Es ist unzweifelhaft gewiß, daß uns das erste sichere Zeugnis über

das Vorhandensein der Kindertaufe in der christlichen Kirche

+Cyprian+ gibt, also in der ersten Hälfte des 3. Jahrh. Zu seiner

Zeit handelte es sich nicht mehr darum, ob Kinder christlicher Eltern

getauft werden dürfen und sollen, -- damit war man einverstanden --

sondern es war nur noch die Frage, ob sie bald nach der Geburt oder

erst acht Tage nach derselben, dem Vorbilde der Beschneidung gemäß,

getauft werden sollten. Das letztere war die Meinung des Bischofs

+Fidus+, welcher dem Konzil zu Karthago im Jahre 252 eine

Frage darüber vorlegte. Cyprian antwortete darauf im Namen der bei

diesem Konzil versammelten 66 Bischöfe. „Seine Antwort zeigt uns,“

schreibt Neander, „wie er voll war von jener oben entwickelten großen

christlichen, der Kindertaufe zu Grunde liegenden Idee, wie er aber

durch jenen Geist der Veräußerlichung manches Irrtümliche damit zu

vermischen sich verleiten ließ.“[405] Cyprian erklärt sich gegen die

willkürliche Grenzbestimmung des Fidus, indem er sagt: „Keiner von uns

konnte mit deiner Meinung übereinstimmen; wir alle urteilen vielmehr,

daß keinem Menschen, sobald er geboren worden, die Barmherzigkeit

und Gnade Gottes versagt werden müsse; denn da der Herr in seinem

Evangelium sagt: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen

Seelen zu verderben, sondern zu erhalten“, (Luk. 9, 56) so muß, soviel

an uns ist, womöglich keine Seele verloren gehen.“ „Was du gesagt

hast, daß die Berührung des Kindes in den ersten Tagen seiner Geburt

nicht rein sei, und daß jeder von uns sich noch scheue, ein solches zu

küssen, auch dieses darf, wie wir meinen, kein Hindernis sein für die

Verleihung der himmlischen Gnade, denn es ist geschrieben: „Alles ist

dem Reinen rein;“ und keiner von uns darf einen Ekel haben vor dem,

was Gott zu schaffen gewürdigt hat. Wenn auch das Kind eben geboren

ist, so ist es doch nicht so, daß jemand einen Ekel haben dürfte, es

bei der Erteilung der Gnade und der Erteilung des Friedensgrußes (der

Bruderkuß, der als Zeichen der Gemeinschaft des Friedens im Herrn

den Neugetauften erteilt wurde) zu küssen.“ „Wenn übrigens etwas die

Menschen an der Erlangung der Gnade hindern könnte, so könnten vielmehr

die Erwachsenen durch die schweren Sünden gehindert werden. Wenn aber

auch den schwersten Sündern, welche vorher viel gegen Gott gesündigt

haben, nachdem sie zum Glauben gelangt sind, die Vergebung der Sünden

verliehen und von der Taufe und der Gnade keiner zurückgehalten wird,

um wieviel mehr darf das Kind nicht zurückgehalten werden, welches,

neugeboren, nicht gesündigt, sondern durch die fleischliche Abkunft

von Adam die Ansteckung des alten Todes mitgebracht hat, welches desto

leichter zur Erlangung der Sündenvergebung kommt, weil ihm nicht

eigene, sondern fremde Sünden vergeben werden?“[406]

+Origenes+, der große Kirchenlehrer von Alexandrien, ein

Zeitgenosse Cyprians, spricht mehrmals von der Kindertaufe als einer

kirchlichen und von den Aposteln her überlieferten Sitte. Es sind

drei Stellen bei Origenes, die ausdrücklich vom Vorhandensein und der

Berechtigung der Kindertaufe handeln. Wir setzen dieselben hierher, und

zwar in der Übersetzung von Pfarrer +Stöber+.[407] Die Aussprüche

des Origenes lauten: „Gemäß der kirchlichen Regel wird auch den

Kindlein die Taufe gespendet.“[408] „Niemand ist rein von Befleckung,

sei auch sein Leben auf Erden nur eines einzigen Tages lang. Und

weil durch das Taufsakrament die angeborene Beflecktheit abgewaschen

wird, darum werden auch die Kindlein getauft.“[409] Und endlich kommt

Origenes zu der kühnen Behauptung: „Von den Aposteln her hat die

Kirche die Überlieferung empfangen, daß auch den Kindlein die Taufe zu

spenden sei.“[410]

