VORWORT.

Gespräche mit mir zu Tisch! -- Wie schön läßt sich an der Tafel reden,

wenn die Runde liebenswürdig, wenn das Essen gut und der Appetit

nicht verdorben ist! Wie fröhlich läßt sich nach einer edlen Flasche

philosophieren, wenn man aus feiner Schale heißen Mokka nippt und den

blauen Rauch einer guten Zigarre in die Luft bläst, während der sinnende

Blick den duftigen Wolken nachzieht. Der wachsamste Mensch wird dann

unvorsichtig, dem Trug und der Täuschung zugänglich. Ja, was das

Schlimmste ist: er wird vergeßlich. Und dennoch! Jeder will einmal so

vergeßlich sein, jeder sich einmal als Mensch fühlen. Mehr als alles

andere hat ein gutes Diner eine Wirkung daraufhin. Es verleiht dem Esser

eine schöne, ja olympische Ruhe und Sicherheit, teilt ihm das stille,

wohltuende Gefühl eines gesteigerten Selbstbewußtseins mit, welches kein

anderer Genuß, keine andere Lebenslage in solch ruhiger Fülle zu

bieten vermag. Darin liegt die große Gefahr, die Falle für den modernen

Menschen. Ein derartiger Zustand, dünkt mich, sollte ruhiges, klares,

vernünftiges Denken fördern, erwecken. Weit entfernt! Unsere Zeit hat

kaum jemals ernstlich über diese Frage nachgedacht, hat nur instinktiv

gehandelt. Darum versteht man auch so wenig zu essen. Die meisten verstehen

es überhaupt gar nicht. Man will es nicht verstehen. Die Gefahr ist zu

groß; die Zeit fehlt. Man könnte sich zu sehr als Mensch fühlen.

Da ich jedoch in der glücklichen Lage bin, über genügend Zeit zu

verfügen, da ich die Gefahren eines guten Diners für uns moderne Menschen

erkannt habe, so bemeistere ich dieselben -- mit anderen Worten: ich bin

ein aufrichtiger, meiner völlig bewußter Esser. Das will etwas sagen.

Daher kann ich mir auch kaum etwas Menschlich-Schöneres denken als eine

gesellige Tafelrunde. Das gute Gelingen eines Mahls hängt freilich von

tausend verborgenen, mißgünstigen Kleinigkeiten ab, die nicht jedermann

bekannt sind. Der Gourmet selbst hat seine Last damit. Ärger

über mißlungenes Essen wird besonders stark empfunden. Als

gesundheitsschädliche Gemütserregung tut er an Heftigkeit nur der

wahnsinnigen Eifersucht eines Verliebten gleich. Diese beiden Tornados der

menschlichen Seele haben -- ganz wie die atmosphärischen -- ein Zentrum,

das absolut still und ruhig und unerreichbar ist: die Dummheit im

psychologischen Falle.

So habe ich denn als Gastrosoph die verschiedenen Störungen, Hindernisse

und Gefahren, die unseren Tafelfreuden drohen, eifrig studiert. Die

Mähler, die ich gebe, sind daher berühmt, meine Gastlichkeit ist

gepriesen; mein Bild ist in jedem Winkel der Erde bekannt -- den Gebildeten

wenigstens. Man prahlt mit meiner Bekanntschaft. Und hat keinen Grund dazu.

Wo ich auftauche und erkannt werde -- und ich werde erkannt -- da entsteht

Reportergedränge. Natürlich mischt sich allerhand unliebsames Volk unter.

Gewöhnlich ist dies sogar am stärksten vertreten. Wie immer und überall

und in aller Ewigkeit. Aber ich habe Verpflichtungen. Das Klappern gehört

auch zu meinem Handwerk. Das Schweigen, das feine, lächelnde Schweigen

gleichfalls. Was eine negative, aber nicht minder wirksame Reklame ist. Vor

allem darf ich daher nicht grob werden. Und vor allem einem internationalen

Banausentum gegenüber nicht. Denn dies ist ungefähr das bösartigste,

gefährlichste Gesindel auf Gottes weitem Erdboden. Als Mann der Welt werde

ich schließlich überhaupt nicht grob. Das heißt allerdings Zeitverluste.

