III.

Es mag kommen, was will, Herr Professor! Die größten Ereignisse, die

ungeahntesten Erfindungen, die wichtigsten Entdeckungen, sie führen uns

nicht weiter. -- Die edelste Beschäftigung des Menschen ist der Mensch.

Das hat Lessing behauptet. Und dies große Wort sollte im täglichen Leben

eines jeden Menschen Anwendung finden. Dann würden all die lächerlichen

»Fragen« und »Probleme«, mit denen wir uns heutzutage abschinden,

in nichts zerfallen. Und wir brauchen gar nicht weit zu greifen, um

Bestätigung dafür zu finden. Überall, in jeder kleinen Handlung zwischen

Menschen, in jedem Verkehr, jedem Worte, jedem Blick harrt das ganze

Geheimnis mit all seiner bittern Süßigkeit und wartet auf den Mann, der

es sucht und erkennt.

Drum wollen wir die erste beste Gelegenheit beim Schopfe fassen und die

Probe ziehen. Ich habe Ihnen ganz überflüssigerweise gesagt -- denn Sie

wissen es so gut wie ich --, daß unser gutes Essen oft durch schlechte

Bedienung verdorben wird. Aber warum? -- Natürlich geben wir dem Kellner

schuld. Aber in vielen, ja in den meisten Fällen ist es unsere eigene

Schuld, wenn wir schlecht bedient werden, wenn unser Appetit verdorben

wird, wenn unser Diner einen jammervollen, bedauerlichen Ausgang nimmt. --

Wieso? -- Ich finde Ihre Frage verständlich, doch muß ich sie mit einer

Gegenfrage beantworten. Können Sie mir genau definieren, was der junge

Mann ist, der uns bedient? -- Ich meine, welche Stellung er uns gegenüber

einnimmt? -- Selbstverständlich, er bedient uns. Aber das ist nicht alles.

Ja, ja, sehen Sie, welche vage Ideen wir von dem haben, was wir von anderen

verlangen können und wozu wir berechtigt sind! Und wie weit denkt das

liebe Publikum erst! Natürlich weiß oft auch der Kellner seine Pflicht

nicht. In beiden Fällen ist das Resultat ein ganz schreckliches. Es ist

unglaublich, wie empfindsam, wie ungeduldig wir an der Tafel sind. Und erst

wie gespannt und gereizt die Nerven der Leute sind, die uns bedienen! Die

geringste Kleinigkeit kann die so vorbereiteten Gemüter in einen Sturm von

Aufregung versetzen. Nach einem solchen Renkontre ist's mit unserm Appetit

selbstverständlich aus. Desgleichen mit dem guten Willen dessen, der mit

uns zu tun hat. Wenn wir gut und ungestört essen wollen, ist es daher für

uns absolut notwendig, zu wissen, was ein Kellner ist. Da wir nun einmal

auf die Bedienung angewiesen sind, wollen wir nun doch nicht unser gutes

Geld an schlechten Diners verschwenden. -- Ich sehe, Sie lachen wieder! --

Wie, ich nehme die Sache zu gründlich, zu ernst? -- O nein, ich bin ein

großer Egoist. Ich vermeide nur jede Gelegenheit zum Ärger: ich versuche

nur jeder Dummheit, also jeder Ungerechtigkeit und Unhöflichkeit aus dem

Wege zu gehen. -- Außerdem sollte unser Schamgefühl es nicht zulassen,

daß wir einen Menschen, der mit uns in so nahe Berührung tritt, ganz

außer acht lassen, ihn wirklich ganz und gar ignorieren. Es ist weder

ratsam noch weise. Für eine derartige Unterlassungssünde müssen wir oft

schwer büßen. Daher habe ich den Oberkellner gebeten, mir während meines

Aufenthaltes in diesem Hotel immer den gleichen Kellner zu überlassen, da

ich an ihn gewöhnt bin und ihn ziemlich gut kennen gelernt habe.

Goethe sagte einmal: »In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.«

-- Bei meinem Kellner ist dies sehr zutreffend. Ich halte unsern jungen

Mann zum Beispiel für ein eigenartiges Talent. Die Art und Weise, wie

er uns behandelt, ist bewundernswert. -- Das ist sein Geschäft? --

Natürlich! Aber Sie haben jedenfalls noch nicht die Schwierigkeiten

betrachtet, mit denen er zu kämpfen hat. Wenn Sie sein eigenartiges

Geschick, welches uns so vorteilhaft zustatten kommt, ein »Geschäft«

nennen, so verstehen eigentlich wirklich herzlich wenig Kellner ihr

»Geschäft«. Und wir werden sehen, woran dies liegt. Jede unserer

modernen Industrien hat nämlich ihre Sklaven, ihre Opfer und ihre

Unterdrückten. Mit einer gerechten, wilden Wut wehrt sich die

Arbeiterschaft dagegen, tut sich zusammen, agitiert und streikt. Denn

das menschliche Gefühl sträubt sich gegen Sklaverei, Opfer und

Unterdrückung. So war es zu allen Zeiten. Jedes Tier wehrt sich dagegen.

Aber die Arbeiter finden es schwer, gegen die Hochburgen der Finanz

anzukommen. Es erfordert Zeit, Schulung, Taktik, Organisation, Geldmittel

und Ausdauer, sie zu nehmen. Dies alles fehlt. Das haben die Plebejer im

alten Rom blutig erfahren müssen. An diesen Widerständen rannten sich die

Leibeigenen und Bauern des Mittelalters die ehrlichen, dummen, von Blut,

Freiheitswahn und Plünderlust berauschten Schädel ein. Aber es fielen

dennoch die Festen der römischen Patrizier, und die Trümmer der

mittelalterlichen Raubritterburgen reden heute stumm, aber deutlich. So

werden auch die Kämpfe des modernen Arbeiters nicht fruchtlos sein. Doch

je weiser, taktischer, ruhiger er sie führt, um so besser ist es für

ihn selber. Die festen Mauern der Finanz werden am sichersten durch die

Insassen selber zerstört. Die gerechte Zeit duldet keine Festungen. Sie

rüttelt und schüttelt, korrumpiert und untergräbt sie. Das lehrt die

Geschichte aller Zeiten. Die Belagerer sollten nicht blindlings ihre

Kräfte an Steinen verschwenden, die noch nicht morsch genug sind, zu

fallen. Sie sollten nur wachsam sein und beobachten, die schwächsten

Seiten der Feinde angreifen, vor allem aber das eigne Lager frisch und

stark erhalten.

Ich kann mit Recht behaupten, daß der Kellner in gewissem Sinne der

Sklave oder der Unterdrückte der modernen Hotelindustrie ist. Bei einiger

Beobachtung wird dies selbst dem Uneingeweihten auffallen. Doch ich will

mich bemühen, Ihnen die Lage ruhig und klar zu definieren, damit Sie,

Herr Professor als Soziologe, einen neuen Menschen in einer neuen Industrie

kennen lernen. Ich habe Ihnen bereits die Entwicklung dieser neuen

Industrie flüchtig vor Augen gestellt. Wir haben gesehen, daß dieselbe

wirklich erst ein Vierteljahrhundert alt ist.

Einerseits ist es daher verständlich, daß die Verhältnisse noch

ungeordnet und schlecht organisiert sind. Die Stellung des Kellners in

dieser Industrie sieht nun ganz danach aus, als ob man sie in aller

Eile mit dem so plötzlich ins Ungeheure wachsenden Hotelbetriebe

zusammengenagelt habe. Und so behilft man sich schlecht und unrecht weiter.

Ein solches provisorisches Gebäude aber kann bei einem leichten Windstoße

einfallen. Und ein stabiles, schönes Haus läßt sich über Nacht nicht

errichten. Darum muß der Kellner Geduld haben, und er darf das Lattenhaus

seiner Existenz nicht eher abbrechen, als bis ein besseres Obdach für ihn

dasteht. Aber es ist an der Zeit, daß er den Grundstein dazu legt.

