IV.

Sie haben also auf Ihrer Amerikareise beobachtet, wie die verschiedensten

Nationen der Erde politisch und sozial verhältnismäßig einträchtig

zusammen leben können. Man braucht aber doch gar nicht so weit zu laufen,

um diese internationale Harmonie zwischen vernünftigen, friedlichen

Menschen betrachten zu können. Sehen Sie sich hier nur um. Welch

ein sonderbares Gemisch von Menschen. Wie solidarisch arbeiten diese

internationalen Kellner nebeneinander! Da gibt es keine Reibereien wegen

der Nationalität oder Politik. Rassenfragen kommen hier nicht in Betracht.

-- Haben Sie schon jemals die Schar der internationalen Jünglinge auf ihre

Nationalität hin geprüft? Nicht? -- Dem ruhigen, aufmerksamen Beobachter

müßten dabei doch allerhand ernste Gedanken aufkommen. -- Ich habe

oft darüber nachgeforscht und gefunden, daß Deutschland bei weitem das

größte Kontingent an Jünglingen stellt, die als Kellner in die Welt

hinauswandern und schließlich ihre Heimat ganz und gar in der lauwarmen,

farblosen, kosmopolitischen Pürée verlieren und vergessen. Dann

folgen vielleicht Österreich, Italien, Frankreich und Skandinavien mit

entsprechender Anzahl. Es ist bemerkenswert, daß man den stolzen Briten

sehr selten als Kellner antrifft. Selbst in seiner Heimat nicht. Sein

Nachbar, der Ire, tritt in der Rolle als Ganymed schon etwas häufiger auf,

aber diesen Inselbewohnern geht jedes besondere Talent für die gewandte

Kunst der Kellnerei ab. Ein geborener Amerikaner, ein waschechter,

vollblütiger, freier Yankee ist als Kellner im großen ganzen einfach

undenkbar. -- Was geht nun daraus hervor? -- Können Sie nicht ganz

charakteristische Züge der einzelnen Nationen daraus erkennen? -- Sie

beliebten einmal zu sagen, daß die Kellner alle servile Naturen wären

oder sein müßten. -- Hm, das wäre für die Germanensöhne, die so

zahlreich im Kellnerfrack auftauchen, und für die ganze deutsche Nation

nicht besonders schmeichelhaft. -- Ich suche jedoch den Grund, wie gesagt,

in anderen Umständen. -- Nein, der Kellner soll und muß keine servile

Natur sein, um seinen Beruf auszuüben. Die weitgehende Toleranz der

Deutschen gegen Ausländer, ihre bekannte Vorliebe für das Fremde, ihre

Wanderlust, das alles bewegt den jungen Deutschen mehr als die Söhne

anderer Nationen, sich dem Kellnerstande zu widmen. Außerdem befähigt

ihn noch ein ethnologisch und politisch genugsam bekannter Umstand

ganz außerordentlich zu diesem Berufe: ich meine die große Dosis von

Gemütlichkeit und himmlischer Geduld, die der deutsche Michel noch immer

besitzt. Gemütlichkeit ist deutsch. Es ist ein deutsches Wort. Es läßt

sich nicht übersetzen; man kann es in einer anderen Sprache nur ganz

umständlich umschreiben. Gemütlichkeit ist aber das große Geheimnis, das

ein Hotel, ein Gasthaus, ein Restaurant oder irgendeinen menschlichen Bau

überhaupt anziehend macht. Außerdem spricht noch ein anderer wichtiger

Faktor im Werdegang des Kellners mit: die Fähigkeit, Sprachen zu erlernen.

Diese Fähigkeit besitzt der Deutsche in etwas größerem Maße als sein

französischer oder englischer Nachbar, obgleich der Deutsche sich immer

wieder durch einen abscheulichen Akzent und seine urdeutsche Denkweise

verrät. Unter den Romanen erlernen die Italiener fremde Sprachen

verhältnismäßig leicht. Das Übergewicht dieser Nationen im

Kellnerstande ist zweifellos in diesen Umständen zu suchen. So hat jede

Nation ihre Eigenheiten. Anglosachsen machen dank ihres Pferdeverstandes

ganz ausgezeichnete Stallknechte, Jockeys, Grooms, Lakaien, Butlers, dank

ihrer Suprematie in Herrenmoden ganz vorzügliche Valets -- Gebiete,

auf denen ihnen der Deutsche und jeder Kontinentale überhaupt sehr weit

nachsteht.

Ob ich noch mehr von dem Kellner zu erzählen weiß? -- Aber ich habe ja

kaum erst angefangen! -- Das Wichtigste habe ich mit echtem dramatischen

Instinkt noch gar nicht hervortreten lassen. Und das wäre? -- Oh, nur zu

wissen, was für ein Mensch sich aus ihm durch seine eigenartige Tätigkeit

entwickelt. Zu sehen, wie sein Inneres beschaffen ist, wie es darin

aussieht, was wir daraus lernen können oder was interessant für uns ist.

Das Dasein bedenkt unsern jungen Freund mit sehr wenig guten Gaben, aber

dafür schenkt es ihm eine seiner besten: Welt- und Menschenkenntnis. »Es

schenkt« ist etwas optimistisch. Ich sollte sagen: das Dasein prügelt ihm

diese Kenntnis ein. Immer und immer wieder wird das Leben dem Unwissenden

mit schweren Streichen diejenige Weisheit einbleuen, die es von ihm

verlangt. Aber am Ende ist es doch ein wunderbares Geschenk! Ob der Mensch

nun weise dadurch geworden ist, oder ob er sich als ein Vernichteter, als

ein töricht Grollender, als ein Ankläger des Lebens in die Dunkelheit

zurückziehen muß, ist einerlei. Das schöne Geschenk bleibt.

So ist ein guter Kellner schon in jungen Jahren oft ein vollendeter

Menschenkenner. Er ist das Feingefühl und die Diskretion selber. Denn das

große Leben führt ihn unter die Menschen. Er hat sie zu behandeln wie der

Knecht seine Viehherden, wie der Schmied sein Eisen; er hat sich mit den

Menschen abzufinden wie der Bergmann mit giftigen Gasen und schlagenden

Wettern, wie der Soldat mit pfeifenden Kugeln. Die sorgende Natur rüstet

ihre Geschöpfe je nach den Verhältnissen aus. Raubtiere und Raubvögel

haben gelernt, selbst bei Nacht ihre Augen zu gebrauchen. Tiefseetiere in

ewiger Meeresdunkelheit sind mit natürlichen Laternen ausgerüstet.

Das Wild, zum Schutz gegen den Jäger, hat einen wunderbaren Spürsinn

erworben. Früher war das anders. Als die Menschen noch nicht so zahlreich

waren und dem Wilde mit weittragenden Waffen nachstellten, waren die Tiere

dumm, zahm, vertraulich. Die alten Leute im Westen von Amerika können

davon noch manches Stücklein erzählen. Die Tiere der Prärie fürchteten

anfangs die unbekannten Menschen nicht, die in ihre friedliche Heimat

eindrangen, bis sie merkten, daß die bösen Eindringlinge Schießgewehre

hatten. Die Indianer, die den Kolumbus begrüßten, waren freundlich, bis

sie die Herren Spanier kennen lernten. Als die Indianer in der Gegend

von Boston vor drei Jahrhunderten den ersten Besuch aus Europa erhielten,

traten sie bereitwilligst ihr Land an die Eindringlinge ab, da sie

glaubten, daß die Hütten und Felder, die sich die Puritaner bauten,

Eigentum eines jeden Menschen und der ganzen Gemeinde seien. Sie konnten

daher gar nicht begreifen, daß die frommen Bleichgesichter die fraglichen

Häuser und Grundstücke ganz für sich allein in Anspruch nahmen. So

mußten die schlichten, biederen Rothäute mit ihren unvergleichlich

schönen kommunistischen Ideen die Erkenntnis von der Habgier und den

Rechtsbegriffen der bleichen Puritaner erst löffelweise hinunterschlucken

und endlich gar im Namen der Zivilisation langsam, Mann für Mann, vor den

frommen Leuten mit den dicken Bibeln und Flinten zurückweichen, wobei es

natürlich Mordbrennen, Blut und zerschundene Köpfe die Menge gab.

