Reformatoren die Kindertaufe bei und waren bemüht, die Richtigkeit
derselben zu verteidigen. Wir werden bald sehen, in welchen krassen
Widerspruch sie mit ihrer Lehrtheorie und Praxis kamen, da ihnen
eben durch die Beibehaltung der Säuglingstaufe die schwierige Aufgabe
erwuchs, nachzuweisen, daß auch bei den Kindern ein selbstbewußter
Glaube vorhanden sei und eine Wiedergeburt in ihnen vorgehe. Wir
stellen auch hier ihre wesentlichen Lehrbestimmungen auf Grund der
symbolischen Bücher zusammen. Die Augsburgische Konfession enthält
im 9. Artikel folgende Erklärung: „Von der Taufe wird gelehrt, daß
sie nötig sei und daß dadurch Gnade angeboten werde, daß man auch die
Kinder taufen soll, welche durch solche Taufe Gott überantwortet und
gefällig werden. Derhalben werden die Wiedertäufer verworfen, welche
lehren, daß die Kindertaufe nicht recht sei.“ +Melanchthon+ gibt
in seiner Apologie der Konfession, Artikel 9, für die Gültigkeit der
Kindertaufe zwei Gründe an. Erstens sei es außer Zweifel, daß in dem
Befehl Christi, „gehet hin, taufet alle Heiden,“ auch die Kinder
mitinbegriffen sind. „So folget gewiß daraus, daß man die jungen
Kinder taufen mag und soll, denn in und mit der Taufe wird ihnen die
allgemeine Gnade und der Schatz des Evangeliums angeboten.“ Zweitens
sei es sicher, daß Gott die Kindertaufe billige, denn er verleiht den
getauften Kindern den hl. Geist. Melanchthons eigene Worte lauten: „Daß
aber Gott Gefallen hat an der Taufe der jungen Kinder, zeigt er damit
an, daß er vielen, so in der Kindheit getauft seien, den hl. Geist hat
gegeben; denn es sind viele heilige Leute in der Kirche gewesen, die
nicht anders getauft seien.“[375] Auf ähnliche Weise versucht auch
+Luther+ im Großen Katechismus die Notwendigkeit der Kindertaufe
zu beweisen. Er führt aus: „Daß die Kindertaufe Christo gefalle,
beweiset sich genügsam aus seinem eigenen Werk, nämlich, daß Gott deren
viel heilig macht und den hl. Geist gegeben hat, die also getauft sind,
und heutigen Tags noch viel sind, an denen man spüret, daß sie den hl.
Geist haben, beide der Lehre und des Lebens halber. Wo aber Gott die
Kindertaufe nicht annähme, würde er derer keinem den hl. Geist noch ein
Stück davon geben; Summa, es müßte so lange Zeit her bis auf diesen Tag
kein Mensch auf Erden Christ sein.“ Das heißt mit andern Worten, wenn
die Kinder von einigen Tagen oder Wochen den hl. Geist nicht erhielten,
würde ihn niemand empfangen. Ohne die Säuglingstaufe gäbe es also gar
keine Kirche. ~Dr.~ +Lange+ sagt zu Luthers Ausführung mit
Recht: „Das Unstatthafte, rein Mystische, dem Evangelium ganz und gar
Widersprechende solcher Argumentation, wie sie nur hervorgehen konnten
aus völliger Nichtbeachtung der Erfahrung, aus jenen schwankenden
Begriffen vom hl. Geiste und seinem Wirken, aus denen die Reformatoren
sich nicht herausfinden konnten, aus einer einseitigen Vorstellung vom
Zweck und Begriff der christlichen Kirche, übergehen wir hier, um auf
einen zweiten Grund, durch welchen Luther die Kindertaufe rechtfertigen
will, aufmerksam zu machen, bei dem wir leider erstaunen müssen, wie
Vorurteil und Persönlichkeit den sonst hellsehenden Mann bis zu dem
augenfälligsten Selbstwiderspruch verblenden konnten.“[376]
Über die Frage, ob die Kinder bei der Taufe glauben, äußert sich
Luther in seiner Predigt über Matth. 8, 1-13 klar und bestimmt: „Darum
