Die beiden Begegnungen.
Ein ehemaliger Ordonnanzoffizier Napoleons, den wir nur den General oder
den Marquis nennen werden, und der unter der Restauration zu großem
Vermögen gekommen war, war nach Versailles gezogen, um dort die schönen
Tage zu verleben. Er bewohnte ein Landhaus, das zwischen der Kirche und
der Barrière de Montreuil lag, an dem Wege, der nach der Allee von
Saint-Cloud führt. Sein Dienst bei Hofe gestattete ihm nicht, sich von
Paris zu entfernen.
Einst zu dem Zwecke erbaut, den flatterhaften Liebschaften irgendeines
Grandseigneur zum Asyl zu dienen, war dieser Pavillon ein sehr
weitläufiges Gebäude. Da er mitten im Garten errichtet worden war, lag
er nach rechts und nach links gleich weit ab von den ersten Häusern von
Montreuil und den Hütten der Umgebung der Barrière. Ohne völlig
abgesondert zu sein, hatten auf diese Weise die Herren des Besitzes in
unmittelbarer Nähe einer Stadt alle Vorzüge der Einsamkeit genossen.
Eigentümlicherweise lagen die Fassade und die Eingangstür des Hauses
unmittelbar nach dem Wege zu, der ehemals vielleicht wenig begangen
gewesen war. Diese Vermutung erscheint wahrscheinlich, wenn man bedenkt,
daß er an den köstlichen Pavillon grenzte, den Ludwig XV. für Fräulein
de Romans erbauen ließ. Ehe man dorthin kommt, trifft man denn auch hie
und da mehrere Kasinos, deren Inneres und Ausschmückung auf die
geistvollen Ausschweifungen unserer Vorfahren hindeuten, die doch
immerhin den Schatten und die Verborgenheit aufsuchten, um sich der
Zügellosigkeit hinzugeben, deren man sie beschuldigt.
An einem Winterabend befanden sich der Marquis, seine Frau und seine
Kinder allein in diesem verlassenen Hause. Ihre Leute hatten die
Erlaubnis erhalten, in Versailles die Hochzeit eines unter ihnen zu
feiern; und in der Annahme, die Weihnachtsfeier, die sich an die
Hochzeit anschloß, wäre eine triftige Entschuldigung, die die Herrschaft
wohl gelten lassen würde, trugen sie kein Bedenken, die Festlichkeit
länger auszudehnen, als die Hausordnung ihnen eigentlich erlaubte.
Da jedoch der General als ein Mann bekannt war, der bisher noch immer
mit unbeugsamer Rechtschaffenheit sein Wort gehalten hatte, so tanzten
die ungehorsamen Diener nur noch mit Beklommenheit, als die ihnen
zugebilligte Frist abgelaufen war. Es hatte elf Uhr geschlagen, und noch
war niemand von den Leuten zurückgekehrt. Das Schweigen, das rings auf
dem Lande herrschte, war so tief, daß man von Zeit zu Zeit den Wind
durch die schwarzen Zweige der Bäume pfeifen hörte -- dann wieder heulte
er ums Haus oder verfing sich in den langen Korridoren.
Der Frost hatte die Luft so rein gemacht, den Boden und das Pflaster so
gehärtet, daß von allem jene trockenen, hellen Töne hallten, deren
Klarheit uns stets verwundert. Der dumpfe Schritt eines verspäteten
Zechers oder der Lärm einer nach Paris zurückkehrenden Droschke hallten
lauter und blieben auf größere Entfernung hörbar als sonst. Die toten
Blätter, die plötzliche Wirbelwinde zum Tanze trieben, raschelten über
die Steine des Hofes hin, so daß sie der Nacht eine Stimme verliehen,
als sie stumm werden wollte.
Kurz, es war einer jener scharfen Abende, die unserer Ichsucht ein
unfruchtbares Mitleid mit den Armen oder dem Reisenden abnötigen und uns
den Kamin zu dem wollüstigsten Eckchen machen.
In diesem Augenblick bekümmerte sich die im Salon beisammensitzende
Familie weder um die Abwesenheit der Diener, noch um die Leute ohne
Herd, noch um die Poesie einer funkelnden Winternacht. Ohne zwecklos zu
philosophieren, vertrauten Frau und Kinder dem Schutze eines alten
Soldaten und gaben sich ganz den Freuden hin, die das häusliche Leben
mit sich bringt, wenn man sich in seinen Gefühlen keinen Zwang anzutun
braucht, wenn Liebe und Offenherzigkeit Worte, Blicke und Spiele
beleben.