Als tüchtiger Geschäftsmann aber -- denn das bin ich auch oder eigentlich

-- habe ich mir ausgerechnet, daß derartig angelegtes Kapital sich

reichlich verzinst. --

So entstanden meine Tischgespräche, oder richtiger ein Teil derselben,

die besonderen, die vorliegenden. Für mich waren sie eine höchst

interessante, wenn auch teilweise verhängnisvolle, kritische Untersuchung

der erwähnten Gefahren; dagegen eine gute Lehre und Strafe zugleich für

meine Quälgeister. Denn hartnäckig ließ ich den teuflisch gesuchten,

einmal gesponnenen Faden nicht mehr fallen. Selbst nicht auf die Gefahr

hin, heimlich verfemt oder gar für langweilig gehalten zu werden.

Weil meine Worte ehrlich und wohlgemeint sein sollten, drum mußten sie

notwendigerweise so hinterlistig sein. Auch mußten sie interessant sein.

Sonst hätten sie meinem Rufe geschadet und ich hätte nichts, absolut gar

nichts damit erreicht. Weil meine Zuhörer an der Tafel Banausen waren,

mußte ich fachsimpeln, mußte ich Griffe in die diversen Hanfbündel des

Lebens tun, um sie -- die Zuhörer, die Spezialisten -- zu ködern, mit

ihrem Fache ihre Aufmerksamkeit fesseln. Darin lag das Interessante. Für

sie, die Zuhörerschaft. Ich erwartete im voraus alle Schrecken einer

Inquisition, alle Qualen einer Selbsterniedrigung, ich sah die gähnenden

Kiefer einer entsetzlichen Langeweile, ihre dunkle Rachenhöhle, ich

empfand das Nagen eines bösen Gewissens, -- aber statt alledem ergriff

mich plötzlich ein fremdes Verlangen -- Neugier -- Schaffensdrang --

Mitleid -- Entdeckermut -- sei es, was es will. Und vorsichtig und geduldig

zog ich den verhängnisvollen Faden ein. Weiter und weiter! Denn, ach,

nun wollte ich wissen, wie er entstand, woher er kam, was an seinem Ende

hing. --

Es ist etwas Eigenartiges um die menschliche Seele. Ich wußte genau: der

Faden wird in meinen Fingern gebildet. Aus dem wirren, losen Bündel Hanf

entsteht das feste Knäuel. Das Bündel wird kleiner, das Knäuel wächst.

Und dazwischen liegt die Wonne der Arbeit, die unwiderstehliche aber

unbefriedigte Neugier, das Wissen und das Nichtwissen, die Furcht vor

meiner Spule für den brausenden Webstuhl der Zeit, meiner Hände Werk

zwar, aber nicht mein Eigentum.

* * * * *

Wer den Lauf der Ereignisse in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts

betrachtet, wird es ganz erklärlich finden, daß unsere Generationen (und

vielleicht auch noch die kommenden) trotz aller technischen Fortschritte,

trotz aller redlichen Bemühungen manches unbeachtet lassen, manches vom

Strom der Zeit ins Leben Gerissene und im Aufblühen Begriffene ersticken

lassen, das vielleicht zu scheu, zu unansehnlich, zu bescheiden oder

zu schwach ist oder das gar wissentlich als zu verächtlich beiseite

geschoben, als daß es der Teilnahme der Weisen und gar erst des

gewöhnlichen Sterblichen wert wäre.