Wie nun diese willkürliche und unberechtigte Behauptung dieses

Kirchenvaters aufzunehmen ist, soll uns +Neander+ sagen:

„Origenes, in dessen System die Kindertaufe sehr gut Platz fand,

erklärt sie für apostolische Überlieferung, +welche Aussage übrigens

in diesem Zeitalter nicht viel bedeuten kann+, da man so sehr

geneigt war, Einrichtungen, die man für besonders wichtig hielt, von

den Aposteln abzuleiten, und da schon so manche, den freien Blick

hemmende Scheidewand zwischen diesem und dem apostolischen Zeitalter in

der Mitte stand.“[411] Ebenso +Münscher+: „Die Versicherung des

Origenes, daß die Kindertaufe von der apostolischen Tradition herrühre,

möchte ich eben nicht für ein historisch gültiges Zeugnis ansehen. Denn

es war damals gar zu gewöhnlich, daß jede Kirche ihre Einrichtungen auf

die Apostel zurückführte, um sie dadurch zu bestätigen und ehrwürdiger

zu machen.“[412] Und ~Dr~. +Riehm+ führt aus: „Daß die schon

von Origenes auf apostolische Tradition zurückgeführte Kindertaufe

wirklich in der apostolischen Zeit üblich war oder wenigstens

vorgekommen ist, läßt sich aus dem N. Testament nicht beweisen.“[413]

Daß die Säuglingstaufe nicht vor der Mitte des 3. Jahrh. eingeführt

wurde, bezeugt auch +Hippolytus+, der um diese Zeit schreibt: „Wir

haben nie die Taufe von Kindern verteidigt, welche erst in einigen

Gegenden anfing, angewandt zu werden.“[414]

+Curcellaeus+, ein berühmter Theologe und Professor zu Genf,

sagt: „Der Gebrauch der Kindertaufe begann nicht vor dem 3. Jahrh.

nach Christo. In den früheren Jahrhunderten ist keine Spur davon zu

finden, -- und sie ward ohne den Befehl Christi eingeführt.“[415]

Auch +Bunsen+, einer der größten Gelehrten der Neuzeit, bezeugt:

„Die Kindertaufe im Sinne der neueren Zeit, nämlich die Taufe

neugeborener Kinder mit stellvertretenden Gelübden von Eltern und

andern Taufzeugen, war unter den Christengemeinden der ersten Zeit

etwas völlig Unbekanntes, nicht nur bis zu Ende des 2. sondern in der

Tat bis in die Mitte des 3. Jahrh.“[416] Und die „Kirchengeschichte des

christlichen Vereins im nordischen Deutschland“ gibt zu, daß „Christus

die Kindertaufe nicht eingesetzt habe“, und macht das Zugeständnis,

daß dieselbe nur eine von „Menschen erfundene Zeremonie“ sei.[417] Wir

haben nun eine ganze Kette von historischen Zeugnissen, durch die wir

unwiderlegbar nachgewiesen haben, daß die Kindertaufe erst zur Zeit,

als Cyprian in Karthago das Episkopat innehatte, eingeführt wurde.

Die Kindertaufe hat somit, wie fast alle kirchlichen Neuerungen und

Irrtümer, Afrika als Heimat.

Überschreiten wir das 3. Jahrh., so finden wir, daß die Kindertaufe

schon eine ziemlich weit verbreitete Sitte war, doch forderten manche

Kirchenväter ein bestimmtes Alter. So will +Gregorius v. Nazianz+

in den Fällen, wo keine dringende Gefahr vorhanden ist, ein etwa

dreijähriges Alter der Kinder abgewartet wissen, damit „sie“, wie er

sagt, „etwas bei der Taufe fühlen und antworten können, wenn sie es

auch nicht vollkommen verstehen“.[418]

Der ununterbrochene Streit aber und die Verhandlungen vieler Synoden

über diesen Punkt beweisen, daß es an Saumseligkeit, ja sogar an

heftigem Widerspruch gegen diesen Brauch nicht fehlte. Als gegnerische

Parteien wären hier zu erwähnen die +Pelagianer+, die +Bongomilen+,

die +Arnoldisten+ sowie die +Petrobrusianer+ und die sich ihnen

anschließenden +Henricianer+ in Südfrankreich und Oberitalien.[419]