Der General saß, oder besser gesagt, versank in einem hohen, geräumigen
Lehnstuhl, der in der Kaminecke stand. Im Ofen leuchtete ein
wohlgenährtes Feuer und strömte die starke Wärme aus, die stets ein
sicheres Zeichen ist, daß draußen außerordentliche Kälte herrscht. An
die Rückenlehne des Stuhls gelegt und ein wenig zur Seite geneigt, ruhte
der Kopf dieses braven Vaters in einer Haltung, deren Nachlässigkeit
eine vollkommene Ruhe, ein süßes Behagen ausdrückte. Seine wie im
Halbschlaf lose über die Seiten herabhängenden Arme vollendeten das Bild
gelassener Glückseligkeit.
Er betrachtete das kleinste seiner Kinder, einen kaum fünf Jahre alten
Jungen, der, halb nackend, sich durchaus nicht von der Mutter ausziehen
lassen wollte. Der kleine Kerl riß aus vor dem Nachthemd und dem
Nachthäubchen, das die Mutter ihm manchmal hinhielt. Er behielt seinen
gestickten Kragen um und lachte seine Mutter aus, wenn sie ihn rief,
weil er recht wohl merkte, daß sie selbst über diese kindliche Meuterei
lachte. Er fing dann wieder an, mit seiner Schwester zu spielen, die
ebenso naiv, aber schon etwas schalkhafter war als er. Sie sprach auch
schon deutlicher, während seine undeutlichen Worte und wirren Gedanken
selbst für seine Eltern kaum verständlich waren.
Die kleine Moina, die etwa zwei Jahre älter war als er, rief durch
Neckereien, die in ihr schon das Weib erkennen ließen, endloses
Gelächter hervor, das ganz plötzlich losbrach und eigentlich keinen
Grund zu haben schien. Aber als sie sich alle beide so drollig vorm
Feuer herumkugelten, in heller Ungeniertheit ihre hübschen fleischigen
Leiber und ihre weißen zarten Glieder zeigten, die Locken ihres
schwarzen und blonden Haars vermischten, die rosigen Gesichter
aneinander stießen, in die die Freude allerliebste Grübchen zeichnete,
da konnte man es wohl nachfühlen, daß ein Vater und namentlich eine
Mutter diese kleinen Seelen in ihr Herz geschlossen hatten. Gegen die
lebhaften Farben ihrer feuchten Augen, ihrer leuchtenden Wangen, ihrer
weißen Haut erblaßten selbst die Blumen des weichen Teppichs, des
Tummelplatzes ihrer Lust, auf dem sie hinstürzten, sich überschlugen und
miteinander rangen, ohne Schaden zu nehmen.
Die Mutter saß ihrem Manne gegenüber in der andern Ecke des Kamins auf
einem Sofa, von umhergestreuten Kleidungsstücken umgeben, einen roten
Kinderschuh in der Hand, in einer Haltung zwangloser Gemütlichkeit. Ein
Anflug von Ernst erstarb in einem sanften Lächeln, das um ihre Lippen
schwebte. Sie mochte sechsunddreißig Jahre alt sein und war noch von
großer Schönheit, dank der seltenen Regelmäßigkeit der Gesichtszüge,
denen die Wärme, das Licht und das Glück in diesem Augenblick einen
fast übernatürlichen Glanz verliehen. Oft hörte sie auf, den Kindern
zuzusehen und richtete die liebkosenden Augen auf das ernste Gesicht
ihres Mannes; manchmal begegneten sich ihre Augen, und die Eheleute
tauschten einen Blick stummer Freude und tiefen Sinnens.
Der General hatte ein stark gebräuntes Gesicht. Über seine breite, reine
Stirn spannen sich ein paar Flechten ergrauenden Haares. Der mannhafte
Blick seiner blauen Augen, die in den Falten seiner schlaffen Wangen
ausgeprägte Tapferkeit ließen erkennen, daß er sich das rote Band, das
das Knopfloch seines Rockes schmückte, sauer verdient hatte. In diesem
Augenblick spiegelte sich die unschuldige Freude, in der seine beiden
Kinder schwelgten, auf seinem Antlitz wider, das bei aller Festigkeit
und Kraft von großer Gutmütigkeit und Offenherzigkeit zeugte.
Dieser alte Soldat war ohne große Mühe wieder jung geworden. Liebe zur
Kindheit ist ja immer bei einem Soldaten vorhanden, weil er vom Unglück
des Lebens genug kennen lernt, um einzusehen, wieviel Elend die Gewalt
mit sich bringt und welche Vorzüge die Schwäche genießt.
