II.

Und was der wirkliche Geist der antiken Gastmähler ist, auf den ich so oft

hinweise? -- Ei, das ist die Freude! -- Welche? -- Nun, die Lebensfreude,

dieser jubilierende Aufruhr, den nur Vollblutgeschöpfe voll und ganz

empfinden und verstehen können. -- Ach, Herr Doktor, wie Sie mich

peinigen. Gewiß besitzen wir auch Lebensfreude, aber, aber ... Hm, worin

der Unterschied besteht? Ja, wer das sagen könnte! Wer das in die Welt

hinaus schreien könnte! Es läßt sich nicht sagen. Ein ganz großer

Dichter vermochte es nicht einmal auszudrücken. Er sagte nur sehnsüchtig,

daß es »so ganz anders« war zur Zeit, wo man die Tempel der Venus

Amathusia noch bekränzte ... Ach, und wenn Sie mich noch so hartnäckig

pressen, ich könnte nichts anderes tun, als Ihnen alle Vorgänge bei einem

Symposium haarscharf und historisch getreu hersagen. Aber würde Sie das

befriedigen? -- Das alles ist doch so wohlbekannt. Jedem Schuljungen wird

es eingepaukt. Im Varieté und bei Wohltätigkeitsgelegenheiten ist's zu

sehen. Symposien und Bacchanalien werden wunderbar getreu nachgeahmt.

Da sieht man ja alles: die Leopardenfelle, die fliegenden Kleider,

das Weinlaub im Haar, die Fackelträger, die Blumenmädchen, die

Flötenspieler, das sanfte Hirtenvolk, das Trankopfer -- die Tänze --

alles, alles ist noch ganz genau zu sehen. -- Aber? -- Aber doch »so ganz

anders«. -- -- --

Gerne, meine Damen, ich will mein Bestes tun. Ich sehe, man läßt

mir keine Ruhe! Hätte ich doch gar nichts von dieser entsetzlichen

Lebensfreude erwähnt! -- Wenn also so ein lebensdurstiger antiker Hausherr

seinen Freunden ein Gastmahl zu geben beabsichtigte, so wurde am Morgen

bei Sonnenaufgang die beste Halle des Hauses zu diesem Zwecke feierlichst

geschmückt. Gar nichts Außergewöhnliches! Ganz wie heute. An der dem

Garten zugewandten offenen Seite des Saales wurde gewöhnlich ein langer

Marmortisch aufgestellt, der nur auf einer Seite zum Essen gedeckt wurde.

Die andere Seite des Tisches blieb zur Bedienung frei. Tischtücher

gebrauchte man nicht, die Tischgeräte wurden auf die blanke Marmorplatte

gestellt. Alles, was das Haus an Silber- und Goldwaren aufbieten konnte,

wurde natürlich benutzt, das Mahl zu verschönern. Der Tisch prangte mit

Blumen; Blüten bedeckten den Fußboden, Rosengirlanden hingen mahnend

über den Sitzen der Gäste, als ein Sinnbild des Schweigens. Man plauderte

nicht aus, was man an der Tafel erfuhr. Die Rosen verboten es. -- An der

anderen Seite des Raumes standen die Amphoren, große zweihenkelige Krüge,

gefüllt mit Wein. Daneben war der Krater, ein großes Mischgefäß, eine

Bowle, worin der Wein mit Wasser vermengt wurde. Dieses Geschäft besorgte

der ~Rex Bibendi~, der Trinkmeister oder Mundschenk. Ihm zur Seite standen

bekränzte Knaben in aufgeschürzten Gewändern, deren Aufgabe es war, die

Becher der Gäste zu füllen. Nicht weit entfernt von der Weinstation, in

der Nähe des Ausganges, stand der Anrichtetisch mit Wärmebecken für

die Speisen, die aus der Küche hereingebracht wurden. Hier waltete ein

Austeiler und Trancheur seines Amtes. Er verteilte die Speisen, zerlegte

die Braten, und seine bekränzten Jünglinge reichten die guten Dinge den

Gästen dar. Während des Mahles saßen die Gäste gewöhnlich auf Schemeln

oder dreifüßigen Stühlen, nach der Mahlzeit ließ man sich auf feinen,

weichen Ruhebetten nieder, reich verzierten Möbelstücken, mit kostbaren

Decken oder Fellen wilder Tiere behangen. Im Vorzimmer hielt man

gewöhnlich für jeden Gast ein Waschbecken aus edlem Metall und kostbare,

wohlriechende Salben bereit. Das Handtuch jedoch mußte jeder Gast sich

selber mitbringen. Die Alten hielten viel auf Hygiene und verzichteten auf

die Gütergemeinschaft von Handtüchern und Servietten.

Wenn alle diese Vorkehrungen getroffen waren, wurden die Lampen

angezündet, die ihr mäßiges Licht im Raume ausstrahlten. Im Kohlenbecken

auf dem Tripod glühte bald der Weihrauch oder andere wohlriechende Dinge,

deren feiner Geruch sich mit dem Duft der Blumen vermengte. Alsdann gingen

die Diener des Hausherrn und holten die Geladenen feierlichst ab. Dann

erschienen sie, die würdigen, fröhlichen Gäste, festlich geschmückt,

Haupthaar und Bart mit wohlriechendem Öl gesalbt, leicht gekleidet in

einfachen weißen oder zartbunten Gewändern, und die Häupter zierten

Blumen-, Weinlaub oder Lorbeerkränze. Herzlich wurden sie von dem

lächelnden ~Symposiarch~ an der Schwelle des Hauses empfangen. Darauf

sprangen Sklaven heran, die den Gästen die Sandalen lösten, die Füße

wuschen und dieselben mit feinen Spezereien salbten. Nun begann die

Tätigkeit des Haushofmeisters. Lachend und scherzend begab man sich zur

Tafel; auf ein Zeichen des Haushofmeisters brachten die bekränzten Kellner

das feine, Appetit erregende Horsd'œuvre und setzten es, über den

Tisch hinüberreichend, vor die Gäste nieder. Inzwischen war auch der

Trinkmeister geschäftig. Mit seinem silbernen Schöpfkrüglein tauchte

er in die Tiefe des Kraters und füllte die bereitstehenden ~Poculae~

mit kühlem Wein, den seine hochgeschürzten Weinkellner darauf lächelnd

kredenzten. Und feierlich erhoben sich nun alle Gäste und stießen auf das

Wohl des obersten Gottes Zeus Soter oder der Göttin der Gesundheit Hygieia

an.

So verlief das Mahl. Man gedachte der abwesenden Freunde und Frauen und

trank auf ihr Wohl. -- Nein, gnädiges Fräulein. -- Die strengen Griechen

gestatteten ihren Damen nicht, an Festmählern teilzunehmen, waren aber

rücksichtsvoll genug, sich ihrer Gattinnen und Töchter zu erinnern. Die

Römer jedoch schienen Damengesellschaft mehr zu schätzen. Man saß nach

unserer heutigen Sitte paarweise zusammen; die Frauen nahmen an allem,

was die Männer taten, teil. Das eigentliche Essen war gewöhnlich bald

vorüber. Unsere unzähligen Gänge kannte man nicht. Man begnügte sich

mit Fisch, Braten, Gemüsen; der Nachtisch, süße Speisen und Früchte,

bildete den Schluß. Nach jedem Gang wurde der Marmortisch gründlich

gereinigt und den Gästen frisches Waschwasser in den Becken gereicht.

Bestand die Tischgesellschaft nur aus Männern, so wurden oft ernste und

philosophische Gespräche geführt. Man besprach Ereignisse, öffentliche

Angelegenheiten, die Reden der großen Männer. Waren solche Koryphäen

selbst anwesend, so suchte man ihre Gesellschaft, lauschte ihren

Worten, vertiefte sich oft in ernste, wissenschaftliche Gespräche. In

Männergesellschaft geht's natürlich oft auch übermütig zu. Da sprühte

Geist und Witz, man uzte sich und zog sich auf, und die Hallen erschollen

vom fröhlichen, gesunden Lachen der lustigen Menschen. Ein beliebter

Scherz war, einem Freunde auf das Wohl einer abwesenden heimlichen Freundin

zuzutrinken. Der Betreffende mußte alsdann so oft seinen Becher leeren,

als ihr oder sein Name Buchstaben enthielt. Oft auch erhob sich ein

fröhlicher Zecher und sang mit dem blumenumwundenen Pokale in der Hand ein

Tischlied, das ~Skolion~, welches, je nach seiner Art heiter oder ernst,

den Beifall der Zuhörer erntete. Zum Schluß des Mahles wurde meistens

die letzte gemeinsame Runde den freundlichen Schutzgeistern des gastlichen

Hauses dargebracht. Alsdann nahm man auf den Ruhebetten Platz, und es

strömte eine Schar von Sängerinnen und Flötenspielern herein, die

Gäste mit ihrer Kunst zu erheitern. An Tänzerinnen, Lustigmachern und

Possenreißern fehlte es auch nicht. Diese Leute wurden alle reichlich

bewirtet, und ganz wie heute, je mehr sie dem Weine zusprachen, um so

leidenschaftlicher und heißer übten sie ihre Kunst aus. Verlockend

klangen dann die Flöten, begeistert die Gesänge, und die Mänade raste

verzückt um das schweigende Marmorbild des Dionysos, während sich von

ihren heißen Lippen der ekstasische Schrei »~Evoe! Evoe!~« rang. --

Oft erhoben sich auch die Gäste und spielten mit. Sie forderten ihre

bekränzten Kellnerjünglinge gleichfalls auf, ihnen in dem bacchantischen

Zuge zu folgen, und alle vereinigten sich zum wilden Tanze, wo sie im

begeisterten Ausbruch von irdischer Freude den Saal, die Gärten, vorbei

an plätschernden Brunnen, die stille Nacht und die Säulengänge des

Peristils durchtobten und sich dem berauschenden, flammenden Feuer ihres

Freudedurstes ergaben. Alle stimmten sie ein in den Lobgesang auf die

Schönheit, und höchstens die alten und besonnenen Philosophen schauten

innig lächelnd dem wilden Treiben zu. -- -- So endete das Fest, und

beladen mit Andenken und wertvollen Geschenken nahmen die glücklichen

Gäste vom ~Symposiarch~ Abschied.

