I.

»Die Dinge und ihre Zusammenhänge bestehen«, sagt Paul Garin,

»lange bevor sie gesehen und bevor sie erkannt werden. -- Nach

vieltausendjährigem Bestand von Familie, Gemeinde, Staat und Volk gab uns

doch erst die jüngste Vergangenheit einige feste Vorstellungen über das

Wesen und Wandel dieser Gebilde.« -- -- -- Eine verblüffende Wahrheit

wird uns da ins Gesicht gesagt! Wir könnten es nicht glauben, wenn wir es

nicht täglich neu erlebten. Sie sehen, meine Herrschaften, wir wohnen

nun doch schon so lange in diesem fashionablen Hotel. Haben wir uns jedoch

jemals für das Haus näher interessiert, über seine Entstehung,

seine Entwicklung nachgedacht? -- Ja, dies Leben, dieser Betrieb! Wie

interessant! Gewiß, das sehen wir alle. Aber ist es nichts mehr als

interessant? -- Das wäre wenig. Doch dies genügt uns. Wir schauen an,

was uns gefällt, kritisieren vielleicht, was uns mißfällt; nehmen indes

alles hin mit einer wunderbaren Sorglosigkeit und Selbstverständlichkeit,

bezahlen und gehen wieder. Aber unwissend gehen wir, wie wir kamen.

Außerdem haben wir damit unsere Schuldigkeit nicht getan. Es ist für uns

als denkende Menschen absolut notwendig, daß wir uns ernstlich umschauen,

uns orientieren, unsere Umgebung studieren und daraus profitieren. -- Wie

meinen Sie? Man hat gewöhnlich keine Zeit dazu? Oh, mehr als Sie glauben!

Man nimmt sich gewöhnlich nicht die Zeit. Es kommt darauf an, die

fliehende Minute nicht fortzulassen, bevor sie uns ihre Botschaft

mitgeteilt hat. Und jede hat eine wichtige Botschaft für uns, die auf ewig

verloren geht, wenn wir nicht Gewalt brauchen. Verlangende Bilder drängen

sich uns jeden Moment auf, fremde Gestalten, fremde Welten sehnen sich

nach uns, stumm mahnend, unwillkürlich unsere Teilnahme erflehend, nach

Erlösung schreiend, uns Glück und Erlösung anbietend. Wir dürfen nicht

achtlos daran vorübergehen, wenn wir schließlich selber nicht vereinsamt

-- Brachland -- Wüste sein wollen. Darin liegt das große Geheimnis der

Liebe. -- Sehen Sie nur den stummen Blick eines wildfremden Menschen.

Wieviel Fragen, Verlangen, Wünschen, Begehren oder Kälte, Verachtung,

Abscheu, Haß, Wut, Zorn, Gefahr birgt er nicht in sich? Und das alles für

uns? Für uns, auf denen er ruht? Beobachten, empfänglich sein, wachen ist

daher unsere größte Pflicht im Interesse unserer Selbsterhaltung.

Ergreifen Sie doch nur einmal das erste Beste, das Ihnen in den Weg kommt,

und lassen Sie alles andere einen Moment außer acht. Sie werden eine ganze

Weile lang Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit darauf richten müssen, bis Sie

es erkennen. Der Augenblick hat Ihnen viel Neues zu sagen, Sie werden viel

lernen. -- Hier kommt schon jemand. Ein Kellner. -- Für Sie als Soziologe,

Herr Professor, sollte dieser junge Mann doch besonders interessant sein.

Natürlich, Sie und wir alle wissen, daß dieser Mensch zur Bedienung der

Gäste hier gegenwärtig ist, doch darf ich fragen: haben Sie schon jemals

über seinen Ursprung und folglich über seine Existenz nachgedacht? --

Wer mag wohl der erste Kellner gewesen sein? -- Das dachte ich mir! Sie

lächeln! Ist die Frage so amüsant, weil sie scheinbar so einfach ist?

Läßt sie sich darum mit einem teilnahmslosen Lächeln entlassen?

Ganymedes. Ganz richtig. Aber der zählt eigentlich zu den antiken

himmlischen Heerscharen, während der Kellner eine verzweifelt irdische,

menschliche Gestalt ist. Wer der erste Kellner war, wo er lebte, wie

er hieß und wie er aussah, läßt sich nicht sagen. Es fehlen jegliche

Urkunden oder Traditionen. Obgleich des Gastwirts Gewerbe eigentlich so

uralt ist wie unsere Zivilisation, obgleich die Geschichtschreiber aller

Zeiten, ganz wie alle anderen Bürger, jederzeit und überall dem Gasthause

sehr gewogen waren, die Gestalt des Kellners blieb obskur. Nur hie und da

wird er erwähnt und dann in das ungünstigste Licht gestellt. So in

der schönen Geschichte von dem historischen Gasthause zu Askalon, dem

»Schwarzen Walfisch«. Es wird dort erzählt, wie die Kellner die

Rechnung präsentierten, ein gewichtiges, in Keilschrift auf Ziegelsteinen

geschriebenes Dokument. Nun da Sie, Herr Professor, den Namen des Ganymedes

scherzhaft erwähnt haben, komme ich darauf zurück. Es erzählt allerdings

eine einzige, aber wunderbare Geschichte aus dem grauen Altertum uns von

dem ganz außerordentlichen Kellner, der Ganymedes hieß. Er war schön

an Körper und Geist, dieser Jüngling, der schönste seiner Zeit. Und man

kennt sogar seine Familienverhältnisse. Er war der eheliche Sohn des Tros

und der Kallirrhoe und tummelte sich mit seinen Brüdern Assarakos und

Ilos auf den sonnigen Höhen des Idagebirges herum, das eine gute Reise im

Luxuszug weit gegen Sonnenaufgang sich zum tiefblauen Himmel emporstreckt.

-- Ja, ja, gnädiges Fräulein, ich versichere Ihnen, Ganymedes war so

schön, daß die bösen Nachbarn die Vaterschaft des braven Tros in Frage

stellten und allerhand davon munkelten, daß der Jüngling einen der ewigen

Götter zum Papa haben müsse. -- Sehr richtig, gnädige Frau, stimme Ihnen

vollkommen bei! Obgleich Zeus als oberster der Götter in dieser Hinsicht

tatsächlich manches geleistet hat, was man heutzutage ganz recht

mit gestrengen Blicken betrachtet und ihm sehr übel anrechnet und er

infolgedessen wirklich der heimliche Schrecken manch eines jungen Ehemanns

war, so wollen wir aber derartige Gerüchte bezüglich der Abstammung des

Ganymedes als unbegründet aufs entschiedenste ablehnen. Denn es fehlt

jeder authentische Beleg dafür. Tatsache jedoch ist, daß Zeus unendliches

Wohlgefallen an dem Jüngling hatte, und die Sage geht, daß er seinen

großen Adler aussandte, der den Ganymedes erfaßte und hinauf in den

Himmel trug oder in das Elysium -- wie Sie wollen.

In diesen Gefilden der Götter und der Seligen brauchte Zeus zu den vielen

festlichen Gelegenheiten einen anständigen Kellner, und er ließ sich,

da er viel auf gutes Service hielt, also den schönsten und besten der

erdgeborenen Jünglinge kommen, um sich von diesem den Nektar und Ambrosia,

die damalige Table d'hote der Götter servieren zu lassen. Und Ganymed muß

mit seiner Stellung sehr zufrieden gewesen sein, denn er ist niemals mehr

zur Erde zurückgekehrt. Sehr bedauerlich für die Irdischen. Von dem

schlanken Götterkellner, der später selbst zu dem Rang eines Halbgottes

avancierte, hätte sogar unser moderner Kellner hier ohne Zweifel manches

lernen können. Was Wunder daher, daß die alten Künstler ein solches

Exemplar von Schönheit und Gewandtheit verschiedentlich verherrlicht und

sein Bild in Bronze und Marmor darzustellen versucht haben. Einiges davon

hat sich sogar bis auf unsere Tage erhalten, damit jeder Kellner, der nach

Rom kommt, sich sein Prototyp ansehen kann. -- Sie erinnern sich, Herr

Doktor? -- Ach ja, natürlich! Sie als Kunstkritiker. Das ist ja Ihr Fach.

-- Nicht wahr? Es ist der Mühe wert, sich den Ganymed anzusehen; und es

kostet nichts ... Wie meinen Sie? Ei, richtig! Welches Gedächtnis Sie

haben! Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags wird ein Lire Eintritt

erhoben, der nebst anderem in die Kasse des Heiligen Vaters fließt. Na,

jedenfalls aber bekommt man an den anderen Tagen beim Eingang einen Zettel,

der sagt:

»~Permesso personale per visitare i Musei del Palazzo Apostolico

Vaticano.~«

Und unten drunter steht groß und großmütig:

»Gratis.«

Das weiß ich noch ganz genau, denn ... hm, verzeihen Sie, gnädiges

Fräulein, Sie wollten etwas sagen. -- Ganz recht! In Wien hängt auch

ein Bild. Ein wunderbarer Corregio. -- In Dresden, gnädige Frau? --

Gleichfalls richtig. Ja, in Dresden auch. Rembrandt, wenn ich nicht irre.