sagen wir hier also zu und schließen, daß die Kinder in der Taufe
selbst glauben, eigenen Glauben haben.“[377] Doch diese Behauptung
widerspricht in erster Linie dem gesunden Menschenverstand und fußt
zweitens nicht auf biblischem Grunde, sondern ist den Lehren derselben
direkt entgegen. Wir möchten uns doch bei dieser Gelegenheit die Frage
erlauben: Wie kann ein Kind von acht Tagen oder einigen Wochen, dem
doch jegliches Selbstbewußtsein und jede Selbsterkenntnis fehlt und bei
dem auch von keiner Willensbeteiligung gesprochen werden kann, einen
Glauben entfalten? Das ist einfach unmöglich! Die Schrift sagt klar:
„So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort
Gottes.“ Und mit dem Apostel fragen wir: „Wie sollen sie aber glauben,
von dem sie noch nicht gehört haben?“.[378]
Wir haben schon oben aufs klarste nachgewiesen, daß Luther wie auch
Melanchthon den Glauben als Vorbedingung der Taufe machten; ohne den
Glauben sei die Taufe eine unnütze Zeremonie, ja sie sei nicht einmal
eine wahre Taufe. Luther hat sich besonders Mühe gegeben nachzuweisen
-- wenn auch im gänzlichen Widerspruch mit der Lehre des Evangeliums
-- daß auch die Kinder Glauben hätten. Nun lese man aber folgende
merkwürdigen Sätze: „Wir sagen weiter, daß uns nicht die größte Macht
daran liegt, ob, der da getauft wird, glaube oder nicht glaube, denn
darum wird die Taufe nicht unrecht; sondern an Gottes Wort und Gebot
liegt es alles. Das ist nun wohl ein wenig scharf, stehet aber gar
darauf, daß ich gesagt habe, daß die Taufe nicht anders ist denn
Wasser und Gottes Wort bei- und miteinander, das ist, wenn das Wort
bei dem Wasser ist, so ist die Taufe recht, obschon der Glaube nicht
dazu kommt. Denn mein Glaube macht nicht die Taufe, sondern empfähet
die Taufe. Nun wird die Taufe davon nicht unrecht, ob sie gleich nicht
recht empfangen oder gebraucht wird, als die nicht an unsern Glauben,
sondern an das Wort Gottes gebunden ist.“[379]
Zu der sich selbst widersprechenden und nicht wenig eigentümlichen
Ausführung lassen wir auch hier vorsichtshalber ~Dr.~ +Lange+ das
Urteil fällen: „Es ist fast unglaublich, wie die vielen Widersprüche
und Trugschlüsse, die sich hier aneinander reihen, dem sonst
scharfsinnigen Manne so ganz entgehen, wie er es übersehen konnte, daß
durch diese Sätze nicht allein die Grundlehre der von ihm gestifteten
Kirche von dem Nutzen und dem Gebrauche der Sakramente überhaupt im
Gegensatz gegen die Lehre der Katholiken wieder untergraben, sondern
selbst die Grundfeste alles evangelischen Glaubens erschüttert
werde: denn diese ruht ja allein auf der Lehre, daß nur der Glaube
rechtfertige und selig mache, und daß alles religiöse Werk, das nicht
aus dem Glauben hervorgehe, nur ein ~opus operatum~ sei.“ „Nicht bloß
der Augsburgischen Konfession wird von Luther auf die unbegreiflichste
Weise widersprochen; er ist mit seiner eigenen früheren Lehre von der
Taufe in einem noch unbegreiflicheren Widerspruch. Hier sagt er, es
komme nicht wesentlich darauf an, ob der, welcher getauft werde, glaube
oder nicht; die Taufe sei eine wahre Taufe, auch wenn der Glaube nicht
dazu komme; oben hatte er gelehrt, der Glaube allein mache den Menschen
würdig des heilsamen Gebrauches des Taufwassers; der Mensch müsse aus
voller Überzeugung glauben (~ex animo credere~), daß ihm dieses Heil