Unsere Zeit hat indessen vor allen anderen das Verdienst, daß sie uns

die schöne Erde ganz erschlossen hat. Das Bedürfnis hierfür ist das

ursprünglichste Empfinden im Forschensdrange (oder Neugier), das jede

menschliche Brust bewegt. Wichtige Erfindungen haben es den Völkern

ermöglicht, schnell, bequem und billig reisen zu können. Man macht

ausgiebigen Gebrauch davon, denn man reist gern. Und jeder, der hierzu in

seinem Leben Geld, Zeit und Gelegenheit hatte, kann, wenn er glücklich

und klug genug war, nicht allzuviel Bücherweisheit in sein Reiseränzlein

einzuschnüren, sich stolz in die Brust werfen und sagen, falls ihn

irgendein Naseweis nach seiner Bildung befragt:

»Ich habe die Hoheschule des Lebens besucht; bin Doktor der Rechte des

Daseins.« Und ähnliches mehr.

Wir Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts haben uns den Gesetzen der

Anpassung getreu den heranstürmenden Ereignissen gefügt. Schranke um

Schranke fiel, der Naturalismus kam und ging wie die Romantik vor ihm.

Es wanken schon (so denken wir) die letzten Barrieren vor dem Gesuchten.

Schließlich folgt die letzte Emanzipation, und wir stehen da mit leeren

Händen vor einem Nichts. Wir stehen davor und sehnen uns nach neuen (oder

gar zurück nach ein paar alten »abgelegten«) Idealen, denn ohne Ideale,

mit einem puren Nichts geben sich Menschen nicht zufrieden. Wir sorgen und

sorgen und vergessen, daß die Zeit für uns sorgt. Das ist die Nervosität

des zwanzigsten Jahrhunderts, der Menschen nüchtern, kalt, berechnend,

~businesslike~, aber dennoch mit einer qualvollen Sehnsucht im Herzen, mit

der Genußsucht nach dem gewissen Etwas, das die dunkle Zukunft uns immer

wieder hartnäckig vorenthält. Das ist Neugier. Wir haben die äußersten

Winkelchen der Erde betreten, wir wollen die Tiefen der Lüfte und der

Meere, ja die der eigenen Seele ergründen, den geheimsten Funktionen

des Cerebellums nachspüren. Man muß sich sehr weit von den Menschen

entfernen, um ein gutes Bild von ihnen zu erhalten. Ein Zusammenhang,

eine Einheit ist schwer mehr zu erkennen, obgleich sie besteht. Aber die

hinterlistigen Verhältnisse unserer Zeit haben die früher nach einer

Einheit strebenden Gewebe der Zivilisation getrennt, sie haben neue

Kontraste und Abgründe geschaffen, einzelne Reiche gebildet. Wir können

kein Ende sehen, weil wir am Anfang stehen. Und immer stehen werden.

Daher toben gewaltige Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit, blutige,

verderbliche Aufruhre, mörderische Kriege, politische Umwälzungen. Daher

fängt man sogar schon an, human zu werden. Einsichtsvolle Geister arbeiten

beständig an dem Wohl des Volkes. Die Regierungen und Kapitalisten,

vielleicht nur von gewissen Ängsten dazu angetrieben, geben Mittel mit

vollen Händen her. Kurz, der Dankbare sieht hinter jedem Ereignis ein

Streben zur Läuterung. Mögen nun edle Menschenliebe oder bloß graue

Furcht vor unabsehbaren, unheimlichen, fabelhaften Folgen dies Streben

fördern, wir wissen es nicht. Vielleicht helfen beide. Wir wissen

nur Tatsachen, wie zum Beispiel, daß Menschenliebe und folglich auch

Menschenfurcht Mythen sind, welche in uns lebendig geworden, nun in

Wirklichkeit existieren. Furcht natürlich im erhöhten Maße. Wir wissen

nur Tatsachen, wie zum Beispiel, daß die mehr oder weniger deutlichen

Drohungen des Sozialismus manches aufgerüttelt und manches ins Bockshorn

gejagt, manches in Bewegung gesetzt haben, das sonst in arkadischem Frieden

weiter gewuchert hätte. Und wir wissen, daß die weisen Gesetzgeber sich

immer erst durch verzweifelte Notwendigkeiten veranlaßt sahen, Gesetze zu

ihrer und zu anderer Schutz und Recht herauszutüfteln und herauszugeben.

