Da der Apostel diesen Mißbrauch nicht tadelt, bringen einige Gelehrte

die irrige Meinung zum Ausdruck, daß sich diese Sitte in der Gemeinde

zu Korinth gebildet hätte und so nach und nach allgemein als eine

christliche Handlung angesehen worden wäre.[294] Wie man zu einer

solchen Annahme kommen kann, ist für uns unbegreiflich. Erstens haben

wir für eine solche Taufe keinen Befehl und auch keine Verheißung in

der Schrift. Wie Gott von einem Menschen, der seinen Willen weiß,

einen persönlichen Glauben fordert, ebenso verlangt er auch eine

+persönliche+ Taufe, denn es steht geschrieben: „Tut Buße und lasse

+sich ein jeglicher+ taufen.“[295] Zweitens liegt im Text selbst der

unumstößliche Beweis dafür vor, daß ein Gebrauch dieser Art nicht in

der Gemeinde Gottes, sondern +außerhalb+ derselben ausgeübt wurde.

Man achte bitte auf die Fürwörter, die der Apostel im Laufe seiner

Argumentation über die Auferstehung des Leibes gebraucht. „Ist aber

Christus nicht auferstanden, so ist +unsre+ Predigt vergeblich, so ist

auch +euer+ Glaube vergeblich. +Wir+ würden aber auch erfunden falsche

Zeugen Gottes... Hoffen +wir+ allein in diesem Leben auf Christum, so

sind +wir+ die elendesten Menschen... Was machen sonst +die+, welche

um der Toten willen sich taufen lassen, wenn die Toten überhaupt nicht

auferstehen? Warum lassen +sie+ sich um derselben willen taufen?“[296]

Während Paulus hier, wenn er von der Gemeinde redet, die Fürwörter

„+wir+“, „+unser+“, „+euer+“, „+ihr+“ gebraucht, benutzt er im 29. Vers

die dritte Person „+die+“, „+sie+“. Wenn nun die stellvertretende

Taufe der Lebenden für die Toten in der Gemeinde geübt worden wäre,

wie ja viele behaupten wollen, so müßte der Wortlaut des 29. Verses

unbedingt folgender sein: Was machen sonst +wir+, die +wir+ uns für die

Toten taufen lassen? Wenn Tote doch nicht auferstehen, warum lassen

+wir+ uns dann noch taufen für sie? Aber es heißt: „Was machen sonst

+die+, welche um der Toten willen sich taufen lassen.... Warum lassen

+sie+ sich um derselben willen taufen?“

Die Tatsache ist also die, daß es schon im apostolischen Zeitalter

Leute gab, die sich zugunsten der Verstorbenen taufen ließen, welche

aber die Auferstehung der Toten leugneten. ~Dr.~ Bernhard +Weiß+

bemerkt zu dieser Stelle: „Zum Abschluß macht Paulus einige praktische

Anwendungen von seiner Erörterung. Es muß auch bei denen, welche eine

Auferstehung leugneten, vorgekommen sein, daß man sich zum Besten

ungetauft verstorbener Angehöriger taufen ließ in der Hoffnung, daß

diese Taufe ihnen zugute kommen, den Mangel ihrer Taufe ersetzen werde.

Der Apostel enthält sich jedes Urteils über diesen abergläubischen

Gebrauch, der doch jedenfalls von wärmster Fürsorge für das Heil

geliebter Verstorbener zeugte. Ihm kommt es nur darauf an zu zeigen,

wie die Auferstehungsleugnung die heiligsten christlichen Gefühle

verletze, da ja, wenn Tote überhaupt nicht auferstehen, man auch nichts

mehr zu ihrem Besten tun kann.“[297]

Die Sitte der stellvertretenden Taufe verpflanzte sich auch in die

nachapostolische Zeit und hat sich bei mehreren häretischen Sekten und

Parteien, besonders aber bei den +Marcioniten+ noch Jahrhunderte

hindurch erhalten. +Tertullian+ weist in seiner Schrift „Über

die Auferstehung des Fleisches“, Kap. 48, auf sie hin, und in seinem

Buch gegen Marcion erklärt er diesen Gebrauch als eine Nachahmung

der bei den heidnischen Römern im Februar üblichen Totenopfer.[298]