Gegen die ersteren schreibt z. B. die Generalsynode zu Karthago

im Jahre 418, auf der nicht weniger als 200 Bischöfe aus allen

Teilen Afrikas und Spaniens zugegen waren, Kanon 2: „Wer sagt,

die neugeborenen Kinder brauche man nicht zu taufen...., der sei

Anathema.“[420] Dasselbe wurde ein Jahr später am 25. Mai, ebenfalls

in Karthago, auf einem Konzil wiederholt.[421] Die Bongomilen vom

10. bis 12. Jahrh., die sich unter der allgemeinen Verwirrung

dieses Jahrhunderts aus Griechenland nach Italien, Südfrankreich,

den Niederlanden, nach Deutschland, Österreich und anderen Ländern

verbreiteten, behaupteten: „Die Kindertaufe sei unnütz, weil die Kinder

keines Glaubens, keines Vorsatzes der Besserung, keiner Aufnahme des

hl. Geistes fähig seien, daher sich auch keine Wirkung davon im Leben

der Menschen offenbare.“[422] Die Arnoldisten drangen „auf wahrhafte

Sinnesänderung, behaupteten, daß die bloß äußerliche Taufe an und für

sich dem Menschen unnütz sei, wenn nicht damit verbunden wäre die

allein wesentliche Taufe des hl. Geistes, welche die wahrhaft gläubige

Seele vom Bösen reinige und heilige.“[423] Von +Peter von Bruys+, der

im 12. Jahrh. in Südfrankreich als Priester wirkte, schreibt Schröckh:

„Er behauptete zuerst, daß Kinder, welche den Gebrauch ihres Verstandes

noch nicht hätten, durch die Taufe nicht selig werden könnten; daß

ihnen auch ein fremder Glaube nichts helfe, weil der Erlöser von

denen eigenen Glauben gefordert habe, welche getauft und selig werden

sollten.“[424] Peter von Bruys will nicht den ungetauften Kindern die

Seligkeit absprechen, sondern er will beweisen, daß dem Evangelium

gemäß nur Erwachsene, die glauben, getauft werden sollten. +Neander+

schreibt von ihm: „Peter von Bruys wollte eine christliche Taufe nur

dann anerkennen, wo das dazu notwendige Erfordernis des Glaubens

vorhanden war. Er betrachtete daher die Kindertaufe als eine nichtige,

und alle, welche in die von ihm gestiftete Gemeinschaft eintreten

wollten, mußten sich von neuem durch die Taufe darin aufnehmen lassen.

Die Wassertaufe könne, so lehrte er, wo kein Glaube vorhanden sei,

nur den Leib, nicht die Seele reinigen. Wenn seine Anhänger von ihren

Gegnern Wiedertäufer genannt wurden, so glaubten sie diesen Namen mit

Recht zurückweisen zu können, da von einer Wiederholung der Taufe nicht

die Rede sein könne, wo keine wahre Taufe vorhergegangen sei. Wir,

sagten sie, erwarten die rechte Zeit für den Glauben, und wenn der

Mensch bereit ist, seinen Gott zu erkennen und an ihn zu glauben, so

vollziehen wir an einem solchen nicht, wie ihr uns beschuldigt, eine

Wiedertaufe, sondern wir taufen ihn, weil er noch nicht mit der Taufe,

durch die man von Sünden gereinigt wird, getauft worden ist.“[425]

Es ist noch beachtenswert, daß, trotzdem in der herrschenden Kirche die

Kindertaufe allgemein gebilligt und ausgeübt wurde, sich doch Beispiele

dafür vorfinden, daß noch Jahrhunderte nach Entstehen der Kindertaufe

fromme Eltern, ja sogar Bischöfe ihre Kinder im reiferen Alter erst

taufen ließen. ~Dr.~ +Rietschel+ schreibt darüber: „Gregor von Nazianz

und Basilius wurden erst nach Vollendung ihrer weltlichen Bildung

getauft, obgleich jener Sohn eines Bischofs, dieser Sohn frommer Eltern

war. Auch Chrysostomus und Hieronymus, die aus christlicher Familie

stammten, wurden als Erwachsene getauft. Ambrosius und Nektarius

empfingen erst nach ihrer Wahl zum Bischof die Taufe. Als Augustin

in seiner Jugend todkrank wurde, ließ ihn seine Mutter Monica nicht

taufen, sondern ihm nur die Katechumenatsweihe geben.“[426] Augustin

erwähnt dies in seinem ersten Buch, Kap. 11.