So 'n pausbäckiger, kräftiger Bengel, der mächtig schreit, als ihn der

Adler erfaßt. Auch etwas jung nach unseren Begriffen. -- Indes, diese

Bilder sind archäologisch unzureichend. Der Kellner profitiert nicht viel

davon. Er kann höchstens das eine von seinem klassischen Kollegen lernen:

nämlich, daß er ihm an Schönheit des Geistes und auch des Leibes soviel

wie möglich nachstreben soll. Aber es haben sich seit dem klassischen

Altertum die Verhältnisse so sehr verändert, alles hat ein so ganz

anderes Gesicht angenommen, so daß wir den modernen Kellner nicht allzu

sehr schmähen dürfen, wenn er dem Ganymedes wenig oder gar nicht ähnlich

sieht. Außerdem haben wir auch gesellschaftliche Skandale und Mesalliancen

sowieso gerade genug.

Dennoch oder gerade darum, so wie er heute ist, bleibt der Kellner aber ein

ganz interessantes Thema. Und während wir hier auf den unsrigen warten,

wollen wir nicht gleich schimpfen, wenn unsere Geduld etwas auf die Probe

gestellt wird, sondern wir wollen einmal betrachten, was seine Arbeit

ist und warum er uns oft so lange warten läßt. Das ist tatsächlich ein

großes Gebiet. Zuviel für einen Tag. Vor allem müßten wir uns mit

der Gastwirtsindustrie bekannt machen. Zu diesem Zwecke müßten wir, wie

gesagt, sehr weit in die Geschichte zurückgreifen. Denn die Geschichte

unserer Väter und Vorväter steht an den Wänden der Gaststuben

geschrieben. Oft viel besser als in dicken Büchern. Wenn Sie mir folgen

wollen, so werden Sie sehen, wie wenig sich die Menschheit eigentlich seit

ihren frühesten Dokumenten bis auf unsere Tage innerlich verändert hat.

Die äußeren Umstände sind freilich andere geworden. Sie werden sehen,

wie sich aus der schönen, vielgepriesenen alten Gastfreundschaft eine

Industrie großartigsten Stils entwickelte, die notwendige Folge des

wachsenden Verkehrs der Völker untereinander.

Gastfreundschaft. Was ist, oder besser, was war Gastfreundschaft

eigentlich? Einem Wanderer in alter Zeit, der ermattet, bestaubt von

fernher kam und beim Sonnenuntergang an eine fremde Haustür anklopfte,

wurde aufgetan. Man empfing ihn freundlich, nahm ihn ins Haus auf, wusch

ihm die Füße, salbte sie, brachte ihm Salz und Brot, lud ihn zu Tisch,

bereitete das beste Bett für den Müden. Das war Gastfreundschaft. Diese

Sitte ist heutzutage fast nur noch dem Namen nach bekannt, ausgenommen bei

einigen patriarchalisch lebenden Völkern des Orients. Daher wird sie

auch allenthalben als eine große Tugend gepriesen. Wir sind aber immer

zu leicht verführt, etwas schön und freundlich Aussehendes zu hoch zu

schätzen. Wenn die Menschen sich gegenseitig etwas Gutes antun, so treibt

sie gewöhnlich kleines persönliches Profitchen dazu an. Ganz leer will

der Wohltäter nie ausgehen. Welchen Zweck verfolgen die Menschen, wenn sie

sich in den Haaren liegen, sich gegenseitig bekämpfen? -- Nur derjenige,

der sich gar nicht mit den Menschen abgibt, ist der ganz Selbstlose. Sind

wir moderne Menschen, die wir einem armen einlaßbegehrenden Wandersmann

höflich aber kühl die Türe vor die Nase schlagen, etwa weniger

tugendhaft als die Braven vor Jahrtausenden, die sich gegenseitig mit dem

größten Vergnügen bewirteten? Ich hoffe nicht. Die Zeiten haben sich

nur geändert. Wir besitzen statt der Gastfreundschaft eben eine andere

»Tugend«, ein Äquivalent. Die Geschichte beweist dies. Zu früheren

Zeiten wanderte man nicht so viel wie heutzutage. Es war beschwerlich

und gefahrvoll. Die Menschen waren selten. Drum kam auch nur selten ein

Wandersmann an die Haustür und begehrte Unterkunft. Man freute sich

jedesmal von ganzem Herzen, einen Fremdling zu sehen und aufnehmen zu

können. Dies Gefühl hat sich bis auf unsere Tage erhalten. Denn wenn man

mit jemand gut Freund bleiben will, so darf man sich nicht zu häufig bei

ihm blicken lassen. Dies scheint auch das Geheimnis der meisten Ehemiseren

zu sein. Man darf daher die alten Völker ihrer edlen Gastfreundschaft

wegen nicht allzu hoch preisen. Der fremde Gast war wirklich einmal eine

angenehme Abwechslung in der stillen Eintönigkeit ihres Lebens. Besonders

wenn er wohlhabend aussah. Er wurde staunend von oben bis unten betrachtet.

Sein Felleisen war der Gegenstand stiller, aber allgemeiner Bewunderung.

Man war auf die Geschenke gespannt. Selbst dem weniger selbstsüchtigen

Gastgeber hatte der Wandersmann allerhand zu bieten. Er konnte die

spannendsten Geschichten, die schönsten Abenteuer, die letzten Neuigkeiten

aus fernen Landen erzählen. Zu einer Zeit, da es noch keine Zeitungen

gab, war ein solcher Mensch daher jedem willkommen. So baut sich also die

sogenannte Tugend der Gastfreundschaft auf der sogenannten Untugend der

Neugier auf. Die Neugier hieß damals den Wandersmann willkommen. Man

profitierte von ihm, wie man heute von ihm Nutzen zieht. Darum begleitete

der freundliche, stolze Hausvater seinen Fremdling am nächsten Morgen beim

Sonnenaufgang und zeigte ihm seinen Weg. Wenn der Reisende sicher war,

daß er die richtige Fährte gefunden und das Ziel des Tages nicht mehr

verfehlen konnte, so schüttelten beide die Hände, dankten einander

für das Vergnügen und gingen, -- der Hausvater zurück, der Wandersmann

voraus.

Heutzutage, namentlich in den großen Städten, können die reisenden

Fremdlinge keinen Reiz mehr auf die Hausväter ausüben, wenn diese nicht

gerade an den vom Fremdenverkehr abhängigen Unternehmungen beteiligt sind.

Man liest alle Neuigkeiten aus der ganzen Welt in der Zeitung, man hat

Menschen genug um sich herum. Die Haustüren bleiben daher dem Wanderer

verschlossen. Seine Gegenwart, seine Übernachtung würde in einer

gewöhnlichen modernen Haushaltung höchst unerwünscht und peinlich sein.

Sind wir deshalb aber zu schmähen? Oder ist die heutige Welt nicht mehr

neugierig? Was ist das Äquivalent für die alte Gastfreundschaft? -- Die

moderne Gastfreundschaft hat sich auf das seelische Gebiet begeben. So

wenig Menschen es noch vor einigen Jahrtausenden gab, so viel gibt es

heute. Wie damals der Menschenmangel als Einsamkeit, als Wüste empfunden

wurde, so leidet heute das einzelne Individuum unter dem Eindruck

der Menschenfülle. Und je größer, je stärker diese wird, um so

hoffnungsloser erscheint sie dem einzelnen. Der Grund hierfür scheint in

der Verschlossenheit und Unzugänglichkeit des inneren Menschen zu liegen.

Und folglich in seiner Selbstsucht. Trotzdem haben die Menschen ein

Bedürfnis, in Herden zu leben. Gesellschaft nennen sie dies. Ein

wirklicher, normaler Mensch wird, wie gesagt, niemals selbstsüchtig und

folglich niemals sich einsam fühlen. Doch darüber läßt sich viel sagen.

Ich weiß, daß ich nicht ganz mit Ihnen darin übereinstimme. Ich würde

keine Seele finden, die das täte. Das muß man mit sich selber ausmachen.

-- Also, wenn wir uns daher in der großen Menschenwüste sehr einsam

fühlen und nun plötzlich einen Menschen antreffen, der uns gefällt, so

nehmen wir ihn genau so freundlich auf, wie die einsamen alten Völker die

einsamen alten Wanderer empfingen. Wir suchen die Seele des Gefundenen zu

erkennen, denn diese hat uns vielleicht etwas Neues aus fremden Regionen zu

berichten, etwas Neues, das nicht in der Zeitung steht. Wir betrachten den

Fremdling mit ebenso großer Neugier und suchen ihm ebenso aufrichtig alles

Gute anzutun, das in unseren Kräften steht. Es ist aber schwierig, die

verwandte, freundliche, einsam wandernde Seele anzutreffen, die wir suchen.