Das Gesetz, eine Erfindung wie alle anderen, ist das legitime Kind der

Notwendigkeit und des Geistes der Zeit. Nur das erste nicht: »Du sollst

nicht vom Baume der Erkenntnis essen!« Das ist eine rätselhafte Kaprice,

das Kind einer üblen Laune.

Die Bilder, welche unser Leben bedeuten, sind zwar stets andere, aber

immer und immer wieder nur Illustrationen der alten Geschichte von dem

der Menschheit eigentümlichen Wanken zwischen dem »Guten« und dem

»Schlechten« oder dem Vollkommenen und dem Unvollkommenen. Ihr Werdegang

ist eine Springprozession zum Heiligtum des Ganzen, ein wogendes Meer, ein

Suchen, ein Sehnen nach Vollkommenheit und ein Rückfall ins Dunkle.

Und wie im Brausen des Meeres, so ertönt dazwischen ein gellendes

Hohngelächter von abertausend kapriziösen Geistern der Finsternis. Und

Männer mit ganz feinen Ohren, begabt mit reicher Phantasie, hören

dies. Sie haben darauf nichts Eiligeres zu tun, als es den Schwerhörigen

mitzuteilen. Erst dann hält es die Menschheit für nötig, langsam sich

wieder aufzuraffen. Wenn sie den Weisen glauben, heißt das.

Wie ungeschickt sind wir doch! Wie kurz denken wir nicht und fügen uns und

andern dadurch unermeßlichen Schaden zu, den wir bei einiger Einsicht von

Anfang an hätten vermeiden können. Gewöhnlich nennt man dies »Irrtum«.

Der Irrtum, bildlich dargestellt, aber ist, wie wenn ein armes, leidendes

Menschenkind sich in Schmerzen am Boden windet, während ein grinsender,

abscheulicher Teufel hinter ihm steht, ihm eine Narrenmütze aufsetzt

und sich vor Lachen über das komische Bild den Bauch hält. Zu solcher

Demütigung muß es kommen, damit die meisten von uns angetrieben werden,

einen schwachen Versuch von Selbsterkenntnis zu machen. Wie sind sie

alsdann plötzlich so geschickt, den Schaden zu reparieren! Man denke sich

nur einen Tölpel, der eine Schüssel fallen läßt. Was treibt ihn

dazu an, die Scherben möglichst flink wegzuräumen oder gar wieder

zusammenkitten zu wollen? Jemand, der nicht gewöhnt ist, Scherben zu

machen, wird lachen und sie liegen lassen. Aber den Tölpel überzeugt

selbst die Erfahrung nicht. Warum hat unsere Zivilisation, unser nationales

und soziales Leben Situationen, Verhältnisse, Orte geschaffen, wo sie

Laster, Verbrechen, Schwindsucht, Wahnsinn, Nervosität und alle sonstigen

erdenklichen Leiden wie auf einem Mistbeete züchtet? Warum hat sie

Industrien und Fabriken, die alle Beteiligten in die Ketten von Krankheit,

Elend und Sklaverei legen? Nur damit sie, dieselbe Zivilisation,

Hospitäler, Sanatorien, Kirchen, Wohltätigkeits- und Besserungsanstalten

bauen und mit Wundern der menschlichen Erfindungsgabe protzen kann. Denn

all der Jammer, den sie verursacht hat, soll wieder gut gemacht werden. Die

Scherbenmacher des Lebens bedenken nicht, daß die Gefäße des Lebens

aus dem feinsten Material verfertigt sind und daß der Saft des Lebens

unaufhörlich daraus hervorsickert, wenn sie einmal einen richtigen Knacks

bekommen haben. Leider aber steckt die Wurzel und der Same der giftigen

Pflanze und des Unkrauts im Boden. Man sieht sie nicht eher, als bis sie

mit dem Weizen aufgewachsen sind.