Es ist auch sehr fraglich, ob sich die Hotelbesitzer an diesem wichtigen

Werke beteiligen werden. In der Hast und Eile der schnellen Entwicklung des

Hotelwesens haben die Besitzer natürlicherweise alles für ihren Betrieb,

für ihr Haus und wenig oder gar nichts für die Menschen getan, die es

führen, darin arbeiten und ihr Brot verdienen sollen. Die ebenso schnell

aufspringende Konkurrenz hat wichtigere Fragen an die Unternehmer in der

Hotelindustrie gestellt als die des leiblichen und geistigen Wohls der

Angestellten. Über die Lösung dieser Vorzugsfragen werden bekanntlich in

_allen_ Industrien die Angestellten vergessen. Wer sich aber die Lage der

gesamten Angestellten der Hotelindustrie genau betrachtet, wird nur im

Lose des Kellners einen tief einschneidenden Unterschied von dem der

mitwirkenden Angestellten oder der Arbeiter aller anderen Industrien

überhaupt entdecken. Der kaufmännische Angestellte des Hotels ist nichts

mehr noch weniger als sein Kollege irgendeiner anderen »Branche«. Die

Stellung des Koches als technischer Angestellter im Hotel kann ebensowenig

mit der des Kellners verglichen werden, wie die des männlichen und

weiblichen Hauspersonals. Der Kellner ist weder Kaufmann noch Koch noch

zum Hauspersonal gehörig, und doch muß er die Grundkenntnisse von allen

Zweigen besitzen. Er ist Kellner. Seine Stellung im Hotel als Vermittler

zwischen der Kundschaft und dem produzierenden Teil des Hauses kann

nicht einmal richtig mit der eines Verkäufers in einem anderen großen

Geschäftshaus verglichen werden. Er ist _mehr_ als ein Verkäufer.

Seine Pflichten, seine Kenntnisse, sein Arbeitskreis sind größer, die

Anforderungen, die an ihn gestellt werden, sind weit mehr als die, die ein

gewöhnlicher Verkäufer zu erfüllen geneigt wäre. Der Kellner wird noch

immer vielfach von einfältigen Menschen zur dienenden Klasse gerechnet.

Nichts ist falscher als dies. Ohne ein Diener, ohne ein Faktotum zu sein,

tut er dennoch alles Mögliche, wird alles Mögliche von ihm verlangt,

das, streng genommen, nicht im Bereiche seiner Pflicht liegen sollte. Seine

Stellung ist einzig. Ein ähnliches Beispiel in einer anderen Industrie

könnte ich nicht angeben.

Vor dem Gesetze ist der Wirt ein Kaufmann. Der Kellner ist aber juristisch

kein Handlungsgehilfe, sondern ein Gewerbegehilfe. Gewiß. -- Aber ein

gewiegter Jurist würde dennoch Schwierigkeiten haben, die Stellung des

Kellners genau zu definieren. Natürlich, es ist sehr einfach, ihn in eine

gewisse Kategorie von Angestellten hineinzustecken, aber die für diese

geltenden Gesetze kann man nicht auf den Kellner anwenden, ohne ihn zu

schädigen oder zu bevorzugen. Seit die Luftschiffahrt aufgekommen ist,

streiten die Leute sich über ihre Rechte in den Lüften. Aber keiner hat

recht, denn es gibt noch keine Gesetze der Lüfte, noch keinen Äro-Kodex.

Die Luftschiffahrt ist noch neu. Und da der Kellner ein »ganz neuer

Mensch« ist, so stehen wir auch ratlos vor seinen juristischen Rechten.

-- Ich will mir darüber nicht den Kopf zerbrechen. Das überlasse ich

anderen. Aber ich will von den menschlichen Rechten des Kellners

sprechen, die Ihnen, Herr Professor, ebenso wie mir und der ganzen

Welt (einschließlich der Wirte) bekannt sind, die aber jämmerlich

vernachlässigt werden. Die Menschen sind entsetzliche, gedankenlose

Pedanten. Warum werden die menschlichen Rechte des Kellners nicht geachtet?

Weil er keine juristischen hat? Weil sie nicht schwarz auf weiß stehen?

Und darum ist der arme Ganymed auch der Stiefsohn des mildtätigen Bonifaz.

Gerade dieser Mensch, an den so viele gerechte und ungerechte Anforderungen

gestellt werden, der allwissend, allriechend, allfühlend sein soll, der

vierundzwanzig Stunden im Tage jung, gesund, frisch, munter, höflich,

gewandt, freundlich, lächelnd, sprungbereit, stets bei der Hand sein soll,

-- gerade dieser Mensch, der die wichtigste Person im Geschäfte ist, er

wird vernachlässigt, verachtet, umhergestoßen, beschimpft, verhöhnt,

gekränkt, in Unwissenheit, im Stich, ohne Recht gelassen, wo und wie

man nur eben kann. Jeder und alle trampeln auf ihm herum. Die Gäste, die

Vorgesetzten, das kaufmännische Personal, die Köche, die Detektive, die

Kontrolleure, die Stewards, ja selbst die Silber- und Schüsselwascher. Vom

ersten Direktor bis zur zänkischen Linnenmamsell unter dem Dache und der

»kalten« Mamsell in den untersten Regionen, alle wollen sie über

den geplagten Kellner »etwas zu sagen« haben. Alle wollen sie ihn

kommandieren. Und er, der aalglatte, gewandte Jüngling, schlüpft und

hüpft, schlängelt und drängelt sich überall hindurch, nimmt alles

Unrecht schweigend in sich auf. --

Die Arbeit des Kellners ist hart. Seine Arbeitsstunden sind lang. Der

Kellner kennt keinen Sonntag, keinen Feiertag. Er arbeitet tief bis in die

Nacht hinein. Und an allen Tagen des Jahres. Wir kennen, Herr Professor,

die nächtlichen Sitzungen, die sich so furchtbar in die Länge ziehen.

Der Kellner wacht. Das Geschäft zwingt ihn, je nach Bedarf seine

Arbeitsstunden bis in den grauen Morgen hinein zu verlängern. Er wird

nicht vom Posten abgelöst. Er bekommt keine Extravergütung für die

Überstunden, kein Äquivalent für den verlorenen Schlaf, für die

untergrabene Gesundheit. Die Ironie des Schicksals will, daß er gerade

dann, wenn andere Menschen sich freuen und lustig sind, an Sonn- und

Feiertagen und festlichen Gelegenheiten, am härtesten und am längsten

arbeiten muß.

Das Geschäft zwingt den Kellner, im Hause zu essen. -- Wie meinen Sie?

Bequem? -- Gewiß, für -- das Geschäft. Es braucht seinem Angestellten

deshalb keine freie Stunde zur Mahlzeit zu gewähren. Drei Mahlzeiten im

Tage, das sind drei Stunden Verlust für das Haus. -- Außerdem hat das

Haus den Angestellten jederzeit in erreichbarer Nähe, er ist nötigenfalls

sofort bei der Hand, er kann immer bei der Mahlzeit gestört werden. Das

ist wirklich sehr bequem -- für das Haus.

Was? -- Diese Mahlzeiten sind frei? -- Sie kosten den Angestellten nichts?

-- Ja, so sieht's beinahe aus. -- Nein, Herr Professor, Sie dürfen nicht

glauben, daß die Mahlzeiten, welche der Kellner im Hause genießt, eine

Art von Geschenk oder Gnadenbrot seien. Er muß schwer dafür bezahlen. Das

werde ich Ihnen sehr bald ausrechnen. Es ist sehr einfach. -- Der Kellner

wird also gezwungen, eine unverlangte Kost zu genießen und dafür zu

bezahlen, eine Kost, die selten, sehr selten gut genannt werden kann,

die in den meisten Fällen schlecht, sehr schlecht, manchmal gar direkt

ungenießbar ist und tief unter dem Niveau des berüchtigten Kasernenmenüs

steht. Es ist ganz natürlich. Die Häupter der Häuser bekümmern

sich nicht um das Essen des Personals, die Summe -- wenn eine

dafür veranschlagt wird -- verschwindet oft ganz oder teilweise in

unergründlichen, mysteriösen Tiefen, und gewissenlose Köche bereiten

von den Speiseresten der Gäste das Mahl für die Angestellten. Den Rest

können Sie sich denken. Für die Angestellten und namentlich für den

geduldigen Kellner ist bekanntlich alles gut genug.

In den meisten Fällen zwingt das Geschäft auch den Kellner, im Hause

zu wohnen. Hier sind natürlich die gleichen Gründe geltend wie die zur

obligatorischen Verpflegung. Und die gleichen Vorteile -- für das Haus.

