* * * * *
Herr Habietnik ging düster, schweigend, mit gerunzelter Stirne durch die
prunkvollen Verkaufsräume des großen Modehauses in der Kärntnerstraße,
das einst Zwieback geheißen und jetzt den Namen Wilhelm Habietnik trug.
Herr Habietnik war der erste Verkäufer in der Damenmaßabteilung gewesen,
und mit Hilfe der Mittelbank deutscher Sparkassen war es ihm gelungen,
bei der großen Judenvertreibung das Haus an sich zu bringen. Herr
Habietnik ging nun, wie gesagt, von Saal zu Saal, wechselte in jedem ein
paar Worte mit dem Rayonchef, sein Antlitz wurde immer finsterer und er
stieß unwillige Rufe aus. Durch die ganz in Weiß und Rosa gehaltene
Abteilung für Babywäsche schritt er, ohne sich aufzuhalten, in den
entzückenden Konditoreisalon, der vollständig leer war, warf er nur
einen schiefen Blick, dann stürmte er in sein Privatkontor und ließ sich
den Prokuristen Smetana kommen.
»Sie, Herr Smetana, so geht das nicht weiter, da muß etwas geschehen!
Wir stehen vor Ostern, früher war das die Hochsaison und man konnte vor
Gedränge gar nicht durch das Haus gehen, und jetzt habe ich auf meinem
Rundgang drei alte Weiber gefunden, von denen zwei zusammen eine
Chenillepelerine, wie sie gar nicht mehr existieren, kaufen wollten und
eine einen Barchentunterrock. Wenn wir so weitermachen, können wir
sperren. Sagen Sie, wie groß ist das Betriebsdefizit, seitdem ich die
Firma übernommen habe?«
Der Prokurist Smetana lächelte sauer:
»Na, so an die hundert Millionen, das wird wohl reichen!«
Herr Habietnik ging aufgeregt auf und ab. »Ich versteh' das nicht! Wir
haben früher, wie die Juden noch da waren, doch auch eine Menge
christliche Käuferinnen gehabt! Wo sind denn die hingekommen?«
Smetana, der früher in der Buchhaltung gesessen und die Rechnungen
ausgeschrieben hatte, lächelte.
»Herr Habietnik, mit den christlichen Kundschaften war es nie weit her,
und wenn es schon Christinnen waren, so hatte ihr Christentum doch
irgendwo ein Klampferl. Entweder sie waren die Frauen oder die
Maitressen von Juden. Bitt' Sie, da erinnere ich mich an die schöne
Gräfin Wurmdorf, die was zuletzt noch eine Redoutentoilette für
eineinhalb Millionen bei uns hat machen lassen. Na, wer aber hat sie
gezahlt? Der Herr Gemahl vielleicht? Keine Spur! Der reiche Eisler von
der Firma Eisler und Breisler! Und die Manoni von der Oper, die was die
Tochter von einer waschechten christlichen Waschfrau ist und zehn gute
Millionen im Jahr bei uns gelassen hat? Na, bei der hat die ganze
israelitische Kultusgemeinde herhalten müssen! Und die --«
Herr Habietnik winkte ab. »Trotzdem, es gab genug Damen ohne Liebhaber,
die ganz schön eingekauft haben. Ich weiß das besser, weil ich doch
gerade die Maßabteilung unter mir hatte.«
»Ja, sehen Sie, Herr Habietnik, wenn es schon keine Jüdinnen waren, so
war es eben die Konkurrenz der Judenfrauen, die uns geholfen hat. Wenn
die Jüdinnen fein und elegant gekleidet waren, so wollten die
christlichen Damen der guten Gesellschaft nicht zurückstehen.«
»Da können Sie recht haben«, meinte der Chef nachdenklich. »Neulich habe
ich selbst gehört, wie die Frau Artander die Preise bekrittelte und ohne
zu bestellen mit den Worten wegging: »Ach was, heutzutage hat man es ja
gottlob nicht mehr notwendig, sich so aufzutackeln und jede Modedummheit
mitzumachen. Ich werde eben die alten Sachen herrichten lassen.«
Herr Habietnik bekam einen roten Kopf und schlug mit der Hand auf den
Tisch. »Ich habe Sie aber nicht gerufen, um mit Ihnen zu schmusen,
sondern weil ich einen Rat von Ihnen will! Dazu zahl' ich Ihnen ja den
hohen Gehalt!«
Smetana knickte zusammen. »Eine Idee hätt' ich schon, Herr von
Habietnik. Die Leut' tragen jetzt so viel Loden und andere solide
Sachen. Sie haben es ja selbst gesehen, sogar nach Barchent ist
Nachfrage. Wie wäre es, wenn wir ein paar Fenster mit Lodenstoffen,
Lodenröcken, Barchent- und Flanellwäsche füllen würden? Und dazu eine
schöne Tafel und viel Inserate mit der Ankündigung: Loden, Barchent,
Baumwolle und Flanell -- die hohe Pariser Mode!«
Herr Habietnik bekam einen Lachkrampf und krümmte sich so lange, bis ihm
die Tränen über die Backen liefen. »Flanell und Loden -- die große
Pariser Mode! Sie, wenn das die Frau Ella Zwieback, die jetzt in Brüssel
lebt, erfährt, so glaubt sie, daß wir in Wien alle zusammen verrückt
geworden sind! Aber meinethalben, mich ekelt die ganze Geschichte schon
an, ich bekomme Platzangst, wenn ich durch das leere Haus gehe! Gut,
machen Sie Lodenfenster! Und Steirerhüteln dazu nicht vergessen und
genagelte Schuhe! Und die Konditorei verwandeln wir langsam, aber sicher
in eine Stehbierhalle mit heißen Würsteln. Mir ist schon alles egal, so
kapores oder so!«
Zehn Tage später sah man richtig hinter einem der Fenster rote, blaue
und gemusterte Flanellröcke, Hosen, gestrickte Miederleibchen, hinter
einem anderen Baumwollstrümpfe und solides Schuhzeug und in einer der
Auslagen türmten sich Lodenstoffe in Braun, Grau und Schwarz zu Bergen.
Und die Verkaufsräume füllten sich, bis der Bedarf der weitesten Kreise
gedeckt war und die Verkäuferinnen wieder verstohlen hinter ihren
schwarzen Seidenschürzen gähnten oder Engelhornromane lasen.
* * * * *
Im Kaffee Imperial saß der Rechtsanwalt Dr. Haberfeld und schob die
Zeitungen, die ihm der alte Zahlmarkör Josef gebracht hatte, unwirsch
beiseite.
»Sie, Josef, leer ist es jetzt bei euch, daß man neben dem Ofen friert!
Früher hat man mühsam sein Platzerl ergattern können und jetzt, jetzt
könnt' man bei euch das Traberderby abhalten, weil eh' kein Mensch im
Weg steht!«
Josef strich die ergrauten Bartkoteletten, machte tieftraurige Augen,
wischte mit der Serviette über den Tisch und sagte sorgenvoll:
»Es geht eh' ein Ringkaffee nach dem andern ein, ich glaub', lang' wer'n
mir's auch net mehr machen. Wissen S', Herr Doktor, was die Herren
Israeliten -- pardon, die Juden, waren, die sind halt alle gern in die
feinen Lokale gegangen, wo was los ist und man was sieht. Aber die
christlichen Herrschaften, die geh'n ins Vorstadtkaffeehaus und spielen
ihr Tarock oder machen eine Billardpartie und gehen sonst lieber zum
Heurigen oder ins Wirtshaus. 's ist halt eine andere Zeit jetzt!«
»Das merkt ein Blinder, der taubstumm ist«, brummte der Anwalt. »Sie,
Josef, wir zwei kennen einander ja schon lange genug und brauchen uns
keine Komödie vorzuspielen. Mir g'fallt halt die ganze G'schicht net!
