»Jawohl, meine Herren, ich stimme mit Ihnen in den Ruf: »Hinaus mit den
Juden!« ein und werde mit freudigem Herzen dem Gesetz meine Stimme
geben. Wir Zionisten begrüßen dieses Gesetz, das ganz unseren Zielen und
Tendenzen entspricht. Von der halben Million Juden, die das Gesetz
trifft, wird sich wohl die Hälfte unter dem zionistischen Banner
vereinigen, die anderen werden, wie ich weiß, in Frankreich und England,
in Italien und Amerika, in Spanien und den Balkanländern willig Aufnahme
finden. Mir ist um das Schicksal meines Volkes nicht bange, zum Segen
wird das werden, was hier gehässige Bosheit und Dummheit als Fluch
gedacht hat.«
Der Tumult, der sich erhob, verschlang die weiteren Worte und
schließlich wurde auch der Zionist aus dem Saal gedrängt.
So ergab denn die Abstimmung, die namentlich erfolgte, die einstimmige
Annahme des Gesetzes, das noch am selben Tag durch den Ausschuß und die
zweite und dritte Lesung gepeitscht wurde.
Als die Abgeordneten spät abends endlich das Haus verlassen konnten,
sahen sie ein festlich beleuchtetes Wien. Von allen öffentlichen
Gebäuden wehten die weiß-roten Fahnen, Feuerwerke wurden abgebrannt, bis
lange nach Mitternacht dauerten die Umzüge der Menschenmassen, die immer
vor das Kanzlerpalais marschierten, um Doktor Schwertfeger hoch leben zu
lassen und als Befreier Oesterreichs zu preisen -- -- --
* * * * *
Als der Nationalrat, Gemeinderat, Armenrat und Gewerberat Antonius
Schneuzel am nächsten Vormittag -- es war ein Sonntag -- infolge der
endlosen Siegesfeier arg verkatert am häuslichen Frühstückstisch
erschien, fand er eine recht unbehagliche Stimmung vor. Seine Gattin
hatte eine nadelspitze Nase, was auf Sturm deutete, seine Tochter, Frau
Corroni, saß mit verquollenen Augen da, ihr Gatte, der Prokurist Alois
Corroni, lächelte den Schwiegervater impertinent und verächtlich an, und
die beiden Enkelkinder Lintschi und Hansl stießen ein furchtbares Geheul
aus, als Herr Schneuzel seine kleinen Aeuglein verwirrt und ängstlich um
den Tisch kreisen ließ.
»Ja, was is denn da los?«
Frau Schneuzel stemmte die Arme in die Seite.
»Was los is, du Fallot, du? Gar nichts is los, als daß du alter Tepp
geholfen hast, deine Tochter und die Enkelkinder aus dem Land zu
treiben!«
»Ja, wieso denn?« stammelte Herr Schneuzel, aber schon dämmerte ihm
grauenhafte Wahrheit. Richtig, er hatte im Laufe der Jahrzehnte total
vergessen, daß sein Schwiegersohn, Herr Alois Corroni, in frühester
Jugend Sami Cohn geheißen und erst stehend und aufrecht die Taufe
empfangen. Also mußte er ja hinaus und mit ihm die beiden Kinder, die
Judenstämmlinge waren!
»So eine Gemeinheit,« schluchzte Frau Corroni in ihr Taschentuch hinein,
»was soll ich jetzt mit den Kindern anfangen? Nach Zion auswandern
vielleicht, du Rabenvater, du?«
»Jawohl, es ist ein starkes Stückchen,« erklärte nun Herr Corroni mit
scharfer Betonung jedes Wortes, »einen Mann wie ich, der behaupten darf,
mindestens ein ebenso guter Christ zu sein als tausend andere, die den
ganzen Tag im Wirtshaus herumsitzen, einen Mann wie ich, dessen Kinder
im christlichen Glauben groß geworden sind, aus dem Lande zu jagen wie
einen tollen Hund!«
Herr Schneuzel wollte eine Erwiderung machen und murmelte etwas von
großer, heiliger Sache, Prinzipien, die auf Einzelfälle keine Rücksicht
nehmen können. Aber schon saß die Hand der Gattin in seinen spärlichen
Haaren und ließ nicht locker, bevor sie sich mit einem ganzen Büschel
des immer rarer werdenden Gewächses zurückziehen konnte.
»Viecher seids Ihr alle zusammen! Gestohlen könnts Ihr mir werden mit
eurem Christentum! Hat der Loisl unser Annerl nicht immer gut behandelt?
Hat sie nicht einen Bisampelz von ihm bekommen, läßt er die Kinder nicht
aufwachsen wie die Prinzen? Dem lieben Gott sollst du danken, daß sie
einen Juden bekommen hat und nicht einen Kerl, wie dich, einen
Saufbruder und Skandalmacher!«
»I geh' net nach Zion«, heulte Lintscherl, während Hans die Gelegenheit
benützte, von Großvaters Teller weg den Sonntagsgugelhupf zu grapsen.
Im Moment höchster Aufregung kam die Köchin Pepi herein, räumte resolut
den Tisch ab und erklärte seelenruhig:
»I geh'! I heirat' mein' Isidor, der was Kommis im Konsumverein is, und
wann er auswandern muß, wander' i mit ihm aus! Von mir aus können sich
die Herrn Nationenräte mitsamt dem Kränzler alle zusammen aufhängen.«
Nachdem sich die Aufregung gelegt, erörterte Herr Corroni sachlich die
Situation.
»Ich denke natürlich gar nicht daran, nach Palästina auszuwandern, schon
deshalb nicht, weil man mich als getauften Juden gar nicht hineinließe.
Nein, ich habe einen Bruder in Hamburg, den Onkel Eduard, wie Ihr wißt,
und wenn er auch eben meiner Taufe halber bös mit mir ist, so wird er
mich jetzt nicht im Stich lassen -- Juden haben ja, gottlob,
Familiensinn« -- diese Worte begleitete ein stechender Blick gegen
Schneuzel -- »und ich werde eben dort für mich und meine Familie eine
neue Zukunft aufbauen. Es sei denn, daß Annerl lieber bei euch bleiben
will«.
Worauf Frau Anna, müde und verblüht, wie man es nach fünfzehnjähriger
Ehe zu sein pflegt, rosige Wangen bekam, ihre Arme zärtlich um den Hals
des Alois Corroni, rekte Sami Cohn, schlang, ihn küßte wie eine Braut
ihren Bräutigam und wirklich wie ein junges Mädchen aussah. Und
schließlich mußte sich Herr Schneuzel völlig verstört und verzweifelt
verpflichten, dem Schwiegersohn so gewissermaßen als Fundament für die
neue Zukunft eine Million mit nach Hamburg zu geben.
Nachmittags ging der National-, Gemeinde- und Armenrat Schneuzel allein
zum Heurigen nach Sievering, fing dort mit einer Gesellschaft, die noch
immer »Hinaus mit den Juden!« schrie, Streit an, zerbrach seine Flasche
an dem Schädel des einen Schreiers und wurde furchtbar verprügelt.
* * * * *
Gespräch in einer Fensternische des Kaffee Wögerer, gegenüber der Börse,
zwischen Herrn Strauß, Inhaber eines Bankhauses, und seinem Neffen, dem
Mediziner Siegfried Steiner. Solche und ähnliche Gespräche fanden aber
an allen Tischen statt, es wurde an diesem Tage nicht lärmend, sondern
fast lautlos mit Zuhilfenahme der Hände geredet.
Der Neffe schüttelte dem Onkel die Hand.
»Lieber Onkel, ich danke dir dafür, daß du mich mit nach London nehmen
wirst. Das ist ein großer Trost für mich, denn unter uns gesagt -- Zion
-- ne, ist nichts für mich! Nur Juden, nicht auszudenken!«
Der Onkel lächelte behaglich. »Zion kann mir gestohlen werden. In London
werde ich mich mit meinem alten Freunde Moe Seegward, der dort eine
Wechselstube in bester Lage hat, associieren.«
Siegfried Steiner beugte sich vor und flüsterte:
»Aber sag' mir eines, Onkel, du hast doch sicher nicht der Steuerbehörde
dein wirkliches Vermögen und Einkommen angegeben. Wie wirst du nun dein
Geld herüberkriegen, da doch seit gestern Briefzensur eingeführt ist?«
Der Onkel ließ die Zigarrenasche auf seine Weste fallen.
