsächlich wertvolle Lehre, daß, sofern das Eigentum des
Nächsten -- hier das des Hoteliers -- in Betracht kommt, die Mehrzahl
der Zeitgenossen von einer unglaublichen Pietätlosigkeit beseelt zu sein
scheint.
Sie als Geschäftsmann werden hieraus aber die große Gefahr erkennen, die
den Arbeitgeber als Vergeltung für schlechte Bezahlung der Angestellten
verfolgt. Nur mit besonderer Erlaubnis hätte der Kellner die erwähnten
Kleinigkeiten verabreichen dürfen, selbst wenn er gesehen hätte, daß
durch die Verweigerung derselben sein Trinkgeld in Gefahr geraten wäre. --
Denken Sie sich zum Beispiel einen Fall, wo der gute Ruf des Hauses auf
dem Spiele steht. Der gewissenhafte, achtbare Angestellte, der sich und das
Haus respektiert, wird stets sofort das Interesse desselben im Auge haben,
sollte diese Haltung selbst mit eigenen finanziellen Verlusten verbunden
sein. -- Aber wieviel Angestellte tun dies wirklich, wenn das Haus sie
schlecht bezahlt!? Der Glanz des Geldes lockt mächtig. Das Geld ist
schwer. Es zieht -- zieht -- hinab. Geld hat noch keinen Menschen
emporgehoben. -- Ich glaube, daß ein Kellner, wenn er seinen Gast kennt
und seines Trinkgeldes sicher ist, eher die Interessen des Gastes als die
seines Arbeitgebers wahren wird. In einem solchen Falle wird er mir
zum Beispiel niemals etwas anempfehlen, was für das Haus besonders
gewinnbringend ist und das die Küche gerne absetzen möchte. Er wird, wenn
ich ihm das Arrangement für eine Mahlzeit überlasse, nie die Rechnung
unnötigerweise in die Höhe schrauben, selbst wenn er vollständige
Freiheit darüber hat. Er wird nicht zuviel bestellen, sondern das richtige
Quantum ausrechnen. Er wird _mein_ Geld sparen. Er wird mir dringend raten,
daß ich dies oder jenes nicht zum Diner nötig haben werde, wenn ich das
und das bestelle, obgleich ich vielleicht beide Dinge wünsche. Ein anderer
Verkäufer freut sich nur zu sehr, wenn er dem Kunden möglichst viel
aufhängen kann, ob dieser nun der Sachen bedarf oder nicht. Wenn der
Kellner weiß, daß der Gast die Rechnung begleichen wird, ohne sie
anzuschauen -- was ja vielfach üblich ist und zum guten Ton gehört -- so
wird er dieselbe aufs gewissenhafteste für den Gast prüfen, ob sich nicht
vielleicht ein Irrtum zum Nachteil seines Gastes eingeschlichen hat. In
gewissen Fällen, wo das Recht und der Anspruch des Gastes auf gewisse
Vorteile in Frage kommt, wird der Kellner immer im Interesse des Gastes
handeln, selbst wenn das Haus darunter Schaden leiden sollte. Sie sehen
hieraus, wie zwiefach die Stellung des Kellners im Hotelgeschäfte, wie
ungeschäftlich sein Verhältnis zum Arbeitgeber ist und wie gefahrvoll
für ihn seine Handlungen sind, die von zwei Seiten gleich streng
abgeurteilt werden.
Es gibt Kellner, die die Gäste, und Gäste, die die Kellner betrügen.