Wien versumpert ohne Juden!«
Josef fuhr erschreckt zusammen und sah sich ängstlich um.
»Ah was, es hört uns eh' niemand! Wien versumpert, sag' ich Ihnen, und
wenn ich als alter, graduierter Antisemit das sag', so ist es wahr, sag'
ich Ihnen! Ich wer' Ihnen was sagen, Josef. Wenn ich gegessen hab', muß
ich, Sie wissen's ja am besten, immer mein Soda-Bikarbonat nehmen, um
die elendige Magensäure zu bekämpfen. Wenn ich aber gar keine Magensäure
hätt', so könnt' ich überhaupt nichts verdauen und müßt' krepieren. Und
wissen S', der Antisemitismus, der war das Soda zur Bekämpfung der
Juden, damit sie nicht lästig werden! Jetzt haben wir aber keine
Magensäure, das heißt, keine Juden, sondern nur Soda, und ich glaub',
daran wer'n wir noch zugrund' geh'n!«
Josef, der mit atemloser und ehrfürchtiger Spannung gelauscht hatte,
schlug verzweifelt mit der Serviette auf einen Stuhl und flüsterte
beklommen:
»Recht haben S', Herr Doktor, wenn man sich auch net traut, es laut zu
sagen. Mit dem Zugrundegehen aber fang' ich schon an! Ich habe im
letzten Halbjahr die Hälfte von meinem Ersparten aufgebraucht. Herr
Doktor, unter uns gesagt, und weil Sie selbst ein nobler Herr sein, den
was es nicht treffen tut: Die Herren Israeliten, pardon, ich mein' die
Juden, waren nobel im Trinkgeldgeben!«
Josef räumte die Zeitungen fort, die dem Doktor Haberfeld zu langweilig
waren, brachte auf seinen Wunsch das Prager und das Berliner Tagblatt
und wandte sich anderen, eben eingetretenen Gästen zu, die sich je ein
Viertel Wein bestellten.
»Wie in einem Beisel«, raunte Josef dem Rechtsanwalt im Vorübergehen zu.
Und dieser nickte verständnisvoll, zündete sich eine Zigarre an und
gedachte der Zeiten, da er allabendlich im Kreise jüdischer Kollegen
hier gesessen und trotz aller politischen Gegnerschaft manch' klugen und
guten Gedanken mit ihnen ausgetauscht hatte ...
* * * * *
Der Frühlingsbeginn, der seit jeher als politisch aufgeregte Zeit
gegolten hat, brachte auch diesmal den Wienern unruhige Tage. Die
Arbeitslosigkeit griff erschreckend um sich, eine Fabrik nach der
anderen stellte den Betrieb ein, aber auch die Konkurse der
Detailgeschäfte häuften sich und allenthalben gab es lärmende
Kundgebungen, nicht nur der Arbeiter, für die der Staat halbwegs sorgte,
sondern auch der entlassenen Kommis und Verkäuferinnen, Buchhalter und
Tippmädels, bis in bewegter Ministerratssitzung beschlossen wurde, auch
diesen Kategorien für die Zeit ihrer Stellenlosigkeit Zuschüsse zu
gewähren. Der Finanzminister hatte sich mit Händen und Füßen dagegen
gesträubt, der Kanzler, Doktor Schwertfeger, aber schließlich seinen
Willen durchgesetzt. Doktor Schwertfeger, der noch starrer, knochiger,
härter geworden war, erklärte, daß auch diese neue Belastung getragen
werden müsse.
»Wir dürfen es nicht dazu kommen lassen, daß eines Tages der Ausweisung
der Juden die Schuld an Not und Elend gegeben wird. Wir haben bis heute
die »Arbeiter-Zeitung«, die jetzt zwar von Christen, aber doch noch im
jüdischen Geiste geschrieben wird, bewegen können, jede Kritik des
Antijuden-Gesetzes zu unterlassen. Erfüllen wir die Forderungen der
Stellungslosen im kaufmännischen Betriebe nicht, so wird ihr die Geduld
reißen und sie wird, schon um diese Leute in ihr Lager zu drängen, eine
Polemik eröffnen, die verderblich werden kann, weil wir die
Uebergangszeit von der Judenherrschaft zur Befreiung noch nicht hinter
uns haben.«
»Und unsere Krone?« wandte der Finanzminister Professor Trumm höhnisch
ein.
»Wir müssen uns an unsere christlichen Freunde im Auslande wenden und
ihnen unsere Bedrängnis klar machen. Am besten, Sie fahren gleich nach
Paris und London.«
Trumm lachte laut auf. »Ganz vergeblich! Schon von der ersten Bittfahrt
vor drei Monaten bin ich mit leeren Händen gekommen! Die Leute geben
nichts mehr, haben ja sogar ihre festen Versprechungen nicht ganz
gehalten. Sie unterschätzen den Einfluß unserer früheren Konnationalen,
der österreichischen Juden, die zum Teil heute in den ausländischen
Banken sitzen! Und abgesehen davon, der christliche Begeisterungstaumel
ist vorbei und man steht wieder auf dem kalt-geschäftlichen Standpunkt.
Sogar Mister Huxtable hat abgewinkt. Also meinethalben, bewilligen wir
die Forderungen der stellenlosen kaufmännischen Angestellten! Aber ich
wasche meine Hände in Unschuld.«
Am nächsten Tag wurde der Kabinettsbeschluß verlautbart, es trat wieder
Ruhe ein, aber am zweitnächsten Tag fiel die Krone an der Züricher Börse
um dreißig Prozent. Und die »Neue Züricher Zeitung« veröffentlichte
einen Artikel, in dem sie ziffernmäßig nachwies, daß Wien langsam aber
sicher aufhöre, irgendwelche Bedeutung für den mitteleuropäischen
Handelsverkehr zu haben und der Rivalität Prags und Budapests
unterliege. »In Ungarn ist man nach dem Ende des Horthy-Regimes ebenso
schlau wie in Prag gewesen. Man hat gewisse Kategorien von anständigen
Juden mit offenen Armen aus Wien aufgenommen und dadurch den Handel an
sich gerissen. Die Einkäufer der ganzen Welt können, weil sie zum großen
Teil Juden sind, ohnedies Wien nicht mehr besuchen, sie gehen nach Prag,
Brünn und Budapest, in erster Linie natürlich nach Berlin, das reißt die
christlichen Einkäufer mit, die österreichischen Erzeuger von
Fertigfabrikaten, wie Ledergalanterie, Schuhe, Keramik und so weiter,
müssen, statt die Einkäufer bei sich zu empfangen, mit dem Musterkoffer
nach dem Ausland reisen, kurzum, es werden trotz des beispiellos
niedrigen Standes der Krone in Wien keine nennenswerten Geschäfte
gemacht. Damit hat naturgemäß in Wien auch das Schiebertum in Valuten
sein Ende erreicht, aber wie es scheint, auf Kosten des österreichischen
Organismus. Der geniale Bundeskanzler Doktor Schwertfeger hat mit seinem
Gesetz keine große, sondern eine allzugroße Tat getan!«
Und wie zur Bekräftigung der Wahrheit dieses Artikels begann sich in
Wien eine völlige Deroutierung des Bankenwesens einzustellen. Die
ausländischen Konsortien, die die Wiener Großbanken übernommen hatten,
sahen sich in ihren Hoffnungen bitter enttäuscht. Ihr Umsatz wurde immer
geringer, mit dem Fortgang der Juden hatte auch das Börsenspiel einen
beträchtlichen Rückgang aufzuweisen, und die Banken waren genötigt, wenn
sie nicht mit Verlust arbeiten wollten, eine der Tausenden von
Bankfilialen, mit denen Wien überfüllt war, nach der anderen
aufzulassen. Vergebens legte die Organisation der Bankbeamten dagegen
Protest ein, daß ein Teil ihrer Mitglieder brotlos gemacht wurde. Die
Banken steckten sich hinter ihre Gesandtschaften, es kam zu peinlichen
diplomatischen Interventionen, die damit endeten, daß die
österreichische Regierung, statt ihre eigenen Beamten abzubauen, noch
die stellenlosen Bankangestellten in ihren Dienst nehmen mußte. Und die
Krone fiel auf ein Tausendstel Centime.