Bischof +Epiphanius+ (gest. 403) berichtet in seinem Brief

„Wider die Ketzereien“ von den +Kerinthianern+, einer Sekte, die

im letzten Viertel des apostolischen Zeitalters durch Kerinth ihren

Anfang nahm.[299] „Wir sind auch berichtet, daß einige derselben

[Kerinthianer] ohne Taufe gestorben seien, andere aber sich für sie auf

ihren Namen taufen lassen, damit sie nicht einst bei der Auferstehung

über der nicht empfangenen Taufe gestraft werden und unter die Gewalt

des Weltschöpfers kommen. Dahin erklären wenigstens einige die Taufe

über den Toten, wovon der Apostel in dem angezogenen Kapitel (1. Kor.

15) geredet hat.“[300]

Interessant ist der Vorgang bei dieser Vikariatstaufe.

+Chrysostomus+ (gest. 407) schildert ihn, indem er von den

+Marcioniten+ berichtet, mit folgenden Worten: „Ist bei ihnen

ein Katechumen gestorben, so verstecken sie einen Lebenden unter dem

Bette des Verblichenen; dann treten sie vor den Toten, reden ihn an und

fragen ihn, ob er getauft werden wolle. Da nun dieser nicht antwortet,

so spricht der unter dem Bette Versteckte, daß er getauft werden wolle;

und so taufen sie diesen anstatt des Verblichenen und treiben damit

Komödie.“[301]

[Illustration: Die stellvertretende Taufe der Lebenden für die Toten.]

Auch in neuerer Zeit gibt es eine christliche Gemeinschaft, die im

Jahre 1830 in Amerika ihren Anfang nahm, die +Mormonen+, welche

die Taufe für die Toten ausüben und diese Handlung irrtümlicherweise

durch die fragliche Stelle 1. Kor. 15, 29 rechtfertigen.[302]

Aber nicht nur, daß man Lebende an Stelle der Verstorbenen taufte,

sondern die Verirrungen gingen so weit, daß leichtgläubige Priester

sogar Tote selbst tauften und ihnen das Abendmahl spendeten, da man,

wie Leutwein bemerkt, der Meinung war, daß die Taufe Unsterblichkeit

bewirke.[303] Daß dies schon im 4. Jahrh. an manchen Orten dem

kirchlichen Aberglauben nicht fern geblieben war, ergeht aus einer

Äußerung des Gregor von Nazianz (gest. 390).[304] Auch Philastirus

berichtet, daß die Kataphrygier und Montanisten die Toten taufen.[305]

Ebenso bestätigt dies das Verbot der Synode zu Hippo im Jahre 393,

wo beschlossen wurde, Kanon 4: „Den Leichnamen Verstorbener soll die

Eucharistie nicht gegeben und die Taufe nicht erteilt werden.“[306]

Das III. Konzil zu Karthago im Jahre 397, Kanon 5, erließ ein gleiches

Verbot.

[Illustration]

Ist außer dem Glauben auch noch die Taufe zur Seligkeit notwendig?

Hat einerseits die Kirche des Altertums sowie auch die spätere der

Taufe allerlei magische Wunderkraft zugeschrieben und damit den

lächerlichsten Aberglauben verbunden, so gab es auch solche, welche

die Taufe für gänzlich überflüssig hielten und behaupteten, daß der

Glaube zur Seligkeit völlig hinreiche. Diese letzte Meinung gab auch

Tertullian die Veranlassung, seine Abhandlung „Über die Taufe“ gegen

eine Frau namens Quintilla aus der häretischen Partei des Cajus zu

schreiben. Tertullian hält die Taufe für eine „Besiegelung“ oder „als

äußere Hülle für den Glauben“. Aus Joh. 3, 5 in Verbindung mit Matth.