Im +Mittelalter+ findet man kirchliche Verordnungen vor, woraus zu

ersehen ist, daß Eltern bei Unterlassung der Kindertaufe streng

bestraft wurden. Eine englische Synode von 691 (oder 692) Kanon 2,

schreibt z. B. vor: „Ein Kind muß innerhalb dreißig Tagen nach seiner

Geburt bei Strafe von 30 Solidi getauft werden. Stirbt es (nach 30

Tagen) ungetauft, so wird es gesühnt mit dem ganzen Vermögen der

Eltern.“[427] Und die Synode von Paderborn 785 beschließt, Kanon

19: „Jeder muß sein Kind innerhalb eines Jahres taufen lassen, bei

Strafe.“[428] Namentlich werden auch die Priester dafür verantwortlich

gemacht, daß keine Kinder ungetauft sterben.[429]

Hat man im Altertum nur geborene Menschen getauft, so finden sich

seit dem 13. Jahrh. auch Spuren dafür vor, daß man bei vorhandener

Lebensgefahr die Kinder im Mutterleibe taufte. Einige Kirchenlehrer

wie Augustin und auch Thomas von Aquino erklärten sich gegen diese

Sitte. Luther sprach sich mit Ernst dagegen aus, Kinder eher zu

taufen, als bis sie vollständig geboren sind.[430] Die Art und Weise,

wie diese Taufe vor sich ging, zu beschreiben, sind wir an dieser

Stelle, da diese Dinge schon in das Bereich des allzu Menschlichen

gehören, und derartige Beschreibungen ihren Zweck auch viel besser in

der „Moraltheologie“ Roms erfüllen, genötigt, mit Stillschweigen zu

übergehen.[431]

Aber alle diese Mittel schienen der Kirche noch nicht den erwünschten

Erfolg gebracht zu haben. Man ließ sich deshalb zu Handlungen

verleiten, welche dem Wesen des Christentums schroff zuwider waren. So

wurden z. B. Kinder mit List oder mit Gewalt den Eltern weggenommen,

um ihnen die Taufe zu erteilen. Ein Beispiel darüber findet sich bei

Scotus in seinem Kommentar über Lombards viertes Buch vor. Scotus,

der einer der scharfsinnigsten Denker unter den Scholastikern war,

schreibt, „daß ein Fürst, der mit einer gewissen Behutsamkeit die

Kinder der Juden und Ungläubigen wider den Willen ihrer Eltern taufen

lasse, daran sehr wohl tue, weil Gott an den Kindern ein größeres Recht

habe als die Eltern; ja solche Eltern selbst dürften gar wohl durch

Drohung zur Taufe gezwungen werden, weil, gesetzt, daß sie auch keine

wahren Gläubigen würden, doch ihre Nachkommen, wenn sie eine gute

Erziehung erhielten, es werden könnten“.[432]