Nahe sucht man sie oft nicht, in der Ferne findet man sie gewöhnlich

nicht. Es scheint alles Glückssache zu sein. Und bevor man regelrecht

vorgestellt ist, bereitet eine Annäherung große Schwierigkeiten. Die

moderne Seeleneinsamkeit scheint daher oft so groß und so unerträglich zu

sein, daß sich viele praktische Menschen sogar in der Zeitung nach einem

seelisch verwandten Wanderer umsehen, da sie gewissermaßen absolut jemand

haben müssen, an dem sie ihre Gastlichkeit ausüben können.

Durch die uralte Sitte und Tradition wurde die Gastfreundschaft natürlich

im Laufe der Zeit eine Art Gesetz und wurde als solches heilig gehalten.

Damit waren dann ebenso natürlich allerhand Rechte, Gebräuche

und Zeremonien verbunden, die teils den Gast, teils den Gastgeber

verpflichteten. Als der Verkehr zunahm, sah man sich jedoch genötigt,

vielfach vom alten Rechte und den alten Gebräuchen abweichen zu

müssen. An den Hauptstraßen wuchsen kleine Häuser empor, die sich die

Beherbergung der Fremden zum Geschäft machten. Die ersten Gasthäuser! Der

Kommerzialismus erschien. Das Wandern und Reisen wurde bald so unsicher,

die Gastfreundschaft unzuverlässig, daß sich entfernte Familien und

Völker veranlaßt sahen, Verträge miteinander abzuschließen. Einzelne

Staaten sandten Männer in fremde Länder, welche unter dem Schutze des

betreffenden Volkes standen und sich um das Wohl ihrer reisenden Landsleute

bekümmerten. Die alten Griechen nannten diese Männer Proxenoi, und wir

haben sie heute noch und nennen sie Konsuln.

Die Reisenden schienen es allmählich für am bequemsten und besten zu

halten, in den Gasthäusern an der Landstraße abzusteigen. Dieser Brauch

wurde nach und nach allgemein. Die Römer, zur ersten christlichen Zeit

auf dem Höhepunkte ihrer Macht und ihres Glanzes, waren natürlich die

Hautevolee des damaligen Reisepublikums, die antiken Globetrotters. Als

solche machten sie sich das Reisen so angenehm und sicher als möglich.

An allen Landstraßen errichteten sie Stationen zum Pferdewechseln, mit

welchen gleichzeitig ein Nachtquartier verbunden war. An Weinschenken und

Gasthöfen in den Städten und Dörfern des Altertums war wirklich kein

Mangel. Auf Reinlichkeit ihrer Lokale schienen die antiken Wirte jedoch

im allgemeinen wenig Wert gelegt zu haben. Oder Horaz war ein großer

Kostverächter. Denn der alte Dichter drückt sich sehr verächtlich über

die Tavernen und Wirtshäuser seiner Zeit aus. Es ist auch möglich, daß

er als Poet nicht immer bei Kassa war und die damals schon existierenden

erstklassigen Lokale daher nicht frequentieren konnte. Vornehme Reisende,

welche keine Freunde in der fremden Stadt hatten, stiegen gerne in den

besseren Deversorien ab, weil sie dort gut aufgehoben waren. Zur Unterkunft

der Dienerschaft und der Gespanne der Reisenden dienten die gewöhnlich

etwas abseits liegenden Dependancen des vornehmen Gasthofes.

Wie von der ganzen antiken Zivilisation, so gewinnt man auch von den

Hotel- und Restaurantverhältnissen der römischen Blütezeit ein wunderbar

lebendiges Bild bei einem aufmerksamen Spaziergang durch die toten Straßen

Pompejis. Als der Vesuv an dem verhängnisvollen Augusttage des Jahres

79 die schrecklichen Verheerungen in seinem Umkreis anrichtete und das

blühende Leben rings um sich her zerstörte, da dachte niemand der

Unglücklichen daran, welchen Dienst dieser polternde, feuerspeiende

Bergriese den kommenden Geschlechtern erweisen würde. Er gab den

leichtherzigen Bewohnern der Städte gerade noch Zeit genug, ihre kostbaren

Siebensachen und Barschaft zusammenzuraffen und sich dann wörtlich aus dem

Staube zu machen. Die fröhlichen Städte aber wurden samt allem, das nicht

fliehen konnte, mit dicken Schichten von Asche, Bimsstein und Lava bedeckt.

Sie wurden den späteren Zeiten aufbewahrt. War es die Vorsehung, welche

mit prophetischen Augen die wütenden, verheerenden Scharen bärtiger,

struppiger Barbaren aus dem Norden heranziehen sah, um Rom zu vernichten?

-- Wer kann sagen, was die schrecklichen Werkzeuge der Vernichtung des

Schönen in der Faust des dunklen Schicksals der Völker bedeuten? -- Wir,

die Nachkommen, freuen uns, daß Pompeji gerade zu seiner Glanzzeit bedeckt

und uns aufbewahrt wurde. Als man vor etwa hundertundfünfzig Jahren

anfing, die Decke von der toten, vergessenen Stadt zu lüften, war man sehr

erstaunt. Man fand Dinge, worauf man sich als neueste Errungenschaft etwas

einbildete, man fand, daß die toten Bürger der toten Stadt sie besser

verstanden hatten.

Und je weiter man vordrang, vorsichtig, Schritt für Schritt, Zoll für

Zoll, um so herrlicher und wunderbarer und lebendiger rollte sich das

Bild ab. Nun sehen wir sie alle vor uns! Unbewußt, ahnungslos, daß sie

beobachtet werden, schalten und walten sie weiter. Und besser als irgendwo

anders erkennen wir das lustige Völklein von Pompeji in seinen Gasthöfen,

Weinschenken und Speisewirtschaften. Wir sehen sie essen und trinken,

lachen und zürnen, all die würdigen Senatoren, die edlen Frauen, die

Bankiers, die strammen Zenturionen, die flotten Maler und Bildhauer,

die düsteren und fröhlichen und lausigen Dichter, die leichtherzigen

Komödianten, die sanften Flötenspieler, die großsprecherischen

Gladiatoren, die Handwerker, die Krämer, die Wirte, die Soldaten, die

Bauern, die Sklaven, die Priester, die Priesterinnen, die Kellnerinnen, die

Köche, die Sklavinnen, die leichtsinnigen Dämchen.

Natürlich hat das antike Gastwirtsgewerbe mit der Entwicklung des anderen

Lebens Schritt gehalten. Bis heute hat man ein schönes, mäßig großes

antikes Gasthaus in Pompeji bloßgelegt. Dieses befindet sich an

der Gräberstraße. Eigentlich ist es nichts mehr als ein dürftiger

Trümmerhaufen, aber die Fundamente und Säulenstumpfe deuten darauf

hin, daß die Hauptzierde des Gebäudes eine schöne Säulenhalle war. Im

Erdgeschoß unter den Säulen befanden sich allerhand Kaufläden; im ersten

Stock wohnten die Gäste, welche von dort eine prachtvolle Aussicht auf

das blaue mittelländische Meer genossen. Dienerschaft und Pferde wurden in

neben dem Hause liegenden Ställen untergebracht. Man weiß nicht, ob die

Gäste ihre Mahlzeiten in diesem Hotel einnahmen oder die vielen Speise-

und Weinwirtschaften der Stadt aufsuchten. Auch ist es möglich, daß sie

sich die Speisen von einer solchen in ihr Quartier bringen ließen, denn

das Gasthaus selbst weist keine Einrichtungen für die Zubereitung von

Speisen auf. An Speise- und Weinwirtschaften jeden Ranges war zur damaligen

Zeit in Pompeji kein Mangel. Eines der renommiertesten Häuser war das

nahe beim herkulaner Tor gelegene Gasthaus des Albinus, der in würdiger,

stolzer Einfachheit seinem Etablissement gleichfalls die Firma »Albinus«

gab. Das Gasthaus »Fortunata« hatte eine sehr günstige Lage im

Mittelpunkt der Stadt an einer belebten Straßenecke und war gleichfalls

sehr beliebt. Vor seiner Tür steht ein garstiger Brunnen, worauf ein

Raubvogel abgebildet ist, der einen Hasen davonträgt. Wir müssen den

hochentwickelten Geschäftssinn der damaligen Wirte bewundern. Den großen

Wert einer guten Lage kannten sie ganz genau. Fast jedes Eckhaus war daher

als Schenke oder Gastwirtschaft eingerichtet. Andererseits ist mir jedoch

die stumme aber bedeutungsvolle Gegenwart eines Trinkbrunnens an vielen

Straßenkreuzungen, also vor der Tür der meisten Gasthäuser geradezu

rätselhaft. Über das Verhältnis der hohen städtischen Behörde oder

der Polizei von Pompeji zum zeitgenössischen Gastwirtsgewerbe ist leider

nichts bekannt. Ob die antiken Stadtväter mit den Ausbeutereien der

antiken Wirte weniger Erfolg hatten wie ihre modernen Amtsbrüder bei ihren

Zeitgenossen, und ob sie aus solch niedrigen Motiven daher als Maßregelung

der streitbaren Wirte die rätselhaften Trinkwasserbrunnen vor die Türen

der Tavernen pflanzten, ist ein noch unerforschtes Geheimnis. Da ich in den

meisten Fällen sehr realistisch denke, so habe ich die Überzeugung, daß

die Wirte an der Existenz der besagten Brunnen unschuldig sind, und ich

werde in dieser Annahme bestärkt, je mehr ich mir das Leben und Treiben

der pompejanischen Wirte und ihrer Habitués betrachte. Eine große,

höhnische, heimtückische Macht verschanzt sich hinter diesen Brunnen. Ich

glaube wirklich allen Ernstes, daß eine damalige, uns unbekannte große

Temperanzbewegung unter den nüchternen Bürgern und Bürgerinnen der

sonnigen Stadt am Meerbusen von Neapel es zustande gebracht hat, mit Hilfe

öffentlicher Subskription jedes neu entstehende Gasthaus mit einem nassen,

nüchternen Brunnen zu beantworten. Obgleich das Wasser darin heute nicht

mehr fließt, so sprechen die Brunnen selber auch für diese Behauptung.