Man hat den Angestellten immer unter Kontrolle, er ist stets da. Jeden

Augenblick ist er zur Verfügung. Und für diesen liebenswürdigen Dienst,

den der Kellner dem Hause damit tut, indem er stets und immerwährend,

vierundzwanzig Stunden lang im Tag, vorhanden ist, darf er das Haus

gleichfalls gut bezahlen. Daß er bei dieser obligatorischen Einquartierung

nicht auf der Beletage des Hauses untergebracht wird, ist auch

selbstverständlich. Wieviel der Kellner für diese Quartiere bezahlt und

welchen Einfluß sie auf die körperliche und geistige Gesundheit und Moral

der Insassen haben, werden wir auch noch sehen.

Dies ist -- kurz zusammengefaßt -- die Stellung des Kellners in der

Hotelindustrie. Was ist aber die Bezahlung für die Wunderwerke der Geduld

und technischen Könnens, die man von ihm verlangt? -- Wir wissen's alle,

und die ganze Welt weiß es. Der moderne Kellner ist, wie gesagt, für die

Legislaturen der verschiedenen Länder eine neue Erscheinung. Er ist

auch noch nicht offiziell mit ganz entschiedenen Forderungen an die

gesetzgebenden Körper herangetreten. Der moderne Kellner vegetiert in

allen zivilisierten Ländern der Erde. Mit den Herren Legislatoren dieser

Länder ist er unoffiziell sehr gut bekannt und sogar bei ihnen beliebt.

Seine Rechte als Mensch jedoch, das Dasein, welches er fristet, haben

die Herren Abgeordneten, M. P.s, Deputierten, Senatoren und wie sie alle

heißen, bei der guten Flasche vor und nach der Sitzung des Hauses und

über den guten Braten hinweg niemals bemerkt oder immer und immer wieder

vergessen. Nur hie und da erinnerte man sich des Kellners, namentlich in

dem gewissenhaften Deutschland, wo bekanntlich nichts unbeachtet bleibt und

wo nichts und niemand ist, von dem oder worüber noch kein Buch geschrieben

worden wäre.*) Aber auch in Deutschland wurde nicht viel erreicht, und

die Zustände im Berufe des Kellners sind auf der ganzen Welt ungefähr die

gleichen.

*) Mit Ausnahme des vorliegenden Buches. (Nachträgl. Anm. d. Verf.)

Können Sie mir, Herr Professor, einen Beruf, ein Gewerbe, einen Stand auf

der ganzen weiten Erde nennen, der so sehr an Sklaverei erinnert wie das

Dasein des Kellners?

Nein, Sie können es nicht, sehen Sie! -- Das ist die Stellung des Kellners

in der Hotelindustrie. Das ist die menschenunwürdige Sklaverei; das ist

die Unterdrückung. Das ist der Augiasstall, der gereinigt werden muß und

der nur vom Kellner selbst gereinigt werden kann. Das ist das Bretterhaus

des Kellners. Und dieser jammervolle Notbehelf wirft natürlich seine

dunklen Schatten auf das Leben und auf das junge Gemüt des Kellners selbst

und gestaltet seine Lebensanschauungen, seinen Charakter und folglich sein

ganzes Leben in den allermeisten Fällen zu etwas Fragmentarischem, etwas

Provisorischem. Es ist eben nur ein Lattenhaus. Der Kellner kennt keine

Heimat, kein Heim, keinen Sonntag, keinen Feiertag, keinen Feierabend. In

seinem Lattenhause lebt er von heute auf morgen. Er hofft von heute auf

morgen. Er arbeitet von heute auf morgen. Er verdient von heute auf morgen.

Er ist ganz auf sich selbst angewiesen. Und hat kein Vorbild, keinen Halt.

Für seine Arbeit gibt es keine Regeln. Seine Arbeit ist eine große Kunst.

Sie ist die große Kunst des Lebens und der Anpassung. Als Kind wird er

in dies Chaos gesteckt, versagt er in seiner Kunst, so ist es sein

jämmerlicher Untergang. Bittet er um Unterricht in dieser Kunst, so zuckt

man mit den Achseln und bedauert. Er muß sie »von selber« verstehen. Das

große Leben paukt sie ihm ein. Eine solche Spannung hat ihre Rückwirkung.

Wird der junge Mann für einige Stunden aus seiner Sklaverei befreit

oder läßt die Spannung während einer freiwilligen oder unfreiwilligen

Stellenlosigkeit nach, so bricht in ihm -- jung, wie er ist und immer

sein soll -- das verborgene gefährliche Element hervor, das ihn einem zu

frühen geschäftlichen, körperlichen, gesellschaftlichen und geistigen

Tode entgegenreißt.

Ist es nicht der Mühe wert, Herr Professor, den genauen Ursachen

solchen Elendes gründlich auf die Spur zu gehen? -- Bitte -- ich betone

ausdrücklich: Ich würde keinen Augenblick meiner kostbaren Zeit dazu

verschwenden, wenn ich in dieser dunklen Masse nur alte Trümmer, nur

einen elenden Schutthaufen sähe, aber ich glaube fest, ja, ich weiß es

bestimmt, daß wir auf der Suche nach den Ursachen nichts Totes, nichts

Abgestorbenes, nichts Verfaultes, sondern den großen Wirrwarr eines

hastig, gedankenlos aufeinander gestapelten, unendlich reichen Materials

finden werden, also etwas nach Leben und nach Dasein Ringendes, etwas

Werdendes. -- Wo solches ist, da ist keine Arbeit vergebens, denn da ist

Hoffnung!

Ah, dort kommen auch schon unsere Damen. -- Ein Glück, daß Sie kommen,

gnädige Frau. Ich habe Sie zwar zum Diner eingeladen, habe aber noch gar

nichts bestellt. Ich leide nämlich ganz schrecklich! -- Ja, ja, meine

Damen, Nahrungssorgen. Sie müssen mir beistehen; ich flehe Sie an. -- Ach,

das ist es gerade! Man hat alles in Hülle und Fülle! Man hat zuviel. Es

gibt nämlich zweierlei Nahrungssorgen. Eine, wenn man zu wenig oder gar

keine Nahrung zur Verfügung hat, die zweite, wenn man vor lauter Gerichten

nicht weiß, was man nehmen soll. Die zweite Sorge ist die weitaus

schrecklichere. Sehen Sie sich nur das volle Menü an! Tatsächlich ratlos

stehe ich davor. Und wir müssen doch essen! -- Mein armer Kellner hat sich

schon vergeblich um mich bemüht. Der ~Maître d'Hôtel~ ist in hellster

Verzweiflung. Er hat mir soundso viel vorgeschlagen, alles nichts -- seine

kulinarische Enzyklopädie ist erschöpft. -- Darum bitte, meine Damen,

helfen Sie mir aus der Not. -- Freilich müssen wir dann etwas warten. Wir

müssen den Leuten Zeit geben, sich unserer Bestellung anzunehmen. Aber

das ist gerade schön. Denn wenn wir warten müssen, sind wir sicher,

daß unser Mahl frisch hergestellt wird. -- Ich danke für Speisen, welche

stundenlang vor dem Genuß zubereitet sind. Ich will sie frisch vom Feuer

haben. -- Sonderbar! Die meisten Hotelgäste denken anders darüber. Sie

wollen gewöhnlich die feinsten, schwierigsten Sachen in kürzester Zeit

auf dem Tische sehen. Das ist höchst unvernünftig und ungerecht. Aber

dies kommt nur daher, weil die Leute nicht mit der Herstellung der Sachen,

welche sie bestellen, vertraut sind. Sie haben absolut keine Idee vom

Essen. Ist es nicht merkwürdig, daß die Menschen über die wichtigste

Funktion in ihrem Leben so wenig unterrichtet sind! Und so wenig darüber

nachdenken! Und so vertrauend in dieser Hinsicht sind! Ich glaube,

nicht ein Prozent aller Menschen in diesem Saal haben jemals ernstlich

betrachtet, _was_ sie essen, woher ihre Mahlzeit kommt. Sie wissen nur,

daß der Kellner sie aus der Küche holt. Das ist alles. Von den damit

verbundenen Schwierigkeiten und Arbeit aber hat das große Publikum nicht

die geringste Ahnung. Es sollte sich daher mehr für die Hotelküchen

interessieren, aus denen es seine Speisen bezieht. Allen Ernstes, gnädige

Frau! Jede Küche sollte dem Publikum zugänglich sein. Die Wirte sollten

es eine Spezialität machen, sollten stolz darauf sein, ihre Gäste durch

die Räume führen zu können, woher die guten Dinge stammen. Das Publikum

würde dabei profitieren und desgleichen die Speisen, der Wirt und

seine Angestellten. Die Gäste würden einen Einblick bekommen in die

Schwierigkeiten, die sie dem Wirt durch ihre Mahlzeit auferlegen. Sie

würden dann auch in ihren Anforderungen an die Angestellten gerechter und

vernünftiger werden. -- In Lokalen, wo man nicht allzuviel auf Propretät

hält und dadurch die Gesundheit des Publikums gefährdet, würden häufige

Kücheninspektionen der Gäste geradezu wunderbar wirken.

