Dritte Auflage. 11.-15. Tausend

Erster Teil.

Von der Universität bis zur Bellaria umlagerte das schöne, ruhige und

vornehme Parlamentsgebäude eine einzige Menschenmauer. Ganz Wien schien

sich an diesem Junitag um die zehnte Vormittagsstunde versammelt zu

haben, um dort zu sein, wo sich ein historisches Ereignis von

unabsehbarer Tragweite abspielen sollte. Bürger und Arbeiter, Damen und

Frauen aus dem Volke, halbwüchsige Burschen und Greise, junge Mädchen,

kleine Kinder, Kranke in Rollwagen, alles quoll durcheinander, schrie,

politisierte und schwitzte. Und immer wieder fand sich ein Begeisterter,

der plötzlich an den Kreis um ihn herum eine Ansprache hielt und immer

wieder brauste der Ruf auf:

»Hinaus mit den Juden!«

Sonst pflegten bei ähnlichen Demonstrationen hier und dort Leute mit

gebogener Nase oder besonders schwarzem Haar weidlich verprügelt zu

werden; diesmal kam es zu keinem solchen Zwischenfall, denn Jüdisches

war weit und breit nicht zu sehen, und zudem hatten die Kaffeehäuser und

Bankgeschäfte am Franzens- und Schottenring, in weiser Erkenntnis aller

Möglichkeiten, ihre Pforten geschlossen und die Rollbalken herabgezogen.

Plötzlich zerriß ein einziges Aufbrüllen die Luft.

»Hoch Doktor Karl Schwertfeger, hoch, hoch, hoch! Hoch der Befreier

Oesterreichs!«

Ein offenes Auto fuhr langsam mitten durch die Menschenmassen hindurch,

die zurückdrängten und Bahn machten. Im Auto saß ein großer älterer

Herr, dessen mächtiger Schädel mit willkürlichen Büscheln weißer Haare

bedeckt war.

Er nahm den grauen, weichen Schlapphut ab, nickte der jubelnden

Menschenmenge zu und verzerrte das Gesicht zu einem Lächeln. Aber es war

ein saures Lächeln, das von den zwei Falten, die von den Mundwinkeln

abwärts liefen, gewissermaßen dementiert wurde. Und die tiefliegenden

grauen Augen blickten eher finster als vergnügt drein.

Lachende Mädchen drängten sich vor, schwangen sich auf das Trittbrett,

die eine warf dem Gefeierten Blumen zu, eine andere war noch dreister,

schlang ihren Arm um seinen Hals und küßte den Doktor Schwertfeger auf

die Wange. Als ob der Chauffeur ahnte, wie seinem Herrn bei solchen

Gefühlsausbrüchen zumute wurde, ließ er das Auto vorwärts springen, so

daß die Mädchen mit jähem Ruck nach rückwärts fielen. Sie taten sich

dabei nicht wehe, denn die Menschenmauer fing sie auf.

Im Parlamentsgebäude herrschte nicht die laute Begeisterung der Straße,

sondern fieberhafte Erregung, zu stark, um Ausdruck nach außen zu

finden. Die Abgeordneten, die sich bis zum letzten Mann eingefunden

hatten, die Minister, die Saaldiener gingen schweigend und unruhig

umher, sogar die überfüllten Galerien verhielten sich lautlos.

In der Journalistenloge, in der es sonst am ungeniertesten zuzugehen

pflegte, wurde nur im Flüsterton gesprochen. Und eine bemerkenswerte

räumliche Spaltung hatte sich eingestellt. Die kompakte jüdische

Majorität der Berichterstatter drängte ihre Stühle zusammen, die

Referenten der christlichsozialen und deutschnationalen Blätter bildeten

ihrerseits eine Gruppe. Sonst mischten sich die jüdischen und

christlichen Journalisten fröhlich durcheinander, im Berufskreis war man

nicht Parteigänger, sondern nur der Herr Kollege, und da die jüdischen

Journalisten gewöhnlich mehr Neuigkeiten wußten und sie besser verwerten

konnten, standen die antisemitischen zu ihnen in einem starken

Abhängigkeitsverhältnis. Heute aber flogen hämische Blicke von der

christlichen Ecke in die jüdische, und als der kleine Karpeles von der

»Weltpost«, der eben erst eingetreten war, den Doktor Wiesel von der

»Wehr« mit »Servus Herr Kollege!« begrüßte, wandte ihm dieser ohne

Erwiderung den Rücken.

Es drängten immer noch Journalisten herein, darunter Vertreter

ausländischer Zeitungen, die heute in Wien angekommen waren.