Sie sehen, meine Herrschaften, ich vermochte Ihnen nichts Neues zu sagen.

Was ich erzählt habe, sind altbekannte Tatsachen. Die antike Lebensfreude

bleibt unerklärt und unerklärlich. Und was die geräuschvolle Prozession

durch die Säulenhallen anbelangt, so hält uns unser angeborenes

Anstandsgefühl und die Herrin des Hauses oder die Polizei von derlei

Geschmacklosigkeiten ab.

Mit dem leidigen Verfall der Antike, der wachsenden Macht und Ausdehnung

des Christentums und den Bewegungen der barbarischen Völker artete die

besagte heidnische Freude der Gastmähler langsam aus, nahm immer mehr und

mehr ab und starb schließlich gänzlich. Obgleich die Kirche niemals eine

Feindin des Weines war und ihren Gläubigen nie ausdrücklich den Genuß

des Weines verbot, so ist es doch ihrem direkten Einflüsse zuzuschreiben,

daß die Freude des Altertums wich. Daraus geht ganz deutlich hervor, daß

diese rätselhafte Freude nicht eigentlich im Weine enthalten ist.

Noch lange hielten die ersten Christen an vielen heidnischen Sitten und

Gebräuchen fest, aber allmählich versanken sie in die Dunkelheit

der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, von denen kein schönes

Streifchen Licht auf unsere Tage gefallen ist. Wie sich die Alten mit der

Lebensfreude befaßten, so befaßten sich die Christen mit der Todesfreude.

Man hatte gelernt zu sterben, aber zu leben verlernt. Und wenn man

verlernt zu leben, so verlernt man auch zu essen. So wissen wir gar nichts

Nennenswertes von den Sitten und Tafelgebräuchen der Völker des vierten

bis achten Jahrhunderts. Wir haben auch nicht viel verloren. Man kann

sich leicht denken, daß die Gelage, wenn es solche gab, nichts als große

Fressereien waren. Eine Miniatur, das einzig existierende Dokument, stellt

anschaulich dar, daß man im neunten und zehnten Jahrhundert in Paris die

Notwendigkeit eines Tisches bei einem Mahl erkannt hatte. Wir sehen auf

dem Bildchen eine Tafelgesellschaft auf klobigen Schemeln an einem runden

Tische sitzen. Die Runde ernährt sich redlich aus einer gemeinsamen

Schüssel in der Mitte. Tücher und Teller gibt es nicht. Man hält den

Braten mit den Fingern auf einem großen Stück Brot und bearbeitet die

Masse mit einem dolchartigen Instrument. Statt der Blumen liegen abgenagte

Knochen allenthalben umher. Hinter den Schmausern stehen Weinkrüge auf dem

Boden, deren Umfang auf einen respektablen Durst schließen läßt.

Erst auf den Bildern aus dem dreizehnten Jahrhundert kann man eine Wendung

zum Bessern entdecken. Das Tischtuch erscheint. Und erst gegen Ende des

vierzehnten Jahrhunderts scheint man sich Etikette und menschenwürdige

Tafelsitten angewöhnt zu haben. Aber selbst auf Bildern aus viel

späteren Perioden, namentlich auf den Werken der frühen deutschen und

niederländischen Meister kann man Gastmahlsszenen betrachten, die, wenn

sie nicht übertrieben sind, wahre Orgien von Fraß und Völlerei gewesen

sein müssen. Die Chronisten und Geschichtschreiber des Mittelalters hatten

anscheinend großen Respekt vor derartigen Funktionen und berichteten viel

in ihrer langweiligen Weise von den Festessen und Mählern ihrer Tage.

Öffentliche Schmäuse wurden viel und bei jeder kleinen Gelegenheit

abgehalten. Die Hallen der Burgen oder der Rathäuser waren meistens die

Stätte eines Banketts. An Ermangelung genügend großer und passender

Lokalitäten nahm man aber auch gerne mit der Wiese und dem freien Himmel

vorlieb. Man pflegte auf Bänken an den Tischen zu sitzen. Daher der

Name »Bankett«. Bei einem ritterlichen Bankett saßen die Herren und

Ehrengäste an einer erhöhten Tafel unter dem Baldachin. Die Tische waren

hölzern, lang und schmal, und wie im Altertum war eine Seite für die

Bedienung frei. Die Germanen gestatteten ihren Frauen zwar, an den Banketts

teilzunehmen; die Frauen mußten sich aber an separaten Tischen abfüttern

lassen. In den romanischen Ländern dagegen saß man paarweise in Eintracht

zusammen.

Mit der Entwicklung der Künste und des Handwerks im Mittelalter nahm auch

das Tafelgerät an Schönheit und Vollkommenheit zu. Die Speisesäle

wurden nun mit kunstvollen Gestellen, prächtig gearbeiteten Schränken und

niedlich geschnitzten Anrichtetischen ausgestattet. Kostbares Silberzeug,

blanke Silber- oder Zinnteller, feine Gläser und irdene Geschirre

zierten die Tafeln der Reichen. Die Festhallen wurden reich mit Fahnen und

Girlanden dekoriert, die Tische sinnvoll mit Blumen geschmückt. Die feinen

linnenen Tischtücher wurden meistens so gefaltet, daß man sie, wenn sie

beschmutzt waren, umschlagen konnte. Bei besonders großen Festessen

traten zwischen den einzelnen Gängen fahrende Sänger und Schauspieler,

Possenreißer, Hanswurste, Akrobaten, Bänkelsänger und andere Klageweiber

der Fröhlichkeit auf, damit die Esserei möglichst lange währe. Oft

wurden ganze Theaterstücke zwischen den einzelnen Gängen gespielt. Da

es meistens viele solcher Gänge gab, dehnten sich diese Prunkschmäuse

entsetzlich aus und kosteten viel Geld.

Bei den großen Staatsbanketts, wo alle Fürstlichkeiten zusammenkamen,

mußten gewöhnlich die Edelleute des Landes eigenhändig »des Kaisers

heilige Macht« bedienen. Oft wurden die schweren Schüsseln von einem

Edlen zu Pferde, begleitet von dem Geräusch der Hörner und Pauken, in

den Saal getragen, und der tapfere Ritter präsentierte sie kniend dem

Landesherrn. Die Ämter eines Mundschenks, Truchsesses usw. waren eine

besondere Ehre, welche die Majestät nur seinen Günstlingen verlieh,

und der Titel war gewöhnlich erblich. -- Nachdem die guten Gaben so

präsentiert waren und das Wohlgefallen des Gewaltigen erregt hatten,

waltete der Vorschneider seines Amtes, zerlegte die Stücke kunstgerecht

und ließ sie auf den Tisch stellen, damit sich jedermann nach Herzenslust

bedienen konnte. Die Getränke waren wohlweislich unter der Oberaufsicht

des fürstlichen Mundschenks. Der Haushofmeister, welcher die Bedienung von

den Seitentischen aus leitete, war die Seele des Ganzen.