»Chammer! Wozu hat man christliche Freunde? Ich war heute schon bei dem
Fabrikanten Schuster, habe ihm, unter uns gesagt, zwanzig Millionen in
Effekten und Bargeld gebracht und dafür von ihm eine Anweisung auf eine
Londoner Bank bekommen. Natürlich tut es der Ganef nicht umsonst,
sondern er verdient eine koschere Million dabei.«
Der Neffe nickt befriedigt und an dreißig anderen Tischen endigten
verschiedene Gespräche ebenfalls mit einem zufriedenen Nicken.
Ein alter Hebräer mit Kaftan und Lockerln kam herein und sagte von Tisch
zu Tisch sein Sprüchlein auf: »Ein Almosen für einen alten Juden, der
beim Pogrom in Lemberg um Hab und Gut gekommen ist.«
Von einem Tisch wurde er angerufen: »Na, Alter, wohin werden Sie
auswandern?«
Der Jude wackelte mit dem Kopf. »Herrleben, wenn ich aus dem brennenden
Ghetto von Lemberg nach Wien gekommen bin, wer' ich auch aus Wien wieder
irgendwohin kommen. Ob ich schnorr' in Wien oder in Berlin oder Paris,
ist gleichgültig. Nur wer' ich dann nichts erzählen mehr vom Pogrom,
sondern davon, daß man hat mich alten Juden ausgewiesen. Aber sagen Sie,
Herrleben, glauben Sie, man soll noch kaufen vor Torschluß Julisüd oder
is besser Siemens?«
* * * * *
In der Villa des Schriftstellers Herbert Villoner in Alt-Aussee war der
Freundeskreis versammelt. Literaten von bekanntem Namen, Maler,
Bildhauer, Musiker, Verleger. Sonst pflegten sie erst im Hochsommer die
Sommerfrische aufzusuchen, diesmal hatten sie schon im Juni die
Stadtflucht ergriffen, um von den politischen Schmutzwellen wenigstens
nicht unmittelbar bespritzt zu werden.
Es war nach dem Abendessen, man saß in Korbstühlen auf der Terrasse,
blickte auf den lieblichen See, in dem sich der Mond spiegelte, der
Rauch der Zigaretten kräuselte in der unbeweglichen Luft empor, jeder
war in seine Gedanken versunken. Villoner unterbrach das tiefe
Schweigen.
»So ist denn kein Zweifel mehr, daß die meisten von uns zum letztenmal
den Sommer in Aussee verbringen werden und daß wir wie vagabundierende
Strolche den Staub von unseren Stiefeln werden schütteln und in die
Fremde gehen müssen. Wie seltsam! Mein Vater, ein berühmter Kliniker,
der nicht wenig zum Ruhm der Wiener medizinischen Schule beitrug, mein
Großvater, schon ein erbangesessener Kaufmann vom Mariahilfer Grund und
ich selbst -- -- Nun, man behauptet, daß ich in meinen Dramen und
Romanen das Wiener Wesen tief erfaßt und wie kein anderer die Wiener
Jugend, das süße Mädel erkannt und geschildert habe. Und nun ist das
alles nichts gewesen, ich bin einfach ein fremder Jude, der hinaus muß
wie irgend ein galizischer Flüchtling, den eine Spekulationswelle nach
Wien verschlagen!«
»Immerhin,« sagte der junge Lyriker Max Seider leise mit zitternder
Stimme, »immerhin, Sie werden auch fern von der undankbaren Heimat sich
wohl fühlen können. Berlin wird Sie mit offenen Armen aufnehmen, schon
sind dort unter den Intellektuellen besondere Ehrungen für Sie geplant,
und Sie sind so reif und stark, daß Sie mächtige Zweige werden treiben
können, wo immer Sie sind. Aber was soll ich tun? Ich bin erst am
Anfang, und ich kann nur leben und arbeiten, wenn ich durch das grüne
Gelände des Wienerwaldes schlendere, wenn ich als Wegweiser die
zierliche Silhouette des Kahlenberges vor mir sehe. Aus Ihnen strömt des
Lebens Quelle in unerschöpflichem Maß, ich muß um jede Zeile, um jeden
Vers mit mir ringen und kämpfen und das kann ich nur in Wien.«
»Ach was,« schrie der Komponist Wallner ergrimmt, »der Teufel soll
dieses Wien mit seiner vertrottelten Bevölkerung holen! Ich geh' nach
Süddeutschland, miete mir ein Häuschen im Schwarzwald und werde dort mit
meiner Lene herrlich leben. Was, Schatz?«
Seine blonde junge Frau ließ es ruhig geschehen, daß der Gatte ihr
Madonnenköpfchen an seine Schulter zog, aber ein boshaftes Lächeln
huschte über den üppigen Mund und ihre Blicke kreuzten sich
verständnisvoll mit denen des Schriftstellers Walter Haberer. Diesem
schwellte Triumph die Brust. Er wußte, die Frau des Komponisten blieb
hier, niemand konnte sie zwingen, mit ihrem Gatten ins Exil zu gehen,
und verabredetermaßen würde sie endlich, wenn der Mann erst fort, sein
werden. Sein würde aber nicht nur sie werden, sondern ganz Wien, ganz
Oesterreich! Denn sie alle, hinter denen er zurückstehen mußte, sie
alle, deren Theaterstücke aufgeführt wurden, während die seinen
jahrelang in den Schubladen der Dramaturgen schliefen, sie alle, die
gestern noch die großen Modeschriftsteller gewesen waren, sie alle, der
Villoner und der Seider, der Hoff und der Thal, der Meier und der
Marich, sie alle mußten fort und er blieb allein als Herrscher im Reiche
der Musen!
Frau Lene nickte ihm lächelnd zu, während der Gatte ihr liebkosend die
Wangen streichelte.
Donnernd und polternd lachte der große Schauspieler Armin Horch auf.
»Meine Herrschaften, nun muß es heraus! Auch ich werde Oesterreich
verlassen müssen! Denn ich, den die »Wehr« und andere Zeitungen immer
als den Verkörperer des christlichen Schönheitsideals gepriesen haben,
ich bin ein ganz gewöhnlicher Judenstämmling! Mein Vater stammte aus
Brody und hieß nicht Horch, sondern Storch!«
Schallendes Gelächter ringsumher, Galgenhumor quoll auf, Scherze, die
zur Situation paßten, wurden erzählt.
»Na und Sie, Herr Pinkus, wohin werden Sie Ihren Buchverlag
transferieren?« fragte einer den dicken, kleinen Verleger mit den
krummen Beinen und dem prononciert jüdischen Gesicht.
»Ich? Ich bleibe! Ich bin doch Urchrist!«
Und als alles lachte, sagte er behaglich schmunzelnd:
»Spaß beiseite, ich bin ein waschechter Goi! Mein Großvater Amsel Pinkus
war ein Tuchhändler in Frankfurt am Main und ein braver, frommer Jude.
Als er sich aber in meine Großmutter, Christine Haberle, eine kleine
Sängerin aus Stuttgart, verliebte, ließ er sich, da sie anders nicht die
Seine werden wollte, taufen. Nun, mein Vater heiratete wieder eine
Christin und so bin ich Christ in dritter Generation, also werde ich
nicht ausgewiesen, obwohl ich in Art und Aeußerem ganz entschieden ein
Duplikat meines Großvaters bin.«
»Es lebe der Urchrist Pinkus,« rief der Hausherr belustigt und alle
hoben lachend die Gläser. Da klang vom See her ein Knall wie ein
Peitschenhieb. Und von seltsamer Ahnung ergriffen, rief Villoner: »Wo
ist Seider?«
Aber schon brachten Leute die Leiche des jungen Lyrikers. Er hatte sich
unten am See erschossen, um seine müde, empfindsame Seele nicht in der
Fremde frieren lassen zu müssen.
