In der +morgenländischen+ sowie auch in der

+römisch-katholischen Kirche+ ist der Exorcismus in dieser

sonderbaren Form unverändert beibehalten worden.[229] +Luther+

ließ in der zweiten Ausgabe seines Taufbüchleins zwar alle in der

ersten Ausgabe noch beibehaltenen Sitten, z. B. daß Anblasen,

Bestreichen mit Speichel u. a. weg, behielt dagegen die Entsagungs-

und Beschwörungsformel bei. Er erklärte diesen Brauch wohl als

nützlich, doch nicht für eine dogmatische Notwendigkeit.[230]

Ebenso billigte +Melanchthon+ den Exorcizmus und mit ihm die

übrigen lutherischen Theologen. +Zwingli+ wie auch +Calvin+

mißbilligten ihn aufs entschiedenste. Von der +reformierten

Kirche+ wird er als eine abergläubische Zeremonie verworfen.[231]

+Baumgarten+ trifft wohl in diesem Punkt das Rechte, wenn er

sagt: „Es ist eine +willkürliche+ Handlung, die in +keinem

göttlichen Befehl+ oder Notwendigkeit der Sache gegründet ist, ein

Adiaphoron, ein gottesdienstliches Mittelding, oder eine +menschliche

Kirchenverordnung+.“[232]

2. Das Bestreichen mit Speichel

erfolgte nach dem Exorcismus, und nach Luthers Angabe wurden die

Ohren und die Nase damit bedacht.[233] Die orientalische sowie

auch die protestantische Kirche hat diese merkwürdige Sitte nicht

angenommen.[234]

3. Die Bekreuzung.

Wie man im N. Testament von einer Teufelsbeschwörung nichts vorfindet,

ebenso findet sich auch nicht die geringste Andeutung von dem

Gebrauch der Bekreuzung vor. Es ist dies ebenfalls eine menschliche

Einrichtung nach Ablauf der apostolischen Zeit. Die Kreuzbezeichnung

des Täuflings geschah vor der Taufe gleich in unmittelbarer Verbindung

des Bestreichens mit Speichel.[235] „Der Täufer bediente sich der

Formel: „Nimm an das Zeichen des heiligen Kreuzes, beides, an Stirn und

Brust.“[236] ~Dr.~ +Augusti+ führt noch aus: „Bekanntlich

schrieben die Alten dem Kreuzeszeichen eine außerordentliche

Kraft und Wirkung zu. Man darf sich daher nicht wundern, wenn der

feierlichen Kreuzbezeichnung bei der Taufe eine magische Kraft

beigelegt wurde.“[237] Nach +Dionysius+ soll die Salbung und

Kreuzbezeichnung eine dreifache sein.[238] „In den alten Taufritualien

der +lateinischen Kirche+ findet man die einmalige Bezeichnung

in Verbindung mit einem dreimaligen Anhauchen. Die +evangelische

Kirche+ hat zwar die Ölsalbung abgeschafft, aber dennoch die

Kreuzbezeichnung beibehalten.“[239]

4. Die Salbung.

Nach der Kreuzbezeichnung folgte als weitere, die Taufe vorbereitende

Handlung die Salbung (~oleum~), zu unterscheiden von der Salbung

nach der Taufe.[240] Nach +Cyrill von Jerusalem+ wurde diese

Salbung im Taufhause gleich nach der Entkleidung vollzogen, und zwar am

ganzen Körper.[241]