* * * * *
An einem schönen, sommerlich warmen Maimorgen kam vom Westbahnhof her
ein Automobil vor das Hotel Bristol gefahren, dem ein eleganter,
schlanker, dunkelhaariger Herr entstieg. Der Hoteldirektor musterte mit
geübtem Blick den schweren Lederkoffer und das Handgepäck und dann erst
den Fremden, dem ein kleines Knebelbärtchen im Verein mit dem
aufgezwirbelten und in Wien sehr unmodernen Schnurrbart einen exotischen
Anstrich verlieh. Südfranzose! taxierte der Direktor, rechnete rasch im
Kopf französische Franken in Kronen um, und beschloß, dem erstaunlichen
Resultat gemäß, den Zimmerpreis zu stellen. Auf die französisch
vorgebrachte Frage, ob ein Zimmer frei sei, erwiderte er, ein ironisches
Lächeln mühsam unterdrückend:
»Jawohl, Monsieur, ein einzelnes Zimmer gefällig oder ein Appartement
mit Bad? Mit Aussicht auf den Ring oder nach rückwärts?«
Der Passagier ließ vor Erstaunen das eingeklemmte Monokel fallen.
»Ja, wie ist denn das? Früher konnte man doch ohne vorherige Anmeldung
nirgends unterkommen!«
»Mein Herr,« seufzte der Direktor jetzt tief und ehrlich, »Sie waren
wahrscheinlich anderthalb Jahre oder länger nicht mehr in Wien! Seither
hat sich viel verändert!«
Der Fremde war sofort im Bilde, nickte verständnisvoll, forderte ein
Appartement auf die Ringstraße hinaus und füllte dann den Meldezettel
aus.
»Henry Dufresne, Kunstmaler aus Paris, 29 Jahre alt, katholisch, ledig.«
Monsieur Dufresne nahm ein Bad, kleidete sich um, pfiff dabei vergnügt
einen Pariser Gassenhauer vor sich hin, ließ sich ein vorzügliches
Frühstück auf dem Zimmer servieren und verließ dann so gegen zehn Uhr
vormittags ersichtlich aufgeräumt das Hotel.
Der Franzose mit dem Knebelbärtchen kannte sich in Wien entschieden gut
aus, denn er schwang sich ohne jemanden zu fragen, auf einen
Straßenbahnwagen, und er mußte auch die deutsche Sprache vorzüglich
beherrschen, denn man sah ihm an, daß er den Gesprächen der Umstehenden
interessiert lauschte. Als eine alte Frau über die Teuerung zu jammern
begann und arg auf die hohe Obrigkeit schimpfte, klopfte Herr Dufresne
sie auf die Schulter und meinte in tadellosem Deutsch und wienerischem
Akzent besänftigend:
»Wie kann man nur so was sagen, Mutterl, wir müssen doch alle froh und
glücklich sein, weil wir die Juden losgeworden sind.«
Aber das Mutterl begehrte jetzt erst recht auf.
»Mir ham' die Juden nie was g'tan! Wegen meiner hätten s' in Wien
bleiben können. A so a gute Bedienung hab' i bei an jüdischen Herrn
g'habt und alleweil, wann er a Madl mit nach Haus g'bracht und an
Unordnung g'macht hat, hat er mir an Hunderter extra g'schenkt. Leben
und leben lassen, hat er immer g'sagt und recht hat er g'habt!«
Die Leute auf der Plattform lachten und ein biederer Mann mit einer
weinselig funkelnden Nase meinte bestätigend:
»Ja, das derf man schon sagen, es hat auch anständige Leut' unter den
Juden 'geben!«
Ein eigenartiges Lächeln spielte um den Mund des Franzosen, der nun
ausstieg und langsam zu Fuß die Währingerstraße entlang schlenderte,
dann in die Nußdorferstraße einbog, mitunter vor einer Auslage
kopfschüttelnd stehen blieb, die Preise der ausgestellten Waren zur
Kenntnis nahm und so schließlich in die Billrothstraße kam, die im
weiteren Verlauf nach den rebenreichen Vororten Sievering und Grinzing
führt.
Ein Zettel am Haustor eines modernen Zinspalastes in der Billrothstraße
fesselte seine Aufmerksamkeit.
»Kleine, elegant möblierte Wohnung mit Atelier sofort zu vermieten.
Auskunft erteilt der Portier.«
Kurz entschlossen betrat Herr Dufresne das Haus und suchte den Portier
auf, der ihn mittelst Lift nach dem fünften Stock führte und die Wohnung
zeigte. Sie bestand aus einem Schlafzimmer, einem als Herrenzimmer
eingerichteten Salon, an den sich ein atelierartiger, großer Raum mit
Glasdach schloß. Auch ein Badezimmer war vorhanden.
»Wie kommt es, daß die Wohnung leer steht?«
»I, du meine Güte,« rief der Portier, »in Wien stehen jetzt an die
zwanzigtausend Wohnungen leer! Diese da hat ein Architekt, ein Herr
Rosenbaum, gehabt, der mit den anderen Juden fort mußte. Der Hausherr
hat ihm die Möbel abgekauft, konnte aber bis heute keinen Mieter finden,
weil keine Küche dabei ist.«
Nach weiteren fünf Minuten hielt der Portier einen Zehntausendkronenschein
als Angabe in der Hand, und Herr Dufresne war Besitzer der
Wohnung. Als er jetzt mit beschleunigten Schritten gegen
Grinzing ging, wirbelte er vergnügt sein Spazierstöckchen in der Luft
und murmelte vor sich hin: »Der Anfang ist gut, besser hätte ich es mit
der Wohnung gar nicht treffen können.« Je näher er aber Grinzing kam,
desto erregter wurde er, seine Wangen färbten sich rot und seine braunen
lustigen Augen leuchteten wie im Fieber. Nun hatte er die Kobenzlgasse
erreicht und seine Schritte wurden langsam, fast schleppend, wie die
eines Mannes, der einem schicksalsschweren Augenblick entgegengeht. Vor
dem Hause des Hofrates Spineder blieb er tiefatmend stehen und zog sich
den grauen Kalabreserhut in die Stirne, daß man nur mehr seinen
Knebelbart und das Kinn sah. Unschlüssig ging er auf und ab, mitunter
nervös auf die Armbanduhr sehend, die auf halb zwölf wies. Gerade als er
wieder vor dem grünen Tor stand, ging dieses auf und ein Dienstmädchen
verließ das Haus. Und eben in diesem Augenblick, als das Tor offen
stand, sah Herr Dufresne, wie von der links im Hofe gelegenen
Wohnungstür ein junges, weißgekleidetes Mädchen mit goldblonden Haaren,
die kein Hut verdeckte, in der Hand ein Buch, den Hof nach rückwärts
durchschritt und den Garten aufwärts ging.