Sie können ihre Herkunft wirklich nicht verleugnen. Sie sehen ganz nach

einem temperänzlerischen Ursprung aus. Durchweg prosaisch und geschmacklos

wie sie sind, stehen sie in scharfem Kontraste zu dem ästhetischen

Bedürfnis der Alten. Vergleicht man sie mit Brunnen in einem

pompejanischen Atrium oder Peristil, so sehen sie wirklich nur steinernen

Trögen ähnlich, darinnen das liebe Vieh seinen Durst stillt. Da ich aber

kein Historiker bin und auch weder Zeit noch Lust habe, das Wirken

dieser antiken Temperänzler schärfer zu beleuchten, so werden moderne

Mäßigkeitsgesellschaften, die die Früchte ihres Eifers als ein erst in

ihnen gezeitigtes Verdienst beanspruchen, meine Mutmaßung mit ungläubigen

und zweiflerischen Augen betrachten und die Existenz von antiken

seelenverwandten Bruder- und Schwesterschaften leugnen, statt mir für die

wichtige Entdeckung zu danken.

Schenken und Wirtschaften, welche Sklaven, Krämer, kleine Makler,

Gladiatoren und Schauspieler zu ihrer Kundschaft zählten, waren sehr

zahlreich. Diese Lokale hatten verschiedene Namen, wie ~Oenopolium~,

~Taberna vinaria~ oder ~Caupona~. Viele verabreichten nur Getränke, wovon

eines der beliebtesten die »~posca~« war, eine Art Cocktail von

Wein, Eiern und Wasser, welches kräftig zusammen geschlagen wurde. Die

~Popinae~, die Speisewirtschaften für die niederen Klassen, bezogen ihren

Bedarf an Fleisch aus den Tempeln, wo sie die geopferten Rinder, Schafe und

Schweine zu billigen Preisen ankaufen konnten. Sehr häufig stellten diese

spekulativen Wirte die verlockend zubereiteten Leckerbissen im Fenster oder

in der Haustüre aus. Die hungrigen Passanten konnten natürlich solchen

appetitlichen Anblicken nur schwer widerstehen. Doch auch schon damals,

ganz wie heute, bediente man sich gewisser künstlicher Mittel, um die

zäheren Gäste über Quantität und Qualität der Ware hinwegzutäuschen.

Die ~Thermopolia~, Tavernen, welche als Spezialität warme Getränke,

unsere heutigen Grogs und heißen Punsche, verabreichten, wurden schon von

den besseren Klassen besucht. Wenn ich »bessere« Klassen sage, so

meine ich natürlich auch feinfühlende Menschen. Wie schwach müssen

die Pompejaner und wie stark ihr Grog gewesen sein! Wie verrufen die

Thermopolia! Denn viele der braven Zecher vermieden aus allen möglichen

Gründen beim Besuch der Taverne jedes unnötige Aufsehen. Unter dem

Schutze des ~cucullus~, einer Art Haube oder Kapuze am Mantel, die über

das edle Haupt gestreift wurde, schlüpfte manch ein Pompejaner durch die

Gasse und verschwand im Hinterpförtchen der Schenke. -- -- Wie meinen

Sie? Keinerlei historische Berechtigung? Gewiß nicht. Aber es bedarf

doch wirklich keiner kühnen Kombinationsgabe, um diese zartfühlenden,

heimlichen Trinker als Mitglieder der erwähnten antiken

Temperanzgesellschaften zu erkennen, welche dem warmen Thermopolium den

kalten, klaren Brunnen vor die Türe setzten. Ich gebe daher dem Dichter

Plautus vollständig recht, wenn er sich über die bedauernswerten Männer

lustig macht, welche verhüllten Hauptes in die Schenke schleichen mußten,

um sich am warmen, würzigen Glühwein gütlich zu tun. Und dann, hm,

verzeihen Sie, daß ich's erwähne, doch zur Psychologie der Zecher ist es

notwendig -- diese Schenken hatten außer dem Glühwein noch eine andere

Attraktion in der Gestalt der ~Copa~, was die antike Kellnerin oder Barmaid

war. -- Bitte -- -- dies ist vielleicht nicht so verdammenswert, wie wir

annehmen mögen. Nach pompejanischen Gemälden zu urteilen waren diese

~Copae~ genau so resolute und stramme Jungfrauen und Geschäftsgenies wie

ihre Kolleginnen von heute. Ein Bild stellt uns eine solche holde Hebe

dar, wie sie von einem zaudernden Gaste energisch Bezahlung für den warmen

Trunk verlangt. Ohne Zweifel ein antiker Mäßigkeitsbruder.

Schon früh empfanden die Wirte das Bedürfnis, dem Gedächtnis ihrer

Kunden zu Hilfe zu kommen. Daher tauchen schon im grauen Altertum all die

schönen Firmen »Zum Adler«, Hahn, Apfel, Rad, Merkur, Traube, Krug usw.

auf. Daher die prangenden Schilder, die dem durstigen Passanten sagen, wo

etwas Gutes zu haben ist. Daher die verlockenden Inschriften, die

rührige Reklame der Gasthäuser. Die Pompejaner waren groß darin. Weder

Temperanzbewegung noch Trottoir oder Reklame sind Errungenschaften unserer

Zeit; wie vieles andere, worauf wir stolz sind. Die Alten hatten und übten

es schon. Genau wie heute blühte damals die Sitte, die Wände der Häuser

und die Mauern der ganzen Stadt mit Reklamen zu verschönern. Da es noch

keine Zeitungen gab, so war in ganz Pompeji kein freies Plätzchen

mehr, worauf nicht etwas Nützliches, Geschäftliches, Offizielles oder

Wissenswertes angezeigt, gemalt oder gekritzelt gewesen wäre. Wie alle

erdenklichen öffentlichen, politischen, städtischen, Neuigkeiten,

Theater- und Ringkampfanzeigen, persönliche Mitteilungen wie Liebesseufzer

und Beleidigungen, Lob- und Schmähreden an allen Ecken und Enden zur

Einsicht offen standen, so übten auch die Menüs der Restaurants und

Speisehäuser an den Mauern ihre stumme Pflicht. Bei der starken Konkurrenz

kann ein Geschäft nur mit wirksamer Reklame aufrecht erhalten werden.

Diese, eine unserer neuesten Ideen, verwirklicht von pompejanischen Wirten

vor beinahe zwei Jahrtausenden! -- Sarinus, der wackere Sohn des Publius,

begrüßte auf der Wand an einer Straßenecke den müden oskischen Wanderer

und teilt ihm höflichst mit, daß man um die zweite Ecke biegen müsse,

um das vorzügliche Hotel Sarinus zu finden. Ein anderer Wirt, welcher

noch über ein unvermietetes schönes Zimmer mit drei Betten und allen

»Bequemlichkeiten« zu verfügen hat, läßt es der Mitwelt unverzüglich

wissen:

»~HOSPITIUM HIC LOCATUR TRICLINIUM CUM TRIBUS LECTIS ET

COMM~«(~odis~)

Ein sehr interessanter Speisewirt, ein Reklamegenie ersten Ranges, ein

köstlicher Humorist, überzeugt von der Güte seiner Küche, preist

dieselbe folgendermaßen:

»~UBI PERNA COCTA EST SI CONVIVAE APPONITUR NON GUSTAT PERNAM LINGIT

OLLAM OUT CACCABUM~«

womit er sagen will, daß ein Zeitgenosse, welchem einer von seinen

gekochten Schinken vorgesetzt wird, nicht gleich den Schinken kosten,

sondern zuerst das Geschirr auslecken wird, worin der Schinken gekocht

wurde.