* * * * *
Bei der Lona in der Gumpendorferstraße herrschte geradezu Panikstimmung.
Acht junge Damen, eine schöner als die andere, waren schon versammelt
und immer wieder mußte die dicke Wirtschafterin, Frau Kathi
Schoberlechner, die Wohnungstür öffnen und ein Fräulein hereinlassen. Im
Salon roch es außerordentlich kräftig nach Houbigant, Ambre, Coty, Rouge
und Zigaretten, und es leuchtete und funkelte von hellblonden,
rotblonden, schwefelgelben und schwarzen Haaren, Diamanten und Perlen.
Alle waren in Spitzen und Seide gekleidet, nur die Lona trug einen
duftigen Schlafrock, der vorn offen war, so daß ihr der schneeweiße
Busen fast entquoll, und ihre nackten Füße steckten in roten
Pantöffelchen.
Die schwarze Yvonne weinte zum Herzzerbrechen, die rote Margit aber
schlug auf den Tisch und schrie erbost:
»Mir müssen demonschtrieren! Wann i' so an Nationalpülcher derwisch,
kratz' i eahm die scheangleten Augen aus!«
»A so a Gemeinheit! Was soll'n mir denn machen, wann s' die Juden
hinausschmeißen?«
Yvonne weinte noch heftiger. »Und grad jetzt, wo mir der Fredi Pollak a
neuches Automobil bestellt hat.«
»Mir gibt der Reizes, mit dem was ich seit zwei Wochen geh', fünfhundert
Fetzen im Monat! Möcht' wissen, ob die Herren Christen auch so splendid
sein wer'n?«
»Ihr wißt ja eh, ich hab' den Zwitterbauch aus Mährisch-Ostrau, der mich
ganz aushält und nur amal im Monat auf a Wochen nach Wien kummt!«
Eine üppige Juno mit gelben Haaren schlug die starken, aber schönen
Beine übereinander, daß man die blauseidenen Strumpfhalter sah, leerte
ein Gläschen Cointreau und sagte mit klingender Altstimme:
»Kinder, am meisten Erfahrung habe wohl ich im Leben! Und ich kann nur
sagen, wenn die Juden verschwunden sind, müssen wir alle verhungern oder
uns um Stellen als Klosettfrauen in Kaffeehäusern umsehen. Geld lassen
tun nur die Juden, die anderen wollen alle viel Liebe und wenig Spesen!
Zehn Jahre bin ich mit dem Baron Stummerl vom Auswärtigen Amt gegangen,
und in diesen zehn Jahren hat er mir ein goldenes Armband, einen
Pelzkragen und tausend Gulden geschenkt. Ein Glück, daß ich dabei noch
den Herschmann von der Anglobank gehabt habe, sonst hätte ich am Ende
noch arbeiten müssen. Seither flieg' ich nur auf die Israeliten!«
Claire spielte nervös mit dem goldenen, diamantbesetzten Kreuz, das sie
an einer Platinkette trug. »Was wohl der Karl sagen wird, wenn ich vom
Doktor Baruch nichts mehr bekomm'!«
Neue Klagen erhoben sich, Wehrufe wurden laut. Daran hatte man im Drange
der Geschehnisse noch gar nicht gedacht! Was sollte mit den Freunden
werden, die man liebte und aushielt, wenn die Freunde, die zahlten,
nicht mehr waren?
Da führte die Frau Kathi einen dieser Freunde herein. Pepi war das Ideal
eines feschen Kerls. Tiptop vom staubgrauen Samthut über die gestrickte
Krawatte hinweg bis zu den gelben Halbschuhen, über denen man sanft
getönte, blaue Seidenstrümpfe sah.
Schluchzend warf sich die reizende schwarze Yvonne in die Arme ihres
Herzensfreundes. Alle begrüßten ihn stürmisch, ein Hagel von Rufen und
Fragen ergoß sich über ihn. Pepi ließ sich ruhig in einen Fauteuil
fallen, zog Yvonne auf seine Knie, zwickte die neben ihm sitzende Lona
in die nackten Waden und sagte, nachdem er sich eine Zigarette hatte in
den Mund stecken lassen:
»Kinder, da kann man halt nichts machen, als auch auswandern!«
»Ja, woher wirst an' Auslandspaß kriegen und wer laßt dich denn
hinein?«, entgegnete die kluge goldblonde Carola.
»Sehr einfach«, lachte Pepi. »Morgen geh' ich aufs Rathaus, werde
konfessionslos, übermorgen geh' ich zur israelitischen Kultusgemeinde,
erkläre mich solidarisch mit dem mißhandelten Judentum und werde
Israelit. Hoffentlich ohne Operation. Dann heiraten wir, bekommen unser
Ablösegeld vom Staat und können nach den Bestimmungen des Völkerbundes
uns anderswo ansiedeln. Wir gehen nach Paris oder nach Brüssel oder
sonst wohin, wo was los ist.«
Yvonne lachte unter Tränen. »Geh', was soll ich denn in Paris als
verheiratete Frau machen?«
»Tschapperl! Braucht ja niemand zu erfahren, daß wir verheiratet sind!
Nimmst dir eine Wohnung, suchst einen Freund, der dich ordentlich
aushält und ich bin so wie jetzt fürs Herz da!«
In den nächsten Tagen wußten die liberalen Blätter zu berichten, daß
hunderte von wackeren christlichen Jünglingen, empört über das den Juden
angetane Unrecht, demonstrativ ihren Uebertritt zum Judentum beschlossen
hätten, um das Schicksal dieses schwer geprüften Volkes zu teilen.
* * * * *
Der Bundeskanzler, der auch Minister für auswärtige Angelegenheiten war
und seine Wohnung im Auswärtigen Amte hatte, stand an einem milden
Septembertag an der offenen Balkontüre und sah über die Straße hinweg
auf das Getriebe des Volksgartens. Aber dieses Treiben schien ihm
weniger lebhaft zu sein als in den vergangenen Jahren, die
weißlackierten Kinderwägelchen rollten nur vereinzelt durch die Alleen,
die Sesselreihen und Bänke waren trotz des warmen Wetters nur spärlich
besetzt.
Es klopfte, der Kanzler rief scharf: »Herein!« und stand nun seinem
Präsidialchef, dem Doktor Fronz, gegenüber.
Schwertfeger war Ende Juni, kurz nach der Annahme des Ausweisungsgesetzes,
nach Tirol gefahren, um seine unter der Last der Verantwortung
und Arbeit fast zusammengebrochenen Nerven zu erholen. In
einem Dorf am Arlberg blieb er mehr als zwei Monate inkognito, niemand
außer seinem Präsidialchef kannte seinen Aufenthalt, er ließ sich weder
Briefe noch Akten nachschicken, kümmerte sich nicht um die
Zeitereignisse, und nur von ganz eminent wichtigen Vorfällen durfte ihm
Fronz schriftlich Mitteilung machen. Tatsächlich war ja für alles
vorgesorgt, der Wiener Polizeipräsident wie die Bezirkshauptleute hatten
ihre genauen Instruktionen, das Parlament war bis zum Herbst vertagt,
also fühlte sich Doktor Schwertfeger entbehrlich, ja er hielt es für
seine Pflicht, neue Kräfte zu sammeln, um der kommenden Arbeit frisch
und stark gegenübertreten zu können. Heute vormittag war er nach Wien
zurückgekehrt und nun mußte ihm Fronz gründlich referieren. Nachdem
verschiedene Personalangelegenheiten erledigt waren, ließ sich
Schwertfeger schwer und wuchtig vor seinem Schreibtisch nieder, nahm
Papier und Feder, um sich stenographische Notizen zu machen und sagte
äußerlich ruhig und kalt, während vor Spannung jeder Nerv in ihm
vibrierte:
»Nun, lieber Freund, berichten Sie mir über den bisherigen Vollzug des
neuen Gesetzes und seine sichtbaren Folgen. Wie ist unsere Finanzlage?