durch das Wort und das Wasser dargeboten werde; ohne den Glauben sei
die Taufe nichts nütze, und was nicht auf den Glauben sich gründe,
könne zur Erlangung des Heils nichts beitragen. -- Wie ist es möglich,
solche Widersprüche zu vereinbaren? Entweder ist die Grundlehre unserer
symbolischen Bücher vom Nutzen und Gebrauche der Sakramente überhaupt,
wie der Taufe insbesondere, falsch, oder die Kindertaufe ist ein
Gebrauch, der geradezu die Grundfeste unserer kirchlichen Lehre vom
Glauben und dem Gebrauche der Sakramente im Glauben rein aufhebt. Ein
Drittes gibt es zwischen zwei absoluten Gegensätzen nicht.“
„In der Tat, wir würden diejenigen zu beleidigen, ihrer zu spotten
glauben (und dazu gäbe ein so ernster Gegenstand uns keine
Veranlassung!), welche in der Lehre unserer symbolischen Bücher die
authentische Erklärung der Schriftlehre zu finden wähnen, wenn wir
sie auffordern sollten, diesen absoluten Widerspruch zu lösen. Möge
man einer der jetzt in unserer Kirche bestehenden verschiedenen
Parteien angehören, welcher man wolle, möge man Mystiker, Rationalist,
Supranaturalist sein: darin müssen doch alle nach dem unumstößlichen
Vernunftgesetze übereinstimmen, daß aller Selbstwiderspruch
vernunftwidrig sei, mithin aufgegeben werden müsse. Und so hoffen wir
zuvörderst durch die Darstellung der Lehren unserer symbolischen Bücher
von den Sakramenten, der Taufe und der Kindertaufe, insbesondere in
ihrem gegenseitigen Verhältnisse, dargetan zu haben, daß diese Lehren
einen augenscheinlichen Selbstwiderspruch enthalten, mithin in dieser
Hinsicht +vernunftwidrig+ sind und berichtigt werden müssen.“[380]
In bezug auf die Wiedergeburt wird behauptet, daß sie durch die
Taufe in den Kindern zustande käme. Wir überlassen es jedem selbst,
sich einmal bei den Kindern zu erkundigen, wieviel sie von einer
„Wiedergeburt“ nach Empfang ihrer Taufe vernommen haben, oder es
könnte ja in diesem Falle mancher Leser auch seine eigene Erfahrung zu
Rate ziehen. Im N. Testament findet sich für eine derartige Idee kein
Beweisgrund vor. Im Gegenteil, wir finden Stellen, die klar darlegen,
daß Gott selbst durch Christum der einzige Urheber unserer Wiedergeburt
ist; und daß dieselbe durch den Geist und das Wort Gottes in uns
bewirkt wird und das nur, wenn unsere persönliche Willensbeteiligung
und unser Bewußtsein vermittelt.[381] Wir fußen allein auf der Schrift,
wenn wir hier behaupten, daß eine Wiedergeburt nur da eintreten kann,
wo der Glaube vorhanden ist. Sie ist nicht etwas, das man sich durch
Geld oder durch ein magisches Zaubermittel aneignen kann, auch kann sie
keinem unbewußt angehängt werden, sondern sie muß von jedem, der ein
„+Christ+“ werden will, mit klarem Bewußtsein +durchlebt+
werden. Nur wer auf diese Weise wiedergeboren ist, wird imstande sein,
ein Zeugnis abzulegen, „von dem, was Gott an ihm getan“. So kann bei
Säuglingen, denen man das Evangelium eben noch nicht predigen kann,
weder von dem Vorhandensein des Glaubens noch der Wiedergeburt, welche
allein durch den Geist und das Wort Gottes in uns bewirkt wird, eine
Rede sein. Wir lehnen deshalb das durch und durch unbiblische Dogma von
der Wiedergeburt in der Kindertaufe entschieden ab.
In neuerer Zeit sind viele Dogmatiker in diesem Punkte anderer, der
bisherigen Lehre der Kirche gerade entgegengesetzter Ansicht geworden.