So paßt sich also jedes Ding und Wesen den obwaltenden Verhältnissen an

-- oder es weicht. Es ist sonderbar, zu beobachten, daß Geschöpfe mit

ausgeprägt individuellen Charakteren sich schlecht anpassen und lieber

weichen. Der moderne Mensch aber scheint dies nicht zu tun. Er beugt sich

gern. So entwickelt sich auch das Gemüt des Kellners vom Kinderzustand

auf in das, was ihm zu seiner Verteidigung, zu seinem Vorteil und zur

Selbsterhaltung am geeignetsten erscheint. Dieser Vorgang ist ohne Zweifel

ein großer Kampf. Die Kenntnis der feindlichen Situation, der Stärke und

Schwäche ist bei einem Kampfe die Hauptsache. Und darum kennt der Kellner

seine Menschen. Von dieser Kenntnis hängt seine ganze Existenz ab. Da er

aber früh als Knabe und meistens ohne Anleitung in den großen Wirrwarr

gestoßen wird, wo der Andrang der Ereignisse und Anblicke so stark ist,

daß es des Mutes eines erfahrenen Mannes bedarf, um die Lage zu erkennen,

das Gute daraus zu sondern und zu verwerten, so nimmt der Entwicklungsgang

unseres jungen Freundes selten den richtigen Lauf. Man kann leider sagen,

daß er sich in den meisten Fällen total verirrt, weil es an der Anleitung

und Belehrung fehlt, und die Erkenntnis kommt meistens erst zu spät.

Daher kommt es, daß bei den Schwächeren der Grundzug des Charakters

hündische Furcht und dienerisches Kriechen vor dem Reichtum und dem

äußerlichen Glanze ist, was ihnen gerechterweise die Verachtung ihrer

Mitmenschen einbringt und dem ganzen Stande unberechenbaren Schaden

zufügt. Anderen dienen zur Erreichung ihrer Zwecke, zur Erhaltung ihres

Daseins, listige, kleinliche Unehrlichkeiten, allerhand abgefeimte Schliche

und Wege, die ein gesunder Mensch verabscheuen muß. Zufällig bietet auch

noch ihr Beruf zu derartigem Treiben unendlich viel Gelegenheiten. Bei

wieder anderen, zwar ehrlichen, selbstbewußten, aber beschränkten Naturen

wird ein aufrührerisches Element und heimlicher Haß gegen den Reichtum

geweckt und gefördert, bis sie schließlich total ihres Berufes

überdrüssig werden und ihr Leben als ein verfehltes betrachten. Und so

geht es weiter. In allen Nuancen und Schattierungen. Ein jeder nimmt mehr

oder weniger Untugenden, Irrtümer, Erlebnisse, Erinnerungen, Eindrücke

aus seiner großen, tobenden Umgebung in seinem jungen Herzen auf und wird

sein Lebtag lang daran zu schleppen haben. Nicht jeder besitzt die Kraft,

sich wieder zu erheben, nachdem ihm das Leben die Augen geöffnet und ihm

hohnlachend ins Angesicht geschlagen hat, als es seine Jugendhoffnungen

vernichtete. Er kann sich nicht mehr losreißen, er kann nicht mehr von

vorn beginnen, er ist ein Sklave der Zeit geworden. Und gebrochen schleicht

er sich dahin, siech, zertreten, er schämt sich der Wunden, die ihm

geschlagen wurden, er sucht sie zu verbergen, er gebärdet sich wie ein

feiges Tier. Er ist ein Anblick der Verachtung für alle, die ihn nicht

kennen.

Gewiß, Sie haben recht, es ist seine eigene Schuld, wenn ein Mensch

zugrunde geht. Aber haben wir, seine Umgebung, nichts damit zu tun? Tragen

wir nicht einen Teil der Schuld? -- Sie glauben nicht, daß die Umgebung

hier einen besonderen Einfluß auf das Gemüt eines jungen Menschen hat?

Und hier geht ja alles so gesittet und fein zu! Doch wir wollen

eine Stichprobe machen. Ich greife ganz willkürlich in das volle

Speisesaalleben hinein. Sie müssen verzeihen, wenn ich bei dem

Impromptu-Inventar nicht die richtige Reihenfolge einhalten kann. Sehen

Sie nur! Sie sind, wie sie kommen, ohne Maß, ohne Regel, in unendlicher

Variation, in jeder Schattierung, in allen Bildungs-, Gesellschafts- und

Geschäftsgraden. In allen Charakteren. Sie sind die Deputationen, die

Repräsentanten aller Stufen des Lebens. Und hier gerade, wo wie an

keinem anderen Orte das innige, unzertrennliche Verhältnis der Menschen

zueinander, zu den Geschöpfen der Erde und zum Boden selbst so stark

betont und bejaht wird, hier ist der einzelne ein Namenloser, ein

Machtloser. Und seine Stimme ist nur eine leere Nummer im Rate der

treibenden Lebensmächte. Doch sie wird von ihm verlangt. Er muß sie

werfen. Und so kommen sie: edel, gütig, klug, dumm, weise und töricht,

reichbegabt und einfältig, Lebenskünstler und Idioten, Menschenfreunde

und Menschenhasser.

Sehen Sie dort in der Ecke die speisende Familie. Wehe, wenn die

Lampenschirmchen über den Kerzen mit der Farbe der Blumen nicht

übereinstimmten oder die gleichfarbigen Bändchen am Menü vergessen

wären. Die Leutchen würden unglücklich sein, wenn sie frische Veilchen

auf dem Tische hätten und man brächte ihnen noch kandierte. Der alte

Herr schweigt. Er schläft beinahe. Die eine Dame strahlt. Ich würde daran

erkennen, daß sie die Mutter der beiden andern ist, wenn sie mir nicht

persönlich bekannt wäre. Sie hat eine heiße Leidenschaft für Jan

Toroop, Edvard Grieg und ~toasted Educator Crackers~. Die Neuheit, welche

ohne ihr Wissen der ~Maître d'hôtel~ ihrer Rivalin ersann, kostete

dem Armen beinahe seine Stelle. Heute hat sie Eingeladene. Reizende

Schwiegersöhne ~in spe~, was weiß ich. Ich schließe das aus den Lilien

auf dem Tisch. Und aus dem Umstand, daß sie das Diner selber austeilt. Sie

will heute absolut als liebende Mutter, als sorgende Hausfrau erscheinen.

Oder ob sie dem Kellner grollt und das Trinkgeld sparen will? Der blonde

Herr, der so schüchtern tut, erhält aller Konvention zuwider ein

besonders gutes Stück ~sole au vin blanc~. Und recht viel liebevolle

Sauce dazu. Wie reizend! Alles schon ~en famille~! -- Das geschminkte,

juwelenbeladene Weib als Mutter! Als essenverteilende Hausfrau! Das sieht

genau so aus, wie die Dämchen, die Mätressen, die Intrigantinnen,

die Teufelinnen der Rokokozeit, welche sich mit Vorliebe als sanfte

Schäferinnen kleideten. -- Die Menschen, die sich Gesellschaft nennen,

sind klein im Großen, aber groß im Kleinen, barbarisch im Feingefühl,

ästhetisch im Vandalismus. Sie sind Künstler der Bagatelle, Priesterinnen

des Firlefanz, Anbeter des Trivialen, Koryphäen der Kleinigkeit. -- Sie

schätzen ihre Mitmenschen, sie verachten sie. Sie sind körperlich gesund

oder krank, seelisch frisch oder matt. Sie sind mit allem zufrieden, oder

es ist ihnen nichts gut genug.

Greifen Sie nur hinein, und Sie werden verstehen, was ich sagen will!