Der Wirt steht ziemlich teilnahmslos in der Mitte. Warum? -- Weil er kein
Geschäftsmann ist! -- Wer von den beiden Betrügern am meisten auf Raub
ausgeht, ist von uns schwer genau zu bestimmen. Der Mann jedoch, der sein
Leben lang in der Gasthofsindustrie gestanden hat, wird, wenn Sie ihn
darüber befragen, sofort sagen, daß berufsmäßige Schwindler weitaus
mehr unter seinen Gästen als unter den Kellnern vorkommen. Wenn dennoch
augenscheinlich das Gegenteil der Fall ist, so muß man in Betracht ziehen,
daß die Evidenz unter den obwaltenden Verhältnissen täuscht und gegen
den Kellner spricht. Nur statistische Ziffern könnten darüber Aufschluß
geben. Diese zu erhalten ist aber ganz unmöglich. Wenn ich behaupte, daß
der Wirt solchen Fällen ziemlich teilnahmslos gegenübersteht, so
meine ich natürlich damit, daß er sich gegen die berufsmäßigen und
Gelegenheitsschwindler unter seinen Gästen so viel wie möglich schützt,
indem er den Angestellten für die unsauberen Handlungen solcher
Leute verantwortlich macht. Das ist Politik, aber kein ehrliches
Geschäftsverfahren. Wenn ein vornehmer Gast spurlos verschwindet und eine
unbezahlte Rechnung hinterläßt, so fühlt sich gewöhnlich nicht der Wirt
geprellt, sondern er hält seinen Angestellten für den Geschädigten. Er
hat nicht den Mut oder den Willen, derartige geschäftliche Verluste zu
tragen, eben weil er kein Geschäftsmann ist. -- Er befindet sich oft auch
tatsächlich in einem Dilemma. Wer kann zum Beispiel wissen, ob der Gast
nicht seine Rechnung irrtümlicherweise einem anderen Kellner bezahlt
hat?! -- Die Variation solcher Fälle ist ebenso groß, wie die Gäste
verschieden sind. Darum muß der arme Kellner beständig auf der Lauer
sein. Wer aber kann verhüten, daß ein Gast den Augenblick, wo der Kellner
abwesend, in der Küche oder sonst wo beschäftigt ist, benützt, um
stillschweigenden Abschied zu nehmen, oder daß er unter irgendeinem
anderen Vorwand, auf irgendeine Weise verschwindet, ohne die Rechnung zu
begleichen. -- Wie der Kellner für die Unredlichkeit der Gäste des Hauses
büßen muß, so wird er selbstverständlich auch für den Schaden, den er
selber dem Hause durch Unglück, Unachtsamkeit und Vergeßlichkeit zufügt,
verantwortlich gehalten. Bei den verderblichen Waren, dem feinen, leicht
zerbrechlichen Material, das der Kellner in seinem Geschäfte handhabt, ist
der Schadenersatz, den er leisten muß, oft sehr beträchtlich.
Was Wunder nun, wenn ein auf solche Weise bedrückter Angestellter zu
allerhand unredlichen Mitteln greift, um sich an dem Hause und den Leuten
zu rächen, die ein solches Defizit in seiner an für sich mageren
Kasse verursacht haben! So wird manch ehrlicher Arbeiter durch die
ungeschäftliche Führung des Hauses zur Unredlichkeit verführt oder
doch wenigstens dazu aufgestachelt. Aber gegen die Unredlichkeit ihrer
Angestellten haben sich die meisten Wirte -- die großen wenigstens
-- gleichfalls wohlweislich geschützt. Es ist daher schwer für einen
Kellner, selbst wenn er kaufmännisch gebildet ist, eines der modernen
Hotelbuchführungs- und Kontrollsysteme zu hintergehen. Ja, man kann mit
Gewißheit behaupten, daß dies völlig ausgeschlossen ist, wenn er sich
nicht direkt mit noch mehreren anderen Kollegen und einigen Kontrolleuren
selber in Verbindung setzt. Aber auch dies ist sehr gefährlich. Solche
Schwindelcliquen leben nicht lange. Sehr bald zersplittert sie die
Uneinigkeit über die Verteilung der Beute, oder die Detektive des Hotels
nehmen schnell Interesse an den Schlichen und Wegen des Syndikats. Aus
diesen Gründen kommen sehr wenig Unredlichkeiten unter den Angestellten
des großen modernen Hotels vor. Das Dorado des schwindlerischen
Kellners scheinen daher die Häuser zweiten und dritten Ranges zu sein,
Geschäftchen, die gewöhnlich kaufmännisch noch schlecht organisiert
sind, oder die modernen Massenbetriebe der großen Konzertsäle,
Vergnügungslokale, Bierhallen, Volksgärten usw., wo das Schwatzen,
Johlen, Lachen der anspruchslosen biederen Kundschaft und das entsetzliche
Schmettern gigantischer Blasinstrumente die Ohren des bedauernswerten
Wirtes erfüllen, so daß er gewöhnlich keine Zeit und kein Verständnis
für den Wert einer genauen Kontrolle und Buchführung hat und sich schon
zufrieden die Hände reibt, wenn seine Lokalitäten von summenden Mengen
gefüllt sind. Die dort bedienenden Leute nennen sich freilich alle
Kellner. -- Aber was floriert nicht alles unter dem Namen »Literatur«?
Was segelt heutzutage nicht alles unter dem stolzen Banner der Kunst? --
Also von Begriffen und Namen wollen wir schweigen. -- Doch, wie gesagt,
in solchen Lokalen blüht das Geschäft des unsauberen Kellners, der nur
darauf ausgeht, den Arbeitgeber sowohl wie die Gäste zu beschwindeln.