»Hurra!« schrie der Mann mit dem Knebelbart in sich hinein und sein
Kriegsplan war fertig. Rechts vom Spinederschen Grundstück lag, von ihm
durch einen Holzzaun getrennt, ein langer, leerer Bauplatz, seit dem
Kriege provisorisch in einen riesigen Gemüsegarten verwandelt. Der Länge
nach zog sich dieser Gemüsegarten bis hoch hinauf zum Lusthäuschen auf
der höchsten Stelle des Spinedergartens. Auf der anderen Längsseite war
das Grundstück ebenfalls durch einen Holzzaun von einer Nebengasse der
Kobenzlgasse getrennt, aber dieser Zaun war verwahrlost und wies
mehrfach Unterbrechungen auf. Durch eines der Löcher kroch nun der
Franzose, eilte mit langen Sätzen den Gemüsegarten aufwärts, wobei er
links von sich das blonde Mädchen gehen sah und es bald hinter sich
ließ. Nun war Herr Dufresne ganz oben, mit einem Ruck schwang er sich
über den Zaun in den Garten des Hofrates Spineder hinüber und versteckte
sich hinter einem mächtigen Lindenbaum, der mitten im Weingarten stand.
Einige Minuten später war das Mädchen beim Baum angelangt, aber es
konnte den Mann hinter dem Baum nicht sehen. Bis plötzlich Unerwartetes
geschah. Herr Dufresne rief halblaut: »Lotte!« Und als Lotte Spineder
erschreckt und verwirrt stehen blieb und sich umsah, rief er wieder:
»Lotte! Ich bin es, um Himmelswillen erschrick nicht!«
Im nächsten Augenblick hielt der Herr mit dem Knebelbart Lotte, die
schneeweiß geworden war und zu schwanken begonnen hatte, in seinem Arm.
Und immer wieder preßte er seinen Mund auf ihre kalten Lippen, bis sich
ihre Wangen färbten und sie ihn, am ganzen Körper bebend, fest
umklammerte, als wollte man ihn ihr entreißen.
Und nun saßen sie im Lusthäuschen, Leo Strakosch hielt Lotte auf seinem
Schoß und erzählte in fliegenden Worten:
»Ja, Lottchen, ich bin es, und dir zuliebe habe ich mir diesen
entsetzlichen Napoleonbart plus Schnurrbart wachsen lassen. Ich habe es
einfach vor Sehnsucht nach dir nicht mehr ausgehalten, und als mir dein
Vater schrieb, daß er ernstlich um deine Gesundheit besorgt sei und es
für richtiger halte, wenn wir den Briefwechsel, der in dir alle Wunden
immer wieder aufreiße, einstellen würden, war mein Plan gefaßt. Ich
vertraute mich einem lieben, guten Kameraden, Henry Dufresne, der für
mich ins Feuer gehen würde, an, ließ mir den Knebelbart, wie er ihn hat,
stehen und bekam von ihm sämtliche Papiere, als da sind: Taufschein,
Heimatschein, Militärzeugnis und den ordnungsgemäß von der
österreichischen Gesandtschaft in Paris vidierten Paß. Wir sahen durch
den Bart einander so ziemlich ähnlich, so daß er es riskieren konnte,
sich seinen Paß mit meiner Photographie zu besorgen. Und meine
Unterschrift hat er nachgemacht und nicht ich seine. Der gute Junge hat
natürlich allen Freunden und Bekannten erzählt, daß er nach Wien fährt,
in Wirklichkeit ist er auf das Gut seines Onkels in Südfrankreich
gegangen, wo er ein Jahr bleibt. Und genau so lange, als er dort ist,
kann ich hier in Wien als Henry Dufresne leben.«
Lotte schluchzte und lachte in einem Atem.
»Leo, ich bin ja so namenlos glücklich! Aber ich habe auch solche Angst
um dich! Du weißt, es steht die Todesstrafe auf die verbotene Rückkehr
-- was, wenn sie dich erwischen?!«
»Ganz ausgeschlossen, mein Lieb! Die wenigen Freunde, die ich hatte,
sind Juden und mußten so wie ich das Land verlassen. Außerdem bin ich
tatsächlich durch den Bart unkenntlich, besonders, wenn ich ein Monokel
trage. Und selbst wenn jemand käme und behaupten würde, daß ich Leo
Strakosch bin -- ich würde einfach leugnen und niemand könnte mich
überführen, denn mein Paß ist echt, die Unterschrift ist echt, und wenn
man bei der Polizei in Paris anfragen sollte, so würde man die Auskunft
bekommen, daß Henry Dufresne mit Reisepaß nach Wien abgereist sei.«
»Aber Papa und Mama?« fragte Lotte nach etlichen herzhaften Küssen, die
ihr trotz Schnurrbart und Mouche wohl taten.
»Die dürfen natürlich nicht ein Sterbenswörtchen erfahren, Lotte«,
meinte Leo ernst. »Nicht, daß sie mich anzeigen würden! Aber dein Papa
ist zu sehr Beamter und Hofrat, um mir eine solche Mystifikation nicht
übel zu nehmen, und außerdem würde er unter keinen Umständen dulden, daß
wir zusammenkommen, sondern mich beschwören, wieder fortzufahren. So
aber werden wir uns täglich sehen, nicht wahr, Lotte?«
Und Leo erzählte ihr von der behaglichen, kleinen Wohnung, die er eben
gemietet und schilderte, wie sie dort täglich ein paar Stunden, so lange
Lotte sich eben würde freimachen können, zusammen verbringen würden.
Lotte war nur über und über rot geworden, aber sie sah in die ehrlichen
und treuen Augen ihres Bräutigams und wußte, daß sie auch ganz allein
mit ihm in guter Hut sein würde.
Lotte konnte jeden Augenblick im Garten gesucht werden und Leo mußte
verschwinden. Bevor sie aber Abschied nahmen, bewölkte sich wieder die
weiße Stirne des Mädchens.
»Leo, du hast nun deine glänzende Karriere in Paris aufgegeben! Was aber
willst du hier in Wien tun, wie bei dieser schrecklichen Teuerung, über
die nun auch Papa zu klagen beginnt, deinen Unterhalt bestreiten?«
Leo lachte so vergnügt und laut, daß ihm Lotte erschreckt die Finger auf
den Mund legte. Was er für eine Aufforderung nahm, die kleinen rosigen
Finger zu küssen. Er tat es reichlich und sagte dann:
»Mein Liebes, was ich hier tun werde? Arbeiten, und zwar tüchtig, und
ungeheuer viel Geld sparen, weil diese Wiener Teuerung, in Franken
umgerechnet, lächerlich billig ist. Du mußt nämlich wissen, daß ich von
der größten Pariser Verlagsfirma den Auftrag bekommen habe, eine neue
Gesamtausgabe der Werke Zolas zu illustrieren. Glänzende Bedingungen,
sage ich dir. Sechzigtausend Francs, wovon ich die Hälfte bei Abschluß
der Vertrages bekommen habe. Die andere Hälfte erhalte ich, wenn ich die
zweihundert Zeichnungen abliefere, und das muß in einem Jahr sein. Also,
du siehst wieder einmal: Wir Juden sind schlau und wissen, wo unser
Vorteil bleibt!«
Leo kroch über den Zaun zurück und Herr Dufresne besorgte noch am selben
Tag seinen Umzug nach der Billrothstraße. Hofrat Spineder und seine
Gattin stellten aber mit Befriedigung fest, daß ihr Töchterchen zum
erstenmal seit Jahr und Tag guter Laune war und heiter vor sich hinsang.
»Du wirst sehen,« sagte der Hofrat seiner Gattin, »Lotte schlägt sich
nach und nach die ganze traurige Geschichte aus dem Kopf! Der arme
Bursch' tut mir ja leid, aber es ist besser so. Uebrigens hat er mir ja
auch ganz vernünftig geschrieben und versprochen, den Briefwechsel mit
Lotte aufzugeben.«
Die Frau Hofrätin schüttelte verwundert das Haupt und dachte: Wie doch
die Mädchen von heute ganz anders sind! Ich würde an Lottes Stelle meine
Liebe nicht überwunden haben!