28, 19 leitete er die Notwendigkeit der Taufe zur Seligkeit ab.[307] In

der Geschichte des Mittelalters findet man ebenfalls des öfteren die

Idee vertreten, daß, wo ein tiefer und reiner Gottesglauben vorhanden

ist, die Taufe überflüssig sei.

Im Reformationszeitalter traten Männer auf, die dieselbe Meinung

hatten. So verwarf +Schwenckfeld+ (gest. 1561) die Wassertaufe und

lehrte, „daß die Menschen nur durch den Glauben und nicht durch die

Taufe selig würden“.[308]

Dieser Behauptung begegnet man auch in unsern Tagen noch sehr oft. Nun

fragt sich’s, ob diese Lehre einen Schriftgrund hat oder ob sie nur

auf Menschenmeinung beruht. Einige Stellen des N. Testaments sollen

uns über diese Frage Klarheit geben. Zuerst sei hier die Taufe Jesu

angeführt. Er, das reine und unbefleckte Gotteslamm, der sicher mehr

Glauben besaß als je ein Sterblicher, ließ sich taufen und bezeugte

ihre Notwendigkeit, indem er sagte: „Also gebühret es uns, alle

Gerechtigkeit zu erfüllen.“[309] Auch im Taufbefehl selbst liegt ein

klarer Beweis dafür vor, daß außer dem Glauben die Taufe erforderlich

ist. Da lesen wir: „Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium

aller Kreatur. Wer da +glaubet und getauft wird, der wird selig

werden+.“[310] Die Taufe ist hier außer dem Glauben dem Menschen von

Christo als eine unerläßliche Pflicht zur Seligkeit gemacht. Auch nicht

das mindeste liegt in den Worten Jesu, was uns zu einer Einschränkung

der Taufe berechtigen oder veranlassen könnte.

Paulus bekehrte sich und wurde an Christum gläubig, aber dies genügte

nicht -- er mußte sich auch noch taufen lassen. Dies war es auch, was

ihm der Herr auf seine Frage hin: „Herr, was willst du, daß ich tun

soll?“ befahl: „Stehe auf und gehe in die Stadt; da wird man dir sagen,

was du tun sollst,“[311] nämlich sich taufen zu lassen, was ihm einzig

noch fehlte. Diese Tatsache bestätigt Paulus auch durch die Erzählung

seiner Bekehrungsgeschichte.[312] All die vielen Neubekehrten und an

Jesum gläubig gewordenen Seelen, von denen wir in der Apostelgeschichte

berichtet finden, sind stets auch getauft worden. Auch nicht ein

einziger Fall wird angeführt, woraus zu ersehen wäre, daß in der

apostolischen Kirche der Glaube als genügend erachtet wurde.[313]

[Illustration]

Macht die Geistestaufe die Wassertaufe überflüssig?

Inmitten der östlichen wie auch der westlichen Kirche gab es

freidenkerische Parteien, welche zuerst -- und dies mit vollem Recht --

die unzähligen abergläubischen Gebräuche der Kirche verachteten, später

aber unberechtigterweise auch die Taufe verwarfen mit der Begründung,

daß nur die Geistestaufe nötig sei. „Unter den Griechen,“ schreibt

+Ruperti+, „waren es im 12. Jahrh. die +Bogomilen+, die

+Messalianer+ und +Euchyten+; in der lateinischen Kirche die

aus den +Paulicianern+ entstandenen sogenannten +Manichäer+,

welche sich vom 11. und 12. Jahrh. an aus dem griechischen Reiche

in Italien, Frankreich, den Niederlanden, England und Deutschland

ausbreiteten.“ „Sie nannten die gewöhnliche Taufe der Kirche eine bloße

Wassertaufe, rühmten dagegen das Sakrament des Händeauflegens, welches

sie die geistige Taufe nannten, weil dadurch der Geist mitgeteilt und

die Sünde vergeben werde. Sie tauften daher diejenigen, welche zu ihrer

Partei übertraten, ohne Gebrauch des Wassers, durch Berufung des hl.