Greifen Sie nur! Glänzende Hallen -- sinnverwirrendes Stimmengemisch --

himmlisches Gedränge -- Seide und Gold -- zirpende, girrende Geigen

-- weiche, flötende Stimmen -- hoffärtiges Gelächter -- schluchzende

Klarinetten -- ohrenbetäubendes Gesumme -- süßes, geheimnisvolles

Kichern -- Lorgnetten -- Programme -- offenes, volles Lachen --

Elektrizität -- Tellergeklapper -- dürre und gemästete Körper --

Wagnerakkorde -- Menüs -- brummende Männerstimmen -- hastiges Geflüster

-- flehende, weinende Cellos -- Lackschuhe -- Silberrasseln -- goldene

Zwicker -- Banknoten -- Gläserklang -- Kellnerschweiß -- Monokels --

duftende Haare -- Hummergeruch -- Mähnen -- Neurastheniker -- Rosen --

Kleingeld -- warme, parfümierte Frauenleiber -- Fräcke -- Tabaksdunst

-- raschelnde Seidenröcke -- Weinaroma -- Haare, gewachsen auf Köpfchen

junger Bauerndirnen, zu hohen Preisen erstanden, mit Diamantenkämmen

zusammengehalten -- Küchenatmosphäre -- italienische Melodien -- Palmen

-- zierliche Füßchen -- gemästete Seelen -- Orchideen -- Hochstapler

-- Menschengerüche jeder Art -- Glatzköpfe -- schwammige Busen, mit

Brillanten bedeckt -- junge Männer, stolz mit und ohne Grund -- frech

blitzende Broschen -- wilde Augen -- fettes Wohlbehagen -- bekrönte

Monogramme -- junge, fesche Weiber mit Schlangenleibern -- leere Augen --

Schwindler -- Schmunzeln -- Nelken -- herrliche Waden -- Künstliches und

Echtes -- korpulente alte Damen, schnaufend und pustend -- wollüstige

Augen -- Kauwerkzeuge in Aktion -- Plüschsessel -- Königinnen --

welke, kalte Finger -- aufdringliches, raffiniertes Parfüm -- Perlen

-- Opernmäntel -- kühne, alles dominierende Blicke -- selbstbewußte

Faltenhemden -- blöde Augen -- hungrige Ungeduld -- Tugend, fertig und

nach Maß gemacht -- Schecks -- Künstler -- herrliche, weiße Schultern

-- Fürsten -- sanft schimmernde Perlenschnüre -- Stoiker -- müde,

tote Augen -- Protzen -- echte und unechte Lockenfülle -- zappelnde

Schlottergreise mit pergamentenen Gesichtern -- brennende Augen -- fette,

rote, wollüstige Tatzen -- echte und unechte Adelige -- Spitzen,

vor etlichen Jahrhunderten geklöppelt, früheres Eigentum verarmter

Prinzessinnen -- heiße Augen -- wohlbeleibte Bonvivants mit krebsroten

gedunsenen Gesichtern, feisten Genicken, in die der weiße, enge Kragen

tief einschneidet -- Rechnungen, Additionen -- nur Additionen -- suchende

Augen -- Likörgeruch -- Diebe -- Klarinetten -- Flüche -- schlanke,

weiße, edle Hände -- keinen Gott, nur Nippesgötzen -- Bonbons -- kecke,

feste Brüstchen -- Trinkgeld -- Pracht -- Aufwand -- Armut -- Lüge --

Geiz -- Widerspruch -- Licht -- Verschwendung -- Angst -- Schatten -- Hohn

-- das eherne, unbewegliche Gesicht des Lebens -- starre Augen -- ganz

fernes dämonisches Gelächter -- Kinderstimmen -- Hoffnung -- Frühling --

und durch das Ganze hetzt der Kontrabaß: Schrumm! schrumm! schrumm! -- --

Was ist die Summe? -- -- -- --

Stumm, schwitzend, hastend, besorgt, gehetzt drängt sich unser Mann durch

das Gewühl. Manch nagender Ärger, manche gottlose Verwünschung gegen

sich und andere werden hinuntergewürgt. Und alles bestürmt und beladet

seinen jungen Geist. Es verwirrt, entmannt, vernichtet alle ursprüngliche

Frische. Die Stimme für die Urne des Lebens wird verlangt, aber die Kraft

des Urteils wird gebrochen. Der Stimmzettel flattert blank, wertlos, leer

in die Dunkelheit hinein. -- -- --

In einigen Tagen, Herr Professor, wird ein Bekannter von mir, ein

Kommerzienrat, hier eintreffen. Er hat sich soeben angemeldet. -- Ja, ein

äußerst intelligenter Mensch, ein fortschrittlicher Großindustrieller.

Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie mit dem Herrn bekannt zu machen. --

Wie, Sie gedenken so früh schon abzureisen? Das kommt ja wirklich ganz

unerwartet.

Ich fürchte doch nicht, daß etwas Schlimmes vorgefallen ist. -- So, Sie

haben nur Ihren Plan geändert. Nun, jedenfalls bedauere ich unendlich,

Ihre werte Tischgesellschaft verlieren zu müssen. Unsere unterhaltenden

Gespräche -- hm -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ja, nicht

wahr, gnädige Frau, Sie hätten gar nicht geglaubt, daß man so viel

von den Kellnern erzählen kann. Und wie interessant das alles ist! --

So erwerben sich diese Menschen im Laufe der Jahre einen ungeheuren

Scharfblick, eine unheimliche, geradezu gefährliche Menschenkenntnis --

von unserem Standpunkt aus gesprochen. Denn es kann uns doch nicht ganz

einerlei sein, was ein anderer über uns denkt, selbst wenn er ein Kellner

ist. Können Sie sich aber in die Gedankenwelt unseres jungen Mannes

wirklich hineinleben? -- Oh, es ist sehr leicht, ihn zu schmähen, wenn

wir mit seinen Diensten wirklich einmal unzufrieden sein dürfen.

Der beständige Anblick des Reichtums und der Verschwendung muß ganz

notwendigerweise einen gerechten Haß und Zorn in dem Herzen des Armen

gegen sein Schicksal aufwühlen und hat einen entschiedenen Einfluß auf

seine Denkungsart. Er, der Proletarier im Frack, hat immerwährend das

qualvolle Bild in Wirklichkeit vor seinen Augen, das den schreierischen,

struppigen Feinden des Reichtums nur als eine Utopie vorschwebt, da ihnen

die parfümgeschwängerte Atmosphäre eines luxuriösen Hauses vollständig

fern liegt und sie dieselbe nicht beurteilen können. Weil sie dieselben

nicht kennen, schreien sie. Anders aber der Kellner. Denn das Leben ist

gerechter gegen ihn. Die unbarmherzigen, grausamen Kontraste seines Daseins

mögen wohl manchmal die Flammen des Neides und des Hasses wecken und

schüren, aber gerade in solchen bösen Augenblicken kommt ihm das Leben

zu Hilfe. Herrliche, mannigfaltige Erfahrungen lassen ihn dann tiefe Blicke

hinter die Szenerie des Glanzes und des Reichtums tun und bringen eine

wunderbare Reaktion in seinem Herzen hervor. Er sieht alsdann, daß Glanz

und Reichtum nicht das Glück der Menschen bedingen, und daß die, die sie

nicht besitzen, ihren Neid daran verschwenden. So wird er ruhig und schreit

nicht. -- Er muß durch diese Kämpfe gehen, um ruhig zu werden. Und die

beständige Wiederholung der Dinge, die unaufhörliche Prozession dieser

scheinbar kleinen Ereignisse festigt seine Lebensanschauung, übt seinen

Blick. Ein Mensch, der sich Mühe gibt, seine Mitmenschen zu beobachten und

zu studieren, wird darüber sehr bald sein eigenes Leid vergessen. Er wird

sein Unglück als ein vermeintliches erkennen, er wird über die Irrtümer

seiner Jugend hinauskommen. Zwar nicht jeder Mensch ist mit der ganzen

wunderbaren Kraft zur Auferstehung erfüllt, aber ein Teil davon schlummert

in jedem menschlichen Herzen, ein großer Wille ist erforderlich, um den

göttlichen Funken zu wecken.