* * * * *
Die »Weltpresse«, einst das Blatt des liberalen Bürgertums, jetzt das
Hauptorgan der christlichsozialen Partei, erhielt eine Zuschrift von dem
Besitzer des Hauses Billrothstraße 19, in der in scharfer und logischer
Weise gegen den Fortbestand des Mieterschutzgesetzes Stellung genommen
wurde. »Das Mieterschutzgesetz«, hieß es in der Zuschrift, »hatte Zweck
und Sinn, als Wohnungsnot herrschte und die Bevölkerung davor geschützt
werden mußte, durch die Habgier einzelner Hausbesitzer obdachlos gemacht
zu werden. Heute gibt es keinen Mangel an Wohnungen mehr; dank dem
segensreichen Antijudengesetz unseres hochverehrten Bundeskanzlers sind
wieder normale Verhältnisse eingetreten, es ist der notwendige
Ueberschuß an Wohnungen vorhanden, und so erübrigt sich dieses
Mieterschutzgesetz, das nur mehr einen brutalen Eingriff in die Rechte
der Hausbesitzer bildet, ja sogar einen Verfassungsbruch. Sicher werden
nach Aufhebung des Gesetzes Steigerungen der Mietzinse eintreten, was
nur gerechtfertigt wäre und schließlich der Allgemeinheit zugute käme,
denn von den höheren Mietzinsen sind höhere Steuern zu zahlen und mit
höheren Mietpreisen steigt der Wert der Häuser. Es ist charakteristisch,
daß es ein in meinem Hause wohnender, vornehmer französischer Künstler
ist, der mir sein Entsetzen über dieses Mieterschutzgesetz ausdrückte.
Er erklärte, daß man sich in französischen Kapitalistenkreisen über
dieses Gesetz lustig mache, das unter anderem auch verhindert, daß
Ausländer ihr Geld in Wiener Häusern anlegen. Also fort mit dem
Mieterschutzgesetz! Die vornehme christliche Gesinnung der Wiener
Hausbesitzer, vor allem aber das Gesetz von Angebot und Nachfrage werden
automatisch ein allzu starkes Hinaufschnellen der Mietpreise
verhindern.«
Die Zuschrift erschien an auffallender Stelle in der »Weltpresse« mit
einem redaktionellen Zusatz, in dem sehr vorsichtig die Ansicht des
geehrten Einsenders gebilligt, ihr aber gleichzeitig auch sanft
widersprochen wurde. Denn man wollte weder die Hausbesitzer noch die
Mieter vor den Kopf stoßen.
Von da an begann ein lebhafter öffentlicher Gedankenaustausch, es
hagelte von Zuschriften und immer stürmischer wurde der Ruf der
Hausbesitzer nach Aufhebung des Mieterschutzgesetzes, Einräumung des
Kündigungsrechtes und der individuellen Mietsteigerung. Herr Windholz,
der Besitzer des Hauses in der Billrothstraße, war plötzlich eine
gewichtige Persönlichkeit geworden, der Verein der Hausbesitzer wählte
ihn zum Vorstand und täglich kam er zu seinem vornehmen französischen
Mieter, Herrn Dufresne, um sich bei ihm Rat zu holen. Herr Strakosch,
_alias_ Dufresne, aber hetzte munter weiter und sagte eines Tages mit
Emphase:
»Wenn sich die Hausbesitzer noch weiter diese Versklavung gefallen
lassen, so halte ich sie alle zusammen für alberne Waschlappen und ich
werde eine Stadt verlassen, in der solche Zustände möglich sind.«
»Ja, was sollen wir nur tun,« meinte Herr Windholz kleinmütig, »wenn die
Regierung absolut unseren Wünschen nicht entsprechen will?«
»Was Sie tun sollen? Ich werde es Ihnen sagen! Heute noch trommeln Sie
Ihren Verein zusammen und fassen den Beschluß, der Regierung ein
dreitägiges Ultimatum zu stellen. Stellt sie bis dahin die Freizügigkeit
im Wohnungsverkehr nicht wieder her, so wird von den Hausbesitzern
gestreikt! Sie führen keine Steuern ab, unterlassen die Hausbeleuchtung
und Reinigung, verweigern die Bezahlung der Hypothekarzinsen, kurzum,
Sie sabotieren den Staat!«
Herr Windholz war begeistert, umarmte den Franzosen und versicherte ihm,
daß er keinesfalls im Zinse gesteigert werden würde.
Es geschah ganz nach dem Programm des Herrn Dufresne. Der Verein der
Wiener Hausbesitzer beschloß einstimmig das Ultimatum und die Regierung
fiel um. Vergebens versicherte Doktor Schwertfeger, daß die Aufhebung
des Mieterschutzgesetzes die unheilvollsten Folgen haben werde, er wurde
von seinen Ministerkollegen überstimmt. Wie die »Arbeiter-Zeitung«
boshaft behauptete, in erster Linie deshalb, weil der Finanzminister,
der Unterrichtsminister und der Handelsminister mehrfache Hausbesitzer
waren.
Das Mieterschutzgesetz, das den Hausbesitzern sowohl die Kündigung der
Mieter als die willkürliche Erhöhung der Mietpreise untersagte, fiel
also, und vierundzwanzig Stunden später fand eine stürmische
Generalversammlung der Hausbesitzer statt, in der beschlossen wurde, die
derzeitigen Mietpreise der Teuerung halbwegs entsprechend auf das
Tausendfache zu erhöhen. Eine Art Rütlischwur verpflichtete zur
unbedingten Einhaltung dieses Beschlusses.
Die Bevölkerung, die ja nur zum geringsten Teile aus Hausbesitzern
besteht, geriet in Tobsucht. Arbeiterfamilien mußten nunmehr eine halbe
Million im Jahr für ihre Wohnung bezahlen, eine kleine Mittelstandswohnung
kostete nicht unter einer ganzen Million! Die Organisation
der Hausfrauen, die Gewerkschaften, der Verband der Festangestellten,
die Kriegsinvaliden und Kriegswitwen, der Bund der Gewerbetreibenden,
sie alle veranstalteten Massendemonstrationen, und durch
volle acht Tage wurde in Wien und den Provinzstädten überhaupt
nicht gearbeitet, sondern vom Morgen bis in die Nacht demonstriert. Die
Zahl der eingeschlagenen Fensterscheiben wuchs erschreckend, und zum
erstenmal seit einer geraumen Anzahl von Jahren hörte man auf der Straße
den Ruf:
»Nieder mit der Regierung!«
Die christlichen Blätter ebenso wie die deutschnationalen verloren
massenhaft Leser, während der Weizen der »Arbeiter-Zeitung« wieder zu
blühen begann.
* * * * *
Herr Zwickerl war schlechter Laune und stocherte wütend in seinem
Kirschenstrudel umher, der auf dem Teller vor ihm lag. Frau Zwickerl sah
Sturm kommen und beugte vor.