Geistes, Singen des Vaterunsers und Händeauflegen.“[314]

Die +Quäker+, welche im Jahre 1649 in England entstanden,

verwerfen ebenfalls die Wassertaufe und lehren, daß dieselbe

anfänglich nur eine Abbildung der innern und geistigen Taufe

dargestellt habe, für die jetzige christliche Kirche aber nicht mehr

bindend wäre. Die einzige wahre und notwendige Taufe sei die Taufe mit

dem hl. Geist. Diese ihre Lehre steht aber im krassesten Gegensatz zu

den klaren Vorschriften des Wortes Gottes. Jesus gebot den Jüngern die

Taufe.[315] Die erste Predigt auf Grund dieses Befehles ist uns durch

Lukas in Apg. 2 wiedergegeben. Da wird durch Petrus die Taufe zur

+Bedingung+ der Verheißung des hl. Geistes gemacht. „Die Gabe des

Geistes“ ist die verheißene Segnung. Buße und Taufe sind die gebotenen

Pflichten, um die verheißene Segnung zu empfangen.

Petrus, der auf besondere Anweisung des Herrn in das Haus des Kornelius

ging, predigte unter Leitung des Geistes demselben sowie allen, die

sich im Hause versammelt hatten. Die Wirkung und das Ergebnis dieser

Predigt war, daß der hl. Geist auf alle fiel, die dem Worte zuhörten.

Aus der Anordnung Petri, welche er nach diesem gab, geht hervor, daß

die Geistestaufe nicht allein genügte, vielmehr aber das Empfangen

derselben ein Beweis dafür ist, daß die Wassertaufe am Platze sei.

Er sagt: „Mag auch jemand das Wasser wehren, daß diese nicht getauft

werden, die den hl. Geist empfangen haben gleichwie auch wir? Und

befahl, sie zu taufen in dem Namen des Herrn.“[316]

Paulus kam auf seiner dritten Missionsreise nach Ephesus, wo er etliche

Jünger fand, die den hl. Geist noch nicht empfangen hatten. Der Apostel

unterrichtete sie zunächst gründlich im Evangelium, dann wurden sie auf

sein Gebot hin getauft, und erst nachdem sie getauft waren, legte der

Knecht Gottes die Hände auf sie und erflehte so den hl. Geist Gottes

auf die Neugetauften herab.[317] Die Reihenfolge in bezug auf die

Pflicht und die Gabe ist hier dieselbe, welche wir auch von Petrus in

Apg. 2, 38. 39 beobachtet finden.

Wir könnten derartige Beispiele noch mehr aus der Schrift als Beweis,

daß die Geistestaufe niemals die Wassertaufe überflüssig macht,

anführen, doch glauben wir, daß die bereits zitierten vollständig

genügen werden. Diejenigen, welche die Wassertaufe verwerfen, verwerfen

den, der sie geboten hat und verachten den hl. Geist, der durch Jesum

wirkte. Die Weisheit solcher Menschen ist in diesem Falle nicht in

Übereinstimmung mit dem Worte Gottes und kann deshalb nicht von obenher

sein.

Wir glauben so fest wie irgend jemand an die Notwendigkeit, den hl.

Geist zu besitzen. Aber ebenso sicher sind wir auch davon überzeugt,

daß ihn Gott nur da geben kann, wo Achtung und Gehorsam vor seinen

heiligen Geboten und Vorschriften vorhanden ist. Ungehorsam ist eine

Zaubereisünde, betrübt den hl. Geist und verwirkt den Segen.

[Illustration]

Die Kindertaufe.

Nachdem wir bis hierher den werten Leser, der sich unserer Führung

anvertraute, mit der Untersuchung der Taufe der Erwachsenen

beschäftigten, und ihn größtenteils mit den verschiedenen damit in

enger Verbindung stehenden biblischen sowie menschlichen Sitten

und Gebräuchen bekannt machten, wollen wir durch Nachfolgendes ihn

kurz in die Geschichte der Kindertaufe einführen. Und da sie ja in

der allgemeinen christlichen Kirche einen so gar wichtigen Platz

einnimmt, so hoffen wir, daß der behandelten Frage volles Interesse

entgegengebracht wird.