5. Die Weihung des Taufwassers.

Nach der Salbung ging der Priester oder auch der Bischof daran,

das Taufwasser zu weihen. Das erste Beispiel davon findet sich

bei +Tertullian+. „Tertullian fing unstreitig an,“ schreibt

+Münter+, „mit der Lehre von der Taufe +Aberglauben+ zu

verbinden; denn er war der erste, der dem Wasser eine physische Kraft

zuschreibt.“[242] Tertullian äußert sich darüber wie folgt: „Jedes

Wasser erlangt vermöge der alten Prärogative seines Ursprungs die

geheimnisvolle Wirkung der Heiligung durch die Anrufung Gottes. Denn

es kommt sofort der Geist vom Himmel darüber herab und ist über den

Wassern, heiligt sie aus sich selbst, und so geheiligt saugen sie die

Kraft des Heiligmachens in sich ein. Also wird, nachdem die Gewässer

durch Dazwischenkunft des Engels gewissermaßen mit Heilkräften versehen

wurden, auch der Geist im Wasser leiblich abgewaschen und das Fleisch

ebendaselbst geistig gereinigt.“[243] Nach +Dionysius+’ Angabe

ging die Weihung in folgender Art vor sich: „Während der Priester die

Salbung vollendet, geht der Bischof zur Mutter der Gotteskindschaft

(denn so nennt er das Taufbassin), heiligt ihr Wasser durch heilige

Anrufungen und vollendet es, indem er das heiligste Öl dreimal in

Kreuzesform eingießt, er damit zugleich das Zeichen des Kreuzes

macht.“[244] +Cyprian+ erklärt, daß das Wasser erst durch den

Priester gereinigt und geheiligt werden muß, auf daß es die Macht habe,

die Sünden der Menschen wegzuwaschen. Auch +Basilius+ erwähnt

diesen Brauch, doch zeigt er dabei, daß derselbe nicht auf Verordnung

der hl. Schrift beruhe, sondern in der mündlichen Überliefernng seinen

Grund habe.[245]

6. Die Verwendung des Salzes bei der Taufe.

Dr. +Freybe+ sagt: „Auf die Salbung folgte als weitere, die Taufe

vorbereitende Handlung das Reiben mit Salz.“[246] In der protest.

kurbrandenburg. Kirchenordnung wie auch in der Ottheinrichs heißt es:

„Hier nehme der Priester das Kind und lege ihm Salz in den Mund und

spreche: Nimm hin das Salz der Weisheit, die dich fördere zum ewigen

Leben. Amen.“[247] Nach Dr. +Augusti+ hat man für den Gebrauch des

Salzes bis jetzt kein älteres Zeugnis als die Stelle in Augustin.[248]

Die evangelische Kirche hat mit Recht auch diese Sitte fallen lassen.

Nachdem all diese gedankenlosen und fast durchweg mit Aberglauben

verbundenen Gebräuche an dem Täufling zur Anwendung gekommen waren,

wurde an ihm die Taufe durch dreimaliges Untertauchen vollzogen.

7. Die Salbung

mit geweihtem Öl schloß sich gleich an die Taufe an. Diese Sitte

erwähnt schon Tertullian: „Aus dem Taufbade sodann herausgestiegen,

werden wir gesalbt mit der gebenedeiten Salbung.“[249] „Die Salbung

geschieht zuerst auf Brust und Rücken mit dem Spruche: zur Heilung

des Körpers und der Seele; sodann an den Ohren mit dem Spruche:

zum Gehorsam des Glaubens; hierauf an den Füßen mit den Worten:

zur Beförderung deiner Schritte; endlich an den Händen mit dem

Zurufe: deine Hände haben mich gemacht und gebildet.“[250] Nach

Cyrill geschah diese Salbung an Stirn, Ohren, Nase und Brust.[251]

Tertullian sowie auch Cyrill von Jerusalem gründen diese Salbung auf

die „frühere Lehre, wonach man mit Öl aus dem Horn zum Priestertum

gesalbt worden war“.[252] Wir müssen aber bei genauerer Untersuchung

feststellen, daß die Salbung, wie sie im 3. und den nachfolgenden

Jahrhunderten gehandhabt wurde, auch nicht die geringste Ähnlichkeit

mit der Priestersalbung hat. +Luther+ zählt diesen Ritus mit

Recht unter jene, die „+von Menschen+, um die Taufe zu zieren,

+hinzugetan+ sind“.[253]

8. Der dreimalige Umgang um das Taufbecken.

In der griechisch-russischen Kirche schließt sich der Salbung ein

dreimaliger Umgang um das Taufbecken an. Den Vorgang dabei schildert

+Staerk+ mit folgenden Worten: „Ist die Salbung mit dem heiligen

Myron vollendet, so schreitet der Priester mit dem Taufpaten und dem

Täufling dreimal rings um das Taufbecken, während der Chor singt

(griechischer und slawischer Ritus): Alle, die ihr auf Christum getauft

seid, habt Christum angezogen. Alleluja. Der Umgang beginnt von der

rechten Seite, d. h. von Westen nach Süden, indem der Priester und Pate

Kerzen in der Hand tragen, um die Erleuchtung auf Christus, das wahre

Licht, zurückzuführen.“[254]