»Anton, was is dir denn wieder über die Leber gelaufen? Geht das
Geschäft nicht?«
Das war für Herrn Zwickerl zu viel. Er schob den Kirschenstrudel fort,
wurde röter im Gesicht als die Kirschen im Strudel und brüllte:
»Oh ja, das G'schäft geht! Zum Teufel nämlich geht es! Damit du nur
weißt, Konkurs muß ich ansagen!«
»Jessasmariandjosef!« kreischte Frau Zwickerl auf. »Wie ist denn das
möglich?! Es ist doch immer g'steckt voll im Laden und alle Leut'
glauben, daß du eine Goldgruben von dem Juden, dem Leßner, übernommen
hast!«
»Ja,« höhnte Zwickerl, »eine Goldgruben voll mit Dreck! Je mehr die
Leut' kaufen, desto mehr verlier' ich! Weißt was? Daran san die
verfluchten Valuten schuld! Kronen, schäbige Kronen krieg' ich herein
und Mark und tschechische Kronen und Franken fliegen hinaus. Zehntausend
Meter Batist kauf' ich in Reichenberg und nach acht Tagen kommt der
Verkäufer von der Abteilung und strahlt über das ganze blöde Gesicht und
sagt: »Herr Zwickerl, die Ware fliegt einem nur so aus der Hand! Morgen
haben wir nicht mehr einen Meter im Haus!«
»Schön, denk' ich mir und geh' in die Buchhaltung, und wie wir
nachrechnen, sehen wir, daß ich, weil die tschechische Krone wieder
gestiegen ist, bei jedem Meter tausend Kronen verloren hab'. Und das ist
nur ein Beispiel von hunderten. Ich schlag' eh' bei jeder War' schon
dreihundert Prozent auf und trotzdem, die Krone fällt rascher, als ich
aufschlagen kann, Verluste, nichts als Verluste, und die Länderbank, die
mir das Kapital zur Uebernahme gegeben hat, fordert Rückzahlung und ich
kann nicht zahlen, weil ich ein riesiges Defizit habe. Im Gegenteil, ich
brauche wieder hundert Millionen, weil ich sonst nicht einkaufen kann!«
Herr Zwickerl hatte sich Luft gemacht und war besänftigt. Er zog den
Kirschenstrudel an sich heran und machte ein pfiffiges Gesicht:
»Weißt, Alte, wir braucheten einfach ein paar jüdische Banken, das ist
alles! Früher, als ich noch mein kleines Geschäft in der Stumpergassen
gehabt habe, da bin ich alleweil, wenn ich im Ausland kaufen mußte, zum
krummen Kohn von der Hermesbank gegangen, wo mein Konto war, und der hat
gesagt: Herr Zwickerl, hat er gesagt, Sie müssen sich jetzt mit Mark
eindecken, weil die Mark steigen wird; oder: die Krone wird fester
kommen, hat er gesagt, kaufen Sie Kronen. Und immer ist es richtig so
gewesen und ich hab' nicht nur an der Ware, sondern auch noch an der
Valuta verdient! Aber jetzt -- die Affen, die jetzt in der Bank
beieinandersitzen, kennen sich selber net aus und i kenn' mi' auch net
aus und alles geht kaput, sag' ich dir!«
Herr Zwickerl gehörte zu den vielen kleinen Geschäftsleuten, die durch
das Antijudengesetz mächtig in die Höhe gekommen waren. Mit Hilfe der
urchristlich gewordenen Länderbank hatte er, der kleine Dutzendkaufmann,
das große Warenhaus in der Mariahilferstraße an sich bringen können, und
das erste Halbjahr war alles eitel Wonne gewesen. Wenn Herr Zwickerl auf
der Galerie des Kaufhauses stand und auf den Menschenschwarm hinabsah,
kam er sich wie ein kleiner König vor und er berauschte sich ordentlich
an dem Klingeln der Registrierkassen, dem Knistern der Seide und dem
Stimmengewirr. Und allabendlich leerte er beim Nachtessen sein Weinglas
auf das Wohl des Schwertfeger, und immer wieder sagte er zu seiner Frau,
die jetzt nur mehr in Glacéhandschuhen kochte:
»Alte, da sieht man es am besten, wie uns die Juden ausgesaugt haben!
Die Juden haben die großen Geschäfte gehabt und wir Christen konnten im
finsteren Laden schuften und darben. Gottlob, daß das aufgehört hat!«
Aber schon die erste Semestralbilanz brachte dem Herrn Zwickerl arge
Enttäuschung. Trotz der enormen Umsätze und des gefüllten Kaufhauses war
von einem Gewinn keine Rede, immer wieder hatte man sich beim Einkauf im
Ausland so oder so verspekuliert. Und mehr als einmal hatte Herr
Zwickerl in sich hineingeseufzt: An ordentlichen Juden, wenn ich hätt',
der was mich beraten tät'!
Herr Zwickerl mußte tatsächlich Konkurs anmelden, das Geschäft wurde
geschlossen und von einem Grundbesitzer aus der Gumpoldskirchner Gegend
übernommen, der aus dem großen Haus eine riesige Stehweinhalle machte.
In den Jahren, die dem Kriegsende und dem Umsturz gefolgt waren, hatte
sich Wien immer mehr zur Zentrale des mitteleuropäischen Luxus
entwickelt und das Leben gewisser Schichten eine Ueppigkeit angenommen,
die in der ganzen Welt als beispiellos besprochen wurde. Die breiten
Massen der Wiener Bevölkerung aber, nicht nur die Arbeiter, sondern auch
das mittlere Bürgertum, hatten zähneknirschend gesehen, wie sich die
fremden Elemente, vor allem die Juden aus Galizien, Rumänien und Ungarn,
als Herren Wiens aufspielten, mit dem für sie fast wertlosen
österreichischen Geld um sich warfen, Champagner tranken, wo der kleine
Mann kaum noch das Glas Bier zahlen konnte, ihre Weiber mit Perlen und
Pelzen behängten, während die wirklich gute Gesellschaft den alten
Familienschmuck stückweise verkaufen mußte, in prachtvollen
Luxusautomobilen durch die Straßen rasten, den bodenständigen Wienern
die Wohnungen wegnahmen und mit ihrem lärmenden protzigen Gehaben die
alte kultivierte Stadt erfüllten.
Als die Juden fortgetrieben waren, änderte sich das alles von Tag zu Tag
auf das gründlichste. Der sinnbetörende Luxus verschwand, der Wiener
Ausverkauf stockte, man mußte sich nicht mehr anstellen, um einen Platz
im Opernhaus zu ergattern, das Leben wurde stiller, solider, einfacher.
Bis es sich zeigte, daß eine Stadt wie Wien ohne Luxus nicht leben kann.
Zuerst hatten die christlichen Geschäftsleute, die die Kaufläden der
Juden übernahmen, sich auch deren Automobile bemächtigt, es schien der
Wohlstand derselbe geblieben zu sein und nur eine Umgruppierung erfahren
zu haben, und der Jubel, mit dem die Wiener es begrüßten, daß sie nicht
bei jedem Schritt auf jüdische Schieber stoßen mußten, war ebenso
ehrlich als begreiflich. Als dann aber bald die Krone wieder ins
Uferlose fiel und die Teuerung neue Wellen zog, als alles das, was eben
auf äußersten Luxus eingestellt war, wie die vornehmen Geschäfte, die
Kabaretts, die Theater, die fürstlichen Restaurants und Bars, einging,
als die Arbeitslosigkeit um sich griff und der Export nach dem Ausland
immer geringer wurde, da begann auch das äußere Leben flügellahm zu
werden. Die Zehntausende von Automobilen, die aus jüdischen Händen in
christliche übergegangen waren, wurden für eine Handvoll Lire oder
Franken ins Ausland verkauft, weil bei dem schlechten Geschäftsgang das
Benzin unerschwinglich wurde, die Kunsthändler klagten über völlige
Geschäftslosigkeit, das Defizit der Staatstheater wuchs riesenhaft,
christliche Künstler und Gelehrte von Ruf, vor allem aber die großen
Aerzte, zogen ins Ausland, weil das Inland ihnen nicht mehr die Honorare
bezahlen konnte und wollte, die sie von den jüdischen Zeiten her gewohnt
waren.
Und unaufhaltsam griffen Mißmut, Unzufriedenheit und die Erkenntnis, auf
einer abschüssigen Bahn zu gehen, um sich.