Die Hauptschwierigkeit der Gastwirtsarbeit besteht darin, daß er höchst

empfindliche, kostbare und leicht verderbliche Waren handhabt, daß jede

einzelne unserer Bestellungen besonders zubereitet und serviert werden

muß, und daß oft wegen der kleinsten Kleinigkeit ein ungeheurer Apparat

von menschlichem und mechanischem Material in Bewegung gesetzt werden muß,

um die Sache kunstgerecht auszuführen. Die zusammengesetzte Gastronomie,

die Arbeit des Wirtes und des Kellners, ist daher eine Kunst, die unendlich

viel Anstrengung, Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit verlangt. Und sie

besitzt auch alle Erkennungszeichen einer wirklichen Kunst. Eins der

ersten und am schmerzlichsten ins Auge der Seele stechenden Zeichen ist die

Undankbarkeit des Genießenden. Je mehr die Menschen genießen, um so mehr

nehmen sie Besitz vom Gegenstand ihres Genusses und vergessen dabei auf die

undankbarste Weise denjenigen, der ihnen den Genuß bereitet. Eine wahre

Kunst hat die Fähigkeit, den Genießenden auf Wolken zu heben und mit sich

fortzureißen, so daß er alles um sich her vergißt und nur sich allein

sieht, fühlt und genießt. So reicht man oft an jene unerkennbare,

gefährliche, schwindelnde Spitze höchster Genußfähigkeit heran, wo der

nicht ganz starke und selbstbewußte Mensch gewöhnlich taumelt und in

den Abgrund verachtenswertester Niedrigkeit zurücksinkt. Physischer und

ästhetischer Fraß und Völlerei sind daher ihrem Wesen nach vollständig

gleich. Und ich kann mir darum auch kaum etwas Roheres, Gemeineres und

Verächtlicheres vorstellen, als eine hastige, gedankenlose Fresserei, wo

die guten Gaben der Erde zwischen zwei plumpen, breiten Kiefern zermalmt

und einen dunklen Schlund hinuntergewürgt werden. Selbst die einfachste

Mahlzeit kann mit Ruhe und feinem Verständnis gegessen werden. So soll es

sein. Die Natur revoltiert, wenn es nicht geschieht. -- Kann man nicht auch

ein einfaches, gutes Buch mit Verstand und Andacht lesen? -- Wer es tut,

wird Nahrung für seine Seele daraus schöpfen. Wer es verschlingt, dem

gehen die Säfte und Kräfte des Kunstwerks verloren. Ich will nicht über

den Nährwert menschlicher Werke disputieren. Das Leben selbst enthält

mehr Nährwert. Denn die menschlichen Kunstwerke entstehen aus dem Leben.

Sie sind kleine, schwache Tropfen aus der Quelle des Lebens. Aber unsere

Zivilisation verlangt nach künstlerisch zubereiteten Produkten der Natur.

Ob das nun Liebesszenen oder Schweinekoteletts sind, bleibt sich gleich.

Der Kochkünstler stutzt sein Kotelett hübsch sauber zurecht, schneidet

alles Überflüssige weg. Desgleichen behandelt ein Künstler das Leben.

Beide machen uns die Rohmaterialien genießbar. Ich möchte wirklich

kein rohes Stück Fleisch genießen noch einer prosaischen Liebesszene

beiwohnen, während geschmackvoll zubereitet, solche Dinge unschätzbar

sind. Wir sind verwöhnt. Wir wünschen auch Saucen, kräftige, warme

Suppen und niedliche Süßspeisen. --

Der feine, moderne Wirt ist ein kulinarischer Impressario. Er ist der

einzige legitime Kollege jener Kunstgrößen, die ihr Material aus

der Quelle des Lebens schöpfen und ihre Kunst daran versuchen, um die

verwöhnten raffinierten Forderungen der modernen Menschen zu befriedigen.

Man soll den Mann, der seine Kunst, sein Geschäft versteht, hochschätzen.

Man soll seine Kunst ehren. Und dies kann man nicht besser, als indem man

sie gründlich _kennt_, gerecht kritisiert und zu beurteilen versteht.

Die meisten unserer Zeitgenossen haben aber leider keine Zeit und kein

Verständnis weder für Essen noch für sonstige Kunst. Daher die vielen

schrecklichen Fälle von geistiger und körperlicher Dyspepsie in unseren

Tagen.

Dyspepsie der Zeitgenossen ist ein großes Kapitel in der Leidensgeschichte

des armen Kellners. Das ästhetische Barbaren- und Protzentum unserer

Zeit, welches die Mittel hat, sich die bestmöglichsten kulinarischen

und künstlerischen Genüsse zu verschaffen (weil solches zum guten Ton

gehört), kennt keine Grenzen. Roh und ohne Verstand verschlingen diese

bedauernswerten Leute alles, was auf dem Markte erscheint. Das Resultat ist

ein entsetzliches. Sie treiben durch ihre Unkenntnis und Verschwendung die

Preise in die Höhe, ihre Sucht nach Außergewöhnlichem, nach Neuheiten,

nach Ausschließlichem beeinflußt die Produktion in ganz sündhafter

Weise: das wirklich Gute, das Bescheidene wird erstickt. Schließlich

werden sie überfüllt und der besten Dinge überdrüssig. Sie schmähen

die armen Wirte, beschimpfen die Kochkünstler, malträtieren die Kellner

auf die schrecklichste Weise. Sie tyrannisieren die armen Künstler und

Literaten, nennen sie hirnverbrannte Idioten, nachdem sie diese

armen Teufel selber gezwungen haben, ihnen allerhand süßliches und

unverdauliches Zeug vorzusetzen. Warum soll man einen Theaterdirektor

schmähen, wenn er seinem Publikum ein unsittliches, albernes, idiotisches

Stück darbietet? -- Es ist doch immer das liebe Volk, das solche Dinge

verlangt. -- Das sind die Blasierten, die Überfüllten, die Magenkranken.

Sie sind die Unglücklichsten auf der Oberfläche der Erde. -- Der geistig

rührige und körperlich gesunde Mensch (d. h. der normale, der leider

so seltene) wird bald durch Übung und Erfahrung und namentlich durch

energisches Training seines Geruchsinnes fähig sein, schlechte Koch- und

sonstige Künste schon von weitem zu schnüffeln. Er wird sich fern halten:

sein Geruchsinn wird ihm riesig viel Zeit, Geld und Enttäuschung ersparen.

Daher empfehle ich jedem, den Markt der Genüsse genau zu studieren und

sich wenig, aber nur das Beste herauszusuchen, damit er für alle Zeiten

rasch und sicher unterscheiden kann und keine Zeit- und Geldverluste an

unwürdigen Produkten erleidet. Im schauerlichen Kuddelmuddel unserer Tage

ist dies wirklich notwendig.

So? Sie meinen also allen Ernstes, daß ein Kellner nicht viel gelernt zu

haben braucht, um seinen Beruf auszuüben?! Diese Ansicht ist leicht zu

entschuldigen, denn sie ist so naheliegend und ganz allgemein verbreitet.

Gewiß, Herr Professor. In den erstklassigen Hotels treffen Sie meistens

nur gutgeschulte Leute an. Aber hie und da treffen Sie doch einen, der

sein Geschäft nicht versteht. Ich wünsche Ihnen wirklich nicht, daß Sie

jemals seine Bekanntschaft machen, wenn Sie einen guten Appetit haben.