Ein wenig abseits saß an einem runden Tisch im Licht von Astrallampen,
deren heller Schein mit dem blassen Schimmer der auf dem Kamin stehenden
Kerzen kämpfte, ein etwa dreizehn Jahre alter Knabe, der rasch die
Blätter eines dicken Buches umwendete. Er ließ sich durch das Geschrei
seiner Geschwister nicht ablenken, und sein Gesicht verriet die
Wißbegier der Jugend. Daß er so völlig in dem, was er las, aufging, war
wohl begreiflich, denn das Buch vor ihm enthielt die fesselnden Wunder
von »Tausendundeiner Nacht«, und der Knabe trug die Uniform der
Lyzeumsschüler. Er saß unbeweglich da, in nachdenklicher Haltung, einen
Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf auf eine der Hände gestützt, deren
weiße Finger sich in braunem Gelock vergruben. Das Licht fiel ihm voll
aufs Gesicht, während der andere Teil seines Körpers im Dunkeln blieb.
So glich er einem der schwarzen Selbstporträts Raphaels, auf denen er
sich mit aufmerksamem, gesenktem, an die Zukunft denkendem Gesicht
dargestellt hat.
Zwischen diesem Tisch und der Marquise arbeitete ein großes, schönes
Mädchen an einem Stickrahmen, bald beugte es sich darüber hin, bald
lehnte es sich zurück, und ihr ebenholzschwarzes Haar, das künstlich zu
Locken gewickelt war, erstrahlte im Lichtschein. Schon Helene für sich
allein gab ein herrliches Bild ab. Ihre Schönheit zeichnete sich durch
eine seltene Verschmelzung von Kraft und Eleganz aus. Obgleich sie das
Haar in straffem Zug um den Kopf gelegt trug, war es doch so übervoll,
daß es aus dem Kamme hervorsprang und sich am Anfang des Nackens
übermütig ringelte. Ihre sehr dichten, regelmäßig gezeichneten
Augenbrauen traten um so mehr hervor, als die Stirn rein und blendend
weiß war. Sie hatte sogar auf der Oberlippe einen leichten Flaum
mannhafter Kraft -- ihre Nase war griechisch und von ganz vollendetem
Schnitt. Aber die entzückende Rundung der Formen, der freimütige
Ausdruck der Züge, die Leuchtkraft eines zarten Fleisches, die wollüstig
weichen Lippen, das feine Oval des Gesichts und vor allem die reine
Keuschheit ihres jungfräulichen Blicks verliehen auch dieser kraftvollen
Schönheit die weibliche Anmut und Zartheit und die bezaubernde
Bescheidenheit, die wir von diesen Engeln des Friedens und der Liebe
fordern.
Nur hatte dieses Mädchen nichts Gebrechliches, nichts Schwaches an sich,
und ihr Herz mußte ebenso sanft sein, ihre Seele ebenso stark, wie ihr
Äußeres gebieterisch und ihr Gesicht lieblich war. Sie beobachtete das
gleiche Schweigen, wie ihr Bruder, der Lyzeumsschüler, und schien ganz
in eine jener mädchenhaften Grübeleien versunken zu sein, die oft dem
Auge eines Vaters, ja dem Scharfblick einer Mutter entgehen. Man weiß
dann nicht, ob man die Schatten, die unbestimmt über das Gesicht
huschen, wie schwache Wölkchen über einen klaren Himmel, dem Spiel des
Lichts oder geheimem Kummer zuschreiben soll.
Der Mann und die Frau beschäftigten sich in diesem Augenblick gar nicht
mit den beiden älteren Kindern. Dennoch hatte mehrmals ein prüfender
Blick des Generals die stumme Szene überschaut, die den zweiten Teil
dieses häuslichen Gemäldes bildete und schon eine anmutige
Verwirklichung der Hoffnungen darstellte, die das Kinderspiel im
Vordergrunde leise andeutete. Diese Gestalten gaben ein Abbild des
menschlichen Lebens in seinen verschiedenen Abstufungen und schlossen
sich zu einer Art lebenden Gedichts zusammen. Die luxuriöse Ausstattung
des Salons, die verschiedenen Stellungen, die Gegensätze der verschieden
gefärbten Kleidung, die Kontraste der Gesichter, die die
Altersunterschiede an sich schon und dann auch die Lichteffekte
hervortreten ließen, breiteten über dieses Menschheitsbild all den
Reichtum und die Mannigfaltigkeit, die man von den Darstellungen eines
Bildhauers, eines Malers, eines Schriftstellers fordert.