* * * * *
An einem herrlichen Junitag ging Leo Strakosch als Franzose Dufresne
nach dem Stadtpark, um wieder einmal Fühlung zum Wien von heute zu
bekommen. Sonst verließ er den neunzehnten Bezirk kaum, da er entweder
in seinem Atelier arbeitete oder aber mit Lotte ausgedehnte Spaziergänge
im Wienerwald unternahm. Als er heute nun zwischen den dichtbesetzten
Tischen um den Kursalon herum spazierte, war er so belustigt, daß er
laut auflachte.
»Um Himmels willen, was ist aus meinem schönen eleganten Wien geworden!«
Die Mode des Alpenkleides und Touristenanzuges schien allgemein geworden
zu sein; so weit das Auge reichte, sah er alte und junge Herren in
Loden, Kniehosen und mit dem grünen Steirerhütl auf dem Kopf. Und die
Damen! Die Mehrzahl trug Dirndlkostüme, die ja im freien Gelände sehr
nett und anmutend wirken, hier aber wie Karikaturen, wie schlechte Witze
erschienen. Man war eben sehr bescheiden geworden, und vor allem bildete
man ja eine einzige große Familie, war unter sich und hatte es nicht
notwendig, sich »herzurichten«.
Hie und da sah man auch noch elegant gekleidete Damen und Herren; sie
fielen aber auf, man konnte von den Aelpler-Tischen bissige Bemerkungen
über sie hören, und Strakosch wurde es fast unheimlich zumute, als er
sah, wie ihn dieses oder jenes »Dirndl« durch ein Lorgnon anstierte,
wahrscheinlich nur deshalb, weil sein dunkelblauer Anzug, die
Lackstiefel und die kostbare Seidenkrawatte auffielen.
Die elektrische Straßenbahn, städtische Musik und Dirndln, die ein
Lorgnon tragen -- Leo schüttelte sich. Er eilte aus dem Stadtpark fort
über die Ringstraße, fand auch das Bild, das die Kaffeehäuser boten,
trostlos, grinste, als er wahrnahm, daß die meisten Leute einander mit
»Heil« begrüßten und mußte lange suchen, bis er ein Autotaxi fand. Denn
auch diese Mietwagen waren ein Luxus geworden, der so wenig Benutzer
hatte, daß die meisten ihr Geschäft aufgaben.
Spät abends, als die Sonne schon langsam unterging, traf er Lotte
verabredetermaßen am Rande des Kobenzlwaldes. Sie ließen sich auf einer
Bank nieder, und nachdem sie sich sattgeküßt, erzählte Lotte, daß ihre
Eltern beschlossen hatten, schon in der nächsten Woche nach ihrer
kleinen Villa am Wolfgangsee zu übersiedeln.
»Was soll nur aus uns werden,« klagte Lotte, »wie soll ich es ertragen,
dich den ganzen Sommer nicht zu sehen?«
»Davon kann auch keine Rede sein, Lieb. Ich werde eben auch ausspannen,
und wenn du in St. Gilgen bist, werde ich in Wolfgang wohnen und jeden
Tag wirst du herüberkommen und wir werden wenigstens eine Stunde
beisammen sein.«
»Hm,« meinte Lotte vergnügt, »das läßt sich ja hören! Aber jetzt muß ich
dir auch sagen, daß ich gestern eine Auseinandersetzung mit Papa hatte.
Stelle dir nur vor, plötzlich sah mich Papa scharf an und sagte sehr
ernst: Lotte, wo treibst du dich eigentlich neuerdings immer stundenlang
allein herum? Du weißt, wir lassen dir alle mögliche Freiheit, aber was
zu viel ist, ist zu viel!
Also, ich fühlte, wie ich blutrot wurde und dachte, das beste ist, ich
beichte.«
»Was,« unterbrach sie Leo entsetzt, »du hast deinem Vater erzählt...?«
»Ausreden lassen, Aff'«, lachte Lotte und zwickte ihn in das Ohr. »Ich
beichtete also, aber natürlich nur das, was mir paßte. Ich sagte dem
Papa, daß ich bei der Erna einen sehr feinen jungen Mann kennen gelernt
habe, den ich ebenso gut leiden mag, wie er mich und daß ich ihn oft
treffe, um mit ihm spazieren zu gehen. Er sei ein Franzose, namens Henry
Dufresne, der hier große Geschäfte mache.
Der Papa war zuerst ganz sprachlos, dann fragte er mich, warum ich den
Franzosen nicht zu uns einlade. Darauf erwiderte ich, daß ich meiner
Gefühle noch nicht sicher sei und deshalb der Sache keinen offiziellen
Anstrich geben wolle. Und zum Schlusse meinte ich ganz empört:
Papa, du weißt doch, daß du dich auf mich verlassen kannst! Ich tue
sicher nichts Unrechtes, und wenn ich es für gut und notwendig halten
werde, so wird Henry schon zu euch kommen! Jetzt aber laßt mich meine
Wege allein gehen.
Papa war darauf sehr lieb und nett und Mama auch, und später hörte ich,
wie der Papa der Mama sagte: »Ich hätte nicht gedacht, daß Lotte den
armen Leo so rasch und gründlich vergessen würde. Aber ich bin sehr
glücklich darüber, daß sie eine neue Neigung gefaßt hat und wir wollen
ihr nichts in den Weg legen.«
Und Mama, die dich doch so gerne hat, meinte kopfschüttelnd: »Ich
versteh' das Mädel gar nicht! Sie hat wirklich schon wieder rote Wangen
bekommen und trällert den ganzen Tag umher, als wäre ihr nie ein
Herzleid widerfahren.«
Weißt du, Leo, es ist sicher nicht schön von uns, daß wir meine Eltern
so an der Nase herumführen, aber ich bin ja so glücklich, daß du hier in
Wien bist!«
Leo zog Lotte an sich, küßte sie gründlich ab und sagte dann mit
wichtiger Miene:
»Jetzt gehen wir aufs Land, und wenn ich dann wieder hier bin, dann
werde ich die ganze Stadt an der Nase herumzerren, aber tüchtig, sage
ich dir! Mehr kann ich dir heute noch nicht verraten, aber du wirst
deine Wunder erleben!«
Dieser Sommer tröstete die Wiener zum zweitenmal für das viele Ungemach
und die argen Enttäuschungen, die sie erleben mußten. Gerade die
schönsten Plätze und Orte in dem klein gewordenen Oesterreich waren in
den früheren Jahren zum Pachtgut der Juden geworden. Das ganze herrliche
Salzkammergut, das Semmeringgebiet, sogar Tirol, soweit es einigen
Komfort bot, waren von österreichischen, tschechoslowakischen und
ungarischen Juden überflutet gewesen; in Ischl, Gmunden, Wolfgang,
Gilgen, Strobl, am Attersee und in Aussee erregte es direkt Aufsehen,
wenn Leute auftauchten, die im Verdacht standen, Arier zu sein. Die
christliche Bevölkerung, zum Teil weniger im Ueberfluß schwelgend, zum
Teil auch großen Geldausgaben konservativer gegenüberstehend, fühlte
sich nicht ohne Unrecht verdrängt und mußte mit den billigeren, aber
auch weniger schönen Gegenden in Niederösterreich, Steiermark oder in
entlegenen Tiroler Dörfern vorlieb nehmen. Das war seit der
Judenvertreibung anders geworden. Es gab in den schönsten Sommerfrischen
keine Ueberfüllung, die Städter bekamen auf ihre Nachfragen höfliche und
eilige Antworten, und trotz der sonstigen Teuerung waren die Wohnungs-
und Zimmerpreise erheblich billiger als vor zwei Jahren. Und so
schwärmte denn alles, was Geld und Zeit hatte, in jene Gegenden, die dem
bodenständigen Wiener früher verleidet worden waren.