Die Schauessen und Banketts des Mittelalters haben mehr oder weniger alle

das Gepräge einer großen Fresserei. Man gab weniger um die Qualität der

Speisen als um die Hauptsache: daß man genug davon hatte. Daß bei

solchen Gelegenheiten Trunkenheit und Roheit oft überhand nahm, ist

selbstverständlich. Namentlich die Deutschen, die Engländer und die

Niederländer haben Großes in der Vertilgung von kolossalen Mengen von

Speisen und Getränken geleistet. Aber selbst die großen Ästhetiker der

italienischen Renaissance scheinen keine hervorragenden Künstler der Tafel

gewesen zu sein. Erst im siebzehnten Jahrhundert begann man in Paris mit

der wachsenden Kultur auch an die Verfeinerung der Küche, des Essens und

der Tafelsitten zu denken. Es war die Renaissance der Kochkunst. Und

aus dieser großen Bewegung entstand die große klassische französische

Küche, deren wir uns heute noch erfreuen, eine Kunst, vom praktischen

Standpunkt aus vielleicht die wichtigste der Menschen, vom ästhetischen

aus, würdig, den neun Musen beigefügt zu werden. --

Zur gleichen Zeit entstanden in Paris als das Zentrum der damaligen Welt

schöne, große Gasthöfe, die »Hotels« genannt wurden. Es ist der

zögernde Anfang der modernen Hotelindustrie, denn die öffentlichen

Gasthäuser im Mittelalter waren durchweg und überall sehr schlecht. Seit

dem grauen Altertum hatte man gar keine Fortschritte darin gemacht, ja,

man war zurückgegangen. Die bedauernswerten Reisenden waren auf die

Gastlichkeit ihrer Freunde in den Städten angewiesen oder hielten in

den Klöstern Einkehr. Die Klosterbrüder waren jahrhundertelang die

beliebtesten Gastwirte. Das Kloster von St. Gallen hatte bereits

im neunten Jahrhundert ein berühmtes öffentliches Gasthaus. Das

französische »Hotel« wurde bald nach seinem Erscheinen in London

erfolgreich nachgeahmt, und einige Gasthöfe dort gelangten zu großer

Berühmtheit. In Deutschland fanden Unterkunftsstätten für Reisende

nach französischem Muster erst viel später Eingang. In der Ära der

Postkutsche ist das Hotel aber noch immer ein sehr mäßiger, bescheidener

Betrieb. Das Dampfroß jedoch brachte einen gewaltigen Umschwung. Trotzdem

hat sich der Kleinbetrieb des Hotels aber bis in unsere Tage hinein

erhalten, und das ganz moderne Riesenhotel ist ein charakteristisches Kind

der jüngsten Jahre, einer entschieden neuen Zeit, und hat das Licht der

Welt in einem neuen Lande, in Amerika, erblickt.

Also auch etwas über die technische Entwicklung der Kochkunst soll

ich sagen! -- Mit größtem Vergnügen, gnädige Frau. -- Warum ich so

»teuflisch« lächle? -- Nun, ich finde es so tragikomisch, daß die

Frauen sich immer für dasjenige, wozu sie am wenigsten Geschick haben, am

meisten interessieren, oder besser, interessieren müssen. -- Nein, meine

verehrten Damen, zum Kochen haben die Frauen nun einmal absolut kein

Talent. -- Wie? Das Allerneueste? -- Bitte, das haben schon größere

Autoritäten lange vor mir gesagt, und ich schließe mich ihnen nur ganz

bescheiden an. Ja, ja, die bitterböse Wahrheit läßt sich nun einmal

nicht ändern. Die meisten Frauen haben dies in ihrem geheimsten Herzen

ganz schrecklich empfunden und wollen es nicht eingestehen. Und wie haben

die armen Ehemänner erst gelitten! In ihren Mägen natürlich. Aber eigene

Magenschmerzen sind grimmiger als fremde Herzensqualen. Daher die kalte

Brutalität des männlichen Geschlechts. Ich will gar nicht versuchen, der

schrecklichen Wahrheit auf den Grund zu gehen oder sie umzustürzen, es ist

aussichtslos. Sie ist ohne Hoffnung wahr. Und so müssen wir sie hinnehmen.

-- An Ungeheuerlichkeit kommt diese Tatsache nur der alten Sphinx gleich.

Und ein Rätsel stellt sie uns auf, eines der härtesten unserer Zeit.

Gesundheit, Eheglück, Kindererziehung, Heim, alles hängt davon ab. Ich

zittere, eine Lösung für das Rätsel auszusprechen. Ich wage es nicht.

Ich kann Ihnen, meine Freunde, nur seine ganze Schrecklichkeit vor Augen

führen.

Die Urmenschen waren anfangs harmlose Vegetarier und ernährten sich von

rohen Wurzeln, Gewächsen, Früchten, Heuschrecken und wildem Honig.

Mit der wachsenden Intelligenz erkannten sie aber allmählich ihre

Überlegenheit über die anderen Tiere der Erde. Und wem die Menschen

überlegen sind, das schlagen sie tot und essen es auf. So auch schon die

Urmenschen, unsere ruppigen Vorväter. Sie lernten Waffen gebrauchen, Tiere

erlegen und das Fleisch derselben essen. Mit dem Gebrauche von Werkzeugen

büßten sie aber viel von ihrer ursprünglichen animalischen Kraft ein,

sie verfeinerten sich, und es wuchs somit das Bedürfnis für zubereitete

Speisen und zuträglichere Nahrung denn die rohen Produkte der Erde. Und

aus dem Höhlenbewohner, der das blutende Fleisch des Jagdtieres auf einen

Stecken spießte und über der Flamme röstete, entwickelte sich langsam,

entsetzlich langsam im Laufe der Jahrtausende der moderne, vollendete

Kochkünstler, ein praktischer Physiker, ein dichterischer, träumender

Chemiker, ein Saucen- und Suppenästhetiker. Eine Vollendung und

Reichhaltigkeit von Genüssen, wie sie dem modernen Gourmet zur Verfügung

stehen, ist nach unseren Begriffen nicht mehr zu überbieten, selbst

nicht, wenn neue Pflanzen, Gewächse, Früchte und sonstige Nahrungsmittel

entstehen, wie Luther Burbank, der kalifornische Zauberer oder

Naturpfuscher -- wie man will und es auffaßt -- deren viele dem Schoße

der Erde entlockt. Es ist ein allgemeiner Gedanke, daß unsere Nachkommen

künftiger Jahrtausende, um dem Entwicklungsprozesse gerecht zu werden,

ausschließlich chemische Präparate und kondensierte Kraftmittel in ganz

geringen Dosen zu sich nehmen werden. Dann müßte freilich eine gänzliche

Veränderung der menschlichen Verdauungsorgane stattfinden, was ja nicht

ausgeschlossen und sogar wahrscheinlich ist. Seit dem Urzustande bis auf

unsere Zeit ist eine solche Veränderung bereits sichtlich eingetreten.

Denn unsere heutigen Mägen würden sich mit der Kost unserer Urvorväter

keine Woche lang einverstanden erklären und sehr bald dagegen rebellieren.

Vorläufig gebe ich mich aber noch gerne mit der althergebrachten,

substanziellen Füllung meines Magens zufrieden.

Die Stellung der Kochkunst zu den schönen Künsten ist, wie ich schon

erwähnte, eine ganz eigenartige. Kein menschliches Können, das auf den

Namen »Kunst« Anspruch erhebt, steht den neun Musen so nahe, wie die

nicht offizielle zehnte, die Beschützerin der brodelnden Töpfe. Der

greifbare Unterschied zwischen den schönen Künsten und der Kochkunst ist

die Materie, der Stoff und die Art und Weise des Genusses. Sie dienen vor

allem der Ernährung des geistigen oder leiblichen Menschen. Und je

mehr diese Nahrungsmittel der Seele und des Körpers verfeinert und

vervollkommnet werden, um so mehr steigert sich auch die Empfänglichkeit

und Genußfähigkeit des Genießenden und sein Verlangen nach Genuß. In

schierer Unersättlichkeit sucht er die gegebenen Mittel und Rohmaterialien

seinen Bedürfnissen gemäß herzurichten, er gräbt und grübelt, neue

Mittel, neue Wege zu entdecken. So entstehen Dionysos-Dithyramben und

~Suprême de volaille truffée~. Ob leere Worte, plumpe Marmorklötze,

giftige Farben, schreiende, brummende, zischende, flötende Töne oder die

jungen, köstlichen Körper der Geschöpfe aus dem Pflanzen- und Tierreich

zu Genußmitteln verarbeitet werden, bleibt sich im Grunde doch gleich.

Sobald der eigentliche Zweck dieser Naturgaben, nämlich der der

Ernährung, von Menschen, die nicht Maß noch Ziel halten können,

mißbraucht wird, so tritt ganz automatisch die Strafe der Natur in der

Form einer Rückwirkung ein. Der unersättliche Kunstschlemmer, wenn er

nicht gerade wahnsinnig wird, wird übersättigt, sein feines Gemüt wird

abgestumpft gegen das süße Walten der schönen Dinge, die ihm früher

Genuß und Glück bereiteten. Sie ekeln ihn an: er schmäht sie in höchst

undankbarer Weise. Er bedenkt nicht, daß sie gar nichts von ihren schönen

Qualitäten verloren haben und daß er der Schuldige ist. Er muß sich

eine Weile lang von ihnen entfernen, er muß hungern, um ihre Güte

wiederzuerkennen und seine frühere Genußfähigkeit zurückzugewinnen.

Den kulinarischen Schlemmer ereilt das gleiche Schicksal in der Gestalt

von Appetitlosigkeit, Dyspepsie oder Indigestion, wenn nicht gar schlimmere

Komplikationen eintreten. -- Für alle Exzesse gibt es eine Vergeltung.

Die Natur beschützt sich mit bewundernswerter Präzision. Nichts ist

schädlicher als eine Reihe von schönen Tagen. Man befrage Goethe. Nichts

ist schädlicher als ein beständiges Genießen von Kunstwerken. Man

sehe sich einen Museumwärter an. Ich könnte mir wirklich nichts

Schrecklicheres vorstellen als eine »ewige Seligkeit«. Das müßten wahre

Höllenqualen sein, es sei denn, daß wir uns nach unserem leiblichen

Tode sehr verändern. Nichts ist schädlicher für den Körper als eine

beständige Ernährung desselben mit den allerfeinsten Mitteln. Man besehe

sich die Tafel unserer Kochkünstler, und man wird staunen, wie

einfach diese weisen Männer leben, die doch eigentlich immer wie im

Schlaraffenlande schwelgen könnten.