Die antike Weinwirtschaft sah häufig einer modernen American Bar sehr

ähnlich. Noch heute weist eine ehemalige elegante Taverne an der Via

Nolana, der Straße nach Nola, in Pompeji einen stattlichen Schanktisch

aus polychromem Marmor auf. Darunter befanden sich die großen irdenen

Weinkrüge, die amphorae, angenehm durch Wasserleitung gekühlt. Der Wirt

oder die Copa schöpften den Wein mit großen bronzenen Schöpflöffeln

heraus und füllten die »poculae«, die Becher ihrer Gäste je nach

dem Durst und den Mitteln derselben. Der Wirt an der Via Nolana muß

ein kunstsinniger Mann gewesen sein. Sein Lokal war mit Freskogemälden

geschmückt, welche einen Bacchus und einen Silenus darstellten. Andere

Tavernen wiesen weniger künstlerischen Wandschmuck auf, aber überall

schien ein Bedürfnis für Dekoration zu herrschen. Die Gäste selber

schrieben oder malten oft etwas an die Wände der Schenken. Sie machten

Anzeigen irgendwelcher Art, schrieben ihre Namen nieder, kritisierten

das Essen und Trinken oder wurden anzüglich. Verschiedene künstlerische

Versuche antiker Amateure sind auf diese Weise erhalten geblieben. So

zum Beispiel eine verdächtig aussehende Gruppe von Würfelspielern, ein

Jüngling, der mit einem Mädchen schäkert, ein Wirt, welcher ein Paar

Krakehler an die Luft setzt. Nach unseren gegenwärtigen Verhältnissen zu

schließen, müssen dies Studentenkneipen gewesen sein. In manchen Lokalen

läßt auch die Orthographie der Sprache zu wünschen übrig. In Pompeji

wurden auch mehrere Sprachen gesprochen. Das Resultat ist ein oft an den

Wänden der Schenken zu findendes Kauderwelsch von Latein, Griechisch und

Oskisch, dessen man sich im allgemeinen Umgang viel bediente. Wir dürfen

daher die modernen Deutschamerikaner nicht allzusehr schmähen, wenn ihr

Jargon die Reinheit der Muttersprache verloren hat.

So können Sie alle Stätten sehen, wo die Alten aßen und tranken

und fröhlich waren. Vom schönen, erstklassigen Hotel Bellevue an

der Gräberstraße herab bis zu den einfachen Herbergen, vom eleganten

künstlerischen Weinwirt an der Straße nach Nola, in dessen Lokal sich die

Honoratioren und Hautevolee der Stadt einfanden, um an zierlichen Tischchen

und auf künstlerischen Dreifüßen zu sitzen und aus schön verzierten

silbernen Pokalen Wein zu trinken, bis hinab in die Spelunken mit ihren

»~Chambres separées~« und deren passendem Wandschmuck, Lokale, die genau

wie heute sich ihres zweifelhaften Charakters wegen unter der Bürgerschaft

eines großen Renommees und Zuspruchs erfreuten und jedenfalls glänzende

Geschäfte machten.

Ja, leider, gnädige Frau! Zu allen Zeiten scheint die Menschheit

ein gewisses Bedürfnis und eine Hinneigung zu Ausschweifungen,

verschwenderischen Gelagen und Völlerei gehabt zu haben. Aber deshalb

dürfen Sie doch wirklich nicht glauben, daß die alten Römer zum Beispiel

entsetzlichere Schlemmer gewesen seien als wie wir. -- Freilich, freilich,

es herrscht diese allgemeine irrige Ansicht. Die Namen Lukullus, Nero,

Elagabalus und wie sie alle heißen, die antiken Lebemänner, sind heute

noch für jeden Gourmand der Inbegriff höchster Genußfähigkeit und

nachahmenswerte Idole, während der Fromme sie nur mit einem Schauer von

Entsetzen betrachtet und der hungrige Proletarier nur mit einer grimmigen,

unterdrückten Verwünschung dieser Namen gedenken kann. Man hat

jedoch schon verschiedentlich versucht, diese Irrtümer der Geschichte

aufzuklären, und ich schließe mich gerne den einsichtsvollen Männern

an, welche ein derartiges lobenswertes Werk unternehmen. -- Nur durch die

Geschichte der Menschheit kann man wirklich erkennen, was Mäßigkeit oder

Unmäßigkeit ist. Wer dadurch der Menschheit Mäßigkeit in körperlichen

Genüssen predigt, ist ihr Wohltäter. Das Bestiale in ihr nimmt doch immer

wieder sein Teil. Und was die Mäßigkeit in Gedanken anbelangt -- hm, da

braucht man nicht so sehr zu sorgen, die kommt meistens von selber. Unser

Heil liegt also in der Mäßigung in allen Dingen. -- Wie für alles, so

ist es auch für die antike Lebensweise und zu ihrem Verständnis wichtig,

genau zu beachten, in welchem Lichte sie uns gezeigt werden.

In der grellen elektrischen Beleuchtung unserer Zeit nehmen sich die

traditionellen »Schlemmereien« des Altertums doch recht dürftig aus. Ich

will mich bemühen, Ihnen dies möglichst genau zu erklären. -- Mögen wir

auch noch so starke Scheinwerfer moderner Wissenschaft auf das Dunkel in

der Geschichte der alten Kulturvölker richten, wir werden niemals in die

rätselhafte Tiefe der vergangenen Jahrtausende dringen können, wenn wir

nicht unsere Blicke in die eigenen Herzen tauchen und das Land der Alten

mit der Seele umfassen. Dumpf schweigend betrachten wir alsdann das

grauenhafte Ringen zwischen herrlicher, lebensdurstiger Schönheit und

deren unerforschlichen, wilden, gegnerischen Mächten. Es ist der zögernde

Kampf des Werdens, des Seins und des Vergehens, das wundervolle Trauerspiel

des Lebens, das sich schon im Auge des Säuglings ahnen läßt, das Spiel,

dessen klagende Akkorde das Jubilieren des Frühlings schon durchziehen.

Wir sehen die Jugend dieser Nationen, ihren Trotz, ihren Mut, ihre Einfalt,

ihre frische Stärke, ihre Einfachheit, Arbeitslust, Sittenstrenge. Wir

sehen ihre Pläne, die sie als Erbauer von Weltreichen entwerfen; sie

träumen von der Ernte künftiger Kulturen, deren Same in ihren Herzen

wühlt. Sie essen einfach, trinken Wasser, opfern ihre Söhne für das

öffentliche Wohl und die Gerechtigkeit. Wir sehen die gereiften Nationen,

ihre Herrscher, Politiker, ihre Künstler und Denker. Wir beobachten die

Wechsel in der Brust der Nationen. Fremde Einflüsse, welche durch den

Verkehr mit der Außenwelt unvermeidlich sind, arbeiten im Charakter des

Volkes. Wir sehen Wohlstand, Reichtum, Luxus, veränderte Lebensweise,

veränderte Sitten, veränderte Ansichten und Gedanken, nagende Zweifel,

lockende Versuchungen, heiße Kämpfe, überwundene Standpunkte, -- Triumph

des Neuen. So entschieden und bestimmt und scharf abgegrenzt sich die

Konturen der Zeiten von ferne ansehen, so unmerklich ist ihr Übergang von

einer zur andern. Sprossen, Wachsen, Verwelken. Und jedes hat seine Zeit,

jedes seine Rechte.

Wie im Denken, im künstlerischen Empfinden, Weltanschauung und Lebensweise

die Alten zur Blütezeit der Antike einfacher, stärker als wir und

uns daher überlegen waren, so betrachteten sie auch das Gastmahl nicht

lediglich als eine Funktion zur Körperernährung, sondern als eine

geweihte Handlung, aus welcher sie Freude und Stärkung schöpften. Doch es

gibt ein Halt. Und das ist das Rätselhafteste, das Unerforschlichste

des Lebens: mit der größeren Ausdehnung, der steigenden Entwicklung

der Nationen, mit ihrer wachsenden Freude am Dasein, mit ihrer Blüte und

Manneskraft schlichen sich auch schon die grinsenden, verkleideten Dämonen

des Verderbens in die Mitte der daseinsfrohen Menschen. Diese bösen

Widersacher verteilten Reichtum und Macht mit vollen Händen, schmeichelten

der Bestie des Menschen, fachten die wildesten Leidenschaften an.

Sie weckten Myriaden von bisher ungekannten, verborgen schlummernden,

unersättlichen Begierden. Überall, wo der Reichtum sich vermehrt, wo die

berauschende, verführerische Stimme der Großstadt flüstert, da recken

sich diese Gespenster empor und fahnden nach ihren Opfern. Und ihren Spuren

folgen alle Greuel des menschlichen Lebens: Laster, Verbrechen, Krankheit,

Sklaverei, Wucherei, Raub, Totschlag, Krieg, wie die Geier, Hyänen,

Schakale, Raben, Würmer und andere Aastiere dem Geruche der Fäulnis

folgen. Ein verheerendes Feuer schleicht durch das Mark eines Volkes, das

im Banne dieser Mächte liegt, wie eine Seuche verbreitet es sich, vererbt

es sich auf die Kinder der Eltern, bis das ganze Geschlecht wurmstichig,

faul zusammenbricht und sich in den Stürmen der Zeit als Staub auflöst.