Seit dem 6. und 7. Jahrh. kommen derartige Zwangstaufen recht

häufig vor und dies nicht nur an unmündigen Kindern sondern sogar

an Erwachsenen. Kaiser +Justinian+ (527-565) verordnete nach

+Binghams+ Angabe: „Solche Väter, welche die Taufe noch nicht

empfangen hätten, sollten sich samt ihren Weibern und Kindern und

allen, die ihnen zugehörten, im Gotteshause einfinden und daselbst ihre

Kleinen sogleich taufen lassen, die übrigen aber sollten die Taufe

empfangen, sobald sie im Wort Gottes nach den heiligen Büchern wären

unterrichtet worden. Wenn aber irgend jemand, um ein öffentliches

Amt oder eine öffentliche Würde zu erlangen, oder um Besitzungen

erwerben zu können, in unaufrichtiger Absicht die Taufe an sich

vollziehen, dabei aber Weib oder Kinder oder Dienstboten oder wer immer

seinem Hause oder seiner Verwandtschaft angehöre, im alten Irrtum

verharren ließe, dessen Güter sollten in solchem Falle eingezogen

und seine Person durch den zuständigen Richter gestraft werden, auch

sollte er von jedem Amte im öffentlichen Gemeinwesen ausgeschlossen

bleiben.“[433] „Der fränkische König +Chilperich+ ließ viele Juden

wider ihren Willen und mit Gewalt taufen, und vertrat zuweilen selbst

die Taufzeugen- oder Patenstelle. Dasselbe tat der König +Sisebut+

in Ansehung der spanischen Juden.“[434] Das Konzil zu Toledo im Jahre

633 erklärt sich gegen diesen Brauch.[435] „Es fehlte auch nicht an

Eifer zu gewaltsamer Heidenbekehrung. Der Frankenkönig +Dagobert+

(628-638) zwang nicht bloß die Juden zur Taufe, sondern erließ auf

Anraten des hl. Amandus den Befehl, die heidnischen Einwohner von

Gent mit Gewalt zu taufen. Dasselbe geschah auf Befehl +Karls des

Großen+ in Ansehung der Sachsen. Auch liefert die Geschichte der

Einführung des Christentums unter den Bulgaren, Friesen, Thüringern,

Skandinaviern u. a., sowohl von seiten der Regenten als der sogenannten

Heidenapostel, mehr als ein Beispiel von Aufnötigung der Taufe durch

physische Gewalt, durch List und Überredung. Es wurde für verdienstlich

gehalten, das Reich und die Herde Christi zu vermehren, wenn auch die

Mittel, dies zu bewirken, nicht eben die edelsten und würdigsten sein

sollten.“[436]

Diese Vorgänge sind der beste Beweis, wie gar bald die Staatskirche den

Grundsatz Jesu: „Wer da +will+, der komme,“ aus dem Auge verlor.

Ist es deshalb zu verwundern, daß die Kirche völlig verweltlichte

und den göttlichen Charakter mehr und mehr verlor? Doch gab es

Kirchenlehrer und dies besonders im 13. Jahrh., welche zu solchen

Zwangsmaßregeln weder rieten noch sie billigten. So äußert sich z.

B. +Thomas von Aquin+ nach Schröckhs Angabe in diesem Punkt

dahingehend, daß die Kinder der Juden oder anderer Ungläubigen wider

den Willen der Eltern nicht getauft werden dürften.[437]

Die +Reformation+ fand die Kindertaufe als einen festen kirchlichen

Gebrauch vor und trat gegen die Verteidigung der Erwachsenentaufe mit

Entschiedenheit für sie ein. +Zwingli+, der mit +Grebel+, +Manz+ und

~Dr.~ +Balthaser Hubmaier+, damals Pfarrer in Waldshut in der Nähe von

Zürich, die Gegner der Kindertaufe waren, häufig zusammenkam, hat eine

Zeitlang den „Irrtum“ eingesehen und war der Meinung, daß es besser

sei, die Taufe bis zu „gutem Alter“ aufzuschieben, jedoch nahm er

bald wieder eine entgegengesetzte Stellung ein und wurde von da ab

ein eifriger und fanatischer Verteidiger der Säuglingstaufe.[438] Er

schritt sogar, als die öffentlichen Besprechungen mit den Wiedertäufern

ihr Wachsen nicht aufhielten, 1525 mit seiner „theokratischen

Rücksichtslosigkeit zur Gewalt“. „Der Rat verfügte unter Androhung von

Landesverweisung die Taufe aller Kinder innerhalb acht Tagen, ließ die

Widergesetzlichen einfangen“ und verordnete 1526, daß alle Wiedertäufer

„ohne Gnade und Barmherzigkeit ersäuft werden“.[439]

Die Aufgabe der Reformatoren war sicherlich eine große und edle, und

ohne Zweifel waren die Männer von Gott berufen, um der in großer

Dunkelheit sich befindenden Menschheit das volle Licht göttlicher

Wahrheit zu bringen. Allein sie haben diese ihre hohe Aufgabe nicht

ganz erfüllt, da sie mit den vielen Irrlehren und Mißbräuchen Roms

nicht völlig aufräumten. Man hätte, „um der Einsetzung Christi wieder

näher zu treten“, wie ~Dr.~ Friedrich Schleiermacher sagt, „bei

der Reformation die Kindertaufen fahren lassen können“.[440] Das

Vorurteil und Mißtrauen, mit dem oft die Reformatoren gegen all das,

was in irgend einer Weise mit ihrer Auffassung und Lehrbestimmung

nicht übereinstimmte, erfüllt waren, veranlaßte sie oft, dies, ohne es

einer genauen Prüfung zu unterziehen, zu verwerfen. Man denke hier z.

