Der Bund wahrhaftiger Christen.«

Die Menschen lasen einander die frechen Worte vor, viele schimpften und

behaupteten, daß Freimaurer das getan haben mußten, andere entfernten

sich wortlos, wieder andere hatten den Mut, zustimmende Aeußerungen zu

tun und die Anderssprechenden trotzig anzusehen.

Nach einigen Tagen erschienen an verschiedenen Plätzen neue Plakate mit

den Worten:

»Wien verdorft! Wiener, seht Ihr es denn nicht? Noch ein paar Jahre und

aus der alten, ehemaligen Kaiserstadt wird ein schäbiges, vergessenes

Nest geworden sein!«

Das ging den Leuten, die nun den Inhalt des Plakates auch aus der

»Arbeiter-Zeitung« vernahmen, auf die Nerven, allenthalben wurde man

unruhig. War nicht etwas Wahres an dieser neuen Behauptung des

mysteriösen Bundes wahrhaftiger Christen? Leidenschaftliche Diskussionen

wurden darüber in Versammlungen, im Wirtshaus, in der Straßenbahn

geführt, aber das Wort von der Verdorfung Wiens blieb irgendwie in der

Luft hängen, wurde geflügelt, man bekam es überall zu hören, ja sogar

die christliche »Weltpresse« schrieb am Schluß eines Leitartikels ganz

unwillkürlich: »Wir müssen alles tun, um der Verdorfung zu entgehen!«

Die Polizei wurde von der erbosten Regierung aufgefordert, den

Uebeltäter aufzuspüren, der die Plakate anschlug. Vergebliche Mühe! Alle

paar Tage kamen neue zum Vorschein, immer an anderen Plätzen, an

Haustoren, Kirchenportalen, ja einmal hing je eines an den Toren des

Kanzlerpalais, des Polizeipräsidiums und des Parlamentes. Und immer

enthielt das kleine Plakat in wenigen Worten eine wirksame Polemik gegen

die Regierung, eine suggestive Aufhetzung der Bevölkerung. Die

»Arbeiter-Zeitung« war jedesmal in der Lage, schon in ihrer

Morgenausgabe den Inhalt des Pamphlets, das heute angeschlagen werden

würde, zu veröffentlichen, weil ihr ein Exemplar schon am Tage vorher

mit der Post gebracht wurde.

Schließlich geriet ganz Wien in Aufregung, man sprach fast von nichts

anderem, zerbrach sich den Kopf darüber, wer hinter diesem

geheimnisvollen Bund wohl stecken möge, die Zahl derer, die dem Inhalte

der kleinen Aufrufe zustimmten, wuchs von Woche zu Woche, die

sozialdemokratischen Versammlungen bekamen wieder einen ungeheuren

Zulauf und der Nimbus des Kanzlers sank ersichtlich.

Lotte war eines Nachmittags früher zu Leo gekommen, als er sie erwartet

hatte. Da sie einen eigenen Schlüssel zu der Wohnung besaß und Leo sie

nicht wie sonst im Wohnzimmer erwartete, ging sie direkt in das Atelier.

Leo warf rasch ein Tuch über einen kleinen Holztisch und begrüßte sie

dann ein wenig verlegen.

Lotte zog ihn beim Knebelbärtchen, sah ihm in die braunen Augen und

sagte dann:

»Du, Leo, du hast da soeben etwas vor mir verbergen wollen! Was befindet

sich dort unter dem Tuch?«

Leo lachte herzlich.

»Mädel, du hast Augen wie ein Luchs! Also, dann will ich dir mein

Geheimnis eben schon heute anvertrauen.«

Er zog das Tuch fort und Lotte erblickte neben einem Typenkasten und

einer Miniatur-Handpresse einen Stoß frisch gedruckter Zettel. Erstaunt

las sie:

»Wiener, geht es euch heute besser oder schlechter als zur Zeit der

Juden? Ueberlegt in Ruhe und Ihr werdet euch die richtige Antwort geben!

Wir alle haben einst geschrien: »Hinaus mit den Juden!« So schreien wir

heute: »Herein mit jenen Juden, die ehrlich und treu mit uns arbeiten

wollen.«

Die Stadt ohne Juden: Ein Roman von übermorgen · 第 10 / 12 题