Die schönen Künste machen nicht den Frieden und den Wohlstand, sondern

diese lassen jene aufblühen. Genau so ist's mit der Kochkunst. Und um nur

von der Kochkunst zu sprechen, muß man als Nichtfranzose neidlos gestehen,

daß Frankreich seit einigen Jahrhunderten das Licht der Nationen ist. Das

moderne Paris hat die Stellung des antiken Roms geerbt. Natürlich sind

die anderen Nationen als fortschrittliche Menschen dem leuchtenden

französischen Vorbilde alle mehr oder weniger gefolgt. Jedoch sind sie

in bezug auf Essen und Trinken und Zubereitung von Speisen eben doch nur

zivilisierte Barbaren oder, um den Kunstausdruck zu gebrauchen, da von

Kunst fortwährend die Rede ist, -- sie sind Kopisten.

Gewiß, Herr Doktor, ich verstehe Sie sehr wohl. Die Kopie eines Kunstwerks

kann unter Umständen in künstlerischer Hinsicht ebenso gut, ja selbst

noch besser sein als wie das Original. Ein französisches Menü von einem

deutschen Chef ist oft eine sehr achtenswerte Leistung. Aber dennoch! --

Sie, Herr Doktor, als Kunstkritiker wissen ganz genau: es sind doch nur

_die_ Menschen gute Kopisten, die nichts aus sich selber leisten können.

Seit vielen Jahrzehnten hat Deutschland versucht, gewisse französische

Lebensweisen nachzuahmen, und sie sind in mancher Hinsicht ausgezeichnet

gelungen, ja, die Originale übertroffen worden. Ein Kopist aber, der

selber etwas zu sagen hat und etwas in sich fühlt, ist ein schlechter

Kopist. Lenbach kopierte die Lateiner der Renaissance. Was war die Frucht

dieser Arbeit? -- Es entstanden Giorgione plus Lenbach, Titian plus

Lenbach, Velasquez plus Lenbach usw. An Dürers italienischen Studien

ist dasselbe Resultat zu bemerken. Werke, die Goethe aus fremden Sprachen

übersetzte, wurden sein geistiges Eigentum. -- Da Deutschland und die

anderen Nationen jämmerlich wenig Kraft in sich fühlen, eine eigene

Kochkunst zu schaffen, so ahmen sie die französische Schule sehr

erfolgreich nach. Sie sind aber nicht imstande, ihren Produkten auch nur

einen Hauch von beachtenswerter Individualität mitzuteilen. Kochen können

ist ein Talent, meine Damen, wie jede schöne Kunst ein Talent ist. Es ist

etwas in der Kochkunst, das sich nicht erlernen läßt. Es muß im Menschen

stecken. Frankreich, die Nation als ein Individuum, ein Mitglied der

kaukasischen Familie gesehen, besitzt das eigenartige, appetitliche

Talent zum Kochen wie das dunkle Schicksal den Sprößling einer biederen

Bauernfamilie zum gottvollen Musiker macht, während seine ganze Sippe

hoffnungslos und bewundernd zuschauen muß. -- Die Französinnen? Nein, das

ist das Eigenartigste an dem eigenartigen Talent der Kochkunst: es meidet

das gesamte weibliche Geschlecht. Maskulinische Kraft und Phantasieflug

sind erforderlich, um schöpferisch zwischen Kasserollen und Pfannen tätig

zu sein. Nicht etwa, weil es dem weiblichen Geschlecht an physischer Kraft

gebricht, sondern weil einfach das Talent nicht vorhanden ist. Dieser

Umstand drängt die Kochkunst in die vorderste Reihe der Künste.

Ja, ja, ich lache wieder, meine Damen. Aber nicht, weil ich Sie so

entsetzlich erzürnt habe und Gefahr laufe, Ihre reizende Gesellschaft

um meiner Kühnheit willen einzubüßen, sondern ich lache über den

sonderbaren Empfang, der der Wahrheit immer und überall bevorsteht. --

Friedrich Nietzsche hätte sich seine ungalante, geschmacklose Demütigung

der germanischen Hausfrau als eine Überflüssigkeit und Ungerechtigkeit

ersparen können. Aber wer kann's dem armen Magenkranken verdenken, daß er

gegen die Küche wettert, an welche die rüstigen Germanenmägen gewöhnt

sind. -- Die deutsche Frau wird nach einigem Zögern und Erröten

eingestehen, daß sie sich niemals Kopfschmerzen über die richtige

physiologische Zusammenstellung einer Mahlzeit macht, daß der Eiweiß-

oder Fettgehalt einer Ware sie nicht stört, daß Kohlehydrate ihr völlig

fremd sind. Das Wort schon! Ist es nicht geradezu haarsträubend in

Verbindung mit Essenswaren? -- Darum sollten Sie, meine Damen, nicht

zürnen. Es ist nicht besonders schmerzhaft für einen Menschen, zu hören,

daß er kein Talent für einen Beruf hat, den er sich nicht einmal selbst

gewählt, sondern wohinein ihn die Macht der Umstände gezwungen hat. --

Nicht wahr? -- Na also! -- -- Aber? -- Was aber? -- Wer denn in Zukunft

kochen soll? -- Wir werden sehen.

Die Kochkunst, weil sie ein eigenes Talent ist, wird daher -- wie immer --

von dem, der es nicht besitzt, überschätzt. Frankreich wüßte kaum, daß

seine Söhne Künstler am Herde seien, wenn es nicht die anderen Nationen

fortwährend zugestehen und bei ihm in die Lehre gehen müßten. Es ist ein

Irrtum, anzunehmen, daß das Wertvolle in der französischen Kultur

durch das französische Talent zum Kochen bedingt oder auch nur besonders

beeinflußt worden sei. Ein feiner Mensch sorgt selbstverständlich auch

für die Verfeinerung und Pflege des Sinnes, der im Gaumen steckt. Doch

kommt dieses Streben erst an zweiter Stelle. Der verführerische, sich

leicht aufdrängende Gedanke, daß eine primitive Küche notwendigerweise

ein Volk verdummen oder auf einer geistig primitiven Stufe erhalten müsse,

ist grundfalsch. Ebenso der Glaube, daß eine hochentwickelte Kochkunst das

geistige Leben der Nation besonders fördere. Ich glaube überhaupt nicht,

daß die Ernährung des Körpers resp. die Wahl der Speisen viel oder auch

nur etwas mit der Entwicklung der Seele zu tun hat. Das alte Sprichwort von

der gesunden Seele im gesunden Körper ist nicht zutreffend. Denn wäre

das der Fall, so müßten ja alle Reichen, alle Feinschmecker ausnahmslos

große feine Geister sein oder geistig hochbegabte Kinder haben.

Die größten Feinschmecker aber waren nie die feinsten Geister. Hat

Brillat-Savarin außer seiner Physiologie des Geschmacks nicht auch

Dichtwerke geschrieben? -- Als Dichter ist er tot, als Feinschmecker

wird er noch für klassisch gehalten. Die größten Denker, Dichter und

Künstler sind bisher fast ohne Ausnahme aus bürgerlichen, kleinen, oft

sogar sehr armen Verhältnissen hervorgegangen, wo das tägliche Menü

keine prunkende Reihe von auserlesenen Leckerbissen aufwies. Die bitterste

Armut ist ja bekanntlich sogar das Privilegium des Genies. Reichtum und

Genie hassen sich. Auch kann ich mich keines großen Mannes erinnern, der

ein traditioneller »Feinschmecker« war. Der ehemals viel verschriene

Epikuros, der Mann mit der Lehre, aus dem Leben nur das Allerbeste zu

schöpfen, war einer der bescheidensten und anscheinend anspruchslosesten

Menschen, die je gelebt haben. Er gab sich mit seinem Gärtchen, ein paar

Freunden, ein paar Feigen und einem Stück Ziegenkäse gern zufrieden.

Der eigentliche Feinschmecker, der Gourmet »~par excellence~«, ist daher

der andächtige Mensch, dem eine einfache gute Mahlzeit mit gutem Hunger

eine Art Dankgottesdienst für ein schönes Leben, gute Gesundheit und

herrliche Naturgaben ist. Darum kann jeder Arbeitsmann ein Gourmet werden.

Eine bemerkenswerte Ironie des Schicksals ist auch, daß Feldherrn wie

Lukullus, Soubise und andere, die auf dem Felde der Ehre nicht viel Glück

hatten, und Männer wie Colbert, erfolglose Staatsmänner, gefeierte

Tagesgrößen und Generale namentlich aus der Periode Louis XIV. und XV.,

sich zu Lebzeiten viel mit der Küche beschäftigten und Küchenklassiker

wurden. Während diese Menschen und ihre Taten schon lange tot sind, hat

ihr Hang nach gutem Essen sie vor Obskurität gerettet, und ihr Name lebt

mit den von ihnen erfundenen und nach ihnen benannten Gerichten wörtlich

»im Munde« von jedermann weiter.