Man hat aber trotzdem schon viel eingesehen in unseren Tagen. Man fängt

auch schon an, vorzubeugen statt zu reparieren. Ein erfreuliches Zeichen!

Es gibt fast keine Industrie mehr ohne ihre Literatur. Arbeiterheere tun

sich zusammen, ihre geschäftlichen und menschlichen Rechte zu beschützen

und zu verteidigen. Selbst in den jüngsten, täglich neu entstehenden

Industrien ist dies wahrzunehmen. Es ist jedoch kein Zufall, daß die

Gastwirtschafts-Industrie, obgleich sie streng genommen jung, sehr jung

ist und jetzt gerade gewaltig heranwächst, als solche unbeachtet geblieben

ist. Ich will nicht den Anspruch erheben, die Vernachlässigung entdeckt

zu haben, denn das wäre nicht richtig. Jedermann, der an dieser Industrie

beteiligt ist, empfindet sie mehr oder weniger. Wenn auch schon viel in den

Zeitschriften über das Gastwirtschaftswesen gesagt worden ist, so kann

ich dies aber nur meistens für fragmentarisch und für leere Verwunderung

über die plötzlich aufgeschossenen Riesenprachthotels oder für Reklame

halten. Müßige Plauderer ohne jede tiefere Kenntnis haben sich damit

befaßt, jedenfalls weil alles darin so schön aussieht, weil sie dort sehr

gutes Essen und Trinken bekommen und im großen ganzen sehr gut aufgehoben

sind. Derlei Tändeleien schrumpfen aber elend zusammen, wenn das Leben mit

seinem ernsten Gesichte und seiner wuchtigen Sprache an sie herantritt.

Wir besitzen meines Wissens nach noch keine nennenswerte einheitliche,

sachliche Kritik über das moderne Gastwirtswesen, das nunmehr -- streng

genommen -- ein viertel Jahrhundert alt ist. Selbst wenn ein derartiges

klassisches Werk schon existierte, so würden meine Tischgespräche doch

nur als ein kleines Kapitel in dem großen Bande über die weitverzweigte

Industrie kondensiert sein müssen, ja eigentlich gar keinen gebührenden

Platz finden können. Im Zeitalter der Spezialisierung beschränke ich mich

bei meiner Beschreibung des Hotels daher hauptsächlich auf ein Thema:

das menschliche. Es wird jedoch auch der »Fachmann« an den vorliegenden

Gesprächen verständnisvolles Gefallen oder Mißfallen haben. Aber ich

will nur schildern -- nichts anderes. Darum kann jedermann zuhören. Ich

will dem »Fachmann«, namentlich dem jüngeren, und dann auch den Leuten,

die täglich mit ihm zu tun haben, das Werden, Sein und Vergehen eines

Menschen vor Augen stellen, chaotische Zustände kritisieren und

erörtern und Kulturgewächse und -auswüchse betrachten, die von großem,

allgemeinem Interesse sind. Wenn ich durch diese Darstellungen auch nur

einen einzigen jungen »Fachmann« von der aktuellen Lage seiner Sache zu

überzeugen vermag, wenn ich ihm den rechten Weg andeuten kann, der ihn

an leiblichem und seelischem Niedergang vorbei zum allgemeinen und

persönlichen Nutzen führt, so wird diese Arbeit überreichlich belohnt.

Gerade im Leben des Arbeiters in der modernen Gastwirtsindustrie gibt es

Zustände und Fragen, die schon lange nach Erlösung schreien. Ich bin vor

keiner dieser schreienden und wimmernden Fragen zurückgewichen, noch habe

ich sie schonend behandelt, Fragen, die an Menschlich-Allzumenschlichem so

unendlich reich sind.