Einen schweren aber berechtigten Vorwurf gegen die Kirche erhebt
in dieser Frage ~Dr.~ +Gmelin+, Pfarrer in Großaltdorf,
dem, wie er selbst sagt, nur seine heilige Gewissenspflicht dazu die
Berechtigung gab. Da seine Ausführung sehr treffend ist, so geben wir
sie nachfolgend wortgetreu an: „Die dem Evangelium gemäß geistlich
sittlichen Mittel werden in unserer Kirche durch andere, magische,
und so nicht sittliche Mittel in den Hintergrund gedrängt. Zum Beweis
dürfen wir nur auf die Rolle hinweisen, die neben dem Wort als dem
geistlich-sittlichen Mittel die Sakramente auch in unserer Kirche
spielen, und die Wirkung, die ihnen auch bei rein äußerlicher Anwendung
noch bei uns, und zwar offiziell wie tatsächlich zugeschrieben
wird. Für die Erziehung kommt hier zumal die Taufe, und zwar als
Kindertaufe in Betracht. Ist doch nicht bloß tatsächlich die Meinung
viel verbreitet, sondern wird auch durch die Lehre der Kirche extra
genährt und gestützt, als wirke schon der rein äußerliche, willenlose
und unbewußte Empfang der Taufe etwas von geistiger Wiedergeburt, mache
den Menschen zu einem wirklichen Glied der christlichen Kirche oder,
was doch dasselbe sein muß, zu einem Jünger Jesu Christi. Was heißt das
aber anders, als daß der Mensch auch ohne sein Zutun, magisch d. h.
durch ein sittlich nicht vermitteltes Zaubermittel, über das er nicht
verfügen, dem er auch nicht widerstehen kann, zu einem Christusjünger
und so, nach der Lehre der Kirche, selig gemacht werden könne? Eine
Anschauung, die ihren folgerichtigen Ausdruck in der horribeln Lehre
findet, daß die ungetauft sterbenden Kinder an einen andern Ort
kommen als die getauften, daß sie, wenn auch nicht gerade zu der
Verdammnis, doch einer geringeren Seligkeit teilhaftig werden als jene
gleichschuldigen wie gleichunschuldigen getauften. Daß hier nicht nur
jede evangelische Anschauung, sondern auch jeder sittliche Begriff
überhaupt aufhört, muß jeder sehen..... Wir finden im Evangelium Jesu
Christi nirgends eine Spur, die zu einer solchen Auffassung von dem
Weg, ein Jünger Christi und so selig zu werden, ein Recht gebe.“[382]
Auf der siebenten Landessynode in Württemberg, welche 1907 in
Stuttgart tagte, fand dieser berechtigte Einwand ~Dr.~ Gmelins
eine teilweise Berücksichtigung. So wurde z. B. Frage und Antwort 9
im Konfirmationsbüchlein ausgeschieden, da, wie man selbst zugeben
mußte, „die exegetische Begründung unhaltbar ist“.[383] Einen näheren
Grund über das Ausscheiden der betreffenden Frage und Antwort gibt
Stadtpfarrer A. +Plieninger+ aus Stuttgart in seiner Besprechung
über das neue Konfirmationsbüchlein: „Ferner“, schreibt er, „waren
Unrichtigkeiten zu beseitigen, die wir Pfarrer jedesmal erst
zurechtstellen mußten. So ist Frage und Antwort 9 beseitigt, weil die
dort angeführte Bibelstelle (1. Petri 3, 21) nicht bloß einen anderen
Sinn hat als in Luthers Übersetzung (nämlich „eine Gottesanrufung mit
gutem Gewissen“ oder „Gebet an Gott um ein gutes Gewissen“), sondern
auch, so oder so, auf die Kindertaufe nicht paßt, denn ein Kindlein
von ein paar Wochen oder Monaten kann weder „einen Bund mit Gott“
schließen noch „Gott anrufen“.[384] Auch Pastor +Ernst Bunke+
weist in seiner zum Teil trefflichen Schrift „Der Lehrstreit über die
Kindertaufe“ klar nach, daß die Kindertaufe, weil ohne Glauben der
Kinder, nicht die Wiedergeburt wirkt.
Diesen einstimmigen Urteilen fügen wir noch ein weiteres von Pfarrer
H. +Lange+ hinzu: „Für den Unbefangenen kann es keine Frage sein,
daß die Beschreibung der Taufe, wie sie im N. Testament vorkommt, im
strengen Sinn auf unmündige Kinder nicht anwendbar ist. Die Taufe
war dort daß Zeichen der wirklich eingetretenen Bekehrung. Mit der
Einführung der Kindertaufe hat dieses biblische Verhältnis von der
Taufe und Wiedergeburt eine nicht abzuleugnende Veränderung erlitten.