Dieses Individuum wird sich niemals an größere Zahlen heranwagen. Er
weiß zu gut, wie gefährlich es selbst hier in den schlecht geführten
Häusern ist. Für ihn gelten daher nur Pfennige und Groschen. Aber diese
fließen oft in so zahlreicher Menge auf schuftige Weise in seinen Sack,
daß sie am Abend ein beträchtliches Sümmchen ausmachen. Kommt ein
Schwindelfall zufällig ans Licht, so ist der Gegenstand gewöhnlich so
winzig und unscheinbar und so geschickt maskiert, daß die meisten Gäste
der Sache keine Beachtung schenken, und die ganze Affäre wird mit der
Entschuldigung des »Kellners« wegen des »Irrtums« schnell vergeben
und vergessen. Und es wird weitergeschlafen und weitergeschwindelt. Sollte
einem Gaste in einem solchen Lokale irgend etwas, auch das Kleinste, an
seiner Rechnung verdächtig erscheinen, so kann man ihm dringend raten,
sein Bedenken auf diskrete Weise dem Inhaber allein und sonst niemandem
anzuvertrauen. Sich an den »Oberkellner« oder an sonst irgendein
Individuum, das da herumwimmelt und vielleicht etwas zu sagen hat, zu
wenden, ist gewöhnlich zwecklos, wenn es nicht gar den ganzen Plan
verdirbt, denn diese Angestellten sind oft mit ihren alten, vertrauten
Untergebenen verwandt und verschwägert, stecken oft mit ihnen unter einer
Decke und beziehen von dem illegitimen Erwerb einen »legitimen« Anteil.
Worin diese Schwindelmethoden oft bestehen? -- Hm, das kann ich wirklich
nicht sagen. Ich habe mich auch nie bemüht, die laffen, alten, aber immer
noch bewährten Tricks näher ins Auge zu nehmen. -- Wer nur ein wenig
die Augen aufhält, bleibt vor ihnen immun. -- Wenn nun aber tatsächlich
einmal ein grober Verstoß gegen die allgemeine Ehrlichkeit oder ein
Probestückchen der allgemeinen Unehrlichkeit an den Tag kommt, so ist es
in den geschäftlich so miserabel geführten Häusern ganz natürlich
und charakteristisch, daß sehr wenig oder gar nichts getan wird, um die
Schuldigen zu verfolgen und unschädlich zu machen. -- Wie könnte es
anders sein! -- Diese charakteristische Bummelei vieler Wirte ist einer der
vielen Krebsschäden der ganzen Industrie. Diese Schlotterei duldet nicht
nur das unehrliche Element bei sich, nein, sie fördert, sie unterstützt,
sie mästet es sogar. Sie schädigt dadurch gleichzeitig auf ganz
unberechenbare Weise das Ansehen der gut organisierten Häuser. Denn das
große Publikum denkt nicht sehr weit und schert alles über einen Kamm.
Wenn dem Durchschnittsgaste heute ein Halunke in der Maskerade eines
Kellners entgegentritt, so hält er morgen und noch für lange Zeit hinaus
alle ihm im Kellnerfracke entgegentretenden jungen Leute ausnahmslos für
Halunken. Und er wird in diesem freundlichen Glauben vielleicht noch mehr
und für alle Zeiten bestärkt werden, wenn ihm das erste Halunkengesicht
immer und immer wieder entgegengrinst. Er muß ihm immer und immer wieder
irgendwo begegnen, denn die famosen Geschäftsleute von Wirten haben den
Halunken der Bequemlichkeit halber einfach an die Luft gesetzt, oder er
ging aus freien Stücken, als der Boden zu heiß wurde, und taucht nun
unbehindert wieder irgendwo an einem anderen Platze auf, wo er auf Kosten
des denkfaulen Wirtes, der bequemen, ahnungslosen Gäste und des guten
Rufes des ganzen Standes und unter dem Deckmantel des Kellnerfracks sein
Unwesen wohlgemut weitertreiben kann, bis man ihn vielleicht dort entdeckt.
So geht es fort mit Grazie bis ins Unendliche oder so lange, bis der
betreffende »Kellner« von seinen Renten leben kann oder deftiger
Hausbesitzer geworden ist.
Eine vollständige Statistik über die offizielle Bekanntschaft, die
betrügerische Kellner mit den Richtern gemacht haben, wäre wirklich
interessant. Diesen Ziffern aber müßte, damit sie gerecht seien,
beigefügt werden, _wo_ die ertappten »Kellner« beschäftigt waren. Das
Sprichwort von dem Hängen der kleinen Diebe trifft auf die diebischen
Kellner nicht zu. Ein stellenloser Vater dagegen, der um Weihnachten herum
für seine verhungernde Familie einen warmen Laib Brot stiehlt, wird prompt
eingebuchtet, damit die Familie total verhungern kann.