So fuhren die herrlichen Geschlechter des Altertums dem rätselhaften

Finale entgegen, das ihrer harrte. Was war es? Lauerte es in dem

blutdürstigen Gebrüll aufgebrachter Barbaren und in ihren Fußtritten?

War es halb heraufbeschworen durch die Wünsche in der eigenen Brust, die

aufreibende Gier nach Freude, nach Reife, nach Vollendung, nach Erlösung?

War es eine schlaffe, süße Ermattung, eine Sehnsucht nach Tod oder der

eigentliche Zweck, der Triumph ihres Erdenwallens? -- Das Trauerspiel ist

aus -- der Winter ist da -- wählen Sie, meine Freunde, sich den Schluß --

ganz nach Ihrem Belieben und Ihrer Auffassung.

Unter solchen Eindrücken einer großen Vergangenheit, die ihre Hand selbst

noch bis in unsere heutige Zeit hinein erstreckt und wunderbar mit der

zauberischen Gewalt, welche von den Gräbern gestorbener Freuden ausgeht,

unsere Herzen erfaßt, verbleicht natürlich unser eigenes Leben. Das ist

das Recht, welches der Tod auf das Leben -- oder die Vergangenheit auf die

Gegenwart hat und ausübt. Wir fühlen uns klein. Es ist, als wollte sich

das Vergangene an uns, den Lebenden, rächen, weil wir es verdrängt haben.

So entstehen auch die Geschichten von dem märchenhaften Luxus, Schönheit

und der schwelgerischen Lebensweise des Altertums. Aber ein einziger

nüchterner Blick auf die technischen Möglichkeiten wird uns von dem

magischen Banne des Vergangenen befreien. Ich will daher, meine Freunde,

nicht Ihre Zeit verschwenden und Ihnen antike Gastmähler in allen meiner

Phantasie zu Gebote stehenden Farben und mit allen Einzelheiten darstellen.

Wir wollen uns auch nicht durch den Eindruck eines vergangenen Glanzes oder

durch schwärmerische Geschichtschreiber beim Entwurf unseres Bildes

vom antiken Gastmahl beirren lassen. Muß man nicht gewöhnlich über

Historienbilder und »historische« Literatur lächeln, wenn man sich nicht

gerade angeekelt fühlt? -- Uns gilt nur, den Geist der damaligen Zeit

mit den Augen unserer Seele zu betrachten und in uns aufzunehmen. Dies

und nichts anderes ist der bleibende Wert, den die große Zeit hat, dessen

Erben wir sind, den wir besitzen sollen. Alles andere ist Schutt und

Trümmer und altes Gerümpel.

Es würde daher ungerecht und unrichtig sein, zu behaupten, daß die Alten

in Raffinesse der Küche und Feinschmeckerei unsere Zeit übertroffen

hätten. Was die _Kunst_ des Essens und Trinkens jedoch anbelangt, so

scheinen sie uns weit überlegen gewesen zu sein, obgleich -- wie gesagt --

die antike Küche bei weitem nicht so vollendet und reichhaltig war, wie es

die der französischen Renaissance, also die unsrige ist. Denn _dies_ ist

gewiß: die Alten nahmen sich mehr Zeit zu ihrem Gastmahl: sie brachten

ein einfaches, stolzes Selbstgefühl mit an ihre Tafel, ein Gemüt, das

ungetrübt von einer vielverzweigten, rastlosen Zivilisation, unberührt

von bedrückender, einengender Konvention steifer Faltenhemden und frei von

jeder geschäftlichen Sorge einzig und allein einem inneren, angeborenen

Bedürfnis für Schönheit folgend, die Freude suchte und sich

rückhaltslos der Freude ergab. Denn die Gemütsbeschaffenheit des Gastes

ist ein ebenso wichtiger Faktor im Wohlgelingen des Gastmahls wie die

Qualität der Speisen. Daher maßen die Alten auch dem Gastmahl viel

mehr Bedeutung bei, wie man es heutzutage tut. Man muß staunen über

die herrliche Fülle von schönen, künstlerischen Tafelgeräten,

Haushaltsgegenständen, Trinkbechern, Wärmebecken für Speisen, Leuchtern,

Tripoden usw., die man noch in den letzten Jahren in Pompeji gefunden hat,

wenn man bedenkt, daß die Pompejaner vieles für sie Wertvolle auf

der Flucht vor dem großen Verhängnis ihrer schönen Stadt eiligst

zusammenrafften und mitnahmen. Viele kehrten zurück, nachdem sich die Wut

der Elemente gelegt hatte, drangen durch die eingestürzten Dächer ihrer

verschütteten Heime ein und gruben aus, was in der Angst und dem Tumult

der Katastrophe liegen geblieben war. Ferner waren in den darauf folgenden

Jahrhunderten diese herrlichen Gräber des Altertums der Gier und Beutelust

einzelner Menschen ausgesetzt, die eine leise Ahnung von den vergrabenen

Schätzen hatten und diesen stets beizukommen suchten. Im siebzehnten und

zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts wurde die unglückliche Stadt von

gierigen Horden von Piraten und Kunsthyänen überfallen, die auf der

Suche nach Schätzen und kostbaren Gegenständen alles wüst umwühlten und

nichts verschonten. Erst vor wenigen Jahrzehnten regte sich das menschliche

und archäologische Gewissen der Schatzgräber, und unserer Zeit verdanken

wir alles, was wir über die Alten wissen. Sie erst machte uns auf jeden,

selbst den kleinsten unscheinbarsten Fund aufmerksam und erklärte uns, wie

die Alten aßen, tranken, handelten und wandelten.

Wie wenig war uns das Glück günstig, und wieviel haben wir noch gefunden!

Und aus allen Funden spricht ein unersättliches Begehren nach Schönheit,

ein auserlesener strenger Geschmack, ein gesundes, verlangendes Formen- und

Stilgefühl. Warum sollte man nicht daraus schließen können, daß sich

dieser künstlerische Geschmack auch auf die Auswahl, Zubereitung, auf das

Servieren und Genießen der Speisen erstreckte? Was tut eine barbarisch

zubereitete und barbarisch gegessene Speise in einer künstlerischen, edlen

Schüssel? Was ein schlechtes Getränk in einer ~pocula~, einem mit Rosen

bekränzten Trinkbecher? -- Sehen Sie, warum die Alten die Kunst des Essens

besser verstanden als wir? In den Gastmählern eines Plato oder eines

Plutarch erblicken wir einen schönen Gottesdienst, vor welchem ein

modernes Diner mit allen seinen Raffinessen wie eine sachgemäße

Abfütterung erscheint. Soundsoviel pro Kuvert. Im Essen und Trinken aber

liegt ein tieferer Sinn verborgen. Und wenn wir den überirdischen Inhalt

in etwas Irdischem erkennen, so nennen wir den irdischen Gegenstand oder

Handlung ein Symbol, ein Sinnbild, ein Gefäß, ein greifbares Äquivalent

für einen körperlosen, unsichtbaren Wert. Man bedarf dieser kleinen

Symbole, um große Gedanken, seelische Welten, körperlose Vorgänge

plastisch und verständlich darstellen und ausdrücken zu können. Die

Welt, die Natur, das Leben ist voll davon. Die Menschen, die Religionen

lieben sie. Im Bilde des Gastmahls namentlich ist der Sinn schön und

unverkennbar klar. Ein Freund ladet den anderen gewöhnlich nicht zu sich,

um ihn abzufüttern, sondern um mit dem Mahl eine Wohltat auszudrücken,

die er ihm antun will. Daß eine solche Tat wiederum ihren reziproken Wert

hat, daß sie dem Geber gleichfalls von Nutzen ist, ändert nichts an der

Schönheit der Handlung.

So dürfen wir mit gutem Gewissen behaupten, daß die Alten zu ihren

Blütezeiten den Sinn des Gastmahls ganz erfaßt und beherzigt hatten und

dasselbe als das Symbol einer schöneren Handlung denn die Tätigkeit

des Kauens und Verdauens betrachteten. Die alten Historiker und Dichter,

obgleich sie viel über ihre zeitgenössischen Gastmähler berichtet haben,

tragen freilich wenig zur Unterstützung dieses Gedankens bei. Vor allem

aber hat sich die Weihe der Jahrhunderte über die vergangenen, versunkenen

Zeiten gebreitet, hat geläutert und den Schmutz des Alltags ausgeschieden,

so daß die erlebten und genossenen Freuden der Alten in verklärtem

Glanze vor unseren bewundernden Augen auferstehen und jung sind -- jung und

schön, schöner als zu ihrer Zeit, da sie irdisch waren, wie die unsrigen

zu unserer Zeit irdisch sind.