Denn +beim unmündigen Kinde kann selbstverständlich von Buße und
Glauben keine Rede sein+. Die Annahme lutherischer Dogmatiker, daß
der hl. Geist in der Taufe im Herzen des Kindes auf irgend eine Weise
tätig sei, ist +bare Phantasterei+. Nicht weniger phantastisch,
auf einer Natur und Geist trübe vermischenden Theosophie beruhend, ist
die Ansicht einiger Dogmatiker, welche durch den Taufakt dem Kinde die
Wiedergeburt im Keim realiter (wirklich) mitgeteilt werden läßt --
Behauptungen, bei denen sich lediglich nichts denken läßt, die auch in
der religiösen Erfahrung nicht den geringsten Anknüpfungspunkt finden.
Daher kann bei der jetzt in den meisten Teilen der christlichen Kirche
üblichen Kindertaufe von einem Vorhandensein der Wiedergeburt keine
Rede sein.“[385]
[Illustration]
Die Entstehung und Geschichte der Kindertaufe.
Die Schreiber des N. Testaments wissen, wie wir im Laufe unserer
Untersuchung klar nachgewiesen haben, nichts von einer Kindertaufe. Wir
gehen nun zu den Kirchenvätern und Apologeten der nachapostolischen
Zeit, und wir werden in ihren Schriften bald finden, wann die
Kindertaufe ihren Anfang nahm. Die Vertreter der Kindertaufe sind
natürlich auch hier bemüht, so früh als möglich Zeugnisse für
die Aufrechterhaltung ihrer Theorie zu finden. Sie schnitzen aus
jeglichem Holz Pfeile für ihre Sache. So will man z. B. schon aus
einer Äußerung +Justins des Märtyrers+ (gest. 166) einen Beweis
für das Vorhandensein der Kindertaufe gefunden haben.[386] Die Worte
Justins lauten: „Es sind gar viele, sowohl männlichen als weiblichen
Geschlechts, die von Kindheit auf in der Lehre Christi unterwiesen
worden, verblieben mit ihren sechzig, siebzig Jahren noch unversehrt,
und rühmend gelobe ich, unter jedem Stande solche aufzuweisen.“[387]
Wie wenig diese Worte Justins mit der Kindertaufe zu tun haben,
soll uns vorsichtshalber ~Dr.~ +Steitz+ sagen: „Justins
Erwähnung solcher, welche von Kindheit auf Christi Jünger geworden
seien, bezeugt nur, daß man schon Kinder im Christentum unterwies;
sie verbürgt daher schon das Bestehen des Katechumenats, nicht
aber der Kindertaufe.“[388] Aber Justin selbst gibt uns in seiner
ersten Apologie, in der er eine ausführliche Beschreibung von den
gottesdienstlichen Handlungen der Christen liefert, den unwiderlegbaren
Beweis dafür, daß die Kindertaufe zu seiner Zeit noch kein kirchlicher
Brauch war. Er schreibt nämlich: „Alle jene, die zur +Überzeugung+
gekommen sind und +glauben+, daß das wahr ist, was von uns gelehrt
und gesagt wird, und die +angeloben+, daß sie es vermögen, so
zu leben, werden angeleitet zu beten und unter Fasten von Gott die
Vergebung ihrer vorhin begangenen Sünden zu erflehen; dabei beten und
fasten wir mit ihnen. Hierauf werden sie von uns hingeführt, wo Wasser
ist und werden in jener Art und Weise wiedergeboren, wie auch wir
selbst wiedergeboren worden sind.“[389] Nach Justins eigener Erklärung
wurden also nur solche getauft, die da „glaubten“ und die aus „eigener
Überzeugung“ die Lehre des Evangeliums annahmen und versprachen, ein
demselben gemäßes Leben zu führen. Bei einem Kinde aber, bei dem
jede persönliche Willensbeteiligung fehlt, kann dies doch nicht der
Fall sein. +Semisch+, der Biograph Justins, sagt mit Recht: „So
oft Justin der Taufe gedenkt, erscheinen Erwachsene als Objekte, an
welchen die heilige Handlung vollzogen wird. Eine Kindertaufe kennt er
noch nicht. Die Spuren von derselben, welche man in seinen Schriften
zu entdecken geglaubt hat, sind +grundlos geträumte, künstlich
erzeugte+.“[390]
+Irenäus+, Bischof zu Lyon (gest. 202), wird von vielen als Zeuge
für das Vorhandensein der Kindertaufe in seinen Tagen angeführt.