»Nicht rühren kann man sich«, brummte der Herglotz vom christlichen

»Tag«, worauf ihm ein Kollege mit kleinem, bärtigem Kopf und mächtigem

Bierbauch erwiderte:

»Na, ein paar Tage noch und wir werden hier Platz genug haben!«

Hüsteln, Lächeln, Lachen auf der einen Seite, gegenseitige

bedeutungsvolle Blicke auf der anderen.

Ein junger blonder Herr mit roten Backen machte nach links und rechts

eine leichte Verbeugung.

»Holborn vom »London Telegraph«! Bin eben vor einer Stunde angekommen

und kenne mich wahrhaftig nicht aus. Vorgestern kam ich aus Sidney nach

halbjähriger Abwesenheit in London an, eine Stunde später saß ich wieder

im Zug, um nach Wien zu fahren. Unser Managing-Editor, das Kamel, hat

mir nichts gesagt, als: In Wien wird es jetzt lustig, da schmeißen sie

die Juden hinaus! Fahren Sie hin und berichten Sie, daß das Kabel reißt!

Also bitte, wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie mich rasch instruieren

wollten.«

Das alles war in so drolligem Englisch-deutsch herausgekommen, daß sich

die Spannung ein wenig löste. Minkus vom »Tagesboten« bemächtigte sich,

heftig gestikulierend, des englischen Kollegen und begann mit den

Worten:

»Also, ich werde Ihnen alles genau erklären --.« Aber Doktor Wiesel ließ

ihn nicht weitersprechen. »Sie verzeihen, aber diese Aufklärung wird

besser von =uns= ausgehen.«

Tonfall drohend, das »uns« bedeutungsvoll unterstrichen.

Und schon befand sich Holborn in der christlichen Ecke, wo Wiesel kurz

und sachlich erklärte:

»Was geschehen soll, werden Sie sofort aus dem Munde unseres

Bundeskanzlers Dr. Karl Schwertfeger erfahren, der das Gesetz zur

Ausweisung aller Nichtarier aus Oesterreich eingehend begründen wird.

Die Vorgeschichte ist, kurz gesagt, folgende: Als die österreichische

Krone auf den Wert eines fünfzigstel Centimes herabgesunken war, begann

das Chaos einzutreten. Ein Ministerium nach dem anderen mußte gehen, es

entstanden Unruhen, täglich kam es zu Plünderungen der Geschäfte, zu

Pogroms, die Wut und Verzweiflung der Bevölkerung kannte keine Grenzen

mehr und schließlich mußte zu Neuwahlen geschritten werden. Die

Sozialdemokraten traten ohne neues Programm in den Wahlkampf, die

Christlichsozialen hingegen scharten sich um ihren geistvollen Führer

Dr. Karl Schwertfeger, dessen Losungswort lautete: Hinaus mit den Juden

aus Oesterreich! Nun, vielleicht ist es Ihnen bekannt,« -- Holborn

nickte, obwohl er keine Ahnung hatte -- »daß die Wahlen den völligen

Zusammenbruch der Sozialdemokraten, Kommunisten und Liberalen brachten.

Selbst die Arbeitermassen wählten unter der Parole »Hinaus mit den

Juden!«, und die sozialistische Partei, vordem relativ die stärkste,

konnte knapp elf Mandate retten. Die Großdeutschen aber, die gut

abschnitten, hatten sich ebenfalls auf das »Hinaus mit den Juden!«

eingestellt.

Nun, der Genialität des Doktor Schwertfeger, seiner unerschrockenen

Energie, seiner kühnen Impetuosität und Beredsamkeit gelang es, dem

Völkerbund, der vor die Alternative Anschluß Oesterreichs an Deutschland

oder Gewährenlassen gestellt war, die Zustimmung zur großen

Judenausweisung abzuringen. Und jetzt wird Schwertfeger selbst das

Gesetz einbringen, das sicher angenommen werden wird. Sie sind also

Zeuge eines historischen --.«

»Pst!«-Rufe wurden laut. Wiesel konnte nicht weiterreden, denn der

Präsident des Hauses, ein Tiroler mit rötlichem Vollbart, schwang die

Glocke und erteilte dem Bundeskanzler das Wort.

Grabesstille, in die das Surren der Ventilatoren unheimlich klang. Das

leiseste Räuspern, das Rascheln der Papiere in der Journalistenloge

wurde gehört und empfunden.

Uebergroß, trotz des vorgebeugten Schädels und gewölbten Rückens, stand

der Bundeskanzler auf der Rednertribüne, die Hände, zu Fäusten geballt,

stützten sich auf das Pult, unter den grauen, buschigen Brauen

glitzerten die scharfen Augen über den Saal hinweg. So stand er

bewegungslos, bis er plötzlich den Schädel ins Genick warf und mit

seiner mächtigen Stimme, die sich in den turbulentesten Versammlungen

immer hatte Gehör erzwingen können, begann.