9. Der Friedenskuß.

Jedem Neuaufgenommenen oder Getauften wurde der sogenannte Friedenskuß

erteilt als Zeichen, daß er von nun an als Christ oder als Bruder

im Herrn anerkannt sei. Gegen diese Sitte wäre auch durchaus nichts

einzuwenden, denn wir glauben, daß dieselbe im N. Testament begründet

ist und apostolische Praxis war,[255] doch nie können wir es glauben,

daß dieser „Bruderkuß“ in der Urgemeinde so verabreicht wurde, wie es

nach Einführung der Kindertaufe in den Tagen Cyprians geschah, nämlich

-- auf den Fuß des Täuflings.[256]

10. Die Anlegung einen weißen Kleides.

Seit dem 4. Jahrh. wurde es Sitte, den Täuflingen unmittelbar nach der

Taufe ein weißes Kleid anzulegen, welches sie acht Tage hindurch tragen

mußten, „und wurden in demselben an dem auf Ostern folgenden Sonntage,

welcher eben daher den Namen: ~Dominice in albeis~ (der weiße

Sonntag) erhielt, der Gemeinde vorgestellt“.[257] Womit will man diesen

Gebrauch rechtfertigen? Durch das N. Testament kann es nicht geschehen,

denn dasselbe berichtet uns nichts von einem achttägigen Tragen der

weißen Kleider nach der Taufe.

11. Die Taufkerzen.

Ein weiterer unbiblischer Gebrauch war, daß man dem Täufling, auch den

kleinen Kindern, sogenannte Taufkerzen in die Hand gab als Sinnbild

der ihnen zuteil gewordenen Erleuchtung. Nach Dr. Angustis Angabe ist

diese Sitte erst im 4. Jahrh. entstanden.[258]

12. Der Gebrauch von Milch und Honig bei der Taufe.

+Tertullian+ schreibt, daß die Täuflinge, nachdem sie aus dem

Wasser heraufgestiegen sind, eine Mischung von Milch und Honig genießen

und sich von jenem Tage an eine ganze Woche hindurch des täglichen

Badens enthalten.[259] Ob nun dieser Brauch biblisch ist, soll

Tertullian selbst beantworten. Er sagt: „Wenn du für diese und andere

Gebräuche eine ausdrückliche Vorschrift der hl. Schrift verlangen

wolltest, so wirst du keine auftreiben können. Man wird dir die

+Tradition+ entgegenhalten als die Urheberin davon.“[260]

13. Die Tonsur.

Im 4. und 5. Jahrh. finden sich viele Zeugnisse von Mißbilligung und

Verwerfung der Tonsur vor. Erst am Ende des 5. und Anfang des 6. Jahrh.

fing die Tonsur an, bei dem geistlichen Stande eine allgemeine Sitte zu

werden.[261] Später vollzog man die Tonsur auch an Laien und Kindern,

und zwar in Verbindung mit der Taufe. In der griechisch-russischen

Kirche sind beide Tonsuren üblich, „die ~tonsura clericalis~ und

die Tauftonsur“.[262] Die Vollziehung der letzteren ging nach Staerks

Angabe wie folgt vor sich: „Nach vorausgegangenem Gebet beschneidet der

Liturg das Haupthaar des Täuflings in Kreuzesform, indem er spricht:

Geschoren wird der Knecht Gottes N. N. im Namen des Vaters und des

Sohnes und des hl. Geistes. Amen.“[263]

So gewiß es ist, daß weder im N. Testament noch in den ersten

Jahrhunderten eine Spur von einer Tonsur aufzufinden ist, so gewiß

ist es auch, daß dieser Brauch direkt dem Heidentum entnommen ist.