Sie sind etwas verwundert über das Interesse, welches ich am Kellnerleben
nehme! Es erscheint Ihnen jedoch vielleicht größer, als es in
Wirklichkeit ist. Was mich aber darin anzieht, ist hauptsächlich das
menschliche Interesse, und für Sie, Herr Kommerzienrat, dürfte doch
wohl das Geschäftliche in seinem Leben etwas anregend sein. Ich habe zwar
einmal versucht, eine vollständige, sachliche, reine Statistik über
die gerichtlich bestraften Kellner zu erlangen, aber ich erkannte es
rechtzeitig als eine ungeheuere, vielleicht unmögliche Arbeit, deren ich
mich nicht unterziehen kann. Man muß nämlich bedenken, daß die Gerichte
wenig oder gar keinen Unterschied zwischen der Profession des Kellners
machen können. Wenn es zum Beispiel zwischen Aufwärtern und Gästen
gefährlicher Spelunken zu einer Keilerei kommt, so werden die Kombattanten
jedenfalls als »Kellner« bezeichnet. Das sind natürlich keine
Anhaltspunkte für den Charakter unseres freundlichen Ganymeds.
In einem Hause, wo ein gutes Geschäftssystem die Interessen desselben
automatisch wahrt und Unregelmäßigkeiten stumm von sich fern hält, wäre
somit das zweifelhafte Element unter den Kellnern auf die Ausbeutung
des Publikums angewiesen, was aber gleichfalls aus vielen Gründen
ausgeschlossen ist. Aber gerade in solchen erstklassigen Häusern,
wo seitens der Angestellten keine Unehrlichkeiten vorkommen, weil der
Charakter der Leute im allgemeinen zu gut ist und weil die Systeme alles
unehrliche Element ersticken, dort gerade wird der Kellner oftmals das
Opfer betrügerischer oder auch nur achtloser, vergeßlicher Gäste. Es
ist daher ungerecht, in solchen Häusern den Kellner für derartige
Unglücksfälle verantwortlich zu machen. Ein gutes Geschäftshaus sollte
kulant und nachsichtig gegen seine guten Angestellten sein. Wo dies nicht
geschieht, sollten die Organisationen der Angestellten gegen derartige
Ungerechtigkeiten auf Rechtswegen vorgehen. Aber auch hier wird noch lange
das alte, abgeleierte Lied vom Leide des Angestellten weitertönen.
Das Haus aber verdirbt sich durch Kurzsichtigkeit seine besten Kräfte,
nämlich den guten Willen und die Zufriedenheit der Angestellten. Lassen
wir die menschliche Seite ganz außer acht, vom geschäftlichen Standpunkt
allein schon ist dies absolut verwerflich und unklug. -- Ah, Pardon, Herr
Kommerzienrat, sagen Sie das nicht! Ein Angestellter weiß gute Behandlung
zu würdigen! Wenn ihm diese zuteil wird, wird er dem Hause anhängen
und mit Freude arbeiten. -- Undankbare Elemente sind bald entdeckt
und entfernt. Diese einfache Wahrheit scheinen die meisten unserer
Industriellen nicht mehr zu kennen, weil sie hie und da schlechte
Erfahrungen gemacht haben. --
Wir haben nun gesehen, daß der Wirt und der Kellner im allgemeinen
schlechte Geschäftsleute sind, wenigstens in _dem_ Sinne, nach _den_
Prinzipien, die in der modernen Geschäftswelt gelten und Ausschlag geben.
Wir wissen jedoch noch nicht recht, wo der Grund hierfür zu suchen ist.
-- Sind es die verschiedenen Schwierigkeiten, die der Beruf bietet?
Gewöhnlich kann ein Kaufmann oder Fabrikant seine Waren oder Produkte
jahrelang lagern, und wenn dieselben im guten Zustand abgeliefert werden,
so kann man versichert sein, daß keine Reklamationen oder Scherereien
nachfolgen. -- Wie anders ist es hier im Hotel! Der Gastwirt und seine
Angestellten -- wenn sie ihren Beruf nur ein wenig lieben und uns nicht
ganz gleichgültig gegenüberstehen -- schweben tatsächlich beständig in
der größten Angst um die Güte ihrer Waren, die vielleicht im tadellosen
Zustande die Arbeitsräume verließen, um im nächsten Augenblick aus
irgendeinem Grunde unbrauchbar zu werden, bevor sie den Gast, den Käufer
erreichten. Eine Speise, die zum Beispiel nicht mehr ganz heiß ist, kann
völlig wertlos werden, und der Käufer braucht sie nicht anzunehmen. --
Ferner können auf alle mögliche Weisen Meinungsverschiedenheiten über
die Güte der gelieferten Waren zwischen Käufer und Wirt entstehen, daß
es geradezu unmöglich ist, festzustellen, wer bei einer solchen Frage im
Recht ist. Die kompetenteste, gerechteste Kommission von Sachverständigen
ist hier oft machtlos. Nehmen Sie nur einen Fall an, wo ein Gast eine
Speise genossen hat und nachher behauptet, sie sei aus diesem oder jenem
Grunde nicht zufriedenstellend gewesen -- was sich tatsächlich auch oft
erst nach dem Genuß kundgeben kann. Steht nicht der Wirt absolut hilflos
da!? -- In den meisten von solchen Fällen, die fast täglich vorkommen,
muß dem Wirte das Wort des Käufers genügen, und er muß den Schaden
tragen -- ein Vorgehen, das jedem Geschäftssinn und Rechtlichkeitsgefühl
direkt widerspricht. Viele Gäste wissen sehr die hilflose Lage des Wirtes
auszunutzen. Böswillig bestellen sie eine Speise, verzehren die Hälfte
und senden, nachdem sie ihren Hunger gestillt haben, die andere Hälfte als
ungenießbar zurück. Launenhafte Menschen verlieren während der Wartezeit
den Appetit und senden die ganze Bestellung, ohne sie anzurühren, zurück.