Leider kann ich nicht behaupten, daß die Kellner alle den tieferen Sinn

der Menschenbeobachtung erfassen und Nutzen für ihr geistiges Leben daraus

ziehen. Dieser unschätzbare, wunderbare Wert geht nicht nur den Kellnern,

sondern fast allen Menschen auf ewig verloren. Das Menschenstudium des

Kellners hat daher vorwiegend einen irdischen, praktischen Zweck. Es

wird vor allem sein Gedächtnis üben, dessen er so dringend in seiner

Tätigkeit bedarf. Ein Kellner, der ein Menschenkenner ist, wird es

leicht finden, sich in die kleinen, stupiden Eigenheiten seiner Gäste

hineinzufinden, er wird sie freundlich berücksichtigen, seine Gäste

entzücken und sich selber manches Ungemach ersparen. Für das Haus ist ein

solcher Mensch selbstverständlich geradezu unbezahlbar. Mit der wachsenden

Menschenkenntnis wird er sich die Gesichter und die Namen seiner Gäste

einprägen können, so daß er sie noch nach Jahren auf den ersten Blick

wiedererkennt. In dieser einfachen, praktischen Tatsache liegt das

ganze Geheimnis des großen Erfolges von so unendlich vielen, tüchtigen

Hotelmännern, die vom armen Pikkolo an emporgewachsen sind. Durch seine

Menschenkenntnis zieht der Hotelmann unwiderstehlich alle guten Elemente

unter seinen Gästen an sich und schreckt das lichtscheue Gesindel

gleichzeitig ab. Denn wenn zum Beispiel ein Gast nach Monaten oder Jahren

sich gleich wiedererkannt sieht und freundlich aufgenommen wird, so kann er

sich zum allerwenigsten sehr geschmeichelt fühlen, wenn er nicht gar eine

Art von Glücksgefühl empfindet, Menschen um sich zu haben, die sich in so

großem Maße für seine Person interessieren und dieselbe nicht vergessen,

nachdem sie für ihr Interesse bezahlt wurden. Er wird darin ein

Zeichen aufrichtiger Dankbarkeit erblicken, das seine eigene Dankbarkeit

herausfordert. Sind jedoch die Motive seines Kommens unlautere, so wird

der Gast vor dem ihn erkennenden und durchschauenden scharfen Auge Grauen

empfinden und sich andere Gefilde für sein fragwürdiges Leben und Treiben

suchen.

Ist es nicht unheimlich, so durchschaut zu werden? -- Doch wir, wir guten

Menschen haben nichts zu fürchten. Immerhin aber ist es ein erhebendes

Gefühl, zu wissen, daß unsere Zeitgenossen eine förmliche Jagd auf

uns machen. Daß unsere friedlichen, ahnungslosen Gemüter immerwährend

belauert sind. -- Sie können nicht verstehen, wie und warum die Leute

eine solche infame Wissenschaft betreiben, wer sie dazu nötigt? -- Ei, wir

selber, wir, die Gäste. -- In keinem Geschäfte, an keinem Orte, zu keiner

Gelegenheit lassen die Menschen ihre Charaktere, ihre Gutmütigkeit, ihre

Verhältnisse, ihre Laster, ihren Hochmut, ihre Dummheit, ihre Stupidität,

ihre niederste Gemeinheit, ja alle ihre geheimsten Gedanken, ihr tiefstes

Innere so zutage treten, wie an der Tafel -- wie beim Wein. Die Alten

hingen nicht umsonst bei einem Gastmahl die Rosen über ihre Häupter. --

Ich sagte Ihnen bereits, daß der Genießende im Akte des Genusses eine Art

von selbstsüchtiger Bestie ist, für die keine Umgebung mehr existiert.

Er vergißt alles rings um sich her, sieht, fühlt und genießt nur sich

allein. -- Wenn die Menschen noch den Mut besäßen, sich ihre Schwächen

aus freien Stücken gegenseitig anzuvertrauen. Dann wäre das Verhältnis

zueinander noch ein relativ würdiges und zu entschuldigendes. -- Aber sie

sind nicht vertrauend! Im Gegenteil! -- Und wenn sie sich preisgeben,

wenn sie sich bloßlegen, so ist das eine unverantwortliche, tierische,

erniedrigende Faulheit der Seele. Das ist alles. Es ist eine beleidigende,

unverzeihliche Voraussetzung ihrerseits, gleichartige Wesen vor sich zu

haben, eine unbewußte Nivellierung anderer Gemüter herab zur eigenen

Niedrigkeit. Der Ausbund aller brutalen Roheit ist natürlich dasjenige

Individuum, welches die sklavenhafte Stellung anderer wissentlich benutzt,

um absolute Unterwerfung unter seine eigenen Gewohnheiten zu fordern. Von

diesen Minotauren will ich gar nicht reden.

Jawohl, gnädige Frau! Mit einer rührenden Unvorsichtigkeit -- nein,

ekelhaften Selbstverständlichkeit geben sich die Menschen preis. Mit einer

rücksichtslosen Frechheit erwarten wir von einem wildfremden Menschen,

daß er uns bedient, daß er unsere Eigenheiten kennt, daß er sich unseren

Fehlern und Bequemlichkeiten anschließen, ihnen schmeicheln und sich

damit zufrieden geben soll. Wir sehen in ihm nicht den durch Reibung

mit allerhand Menschen geschliffenen Weltmann, den feinfühlenden

Lebenskünstler; wir erwarten nur gute Bedienung von ihm. Nichts mehr

und nichts weniger. Vollkommen gerecht! -- Nach juristischen Begriffen,

wohlverstanden. Indessen, wir werden -- wie gesagt -- bestraft. Wir können

nicht verhindern, daß der kluge, ruhige Mensch unsere Ahnungslosigkeit

durchschaut, und wir fallen dadurch, daß wir uns ihm so rücksichtslos

preisgeben, ganz unter seine Gewalt. Er ist zwar unser Kellner, wir aber

sind seine Unterworfenen.

Die wirkliche Gefahr lauert immer da am ersten, wo wir sie am wenigsten

vermuten. Denn sonst wäre sie eine schlechte Gefahr. Nur in ganz lichten

Momenten warnt uns ein von Widerspruch gedämpfter Aufschrei aus der

untersten Tiefe der Seele, treibt beschämend das Blut in die Wangen,

und wir ahnen dumpf, daß etwas nicht ganz richtig ist. Gewöhnlich

aber schwimmen wir sorglos, fröhlich und munter im dunklen Meer unseres

Unbewußtseins umher. Es ist doch eigentlich geradezu jämmerlich, von

einem wildfremden Menschen, hinter dem wir gar nichts vermuten, schmählich

durchschaut zu werden. Wenn wir wüßten, was die Leute, die uns bedienen,

unwillkürlich von uns denken -- und mit Recht von uns denken -- so würde

jeder Appetit vergehen, so hätten wir keine freudige Stunde mehr. Lakaien

und Diener sind gewöhnlich verkappte, harmlose Anarchisten, wenn sie nicht

gerade ihren Beruf verfehlt haben, d. h. wenn sie nicht wissen, daß sie

solche sind. Jeder »treue Diener« hat als Mensch seinen Beruf gänzlich

verfehlt. Er kann nichts als ein Idiot sein. Es gibt daher keine »treuen«

Diener. Das Gebiet ist unerforschlich tief. Wir müssen unser Bestes

daraus machen. -- Unsere Ahnungslosigkeit ist einesteils unser Glück. Wie

könnten wir noch fröhlich unser gutes Diner genießen, wenn wir wüßten,

was hinter unserm Rücken vorgeht! --

Wenn zwei astronomische Welten zusammenkommen, so gibt es ein Unglück.

Wenn zwei wirkliche Menschen zusammenkommen, gleichfalls. Wir sind als

Geschöpfe so entsetzlich isoliert, daß eigentlich jeder Versuch zur

innerlichen Annäherung an einen anderen Menschen aus einer grenzenlosen,

weichtierartigen Naivität zu stammen scheint. Nur hie und da -- in den

gottvollen lichten Momentchen -- vernehmen wir etwas von uns selber und

somit zugleich das herzzerreißende Schluchzen einer anderen, fremden,

ebenso einsamen Welt, und beide stehen wir da, sehnsüchtig, hilflos,

ohnmächtig, uns selber überlassen. Doch -- wie gesagt -- das sind Gott

sei Dank nur Momente. Und sehr seltene obendrein. Aber aus diesem und

keinem anderen Grunde müssen wir unsere Mitmenschen achten und ihre

Existenz anerkennen.