-- Für den guten Kellner ist doch vor allen Dingen eine gründliche

Fachkenntnis von unbedingter Notwendigkeit. -- Fachkenntnis in der

Hotelindustrie heißt viel. Dort ist _alles_ »Fach«. Das ganze Leben,

Lebenskunst, Menschenkenntnis, Sprachkenntnisse, Haushaltung, Sparsamkeit,

Freigiebigkeit, Luxus, Kunst, _alles_ ist dort »Fach«. Sie können die

Fähigkeiten, die von unserem Kellner verlangt werden, nur übersehen,

wenn man sie ihrer Mannigfaltigkeit nach einteilt. Die Kenntnis der Speisen

umfaßt die Rohmaterialien und deren Zubereitung in der Küche. -- Wie

kann der Kellner als Verkäufer etwas anbieten und empfehlen, wenn er nicht

weiß, woraus die Ware besteht und wie sie zubereitet ist. Haben Sie

nicht gesehen, Herr Professor, wie entsetzlich ignorant die Mehrzahl der

Kundschaft darin ist? Nur aus diesem Grunde ist es möglich, daß es noch

viele ignorante Kellner gibt und daß sich viele Menschen in sein Feld

hineindrängen können, die keine Berechtigung dazu haben, weil sie den

Beruf nicht von Grund auf erlernt haben. Die Ignoranz des Volkes hält

das geistige Niveau des einzelnen Menschen unten. Wo keine kunstsinnigen

Menschen sind, gibt es keine große Kunst, wo kein Kläger ist, ist

kein Richter. Die anspruchslosen biederen Gemüter der Besucher eines

bürgerlichen Bierrestaurants geben sich mit der bescheidenen Erscheinung

eines Schuhmachers zufrieden, der aus Abenteuerlust oder aus sonstigen

Gründen sich als Kellner produziert. Der feine junge Mann, der uns hier in

diesem großen internationalen Hotel bedient, würde dort sehr deplaciert

sein, er würde trotz all seiner Kenntnisse unmöglich arbeiten können.

In der klassischen, französischen Küche gibt es eine unendliche Menge von

Gerichten, Platten, Saucen, Garnituren usw., deren Namen jedem anständigen

Kellner durchaus geläufig sein müssen. Er muß, genau wie der Koch, die

besonderen Eigenschaften aller Rohmaterialien kennen, die uns die Natur

zur Nahrung in so überaus reichem Maße zur Verfügung stellt, und er muß

fähig sein, ein gutes Urteil darüber abzugeben. Er muß auch ungefähr

oder ganz genau wissen, wieviel Zeit die Herstellung aller dieser Gerichte

in Anspruch nimmt. Jede Minute ist er einer verfänglichen Frage von

Seiten der Gäste ausgesetzt. Der Kellner muß sie beantworten können. Die

gründliche Kenntnis der klassischen Küche erspart ihm daher viel Zeit,

Mühe und Unannehmlichkeiten. Nehmen Sie nur einmal an, Herr Professor, in

welch schreckliches Dilemma der arme Mensch geraten kann, wenn Sie sich

bei der Bestellung eines Diners nach der Beschaffenheit der guten Dinge

erkundigen, wenn der unwissende Kellner Ihnen Erklärungen gibt, die sich

später als falsch herausstellen! Sie verweigern natürlich die nicht

gewünschten Speisen. Zufällig mögen es gerade Sachen sein, die Sie in

Ihrer tiefsten Seele verabscheuen. Ihr schöner Appetit ist verdorben. Der

Herr Direktor wird gerufen. Die Speisen sind zubereitet und nicht mehr zu

gebrauchen. Der Kellner muß den Schaden tragen, wenn ihm gar nicht noch

Schlimmeres zustößt. Das Haus verliert vielleicht Ihre Kundschaft durch

die scheinbare Kleinigkeit. Es ist schier unmöglich für einen jungen

Mann, alle die tausend fremdländischen Ausdrücke und Namen zu wissen,

womit er zu tun hat, und in oft ganz bewundernswerter Weise zieht sich der

gewandte Jüngling aus der Affäre, wenn ein Gast allzuviel wissen will.

-- Ein neugieriger Gast übernimmt oft ein großes Risiko. Es ist nicht

ratsam, zu viel wissen zu wollen. Dem gewandten Kellner gegenüber zieht

der ahnungslose Gast gewöhnlich den kürzeren. Es gibt gewissenlose

Kellnernaturen, die ihre häufig verzeihliche Unkenntnis eines pompösen

Gerichtes hinter einer geschickten Notlüge verbergen. Wenn Sie, Herr

Professor, zum Beispiel sich für ein Filet à la Soundso interessieren und

eine nähere Definition des mysteriösen Namens wünschen, die Ihnen der

Kellner zufällig nicht geben kann, so erfindet er oft statt der Wahrheit

eine wunderbare Kombination von appetitlichen Dingen, die er, falls sie

Ihren Beifall gefunden hat, kaltblütig und rücksichtslos in der Küche

ausführen läßt. Natürlich werden Sie durch den gewissenlosen Menschen

falsch unterrichtet. Sie prägen sich vielleicht den schönen Namen auf

der Karte für das lügerische Produkt des phantasiereichen Jünglings

ein, wollen bei anderen Gelegenheiten mit Ihren kulinarischen Kenntnissen

glänzen, -- was wir alle gerne tun, -- und sind dann plötzlich auf die

schmählichste Weise blamiert, wenn Sie einen auf dem kulinarischen Pegasus

sattelfesteren Gegner vor sich haben. -- Der ganz feine Kellner, Herr

Professor, aber ist eine mephistophelische Natur. Er belügt nötigenfalls

den forschenden, wißbegierigen Gast zwar auch, aber ersinnt in

höhnisch-*versteckter Weise ihm die gewünschte Lösung des Mysteriums auf

Französisch. Andächtig, aufmerksam wird der Gast lauschen, er wird sich

bemühen, zu verstehen, aber er wird nicht verstehen. Beifällig jedoch

wird er nicken, wird ein paarmal »Oui, oui« stottern, und ermattet,

besiegt hat er mit seiner Zustimmung sein Los besiegelt. Er ist

rettungslos verloren. Er hat sich heimlich willenlos, bedingungslos seinem

geschmeidigen Gegner ergeben. Er simuliert, er gibt den Anschein, als ob

er den welschen Redefluß verstanden habe, und sein feiner Betrüger

durchschaut ihn lächelnd. Denn Küchenfranzösisch zu verstehen ist

für den uneingeweihten, harmlosen Amateurphilologen eine Unmöglichkeit.

Zitternd, verwirrt bestellt er, ohne zu ahnen, was da kommen soll. Aber er

bekommt, was er bestellt hat. So ehrlich und gnädig ist sein sieghafter

Gegner. Doch dies alles sind gefährliche Spielchen. Unter den Gästen

können sich leicht Gourmets befinden, die in alle Küchengeheimnisse

eingeweiht sind, und die Episode endet mit dem schmachvollen peinlichen

Zusammenbruch des verführerischen Lügengebäudes, mag es noch so

geschickt und phantasiereich aufgebaut sein.

Wie die Speisen, so kennt der gute Kellner auch genau die tausend

Getränke, die er feilbietet. Er kennt die Eigenschaften der verschiedenen

Weine, die Qualität der Jahrgänge, die richtige Temperatur, er wählt das

passende Glas dazu. Speisenkenner gibt's entsetzlich wenig. Weinkenner sind

dahingegen schon zahlreicher vertreten. Und wehe! mit diesen Herren ist

nicht zu spaßen. Das weiß der Kellner. Darum verwendet er äußerste

Sorgfalt bei einem edlen Burgunder, einem alten Bordeaux, feinen alten

Südweinen und Vintage-Champagner. Er weiß die edlen Tropfen zu behandeln.

Er hütet sich, den gerechten Zorn des englischen Lords durch falsches

Ausschenken des Bieres zu erregen.