Die Lehre und die Praxis in bezug auf diese kirchliche Einrichtung

war seit den Tagen ihrer Entstehung bis in die Gegenwart herein

stets ein Gegenstand mannigfacher Anzweiflung und Anfeindung. Wo man

einerseits mit Nachdruck ihre Notwendigkeit geltend macht und ihre

Bedeutung für das christliche Leben über alles hoch erhebt, da ist man

andererseits, als man für eine so wesentliche und wichtige Sache auch

klare Aussprüche des Herrn selber und seiner Vertreter, der Apostel,

herbeiführen wollte, in Konflikt geraten, da es eben auf letzterem Wege

unmöglich ist, diese Praxis zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten.

Selbst bei Männern aus dem Bereich ein und derselben Kirche, mögen wir

nun die katholische oder protestantische nehmen, ganz gleich, gehen die

Ansichten in diesem Punkt weit auseinander.

In der reichhaltigen Literatur über die Kindertaufe kann man vielfach

ein starkes Bestreben beobachten, dieselbe als eine apostolische Praxis

hinzustellen, und man ist bei diesem Versuch bemüht, dies mit der

hl. Schrift und der Wissenschaft in Einklang zu bringen. Es wird also

die Untersuchung nach der Richtung hin vorzugsweise zu führen sein,

ob die Kindertaufe auch wirklich biblisch und historisch als ein von

Christo gebotener und den Aposteln ausgeübter Gebrauch begründet und

nachzuweisen ist.

[Illustration]

Haben die Apostel Säuglinge getauft?

Wir sind bei der Beantwortung dieser nicht unbedeutenden Frage durchaus

nicht auf Hypothesen angewiesen, sondern uns stehen die reinsten

und unverfälschtesten Geschichtsquellen zur Verfügung, denen wir zu

jeder Zeit unser volles Vertrauen entgegenbringen können, nämlich

die Schriften der Apostel. Sie allein können uns die zuverlässigste

Antwort auf unsere Frage geben, denn in ihnen finden wir die genauesten

Berichte von dem, was die Träger des Evangeliums taten und lehrten,

und da sie auch auf die unbedeutendsten Punkte der christlichen Lehre

aufmerksam machten und sie einer genauen Erörterung unterzogen,[318] so

muß auch unbedingt eine so wesentliche Einrichtung wie die Kindertaufe,

wenn sie eine apostolische Praxis war, Erwähnung in den apostolischen

Briefen finden.

Die Frage wäre nun, finden sich im N. Testament Aussprüche, die uns das

Vorhandensein der Säuglingstaufe im apostolischen Zeitalter bestätigen?

Diese Frage wird von verschiedenen Seiten bejahend beantwortet.

Katholiken wie Protestanten pflegen aber nicht nur dieselben

Beweisstellen anzuführen sondern auch dieselbe Methode dabei zu

verfolgen. Unterziehen wir deshalb die zur Begründung dieser Behauptung

herangezogenen Stellen einer genauen und unparteiischen Untersuchung.

Zunächst wäre Mark. 10, 13-16 näher ins Auge zu fassen. Wir lesen

hier, daß Mütter ihre Kinder zu Jesu brachten mit dem Wunsche, daß er

die Hände auf sie lege, für sie beten und sie segnen möge. Die Jünger

aber wiesen sie zurück. „Da es aber Jesus sah, ward er unwillig und

sprach zu ihnen: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen

nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“ Wie man nun in diesen

Worten Jesu einen Beweis für die Säuglingstaufe finden will, ist ganz

unbegreiflich. Denn wo steht hier etwas davon geschrieben, daß Jesus

diese Kinder taufte? Wir lesen nichts davon! Nur eins wird gesagt:

„Jesus rief sie zu sich,“ und sie kamen zu ihm, und er nahm sie in

seine Arme, „herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete

sie.“[319] Auch wird in dieser Erzählung mit keiner Silbe der Paten

gedacht oder an andere bei der Kindertaufe übliche Zeremonien, wie

z. B. Teufelsbeschwörung, Ölsalbung, Kreuzschlagen, das Anblasen und

Bestreichen der Ohren und Nase des Täuflings mit Speichel u. a. m.