Guglielmo Ferrero sagt an einer Stelle ganz großartig:

»Es ist kein Zufall oder die unerklärliche Kaprice einiger alter

Schriftsteller, daß wir so viele kleine Angaben über die Entwicklung

des Luxus und die Veränderung der Lebensweise im alten Rom besitzen,

daß zum Beispiel zwischen den Beschreibungen der großen Kriege, der

diplomatischen Errungenschaften, der politischen und ökonomischen

Katastrophen uns das Datum angegeben wird, wann die Kunst des

Geflügelmästens in Italien eingeführt wurde. Diese kleinen Tatsachen

sind der Majestät der römischen Geschichte nicht so unwürdig, wie

man anfangs annehmen möchte. Alles ist in dem großen Dasein

einer Nation vereinigt, nichts ist ohne Wichtigkeit. Die kleinste,

persönlichste Handlung tief verborgen in der

Abgeschlossenheit des Heims, die niemand sieht, niemand kennt, hat

einen unmittelbaren oder fernliegenden Einfluß auf das alltägliche

Leben der Nation. Diese kleinen, bedeutungslosen Geschehnisse sind mit

den Kriegen, den Revolutionen, den gewaltigen politischen und

sozialen Ereignissen, über die die Menschen erstaunen, durch ein

Band verbunden, welches zwar den meisten Leuten unsichtbar, aber

nichtsdestoweniger unzerreißbar ist. -- -- Wie klarer und tiefer

würden die Ursachen so vieler anscheinend mysteriöser Ereignisse in

der Geschichte erkannt werden, von wie vielen Perioden würde man den

Geist der Zeit besser verstehen, wenn wir nur Aufzeichnungen über

die Privatverhältnisse der Familien besäßen, welche die regierenden

Klassen bilden! Jede Tat, die wir in der Stille unseres Heims begehen,

hat eine Rückwirkung auf unsere Umgebung. Mit jeder unserer

Handlungen nehmen wir eine Verantwortlichkeit gegen die Nation und

Nachkommenschaft auf, welche sich früher oder später in Ereignissen

bestätigt.«

Demnach sollten die Wirte sich ein unsterbliches Verdienst um die

Geschichte erwerben, indem sie akurate, gewissenhafte und schonungslose

Tagebücher von all dem führen, was sie sehen. Aber das ist nicht nötig.

Wenn sie nur _beherzigen_, was sie sehen, so haben sie ihre Pflicht der

Menschheit gegenüber vollauf getan. Denn sie und vor allem ihre Gehilfen,

die Kellner, haben die großartigsten Gelegenheiten, die Menschen und ihre

intimsten Handlungen aus nächster Nähe zu betrachten. Kein Geschäft,

kein Beruf, kein Gewerbe ist so vorzüglich zu solchen Studien geeignet,

als wie die Gastwirtsindustrie. Und daß die Menschen selber gegen

derartige Studien nichts einzuwenden haben, erwähnte ich bereits. Die

große Verachtung, die sie vor dem Wirt im allgemeinen und dem Kellner im

besonderen haben, wird ihnen -- wie ich bewies -- selber zum Verderben. Man

soll daher keinen Menschen für zu gering und zu dumm halten, als daß man

sich ihm rückhaltslos preisgeben könnte.

Sie fragen nun, warum diese unbarmherzigen Menschen fast alle

»Dienerseelen« seien oder Ignoranz und Unterwürfigkeit heuchelten?

-- Wenn das der Fall wäre, so müßte der mildtätige Bonifaz und seine

freundliche Familie das verächtlichste Geschlecht auf Erden sein. Aber dem

ist nicht so. Sie sind auch nur Menschen wie wir. Die außerordentlichen

Schwierigkeiten des Services, die Ansprüche, die wir stellen, die

Geräuschlosigkeit, mit der alles hergehen soll, die Vorsicht, mit der

man zu Werke gehen muß, das alles wirkt sehr auf das Wesen ein, das alles

macht ihn schüchtern, zurückhaltend, das alles gibt seiner Person

den Anschein eines Zauderers, verwandelt ihn in den Mann der

Unentschlossenheit, ein Bild, das jeder verachten muß, der es nicht kennt.

Alle diese vielen kleinen äußeren Umstände machen den Menschen zu einem

feinfühligen Wesen. Nicht nur als solches fürchtet der Kellner einen

Fauxpas oder eine Blamage über alles, sondern ein kleines Unglück kann

ihm auch oft seine Stelle kosten. Es ist wunderbar, zu beobachten, wie die

Wirte oft die Existenz eines Angestellten opfern, um eine kleine, gemeine

Laune eines Gastes zu befriedigen. Sollten Sie nicht ängstlich werden,

wenn Ihr Dasein durch jede kleine Kleinigkeit gefährdet ist? Wer wird wohl

den kürzeren ziehen bei einem jämmerlichen, lächerlichen Disput zwischen

Gast und Kellner? Die meisten Kellner und Wirte haben noch nicht gelernt,

den Forderungen ihrer Kundschaft entgegenzukommen und entgegenzutreten.

Daher ist es Tatsache, daß eine Dienerseele als Kellner ziemlich

erfolgreich sein kann, während ein halbwegs selbstbewußter junger Mann

die größten Qualen auszustehen hat. Eine Dienerseele schnüffelt sich auf

ganz bewundernswerte Weise instinktiv seine verwandten Kreaturen aus der

großen Menge heraus. Sie wittern ein schleimiges Verhältnis und sind

zu haben. Sie sagen mit Freuden ja. Wir sollen von unserem Kellner keine

Dienerei verlangen. Wir erniedrigen uns dadurch selber. Ein wirklicher

Mensch duldet keine Herrschaft, keine Autorität über sich und keine

Dienerei unter sich. -- Hier wird die Lebenskunst unseres jungen Mannes

besonders erprobt. Und wenn der selbstbewußte Kellner -- wie es sich für

jeden Menschen schickt -- sein Rößlein ein wenig im Zaum hält und

den Stolz nicht mit der Vernunft durchgehen läßt, so übertrifft er an

geschäftlichen Leistungen, an Tüchtigkeit und Erfolg jede Dienerseele bei

weitem.

Das meiste Unglück auf der Welt wird bekanntlich durch die Tatsache

angerichtet, daß jeder Mensch seiner eigenen Person viel zu viel

Wichtigkeit zuschreibt, wie bescheiden er selbst sein mag. Bescheidenheit

ist nichts als eine vornehme Art von Wichtigtuerei. Mit etwas

Selbstverachtung aber und Hochachtung vor anderen kommt man erstaunlich

weit. -- Das weiß der gute Kellner besser wie wir alle.

Ja, meine Freunde, Sie glauben nicht, wie mitleidig und feinfühlig ein

guter Kellner ist. Auf den ersten Bück merkt er, wie Sie aufgelegt sind,

und empfiehlt Ihnen je nach Ihrer Gemütserregung die nötigen Speisen, den

erforderlichen Trost in Form eines Getränkes. Er besitzt das Auge eines

Arztes. Ja, noch mehr tut er. Er nimmt Anteil an Ihrem Leide, an Ihrer

Freude, ohne daß dieses Mitgefühl direkt auf seine Trinkgeldabsichten

zurückzuführen ist. Es ist der gute Geist der alten Gastfreundschaft,

der in den Leuten weiterlebt. Es ist des Kellners Natur, sich dem Gaste

anzupassen, wie sich der Dichter dem Volke anpassen muß, wenn er zu ihm

sprechen will. -- Einem Börsenmakler sieht der freundliche, lächelnde

Ganymed die Haussen und Baissen an der Nase ab. Nach einigem Zögern

versucht er dann vorsichtig darauf anzuspielen und nötigenfalls zu

gratulieren oder seinen Schmerz auszudrücken. Ein Kellner vermag den

größten Mutzkopf und Brummbär zu trösten, wenn dieser nicht gerade ein

unheilbarer Hypochonder ist, in dem das letzte Fünkchen Liebe für die

schöne Erde und für Humor erloschen ist. Als Belohnung für eine solche

Wohltat gibt der Börsianer häufig seinem liebenswürdigen Ganymed einen

»Tip«, einen guten Rat in bezug auf die Börsengeheimnisse, woraufhin der

Kellner nicht selten mit einer kleinen Einlage gut abschneidet.