B. an die ungerechte Behandlung von Grebel, Manz, Balthaser Hubmaier

und ihrer Glaubensgenossen. Die einfachen Lehren und Heilsanstalten

des Evangeliums wurden zu einem Gewebe dogmatischer Spitzfindigkeiten

ausgesponnen und durch äußere Zwangsanstalten, wie die Kindertaufe

eine ist, gefesselt. Doch, was die mutigen, im Geiste Gottes kämpfenden

Verteidiger der biblischen Wahrheit Großes geleistet haben, erkennen

wir herzlich gerne an und sind mit innigem Dank gegen sie selbst

und gegen den allweisen Lenker der Weltgeschichte erfüllt. Aber

diesen unsern Dank dürfen wir nicht dadurch zum Ausdruck bringen,

daß wir sie zur Richtschnur unseres Glaubens machen, sondern wir

müssen auch hier den Weg gehen, den uns Gott in seinem Bibelbuch

vorschreibt. Sehr richtig und beherzigend sind folgende Worte von

~Dr.~ +Priestly+: „Luther und Calvin reformierten viele

Mißbräuche, besonders in der Kirchenzucht, und ebenso verschiedene

grobe Verderbnisse in der Lehre; aber sie ließen andere Dinge von weit

größerer Bedeutung, gerade wie sie dieselben vorfanden.... Es gereicht

ihnen zum großen Verdienst, so weit gegangen zu sein, als sie gingen,

und nicht sie, sondern wir sind zu tadeln, wenn ihre Autorität uns am

Weitergehen hindert. Wir sollten sie vielmehr nachahmen in der Kühnheit

und dem Geiste, womit sie so viele lang geduldete Irrtümer in Frage

zogen und berichtigten; und für uns selbst aus ihren Arbeiten Nutzen

ziehend, größere Fortschritte machen, als sie imstande waren zu machen.

Wir haben wenig Grund, ihren Namen, Autorität und Beispiel anzuführen,

wenn sie viel taten und wir durchaus nichts tun. Hierin ahmen wir

ihnen nicht nach, sondern denen, welche sich ihnen widersetzten und

zuwiderhandelten, indem sie alles so lassen wollten, wie es war.“[441]

Aber ebenso wahr und beherzigend sind auch folgende Worte ~Dr.~

+Gmelins+: „Sobald eine Kirche wirklich eine „evangelische“ sein will,

so darf sie die Zugehörigkeit zu ihr niemals erzwingen und auch nicht

durch scheinbare Freiwilligkeit erschleichen wollen, sondern muß es

immer dem tatsächlich freien Willen, der eigenen Überzeugung eines

jeden überlassen, ob er sich zu ihr bekennen und ihren Bedingungen

unterwerfen will. Den Versuch, durch staatliche „Schutzmaßregeln“

oder durch gewohnheitsmäßige Zwangseinrichtungen, wie die Kindertaufe

eine ist, als Symbol des Eintritts in eine kirchlich-religiöse

Genossenschaft, sich eine möglichst große Zahl äußerlicher Glieder zu

sichern, können wir immer nur als einen im besten Fall katholisch, im

tiefsten aber heidnisch-weltlichen, nie aber einen „evangelischen“,

dem Evangelium Jesu und seinem ganzen Sinn und Geist entsprechenden,

erkennen.“[442]

Wir schließen unsere Untersuchung mit der der Tatsache entsprechenden

Ausführung von ~Dr.~ +Lange+: „Die Geschichte beweist, daß die

Kindertaufe in der ältesten Kirche nur ein Erzeugnis des schon

frühzeitig überhandnehmenden Aberglaubens von der mystischen,

übernatürlich wirkenden Kraft des durch den hl. Geist bewegten

Taufwassers und von der Gewalt des Teufels und der Dämonen über die

Seelen der Ungetauften war, und daß sie erst durch die Vollendung

dieses Aberglaubens allgemein eingeführt wurde. Es fragt sich auch aus

diesem Grunde, ob es der +evangelischen+ Kirche würdig und angemessen

sei, ein solches +Denkmal des altchristlichen Aberglaubens+ länger zu

dulden.“[443]

[Illustration]

Die Konfirmation.

Die Konfirmation ist eine veränderte Einrichtung der römischen Firmung.