Sie wissen, ich bin völlig unorientiert.«
Doktor Fronz räusperte sich und begann:
»Finanztechnisch verläuft nicht alles so glatt, wie wir hofften. Zuerst
stieg unsere Krone in Zürich sprunghaft bis auf ein Zwanzigstel Centime,
dann traten leise, wenn auch unbedeutende Schwankungen ein, seit Ende
Juli rührt sich trotz des starken Goldzustromes aus den Tresors der
großen christlichen Vereine und des Bankiers Huxtable unsere Krone
nicht, sie beharrt auf dem Kurs von 0.02. Merkwürdigerweise erfüllen
sich vorläufig unsere Hoffnungen auf enorme Geldabgaben seitens der
Ausgewiesenen nicht. Es fließen den Steuerämtern weder große Beträge in
Kronen noch in fremden Währungen zu. Es scheint, daß sich unter unseren
christlichen Mitbürgern tausende von Parasiten befinden, die in
gewissenloser Weise die überschüssigen, der Besteuerung hinterzogenen
Vermögen der Juden an sich nehmen und den Juden dafür Abstandsummen in
Gestalt von Anweisungen an ausländische Banken geben.«
»Das war nicht anders zu erwarten«, sagte der Kanzler, während ein
verächtliches Lächeln um seine zusammengekniffenen Lippen spielte. »Ob
Jud' oder Christ -- habgierig und selbstsüchtig sind sie alle!«
Das dürften die Judenblätter nicht erfahren, dachte Fronz und fuhr fort:
»Wie ich aus dem sehr pessimistischen Referat des Finanzministers
Professor Trumm folgern darf, wird uns die Ausweisung der Juden mit
ungeheuren Schulden, in Gold rückzahlbar, belasten, unseren
Banknotenumlauf aber in keiner nennenswerten Weise vermindern.«
»Geht die Liquidierung und Uebergabe der Finanzinstitute, Banken und
Aktiengesellschaften glatt vor sich?«
»In dieser Beziehung ist alles in vollem Gange, aber leider zeigt es
sich, daß unsere einheimischen Kapitalisten entweder nicht willens oder
nicht in der Lage sind, die großen Unternehmungen an sich zu reißen, so
daß überwiegend Ausländer als Uebernehmer in Betracht kommen. Die
Länderbank, die Kreditanstalt, die Anglobank, die Escompte-Gesellschaft
und andere Großbanken gehören bereits Italienern, Engländern, Franzosen,
Tschechoslowaken und so weiter, desgleichen unsere großen
Industrieunternehmungen. Eben hat ein holländisches Konsortium die
Simmeringer Lokomotivfabrik übernommen. Wir passen natürlich höllisch
auf, daß sich auf solchem Umweg nicht ausländische Juden hier einnisten,
und jeder Kaufvertrag weist nachdrücklich auf die Klausel hin, wonach
auch ausländische Juden keinerlei Aufenthaltsrecht in Oesterreich
genießen, weder dauerndes noch vorübergehendes. Daß die Aktionäre und
Direktoren der fremden Gesellschaften, die hier aufkaufen, zum Teile
Juden sind, läßt sich aber nicht vermeiden.«
Der Kanzler stützte die mächtige, gewölbte Stirne in die knochige Hand,
wischte dann peinliche Gedanken mit einer Handbewegung fort und sagte
gleichmütig:
»Uebergangserscheinungen, denen späterhin abzuhelfen sein wird! Wie
vollzieht sich die Ausweisung?«
»Genau nach den Durchführungsbestimmungen des Gesetzes! Sowohl die
Polizei als auch das Verkehrsamt arbeiten vortrefflich, täglich
verlassen ungefähr zehn Züge mit Ausgewiesenen Oesterreich nach allen
Richtungen und bis heute haben etwa vierhunderttausend Juden das Land
verlassen.«
Schwertfeger blickte überrascht auf. »Wie ist das möglich? Wir haben an
ungefähr eine halbe Million Auszuweisender gedacht! Also waren jetzt,
nach einem Drittel der präliminierten Zeit, vier Fünftel erledigt?«
Doktor Fronz lächelte dünn. »Wir haben eben die große Zahl der
Konvertiten und Judenstämmlinge unterschätzt! Heute hat die
Staatspolizei mehr Ueberblick und sie rechnet nun nicht mehr mit einer
halben Million, sondern mit achthunderttausend, vielleicht sogar mit
einer Million Menschen, die unter das Gesetz fallen! Bei dieser
Gelegenheit möchte ich bemerken, daß sich gewisse devastierende, oft
sehr peinliche oder auch nur groteske Folgen der Ausweisung zeigen. Zehn
christlichsoziale Nationalräte müssen als Judenstämmlinge
landesverwiesen werden, beinahe ein Drittel der christlichen
Journalisten wird entweder direkt oder in seinen Familienmitgliedern
betroffen, es stellt sich heraus, daß unsere besten christlichen Bürger
vom Judentum durchtränkt sind, uralte Familien werden auseinandergerissen,
ja es hat sich etwas ereignet, was schallendes Gelächter
nicht nur in den Judenblättern, die ja noch bis zum letzten
Augenblick hetzen werden, erregt, sondern auch in der Presse des
Auslandes. Eine Schwester des Fürsterzbischofs von Oesterreich, Kardinal
Rößl, ist mit einem Juden verheiratet, sein Bruder aber mit einer Jüdin,
so daß seine Eminenz durch das Gesetz sämtlicher Neffen, Nichten und
Geschwister beraubt wird. Vielleicht wird es sich doch empfehlen, unter
solchen Umständen der Nationalversammlung ein Amendement zu dem Gesetz
zu unterbreiten, durch das die Ausweisung von Judenstämmlingen unter
gewissen Umständen unterbleiben darf -- --.«
Der Bundeskanzler sprang in die Höhe und schlug mit der geballten Faust
auf den Schreibtisch, daß die Tinte hochspritzte.
»Nie und nimmer, wenigstens nicht, solang ich im Amte bin! Eine solche
Ausnahmebestimmung würde das ganze Gesetz zum Weltwitz machen, wir wären
bis auf die Knochen blamiert, das internationale Judentum würde
triumphieren wie noch nie in seiner Geschichte, der Korruption, der
Bestechlichkeit wäre Tür und Tor geöffnet! Sie kennen ja die gewissen
Herren Hof- und Sektions- und Regierungsräte mit den offenen Händen und
leeren Taschen! Nein, es darf keine Ausnahmen geben, das Leid und der
Kummer einzelner Familien darf an den Grundmauern des Gesetzes nicht
rütteln! Im Namen der Habsburger wurde ein Krieg geführt, der einer
Million Männer das Leben gekostet hat und man hat nicht zu mucksen
gewagt! Was ist im Vergleich dazu die Tatsache, daß ein paar tausend
oder vielleicht hunderttausend Menschen Unbequemlichkeit und Aerger
verursacht wird? Ich bitte Sie, in diesem Sinne die christlichen Blätter
zu instruieren. Besser noch, wenn die politische Korrespondenz sofort
eine diesbezügliche Enunziation der Regierung den Blättern zugehen läßt.
Und Sie bitte ich dringend, sich nicht mehr zum Sprachrohr solcher
Einflüsterungen machen zu lassen!«
Doktor Fronz verbeugte sich erblassend.