Dem Kellner ist es ein wahres Vergnügen, einem freundlichen, wohlgesinnten

Gaste aufzuwarten, und wer als solcher eine Unterhaltung wünscht oder

sucht, wird im Kellner einen interessanten Causeur finden, wenn es die

Zeit gestattet. Ein guter Kellner wird nie die Unterhaltung aus eigener

Initiative suchen. Sein Taktgefühl und die einfachsten Regeln der

Höflichkeit sagen ihm auch genau, wie weit eine Konversation gehen kann.

Höflichkeit ist gerade das Gegenteil von Dienerei. Wer einem unbekannten

Menschen höflich begegnet, hat demselben gegenüber immer etwas voraus.

Schmierige Vertraulichkeit mit unbekannten oder wenig bekannten Menschen

ist ungefähr das Widerlichste, was sich ein feinfühliger Mensch denken

kann, und sie entstammt nur einer tierischen Borniertheit. Wer solchen

Passionen nachhängt, muß oft sehr erniedrigende Erfahrungen machen. --

Das alles sieht und weiß der Kellner besser wie wir alle, denn er lernt es

unter dem großen Gewühl der Menschen.

In einzelnen Fällen wächst das Verhältnis zwischen Gast und Kellner auch

zu einer schönen Familiarität und Freundschaft heran. Reiche, vornehme

Leute, vielleicht alt und kinderlos, gewinnen oft ein wirkliches Vertrauen

zu einem jungen, frischen Menschen, besonders wenn sich dieser in freier,

schöner Weise ihrer annimmt und im Interesse des Hauses und seinem eigenen

den Aufenthalt der Gäste genußreich zu gestalten versucht. Mag das Leben

und die Lage der Gäste noch so beneidenswert aussehen, es hat immer seine

großen und kleinen Häkchen, die das Dasein versauern. Und gerade solche

Leute empfinden etwas ihnen Zugefügtes, das sie, streng genommen, nicht

fordern können und worauf sie keinen Anspruch haben, als eine angenehme

Überraschung und wissen es zu würdigen. Warum sollte unter solchen

Umständen nicht ein wirklich kordiales Verhältnis zwischen Hoch und

Gering aufkeimen können?

Aber unser modernes Leben, unsere geschäftlichen Ansichten ersticken doch

in den meisten Fällen jede schönere Regung in den Herzen der Menschen.

Und das größte Merkmal im Verkehr der Menschen untereinander ist nicht

das Wohlwollen, die Güte und die Liebe, es ist auch nicht die Gemeinheit,

die Sklaverei, der Haß oder die Sucht, sich gegenseitig zu schädigen,

nein, es ist nur eines: die Gleichgültigkeit, die Indifferenz. Sie ist

wirklich aus dem Trubel unseres modernen Erwerbslebens geboren und ist die

niederste Stufe aller menschlichen Herzensregungen. Jeder wurschtelt für

sich selber und bekümmert sich nicht um den anderen. Einer solch niederen

Gesinnungsart sind nicht einmal die wildesten Völker der Erde fähig.

Der Fremde, der zu ihnen kommt, wird entweder als Gast in den Hütten

aufgenommen, mit allen Mitteln wie ein Heiliger geschützt und gepflegt,

oder er wird totgeschlagen und aufgefressen. Beides sind Zeichen der

Hochachtung. Ein Barbar wird niemals gleichgültig an einem anderen

vorübergehen.

Ein Mann, der so zwischen den Feuern steht wie unser junger Freund, muß

eine himmlische Geduld und Nachsicht mit den Schwächen und Fehlern der

Menschheit haben. Der Gemeinheit gegenüber verhält er sich am besten

ruhig, vornehm, ablehnend und schweigend. In den meisten Fällen wird er

damit seinen rüpelhaften Gegner entwaffnen und zu Tode schweigen. Er

muß bedenken, daß er Grobheit und Gemeinheit niemals besser als mit

unendlicher schweigsamer Verachtung strafen kann. Er schont damit seine

wertvolle Gesundheit und steht im Verhältnis zu seinem Angreifer wie der

Mond zum Hunde, der ihn anheult. Und da die Gemeinheit der Menschen mit dem

Geschäfte des Kellners verbunden ist wie der Geruch mit der Leimsiederei,

so können Sie sich, meine Freunde, leicht vorstellen, was für ein

vornehmer Mensch unser Kellner ist.

Ich erkläre mich aber wirklich nicht damit einverstanden, daß der

Kellner geschäftlich ein vornehmer, schüchterner Märtyrer menschlicher

Gemeinheit sei. Er sollte auftreten, wie es unser Inneres verlangt. Er

sollte nicht jede Gemeinheit, jede Beleidigung, jede Frechheit dankend

einstecken. Nein, bewahre! Er sollte sich wehren, als Mensch, als moderner

Mensch wehren. Wir haben kein Verständnis für Heilige. Wir lachen

darüber. Demgemäß sollte auch der Kellner auftreten. Das würde seiner

Gesundheit sehr förderlich sein, deren er dringend für seine langen

Arbeitsstunden bedarf. Bei unvermeidlichen Konflikten sollte sich der

Kellner sein Gegenüber ansehen und keine Rücksicht auf gemanikürte

Hände oder Monokel nehmen. Er sollte es abschätzen. Hält er es für

genügend zurechnungsfähig, daß eine derbe Lektion nicht ganz wirkungs-

und spurlos an dem leeren Gehirn vorüberstreift, so soll er die notwendige

Lektion gründlich erteilen. Wenige, aber kräftige Worte und nur Wahrheit,

das genügt schon. Bei einem derartigen Renkontre sollte jeder Prinzipal,

der nur ein klein wenig auf sich, sein Haus und seine Leute hält, den

Angestellten unterstützen. Er wird dabei die Meinung eines jeden

rechtlich denkenden Mannes auf seiner Seite haben. Wird dem Angestellten

Unterstützung verweigert, so ist es Pflicht seiner Kollegen, solidarisch

aufzutreten. Universelle Organisation und tatkräftiger Rechtsbeistand

kämen dann sehr zur Geltung. Dies bezieht sich natürlich auf Fälle, wo

die Person oder die Ehre des Kellners beleidigt wird. Bei gewöhnlichen

geschäftlichen Differenzen zwischen Gast und Kellner entledigt sich der

letztere der Sache am einfachsten, indem er sie dem Vorgesetzten übergibt

und nicht eigenmächtig handelt.

Man sollte daher sagen, meine Freunde, daß, wenn ein Kellner oder

irgendein anderer Mensch irgendeines Berufes ein Menschenkenner, ein

tüchtiger Fachmann, ein bescheidener, höflicher Mann der Welt, ein

angenehmer Gesellschafter ist, und wenn er das Gefühl der Pflicht, der

Verantwortlichkeit und Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft in

seiner Brust trägt, so würde er sich damit selbst die Hochachtung der

gemeinsten seiner Mitmenschen erzwingen. Aber unserm Kellner wird dies

schwer, sehr, sehr schwer gemacht. -- Und so sehen Sie ein, daß ein Mann

in einer derartigen Stellung einer wirklich großen Philosophie bedarf,

um stark zu bleiben, sich aufrecht zu erhalten und nicht unterzugehen.