Wenn ich aber das realistische Bild eines antiken Gastmahls gegen das

moderne Leben halte, so verblassen alle unsere Träume von der großen

Zeit. Wer als Historiker, Wirt, Kellner, Fleisch-, Gemüse- oder

Viktualienhändler oder gar als Gourmet den Irrtum begeht, die Größe der

Antike in ihren Kochtöpfen zu suchen, der verdient gerecht bestraft zu

werden, und er wird es. Seine Enttäuschung wird gräßlich sein. Er wird

die alten Dichter und Historiker, die ihre Mähler besangen und feierten,

für harmlose, schwärmerische Enthusiasten halten; er wird nicht begreifen

können, wie die großen führenden Geister der damaligen Zeit

von Schlemmerei und Völlerei ihrer Zeitgenossen faseln und solche

»Ausschweifungen« bejammern konnten. Er wird sie für kurzsichtige

Moralisten und schüchterne, schamhafte Schwachköpfe halten. -- O ja, die

Alten hätten wirklich gern geschlemmt -- in unserem Sinne geschlemmt --

wenn sie gekonnt hätten. Aber sie konnten beim besten Willen wirklich

nicht. Die antiken Dichter haben tatsächlich viel gesündigt. Durch ihre

Lobreden und glühenden Schilderungen der Tafelfreuden einerseits und deren

absolute Verdammung andererseits haben sie die Nachwelt zu dem Glauben

verführt, daß die antike Genußsucht und Prasserei etwas ganz

Beispielloses in dem Schuldkonto der Menschheit gewesen sei. Aber lächelnd

müssen wir den Dichtern etwas mehr Spielraum geben als den Photographen.

Ein kurzer kritischer Blick über die Möglichkeiten zur Schlemmerei,

die den Vielgeschmähten zu Gebote standen, wird alle Befürchtungen

beschwichtigen und die Röte der Scham vor unserer eigenen Verwerflichkeit

in unsere Wangen treiben. Es ist kein Zweifel, die Alten waren

Feinschmecker. Wir auch. Möglichst gut essen will jeder. Sogar die,

die darüber am meisten schimpfen. Aber die Güte des Menüs hängt

ausschließlich von der Fülle und der Beschaffenheit der Rohmaterialien

ab. Kürzlich fand man ein antikes Kochbuch. Ich weiß aber leider noch

nicht, welchen Gebrauch die Alten von den guten Gaben der Natur machten.

Woraus diese bestanden, können wir jedoch leicht erraten. Im großen

ganzen waren sie wohl gleich denen von heutzutage. Nur nicht in so reicher

Fülle. Der Boden schenkte den alten Völkern reiche Nahrung an Gemüsen

und Pflanzen, wie er es heute noch tut. Der Süden bot ihnen seine

köstlichen Früchte; die nützlichen Haustiere hatten sich schon lange

den Menschen angeschlossen. Die alten Fischerleute wußten den Seetieren

nachzugehen. Alle Muscheln, Mollusken und Krustazeen, die vielen Sorten

delikater Fische des Mittelmeers, welche die ~Bouillabaise~ mit Recht so

berühmt gemacht haben, alle zierten sie schon die Tafel der Alten. Und

was die südliche Heimat nicht aufbot, das holten sich die Alten aus fernen

Ländern. Aber vieles muß doch auf dem langsamen, beschwerlichen Transport

gelitten haben. Wie die Austern, welche sich die Cäsaren von Englands

Küste holen ließen, in Rom noch frisch und genießbar sein konnten,

ist mir rätselhaft. Die meisten Gewürze und Spezereien des Morgenlandes

vertrugen die schwierige Beförderung der damaligen Zeit wahrscheinlich

schon besser. Daß jedoch derartige Importen zur damaligen Zeit mit großen

Kosten verknüpft und folglich etwas ganz Unerhörtes waren, ist sehr

natürlich. Nur die allerreichsten Gourmets konnten sich einen derartigen

Luxus erlauben, während den weniger Bemittelten nichts übrig blieb, als

sich respektvoll fernzuhalten oder über die »Extravaganzen« zu schimpfen

und sie als verderblich zu bezeichnen. Eine besonders schmackhafte Art

von Würstchen und gesalzene Fische, welche vom Pontus nach Rom

gebracht wurden, galten nach den damaligen Begriffen der renommiertesten

Feinschmecker als die größte Delikatesse. In den Augen der minder

begüterten Bürger waren diese harmlosen Nahrungsmittel geradezu

staatsgefährlich, ein Zeichen bedauerlichster Dekadenz. Wollüstige

Gourmets, welche sich nicht mehr mit den heimischen zähen Hahnenbraten

zufrieden erklärten und die korrupte, gottlose, orientalische Methode

des Geflügelmästens in ihren Hühnerhof einführten, wurden entweder

zu Genies oder zu Hochverrätern gestempelt. Zu gewissen Zeiten waren

derartige Verfeinerungen ungefähr gleichbedeutend mit Gotteslästerungen,

und römische Patrizier und Senatoren ergrimmten darüber mehr als

heutzutage ein hungriger Proletarier, der zufällig etwas von indischer

Vogelnestersuppe oder »~Poularde truffée Regence~« hört.

Wie meinen Sie, gnädige Frau? -- Lukullus? -- Nein, ich glaube nicht an

seine märchenhaften Schüsseln, an die Nachtigallenzungen en ragout, an

die lebenden Wachteln in gigantischen Pasteten usw. Lukull hat viel zu

viel Geschmack besessen, um an solchen Dingen Gefallen zu finden. Die

Einzelheiten, die heute noch über die Tafelfreuden des eigenartigen Mannes

im Umlauf sind, halte ich für Ausgeburten einer heißhungrigen Phantasie

späterer Jahre oder lüsterner, zeitgenössischer Poeten, die -- ganz wie

ihre modernen Kollegen -- die Freuden der Tafel aus der Hungerperspektive

preisen und sich durch die Verherrlichung der antiken Leckermäuler Eingang

zu deren reichen Häusern verschaffen wollten. Lukull, der gefeierte

Vielfraß, war ein eigenartiger, vielseitiger Mensch, der vielleicht durch

die zweifelhafte Verherrlichung als Feinschmecker von der Nachwelt nicht

genügend anerkannt wird. Er pflanzte zum Beispiel bekanntlich die ersten

Kirschenbäume in Italien, eine sehr nützliche, für den Obstbau und die

Hortikultur des Landes wichtige, verdienstvolle Handlung. Dieser feine

Diplomat, Feldherr, Sportsmann und Literaturfreund züchtete auch Fische.

Und hier spricht der Naturforscher und Naturfreund, nicht der Feinschmecker

und Schlemmer, selbst wenn Kirschen und frische Fische zu seiner Zeit eine

Delikatesse waren.

Sie sehen, die Alten mußten wirklich vieles Gute entbehren, das heutzutage

ganz gewöhnliche Volksnahrung ist. Unsere schnellen Verbindungen mit allen

Weltteilen haben uns viel neues Material, neue Gewürze, neue Pflanzen und

andere Genuß- und Nahrungsmittel gebracht. Wir könnten uns kein Essen

ohne diese vollständig denken. Die Alten hatten zum Beispiel keinen Kakao,

Kaffee, Tee, keinen Tabak, keine Liköre, wie wir sie zu Tausenden haben.

Sie hatten nicht einmal Kartoffeln, die Armen! Ihre Zähne, Gaumen und

Mägen empfanden nicht die wunderbare Wirkung des süßen Gefrorenen,

der Schokoladenbonbons und dergleichen Lieblichkeiten. Unsere modernen

verbesserten Kücheneinrichtungen, die fortgeschrittene Technik, die

Bratherde, Roste, Eisschränke, Ventilation, Feuerregulierung, Gas und

Elektrizität bedingen eine bessere und ausgiebigere Behandlung und

Verwertung der Rohmaterialien. Nein, Gnädige, die Alten hatten auch keinen

Champagner, diesen prickelnden Urgeist der Tollheit. -- Der wurde erst

-- wie das Schießpulver -- von einem christlichen Mönche zum Heil der

Menschheit eingeführt. -- Können Sie sich überhaupt eine Schlemmerei

ohne Champagner denken!?

Erkennen Sie nun die übertriebene Vorstellung, die wir von den

Tafelfreuden der Alten haben, meine Herrschaften? Selbst mit unserem

modernen Reichtum, mit der ganzen Reichhaltigkeit und Raffinesse unserer

Kochkunst wäre es den Römern zu gewissen Zeiten einfach unmöglich

gewesen, uns an verschwenderischem und lasterhaftem Lebenswandel

gleichzutun. Die moderne Geschichtforschung hat uns dies ausführlich und

klar bewiesen. Die alten Römer haben zu verschiedenen Perioden ein System

zur Überwachung der bürgerlichen Moral gehabt, das die Herzen aller

derjenigen freudig schwellen lassen würde, die sich in unseren Tagen solch

lobenswerten Amtes befleißigen, dürften sie es nur nach antiken

Mustern ausführen. Kaiser Augustus setzte die in einem Gastmahl zu

»verschwendenden« Geldsummen gesetzlich fest. Die Höhe der Taxe belief

sich je nach der Gelegenheit, in allen Fällen bescheidene, -- für unsere

Zeiten lächerlich geringe Summen, selbst wenn wir den praktischen Wert

der damaligen Währung den Verhältnissen entsprechend in Betracht ziehen.