Sie denken nicht an die direkten Verluste, die dem Wirte daraus erwachsen.
Oft wissen die Gäste nicht, was sie bestellen, und die Enttäuschung
ist groß, wenn der Kellner kommt. Und in den meisten Fällen nimmt der
gefällige Wirt seine verderblichen Waren zurück. Es gibt noch tausend
andere Gelegenheiten, wo der Wirt geschädigt wird. Immer und überall hat
er das Nachsehen und trägt Ungerechtigkeiten, Grobheiten und Verluste mit
möglichst liebenswürdiger Miene. Das ist vom geschäftlichen Standpunkt
aus betrachtet einfach haarsträubend! -- Jeder andere Kaufmann würde
sich in solchen Fällen beim Gerichte Recht suchen. Ich zweifle sehr, ob
wirklich ein Wirt jemals daran gedacht hat, sein Recht zu wahren. Es ist
einfach unmöglich. Er kann nur solchen unerquicklichen Fällen vorbeugen,
indem er die größtmögliche Sachkenntnis anwendet und das beste,
gewissenhafteste Personal zur Seite hat.
Ich glaube jedoch nicht, daß die geschäftlichen Schwierigkeiten einen
besonders nachteiligen Einfluß auf den Geschäftssinn des Wirtes und
seiner Angestellten haben, ich meine, daß sie aus ihnen schlechte
Geschäftsleute machen. Geschäftliche Schwierigkeiten machen gewöhnlich
gute Geschäftsleute. Im Leben des Wirtes aber spricht ein viel ernsterer,
schönerer Faktor mit. Da ist etwas Gutmütiges, Wohlwollendes mit dem
Gewerbe des Gastwirtes verbunden, das keinem anderen Handel oder Gewerbe
anhaftet. Mag der Wirt auch Bezahlung, oft gute Bezahlung für seine
Tätigkeit verlangen, -- das ist sein Geschäft, und er muß rechnen, um
zu leben. -- Der Grundzug seines Handelns und Wandelns aber bleibt
Gutmütigkeit, und dieser drückt sich seinem Charakter in ganz prägnanter
Weise auf. Es ist wirklich noch ein kleines Überbleibsel von dem schönen
Geiste der alten Gastfreundschaft, das alle an der Gastwirtsindustrie
beteiligten Menschen beseelt. Die Gäste verlangen, lieben dies nun einmal.
Mithin gehört dieser Rest einer schönen, längst verschollenen Sitte
wie ein altes Erbstück zur Familie der Wirte, oder richtiger zu ihrem
Geschäfte. Und welch ein wunderbares Erbstück ist's! Freilich ist es
geschäftsfeindlich! Leider! -- Und wie sonderbar, wie paradox es klingt,
daß derjenige Wirt, auf den dies so entsetzlich anti-kommerzielle
Betriebskapital sich im reichsten Maße vererbte, in seinem Fache der beste
Geschäftsmann ist! --
Wie aber kommen die dadurch entstehenden tausend und abertausenden kleinen
Verluste wieder ein? -- Das ganze Geheimnis liegt in dem wunderlichen
Gerechtigkeitssinn des lieben Publikums. Der arme, biegsame Mann, der
Engelsgeduld und Nachsicht mit den Unarten, Frechheiten und Egoismus des
Publikums hat, ist sein Liebling, sein Herrgott. Alles strömt zu ihm hin,
um an diesem Wunder von Milde und Geduld seine Schlechtigkeit zu probieren.
Der Wirt ist daher kein Menschenerzieher. Seine eigentliche Tätigkeit hat
zwar hohen, erzieherischen Wert, ja, den besten, den die Menschheit noch
kennt, in der geschäftlichen Ausübung derselben aber ist der Wirt nichts
weniger als ein gigantischer Menschenverderber. -- Jede Mildtätigkeit,
jede Nachsicht, jede barmherzige Handlung verdirbt im Grunde den Menschen,
der sie empfängt. Und doch weckt sie andererseits ein schönes Gefühl
in seiner Brust: die Liebe und das Bewußtsein der Zugehörigkeit zur
menschlichen Gesellschaft und die Dankbarkeit. Welch ein wunderliches Chaos
von Schönem und Häßlichem! Man steht ratlos davor.
