Doktor Schwertfeger führte mit der knochigen Rechten das Glas zu den
dünnen Lippen und sein halb spöttischer, halb befriedigter Blick kreiste
im Saal.
»Sehen wir dieses kleine Oesterreich von heute an. Wer hat die Presse
und damit die öffentliche Meinung in der Hand? Der Jude! Wer hat seit
dem unheilvollen Jahre 1914 Milliarden auf Milliarden gehäuft? Der Jude!
Wer kontrolliert den ungeheuren Banknotenumlauf, sitzt an den leitenden
Stellen in den Großbanken, wer steht an der Spitze fast sämtlicher
Industrieen? Der Jude! Wer besitzt unsere Theater? Der Jude! Wer
schreibt die Stücke, die aufgeführt werden? Der Jude! Wer fährt im
Automobil, wer praßt in den Nachtlokalen, wer füllt die Kaffeehäuser,
wer die vornehmen Restaurants, wer behängt sich und seine Frau mit
Juwelen und Perlen? Der Jude!
Verehrte Anwesende! Ich habe gesagt, daß ich den Juden, an sich und
objektiv betrachtet, für ein wertvolles Individuum halte und ich bleibe
dabei. Aber ist nicht auch der Rosenkäfer mit seinen schimmernden
Flügeln ein an sich schönes, wertvolles Geschöpf und wird er von dem
sorgsamen Gärtner nicht trotzdem vertilgt, weil ihm die Rose näher steht
als der Käfer? Ist nicht der Tiger ein herrliches Tier, voll von Kraft,
Mut und Intelligenz? Und wird er nicht doch gejagt und verfolgt, weil es
der Kampf um das eigene Leben erfordert? Von diesem und nur von diesem
Standpunkt kann bei uns die Judenfrage betrachtet werden. Entweder wir
oder die Juden! Entweder wir, die wir neun Zehntel der Bevölkerung
ausmachen, müssen zugrunde gehen oder die Juden müssen verschwinden! Und
da wir jetzt endlich die Macht in den Händen haben, wären wir Toren,
nein, Verbrecher an uns und unseren Kindern, wenn wir von dieser Macht
nicht Gebrauch machen und die kleine Minderheit, die uns vernichtet,
nicht vertreiben wollten. Hier handelt es sich nicht um Schlagworte und
Phrasen, wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Toleranz, sondern um unsere
Existenz, unser Leben, das Leben der kommenden Generationen! Die letzten
Jahre haben unser Elend vertausendfacht, wir stehen mitten im vollen
Staatsbankrott, wir gehen der Auflösung entgegen, ein paar Jahre noch
und unsere Nachbarn werden unter dem Vorwand, bei uns Ordnung schaffen
zu müssen, über uns herfallen und unser kleines Land auf Stücke
zerreißen -- unberührt von allen Geschehnissen aber werden die Juden
blühen, gedeihen, die Situation beherrschen und, da sie ja nie Deutsche
im Herzen und im Blut waren, unter den geänderten Verhältnissen Herren
bleiben, wenn wir Sklaven sind!«
Das ganze Haus geriet jetzt in furchtbare Aufregung. Wilde Rufe wurden
ausgestoßen. »Das darf nicht sein! Retten wir uns und unsere Kinder!«
Und als Echo klang es von der Straße her aus zehntausend Kehlen: »Hinaus
mit den Juden!«
Doktor Schwertfeger ließ die Erregung auslaufen, nahm von den
Ministerkollegen Händedrücke entgegen und sprach dann über die
Durchführung des Gesetzes. Gemäß den Forderungen der Menschlichkeit und
den Bedingungen des Völkerbundes würde mit größter Milde und
Gerechtigkeit vorgegangen werden. Jeder habe das Recht, sein Vermögen
mitzunehmen, soweit es aus Bargeld und Wertpapieren oder Juwelen
bestehe, Immobilien zu veräußern, sein Geschäft freihändig zu verkaufen.
Unternehmungen, die nicht veräußerlich seien, würden vom Staat
übernommen werden, und zwar derart, daß nach dem Steuerbekenntnis des
letzten Jahres der Reinertrag fünfprozentig kapitalisiert werden würde.
Hätte also zum Beispiel ein Unternehmen im vergangenen Jahr eine halbe
Million Reinertrag aufgewiesen, so würde es mit zehn Millionen abgelöst
werden. Ein boshaftes Lächeln kräuselte die Lippen des Kanzlers.
»Natürlich sind sowohl bei diesen Ablösungen als auch bei der Erlaubnis
zur Mitnahme von Bargeld lediglich die Steuerbekenntnisse maßgebend. Hat
sich jemand als Vermögensloser bekannt, so darf er kein Geld ausführen,
besitzt er trotzdem Vermögen, so wird dieses natürlich konfisziert. Hat
jemand den Reinertrag seines Geschäftes mit einer halben Million
beziffert, so darf er zehn Millionen mitnehmen, auch wenn sich
herausstellen sollte, daß sein wirkliches Einkommen zehnmal so groß war.