Gewiß, ich weiß auch, daß Sie glauben, nur Ihr wissenschaftlicher Beruf

erfordere scharfes Denken. Dem ist aber nicht so. Wenn irgend jemand in

seinem Geschäft denken muß, so ist es der Kellner. Wenn sich irgendwo

das Sprichwort »was man nicht im Kopf hat, muß man in den Beinen haben«

bewahrheitet, so ist es hier. Sie glauben kaum, welches Gedächtnis

unser Kellner besitzt. Erst wenn Sie seine Tätigkeit hinter den

Kulissen betrachten, werden Sie erfahren, welche Kunstfertigkeit, welche

Wissenschaft das feine Service ist, wie unendlich viel Übung, Gewandtheit,

Geschicklichkeit und vor allem Gedächtnis es erfordert. Es ist schwer,

eine feste Regel für die Tätigkeit des Kellners zu geben, da sich das

Service je nach dem Charakter des Hauses richtet. Ich kann Ihnen aber

wirklich nicht raten, in einem Hause lange zu bleiben, wo Sie anhaltend

schlecht bedient werden, mag das Essen oder das Haus in anderer Hinsicht

noch so gut erscheinen. Im Service zeigt sich allein die Meisterschaft des

Wirtes. Durch die große Dehnbarkeit des Begriffes »Service« aber, durch

die vielen Abstufungen in der Gastwirtsindustrie sowie durch die vielen

Individuen, die in allen Nüancen auftauchen und vorgeben, Kellner zu sein

oder es sind, ohne Talent für ihren Beruf zu haben, kann wirklich nur der

erfahrene Gourmet sagen und schätzen, was gutes Service ist. -- Ich halte

zum Beispiel unseren Kellner für eine Perle, für einen äußerst

seltenen Menschen. Sein Beruf ist eine ewige Steeplechase. Nur ein eigenst

trainiertes Tier von feiner Rasse kann da gewinnen. Er scheint all

die tausend Hindernisse spielend zu überwinden. Und er macht gar kein

Aufsehens davon. Hinter unsern Rücken spielt sich ein heroisches

Ringen ab, und wir, wir amüsieren uns und merken nichts. Unser Mann ist

unbezahlbar. -- Trauen Sie daher um Gottes willen keinem Menschen und

namentlich keinem Kellner, der seine Geschicklichkeit allzusehr und zu

auffallend ins gute Licht stellt. Unter den Kellnern gibt's Jünglinge, die

überreinlich sind. Sie wischen sich den perlenden Schweiß der Stirn mit

ihrer sauberen Serviette ab, um dann gleich darauf mit demselben Linnen vor

dem Gaste ganz unnötigerweise über den reinen Teller zu fahren, nur um

ihm zu zeigen, daß alles schön sauber ist. Ich glaube aber nicht, daß

wir hier in dem erstklassigen Hause ein derartiges sauberes Exemplar von

einem Kellner antreffen. Die Leute hier sind alle gut instruiert, keine

unnötige Schaustellung von ihren Tugenden und Vorzügen zu machen und

die feine Reserve zu beobachten, die sich für jeden gebildeten Menschen

schickt. Das Haus gibt solche Regeln weniger aus ästhetischen als

aus praktischen Gründen aus. Allzu feine, auffallende Manieren eines

Angestellten könnten die der Gäste oft in sehr ungünstiges Licht

stellen. Es ist dringend ratsam, derartige Komplikationen zu vermeiden.

-- Ich habe auch erfahren, daß sich viele Neulinge auf gesellschaftlichem

Gebiete, um mit den zahlreichen ungeschriebenen menschlichen

Verkehrsvorschriften vertraut zu werden, sich die geschmeidige Person

des Kellners insgeheim als Vorbild nehmen, und sehr zu seinem Vorteil. Im

Interesse der Menschheit ist es daher erforderlich, daß der Kellner als

wichtiger erzieherischer Faktor von keinerlei unmanierlichen Angewohnheiten

behaftet sei. In den bürgerlichen Gasthäusern und Massenbetrieben zweiten

Ranges läßt die Bedienung, d. h. die Person des Kellners, viel

zu wünschen übrig. Dort sieht man viel von der vorhin erwähnten

Reinlichkeit und wunderbare Vorstellungen von Jongleur- und

Balancierkunststückchen mit Schüsseln und Platten. Der Gast des

bürgerlichen Hauses legt nicht viel Bedeutung der guten Bedienung bei. Er

erhebt keinen Anspruch auf anständiges Service. Sehr mit Unrecht. Gerade

dort sollten die Gäste und die Leitung des Hauses darauf dringen: gerade

dort sollten sich die Kellner der besten Leistungen befleißigen, um

zu zeigen, daß nicht die orchideengeschmückten Säulenhallen mit der

rauschenden Musik alleiniges Anrecht auf menschenwürdige Manieren haben.

Wir müssen die Schwierigkeiten des Kellnerberufes berücksichtigen, wie

wir persönliche ekelhafte Manieren verdammen müssen. Wir dürfen den

Kellner nicht bei einem unglücklichen Zufall schmähen: wir dürfen keine

Dienerei von ihm verlangen. Denn für das Service, wie auch für alles gibt

es schließlich eine Grenze. Manche Menschen würden allerdings sich am

allerliebsten wie Säuglinge füttern lassen, sich ihr Essen von ihrem

Kellner vorkauen lassen, wenn dies halbwegs zum guten Ton gehörte. Selbst

am königlich preußischen Hofe scheint in bezug auf Service manches

mangelhaft zu sein. Was? Sie glauben das nicht? -- Freilich, ich habe noch

nicht die Ehre gehabt, zur königlichen Tafel geladen gewesen zu sein, aber

wenn ich etwas behaupte, so habe ich meistens glaubwürdige Belege dafür.

-- Sie erinnern sich doch, Herr Doktor, des berühmten Bildes von Menzel,

das die Hofballszene oder so etwas Ähnliches darstellt. -- Nun wohl. --

Nicht nur vom künstlerischen Standpunkt aus ist das Bild interessant,

sondern auch vom allgemein menschlichen. Wer sich dieses Ballsouper --

sagen wir -- mit den Augen eines Kellners betrachtet, wird allerhand für

das Service höchst bemerkenswerte Dinge entdecken. In den lichtstrahlenden

Sälen des Schlosses wimmelt es von hohen und höchsten Herrschaften.

Es ist Tanzpause, und jeder holt sich seine Ration von dem Büfett im

Hintergrunde. Dasselbe ist nicht sichtbar, so sehr ist es von Menschen

umlagert. Die hohen Herrschaften müssen sich alle selber bedienen. Man

sieht es an ihren Haltungen und Gesichtern. Jawohl, gnädige Frau,

auch eine ganze Menge hoher Damen in prachtvollen Kleidern, deren

Mannigfaltigkeit und Farbenfeinheit das Herz eines jeden Damenschneiders

entzücken sollte. Denken Sie sich! Und jede hat einen Teller mit Speisen

auf ihrem Schoß! Und nicht einmal eine Serviette bei der Hand! Ist das

nicht shocking!? -- Die herrlichen Toiletten laufen große Gefahr, befleckt

zu werden. -- Was meinen Sie? Vergessen? Nein, ich glaube nicht, daß Adolf

Menzel so leicht etwas vergißt. -- Die Kavaliere selbst müssen Kellner

spielen und sich um ihre Damen bemühen, ihnen Wein und Speisen reichen und

die gebrauchten Teller abnehmen. Im Vordergrunde links, wenn ich mich gut

erinnere, steht eine Gruppe von drei Herren, ein Hofprediger, ein General

und ein Diplomat. Der Diplomat nimmt eine höchst komische Stellung ein. Er

hat seinen Hut zwischen die Knie geklemmt und ißt von einem Teller, den

er höchst umständlich und unbequem in der Luft halten muß. Auf dem Rande

des Tellers balanciert sogar ein Weinglas. Der Herr Prediger befindet sich

in nicht minder unbequemer Lage. Mit der Linken hält er seinen Teller in

der Luft und versucht mit der Rechten, etwas darauf zu zerschneiden. Das

ist ja fast unausführbar. -- Die Seitentische und Kamingesimse sind

mit Bergen von schmutzigem Geschirr beladen. Es herrscht die größte

Unordnung. Auf dem Kamin allein kann man sieben geleerte Champagner-

und Rotweingläser zählen. Ich wette, im Ballsaal unseres Hotels würde

dergleichen nicht geduldet. -- Auf einem herrlichen goldenen Stuhle mit

rotem Plüschsitz liegen gebrauchte Teller, Gläser und Bestecke. Ein

galanter Ulanenoffizier, der sich eben zu einer Dame in Rot niederbeugt,

dreht den Sachen auf dem Stuhl die Kehrseite zu und wird sich im nächsten

Augenblick in Gegenwart seiner Angebeteten in die Sauce hineinsetzen, wenn

er nicht aufpaßt. Aber wer paßt denn in Gegenwart von schönen Damen auf

Sauce auf!? -- Ein wohlbeleibter Admiral hat eben seine Portion gegessen

und versucht, sein Geschirr auf den schon voll geladenen Seitentisch

niederzustellen. Er schneidet dabei ein sehr verdrießliches Gesicht, was

wir ihm bei einem solchen Service auch nicht verdenken können. -- Wie

gesagt, überall in dem bunten Gewühl müht man sich mit Speisen und

Getränken ab. Im Hintergrunde reckt sich verzweifelt ein Arm hoch

über die Häupter der Gäste hinaus. Die Hand hält krampfhaft einen

vollbeladenen Teller fest, der sich sehr verdächtig nach vorne neigt.