Der Ausspruch des Irenäus, dem man dies entnehmen will, lautet: „Er
kam, alle durch sich selbst zu erlösen, alle, welche durch ihn, in
Beziehung auf Gott, wiedergeboren werden: die ganz unmündigen Kinder,
die Kleinen, die Knaben, die Jünglinge und die Bejahrteren. Deshalb
ging er jedes Alter durch, und er wurde den Kindern ein Kind, die
Kinder heiligend, unter den Kleinen ein Kleiner, die in diesem Alter
sich Befindenden heiligend, und zugleich wurde er ihnen ein Beispiel
der Frömmigkeit, des Rechttuns und des Gehorsams, unter den Jünglingen
ein Jüngling, indem er ihnen ein Beispiel wurde und sie dem Herrn
heiligte.“[391]
Wie man nun in diesen Worten Irenäus’ etwas zugunsten der Kindertaufe
finden will, ist nicht zu ersehen. Denn es findet sich hier ja auch
nicht die leiseste Hindeutung auf eine Kindertaufe. Irenäus sagt doch
nicht, daß Christus gekommen sei, alle durch die Taufe zu erlösen,
auch nicht, daß die unmündigen Kinder durch die Taufe wiedergeboren
werden, sondern er sagt: Christus kam, um die Kleinen wie auch die
Großen durch sich selbst zu erlösen, alle sollen durch ihn zu Gott
wiedergeboren werden. Er ging jedes Lebensalter durch, um jedem ein
Beispiel der Frömmigkeit und des Gehorsams zu sein. Er ist der, der
in allen Lagen unseres Lebens mit uns Menschenkindern mitfühlen kann,
„denn darinnen er gelitten hat und versucht ist, kann er helfen denen,
die versucht werden“.[392] Übrigens bringt Irenäus diesen Gedanken in
mehreren anderen Stellen seiner Schriften zum Ausdruck. So sagt er zum
Beispiel: „Unser Herr brachte den Menschen wieder in Verbindung mit
Gott durch seine Menschwerdung.“ Ferner schreibt er: „Indem der Sohn
Gottes ein Mensch unter Menschen wurde, hat er das Menschengeschlecht
von neuem geschaffen. Wie können wir an der Kindschaft teilhaben, außer
wenn wir durch den Sohn die Gemeinschaft mit Gott wiederempfangen --
wenn sein Wort, das Fleisch geworden, diese Gemeinschaft uns mitteilt?
Daher ging er auch durch jedes Lebensalter, alle zur Gemeinschaft
Gottes zurückzuführen.“[393] +Münscher+ macht zu dem zuerst
angeführten Ausspruch des Irenäus folgende berechtigte Bemerkung,
der wir nur beipflichten können, denn sie ist auf Grund der Sprache
des Kirchenvaters allein zulässig: „Aus der Stelle ist sichtbar, daß
Irenäus von solchen Kindern redet, die schon Beispiele der Frömmigkeit
erkennen und benutzen können.“[394] Und der schweizerische Theologe
+Hagenbach+ schreibt: „Die früheste patristische Stelle des
Irenäus (~adv. haer. II.~ 22) ist nicht absolut beweisend [für die
Kindertaufe], sie drückt bloß die schöne Idee aus, daß Jesus auf jeder
Altersstufe für jede Altersstufe Erlöser gewesen; daß er es aber für
die Kinder durch das Taufwasser geworden, sagt sie nicht.“[395]
Die Idee, auch kleine Kinder zu taufen, kam erst zur Zeit
+Tertullians+ (gest. 230) auf. Er ist auch der erste, der
ausdrücklich die Kindertaufe erwähnt, sie aber auch entschieden als
eine Neuerung bekämpft. Er führt darüber aus: „Mögen die Kinder kommen,
wenn sie herangewachsen sind; sie sollen auch kommen, wenn sie gelernt
haben, wenn sie darüber belehrt sind, wohin sie gehen sollen; sie
mögen Christen werden, sobald sie imstande sind, Christum zu kennen.