Unglückliche mit einem angeborenen oder erworbenen notorischen Hang nach

Fraß und Völlerei oder Verschwendungssucht wurden streng bewacht und

beschnüffelt. Die Gesetze, die lieben Mitmenschen, die öffentliche

Meinung zwangen solche Wüstlinge, sich einzuschränken. Der allgemeine

Notstand, die geringe Währung, die knappe Barschaft, der Mangel an

edlen Metallen gestattete selbst den Allerreichsten keine wilde,

verschwenderische Lebensweise. Selbst zu den üppigsten Zeiten des

Altertums herrschte diese Einschränkung. Die Orgien eines Nero oder

Elagabalus würden das mitleidige Lächeln eines modernen Bonvivant

hervorgelockt haben. Die eheliche Treue und Moral der Geschlechter wurde

ebenso eifersüchtig gehütet. Gesetze und Moralisten von der strengsten

Sorte ließen nicht die großen geschlechtlichen Ausschweifungen und Laster

zu, in welchen die heutige Welt die vollste Freiheit genießt.

Ich will beileibe nicht behaupten, daß im Altertum das Bedürfnis für

unsere moderne Freiheit gefehlt hätte, aber -- ach, Sie sehen, meine

Freunde, mit uns verglichen erscheinen die berüchtigten Wüstlinge des

Altertums wie Waisenknaben, ihre größten Kurtisanen, Maitressen und

Intrigantinnen sind unschuldige, schüchterne Geschöpfchen neben ihren

Schwestern unserer Zeit. Phantastische Schreiber und gedankenlose,

abschreibende Historiker haben das klassische Altertum in ein zu

unnatürliches Licht gestellt. Bringen Sie, Herr Doktor, einen Bürger

des Forums in ein modernes Riesenvergnügungslokal, in ein Nachtcafé,

in unsere Varietétheater. Seine einfache, unschuldige Seele würde sich

derartiges nicht träumen lassen. Die lebendige, glühende Gier unserer

Zeit, die jedes Dienstmädchen, jeden Hausknecht ergreift, wo jedes

menschliche Wesen vibriert vor Sehnsucht nach Genuß und Vergnügen, dieser

tolle, tobende Lobgesang der Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts auf

das Erdendasein konnte sich im Altertum in unserer Weise, in unserem Grade

nicht kundgeben. -- Warum? Die Gelegenheit fehlte, die Mittel waren nicht

vorhanden. Unsere Dienstmädchen erlauben sich mehr Freiheit, mehr Luxus,

mehr Seide, mehr Schmuck, mehr Vergnügen, als manche vornehme Dame der

vielgeschmähten Zeit des römischen Luxus. Der Sonntagsrock eines modernen

Ladenjünglings ist aus besserem Stoff denn die Toga eines Senators der

alten Weltbeherrscherin. Wir müssen also wirklich erst in das Altertum

zurückgreifen, um die große, beispiellose, nie dagewesene Genußsucht,

Verschwendung unserer Zeit, die Güte und Raffinesse unserer Tafel richtig

zu erkennen. Denn eine materielle Parallele in der Geschichte zu suchen,

ist fruchtlos. Unsere Urgroßväter selbst, die doch auch jung gewesen sind

und zu ihrer Zeit gewiß auch keine Kostverächter waren, würden

staunen, wenn sie ihre Nachkommenschaft bei der Tafel, im Theater, bei den

Vergnügungen sehen könnten. Sogar im geistigen Leben tritt das gleiche

Phänomen vereinzelt zutage. Ich will nur ein augenscheinliches Beispiel

anführen. Der arme Heinrich Heine, das vielgehaßte und -geschmähte

traditionelle »Ferkel im Musengarten«, der »ungezogene Liebling der

Musen« -- neben seinen modernen Kollegen nimmt er sich aus wie ein

bleicher Konfirmand mit einer Lilie und einem Gesangbuche unter einer

Horde verbummelter, schlotternder Nachtcafé-Habitués beim Strahl der

aufgehenden Sonne am Ostermorgen.

Bitte, Sie dürfen mich nicht mißverstehen. Mit diesen Vergleichen will

ich kein Urteil sprechen. Weder über uns, die Lebenden, noch über die

Toten. Denn dann wären wir ja veritable Ungeheuer! -- Dafür danke ich.

-- Nein, jedes hat seine Zeit. Auch wir werden überlebt werden. Was aber

nicht notwendigerweise überboten heißt.

Geht daher ein gesunder Durchschnittsbürger unserer Zeit -- sagen wir ein

Händler in Lebensmitteln oder Luxuswaren en gros, ein fortschrittlicher

Gastwirt oder selbst ein vernünftiger Lehrer der Geschichte zum erstenmal

über das Forum in Rom, so wird er den Kopf schütteln und sich fragen:

»Ist das alles?«

Er muß sich gestehen, daß er mehr erwartet hat. Nach einigem aufmerksamem

Forschen (oder auch belehrenden Erklärungen des Cicerone) wird der

Enttäuschte entdecken, daß ein berüchtigter altrömischer Schlemmer

in einem Hause gewohnt hat, das vielleicht nicht einmal so groß und so

stattlich war wie die Heimstätte des Betrachtenden. Nicht jeder Besucher

der alten geweihten Stätten ist ein Dichter oder ein Philosoph, ein Mann,

der aus dem elenden Trümmerhaufen ein gewaltiges Weltreich neu auferstehen

sieht mit all seinen Kämpfen, Stürmen, glorreichen und traurigen

Tagen, mit all seinen herrlichen Geistern, großen Männern und schönen,

liebreizenden Frauen. -- Nicht jeder vermag sein eigenes Leben aus den

gewaltigen Ruinen hervorleuchten zu sehen, nicht jeden bestricken darin das

jubelnde Lachen des Lebens und seine herzzerreißenden Klagelieder. Nicht

jeder ist ein niedriger, käuflicher Hurraschreier, der auf Kommando das

Maul aufreißt, weil er muß, obgleich er nichts sieht, fühlt oder denkt.

Nicht jeder ist ein wohlerzogener Backfisch, der von einer Bewunderung in

die andere fällt an einem Orte, wo es die Sitte erfordert und zum guten

Ton gehört, weil dort etwas zu sehen sein soll. Nicht jeder hat das

Gedächtnis eines deutschen Gymnasialoberlehrers, der an heiliger Stätte

alle die interessanten, denkwürdigen geschichtlichen Daten von Anfang

bis zu Ende geläufig hersagen kann, was den Besuch an Ort und Stelle so

überaus genußreich macht. Nicht jeder übersieht alle die Mängel und

Schönheiten des Ortes in der Aufregung, weil er ihn andichten muß.

Sondern der weitaus größte Teil der Menschheit besteht aus jenen

zögernden, doch genügend ehrlichen Naturen, die bei einer nicht

augenscheinlichen Verwirklichung von Erwartungen ihrer wenig produktiven

aber dennoch phantasiereichen Köpfe die erlittene Enttäuschung nicht

hinunterwürgen, sondern sich derselben offen und ehrlich entledigen

wollen. --

So bliebe uns denn nichts zur Betrachtung übrig als der Geist der alten

Welt, der so glorreich auch an der antiken Tafel präsidierte. Ich kann

wirklich nicht ausrechnen, wie hoch sich die Kosten eines anständigen

Gastmahls der Alten beliefen. Ich will nicht zu ergründen suchen, ob die

delikaten importierten Würstchen vom Pontus roh oder gebraten verspeist

wurden, und so Vergleiche mit unseren modernen Würstchen ziehen. Ich will

nicht wissen, ob der gesalzene Fisch, der die biederen Senatorengemüter

in Aufregung versetzte, eine Stunde lang oder überhaupt nicht gewässert

wurde. Es interessiert uns wenig, ob er mit heißer Butter oder mit zäher

Mehlsauce und braunen Zwiebeln begossen wurde. Wir können nicht mehr

untersuchen, ob die ~Whistable Natives~ von Britannias weiß-grüner Küste

noch genügend frisch zum heilsamen Genuß in Rom anlangten, oder ob sie

durch ihre und den anderen Meerbewohnern charakteristische Tücke infolge

vorgeschrittenen Alters den römischen Bonvivants bedenkliches Magenzwicken

verursachten. -- Nur, wie schon gesagt, im Spiegel des glänzenden

Altertums vermögen wir unsere Zeit, also auch unsere Mähler und ihren

Geist, richtig zu erkennen, zu verachten oder zu würdigen.

Die Moral des Hotels: Tischgespräche · 第 9 / 24 题