»Dann ist es ja auch überflüssig, wenn ich Eurer Exzellenz von
furchtbaren Jammerszenen berichte, die sich täglich bei der Abfahrt der
Evakuierungszüge beobachten lassen und die oft solche Dimensionen
annehmen, daß selbst der Straßenpöbel, der sich zur Abfahrt der Züge mit
der Absicht einzufinden pflegt, die Ausgewiesenen zu beschimpfen,
ergriffen schweigt und Tränen vergießt -- --.«
»Solche Szenen waren vorhergesehen und sind unvermeidlich! Instruieren
Sie sofort die Polizei dahin, daß die Bahnhöfe abgesperrt werden, die
Abfahrt der Züge tunlichst nur zur Nachtzeit erfolgt und nicht von den
Hauptbahnhöfen, sondern von den außerhalb der Stadt gelegenen
Rangierbahnhöfen. Und nun nur noch eine Frage: Wie nimmt die Bevölkerung
im allgemeinen die Durchführung des Gesetzes auf?«
»Mit größter Begeisterung natürlich! Die Polizei läßt hundert geschickte
Agenten sich anonym in die Volksmengen mischen und Beobachtungen
sammeln. Nun, die Berichte gehen übereinstimmend dahin, daß die
christliche Bevölkerung sich geradezu in einem Freudentaumel befindet,
eine baldige Sanierung der Verhältnisse, Verbilligung der Lebensmittel
und gleichmäßigere Verbreitung des Wohlstandes erwartet. Auch innerhalb
der noch sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft ist die
Befriedigung über den Fortzug der Juden groß. Aber anderseits läßt sich
nicht verhehlen, daß die Bevölkerung erregt und unsicher ist. Niemand
weiß, was die Zukunft bringen wird, die Massen leben in den Tag hinein,
eine ganz staunenswerte Verschwendungssucht in den unteren Klassen macht
sich bemerkbar und die Zahl der Trunkenheitsexzesse mehrt sich von Tag
zu Tag.
Zur Gehobenheit der Stimmung trägt aber sehr wesentlich der Umstand bei,
daß die Wohnungsnot mit einem Schlage aufgehört hat. Allein in Wien sind
seit Beginn des Monates Juli vierzigtausend Wohnungen, die bisher Juden
inne hatten, frei geworden. Eine direkte Folge davon ist, daß eine wahre
Hochflut von Trauungen eingesetzt hat und die Priester zehn und zwanzig
Paare gleichzeitig einsegnen müssen.«
Schwertfeger, der Junggeselle geblieben war, nickte befriedigt lächelnd.
»Damit wären wir also für heute fertig. Ich bin nun halbwegs im Bilde
und werde jetzt die Referate der einzelnen Bundesministerien
durchstudieren.«
Ein Kopfnicken und der Präsidialchef war entlassen. Fronz blieb aber
noch stehen und lenkte die Aufmerksamkeit des Kanzlers, der schon ein
Aktenfaszikel aufgeschlagen hatte, durch diskretes Räuspern auf sich.
»Ich möchte Exzellenz noch darauf aufmerksam machen, daß der Wiener
Gemeinderat mit großer Stimmenmehrheit beschlossen hat, den Schottenring
in Dr. Karl Schwertfeger-Ring umzutaufen und daß seitens dreihundert
österreichischer Gemeinden ähnliche Umtaufungen von Plätzen und Straßen
beschlossen wurden. In Innsbruck hat sich sogar ein Denkmalkomitee
gebildet, das Eurer Exzellenz im nächsten Jahr schon ein Denkmal aus
Laaser Marmor errichten will.«
Der Kanzler stand auf, ging zum Balkon, sah wieder auf den Volksgarten
hinab, schritt mit wuchtigen Tritten schwer und plump zweimal durch den
großen Raum und sagte dann:
»Inhibieren Sie alle solchen Ehrungen! Sie sollen verschoben werden bis
zum zehnjährigen Jubiläum der Befreiung Wiens von den Juden!«
* * * * *
Weihnachtsabend im Hause des Hofrates Franz Spineder. Weit draußen in
Grinzing, außerhalb der Endstation der Straßenbahn, lag das kleine,
gelbe Backsteinhäuschen, das der Hofrat noch von seinem Großvater ererbt
hatte. Von außen sah das einstöckige Haus mit dem großen grün
gestrichenen Holztor und den grünen Jalousien fast primitiv aus, aber
wenn man das Tor öffnete und in den Hof mit dem altertümlichen
Ziehbrunnen trat, blieb man überrascht und entzückt stehen. Der Hof ging
in einen sanft ansteigenden Garten über, der schier endlos war. Im
Sommer leuchteten die Levkojen, Tulpen, Rosen und Nelken in südlicher
Pracht, hinter dem Ziergarten kamen Hunderte von Bäumen, die unter der
Last der Aepfel, Birnen, Aprikosen, Pflaumen und Kirschen sich tief zur
Erde beugten, und wenn man auch die Obstbäume hinter sich hatte, so war
man noch immer nicht am Ende des Gartens, sondern ging steil durch einen
Weinberg, um endlich ganz oben auf ein altwienerisches Lusthäuschen mit
bunten Scheiben zu stoßen.
Köstlich wie der unvermutete Garten war auch die Einrichtung der
Wohnzimmer. Uralte, behagliche, steife und graziöse Möbel aus der
Barock-, Kongreß- und Biedermeierzeit, kostbare Stiche und Bilder an den
Wänden, zwei echte Waldmüller, ein Schwind im Salon, bunte, schöne
Gläser, Altwiener Porzellan, funkelndes Silbergerät in den Vitrinen und
Kredenzen, und man brauchte nur die Augen zu schließen, um die Männer
und Frauen im Kostüm der Maria Theresianischen Zeit und Biedermeierrock
vor sich zu sehen.
Franz Spineder war Beamter, wie es sein Vater und sein Großvater gewesen,
aber er war auf den Gehalt eines Hofrates im Unterrichtsministerium
nicht angewiesen, sondern recht vermögend, und schon das
Haus mit dem riesigen Garten und der kostbaren Einrichtung
repräsentierte heute einen nach vielen Millionen zählenden Wert.
Außerdem aber war seine Frau eine geborene Halbhuber, deren Urgroßväter
schon als Gerber und Lederfabrikanten soliden Reichtum erworben hatten.
Und da das Ehepaar Spineder nur mehr ein Kind, die jetzt knapp
achtzehnjährige Lotte, besaß, so konnte es inmitten der Wirrnisse einer
zerrissenen Zeit und aller Teuerung zum Trotz sein behagliches Leben
führen.
Schweigend schmückten Lotte und Frau Spineder den Weihnachtsbaum,
befestigten an den duftenden Zweigen die Schokoladekringel, Bonbons,
Glaskugeln und Kerzen. Frau Spineder, noch immer eine hübsche, runde
Frau, sah die blonde, schlanke, auffallend schöne und liebreizende
Tochter von der Seite an.
»Lotte, nun hast du schon wieder Tränen in den Augen! Bedenk' doch, daß
Papa heute wenigstens fröhliche Gesichter sehen will und mach' dem armen
Leo das Herz nicht noch schwerer.«
Lotte ließ einen kleinen Rauchfangkehrer aus Schokolade fallen, daß sein
Kopf fortrollte, schlug die Hände vor das Gesicht, lehnte sich an die
Schulter der Mutter und begann bitterlich zu schluchzen.
»Mutter, mir bricht das Herz! Du wirst sehen, ich werde es nicht
überleben, daß Leo in die Fremde fort muß! Mutter, laßt mich doch mit
ihm ziehen!«
Frau Spineder, der selbst das Wasser in den Augen stand, streichelte
zärtlich das weiche, wie Gold leuchtende Haar der Tochter.
»Lotte, es geht nicht! Bedenk' doch, Papa ist sechzig und er hat, seit
uns der unselige Krieg den Sohn genommen, niemanden als dich. Du kannst
es ihm nicht zumuten, daß er dich in die ungewisse Zukunft ziehen läßt,
so gern er ja auch den Leo hat. Schau nur, Leo wird nach Paris ziehen;
bei der Entwertung der Krone könnten wir euch unmöglich mit Francs
unterstützen und ihr würdet vielleicht ins Elend kommen, ohne daß Papa
helfen kann. Leo wird sich allein schon durchschlagen und ihr seid ja
noch beide so jung, daß ihr auf andere, bessere Zeiten warten könnt'.