Es ist sicher, daß Jesus weder diese Kinder noch Erwachsene getauft

hat, denn in Gottes Wort wird ausdrücklich gesagt: „Jesus selber

taufte nicht, sondern seine Jünger.“[320] Ebenso gewiß ist es aber

auch, daß die Jünger diese Kleinen nicht tauften, denn sie haben ja

dieselben „hinweggewiesen“. Es ist sicher unsere heiligste Pflicht,

die Kinder zu Jesu zu führen, aber dies kann nie durch die Taufe

derselben geschehen, sondern nur, indem man ihnen von diesem Freund

der Kleinen, dem Heilande, erzählt, sie mit seiner Lehre und seinem

Willen bekannt macht, sie erzieht „in der Zucht und Ermahnung des

Herrn“.[321] Und dann, wenn sie genugsam unterrichtet worden sind,

wenn sie aus +eigener Überzeugung+ und +freier Wahl+, mit

aufrichtigem, verlangendem Herzen die Taufe wünschen, dann erst sollten

sie dieselbe empfangen. Es ist unbegreiflich, wie man schon seit der

ältesten Zeit bis in die Gegenwart gerade diese Stelle zur Empfehlung

und Rechtfertigung der Kindertaufe hat anführen können. Es muß doch

einem jeden Einsichtsvollen, der einen Augustin nicht über Christus

stellt und die symbolischen Bücher einer Kirche nicht an Stelle der

deutlichen Aussprüche und Lehren der hl. Schrift setzt, klar sein, daß

unser Text mit der Taufe nichts zu schaffen hat und somit die Meinung

von dem Vorhandensein der Kindertaufe in den Tagen der Apostel nicht im

geringsten unterstützt. Man mag wohl nach eigenem Belieben Hitze Kälte,

weiß schwarz, rund viereckig, gerade krumm oder gar eine Flasche Tinte

eine Tasse Milch heißen, aber um der Sache Gerechtigkeit widerfahren zu

lassen und um der hl. Schrift willen, soll man doch nicht zu behaupten

suchen, daß eine Segnung eine Taufe sei.

Eine richtige und der Tatsache entsprechende Bemerkung zu dieser Stelle

macht +Olshausen+: „Von der bei dieser Erzählung häufig gesuchten

Beziehung auf die Kindertaufe ist hier offenbar keine Spur zu sehen.

Der Erlöser stellt die Kinder den Aposteln als Symbole der geistigen

Wiedergeburt und des in ihr gegebenen kindlichen Sinnes dar, -- von

seiten der die Kinder herbeibringenden Eltern wurde aber offenbar

nichts weiter beabsichtigt als ein geistiger Segen für dieselben (der

indes nicht als eins mit der Taufe zu denken ist), und diesen schöpften

die Kleinen aus der Handauflegung Christi, die durch das Gebot, das sie

begleitete, getragen, nicht ohne wohltuenden, geistigen Einfluß sein

konnte.“[322]

[Illustration: Jesus segnet die Kinder.]

~Dr.~ +Gmelin+ schreibt in seinem Antrag und Vorschlag an

die Landessynode der evangelischen Kirche Württembergs von 1894: „Daß

alle die Stellen, die man bisher in Nachahmung der mittelalterlichen

Kirche für jene magische Wirkung der Taufe angeführt hat, insbesondere

Mark. 10, 14, wo das Wort Jesu ja auf ungetaufte Kinder sich bezieht,

nichts beweisen, oder gar wie Matth. 28 und Mark. 16 mit ihrer

Vorausstellung und Betonung des Lehrens und des Glaubens gerade den

gegenteiligen Sinn haben, brauchen wir wohl gegenüber Theologen, wie in

der Schrift gebildeten Laien nicht lange des Näheren nachzuweisen.“[323]

Weitere Stellen, durch die man den Beweis erbringen will, daß die

Apostel auch Kinder tauften, sind Apg. 10, 48; 16, 15. 33; 18, 8 und 1.

Kor. 1, 16, wo uns berichtet wird, daß ganze „Häuser“ getauft wurden.