Aus welchem Grunde hat das Alter der Unschuld es so eilig mit der
Nachlassung der Sünden? Will man etwa in zeitlichen Dingen mit mehr
Vorsicht verfahren und die göttlichen Güter einem anvertrauen, dem man
irdische noch nicht anvertraut? Sie mögen lernen, um ihr Seelenheil
bitten, damit es den Anschein gewinne, daß man nur einem Bittenden
gegeben habe.“[396]
In diesen Worten Tertullians muß für jedermann ein unwiderlegbarer
Beweis dafür liegen, daß die Kindertaufe zu seiner Zeit noch nicht als
apostolische Sitte galt, denn sonst hätte er es nie gewagt, sie so kühn
und scharf zu bekämpfen. Dies müssen selbst Verteidiger der Kindertaufe
zugeben. So schreibt z. B. +Neander+: „In den späteren Jahren des
2. Jahrh. erscheint Tertullian als eifriger Gegner der Kindertaufe,
ein Beweis, daß dieselbe damals noch nicht als apostolische Einsetzung
angesehen zu werden pflegte, denn sonst würde er schwerlich gewagt
haben, so stark dagegen zu reden.“[397] Dasselbe Zugeständnis macht
auch +Ruperti+.[398] Und +Benema+ sagt: „Tertullian rät
ab von der Kindertaufe, welches er nicht würde getan haben, wenn es
eine Überlieferung und ein herrschender Gebrauch der Kirche gewesen
wäre, indem er sehr an Überlieferung hing; auch würde er, wäre es eine
solche gewesen, nicht ermangelt haben, dies zu erwähnen. Daher schließe
ich,“ fügt er hinzu, „daß der Gebrauch der Kindertaufe vor den Zeiten
Tertullians nicht erwiesen werden kann, und daß es Personen zu seiner
Zeit gab, die ihre Kinder getauft zu sehen wünschten, welcher Meinung
Tertullian sich widersetzte.“[399]
Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß es zur Zeit Tertullians solche
gab, welche die Notwendigkeit der Kindertaufe in der +Theorie+
aufrechthielten; es kam aber nicht dahin, sie auch wirklich in der
Praxis auszuüben. Dieser Meinung ist auch Neander.[400]
Bald aber, nachdem die warnende Stimme Tertullians in der Christenheit
verhallt war, blieb die Idee der Kindertaufe nicht mehr lange eine
theoretische Frage sondern bürgerte sich immer mehr ein, und man sprach
bald von ihr als von einer kirchlichen Observanz, die in göttlicher
Institution und apostolischer Tradition ihren Grund habe. Dies war
z. B. in der Mitte des 3. Jahrh. in den Tagen Cyprians schon in der
nordafrikanischen sowie auch in der alexandrinischen Kirche der Fall.
Was nun der eigentliche Grund zur Einführung der Kindertaufe war,
entnehmen wir den Schriften des Cyprian und Origenes. Ersterer ist der
Ansicht, daß die neugeborenen Kinder durch die fleischliche Abkunft
von Adam die Ansteckung des Todes mit auf die Welt gebracht haben.
Letzterer sieht in der Geburt überhaupt schon etwas Befleckendes, und
beide sind der Meinung, daß diese Befleckung allein durch die Taufe
hinweggenommen werden könnte.[401] Ja man sprach in vollem Ernst davon,
daß „Kinder, die da ungetauft sterben, können nicht ins Himmelreich
kommen“.[402] Man gab sich eben dem abergläubischen Wahne hin, daß
die Taufe den Menschen von jeglicher anklebenden Sündenschuld befreie
und von den drohenden ewigen Strafen errette. +Neander+ schreibt
dazu noch: „Indem die Idee von den magischen Wirkungen der Sakramente
immer mehr Einfluß erhielt, entwickelte sich daraus die Theorie von
der unbedingten Notwendigkeit der Kindertaufe. Um die Mitte des 3.
Jahrh. war dies in der nordafrikanischen Kirche schon allgemein
angenommen.“[403] Und der gelehrte Geschichtschreiber und Kritiker
+Claudius Salmasius+ führt aus: „Es herrschte die Meinung, daß
keiner selig werden könne, der nicht getauft wäre; daher entstand dann
der Gebrauch der Kindertaufe.“[404]