Die Kochkunst ist, wie gesagt, ein Talent. Und für jedes Talent, das

wir besitzen, müssen wir bekanntlich ein anderes entbehren. Eine gewisse

außerordentliche Fähigkeit fördert selten eine andere. Gutes Essen ist

zunächst Nahrung, feines Essen meistens Luxus. Luxus wirkt vornehmlich

auf das Sinnenleben und dann erst als solches auf das Seelenleben. Hohe

geistige Kultur verlangt natürlicherweise auch gute Küche. Das gewisse

Etwas in der Kunst, in der Literatur, in der geistigen Tätigkeit, ja

im ganzen nationalen Leben des gallischen Volkes, welches man gerne als

typisch französisch bezeichnet und um das diese Nation mit Recht

oder Unrecht beneidet wird, ist nicht im Einfluß der verfeinerten

französischen Küche zu finden. Das wäre ein geringes Verdienst. Nein,

die außerordentlichen kulturellen Verdienste Frankreichs sind nur im

Geiste des Volkes zu suchen, und die französische Art, zu kochen und zu

essen, ist nur ein Teil, eine Folge dieser Verdienste und erhöht sie nur,

bedingt sie aber nicht.

~Anima sana in corpore sano~ ist ein vages Wort. Wie sonderbar es doch ist,

daß körperliche Leiden die Seele meist verfeinern, sie empfindsamer und

duldsamer machen. Ein körperlich und seelisch völlig gesunder Mensch

-- den es tatsächlich nicht gibt -- ist nichts mehr als eine großartige

Bestie in seinen Empfindungen, d. h. nach unsern heutigen, durch das

Christentum bestimmten Ansichten. --

Der Triumph der Pflanze ist die Blüte. Die Blütezeit ist ihr

Sinnenrausch. Dann duftet sie sich aus in Glück und Daseinsfreude. Es gibt

Insekten, deren höchster und schönster Lebensaugenblick der Sinnenrausch

ihrer Liebesszenen ist. Nach diesem Taumel müssen sie zugrunde gehen und

Platz machen für andere Generationen. Wenn Nationen nun ihre Blütezeit,

ihre inspirierte Epoche erreicht haben, müssen sie langsam absterben. Dies

kann im Leben einer Nation natürlich jahrhundertelang währen. Die ganz

feine Kochkunst fördert gewiß den Sinnenrausch der Menschen. Sie tut fast

nichts als dies. Es ist ihr Beruf. Zaghafte Menschen und Moralisten werden

daher in dem auserlesenen Essen und im Luxus überhaupt, ja sogar in der

»Lebensfreude« den zeitigen oder unzeitigen Ruin ihrer Nation erblicken.

Sehr richtig. Nur nicht richtig in ihrer Auffassung. -- Es fragt sich, was

ein Ruin ist. Das Erdgeborene muß wachsen. Je schöner, um so besser.

Wenn es eine gewisse Höhe erreicht hat und nicht mehr weiter kann, muß es

niedergehen. Es kann nicht stille stehen. --

So, sehen Sie, meine Freunde, haben sich die Zeiten verändert. Dem müden

Wanderer öffnet sich keine Haustüre mehr, kein freundlicher Hausvater

begrüßt ihn mehr. Die Pferde der Postkutsche scharren nicht mehr

ungeduldig vor dem Tor des kleinen Gasthofes an der einsamen Landstraße.

Kein Postillion stößt mehr lustig in sein Horn, keine Peitsche knallt

mehr. Kein rundes Wirtlein mit Schürze und Käppchen tritt mehr hastig

an den verstaubten Wagenschlag heran, die hohen Fremden ehrerbietigst zu

empfangen. Endlose Reihen von Equipagen und Lakaien mit roten Gesichtern,

gepudertem Haar und sehr traurigen Augen, Hunderte von rauchenden und

fauchenden Automobilen mit zottigen, protzigen, brutalen Chauffeuren halten

nun an den Portalen der Paläste, welche den müden Wanderer beherbergen.

Groß sind die Paläste, riesengroß. Fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig,

fünfundzwanzig und dreißig Stockwerke hoch. Raum haben sie reichlich für

Tausende von müden Wanderern. Ihr Inneres glänzt von Lichtern, die sich

in Marmor und Golde widerspiegeln. Palmen zieren die hohen Hallen, Teppiche

aus dem Morgenlande dämpfen die Schritte. Blumen und feine Parfüms

versüßen die Luft, schmeichelnde Musik mischt sich dazwischen. Und

ein buntes Gemisch von feinen Menschen schlängelt sich umher, lachend,

scherzend, schwatzend und tänzelnd. Alle Nischen und Bögen hallen wider

vom Geschwirr der feinen Stimmen, vom Schall des fröhlichen Gelächters.

Wie sie schauen, wie sie grüßen! -- Jeder Herr ist ein König, jede Frau

die schönste Prinzessin im ganzen Lande. Perlen und Rosen winden sich

durch die duftigen Haare; kostbare, edle Steine funkeln in wollüstiger

Freude, daß sie an den herrlichen, weißen, warmen Busen ruhen dürfen.

Seidene Gewänder rascheln und knistern, während die göttlichen

Körper, die sie umschlingen, sich im Takte der sanften Töne wiegen. Die

wundervollsten Augen lachen. Sie glänzen und flimmern und kennen nichts

vom Leide der Erde. Wenigstens zeigen sie's nicht. Perlene Zähne schimmern

in opalenem Glanze unter den Purpurlippen hervor, wenn sich der weiche,

süße Mund lächelnd öffnet, ein schelmisches Wort zu flüstern.

Scharfäugige Detektive bewachen die Menge, verfolgen die Bewegungen jedes

einzelnen, der nichts ahnend sich in den großen, bunten Strudel stürzt

und fröhlich oder nervös darin herumschwimmt.

Diener und Lakaien stehen umher, regungslos mit starren Gesichtern, in

glänzenden Uniformen, auf den Herrn oder die Herrin wartend. Boten und

Läufer rennen hin und her, Beamte geben Befehle. Geschäftige Scharen von

jungen Menschen bringen die köstlichsten Speisen, die saftigsten Früchte,

die edelsten Weine. Und tief unter den prunkenden Sälen und Hallen sind

endlose labyrinthische Räume, gefüllt mit einer wimmelnden Menge von

Arbeitstieren, die für die lachenden, glücklichen Menschen über ihren

Häuptern schwitzen und umherrennen. Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt

die endlosen weißen Regionen. Tausend menschliche Stimmen, schreiend,

befehlend, rufend, schrilles Gerassel von silbernen Geschirren und hartes,

abgerissenes Klirren von porzellanen, irdenen und kristallenen Schüsseln,

dumpfes Dröhnen kupferner Kasserollen, Klappern eiserner Pfannen, Zischen

des Dampfes, Knistern und Sprühen und Prasseln der glühenden Herdfeuer,

das laute Kreischen der Braten, das Brodeln der Tiegel, das Surren der

elektrischen Motore, das Knirschen der Schneide- und Quetschmaschinen,

alles mischt sich zusammen zu einem nervenzerreißenden Getöse. Eine

rauschende Fabrik! Hier hantiert ein Regiment weißer Köche herum und

kämpft eine wilde Schlacht mit den kalten und heißen Elementen. Ruhig und

kühl steht inmitten all des Gewühls die schneeige Majestät des obersten

Chefs, ein Träger vieler Ehren und Sorgen. Und um ihn herum scharen sich

treu ergeben die Saucenästhetiker und Zuckerbildhauer. Ihn suchen die

bangen Augen der weißen, kampfbegierigen, schweißwischenden Männer mit

langen Messern und Dolchen ungeduldig der Befehle des Großen harrend. Die

Adjutanten rennen hin und her, brüllen die Kommandos durch das Toben

des Kampfes in die hinteren und niederen Regionen hinein, wo eine

schreckenerregende bewaffnete Schar von niederen Helfershelfern haust,

die die Befehle mit schauerlichem Gebrüll beantwortet und ausführt. Dort

hinten wimmelt es von wildblickenden Kurden, Lemuren und Unterteufeln,

schwarze, südliche, glutäugige, diabolische Gestalten sind es, von

unbestimmbarer Nationalität, feistnackig, schmerbäuchig, fetttriefend,

mit blutbefleckten Tatzen und stählernen Muskeln, erhitzt vom Feuer,

grausam vom Anblick des rohen Fleisches, lüstern vom beständigen

Blutgeruch. Dort hinten sind die großen, starren Regionen des Eises, die

großen Kühlkammern, gefüllt mit Fleisch und köstlichsten Früchten.

Dort können Sie alle Naturwunder Indiens, alle Spezereien Arabiens sehen.

Orangen und Grapefruit aus Florida, Pfirsiche aus Südafrika, Melonen aus

Mexiko, alle delikaten Produkte der westindischen Inseln, alle zarten,

jungen Gemüse von nah und fern, welche die Jahreszeit oder das Treibhaus

bietet. Alles liegt bereit und wartet auf unser Machtwort. Wie herrlich!

Wir sind die Herren der Welt! Welch gottvolle Rechte haben wir nicht!