Sehen Sie, damit der Beruf des Wirtes wirklich seinen Zweck erfülle, muß
das Verhältnis zwischen ihm, dem Kaufmann und dem Gaste als Käufer ein
durchaus kordiales und harmonisches sein. Ich könnte wirklich nicht in
einem Hause ruhig schlafen und gemütlich essen, wo der Inhaber ein mir
unsympathischer Mensch wäre. -- Mein Wirt weiß dies nur zu gut. Und aus
diesem Grunde, unter dem Einfluß seiner Tagesarbeit, entwickelt er und
sein Gehilfe, der Kellner, sich zu den eigenartigsten Gestalten in der
modernen Geschäftswelt, zu Geschäftsleuten, die durch ihre Gutmütigkeit
und durch ihre geschäftlichen Verluste erst zu Geschäftsleuten werden.
Eines solchen Werdegangs kann sich wohl niemand außer ihnen rühmen. Nur
eins zwar, wenn der Vergleich gemacht werden kann: das menschliche Herz
selber. Erst durch seine Güte, aus seinen Verlusten und Qualen wird es zu
dem, was es werden soll: nämlich ein Menschenherz.
Aber dennoch! Im Geschäft läuft das Edle im Menschen große Gefahr,
lächerlich zu werden. Es wird sowieso lächerlich, je offener es
sich zeigt. Also weg mit der edlen Gesinnung in unserem modernen
Geschäftsleben! Es sind unvereinbare Begriffe. ~Business~ ist so
entsetzlich grausam, kalt und berechnend, daß jede bessere Regung davor
zurückschreckt. Und dem ist gut so! Es muß so sein. Denn sonst wäre
Geschäft eine Wohltätigkeit, ein Geschenk. Wir Käufer wollen keine
Geschenke, wir sind nicht unterstützungsbedürftig. Wir bezahlen für das,
was wir verlangen. Wir wollen aber auch erhalten, wofür wir bezahlen und
was wir verlangen. Das ist Geschäft!
Der typische Wirt daher, der durch seine Gutmütigkeit und Nachsicht mit
seinem Publikum möglichst viel Kundschaft an sich fesseln will, ist
seinen Kollegen und Konkurrenten gegenüber grausamer und gefährlicher
als irgendein streng gerechter, unerbittlicher Kaufmann gegenüber seinem
schwächeren Bruder. Diese zweifelhafte Gutmütigkeit in Geschäftssachen
ist eigentlich nichts als unlauterer Wettbewerb. Und sie sollte als solcher
gebrandmarkt werden. Denn sie macht wirklich die Existenz jedes rechtlich
denkenden Konkurrenten, jeden gerechten, erlaubten Wettbewerb unmöglich.
Im Geschäftsleben hebt die Konkurrenz gewöhnlich die Industrien und
die Gewerbe. Sie vervollkommnet. In der Gasthofsindustrie scheint die
Konkurrenz eine andere, eine erniedrigende Wirkung zu haben. Denn wenn
die Wirte sich einander in der Dienerei und Kriecherei vor ihren Gästen
überbieten und sowohl kostspielige wie entwürdigende Nachsicht mit
allerhand grobem Unfug haben, so ist ein solches Dasein wirklich kein
erhebendes, sondern -- namentlich für viele Tausende von Angestellten --
eine unerträgliche Qual.
Es ekelt mich oft an, in ein besseres Restaurant zu gehen. Erscheint man
an der Tür, so stürzt eine Schar von schwarz-weißen Menschen heran und
bemächtigt sich meiner Person. Ich komme gar nicht mehr zu Atem! Jeder
will mir seinen Stuhl anbieten. Alle wollen sie mich bedienen. Ich soll
mich zehnteilen. Dabei vergeht der Appetit. -- Ich weiß, die Kellner sind
nicht die Leute, die mir einen solchen Empfang von Herzen gern bereiten. Es
ist die Notwendigkeit, die sie zwingt, sich so aufdringlich zu benehmen. --
Wie oft wallt es in der gequälten Brust des Jünglings vor Schmerz über,
da er solche ekelhaften Schauspiele ansehen und mitspielen muß! --
Ich habe mir häufig und liebevoll forschend meinen Jüngling durch die
Augenwimpern betrachtet und eine wilde, gebändigte Wut deutlich gesehen,
die er gegen mich und alle Gäste hegte. Die unausstehlichen Qualen
drückten sich deutlich seinen Zügen auf, verkümmerten und bleichten
sie. Aber welche Schuld tragen wir, wir frohen Gäste, an den Höllenqualen
unseres jungen Mannes! -- Was hat _er_ verschuldet, daß er sie tragen
muß? -- Es ist doch nur der Geist der Dienerei, der erheuchelten
Unterwürfigkeit, des Trinkgeldes, vor allem aber das kolossale,
dickhäutige Gespenst der menschlichen Stupidität, der Eitelkeit und
Genußsucht, die uns das gute Mahl verdirbt und die jungen Leben so vieler
tausend Menschen vergiftet!