Es sieht ganz aus, als ob der Träger den vor ihm stehenden würdigen

Glatzkopf mit der Sauce taufen wollte. -- Sehen Sie, meine Freunde, das

würde ich nicht als gutes »Service« bezeichnen. -- O ja, ich glaube ganz

bestimmt, daß der Maler Menzel das Service am königlichen Hofe sehr gut

gekannt hat. Menzel hatte wunderbar gute Augen. Er interessierte sich für

alles, was um ihn herum vorging. Und er war häufig zur Hoftafel geladen.

Ich habe ihn aber trotzdem oder gerade darum stark im Verdacht, daß er

zugunsten seines köstlichen Humors den Mangel an gutem Service in der

Ballszene ein wenig übertrieben hat. --

Um seiner internationalen Kundschaft entgegenkommen zu können, werden

von unserem Kellner gute Sprachkenntnisse als eine Selbstverständlichkeit

vorausgesetzt. Überall verlangt man, daß er wenigstens der drei

Hauptsprachen mächtig ist. Beherrscht er diese, so gehört die ganze Welt

ihm. Wohin er auch kommen mag, überall wird er Stellung finden. Ein

guter Kellner begnügt sich nicht damit, wenn er in fremden Sprachen etwas

radebrechen oder sich mit einigen Phrasen verständlich machen kann. Die

meisten können sich daher mit ihren Gästen aus fremden Ländern sehr

geläufig unterhalten, einzelne beherrschen verschiedene Sprachen durch

viele Übung in ganz ausgezeichneter Weise. Der junge Kellner, nachdem er

ausgelernt hat, versäumt keine Zeit, ins Ausland zu gehen und sich die

nötigen Sprachkenntnisse zu erwerben. Das ist natürlich meistens die

einzige, aber auch die beste Methode, die ihm zu Gebote steht. Einige

grammatikalische Vorkenntnisse wirken allerdings gewöhnlich Wunder. Aber

man erlernt die Sprache auch ohne Lehrer, wenn man muß. Karl Schurz, der

große Deutsch-Amerikaner, erzählt in seinen Memoiren sehr lehrreich, wie

er, der Flüchtling mit Familie, arm, ohne Freunde, ohne ein Wort Englisch

zu können, in Amerika landete, seinen Lebensunterhalt erwerben mußte und

sich ohne Lehrer seine erstaunliche Meisterschaft der englischen Sprache

aneignete. Er brachte es damit bis zum General und Staatsmann und war einer

der besten und beliebtesten Redner in der englischen Sprache. Das ganze

Geheimnis der Schurzschen Methode war, daß er eifrig Zeitungen las und

kein einziges Wort entwischen ließ, dessen Sinn ihm unbekannt war. Er

schlug beharrlich in seinem Wörterbuch nach, bis er es gefunden und

verstanden hatte.

Wenn wir von dem sprechen, das unser Kellner kennen und wissen muß, so

darf ich Sitten und Gebräuche nicht vergessen. Für einen Menschen,

der mit den Herren aller Länder und deren Untertanen zusammenkommt,

gleichviel, in welcher Stellung oder Lebenslage, ist es wertvoll, ja oft

unbedingt notwendig, daß er die betreffenden Sitten und Gebräuche

dieser Menschen kennt, wenn er mit ihnen erfolgreich geschäftlich oder

gesellschaftlich verkehren will. -- Was ist Heimweh? Nur die Wirkung

einer Veränderung der Sitten. Was ist das Geheimnis des Erfolges oder des

Unterganges so vieler Menschen in der Fremde, im Auslande? Doch nur die

Fähigkeit oder Unfähigkeit, die betreffende Sprache möglichst

geläufig zu handhaben und vor allem sich in das Wesen der neuen Umgebung

hineinzuarbeiten und es zu studieren. Sprache, Ausdrücke, Phrasen,

Manieren, Sitten, die in Berlin vielleicht als Etikette und Eleganz

bewundert werden, sind zum Beispiel in Paris unverstanden, wirkungslos,

ja oft geradezu verhaßt und beleidigend. Was man in London tut, denkt,

spricht, ißt, für ~smart~ hält, gilt vielleicht in Rom nicht. Wenn

ich als Deutscher zum Beispiel eine höfliche Phrase, ein Kompliment in

englisch oder französisch ausdrückte, wie ich es mir in Deutsch denke, so

würde ich Gefahr laufen, mich unsterblich zu blamieren. Daher wundert

sich mancher, daß er im Auslande kein Glück hat und verhaßt ist oder

belächelt wird. In Europa erkundige ich mich höflich beim Herrn Gemahl

nach dem Befinden der gnädigen Frau. Ein vornehmer Orientale, der noch

Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte, wollte mich einmal für

eine derartige Frechheit schinden lassen. In Deutschland esse ich zum

Frühstück gekochte Eier aus der Schale, in Amerika lasse ich mir die

Eier vom Kellner aufbrechen und in einem Wasserglase zubereiten. Sowohl in

Europa wie auch in Amerika halte ich sehr viel darauf, daß die Eier, die

mir vorgesetzt werden, möglichst jung sind. Als ich China bereiste und

Gast eines hohen Würdenträgers war, mußte ich Eier, die schon zwei Jahre

alt waren, zu den größten Delikatessen rechnen, um nicht meinen Gastgeber

zu beleidigen! -- Wenn ich die Ehre habe, gnädiges Fräulein, Sie auf

einer deutschen Großstadtstraße zu begleiten, so lasse ich Sie nicht

gerne zu meiner Linken gehen. Würden wir dagegen zusammen auf der Fünften

Avenue in New York promenieren, so würde ich stets an der Außenseite des

Trottoirs auf dem Rinnstein hin und her balancieren müssen, um Sie mit

meinem Körper gegen den Schmutz und die Gefahren des Verkehrs zu

decken. So gibt es in allen Ländern zahllose ungeschriebene Gesetze der

Lebensweise und des Umgangs mit Menschen. Die Unkenntnis derselben schützt

-- wie bei den geschriebenen -- nicht vor Strafe. Ein kleiner Verstoß

dagegen kann oft viele direkte oder indirekte böse Folgen nach sich

ziehen. Denn es ist unglaublich, wie feinfühlig selbst oder gerade die

dickhäutigsten Menschen in bezug auf ihre Sitten und Gebräuche sind und

wie leicht sie sich darin kränken lassen. Unser Kellner weiß Bescheid. Er

bringt dem Amerikaner einen Teelöffel mit der Orange, ohne aufgefordert

zu werden. Er schenkt ihm das frostige Eiswasser ein, das er mir nicht

anzubieten wagt. -- Er weiß, daß ich Trauben, Äpfel, Ananas, Nüsse und

andere köstliche Früchte gerne genieße, wie sie gewachsen sind. Seinem

Gaste aus dem Yankeelande mischt er stillschweigend diese Dinge mit Essig

und Öl und Pfeffer und Salz an. Er findet nichts komisch, nichts fremd,

nichts lächerlich. Er ist geschmeidig, und nach der einfachen Regel der

Höflichkeit paßt er sich den Dingen an, wie sie sind. -- Unser Kellner

redet seine Gäste mit dem ihnen gebührenden Titel an. Er weiß meistens

sehr genau, die richtige Anrede zu gebrauchen. Von exotischen und

zivilisierten Majestäten und Hoheiten herab bis zu den ganz gewöhnlichen

Baronen und Exzellenzen und Räten. Der Gothaer Almanach und die Rangliste

sind ihm ein Vademekum und Handpostille. -- Natürlich, das ist sein

Geschäft! -- Er tituliert seine Leute, wie ein Stiefelwichser Schuhe

schmiert. Je mehr, je besser.