Denken Sie sich nur, wie interessant, gnädiges Fräulein, da Sie soeben

noch Hummer ~à l'americaine~ gegessen haben! Vor einer halben Stunde kroch

Ihr Hummer noch behäbig zwischen seinen hundert Brüdern in der kühlen

Packung umher, hie und da einen anderen gutmütig mit den schweren Zangen

zwickend. Da kam Ihr Machtwort, gnädiges Fräulein, welches unser Kellner

dem Chef überbracht hatte. Mit kritischen Blicken wählte der Koch

zwischen den hartschaligen, trägen Bewohnern der Tiefsee und suchte ihnen

den lebendigsten aus! Denn unser freundlicher Kellner sagte, daß er für

Sie bestimmt sei. Das Opfer wurde erfaßt -- es sträubte sich energisch

und klapperte wütend mit dem starken Schwanze. Aber da hilft kein

Klappern: das unbarmherzige Schlachtmesser saust ein paarmal nieder, und

die noch lebenden, zuckenden Stücke des gevierteilten Hummers färben sich

langsam in der heißen, kreischenden, gewürzten Butter zu appetitlichem

Rot. Eine halbe Flasche aromatischen Wein dazu, zugedeckt und gar dämpfen

lassen, dann schnell serviert. -- Ihre blaue Forelle, Herr Doktor,

schnellte noch vor kurzer Zeit behende im Fischbassin umher und suchte

hastig und nervös den Maschen des Netzes zu entschlüpfen. Denn sie ahnte

die Absichten des Fischers und das grausige Schicksal, das schon so viele

ihrer flinken Schwestern weggeholt hatte. Aber da half kein Zappeln: sie

wurde erhascht, vorsichtig ausgenommen und behutsam, daß der natürliche

Schleim nicht abgewischt werde, in das dampfende, würzige Wasser gelegt.

-- Holländische Sauce oder einfach frische Butter dazu: Ah -- tip-top!

Morde werden dort begangen in den eisigen Regionen von den eisigen Herren

der Schöpfung, Morde, wobei uns das Wasser im Munde zusammenläuft,

wenn wir daran denken! -- Die liebliche Riesenschildkröte, deren

Liebenswürdigkeit ich meine herrliche Suppe verdanke, fristete noch vor

einigen Tagen ihr stupides, ganz überflüssiges, inhaltsloses Dasein.

Als sie sich einmal plötzlich an den Hinterbeinen erfaßt und aufgehängt

fühlte, entschied sie sich zögernd, den dummen Kopf aus den schützenden

Schalen herauszustrecken, um sich zu erkundigen, was denn eigentlich los

sei. Auf diesen Augenblick hatte der hinterlistige Chef gewartet. Sein

scharfer Säbel sauste, drang in den grauen, runzeligen Nacken des

Ungeheuers und trennte dort die festen Verbindungen, so daß zwischen Kopf

und Rumpf eine unnatürliche Entfernung entstand. Die langsame Schildkröte

hatte nicht einmal mehr Zeit, ihre Verwunderung oder ihr Entsetzen darüber

auszudrücken, denn durch die entstandenen Öffnungen entschlüpfte ihre

Seele schnell ins Unendliche.

Fest halten die lieblichen, weichherzigen Austern die Türe ihrer Gehäuse

zu, wenn sie merken, daß ein Einbrecher mit bösen Absichten und einem

starken Brecheisen draußen sich zu schaffen macht. Aber was hilft das?

Wir sind die Stärkeren. Und die winzig kleinen Krabben, die oft mit den

Austern in friedlicher Gütergemeinschaft zusammenwohnen, müssen dann

einen stummen Abschied von ihren schlüpfrigen Freundinnen nehmen, denn

auch sie sollen verspeist werden. Wehrlos strampeln sie noch einmal mit den

dünnen, schwachen Spinnenbeinchen, -- dann ist's aus. Den Menschen freut

nur ihr Widerstand und ihre Lebendigkeit. Sie erhöht seine Gier. -- Sehen

Sie dort die riesigen, protzigroten Langusten auf dem Büfett? Sie mußten

im siedenden Wasser ihr Leben lassen, entrüstet gegen den plötzlichen

Temperaturwechsel mit dem gewaltigen Schwanze protestierend, da sie nur an

das kühle, grüne, träumende Wasser des tiefen Meeres gewöhnt sind. Und

alle sterben sie uns zuliebe. Ist es nicht eine Wonne, dies anzusehen?!

So liegen tausend Leichen von lieben Feld-, Wald- und Wasserbewohnern

in den festen Eiskammern sorgfältig und säuberlich aufgespeichert und

warten, bis sie in die Krematorien der Bratöfen geworfen werden, wo sie

unter Wimmern, Schmurgeln und Zischen braten müssen. Wenn sie schön

knusprig und gar genug sind, bekleidet sie der sinnige Koch mit einer

lieblichen, raffinierten Sauce und legt zärtliche Gemüse an ihre Seite.

Schwarze Menschen stehen ungeduldig bereit, sie auf silbernen Schüsseln

stolz schnüffelnd in den glänzenden Saal zu tragen. Kritisch betrachtet

der große Oberbefehlshaber noch einmal die armen Tierchen, bevor sie

für immer verschwinden, und wenn sie seine Zufriedenheit erregen, gibt

er seinen Segen zu ihrem pompösen Leichenzug in den Speisesaal.

Se. Exzellenz der Herr Finanzminister selbst würde den Mund aufsperren,

nicht nur um die guten Dinge in Empfang zu nehmen, nein, auch schon,

wenn ihm zu Ohren käme, wieviel man dem großen, ruhigen Chef des

Küchendragonergeneralstabes für seinen Segen bezahlt. -- Dieser Segen

-- wie alle feierlichen Zeremonien -- ist meistens von sehr

charakteristischen, südlichen Gesten begleitet. Eine der beliebtesten ist,

die Spitzen der fünf Finger zusammenzudrücken, an die Lippen zu führen

und wieder zu entfernen, wobei die Finger lebhaft ausgespreizt und wieder

zusammengeführt werden. Bei ganz wichtigen Gelegenheiten treten beide

Hände in Aktion. -- --

Immer tiefer steigen wir, vorbei an den kühlen, imposanten Gewölben,

die viele Tausende von feurigen Flaschen und alte, ehrwürdige, bestaubte

Fässer vor Frevlerhänden beschützen. Und hinab führt unser Weg in die

Herzkammern des Riesenkörpers, in die Maschinenräume. Tobte in der Küche

ein höllischer Lärm, hier herrscht der Friede einer Kathedrale. Lautlos

drehen sich die großen Schwungräder und Riemscheiben um ihre Achsen,

angenehme Luft fächelnd. Unheimliche Riesenbäuche liegen dort, die

Öffnungen fest verschlossen, nur ein unterdrücktes Zischen, ein dumpfes

Zittern tief unten verrät die gewaltige Glut, die ihr Inneres birgt.

Schneckenhäuser von gewaltigem Umfang stehen dort, wovon armdicke Kabel

ausgehen und sich als die Nerven des Riesenkörpers bis in die kleinste

Spitze des Hauses verzweigen. Gleichmäßig, stumm arbeiten die

Ungeheuer, den Befehlen der Menschen gehorchend. Ab und zu sprüht ein

bleichbläulicher Funke knisternd aus dem Innern hervor. Er will sich vom

Zwange der Menschen befreien und Zeugnis geben von der rätselhaften Macht,

aus welcher er stammt. Gedämpftes Keuchen und tiefes, unterirdisches

Stampfen wie schweres Atmen einer Riesenbrust verrät den Unwillen der

gefesselten Mächte, die der Mensch sich hier dienstbar macht. Hie und da

seufzt wohl eine große Maschine auf, wenn ihre Bürde zu schwer wird,

aber dann geht ein kleiner, magerer Mann im blauen Kittel mit eingefallenen

Wangen und rußigem Gesicht hinzu, lauscht aufmerksam, dreht an einem

kleinen Rädchen, und alles ist wieder in Ruhe und Ordnung wie zuvor.

Wir vernehmen gutmütiges Brummen der Riesenventilatoren, der Lungen

des Hauses, die von der Höhe des Daches frische Luft einsaugen und sie

gereinigt in allen Räumen verteilen. -- Mit einiger Angst blicken wir

von ferne in die weiße Glut des großen Krematoriums, das allen Unrat und

Abfall des Hauses aufnimmt und bald zu dürrer Asche verwandelt. Hie und da

begegnen wir einem ruhigen, schmächtigen Maschinisten, der seine Ungetüme

bewacht wie ein Kinderfräulein seine Pflegebefohlenen. Ingenieure und

Elektriker machen sich an großen, marmornen Schaltbrettern zu schaffen,

wo tausend kleine und große Hebel in kupfernen Klammern stecken. Hin

und wieder ertönt ein leises Glockenzeichen, ein rotes oder grünes

Signallicht erscheint wie eine gespensterhafte Warnung oder Botschaft. Der

kleine Mann wird aufmerksam, er berührt seinen Hebel, ein bleicher Blitz

zischt auf, und die Ruhe ist wieder hergestellt. Wir hören das schwere

Keuchen der Pumpen, die ganze Reihen hydraulischer Fahrstühle durch die

hohen Schäfte bis in die obersten Stockwerke drücken müssen. Einzelne

Wassertropfen fallen von den langen Kolben wie Schweißtropfen an den Armen

eines Riesen herab. Wir sehen die großen Eismaschinen und Kühlanlagen,

riesige Behälter, von denen gewaltige Rohre ausgehen, sich durch den Boden

und die Wände bohren und sich wie Adern durch das ganze Haus verteilen.