In der katholischen Kirche gilt letztere als Sakrament, welche aber

+Luther+ bereits 1520 als solches strich und ließ sich nur zu

dem Geständnis herbei: „Ich lasse zu, daß man firmle soferne, daß man

wisse, daß Gott nichts davon gesagt hat, auch nichts darum wisse,

und daß es erlogen sei, was die Bischöfe darinnen vorgeben.“[444]

Gleich Luther sprechen sich die übrigen Führer der evangelischen

Bewegung scharf gegen die römische Firmung aus. Man sah aber doch

bald ein, daß, solange man die Kindertaufe beibehielt, eine derartige

Einrichtung -- wenn auch in einer anderen Gestalt -- nötig sei, um

die in der Kindertaufe versäumte und unmögliche und doch zur Wirkung

der Taufe notwendige Bedingung, nämlich den eigenen Glauben des

Täuflings, durch seine freie Willenserklärung +nachzuholen+.[445]

Aus dieser Erkenntnis und Notwendigkeit entwickelte sich allmählich

die Konfirmation, die aber erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh.

durch +Speners+ Wirksamkeit völlig in der lutherischen Kirche

durchgedrungen ist.

Obwohl die Konfirmation und die Taufe zeitlich weit auseinander

liegen, so wird jene doch durch die dogmatische Bedeutung, die darin

besteht, daß sie eine „Erneuerung des Taufbundes“ ist, mit dieser

sehr eng verknüpft. Durch die Konfirmation soll dem Täufling,

wie schon oben angedeutet, die Gelegenheit geboten werden, seinen

Glauben zu bekunden und ein persönliches Bekenntnis und Gelübde

abzulegen. Der herangewachsene Getaufte erneuert somit am Tage der

Konfirmation die früher von seinen Eltern oder Paten in seinem Namen

abgelegten Taufgelübde und macht sich von dem Zeitpunkt persönlich

dafür verantwortlich. Mit Recht wirft da ~Dr.~ +Lange+ die

Frage auf: „Wozu aber ein solches Surrogat [Ersatzmittel], da nichts

im Wege steht, das Sakrament selbst, als wahren Verpflichtungsakt,

zweckmäßig, +nachdem die Kinder erwachsen und unterrichtet sind+,

zu vollziehen?“[446]

Die Lehre der alten Kirche ging hierin noch weiter und behauptete:

Die Konfirmation verleiht dem Menschen Kraft und Tapferkeit zum neuen

Leben und geistlichen Kampfe.[447] Wenn es nun an dem ist, daß die

Konfirmation „+Kraft zum neuen Leben und geistlichen Kampfe+“

gibt, so sei uns hier gestattet, einige Fragen, die unserer Meinung

nach ernst genug sind, um gründlich geprüft und erörtert zu werden,

aufzuwerfen: Wie stimmt nun dies mit der leider zu traurigen Tatsache,

daß viele von den am Vormittage in der Kirche konfirmierten Gliedern

schon am Abend auf dem Tanzboden, im Wirtshause oder im elterlichen

Hause bei berauschenden Getränken zu treffen sind, wobei sie oft

des Guten zuviel genießen? Oder sind Zigarren und Tabakspfeife für

den Konfirmanden passende Geschenke, die er zum „neuen Leben und

geistlichen Kampfe“ benötigt, und kann er dadurch Jesu Aufforderung

erfüllen: „Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure

guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen!“? Und sind derartige

Dinge erforderlich, um die Früchte eines neuen und in Gott geheiligten

Lebens nach außen hin zu offenbaren? Als Beweis dafür, daß solche

Präsente bei derartigen Gelegenheiten wirklich überreicht werden,

sei hier Pfarrer Hebich angeführt, der nach der Konfirmation zu

seinem Sohn Samuel sagte: „So, jetzt bist du ein Mann“ und schenkte

ihm eine -- Tabakspfeife.[448] Es sei aber bemerkt, daß wir damit

nicht sagen wollen, daß alle Eltern ihren Konfirmanden derartige

Geschenke überreichen. Wir wissen und sind glücklich darüber, daß

wir unter den Konfirmationsgeschenken auch des öfteren die Bibel

finden -- den einzigen Wegweiser zum ewigen Leben -- und daß es

auch unter den Konfirmanden solche gibt, bei denen das Ablegen des

Glaubensbekenntnisses am Konfirmationstage mehr ist als eine tote und

leere Zeremonie.

Die Christliche Taufe im Lichte der hl. Schrift und der Geschichte von der Zeit ihrer Entstehung bis auf die Gegenwart · 第 11 / 13 段