+Rabaud+, Präsident des Konsistoriums zu Montauban, schreibt

darüber: „Die Tonsur ist ein heidnischer Brauch, Sklaven, bisweilen

auch Besiegten schor man den Kopf; es war das ein Zeichen der

Erniedrigung, aber auch ein Symbol der Entsagung und der Aufopferung.

So schnitten sich vor dem Angesichte gewisser Göttinnen die jungen

Mädchen, welche sich ihrem Dienste weihten, ihren Haarschmuck ab; in

Ägypten trugen die Isispriester rasierten Kopf. Nach der Entstehung

des Mönchtums schlossen sich manche Ordensleute den Bräuchen alter

Zeit an und ließen sich zum sichtbaren Zeichen ihres Geistes der Demut

und ihrer Gelübde der Entsagung das Haar abschneiden, von dem sie

nur einen Kranz rings um den Kopf stehen ließen.... Daraus ist die

Tonsur hervorgegangen.“[264] Noch bestimmter äußert sich +Staerk+

darüber: „Schon bei den alten Griechen war es Sitte, den Kindern die

Haarlocken abzuschneiden und sodann zu gewissen Zeiten dieselben den

Dämonen zu opfern. Durch das Christentum wurde dieser heidnische Brauch

zu einem Kulte des wahren Gottes umgewandelt.“[265]

14. Die Abwaschung des Täuflings am achten Tage.

Nach Beendigung aller oben angeführten Zeremonien und noch vieler

anderer mehr wurde am achten Tage der Täufling wieder in die Kirche

gebracht, um abgewaschen zu werden. „Diese Sitte gründet in der

griechisch-russischen Kirche darin, daß bei der Myronsalbung das

Chrisam nicht gänzlich abgewischt worden ist. Das Kind muß daher

während dieser Zeit sein Taufröcklein tragen und darf nicht gebadet

werden.“[266]

Wir übergehen die übrigen Gebräuche, welche weder von beständiger

Dauer waren, noch von den verschiedenen Kirchen einstimmig angenommen

wurden.[267] Von den angeführten glauben wir aber den Beweis erbracht

zu haben, daß sie alle durchweg eine menschliche Erfindung und

Einrichtung sind und nie ihren Ursprung in der Bibel haben. Dies zeigte

uns schon die oben zitierte Stelle aus Tertullian, der unverhohlen

zugibt, daß der Exorcismus und einige andere Taufgebräuche sich allein

auf die Tradition gründen. Dasselbe gibt auch in noch klareren Worten

+Basilius+ der Große (gest. 379) zu, was wir seinem Buch „Vom hl.

Geist“, Kapitel 27, entnehmen: „Wir begnügen uns nicht mit dem, was

die Apostel oder das Evangelium mitteilen, sondern wir haben noch eine

ungeschriebene Lehre; wir segnen z. B. das Wasser der Taufe und das

Chrisma der Salbung, ja den Täufling selbst: wo steht das geschrieben?

Geschieht es also nicht nach einer verschwiegenen und geheimgehaltenen

Lehre? Welches geschriebene Wort (der Bibel) lehrt die Salbung mit

dem Chrisma? Woher ist es genommen, daß wir den Täufling dreimal

untertauchen? Aus welchem Buche haben wir die übrigen Taufgebräuche,

wie unter anderem, daß dem Teufel und seinen Engeln entsagt wird?

Rühren sie nicht aus jener verborgenen Geheimlehre her, welche unsere

Väter in der Stille aufbewahrten?“

Zu Luthers Zeit waren diese Taufgebräuche noch alle vorhanden und

manche davon von Luther beibehalten und in Anwendung gebracht worden,

doch seine Anschauung darüber ist die, daß sie alle in den Bereich

der Menschensatzungen zu rechnen sind. Wir führen noch seine eigenen

Worte zum Schlusse an. Er sagt: „So gedenke nun, daß in dem Taufen

diese äußerlichen Stücke das Geringste sind, als da ist: unter Augen

blasen, Kreuz anstreichen, Salz in den Mund geben, Speichel und Kot

in die Ohren und Nase tun, mit Öl auf der Brust und Schultern salben

und mit Chrisam den Scheitel bestreichen, Westerhemde anziehen und

brennende Kerzen in die Hände geben, und was das mehr ist, +das von

Menschen+, die Taufe zu zieren, +hinzugetan ist+; denn auch

wohl ohne solches die Taufe geschehen mag und nicht die rechten Griffe

sind, die der Teufel scheut oder flieht.“[268]

Die gänzliche Entkleidung bei der Taufe.