Unser Kellner ist auch mit allen Tagesereignissen auf dem laufenden. Er

ist ein eifriger Zeitungsleser, er kennt die Schönheiten und

Sehenswürdigkeiten seiner Stadt, die Vergnügungen und Theater usw., und

kann in dieser Hinsicht seinen Gästen jede gewünschte Auskunft erteilen.

Ja, meine Freunde, könnte ich Sie nur davon überzeugen, daß ein guter

Kellner ungefähr alles wissen muß. Seine Gäste verlangen es. Je mehr

Fragen er beantworten kann, um so besser ist's für ihn. Er wird niemals

auf eine Frage sagen »ich weiß es nicht«: er wird niemals eine Bitte

abschlagen, sondern sich vorher erst erkundigen. -- Wie, Sie glauben nicht,

daß unser Kellner auch musikalisch ist? -- Ich möchte wetten, daß er

etwas von Musik versteht, denn das gehört auch zu seinem Geschäft, zu

seiner universellen Ausbildung. Denn wie er alles kennt, was das Geschäft,

also er, der Verkäufer, feilbietet, so ist er auch mit den Dingen

vertraut, die zwar nicht unmittelbar in den Bereich seiner Tätigkeit

fallen, die aber immerhin enge damit verknüpft sind und sich ihm ungerufen

aufdrängen. -- Bitte, sehen Sie sich doch nur unseren Tisch an, meine

Herrschaften. Winkt nicht hier ganz dicht neben dem kulinarischen Programm

auch noch ein anderes zierliches Kärtchen, das musikalische Menü?! --

Ist es nicht zugleich das schönste Dokument für die Genußfähigkeit des

zwanzigsten Jahrhunderts? Ja, diese ist wunderbar stark entwickelt. Ich

als wohlerzogener Sohn meiner Zeit muß offen gestehen, daß ich

das kunstvollste Diner, den besten Wein und Wagner-, Strauß- oder

Debussy-Musik gleichzeitig einnehmen kann, ohne daß -- wie Sie sehen --

unsere geistreichen Gespräche über das Verhältnis der Gastronomie zu den

bildenden Künsten, über ein kompliziertes Kellnerdasein oder irgendein

beliebiges Thema und selbst in Gegenwart unserer Damen nachteilig

beeinträchtigt würden. Das sind Leistungen, wenn man auf frühere Zeiten

zurückblickt. Früher begnügte man sich mit einem oder zwei dieser vielen

guten Dinge. -- Ein gewandter und tüchtiger Börsianer bringt sogar bei

Austern und Vintage-Champagner und unter den Klängen des Pilgermarsches

aus »Tannhäuser« noch obendrein ein äußerst profitables Geschäftchen

ins Geleise. Namentlich, wenn die Musik so rührend ist, daß sie den

Zuhörer aller Weltlichkeiten entrückt, wenn der Wein sehr gut ist und

wenn der Kellner den Auftrag hat, die entstandene Leere im Glase des Gastes

so zartfühlend als beharrlich auszugleichen. Gewöhnlich ist der Vertrag

beim Braten dann schon ziemlich sicher, beim Dessert besiegelt. In der

Tat, das ist eine vielseitige Genußfähigkeit, deren sich ein antiker

Genußmensch nicht hätte rühmen können. --

Sehen Sie, meine Freunde, wenn nun das Orchester auf Wunsch irgendeines

musikverständigen Gastes oder aus irgendeinem anderen Grunde irgend etwas

intoniert, das auf dem zierlichen Kärtchen nicht verzeichnet ist, so

werden vielleicht viele Gäste, die gerade die nächste Nummer als ihr

Leib- und Magenstück sehnsüchtig erwartet hatten, plötzlich bei ihrem

Hummer oder was sie sonst gerade vor sich haben, anhalten, die Ohren

spitzen, enttäuscht aufschauen, sich den Mund mit der Serviette wischen

und sich fragend oder indigniert umschauen. Und wenn sich ein Gast auf

diese Weise umschaut, so wird sein Kellner sofort und mit verbindlichem

Lächeln herantreten und sich nach der Ursache der plötzlichen Störung

erkundigen. -- Denken wir uns nur in eine solche Lage hinein. Die Situation

ist kritisch. Ich hatte Ihnen vielleicht erst kurz zuvor alle Feinheiten

des erwarteten Stückes erläutert, es war vielleicht zufällig das

Bravourstück unseres vorzüglichen Kapellmeisters, wir waren alle gespannt

und auf den Genuß vorbereitet -- da sieht man sich plötzlich durch die

Hinterlist der Umstände im Stich gelassen. -- Noch schlimmer wird es,

wenn zufällig niemand von uns das unerwartete Stück kennt, wenn jeder

in hellster Verzweiflung auf der Suche nach dem Titel beim besten Willen

»gerade nicht darauf kommen« kann. Was ja hin und wieder vorkommt,

obgleich jeder wohlerzogene Mensch so viel Konzerte und Opern besucht haben

muß, daß er nötigenfalls die Hauptarien wenigstens mit den Lippen zu

flöten imstande ist. -- In einem solchen Dilemma, wo mich mein Gedächtnis

hintergeht, würde ich im Interesse der Kunst keinen Augenblick zögern,

die Kenntnisse und Dienste des hilfsbereiten Kellners in Anspruch zu

nehmen. Und der allwissende und allriechende junge Mann wird mir sofort

bescheiden, unauffällig und diskret mitteilen können, was ich wissen

will. -- -- Sie glauben, er müßte sich wohl zuerst beim Kapellmeister

erkundigen? -- O nein! Ich wollte wirklich, ich könnte unseren Kellner

nur einmal auf die Probe stellen. Denn, sehen Sie, er hat nicht immer Zeit,

sich seinen Weg durch das himmlische Gedränge entschuldigend, schlängelnd

zu bahnen und den Kapellmeister oben auf dem Balkon zu konsultieren. Und

wehe, wenn er die gewünschte Auskunft aus Unwissenheit ablehnen müßte!

Der Oberkellner würde sehr bald zu hören bekommen, daß seine Leute

ungebildete, rohe Menschen seien. -- Ich wette, daß unser Kellner sogar

die allerneuesten Schlager kennt. -- Das tut jeder, meinen Sie? -- Ich

glaube dagegen, daß nur die allerwenigsten Menschen diese Produkte kennen.

-- Denn wenn ich sage »kennt«, dann meine ich, daß er sie durch und

durch kennt, daß er aus dem »Schlager« heraus hört, wie die Missa eines

Palestrinas verstümmelt und zerhackt wird, daß er aus dem Geschmetter

und Gezirpe vernimmt, wie das Tempo eines Largos bis zur Unkenntlichkeit

beschleunigt und mit Benzinnervosität durchsetzt wurde, damit daraus

all die bewundernswerten Dinge entstehen, die sich so großer Beliebtheit

erfreuen, die jeder überall summt, pfeift und brummt, wenn er nicht gerade

an Verdauungsstörungen leidet und sich so dank diesen Störungen ein

stillschweigendes Verdienst um die Menschheit erwirbt.

Da große und kleine Oper, alte und moderne Musik, »Schlager« und

»Gebete von Jungfrauen«, »Ave Marien« und »Lustige Witwen« wie ein

buntes Schallragout in tönender Fülle das Arbeitslokal des Kellners

durchwogen, so ist eine Fähigkeit zur Unterscheidung von guten und

schlechten Schallwellen im Interesse seiner Selbsterhaltung und geistiger

Gesundheit erforderlich. Und dafür sorgt der Kellner, wenn er existieren

will. -- -- Ah, das kommt ja wie gerufen! -- Sehen Sie, hier auf dem

Programm ist ein Adagio in F-moll von Schumann angesagt! -- Was spielt aber

das Orchester soeben? -- Ich werde den Kellner fragen -- er weiß es! --

Kellner, können Sie mir sagen, was da eben gespielt wird? -- Aha, ganz

richtig. Aus Peléas und Mélisande. Ich danke Ihnen.

Haben Sie gehört? Was sagte ich?! Der Mensch ist ein wandelndes

Konversationslexikon! ...

Die Moral des Hotels: Tischgespräche · 第 11 / 24 题