Wem aber ist die Philosophie gegeben? -- In jedem neuen Menschen, der uns

entgegentritt, begegnen wir einer neuen kleinen Welt, auf welche unsere

vorherigen Erfahrungen nur wenig, oft gar keine Anwendung findet. Zur

Erkenntnis solcher Wahrheiten, die uns über alles Unheil der Erde

hinwegzutragen vermögen, gehört ein gutes, geübtes Auge, das frei von

den Kleinlichkeiten der Umgebung weit hinausschaut. Dieses Auge

besitzen nur wenige. Indessen die meisten werden von der Notwendigkeit

hinweggeschwemmt und lassen sich tragen. Doch das Leben versagt ihnen

nie seine Hilfe ganz. So werden sie vorsichtig, feinfühlig, gewitzigt,

forschen, strecken die Fühler aus ins Dunkle und sind auf der Hut. Die

Verirrungen und Verwirrungen unserer Zivilisation verlangen dies. Sie

bilden uns zu Diplomaten und Politikern heran. Diplomaten sind Leute,

die in den schwierigsten Stellungen des Geistes und des Körpers Dinge

verrichten können, die jeder aufrecht stehende Mensch in natürlicher

Lage ebensogut und noch besser ausführen kann. Das Menschengeschlecht hat

wirklich noch nicht die Kunststückchen seiner Vorfahren in den Lianen

des Urwaldes verlernt. Ja, es scheint, daß, je mehr die Zivilisation

fortschreitet, um so mehr wir deren wieder bedürfen, d. h. daß wir

zurückschreiten. Der beste Beweis dafür ist die Entwicklung des modernen

Kellners. Ist es nicht geradezu bewundernswürdig, wie er sich durch

die Schlinggewächse unserer Zivilisation hindurchschlängelt? Als pure

Naturerscheinung genommen, für den Forscher freilich hat es wenig Reiz,

weil verständlich. Wie alles andere, wenn man mit den Gesetzen der

Entwicklung vertraut ist.

Es ist bemerkenswert, daß der Kellner -- ein sehr moderner Arbeiter --

trotz seiner Stellung zum Kapitalismus eher zum ganz achtbaren Philosophen

und sozialen Trapezkünstler als zum Sozialdemokraten heranwächst. Bedenkt

er, daß die glücklichen, fremden Menschen, denen er so nahe tritt, an

seinem Unglück nicht direkt schuld sind? Läßt er es ihnen aus diesem

Grunde nicht fühlen? Nimmt er darum keine drohende Haltung an? Welch

formidablen Feind hätte die Gesellschaft nicht in ihm?! -- Doch sein Wesen

ist stets -- ohne gefährliche Hintergedanken -- gleich freundlich. Seine

Züge versteinern sich so allmählich zu einem stereotypen Lächeln, einem

traurigen Gemisch von Entsagung, geschickter Verstellungskunst, verhohlenem

Leid und obligatorischer Heuchelei -- ein Ausdruck, von der Zeit ins

Antlitz des Großstadtmenschen gegraben, der ihm mit in den Tod folgt. --

Apropos, Herr Doktor, ich glaube auch nicht, daß der Kellner ein großer

Theaterschwärmer ist. -- Wieso? Nun, nach all dem, was er tagtäglich und

nachtnächtlich zu sehen bekommt und anhören muß, dürften die Handlungen

auf den Brettern, die die Welt bedeuten, meistens doch recht fade und

verlogen erscheinen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- --

Kellner, ich nehme meinen Kaffee im Palmengarten. -- Nein, nur für mich

allein; meine Gäste haben sich empfohlen. -- Wer ist dort? Ein Herr, der

mich eben begrüßen will! -- Seine Karte! Zeigen Sie her. Wohnt der Herr

auch im Hotel? Ah, heute angekommen. -- Natürlich! Sagen Sie ihm, ich sei

mit dem größten Vergnügen bereit. --

»Marcus Tottenham Wootslebury, 15 Regent Street.« -- Mein Schneider

aus London! Was mag er im Schilde führen! Ich bin ihm doch nichts mehr

schuldig! --

Ah! ~How do you do, Mr. Wootslebury?!~ -- So, Sie haben mich im Speisesaal

gesehen und bis zum Schluß des Diners gewartet, um mir guten Tag zu sagen?

Das ist aber liebenswürdig von Ihnen! -- Stören? Bewahre! Meine Gäste

hatten's eilig. Sie wollten noch ins Theater. Ganz unzeremonielles

Abendessen, wissen Sie. -- Nehmen Sie auch Kaffee? Wie, keine Fine

Champagne? -- Aber doch eine Perfecto? -- Ja, danke, mit der letzten

Garderobe bin ich sehr zufrieden. Alles sitzt wunderbar. -- Und was gibt's

sonst Neues zu sehen auf Regent Street und Bond Street? -- So, einige

revolutionäre Abänderungen am Morning Coat! -- Das ist ja ungeheuer

wichtig! Ja, ja, aber sagen Sie mir! Ist denn das wirklich wahr? Seit

vorvorgestern trägt man die Falten der Beinkleider an der Seite! Ich

konnte es nicht für möglich halten, als ich das Kabeltelegramm erhielt!

-- Hier ist es noch nicht eingeführt. Die Leute sind hinter der Zeit

zurück. -- Welch ein Glück, daß ich Sie treffe, mein lieber Mr.

Wootslebury! Da muß ich doch gleich meinen Valet instruieren. -- Hm, ja,

herrlicher Abend heute. -- Schönes Wetter überhaupt die ganze Zeit. --

Müde? Ja, ich bin etwas müde. Ich habe einen anstrengenden Tag gehabt.

Schon um elf Uhr früh aufgestanden, Bad genommen, anziehen lassen, Lunch

im Klub, zur Rezeption bei der Mrs. Van der Gold Augustus Crackerjack

anziehen lassen, zum Polo anziehen lassen und zum Diner anziehen lassen. --

Nein, für heute ist's genug! -- Ich habe alles abgesagt. --

Und sagen Sie mal, lieber Mr. Wootslebury, finden Sie nicht auch, daß

diese Kellner hier eigentlich verdammt schick in Kluft sind! -- Ja, ich

verstehe wohl, was Sie meinen. Aber das will ich Ihnen erklären. Wenn

diese Kerle genau so aussehen würden wie unsereins, wo sollte denn das

hinaus!? Darum müssen sich die Leute schon etwas einschränken. Das sind

geschäftliche Vorschriften. Aber das Exterieur ist für den Kellner genau

so wichtig wie für uns. Denn es gilt als eine von der Menschheit seit

urdenklichen Zeiten festgesetzte Regel, seinen äußerlichen Menschen in

möglichst gutem Licht zu zeigen. Man mag darüber denken wie man will, es

bleibt Tatsache, daß derjenige, der aus Weltverachtung, Exzentrizität,

Nachlässigkeit oder Dummheit gegen diese erste Regel der Gesellschaft

verstößt, allerhand unangenehme Folgen zu tragen hat. Ja, die Regel vom

schönen Außenmenschen gilt vor allem auch für die Kellner. Die Leute,

die gut essen und trinken und hohe Preise dafür bezahlen können, wollen

sich nicht durch allerhand Jammergestalten den Appetit verderben lassen.

Und sie haben recht! -- Warum sollten sie! -- Nicht wahr, das finden Sie

auch. -- Denken Sie sich, ich hörte einmal einen Gast am Tisch nebenan

sich über das Aussehen des Kellners beschweren. Er ließ den Oberkellner

rufen und sagte ihm in Gegenwart des Kellners:

»Geben Sie mir einen anderen Kellner. Ich kann das Gesicht des Menschen

nicht leiden!«

Und er bekam einen anderen. -- Der erste entfernte sich schweigend. -- Das

nenne ich Geschmack und Energie! -- Die Wirte und ihre Angestellten müssen

sich das täglich bieten lassen, bis sie gelernt haben, wie ein Mensch

ausschauen soll. Ein gutes Diner, wie jeder andere Sinnengenuß, ist

eine Befriedigung, eine Betäubung eines gewissen Bedürfnisses, eine Art

Illusion, ein schönes Selbstbelügen, eine angenehme Narkose, ein süßer

Traum, wobei -- ihn möglichst vollkommen zu gestalten -- alle äußeren

Umstände mitwirken müssen. Das luxuriöse Milieu eines modernen

Speisesaals, die kostbare Ausstattung, Gobelins, orientalische Teppiche,

Blumen, Palmen, Marmor, Musik, Lichter, anständige, feine Kellner, das

alles muß dazu beitragen.