Man behauptet, daß bei einer Taufe ganzer Familien auch unbedingt

kleine Kinder dabei waren. Untersuchen wir die betreffenden Stellen

aber etwas genauer, so werden wir bald sehen, auf welch schwachen

Füßen diese Annahme ruht, denn es steht in keinem dieser Texte,

daß auch Kinder oder wohl gar Säuglinge getauft wurden; vielmehr

wird uns darin berichtet, daß nur, „die dem Worte zuhörten“ getauft

wurden.[324] Auch der Haushalt der Lydia bestand aus erwachsenen

Personen, denn die mit ihr getauft wurden, werden „+Brüder+“

genannt, welche Paulus noch vor seiner Abreise durch das Wort ermahnte

und tröstete.[325] Sie müssen somit in gereiftem Alter gestanden haben

und im Besitze des rechten Verständnisses von dem gewesen sein, was

Paulus ihnen vorführte. Dies ist aber bei Säuglingen ausgeschlossen.

+Olshausen+ meint, daß die mit Lydia Getauften Verwandte und

Diener ihres Hauses waren. Er fährt dann fort und sagt: „+Es

fehlt uns nämlich durchaus an einer sicheren Beweisstelle für die

Kindertaufe im apostolischen Zeitalter+, und aus der Idee der

Taufe läßt sich ihre Notwendigkeit nicht ableiten. Der Nachweis,

daß die Kräfte des Geistes auch in dem bewußtlosen Kinde, selbst im

Mutterleibe, schon tätig sein konnten, reicht dazu nicht hin, indem

die Wiedergeburt, als deren Vermittlung die Taufe ihrer vollen Idee

nach dasteht, mehr ist als ein bloßes Aufnehmen höherer Kräfte, nämlich

eine Aufnahme derselben im tiefsten Lebensgrunde und eine dadurch

herbeigeführte Veränderung der ganzen Lebenseinrichtung, welche ohne

Bewußtsein und Bekenntnis der Hingabe an den heiligen und erhabenen

Inhaber dieser Kräfte nicht denkbar ist.“[326]

Dem Kerkermeister zu Philippi wurde durch Paulus und Silas „das Wort

des Herrn und allen, die in seinem Hause waren,“ gesagt, worauf er und

sein Haus sich taufen ließen und sich mit ihnen freuten, daß er an

Gott gläubig geworden war.[327] Auch diese Stelle enthält nicht den

leisesten Beweis, daß hier an unmündigen Kindern die Taufe vollzogen

worden wäre, denn denen konnte doch Paulus sicher keinen Vortrag halten.

Von Krispus, dem Obersten der Schule zu Korinth, wird berichtet, daß er

an den Herrn mit seinem ganzen Hause glaubte und getauft wurde. Und von

dem Haushalt des Stephanus lesen wir, „daß sie die Erstlinge in Achaja

waren und haben sich selbst verordnet zum Dienst den Heiligen“.[328]

Dies kann doch unmöglich von Säuglingen gesagt werden. Es ist somit

auch hier von Erwachsenen die Rede.

Wir lassen hier noch einige Autoren zu Worte kommen, die das, was

wir bis dahin ausführten, bestätigen. Zunächst lassen wir den großen

+Neander+ reden. Er sagt: „Daß Christus die Kindertaufe nicht

eingesetzt hat, ist gewiß......, daß die Apostel eine Kindertaufe

eingesetzt haben, läßt sich wenigstens nicht beweisen; -- aus solchen

Stellen, wo von der Taufe ganzer Familien die Rede ist, wie in Apg. 16,

33; 1. Kor. 1, 16 kann dies gewiß nicht dargetan werden, denn es fragt

sich ja, ob in diesen Familien Kinder von solchem Alter waren, daß

bei ihnen noch gar keine bewußte Annahme des Christentums stattfinden

konnte, nur hierauf kommt es an.“[329]

Die Christliche Taufe im Lichte der hl. Schrift und der Geschichte von der Zeit ihrer Entstehung bis auf die Gegenwart · 第 8 / 13 段