Es scheint, als ob im Altertum die vielen Neuerungen gar kein Ende

nehmen wollten. Ein falscher Gebrauch bahnte dem anderen den Weg,

bis man Gebräuche in Anwendung brachte, die das Schamgefühl des fein

denkenden Menschen aufs tiefste verletzten und die, um es gelinde zu

sagen, alles andere, nur nicht schicklich waren. Gar bald ließ man die

Mahnung des Apostels außer acht: „Alles aber geschehe anständig und in

Ordnung.“[269] So wurden zum Beispiel die Täuflinge, Männer wie auch

Frauen, gänzlich entkleidet und wurden ganz nackend getauft.

Diesen allzu menschlichen Gebrauch finden wir zuerst von +Cyrill von

Jerusalem+ (gest. 386) erwähnt. Er sagt: „Sobald ihr das Innere der

Taufhalle betratet, zoget ihr sogleich eure Kleider ab, und dies war

das Bild des alten mit seinen Werken ausgezogenen Menschen. Ausgezogen,

waret ihr nackt und ahmtet auch hierin dem am Kreuze entblößten

Christus nach, der durch diese Blöße die Herrschaften und Gewalten

ausgezogen und über sie am Holze mit hohem Mute triumphiert hat.....

Ihr waret nackt vor den Augen aller und schämtet euch nicht, denn ihr

waret wahrhaftig ein Bild des ersten Menschen, Adam, der im Paradiese

nackt war und sich nicht schämte.“[270] +Ambrosius+ (gest. 397)

sagt: „Die Menschen kamen so nackend zum Taufbassin wie sie in die

Welt kamen.“[271] Die völlige Entkleidung bei der Taufe finden wir

auch von +Dionysius+ erwähnt.[272] Und +Chrysostomus+ sagt,

indem er von der Taufe spricht: „Die Menschen waren so nackend wie

Adam im Paradies. Allein dort wurde der Mensch nach der Sünde nackt,

weil er gesündigt hatte; hier dagegen wird er nackt, um von Sünden

befreit zu werden. Damals zog der Mensch die Herrlichkeit aus, mit der

er bekleidet war; jetzt zieht er den alten Menschen aus, und ehe er

ins Taufbad steigt, zieht er ihn so leicht aus wie die Kleider.“[273]

Chrysostomus schreibt noch, daß der Einfall der Soldaten in die Kirche

zu seiner Gefangennehmung gerade zu der Zeit geschah, als die Frauen

zur Taufe sich entkleidet hatten, die so in Schrecken versetzt wurden,

daß sie nackend die Flucht ergriffen.[274] Schon +Athanasius+

(gest. 373) spricht von skandalösen Auftritten, welche in dem Taufhause

vorfielen. So beschuldigt er unter anderem die Arianer, daß durch

eine Überredung Juden und Heiden während einer Taufe in die Taufhalle

eingebrochen seien und dabei die Katechumenen, wie sie dort standen,

nackt, in einer Weise mißhandelt hätten, die zu scheußlich und

schändlich wäre, um sie niederzuschreiben.[275] „Kaiser Konstantin

legte,“ schreibt ~Dr.~ Brenner, „da er sich zur Taufe anschickte,

nach der Erzählung des Simeon Metaphrastes, auch seinen letzten

Leibrock ab und ließ die Schande seines Fleisches sehen.“[276] „Jobia,

die Tochter des Perserkönigs Sapor, wird von dem Diakon Cyriakus in

ihrem Schlafgemache nackt in eine silberne Wanne gestellt, um getauft

zu werden, wie Surius aus sehr alten Martyrologien erzählt.“[277]

Derartige Gebräuche, wodurch das menschliche Schamgefühl auf solche

schändliche und frivole Weise untergraben wurde, kann man mit

irgend einem Namen bezeichnen, aber nur nicht „christlich“ heißen.