Die ganz außerordentliche, sonderbare Stellung, die der moderne Kellner in

der Geschäftswelt einnimmt, hat ihn ungleich anderen Arbeitern weniger

zum Kämpfer als zum Vermittler geschaffen. Das, dünkt mich, ist etwas

Besseres. Jedenfalls erfordert seine Rolle in unserem Zivilisationstheater

oft eine größere Geschicklichkeit als die des Helden oder des Naiven. Ein

hervorragender Zug darin ist der kosmopolitische. Der moderne Kellner

hat keine nationalen Bedenken. Er scheint der Vorläufer einer

Völkerverbrüderung zu sein. Der ins Riesige gewachsene, heute schon

unermeßliche Verkehr zwischen den Völkern der Erde, die stetige, ruhig,

aber unaufhaltsam und triumphierend fortschreitende Kultur, deren Same

von Europa in die entlegensten Eckchen der Erde getragen wurde, hat diese

Verbrüderung aufkeimen lassen. Patrioten, Chauvinisten, wirkliche

und Pannationalisten haben keinen triftigen Grund, diese Legierung von

Völkerelementen zu verdammen. Wo die Eigenschaften verschiedener Erze

vereinigt werden, entsteht zum mindesten ein nützliches Metall. Ob jemals

ein edles Metall aus einer Völkerlegierung entstehen kann, bleibt dem

stillglühenden Läuterungsprozesse künftiger Jahrtausende überlassen.

Aus der Phiole aber sehen wir schon eines: den Weltfrieden leuchten.

So ist der Kellner mit all den Kenntnissen und Fähigkeiten, die er

besitzen muß, dank seiner sozialen Stellung das typischste, kommerzielle

Produkt des zwanzigsten Jahrhunderts, ein hervorragendes soziologisches,

ja psychologisches »Problem«. Der Beweis dafür ist, wie oft man sich zum

Beispiel auf der Bühne, in der Gesellschaft, in der Presse seiner Gestalt

bemächtigt und sie auf billige, sehr, sehr billige Weise auszubeuten

sucht. Niemals ernstlich behandelt und ernst nimmt, denn das kann man von

den genannten Ausbeutern noch nicht oder nicht mehr verlangen. Gerade aber

darum will ich eine rühmliche Ausnahme erwähnen: Bernard Shaw in

seinem Schauspiel »~You never can tell~«. In dem Dilettantismus und

der Spöttelei aber erblicke ich, wie eine neuentstandene dringende

Notwendigkeit die erste Achtung auf sich zieht und wie sie empfangen wird.

Indes kindisches Stammeln, müßiges Tändeln oder -- in unserem Falle --

selbst der spitzige Stift des Karikaturisten, dem man doch sonst genügend

Vertrauen sollte schenken können, sind impotent und können den Problemen

der Gastwirtsindustrie nicht helfen. Was der Kellner benötigt, sind starke

Worte und starke Taten. Ein fremder Stein, der vielleicht vom Himmel fiel

oder den ein Vulkan oder die See ausspie, wird ja immer zuerst die Runde

durch die betastenden Kinder- und Narrenhände machen müssen, die sich

daran belustigen, bevor der Mann kommt, der ihn liebevoll untersucht und

ihm einen passenden Platz in seiner Sammlung einräumt, froh, eine neue,

vielleicht interessante Spezies gefunden zu haben. Man wird hinter das

Interessante und Kuriose eines vermeintlichen oder wirklichen Fundes kein

Fragezeichen stellen. Die Situation wird jedoch spannender, wenn die Frage

auftritt, ob man dem Funde oder ob er uns nützen kann. -- Darum fand

ich es nach einigem Schwanken der Mühe wert, die Tischgespräche

aufzuzeichnen.

Die Moral des Hotels: Tischgespräche · 第 8 / 24 题