Tausend andere kleine Motoren und Maschinen arbeiten rastlos Tag und Nacht,

sich automatisch ernährend, sich automatisch regulierend. Jede dient

einem besonderen Zwecke, und alle haben nur einen Zweck: des Dienstes der

Menschheit. Ein Blick auf einen Zeiger des Manometers, auf ein Schaltbrett,

auf eine Uhr genügt dem erfinderischen Menschen, sich von der Kraft und

dem Willen seiner stählernen Sklaven zu vergewissern.

Weiter gehen wir und treten in die Wäschereien. Da zischt es, dampft es

und kocht es in den Zylindern. Von gewaltigen Armen wird das weiße, feine

Linnen erfaßt und durch den kochenden Seifenschaum gezogen. Große, heiße

Walzen drehen sich unaufhörlich, trocknen und glätten die nasse, faltige

Wäsche. Hunderte von weißen, mageren, eingeschrumpften Mädchenhänden

schichten die gereinigten Linnen zu hohen, warmen Bergen auf, die erst vor

einer Stunde noch zerknüllt, schmutzig, fettig und befleckt in die Wäsche

kamen.

Ihr Boudoir, gnädige Frau, liegt fern von dem Lärm, dem Gewühl, dem

Schweiß und dem üblen Geruche der Arbeit. Die Luft, die ihr

Appartement füllt, wird in großen, hohen Kammern filtriert und nach

Gesundheitsvorschriften sorgfältig temperiert, bevor es ihr gestattet ist,

von den Lungen der Gäste eingeatmet zu werden. Das Wasser, welches Sie zum

Trunk an die Lippen führen, gnädiges Fräulein, wird destilliert und ist

reiner und gesunder als das in den silbernen Gebirgsbächen. Die Geschirre,

von denen wir essen, alle Provisionen, die für unseren Genuß bestimmt

sind, werden in staubsicheren Arbeitsräumen aufbewahrt. Das kühle, feine

Linnen der Betten, die Tücher, deren Sie zur Toilette und an der Tafel

bedürfen, die Decken, auf denen Sie ruhen, alle werden vor dem Gebrauche

chemisch sterilisiert. Jedes Staubatom wird täglich aus dem seidenen

Teppich gesogen, den Ihr Fuß betritt. Die komprimierte Luft holt jedes

Körnchen Schmutz aus dem Plüsch des Diwans, der Ihren Körper tragen

darf. Es ist bis ins Kleinste hinein für Ihre kostbare Gesundheit gesorgt:

alles, was sie gefährdet, wird verfolgt und vernichtet. Ihr Zimmer ist

stets behaglich. Sie heizen kein Feuer, dennoch ist der Raum beständig

gleichmäßig temperiert. Es geschieht automatisch. Sie sind geschützt

vor tückischer Feuersgefahr. Wenn Sie sich zur Ruhe begeben haben und es

entsteht auf irgendeine Weise Feuer in Ihrem Zimmer, so wird die Feuerwehr

schon an Ihre Türe klopfen, bevor Sie vielleicht aufwachen und die

Gefahr sehen. Denn wenn die Temperatur in Ihrem Zimmer eine unnatürliche,

unregelmäßige, verdächtige Höhe erreicht, so warnt der wachsame

automatische Feuermelder den Wächter auf Ihrer Etage und die Feuerwehr

im Maschinenraum, und die wohltrainierten Leute stürzen zu Ihrer Hilfe

herbei.

Sie denken daher nicht an das Heer der hastenden, brüllenden Köche, nicht

an die flinken, geduldigen Kellner, nicht an die mageren, rußigen Heizer

und Maschinisten, nicht an die kleinen, bleichen, schweißtriefenden

Wäscherinnen mit den geröteten Augen. Sie sitzen in Ihren gesunden,

sicheren, luxuriösen Gemächern und genießen die schöne Aussicht. Ein

Druck auf den Knopf genügt, um Ihnen alles herbeizuschaffen, was Menschen

produzieren können, was Geld kaufen kann. Sie heben am Schreibtisch oder

im Bette den Hörer an Ihr Ohr und sprechen mit Ihren Freunden, die tausend

Meilen von Ihnen entfernt sind. Ein Wink dem Diener, und das warme Wasser

im marmornen Bade nebenan duftet Ihnen entgegen. Ein gewandter, angenehmer

junger Mann, der in allen Zungen redet, steht jeden Augenblick bereit, sich

nach allen Ihren Wünschen zu erkundigen. Sorgfältig schreibt er sie auf,

steckt den Befehl in eine Kapsel und sendet ihn durch die pneumatische

Rohrpost blitzschnell in den betreffenden Teil des Hauses, wo Ihr Befehl

ausgeführt werden soll. Ein elektrischer Zeitstempel, der unerbittlich die

fliehende Zeit registriert, zeigt genau den Augenblick an, wann der Befehl

gegeben und ausgeführt wurde. Und das Gewünschte wird mit elektrischen

Aufzügen in kürzester Zeit an den Bestimmungsort befördert. Seine Briefe

kann der Gast vom obersten Stockwerke aus bequem und rasch hinunter in den

Postkasten gleiten lassen. Er braucht sich nicht persönlich hinunter zu

bemühen oder die Dienste eines anderen in Anspruch zu nehmen. Mühsame

Treppen braucht der Gast nicht zu steigen. Glänzende Fahrstühle an allen

Enden des Hauses gleiten lautlos hinauf und hinab. Hoch oben über dem

Dache des großen Hauses zittern schwere Drähte im Winde, die unsichtbare,

magische Funken auffangen, von denen die Luft schwirrt. Und vom

Telegraphenbureau im Hotel aus erfährt der König, der Diplomat, der

Industriefürst, der Geschäftsmann, der Privatmann, die Dame im Boudoir

wichtige Nachrichten, frohe oder traurige Botschaften, welche ihnen

Menschen, die weit entfernt sind, mitzuteilen haben. Im Souterrain des

großen Hotels ist der Bahnhof der Untergrundbahn, und auf dem höchsten

Giebel ist die Luftschiffstation.

Wirklich, die Zeiten haben sich verändert! Sie sind anders geworden,

seit der einsame Wanderer an die fremde Türe pochte, als er sah, daß das

Gestirn des Tags sich neigte und die Nacht anbrach. Die Tage sind nicht

mehr, wo der behäbige, lächelnde Albinus stolz an die Wand seines

Häuschens schrieb: »~Hospitium hic locatur ...~«, wo er am herkulaner

Tor mit einem »~Salve amice!~« das bestaubte Pferd des Fremdlings

anhielt, dem Sklaven die Zügel zuwerfend. Die Zeiten sind nicht mehr, wo

die weisen Männer mit Lorbeerkränzen in den grauen Locken ihre frohen

Mähler gaben und mit den Mänaden und den bekränzten Knaben um das

träumerische Marmorbild des Dionysos wirbelten.

~This is the empire of business.~ Wir haben keinen Dionysos mehr. Er ist

kalt gestellt im Museum. Wir haben keine Flötenspieler mehr. Wir haben

Debussys und Sträuße. Wir haben keine hochgeschürzten, lachenden

Knaben mehr, die uns den Wein reichen. Unser ~Ganymed~, der Kellner,

ist gewöhnlich keine bestrickende, inspirierende Erscheinung. Die

Hotelbesitzer sind nicht mehr die runden, schmunzelnden Leutchen von

ehedem. Es sind große Herren, diese Herren Aktionäre. Sie gehören zu

den ersten Familien des Landes. Man sieht sie fast gar nicht. Und dann

höchstens im Gehrock und weißer Weste. Wir haben keine Mänaden mehr.

Wir haben Varietégrößen. Wir haben keine Sängerinnen mehr; wir haben

Chansonetten.

Aber wir wollen den Wandel der Zeiten nicht beklagen. Unsere Zeit hat auch

ihre Rechte und auch ihre Verdienste. Das moderne Gasthaus bietet seinem

Gaste mehr als das von gestern. Sicherheit, Reinlichkeit, Hygiene, alle

Bequemlichkeiten, Auskünfte jeder Art, gutes Essen und unter Umständen

sogar weitgehenden Kredit. Schwere Stahlkammern nehmen den Schmuck und

die Wertsachen des Gastes auf; er braucht nichts zu fürchten. Eine

Schar Barbiere erwartet höflich den struppigen Fremdling, die liebliche

Manikuristin pflegt seine vernachlässigten Hände, ein Spezialist im

Stiefelputzen poliert die Stiefeletten ohne Zeitverlust.

Wenn Sie ins Theater gehen wollen, gnädiges Fräulein, wartet Ihnen der

freundliche Haarkünstler auf. Der sinnige Blumenhändler bringt Ihnen

seine schönste Spende -- für einen Preis. Der Postbeamte befördert

schnell und sicher Ihre wertvollsten und wichtigsten Briefe; der

Telegraphenbeamte wartet, das schnelle Wort bis in die fernsten Winkel der

Erde zu jagen. Der Makler, der Bankier und Geldwechsler hat seinen Stand

aufgeschlagen und harrt der Befehle des Geldfürsten. Gegen einen Preis

natürlich. Der Doktor, der Pharmaceut im Hotel hat seine Rezepte und

Mittel gegen Nervosität, Migräne und Indigestion zur Hand -- ebenfalls

gegen einen Preis. Man macht großartige Geschäfte. Der Zahnarzt repariert

die verdorbenen Zähne -- gleichfalls nicht allein aus Mitleid mit den

schönen Patientinnen. Die Miete ist hoch. Der Buchhändler hält die

schönsten Romane und die neuesten Zeitungen feil, der Zigarrenhändler die

besten, frischesten Havannas. Der Stenograph und Maschinenschreiber, der

Dolmetsch und Fremdenführer -- alle harren sie unter einem einzigen

Dache auf den einen Mann, der aus der Fremde kommt. Alles steht dem müden

Wanderer zur Verfügung, wenn er dieser Leute und Dinge bedarf. Er braucht

sich nicht zu bemühen, nichts zu besorgen, keinen Schritt zu tun.