Die verderbliche Wirkung derartiger Zustände ist ganz unberechenbar. Den
Menschen, der in früher Jugend dort hineingedrängt wird, verkrüppeln
sie für alle Zeiten. Eine derartige Tätigkeit nimmt ihm von Kindheit an
geradezu jeden Mut für sein späteres Leben weg. Der junge Pikkolo wird in
der Luft, in der Atmosphäre des eleganten Speisesaals systematisch geistig
entmannt, damit aus ihm ein Eunuch zum Dienst des Reichtums werde. Der
frühe Anblick desselben, die gezwungene Unterwürfigkeit lähmt das junge,
erwachende Leben in seiner Brust; das keimende Selbstbewußtsein, die
Grundlage für sein späteres seelisches Leben, alles wird unbarmherzig,
grausam in seinem Frühling erstickt. Es erfordert ein ganz
außerordentlich starkes Gemüt, den Gefahren einer Geschäftsführung zu
entgehen, die auf solchen verderblichen Grundlagen beruht. Aber mit einem
starken Gemüt ist nicht jeder Erdgeborene beschenkt. -- Ja, es ist
wahr! In der Gastwirtsindustrie werden daher Hunderttausende von jungen,
hoffnungsvollen Leuten fürs Leben vergiftet, und es ist ihnen später
unmöglich, sich von dem entsetzlichen Fluche der Unterwürfigkeit, der
ihnen durch die verschiedenen Pflichten und Umstände in jungen Jahren
eingeimpft wurde, zu befreien. -- Der Furcht- und Unterwürfigkeitsinstinkt
in der menschlichen Brust ist schon von Hause aus stark genug. Er sollte
nicht noch systematisch geweckt und gefördert werden. Man sollte ihn
ersticken! --
Wir wollen dem Hotelier in die Konzessionen und Vorteile, die er diesem
oder jenem Kunden einräumt, nicht dreinreden. Seine Geschäftsmethoden
muß er mit seinem Debet- und Kreditkonto vereinbaren. Sofern aber
diese die Wohlfahrt und das menschenwürdige Dasein der Angestellten
beeinträchtigen, sollte man sich dagegen wehren. Jede Geschäftsführung,
jeder Zustand, jede Notwendigkeit, die den Angestellten leiblich oder
seelisch gefährdet, die sein Leben, auf das er Berechtigung hat, zu
einem Schattendasein, einem Jammer gestalten, muß man in Grund und Boden
verdammen. Ungezähltes und unaussprechliches Elend seufzt in den dunkeln,
stinkenden Ecken der Großstädte und reckt unter gräßlich gestotterten
Flüchen und Verwünschungen die mageren Fäuste gegen die blendenden
Lichter der Hauptstraßen. Der verwundete Mensch wie das verwundete Tier
zieht sich in Höhlen zurück, um dort in Dunkelheit einsam zu verenden. Er
schämt sich seiner Wunden, die das Leben ihm schlug. Denn sie zeugen von
seinen Schwächen. -- Darum fordern wir im Interesse der Menschheit,
daß auch der Hotelier und seine Angestellten, vor allem aber die Gäste
mitarbeiten, der großen Krankheit unserer Zeit zu wehren, daß jeder sein
Steinchen in den Weg der Menschheit füge, um ihn zu glätten, und daß
jeder ihn rein halte. -- Die aber, die ihn mit Trümmern und Leichen
besäen, sind nicht wert, verachtet zu werden.
Aber die Wirte und Kellner müssen endlich einmal aufwachen! -- Bücklinge
geziemen sich für trockene Hofschranzen, aber nicht für einen gesunden
Geschäftsmann. Wir leben im Reiche des Geschäftes. Der Aristokrat darin
ist der Kaufmann, der Bürger. Die Welt von heute hat eine grenzenlose
Verachtung für alle Menschen, die keine persönlichen Werte aufzuweisen
haben, sei er nun König oder Bettler. Man läßt sie links liegen. --
Also keine Bücklinge mehr vor der sogenannten Gesellschaft, vor dem
ausgetrockneten Tagedieb, vor dem runzeligen, welken Faulenzer, mag er nun
der deutsche Freiherr von und zu Immern-Pumpp, der österreichische Graf
Woswosyi, der englische Lord of Down and Out oder Lady Buttertoast,
der russische Fürst Knutischeff, ein italienischer Conte oder ein
französischer Marquis sein. Die Bevorzugung solcher Menschen ist eine
Beleidigung für uns, die bürgerlichen Reisenden und Kaufleute, die den
weitaus größten Teil der internationalen Hotelkundschaft bilden.