Man braucht aber doch wirklich gar kein sensitiver Sinnenmensch zu sein,

um sich von dem zweifelhaften Äußern eines in unsere Nähe kommenden

Menschen abgestoßen zu fühlen. Ja, nicht wahr! Jedes irgendwie

verdächtig aussehende Individuum erweckt eine gewisse Unruhe und

Unbehaglichkeit in der Brust seiner Mitmenschen. Dies unangenehme Gefühl

kann je nach dem Grade der Empfindlichkeit einerseits und den

Umständen und nach der Beschaffenheit des Äußern andererseits bis

zur Unerträglichkeit gesteigert werden. Einen solchen Fall hatte ich

zweifellos vor mir. Der betreffende Gast konnte sich nicht einmal mit dem

Gesichte seines Kellners abfinden. Gegen seine Kleidung hätte kein Mensch

etwas anhaben können, denn ich verkehre in keinen Häusern, wo etwas

Derartiges stattfinden könnte. Sie sehen, für den Gast war das Aussehen

des Mannes nur eine Augenblicksfrage, für den Kellner eine Lebensfrage.

Aber in einem Speisesaal gehört ein derartig gespanntes Verhältnis

zwischen zwei Menschen in verschiedenen Lebensstellungen tatsächlich nicht

zu den Freuden des Daseins. Daher wurde der Kellner entlassen. Denn gerade

hier, wenn das Verhältnis nicht makellos harmonisch ist, d. h. wenn der

Gast den Kellner nicht gerne sieht, so kann es von verderblicher Wirkung

sein. Der Gast verliert gewöhnlich seinen Hunger, das Haus Einkünfte und

der unangenehme Kellner seine Stellung.

Ja, Mr. Wootslebury, es ist etwas Eigenartiges, daß die Gäste von

möglichst distinguiert aussehenden Leuten aufgewartet sein wollen. Warum?

Ich denke mir die Sache folgendermaßen: Je besser und intelligenter ein

Mensch ist, der uns vollständig zur Verfügung steht, um so besser und

intelligenter müssen wir uns doch wohl selber fühlen. Nicht wahr? --

Hähäh! -- Ganz richtig! -- Man entdeckt auf einmal Werte in sich, die uns

selber bis dato unbekannt waren. Das sind höchst angenehme Gefühle. Und

als Gratiszugaben zu einem guten Essen sind sie höchst willkommen,

der Verdauung äußerst förderlich. -- Nein, das haben wir nicht erst

herausgefunden. Das wußte man schon zu den ältesten Zeiten. Warum mußten

denn bei den großen Essen im Mittelalter die Herren Reichsfürsten

die Majestät höchst eigenhändig servieren? -- Vom Lakai auf dem Bock

schließt man doch erst auf den Herrn in dem Wagen. An der Uniform erkennt

man doch erst den Geschmack der Leute, nicht wahr? -- Und auf dem

geistigen Gebiete ist's genau so. Die meisten Herrscher zogen doch nur ihre

zeitgenössischen Geistes- und andere Größen an ihre Höfe heran, um

sich selber mit den Blüten der Nation zu garnieren, da sie die Leere ihres

eigenen Daseins dumpf empfanden. In ganz vereinzelten Fällen, wo keine

Selbstverherrlichung das Motiv ist, sich mit großen Geistern zu

umgeben, wuchsen die Beziehungen zwischen Fürst und Protegé zu inniger

Freundschaft aus. Sonst aber ist das Verhältnis ein unerquickliches.

Protzentum, Heuchelei, Kriecherei und sonstige Unannehmlichkeiten.

Haben Sie jemals das Leben des Herrn Geheimrats Goethe gelesen, Mr.

Wootslebury? --

Es ist eine schwierige Aufgabe für den Kellner, als eleganter Mensch

aufzutreten, ohne jedoch den Gästen ähnlich zu sehen, zumal er auch noch

aus gewissen anderen praktischen Gründen Juwelen, Uhrketten, Ringe, die

auf allzu deftigen Wohlstand des Eigentümers schließen lassen könnten,

sowie andere Distinktionen des Gentlemans unsichtbar tragen muß. Man soll

die Menschen nicht unnötigerweise aufreizen. -- Gerade aber, weil die

Kellner genötigt sind, in einfacher Eleganz aufzutreten, hat man sie immer

und immer wieder mit Kavalieren verwechselt. Viele praktische Wirte ziehen

sich nun aus dem Dilemma, indem sie ihren Leuten ein paar goldene Knöpfe

an den Frack annähen. Aber glauben Sie nicht, daß dies das Aussehen des

Kellners zu sehr beeinträchtigt? Es erinnert doch zu sehr an die Uniform.

Ja, sehen Sie! Uniform ohne Schnurrbart und Waffen! Was ist das für eine

Kombination! -- Warum man den jungen Leuten nicht gestattet, Schnurrbärte

zu tragen? Ja, das ist auch noch ein Rätsel von den vielen im Leben des

Kellners. Gehört das glatte Gesicht zur Uniform? -- Soll der Mann jünger

erscheinen? Will man durch Verbannung des Zeichens männlicher Würde das

Selbstbewußtsein demütigen oder heben? -- Ich weiß es nicht. Der Kellner

soll keine wohlriechenden Parfüms gebrauchen, noch soll er sein Haupthaar

salben, und wie er dennoch als zivilisierter Mensch erscheinen kann, ist

mir gleichfalls rätselhaft. Sein Frack -- mit oder ohne Goldknöpfe -- ist

das interessanteste Kleidungsstück, das ich kenne. Nur halte ich es etwas

zu malerisch und daher zu unpraktisch, um darin täglich Fußreisen von

dreißig bis vierzig Kilometern zu machen. -- Wieso? -- Nun, wenn wir

bei einem anständigen Diner mit dem Horsd'œuvre anfangen und mit dem

Nachtisch aufhören, so wird unser Mann inzwischen so oft hin und her,

treppauf und treppab in die Küche, Keller und überall hin Laufschritt

gemacht haben, daß sich daraus eine gute Strecke zusammensetzt. Hat er

mehrere Partien zu befriedigen, die sich alle zahlreichen verschiedenen

Genüssen hingeben, so zieht sich sein Weg ziemlich in die Länge. Bei

einem starken Verkehr und zu allen Mahlzeiten des Tages wächst es ins

Unglaubliche. -- Nein, daran läßt sich nichts verbessern. Er wird immer

seine Stiegen und Strecken zu laufen haben, er wird seine Kilometer zu

Fuß machen müssen, denn es ist für ihn notwendig, sich mit dem Koch

persönlich in Verbindung zu setzen, die fertigen Sachen eigenhändig in

Empfang zu nehmen. Wenn seine Küche nun noch etwas weit vom Speisesaal

entfernt liegt, was aus vielen Gründen gewöhnlich der Fall ist, und

wenn sein Gedächtnis etwas unzuverlässig ist, so entwickelt sich aus dem

Kellner ein Dauerläufer, der manchen Marathonrenner beschämen könnte.

Denken Sie sich, Mr. Wootslebury, diese Entweihung des Frackes! Der Frack,

der Inbegriff aller Eleganz, der einfache, schöne, geschmeidige Rock des

Gentleman! Das Symbol der lässigen Ruhe! Was wird aus ihm, wenn der Sturm

des Lebens hindurchsaust, wenn die Schöße ratlos und verzweifelt im Winde

flattern! -- Der Kellnerfrack, nein, das ist nichts! -- Das Malerische,

Derbe, Urkräftige, Trotzige, das dem blauen Kittel des rußigen Arbeiters

anhaftet, fehlt der Kleidung des Kellners -- eines modernen Arbeiters

-- leider gänzlich. Hat der Kellner nicht die Berechtigung, auch zu

denjenigen Menschen gezählt zu werden, die in schwerer Arbeit des

Körpers und zugleich mit großer geistiger Anstrengung das tägliche Brot

erkämpfen müssen und dabei die elende Hülle ihres Körpers mit sauerm

Schweiße durchtränken!? Der Frack! -- Was wird er auf dem Rücken des

arbeitenden, schweißtriefenden Kellners? -- Können Sie mir das nicht

sagen, Mr. Wootslebury? -- Ja, ja, ich versichere Ihnen! -- Eine der vielen

Tragikomödien unseres heutigen Lebens! ...

Die Moral des Hotels: Tischgespräche · 第 12 / 24 题