In den glänzenden Fest- und Konzertsälen des großen Hotels können

wir den erlesensten Konzerten, den intimsten Theatervorstellungen,

den gelehrtesten wissenschaftlichen Vorträgen beiwohnen, reiche

Kunstausstellungen bewundern. Bälle, Empfänge, Festessen werden dort

veranstaltet, die an Glanz mit denen des königlichen Hofes wetteifern.

Orchideen und Rosen verbreiten ihre Düfte, Palmen und andere exotische

Gewächse, tausend zarte Lichter verwandeln die Säle dann in ein

Märchenland. -- In warmen, sternenklaren Sommernächten ertönt liebliche

Musik auf dem Dache des Riesenhauses. Was mögen die hängenden Gärten der

alten bösen Zauberin im Morgenlande gegen einen solchen Dachgarten gewesen

sein! Bunte Lampions schimmern zu Tausenden, blühende Bäume und Büsche

flüstern, Gläser klingen, glückliche Menschen lachen. Rings umher aus

der Ferne schauen Millionen Lichter der Großstadt wie flimmernde Augen

eines dunklen Ungeheuers auf die Pracht, und von tief unten herauf

schlägt das geschwächte Brausen des Straßenlärmes an die Zinnen des

Riesengebäudes wie ein ohnmächtiges Zürnen gegen uns, die wir ihn

fliehen und alles genießen, was Menschen bereiten können.

Das alles bietet uns das große Hotel. Und noch mehr. Es zeigt uns auch

jene, gesunden Menschen so heilsamen, amüsanten Fälle von modernen

Delirien, die einer unersättlichen Sucht nach sensationellen Neuheiten

und nach gesellschaftlichem Despotismus entsprungen, nur noch durch

die extremsten Mittel gekitzelt und aufgestachelt sein wollen und so

Mißgeburten der menschlichen Phantasie erzeugen. Exzentrische Damen, die

sehr viel Geld und sehr wenig Geschmack besitzen, Leute, die nicht wissen,

was sie mit ihren Geldmitteln anfangen sollen, überbieten sich einander in

stupidester Protzenhaftigkeit und Geschmacklosigkeiten.

So können wir alles haben -- gegen einen Preis. Alles. Selbst eine

Imitation der dionysischen Freude. Mit einigem guten Willen kann der Fremde

in Berlin schon für zweihundert Mark, in Paris für fünfhundert Franken,

in London für zehn Pfund Sterling und in New York für fünfzig Dollars

und aufwärts schon ganz leidlich »dionysieren« -- vorausgesetzt, er hat

die Mittel. ~This is the Empire of Business.~ -- Ja, die Zeiten sind anders

geworden. Wir beklagen sie nicht. Viele Menschen haben es vor uns getan.

Mit Unrecht. Doch ich frage mich ganz leise, ob an dem grauenvollen Tage,

der über die lebensfrohe Stadt hereinbrach, die schöne, reiche Mutter

den Untergang der antiken Freude ahnte, da sie plötzlich mit Staunen und

Schrecken die graue, blitzende Wolke über dem Haupte des Vesuvs schweben

sah und ängstlich dem Sohne zuflüsterte:

»Weh, Plinius, mein Sohn, sieh! Die Sonne verfinstert sich!«

Doch nun steht vor unseren Blicken das große, moderne Riesenhotel, -- eine

kleine konzentrierte Stadt, -- ein herrliches Dokument unserer Zeit, wie es

Pompeji das der antiken ist. Entstanden aus dem geräuschvollen Chaos der

Zeiten, gewachsen und fortgeschritten mit den menschlichen Erfindungen,

ist es uns modernen Menschen eine Selbstverständlichkeit geworden, so

daß wir, wie wir bereits sahen, ihm bisher wenig oder gar keine eingehende

Beachtung geschenkt haben. Allen, die damit in Berührung kommen, teilt

sich dieselbe Farbe modernen Menschentums mit, welche allen anderen

Geschäften und menschlichen Tätigkeiten mehr oder weniger fehlt, ja oft

direkt versagt wird.

In diesem menschlichen Gehalt, Herr Doktor, in diesem Reichtum von

menschlichen Interessen, den die Industrie des Wirtes birgt, schlummert

tief auf dem Grunde ein Geheimnis, das uns den Schlüssel vorenthält

zum Rätsel unserer Sphinx, zu den Pforten jener Märchenreiche, wo statt

unserer heutigen sozialen Mißwirtschaften und Elend eitel Glück und

Sonnenschein walten soll, wo ein junges, frohes Volk, unbekümmert um die

Sorgen des Alltags, frei von der gemeinsten aller Qualen, die sich die

modernen Menschen noch immer auferlegen, der starken, frohen Arbeit seines

Tages nachgeht. Wo ist das Märchenland? wo die Millionen von intelligenten

Termiten, die eifrig in den riesigen Bauten umherwimmeln, frei, ohne

Despotismus, jedes Geschöpf sich seiner Mission bewußt, für sich selber

verantwortlich, an sich arbeitend, um so für das Gemeinwohl zu wirken?

Sollte der Bau menschlicher Ameisen, genannt »Hotel«, dessen Entwicklung

wir nun gesehen haben, vielleicht der Vorläufer zu neuen sozialen

Grundlagen und Ordnungen sein, die eben erst in der Knospe »Hotel« das

Licht der Welt erblickt haben? -- Jahrtausende mögen darüber vergehen,

wie Jahrtausende verflossen, wo der Wanderer an fremder Türe Einlaß und

Schutz begehrte, bis zur Zeit, wo er dem schnaufenden Auto entsteigt und

über Marmorstufen in das Riesenhotel eintritt, wo er Herr ist, wo er

gebietet -- für einen Preis.

Eingeengt von den Stübchen unserer kleinen Vaterhäuser, belastet von den

niedrigen Dächern, verwöhnt und verhätschelt von der liebenden Sorgfalt

der keuchenden Mutter, die wir uns nur zwischen fettigen Geschirren und

schwarzen Pfannen am glühenden Herde als unsere Mutter denken können,

schrecken wir Menschen des Fortschritts vor dem Gedanken noch entsetzt

zurück, in den riesigen Häusern der Zukunft geboren zu werden, dort

leben und sterben zu müssen. Fremd und neu ist uns noch das Surren der

Maschinen, halb zögernd, halb mißtrauisch und verwundert betrachten

wir noch das elektrisch gebratene Beefsteak, mit halbverschlossenen,

vorsichtigen Nasen beschnüffeln wir noch die Konserven, von deren Ursprung

wir nichts wissen. Wir glauben noch nicht an die Wirkung des Diners in der

Nußschale, an die Ration im Fingerhut. Aber unsere Tage schreiten schon

schneller. Darum haben sie auch doppelten Wert. Wir können es uns

nicht erlauben, sie durch Engherzigkeit zu vergeuden. Wir bedürfen der

Konzentration, der Extrakte, der Essenzen in Zeit, Wohnung, Lebensweise, in

geistiger und körperlicher Nahrung. Man ist schon auf dem Wege. -- --

Unter uns, Herr Professor, Sie als Soziologe werden mich verstehen. Daß

aber um Gottes willen Ihre Frau Gemahlin nichts davon erfährt: Apropos

der Tatsache, daß die Frauen so entsetzlich hilflos und deplaziert in der

Küche sind, möchte ich vorschlagen, daß man dem weiblichen Geschlecht

den ungeliebten und unverstandenen Beruf der Köchin und Haushälterin so

bald wie möglich abnehmen sollte. Wie meinen Sie? -- Ha, ha, ganz richtig!

-- Die Frauen sollten dann zum Zeitvertreib die Regierungsgeschäfte

besorgen. Derartige Kleinigkeiten sagen dem weiblichen Gemüte viel besser

zu. Und auf die Diplomatie verstehen sich die Weiber ohnehin bedeutend

besser als wir ehrlichen, maskulinischen Naturen. Herrschsucht und

Firlefanz ist ihr Element. Warum haben denn die Bienen und Ameisen

»Königinnen«? -- Aber rationelle, wissenschaftliche Ernährung des

Körpers, Kochen und Kindererziehung sind wichtige menschliche Funktionen,

die den Händen von vernünftig denkenden, künstlerisch fühlenden

Männern anvertraut sein müssen, von Männern, die sich nicht als

gubernatoriale Possenreißer und Hanswurste produzieren sollten. Dann

würde vieles anders werden in der Welt. -- Wie? -- Ja, leider, leider! Ich

weiß es wohl. Es wird noch lange dauern. Wir erleben den Tag nicht mehr.

Und -- um uns nicht lächerlich zu machen! -- es bleibt einstweilen noch

unser strengstes Geheimnis!

Die Moral des Hotels: Tischgespräche · 第 10 / 24 题