Faulenzer und Tagediebe sowie Müßiggänger, gleichviel, welchen Rang
und Lebensstellung sie einnehmen, wissen nicht, was Arbeit ist; sie
wissen nicht, was es heißt, sich mit den Händen zu ernähren, wie es
die Angestellten in den großen Hotels tun müssen. Sie können einen
arbeitenden Menschen mit ihrem Firlefanz und ihrer Stupidität bis aufs
Blut peinigen. Und die Wirte, statt zu helfen, diese Sorte von Menschen
auszurotten, züchten sie, ernähren und mästen sie durch ihre elende
Angst vor dem leeren Glanze und durch ihre sklavische Dienerei. Und je mehr
die Clique gemästet wird, um so mehr schindet sie diejenigen, die dieses
Mästgeschäft besorgen, und macht ihnen das Leben zu einer inhaltsleeren,
unerträglichen, endlosen Komödie.
Ich kann wirklich nicht verstehen, warum die Oberkellner und Wirte geradezu
gezwungen werden, weitgehendsten Kredit zu gewähren. Das ist doch in
keinem anderen Geschäfte der Fall. Und zu Nahrungsmitteln und Unterkunft
müssen sie manchem edlen Haupte sogar noch Barmittel in Mengen geben. --
Bitte, fragen Sie nur einmal den bleichen Buchhalter, der nächtelang über
den dickleibigen Geschäftsbüchern sitzt und endlose Kolonnen von Ziffern
addiert, die von der Saumseligkeit und dem Leichtsinn so vieler Hoch- und
Hochwohlgeborenen ein schreckliches Zeugnis ablegen. Er kann sie hinter
die Kulissen des Glanzes führen. Und je mehr man den Menschen borgt, um
so schlimmer und extravaganter werden sie in ihrem Lebenswandel und um so
saumseliger in der Begleichung ihrer Schulden. -- Manche Wirte scheinen
sich wirklich mit der großen Ehre zu begnügen, diese hohen und höchsten
Herrschaften im Hause zu haben, damit der Name der Firma schön mit diesen
zweifelhaften Aristokraten garniert werde. Die Wirte bezahlen aber schwer
für solche Reklamen. Und die Hotelindustrie ist kein Paradies für den
Kapitalisten. Sie ist weit davon entfernt, wirklich profitabel zu sein,
wenn sie nicht von einem ökonomischen Genie geleitet wird. Man hört von
den schwindelnden Summen, die da eingehen, wer aber die Bilanzen vieler
großer Hotels sieht, wird sich enttäuscht hinterm Ohr kratzen. Wer Geld
in solchen Unternehmen hat, wird auch seine Sorgen darum haben. -- Und
warum? Nur weil die meisten Wirte und ihre Angestellten es noch nicht
verstanden haben, geschäftlich aufzutreten. Alle Hochachtung vor ihrer
Liebenswürdigkeit und ihrer Zuvorkommenheit! -- Aber es gibt Grenzen, wo
es heißt:
»~Business is Business.~«
Man sehe sich nur die großen Dampferlinien mit ihren schwimmenden
Hotelpalästen an! Da wird doch nicht gepumpt! Da macht der Wirt auch keine
besonderen Komplimente. Da darf ein Gast sich nicht einmal mucksen und in
unvernünftiger Weise den Mund aufmachen! Und keiner wird es von selber
wagen. -- Wer es versucht, gratis zu leben, wird per Schub zurückexpediert
und muß seine Fahrt abarbeiten. -- Das ist ~Business~! So sollte es auch
in den Hotels auf dem Lande sein! -- Die Wirte sollten ein Gesetz haben,
welches ihnen das Recht gibt, jeden saumseligen Genußmenschen, ob
Aristokrat oder Bürger, in seinem Hotel beschäftigen zu können, bis die
Schuld abgetragen ist. -- Wo? -- Na, da kommt doch nur die Aufwaschküche
in Betracht, wo der Schuldner Teller waschen und Kasserollen scheuern
müßte. Denn zu höheren Leistungen besitzen solche Epikureer gewöhnlich
nicht die Fähigkeiten. Ein hochgeborenes Aufwaschküchenpersonal wäre
in der Tat viel mehr Reklame und Nutzen für ein Hotel, als die Gegenwart
solcher zweifelhaften Gäste. Leute mit einer brennenden Genußsucht im
Herzen und minus den nötigen Mitteln im Beutel würden sich dann in andere
Gefilde begeben als in das Schlaraffenland des Wirtes, welches, wie sie
glauben, keine großartige, gigantische Wohltätigkeitsanstalt, sondern in
Wirklichkeit ein Geschäftshaus ist.