Still jetzt, der Vater kommt! Und es klingelt, der Leo wird auch schon
da sein.«
Herr Spineder, der jetzt eintrat, um die Kerzen anzuzünden, war der
Typus des alten österreichischen Hofrates in seiner besten Art. Musik
liebend und ausübend, voll innerlicher Kultur, gepflegt von außen und
innen, ein Schönheitssucher, Lebensfreund und Lebensbejaher, rechtlich,
gewissenhaft, tolerant und dabei doch ein wenig beschränkt, bedächtig
und zögernd. Er trug auch jetzt noch den veralteten Kaiserbart, weil er
es unter seiner Würde hielt, dem Umschwung der Verhältnisse an seiner
Person Konzessionen zu machen, er war Demokrat durch und durch, ein
treuer Diener der Republik, aber das schöne Kaiserbild von Angeli hing
noch immer über seinem Schreibtisch. Wie er jetzt eintrat, war der alte
Herr mit den schlohweißen Haaren und den milden, graublauen Augen der
echte Altösterreicher, den man bald nur mehr aus Büchern kennen wird.
»Leo ist draußen und kratzt sich den Schnee von den Sohlen ab«, sagte
Hofrat Spineder, während er die Kerzen bedächtig anzündete. »Geht hinauf
zu ihm, ich werde die Bescherung machen und klingeln, wenn es so weit
ist.«
Frau Spineder sah noch rasch in die Küche nach dem Karpfen, der
Sachertorte und den Krapfen; Lotte hing aber schon am Halse Leos und
schluchzte wortlos an seiner Brust.
Leo Strakosch, schlank, dunkelhaarig, glattrasiert, mit lebhaften
braunen Augen, aus denen Klugheit und Humor blitzten, war um zehn Jahre
älter als Lotte. Im letzten Kriegsjahre war er als Einjähriger
eingerückt und im Felde hatte er den gleichaltrigen Rudolf Spineder, den
Sohn des Hofrates, kennen und als Freund lieben und schätzen gelernt. In
der letzten Piaveschlacht hatte Rudolf einen Kopfschuß bekommen und in
den Armen des Freundes seine junge Seele ausgehaucht, nachdem er ihn
gebeten, die Eltern und das Schwesterchen zu grüßen. So war Leo in das
Haus des Hofrates gekommen, der arme Sohn eines kleinen Agenten, fühlte
sich in dem vornehm-bürgerlichen Milieu unendlich wohl, und als Lotte
aus einem Kinde ein blühendes, schönes Mädchen wurde, stand es in ihm
fest: Diese oder keine! Lotte erwiderte die Liebe des lebhaften,
geistvollen, begabten jungen Mannes von ganzem Herzen.
Hofrat Spineder sah die Entwicklung dieser Liebe und hatte nichts
einzuwenden. Leo Strakosch war Radierer, in jungen Jahren schon ganz
außerordentlich erfolgreich, man begann sich um seine Zeichnungen zu
reißen, eine vor einem Jahr erschienene Leo Strakosch-Mappe erregte
Aufsehen auch im Ausland, und der Hofrat wie seine Frau sagten sich mit
Recht, daß sie ihr Kind in keine besseren Hände würden geben können, als
in die Leos, den sie nach und nach liebten wie ihren eigenen Sohn. Daß
Leo Jude war, focht den Hofrat nicht im mindesten an. In seinem Hause
verkehrten viele Musiker, Literaten, Maler, die Mehrzahl von ihnen waren
Juden, und der verstorbene Rechtsanwalt Viktor Rosen war sogar der
intimste Freund Spineders gewesen.
Als vor Jahresfrist zuerst in politischen Kreisen von dem Plan des
Führers der Christlichsozialen, ein Antijudengesetz durchzubringen,
geraunt wurde, hatte Hofrat Spineder daran nicht glauben wollen und
können. Und als er daran glauben mußte, war seine Empörung maßlos
gewesen. Und noch größer sein Schmerz über den Schicksalsschlag, den die
bevorstehende Ausweisung Leos für seine Tochter bedeutete. Den Gedanken
aber, seine Lotte mit Leo ins Exil ziehen zu lassen, wies er weit von
sich, die Liebe zu seinem einzigen Kind und der Egoismus des Alternden
vereinigten sich hier und machten ihn absolut unerbittlich.
* * * * *
Die Bescherung war sehr reichlich ausgefallen, Lotte von den Eltern
freigebig bedacht worden, aber sie schenkte dem Pelzkragen, den
Seidenstrümpfen, den Büchern und Noten kaum einen Blick, sondern preßte
immer wieder das kleine Bild Leos, das er ihr in einem goldenen
Medaillon geschenkt, an die zuckenden Lippen. Man saß nun beim festlich
geschmückten Tisch, aber es herrschte eher Trauer als Feststimmung und
vergeblich versuchte der Hofrat ein leichtes Gespräch zu entwickeln. Als
dann der selbstgekelterte goldgelbe Wein kredenzt wurde, erhob Hofrat
Spineder sein Glas und sagte mit bewegter Stimme:
»Dein Wohl, Leo! Möge das Glück dich auch in der Fremde begleiten, möge
das Schicksal in absehbarer Zeit uns alle wieder vereinigen! Kinder, ich
weiß, daß ihr mir grollt und ich kann doch nichts tun, als mit euch
leiden. Seht, Mutter und ich haben den besten Teil des Lebens hinter
uns, ich stehe an der Schwelle des Greisenalters, und so ist es doch nur
natürlich, wenn wir uns mit allen Fasern dagegen sträuben, den letzten
Sonnenstrahl, der uns noch leuchtet, fortziehen zu lassen. Aber selbst
wenn wir solcher schier übermenschlicher Selbstlosigkeit fähig wären,
würde mich das Pflichtgefühl davon abhalten. Lebten wir in normalen
Zeiten, so ließ ich euch ziehen und würde sagen, daß wir ja schließlich
alljährlich ein paar Monate bei euch in Paris zubringen können. Aber das
ist heute unmöglich, da die Krone fast wertlos ist. Nur Spekulanten
können sich noch solchen Luxus leisten, und ihr wißt, daß wir in guten,
geordneten Verhältnissen leben, aber doch mit jedem Tausendkronenschein
rechnen müssen. Würde Lotte jetzt mit dir in die Fremde gehen, so müßte
sie das Elternhaus für immer verlieren. Und nicht nur sie, sondern auch
euere Kinder wären entwurzelt, vaterlandslos, würden nicht wissen, wo
ihre Großeltern in der Erde ruhen. Und wer weiß, es würde der Tag
vielleicht kommen, wo du, Lotte, von solcher Heimatssehnsucht erfüllt
wärest, daß sie deine Liebe zum Gatten verdrängen und dein ganzes Wesen
sich in einen bitteren Vorwurf gegen den, dem du in die Verbannung
gefolgt, wandeln würde. Ihr seid beide jung, du, Lotte, bist fast noch
ein Kind, du Leo, ein Jüngling und das ganze Leben liegt vor euch.
Lasset ein paar Jahre vergehen, vielleicht seid ihr dann voneinander
losgekommen oder aber es traten Entwicklungen ein, die euch doch noch
vereinigen.«
Während Lotte fassungslos weinte und mit ihr ihre Mutter, hob nun auch
Leo sein Glas.
»Vater, so darf ich dich ja doch wohl noch nennen, ich muß die Gründe
deiner Weigerung, Lotte mit mir ziehen zu lassen, würdigen,
wahrscheinlich würde ich an deiner Stelle nicht anders handeln. Aber
eines sage ich dir, sage ich Lotte, die ich nie aufhören werde zu
lieben: Mein Leben wird von nun an ein einziger Kampf werden! Man sagt
meinem Volke Zähigkeit nach -- nun so will ich die ganze Fähigkeit
meines Volkes in mir vereinigen. Mit Kopf und Herz, mit meinem ganzen
Können und Wollen werde ich darauf hinarbeiten, Lotte zu gewinnen, so
oder so! Man kann mich vertreiben wie einen räudigen Hund, man kann aber
den Willen in mir nicht töten! Und ich leere mein Glas auf euer Wohl und
auf unsere Vereinigung, die früher kommen wird als wir alle heute zu
hoffen wagen!«
Am nächsten Tage fuhr Leo Strakosch mit einem Zuge fort, der sich zum
großen Teil aus geistigen Arbeitern und Künstlern zusammensetzte. Hofrat
Spineder, Frau Spineder und Lotte gaben ihm das Geleite. Außer ihnen
ließ Leo nichts zurück, was ihm wert war, da seine Eltern längst nicht
mehr lebten.