Unzuchtsszenen, die sich bei derartigen Gelegenheiten abspielten,

machten es notwendig, synodale Erlasse ergehen zu lassen, die dahin

lauteten, daß die Frauen zur Zeit, wenn die Männer getauft würden,

das Baptisterium nicht betreten durften. Ein solches Verbot erließ

z. B. eine persische Synode von 485. Der Metropolit +Barsumas+

von Nisibis, der diese Synode leitete, tadelt den Katholikus, „weil

er gestattet, daß Frauen das Baptisterium betreten und bei der Taufe

zuschauen durften, woraus Unzuchtsvergehen und unerlaubte Heiraten

entstanden seien“.[278]

Wahrlich, hier finden wir Mysterien dazu geschaffen, den Heiden, der

zu einer solchen christlichen (?) Kirche übertrat, für alles, was er

zurückließ, zu entschädigen. Wie bald verlor doch das Gold seinen Glanz

und wurde seine ihm vom Goldschmied gegebene Form verunstaltet.

Materien, in und mit welchen getauft wurde.

Schon im A. Testament, wo die christliche Taufe durch mancherlei

Waschungen und die Priesterweihe vorgebildet ist, wird von Gott

ausdrücklich geboten, daß dazu nur +Wasser+ verwendet werden

soll.[279] Aus den vielen Taufberichten des N. Testaments ist klar

ersichtlich, daß die Taufe zur Zeit Christi und der Apostel nur im

Wasser vollzogen wurde. So sagt Johannes zu seiner Zuhörerschar:

„Ich taufe euch +mit Wasser+.“ Und von der Taufe Jesu schreibt

der Evangelist: „Da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus

dem +Wasser+.“[280] Johannes der Täufer taufte zu Enon, weil er

daselbst „+viel Wasser+“ hatte.[281] Ebenso berichtet Lukas,

daß die Taufe des Kämmerers, die des Kornelius, seiner Verwandten

und Freunde, nachdem sie glaubten, im +Wasser+ vollzogen worden

sei.[282]

Aus diesen und anderen Stellen ist zu ersehen, daß in der Urkirche das

Wasser das einzige Element der Taufe war, und man findet es auch von

den ältesten Schriftstellern als solches bezeichnet, so zum Beispiel

von Justin dem Märtyrer (Apol. I, Kap. 61), Tertullian (~De Baptismo~),

Cyprian (Ep. 70, 1), Cyrill von Jerusalem (Dritte mystagogische

Katechese, Kap. 5), von Basilius dem Großen, Gregor von Nyssa (Große

Katechese, Kap. 35), Gregor von Nazianz, Chrysostomus, Augustin u.

a.[283] Da die Kirche aber immer mehr von den klaren Vorschriften der

hl. Schrift abging und dafür menschliche Satzungen annahm, zeigte

sich’s bald, daß man nicht nur die Wassertaufe als die einzig gültige

erklärte, sondern auch solche als rechtmäßige Taufen annahm, bei denen

eine andere Materie verwendet wurde als Wasser.

Auf der Versammlung zu Quiercy (wahrscheinlich 754) soll +Papst

Stephan+ III. (II.) den Mönchen eines benachbarten Klosters auf 19

Fragepunkte Antwort gegeben haben. Die Antwort auf die 11. Frage ist

besonders ihres Inhaltes nach wichtig, da sie für uns einen Beleg dafür

enthält, daß auch mit +Wein+ getauft wurde. Es heißt da nach +Hefeles+

Angabe: „Wenn jemand ein todkrankes Kind, weil durchaus kein Wasser

zu haben, mit Wein tauft, so soll er nicht gestraft werden, und sie

sollen nicht nochmals getauft werden.“[284] +Papst Benedikt+ XII. (1334

bis 1342) erwähnt in einem Brief an König Leo IV. die vielen Irrtümer

der Armenier, bei welcher Gelegenheit er ihnen auch die Taufe mit

+Milch+ und +Wein+ zum Vorwurf macht.[285] Sogar +Speichel+ wurde zur

Taufe oder besser gesagt zum Anfeuchten der Stirn verwendet, denn man

erklärte: „Eine Taufe mit Speichel ist ungültig.“[286]