Auf diese Art wird sich manche Sünde bitter rächen --«, bemerkte der
Redner unter schallender Heiterkeit der Anwesenden. Er fuhr dann fort:
»Festbesoldete und geistige Arbeiter, die tatsächlich vermögenslos sind,
wie zum Beispiel Aerzte, erhalten vom Staat den Betrag zur Fortreise,
den sie als Jahreseinkommen versteuert hatten. Gab also ein Arzt sein
Einkommen mit dreihunderttausend an, so erhält er diese Summe. Um jede
anderweitige Steuerflucht zu verhüten, enthält das Gesetz die
drakonische Bestimmung, daß der Versuch, größere als erlaubte Summen
fortzuschleppen, mit dem Tode zu bestrafen sei. Ebenso ist die
Todesstrafe über die Juden oder Judenstämmlinge verhängt, die den
Versuch machen, sich auch weiterhin heimlich in Oesterreich aufzuhalten.
Das Gesetz soll in folgender Weise durchgeführt werden:
»Nichtprotokollierte Kaufleute, Händler und sogenannte Agenten müssen
innerhalb dreier Monate nach Annahme des Gesetzes die Grenzen verlassen,
protokollierte Firmeninhaber, Angestellte, Beamte und manuelle Arbeiter
innerhalb von vier Monaten, Künstler, Gelehrte, Aerzte, Rechtsanwälte
und so weiter innerhalb von fünf Monaten. Direktoren von
Aktienunternehmungen, Banken und Industrien, die im letzten Jahre ein
Einkommen von mehr als sechs Millionen versteuert haben, ist eine Frist
von einem halben Jahr gegeben.«
Und nun komme ich zu einem wichtigen Punkt, dem ich die volle
Aufmerksamkeit zu schenken bitte. Wie Sie wissen, bezieht sich das
Ausweisungsgesetz nicht nur auf Juden und getaufte Juden, sondern auch
auf Judenstämmlinge. Als Judenstämmling gelten die Kinder aus Mischehen.
Hat also zum Beispiel eine Christin rein deutscharischer Abstammung
einen Juden geheiratet, so trifft die Ausweisung ihn und die Kinder aus
dieser Ehe, während es der Frau unbenommen bleibt, in Oesterreich zu
verweilen. Nach reiflicher Ueberlegung hat die Regierung beschlossen,
die Kindeskinder aus Mischehen nicht mehr als Judenstämmlinge, sondern
als Arier zu betrachten. Hat also ein Christ eine Jüdin geheiratet, so
werden wohl die Kinder ausgewiesen, die Kindeskinder aber,
vorausgesetzt, daß die Eltern sich nicht wieder mit Juden gemischt
haben, können im Lande bleiben. Dies ist aber auch die absolut einzige
Konzession, die das Gesetz macht. Andere Ausnahmen sind nicht zulässig.
Von vielen Seiten wurde uns nahegelegt, gewisse Ausnahmen gelten zu
lassen. So sollte das Gesetz Leute über ein gewisses Alter hinaus,
Kranke, Schwächliche und solche Juden, die besondere Verdienste um den
Staat haben, nicht treffen.
Meine Damen und Herren! Hätte ich diesen Ratgebern nachgegeben, so würde
das ganze Gesetz zur Posse geworden sein. Das jüdische Geld, jüdischer
Einfluß hätten Tag und Nacht gearbeitet, zehntausende von Ausnahmsfällen
würden konstruiert werden und in fünfzig Jahren wären wir genau so weit
wie heute. Nein, es gibt keine Ausnahme, es gibt keine Protektion, es
gibt kein Mitleid und kein Augenzudrücken! Für Hinfällige und Kranke
wird die Regierung prachtvolle Spitalzüge zur Verfügung stellen, und nur
solche Juden, die nach gerichtsärztlichem Gutachten absolut nicht
transportfähig sind, werden hier ihre Genesung oder ihren Tod abwarten
dürfen.«
Doktor Schwertfeger verbeugte sich leicht und ließ sich schwerfällig auf
seinem Sitz nieder. Die Wirkung seiner letzten Eröffnung war aber ganz
eigenartig gewesen. Nur vereinzelte Bravo-Rufe waren laut geworden, eine
gewisse Beklommenheit machte sich fast körperlich fühlbar, auf vielen
Gesichtern malte sich deutlich Schrecken und Angst, auf der Galerie
entstand Unruhe, eine Frau fiel mit dem Ruf: »Meine Kinder!« ohnmächtig
zusammen, und als der Kanzler geendet, erdröhnte zwar starker Beifall,
aber die kleine Gruppe der Sozialdemokraten schrie unisono »Unerhört!