»Verehrte Damen und Herren! Ich lege Ihnen jenes Gesetz und jene

Aenderungen unserer Bundesverfassung vor, die gemeinsam nichts weniger

bezwecken, als die Ausweisung der nichtarischen, deutlicher gesagt, der

jüdischen Bevölkerung aus Oesterreich. Bevor ich das tue, möchte ich

aber einige rein persönliche Bemerkungen machen.

Seit fünf Jahren bin ich der Führer der christlichsozialen Partei, seit

einem Jahr durch den Willen der überwiegenden Mehrheit dieses Hauses

Bundeskanzler. Und durch diese fünf Jahre hindurch haben mich die

sogenannten liberalen Blätter wie die sozialdemokratischen, mit einem

Wort alle von Juden geschriebenen Zeitungen, als eine Art Popanz

dargestellt, als einen wütenden Judenfeind, als einen fanatischen Hasser

des Judentums und der Juden. Nun, gerade heute, wo die Macht dieser

Presse ihrem unwiderruflichen Ende entgegengeht, drängt es mich, zu

erklären, daß das alles nicht so ist. Ja, ich habe den Mut, heute von

dieser Tribüne aus zu sagen, daß ich viel eher Judenfreund als

Judenfeind bin!«

Ein Murmeln und Surren ging durch den Saal, als flöge eine Schar Vögel

aus dem Felde auf.

»Ja, meine Damen und Herren, ich bin ein Schätzer der Juden, ich habe,

als ich noch nicht den heißen Boden der Politik betreten, jüdische

Freunde gehabt, ich saß einst in den Hörsälen unserer _Alma mater_ zu

Füßen jüdischer Lehrer, die ich verehrte und noch immer verehre, ich bin

jederzeit bereit, die autochthonen jüdischen Tugenden, ihre

außerordentliche Intelligenz, ihr Streben nach aufwärts, ihren

vorbildlichen Familiensinn, ihre Internationalität, ihre Fähigkeit, sich

jedem Milieu anzupassen, anzuerkennen, ja zu bewundern!«

»Hört! Hört!«-Rufe wurden laut, sensationelle Spannung bemächtigte sich

der Abgeordneten und des Auditoriums, und der englische Journalist

Holborn, der nicht alles verstanden hatte, fragte interessiert den

Doktor Wiesel, ob der Mann da unten der Vertreter der Judenschaft sei.

Der Kanzler fuhr fort.

»Trotzdem, ja gerade deshalb wuchs im Laufe der Jahre in mir immer mehr

und stärker die Ueberzeugung, daß wir Nichtjuden nicht länger mit, unter

und neben den Juden leben können, daß es entweder Biegen oder Brechen

heißt, daß wir entweder uns, unsere christliche Art, unser Wesen und

Sein oder aber die Juden aufgeben müssen. Verehrtes Haus! Die Sache ist

einfach die, daß wir österreichische Arier den Juden nicht gewachsen

sind, daß wir von einer kleinen Minderheit beherrscht, unterdrückt,

vergewaltigt werden, weil eben diese Minderheit Eigenschaften besitzt,

die uns fehlen! Die Romanen, die Angelsachsen, der Yankee, ja sogar der

Norddeutsche wie der Schwabe -- sie alle können die Juden verdauen, weil

sie an Agilität, Zähigkeit, Geschäftssinn und Energie den Juden

gleichen, oft sie sogar übertreffen. Wir aber können sie nicht verdauen,

uns bleiben sie Fremdkörper, die unsern Leib überwuchern und uns

schließlich versklaven. Unser Volk kommt zum überwiegenden Teil aus den

Bergen, unser Volk ist ein naives, treuherziges Volk, verträumt,

verspielt, unfruchtbaren Idealen nachhängend, der Musik und stiller

Naturbetrachtung ergeben, fromm und bieder, gut und sinnig! Das sind

schöne, wunderbare Eigenschaften, aus denen eine herrliche Kultur, eine

wunderbare Lebensform sprießen kann, wenn man sie gewähren und sich

entwickeln läßt. Aber die Juden unter uns duldeten diese stille

Entwicklung nicht. Mit ihrer unheimlichen Verstandesschärfe, ihrem von

Tradition losgelösten Weltsinn, ihrer katzenartigen Geschmeidigkeit,

ihrer blitzschnellen Auffassung, ihren durch jahrtausendelange

Unterdrückung geschärften Fähigkeiten haben sie uns überwältigt, sind

unsere Herren geworden, haben das ganze wirtschaftliche, geistige und

kulturelle Leben unter ihre Macht bekommen.«

Die Stadt ohne Juden: Ein Roman von übermorgen · 第 6 / 12 题