* * * * *
Der letzte Jahrestag wurde für Wien zu einem Festtag, wie ihn die
lustige und leichtsinnige Stadt noch nie erlebt hatte. Unter Aufbietung
aller Verkehrsmittel, mit Hilfe von Lokomotiven, die aus den
Nachbarstaaten entliehen waren, bei Einstellung jedes sonstigen
Personen- und Güterverkehrs war es gelungen, an diesem Tag in dreißig
riesigen Trains die letzten Juden fortzubringen. Vormittags fuhren die
Direktoren und leitenden Funktionäre der Großbanken, mittags die
jüdischen Journalisten mit ihren Familien. Sie hatten bis zum letzten
Augenblicke ausgeharrt, noch die Abendblätter waren von ihnen
geschrieben und redigiert worden, und erst als die feuchten Blätter aus
den Rotationsmaschinen flogen, rückten die neuen Herren in die
Redaktionsstuben ein. Die Mehrzahl der Wiener Journalisten hatte
Engagements bei reichsdeutschen und deutschböhmischen Blättern gefunden,
viele wanderten nach Amerika aus, einige wenige beschlossen, sich
anderen Berufen zuzuwenden. Der Herausgeber der großen »Weltpresse« aber
übersiedelte mit einem kleinen Stabe von Mitarbeitern nach London, um
dort unter dem Titel »Im Exil« eine deutsche Wochenschrift, die sich in
erster Linie mit Oesterreich befassen sollte, erscheinen zu lassen.
Um ein Uhr mittags verkündeten Sirenentöne, daß der letzte Zug mit Juden
Wien verlassen, um sechs Uhr abends läuteten sämtliche Kirchenglocken
zum Zeichen, daß in ganz Oesterreich kein Jude mehr weilte.
In diesem Augenblicke begann Wien sein großes Befreiungsfest zu feiern.
Von hunderttausend Häusergiebeln wurden die rot-weiß-roten Fahnen
gehißt, Tücher in diesen Farben schmückten alle Geschäfte, Lampions vor
allen Fenstern wurden entzündet, und bei sternenheller Frostnacht zog
eine Million Menschen über den knisternden Schnee, um sich zu Zügen zu
vereinigen. Männer, Frauen und Kinder trugen Lampions, Musikkapellen
marschierten den einzelnen Bezirksgruppen voran, ein Jauchzen und Jubeln
ertönte, und immer wieder zerriß der Ruf: »Es lebe das christliche
Wien«, die Luft!
Treffpunkt aller Züge war das Rathaus. In feenhafter Pracht lag der
schöne, gotische Bau Meister Schmidts da. Millionen elektrischer Lichter
ließen ihn wie eine einzige Flamme leuchten. Auf einer Tribüne spielten
die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker, von Juden gesäubert und
daher ein wenig reduziert, volkstümliche Weisen, und der Wiener
Männergesangverein bot seine besten Lieder dar. Die Volkshalle, der
große Platz vor dem Rathaus, der Ring vom Schottentor bis zur Bellaria
bildeten eine einzige Menschenmauer, und um acht Uhr war es kein Rufen
mehr, sondern ein Heulen aus einer Million Kehlen, das immer wieder
erdröhnte.
Endlich kam der große Moment. Bürgermeister Karl Maria Laberl erschien
mit dem Bundeskanzler Doktor Schwertfeger auf dem Balkon. Der
Bundeskanzler ergriff zuerst mit machtvoller Stimme, die sich bis
jenseits des Ringes Gehör verschaffte, das Wort. Er sprach kurz,
trocken, aber um so wirkungsvoller:
»Mitbürger, ein ungeheures Werk ist vollendet! Alles das, was in seinem
innersten Wesen nicht österreichisch ist, hat die Grenzen unseres
kleinen, aber schönen Vaterlandes verlassen! Wir sind nun allein unter
uns, eine einzige Familie, wir sind fürderhin auf uns und unsere
Eigenart gestellt, mit eigener Kraft werden wir unser gesäubertes Haus
frisch bestellen, morsche Mauern stützen, geborstene Pfeiler aufbauen.
Wiener und Brüder aus dem ganzen Bundesstaat! Wir feiern heute ein Fest,
wie es noch nie gefeiert wurde. Morgen beginnt ein neues Jahr und für
uns alle ein neues Leben. Morgen dürfen wir noch ruhen und uns
beschaulich besinnen. Dann aber müssen wir arbeiten, wie wir noch nie
gearbeitet haben. Unser ganzes Können müssen wir unserem Vaterlande
widmen, jede Stunde muß genützt werden. Wir werden der ganzen Welt
zeigen müssen, daß Oesterreich auch ohne Juden leben kann, ja daß wir
eben deshalb gesunden, weil wir das Fremde aus unserem Blutkreislauf
entfernt haben. Mitbürger, schwört es mir in dieser feierlichen Stunde
in die Hand, daß wir alle nicht mehr schwelgend in den Tag hineinleben
wollen, sondern arbeiten, arbeiten und nichts als arbeiten, bis uns die
Früchte unserer Arbeit erblüht sind.«
Und der Ruf: »Wir schwören es!« brauste auf, fremde Menschen schüttelten
einander die Hände, Männer und Frauen sanken einander weinend und
lachend in die Arme, die neue Volkshymne wurde intoniert und mitgesungen
und dann erklang ohne Verabredung und doch wie aus einem Munde das »Hoch
unser Doktor Schwertfeger, der Befreier Oesterreichs!«
Als sich der Jubel und Tumult ein wenig gelegt hatte, kam endlich auch
Bürgermeister Herr Karl Maria Laberl zum Wort. Er begann seine Ansprache
mit den Worten:
»Meine lieben Christen! -- --«
Aber viel mehr vernahm die Menge nicht, denn dem warmen Föhn, der seit
Minuten durch die vorher noch so kalte Nacht fegte, folgte in diesem
Augenblick ein Regenguß, und schreiend, kreischend zerstreute sich die
Menschenmasse, um durch ein Meer von Kot und zerflossenem Schnee zu den
Straßenbahnen zu eilen.
Zweiter Teil.
=Lotte Spineder an Leo Strakosch, Paris, Rue Foch 22.=
Mein Lieber, nun ist genau ein Jahr vergangen, seitdem ich Dir auf dem
Westbahnhofe mit meinem von Tränen ganz durchnäßten Taschentuch
nachgewinkt habe. Und das erste Weihnachtsfest, das ich als Deine Braut
ohne Dich verbringen mußte, liegt hinter mir. Es war wieder recht
traurig, und Papa meinte sehr besorgt, daß ich noch ganz krank und elend
werden würde, wenn ich mich meinem Schmerz so hingebe. Ich bin jetzt
nämlich immer sehr blaß, schlafe schlecht, habe viel Kopfschmerz und
werde gleich so müde. Unser Hausarzt meint, es sei Bleichsucht und hat
mir Guberquelle verordnet, aber ich weiß, daß es nur meine Sehnsucht
nach Dir ist, die mich schwach und krank macht.
Unsagbare Freude hat mir Deine wundervolle Mappe bereitet, die gerade am
Weihnachtsabend eingetroffen ist. Du bist jetzt, wie man aus diesen
herrlichen Stichen sieht, ein ganz großer Künstler; Papa, der doch so
viel davon versteht, meint, daß Du schon zu den ersten Meistern gehörst
und hat furchtbar auf unsere Regierung geschimpft, die solche Männer,
statt sie zu ehren, aus dem Lande jagt. Dein Brief, in dem Du von Deinen
großen Erfolgen berichtest, hat mich natürlich sehr beglückt, und Papa
hat umgerechnet, daß die dreißigtausend Francs, die Du für diese Mappe
bekommen hast, viele Millionen österreichischer Kronen sind. Die Krone
ist nämlich wieder riesig gefallen. Nur als ich las, daß Du so viel in
Gesellschaft verkehrst und dich der Einladungen in die feinsten Häuser
kaum erwehren kannst, bekam ich ordentlich Herzklopfen. Wirst Du bei den
schönen Pariserinnen nicht Deine arme, kleine Lotte ganz vergessen? O
Leo, was soll nur aus uns werden, wann werde ich wieder meinen Kopf an
Deine Schulter legen können? Weißt Du, Leo, neulich flog ein großer
Aeroplan über den Kahlenberg westwärts, und da habe ich gedacht, daß
ich, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, gleich zu Dir nach Paris
fliegen würde, ob meine Eltern es nun erlauben oder nicht. Ueberhaupt,
wenn ich wüßte, wie man, ohne daß es jemand erfährt, einen Paß bekommt,
würde ich mir von Dir Geld schicken lassen und heimlich zu Dir kommen.