Pfui! Skandal!«
Und nun erteilte der Präsident mit dem roten Bart dem Finanzminister
Professor Trumm das Wort. Trumm war klein, verhuzelt wie eine
halbgedörrte Pflaume, er sprach im Diskant und mußte sich jedesmal
unterbrechen, wenn seine Zunge zwischen dem Gaumen und dem oberen Rand
des falschen Gebisses stecken blieb. Unter großer Spannung erörterte er
die finanzielle Seite des Ausweisungsgesetzes. Natürlich würde die
Ablösung der jüdischen Geschäfte und Immobilien nicht nur das
christliche Privatkapital, sondern auch die Mittel des Staates stark in
Anspruch nehmen. Hunderte von Milliarden Kronen würden kaum ausreichen,
und man dürfe sich nicht verhehlen, daß die Ausweisung der Juden
zunächst allerlei finanzielle Schwierigkeiten im Gefolge haben werde.
»Aber, gottlob,« -- der Finanzminister bekreuzigte sich -- »wir werden
in den kommenden schweren Tagen nicht allein stehen! Ich kann dem hohen
Hause die erfreuliche Mitteilung machen, daß sich das echte wahre
Christentum der ganzen Welt gesammelt hat, um uns zu helfen. Nicht nur,
daß die österreichische Regierung seit Monaten internationale
Verhandlungen führt, auch der Piusverein hat in aller Stille eine
mächtige Agitation entfaltet, die glänzende Früchte trägt. Der Verband
des erwachten Christentums der skandinavischen Länder, dem viele große
Bankiers und Kaufleute angehören, stellt uns einen gewaltigen Kredit in
dänischer, schwedischer und norwegischer Valuta zur Verfügung, der
amerikanische Industriekönig Jonathan Huxtable, einer der reichsten
Männer der Welt und ein begeisterter Streiter in Christo, hat sich
bereit erklärt, zwanzig Millionen Dollars in Oesterreich anzulegen, der
französische Christenbund macht hundert Millionen Francs mobil --
kurzum, es werden Milliarden Kronen ins Ausland wandern müssen und dafür
Milliarden in Gold einströmen!«
Riesige Begeisterung im ganzen Hause. Einige Dutzend Abgeordnete
verließen fluchtartig den Sitzungssaal und stürmten die Telephone, um
ihren Banken Verkaufsorders für fremde Valuten zu geben. Die
Hauszentrale konnte das stürmische Begehren nach Verbindungen mit
»Karpeles & Co.«, »Veilchenfeld & Sohn«, »Rosenstrauch & Butterfaß«,
»Kohn, Cohn & Kohen« und wie alle die großen Bankhäuser hießen, kaum
bewältigen. Während aber der Finanzminister, der eine volle Minute
gebraucht hatte, um seine eingeklemmte Zunge zu befreien, fortfuhr,
erzählte der Engländer Holborn in der Journalistenloge grinsend:
»Jonathan Huxtable ist ein frommer Kerl! Er spuckt Gift und Galle gegen
die Juden, seitdem ihm seine Frau mit einem jüdischen Preisboxer
durchgegangen ist. Er ist ein strenger Temperenzler, aber er besauft
sich jeden Tag mit Magentropfen, die er aus der Apotheke bezieht. Einmal
hat man gesehen, wie er eine ganze Flasche Eau de Cologne auf einen Zug
austrank. Und wenn er hier zwanzig Millionen investieren wird, will er
sicher fünfzig daran verdienen.«
Doktor Wiesel schnitt ein abweisendes Gesicht, während die jüdischen
Journalisten sich rasch Notizen machten, um letzte Bosheiten zu
publizieren.
Die Pro- und Kontra-Redner meldeten sich zum Wort. Die Sozialdemokraten
sprachen gegen das Gesetz. Als aber ihr Führer Weitherz in ruhigen und
sachlichen Worten seiner Entrüstung Ausdruck gab und den Gesetzentwurf
als ein Dokument menschlicher Schmach bezeichnete, entstand ein
furchtbarer Tumult, die Galerie warf mit Schlüsseln und Papierknäueln
nach den Sozialdemokraten, es kam zu einer Prügelei und die kleine
Opposition verließ unter Protest den Saal. Der christlichsoziale
Abgeordnete Pfarrer Zweibacher pries Doktor Schwertfeger als modernen
Apostel, der würdig sei, dereinst heilig gesprochen zu werden, die
großdeutschen Abgeordneten Wondratschek und Jiratschek aber beleuchteten
das Gesetz lediglich vom Rassenstandpunkt, und Jiratschek, der stark mit
böhmischem Akzent sprach, schluchzte vor Ergriffenheit und schloß mit
den Worten:
»Wotan weilt unter uns!«
Als letzter Redner ergriff unter Hepp! Hepp!-Rufen und höhnischem
Aih-Wai!-Geschrei der einzige zionistische Abgeordnete, Ingenieur Minkus
Wassertrilling, das Wort. Der schlanke, große und hübsche junge Mann
wartete mit verschränkten Armen ab, bis Ruhe eintrat, dann sagte er:
»Verehrte Jünger jenes Juden, der sich, um die Menschheit zu erlösen,
törichterweise ans Kreuz hatte schlagen lassen!«