Die Besitzer der großen Etablissements, Kuranstalten und sogenannten
Sanatorien schnitten allerdings sauere Mienen. Sie hatten immer von dem
internationalen Judentum gelebt, ihr ganzer Betrieb war auf jene
Menschen eingestellt, die nicht rechnen, wenn es sich um ihre
Behaglichkeit handelt, und nun fanden sie, da sie auch bei gutem Willen
nicht billig sein konnten, nicht genügend Gäste. Die großen
Semmeringhotels eröffneten ihre Betriebe überhaupt nicht mehr und viele
Hotels im Salzkammergut und Tirol sahen sich mitten im Sommer genötigt,
zu sperren und ihr Personal zu entlassen. Das war ein Wermuttropfen im
Becher der Freude und machte böses Blut unter der Landbevölkerung, die
gewohnt war, ihre Produkte zu enormen Preisen den großen Hotels zu
verkaufen und ihre Töchter und Söhne im Sommer ein schweres Stück Geld
als Stubenmädchen und Hausdiener verdienen zu lassen.
Der Bürgermeister von Semmering hatte den Mut, es in einer
Gemeinderatssitzung offen herauszusagen:
»Mit den Juden hat man bei uns den Wohlstand vertrieben, ein paar Jahre
noch und wir werden zwar gute Christen, aber bettelarm sein!«
* * * * *
Als der Sommer vorüber war und der Herbst die Blätter färbte, begann in
fast schon gewohnter Weise die Krone neuerlich zu fallen und die
Teuerung anzusteigen. Die Preise wurden phantastisch, selbst reiche
Leute scheuten die Anschaffung eines neuen Kleidungsstückes, die
Arbeiter, die Angestellten, ja auch die Arbeitslosen stellten neue
Forderungen, eine Fahrt auf der Straßenbahn kostete schon tausend Kronen
und ein Kilogramm Butter fünfzigtausend.
Unter allgemeiner Verbitterung, Nervosität und Unruhe trat im Oktober
die Nationalversammlung zusammen, und das Gesicht des Kanzlers Doktor
Schwertfeger sah zerklüftet, durchfurcht, vergrämt aus. Als er sprach,
herrschte nicht jene weihevolle Ruhe wie früher, sondern es wurden Rufe,
Zwischenbemerkungen laut, sogar die Galerie machte sich durch Oho-Rufe
bemerkbar und die kleine Opposition der Sozialdemokraten ließ sich nicht
mehr einschüchtern, sondern griff immer wieder in die Debatte ein.
Schwertfeger gab einen Ueberblick über die trostlose finanzielle Lage
des Landes und fuhr dann fort:
»Ich muß es rund heraussagen: Große und schwere Opfer stehen der
christlichen Bevölkerung Oesterreichs bevor. (Zwischenruf von der
Galerie: Natürlich nur den Christen, da wir ja die Juden
hinausgeschmissen haben!) Opfer, die mit Mannesmut und Bürgertreue
geleistet werden müssen! Die Regierung braucht zur Fortführung der
Geschäfte Geld, und da wir vom Auslande keine weiteren Kredite bekommen
können, müssen wir die Unsummen, die die Verwaltung, die Verzinsung der
Schulden und die Unterstützung der Arbeitslosen verschlingt, durch neue
Steuern, direkte und indirekte, hereinbringen. (Große Unruhe im ganzen
Hause.)
Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht
ist und ich bin es mit ihr. Wir alle haben eben die Schwierigkeit der
Uebergangswirtschaft unterschätzt, wir alle dachten, daß die
christlichen Bürger sich besser auf die Beherrschung der Finanzen und
des Geschäftslebens einstellen würden, die ganz in Händen der Juden
waren. Aber was sind solche Enttäuschungen gegenüber dem ungeheuren
Ziel, das wir uns gesteckt haben, dem Ziel, Oesterreich seiner arischen
Bevölkerung wiederzugeben, ein Land aufzurichten, das frei von
Wuchergeist, frei von jüdischem Skeptizismus, frei von jenen
zersetzenden Eigenschaften und Elementen ist, die das Judentum
repräsentieren!«
Zum Schluß stellte der Kanzler mit erhobener Stimme die Vertrauensfrage.
Im Namen der kleinen sozialistischen Fraktion sprach Doktor Wolters
gegen die Kreditgewährung, gegen die Gutheißung der Regierungspläne,
gegen das Vertrauensvotum. In krassen Farben schilderte er die
zunehmende Verelendung, die Gefahr des unmittelbar bevorstehenden
Staatsbankerottes, die Verödung des wirtschaftlichen und geistigen
Lebens. Er sagte unter anderem:
»Der Herr Bundeskanzler hat vor mehr als zwei Jahren, als er sein
Antijudengesetz begründete, unsere Bevölkerung bieder, einfältig und
ehrlich genannt und behauptet, daß sie der Konkurrenz der überlegenen
Juden nicht gewachsen sei. Er hat nur eines übersehen: Daß wir biederen,
ehrlichen und einfachen Oesterreicher auch ohne Juden von Völkern
umgeben sein werden, die uns jetzt, wo wir die Juden nicht mehr haben,
erst recht überlegen sind. Wo ist der mitteleuropäische Handel
hingekommen, seitdem die Juden weg sind? Wir haben ihn verloren, denn
die Juden haben ihn nach Prag und Budapest mitgenommen. Was ist aus der
blühenden Konfektions-, Galanterie- und Mode-Industrie geworden? Sie ist
fast spurlos verschwunden, weil sie von der Biederkeit und Ehrlichkeit
allein nicht leben kann, sondern den jüdischen Konsumenten aus aller
Herren Länder braucht, der das leicht verdiente Geld auch leicht wieder
ausgibt. Heute zeigt es sich, daß wir der Juden nicht entraten
können -- --.«
Stürmische Rufe unterbrachen den sozialistischen Führer. Die
Christlichsozialen und Deutschnationalen tobten, schrien »Hinaus mit dem
gekauften Judenknecht« und der Tumult wurde so groß, daß der Präsident,
der Tiroler mit dem roten Bart, die Sitzung unterbrechen mußte. Als er
sie wieder eröffnete, erteilte er dem Doktor Wolters eine Rüge, weil er
durch seine Worte das christliche Gefühl der Abgeordneten schwer
verletzt und den Versuch gemacht habe, die Grundfesten des neuen Staates
zu erschüttern.
Schließlich wurden alle Regierungsanträge gegen die Stimmen der
Sozialisten angenommen. Aber viele Abgeordnete hatten sich vor der
Abstimmung entfernt und Schwertfeger sagte später seinem Präsidialisten
mit grimmigem Lächeln:
»Diesmal sind sie davongelaufen, das nächstemal werden sie gegen mich
stimmen, die Erfolghascher, Konjunkturisten, die gestern Hosianna
schrieen und morgen _crucifige_ rufen werden!«
* * * * *
Seltsame, mysteriöse Dinge ereigneten sich. Eines Morgens standen am
Schottentor vor einer Litfaßsäule, desgleichen vor der Oper, am
Stubenring und an anderen Plätzen Hunderte von Männern und Frauen vor
kleinen, mit einem Reisnagel befestigten Plakaten im Oktavformat, die
folgende Inschriften enthielten:
»Wiener, Oesterreicher! Rafft euch auf, bevor Ihr alle zugrunde gegangen
seid! Mit den Juden habt Ihr den Wohlstand, die Hoffnung, die
Zukunftsmöglichkeit ausgewiesen! Fluch den Volksverführern, die euch
irregeleitet haben!