Ich weiß, daß ich Papa und die Mutter damit furchtbar kränken würde,
aber meine Sehnsucht nach Dir ist so groß, daß ich ganz schlecht und
grausam geworden bin.
Du bittest mich, ich möge Dir in großen Zügen die Entwicklung der Dinge
schildern, seitdem die Israeliten fort sind, da Du aus den farblosen und
langweiligen Wiener Zeitungen kein richtiges Bild bekommen kannst. Nun,
ich will versuchen, Dir alles zu erzählen, was ich selbst sehe oder von
den anderen weiß; aber wenn es dumm wird, so darfst Du mich nicht
auslachen.
Also, von dem großen Jubel und den Festzügen am Silvestertage, als die
letzten Israeliten Wien und Oesterreich verlassen hatten, wirst Du ja
ohnedies alles aus den Zeitungen ersehen haben. Nun, den ganzen Januar
hielt diese Stimmung an, die Leute machten alle fröhliche Gesichter, ein
Festkonzert folgte dem anderen und immer wieder zogen die Massen vor das
Rathaus oder das Kanzlerpalais, um dem Bürgermeister Laberl und dem
Doktor Schwertfeger zu huldigen. Mir selbst ist es aufgefallen, daß die
Wiener in der Elektrischen viel freundlicher und netter waren als
vorher, und der Hofrat Tumpel, der bei uns verkehrt, Du weißt, der mit
dem blonden Vollbart, den Du nie leiden mochtest, sagte triumphierend zu
uns:
»Sehen Sie, das Wiener sonnige Gemüt, das so lange von all dem Fremden
überschattet worden war, bricht sich wieder Bahn.«
»Ja, Schnecken,« brummte der Vater, »das ist nur, weil den Wienern das
Ganze eine Riesenhetz ist und weil die Lebensmittel billiger und wieder
Wohnungen zu haben sind.« Tumpel meinte aber: »Oho, lieber Freund, das
ist es nicht allein, sondern die indogermanische Naivität unseres Volkes
wagt sich wieder heraus!«
Die Lebensmittel waren wirklich viel billiger geworden, weil unsere
Krone damals sehr gut, nämlich auf 0·02 Centime stand. Ich erinnere
mich, daß Mama im Winter einmal ganz froh nach Hause kam und sagte, man
könne jetzt wieder existieren, das Schweineschmalz kostet nur mehr
zehntausend Kronen per Kilogramm. Und das mit den Wohnungen hat den
Wienern wirklich so viel Freude gemacht. Stelle Dir nur vor: Plötzlich
hingen fast an allen Haustoren Zettel, auf denen Wohnungen und möblierte
Zimmer angeboten wurden. Die Leute gingen rein zum Zeitvertreib von Haus
zu Haus, um die Wohnungen zu besichtigen. Und den ganzen Tag sah man
Möbelwagen durch die Straßen fahren.
Das dauerte so bis zum Fasching, aber dann war die gute Laune weg.
Plötzlich begann große Arbeitslosigkeit zu herrschen. Die ganze
Konfektionsindustrie stand still, und jeden Augenblick hörte man, daß
dieses oder jenes Geschäft abgekracht sei. Die Blätter schrieben, man
müsse die ehrlichen christlichen Kaufleute, die die alten jüdischen
Geschäfte übernommen hatten und ihrer Aufgabe noch nicht gewachsen
seien, von Staats wegen unterstützen. Die Arbeitslosen machten aber
großen Krawall, zogen über den Ring, demolierten ein paar Geschäfte,
schlugen Fensterscheiben ein und setzten es durch, daß ihnen der Staat
zehntausend Kronen täglich Arbeitslosenunterstützung zahlte. Da begann
die Krone zu fallen, weil, wie Papa mir erklärte, der Banknotenumlauf
enorm stieg. Auf ja und nein stand die Krone wieder auf 0·01 Centime und
die Lebensmittel wurden wieder so teuer und noch teurer als früher.
Heute erzählte Mama ganz aufgeregt, daß die Butter schon dreißigtausend
Kronen kostet. Seit dem Frühjahr sind die Leute wieder sehr mürrisch und
in der Elektrischen wird viel geschimpft. Hauptsächlich auf die
Schieber, die alles verteuern, aber man spricht nicht von jüdischen
Schiebern, sondern nur so im allgemeinen.
Du fragst, ob ich viel ins Theater gehe? Ach nein, lieber Leo, wenn man
die Oper ausnimmt, so ist in den Theatern gar nichts mehr los. In den
Schauspielhäusern wird ununterbrochen Ganghofer und Anzengruber
gespielt, weil man von Israeliten nichts aufführen darf und die
Klassiker ja doch nicht ziehen. Eine Zeitlang hat man auch viel von Shaw
gegeben; seitdem er aber in einer englischen Zeitung erklärt hat, Wien
sei ein internationales Dummheitsmuseum geworden, ist er verpönt.
Hauptsächlich aber deshalb, weil er auch gesagt hat, ein gescheiter Jude
sei ihm lieber als zehn dumme Christen. Die Operettentheater sind alle
pleite. (Erinnerst Du Dich, wie ich lachen mußte, als ich von Dir zum
erstenmal das Wort pleite hörte?) Es hat sich nämlich herausgestellt,
daß sämtliche alte und neue Operetten von Juden entweder komponiert oder
geschrieben sind, meistens beides. Auch fehlt es an Kräften, denn fast
alle Tenore mußten ja auswandern. Wohl sind rasch ein paar ganz arische
Operetten herausgebracht worden, aber das Publikum hat gezischt, weil es
ein furchtbarer Schmarren war. Der Hofrat Tumpel meinte, daß sich die
christliche Kunst eben nur für seriöse Sachen eigne, nicht für frivoles
Zeug. Worauf Papa schmunzelte und sagte, man würde bald einsehen, daß
sich die Juden und Christen hierzulande sehr gut ergänzt haben.
Neulich ist mir mittags am Graben aufgefallen, daß man heuer viel
weniger elegante Herren und Damen sieht als früher. Es wird eben gar
kein Modeluxus mehr getrieben. Allerdings muß ich sagen, daß mir die
widerlichen jüdischen Schiebergesichter, über die Du Dich auch immer so
geärgert hast, gar nicht fehlen. Dafür machen sich auf dem Korso sehr
viele junge Lackeln, die wie Bauern aussehen und unmöglich angezogen
sind, mit mächtigen Uhrketten und Diamantringen an den dicken Fingern,
breit. Ueberhaupt scheint unser ganzer Fremdenverkehr nur mehr aus
Bauern zu bestehen. Der Besitzer vom Hotel Imperial hat neulich in einer
Zeitung geklagt, daß er jetzt Gäste habe, die sich mit den genagelten
Schuhen ins Bett legen und ihre Jägerwäsche in der Badewanne waschen.
Wenn Du durch die Kärntnerstraße gehen würdest, so würdest Du schauen,
wie wenig elegant die Geschäfte jetzt sind! Nun muß ich aber schließen,
weil es schon ein Uhr nachts ist und ich auch nichts Besonderes mehr
weiß. Lebe wohl, mein Geliebter, und denke was aus, damit wir bald
wieder beisammen sind, weil ich sonst gar nicht mehr leben mag. Es küßt
Dich vieltausendmal Deine ganz verzagte