Eine Menge Fragen über die Materie der Taufe findet man, nach ~Dr.~

+Augusti+, in der scholastischen Periode aufgeworfen, die oft zu

heftigen Streitigkeiten Anlaß gaben. „Die Materie der Taufe, sagen

die Scholastiker, ist das Wasser. Dies bewies man mit zwölf Gründen

.... Einige behaupteten wieder, daß man auch mit +Erde+ taufen dürfe,

weil es scheine, daß der Mensch darin könne getauft werden, worin

Christus begraben worden.“[287] Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob

man nicht mit +Luft+ taufen könne, denn „alle Gründe für das Wasser,

die eindrückende Kraft ausgenommen, passen ebensogut und noch besser

auf die Luft. Sie ist noch reiner und heller, zum Leben notwendiger und

noch gemeiner als das Wasser.“[288]

~Dr.~ Augusti schreibt ferner: „Daß man in +Lauge+ (~lixivio~) taufen

dürfe, versicherten viele berühmte Doktoren, wie Astesanus, Inguen,

Pelbartus. Ihr Hauptgrund war, daß Wasser, welches durch Asche

durchsickere, zwar verändert aber nicht verwandelt werde. Rubio,

Paludanus u. a. aber leugneten dies und wollten nicht gestatten, daß in

Lauge getauft werde.“[289]

Ferner war man der Meinung, daß man auch in +Bier+, +Honig-+ und

+Rosenwasser+ taufen dürfe; ja sogar +Fleisch-+ und +Fischbrühe+ oder

auch +Butter+ und +Fett+ könne dazu verwendet werden. Diese Idee

vertraten besonders Thomas von Aquino, Sylvester und Astesanus.[290]

Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob man in +Schnee+, +Eis+, +Hagel+,

+Reif+ und +Tau+ taufen dürfe. Diese Frage bejahten einige, andere

wieder verneinten sie.[291]

Diese merkwürdigen und nicht weniger eigentümlichen Fragen erstreckten

sich über die scholastische Periode hinaus, und man findet sie noch

zu Luthers Zeit vor. ~Dr.~ Augusti schreibt darüber: „Selbst

nach dem scholastischen Zeitalter haben diese seltsamen Fragen sich

nicht ganz verloren. Es wurde Luther zum Vorwurf gemacht, daß er in

seinen Tischreden sich dahin erklärte, daß man im Notfalle auch mit

Wein, Milch oder Bier taufen könne. Diese gelegentliche Äußerung aber

verdiente um so weniger urgiert zu werden, da Luther in seiner zweiten

Taufpredigt (~T. VII, ed. Jen. p. 469~) sich bestimmt gegen den

Gebrauch des Weins, Biers, der Lauge und anderer Dinge, und allein das

Wasser als das von Christus verordnete Element der Taufe erklärt.“[292]

Den Reformatoren des 16. und 17. Jahrh. haben wir es allein zu

verdanken, daß sie das Althergebrachte umstürzten und mit den

unbiblischen Gewohnheiten und Sitten der Kirchenlehrer des Mittelalters

aufräumten.

[Illustration]

Die stellvertretende Taufe der Lebenden für die Toten.

Schon recht früh findet sich die merkwürdige Sitte vor, daß sich

Lebende in Stellvertretung für ungetauft Verstorbene taufen ließen.

Daß schon zur Zeit des Apostels Paulus dieser seltsame Gebrauch

vorhanden war, geht klar aus 1. Kor. 15, 29 hervor, wo er ihn zu

seiner Beweisführung für die Auferstehung der Toten benutzt, indem er

schreibt: „Was machen sonst die, welche um der Toten willen sich taufen

lassen, wenn die Toten überhaupt nicht auferstehen? Warum lassen sie

sich um derselben willen taufen?“[293] Stehen die Toten nicht auf,

warum dann noch etwas zugunsten derselben vornehmen! Es ist ja mit dem

Tode alles vorüber, alles aus. Eine solche Handlung ist dann unnütz.

Dies wäre der richtige Sinn dieses Verses.

Die Christliche Taufe im Lichte der hl. Schrift und der Geschichte von der Zeit ihrer Entstehung bis auf die Gegenwart · 第 7 / 13 段