Schließlich verliehen noch die Stille und der Winter, die Einsamkeit und
die Nacht dieser erhabenen und naiven Szene die ihnen eigne Majestät,
einen köstlichen Natureffekt hinzufügend. Das eheliche Leben hat viele
solcher geheiligten Stunden, deren unerklärlicher Reiz vielleicht auf
das Hineinspielen einer bessern Welt zurückzuführen ist. Ohne Zweifel
schimmern himmlische Strahlen über diesen Szenen, die den Menschen für
einen Teil seiner Leiden belohnen und ihm das Erdenleben erträglich
machen sollen. Dann gewinnt für unser Auge die ganze Welt eine
wohlgefällige Form, wir erhalten Einblick in die erhabene Ordnung des
Weltgeists, und auch die Gesetze des Gesellschaftslebens erscheinen uns
gerechtfertigt im Sinne der Zukunft.
Obwohl Helene einen zärtlichen Blick auf Abel und Moina warf, als die
beiden wieder einmal in hellen Jubel ausbrachen, und obwohl ihr Gesicht
vor Glück strahlte, wenn sie verstohlen ihren Vater betrachtete, so lag
doch der Ausdruck einer tiefen Schwermut in ihren Gebärden, in ihrer
Haltung und vor allem in ihren von langen Wimpern verschleierten Augen.
Ihre weißen, kräftigen Hände, durch die das Licht fiel, um ihnen ein
durchscheinendes, fast flüssiges Rosa mitzuteilen -- jawohl, diese Hände
zitterten. Ein einziges Mal begegneten sich unversehens Helenens Augen
und die der Marquise. Diese beiden Frauen sagten sich da mit einem
einzigen Blick ihre Meinung: er war kalt und ehrerbietig bei Helene,
finster und drohend bei der Mutter.
Helene schlug sogleich die Augen zu ihrer Arbeit nieder, bewegte flink
die Nadel und hob lange Zeit den Kopf nicht wieder, der ihr fast zu
schwer zu werden schien. War die Mutter übermäßig streng gegen ihre
Tochter, und hielt sie diese Strenge für notwendig? War sie eifersüchtig
auf die Schönheit Helenens, mit der sie schließlich noch den Kampf
aufnehmen konnte, freilich nur, wenn sie allen Zauber der Toilette
entfaltete? Oder hatte dieses Mädchen, wie viele Mädchen, wenn ihr Blick
sich klärt, Geheimnisse durchschaut, die die dem Anschein nach ihren
Pflichten so treue Frau in ihr Herz ebenso tief wie in ein Grab zu
versenken geglaubt hatte?
Helene war in ein Alter gekommen, wo die Reinheit der Seele manchmal
eine Gesinnung mit sich bringt, deren Härte gegen sich selbst das
richtige Maß überschreitet, und zu einem fast unnatürlichen Gefühl wird.
In gewissen Geistern nehmen Fehler die Größe von Verbrechen an; dann
wirkt die Phantasie noch auf das Gewissen ein, und die jungen Mädchen
übertreiben dann die Bestrafung, die sie sich selbst auferlegen, als
wenn sie eine Missetat begangen hätten.
Helene schien sich selbst für ganz unwürdig zu halten. Ein Geheimnis
ihres früheren Lebens, ein unglücklicher Zufall vielleicht, den sie
zuerst gar nicht verstanden, der aber, als ihr Verstand empfänglicher
wurde und der Einfluß religiöser Begriffe sich geltend machte, an
Bedeutung immer mehr gewonnen hatte, schien vor kurzem erst schließlich
dazu geführt zu haben, daß sie in romantischer Übertreibung sich in
ihren eigenen Augen tief erniedrigt hatte.
Dieses veränderte Benehmen hatte an dem Tage begonnen, als sie in einer
vor kurzem erschienenen Ausgabe ausländischer Theaterstücke die schöne
Tragödie >Wilhelm Tell< von Schiller las. Die Mutter schalt die Tochter,
daß sie das Buch hatte fallen lassen, und bemerkte dann, daß der
Aufruhr, den diese Lektüre in Helenens Seele hervorgerufen hatte, im
besondern auf die Szene zurückzuführen war, wo der Dichter eine Art von
Brudergemeinschaft aufstellt zwischen Wilhelm Tell, der zur Befreiung
eines ganzen Volks Menschenblut vergießt, und zwischen Johann Parricida.
Helene wurde demütig, fromm und nachdenklich und wünschte nicht mehr zu
Balle zu gehen. Noch nie war sie so zärtlich zu ihrem Vater gewesen,
besonders wenn die Mutter ihre mädchenhaften Schmeicheleien und
Liebkosungen nicht mitansah. Und wenn auch in dem Verhältnis zur Mutter
eine gewisse Kälte herrschte, so kam sie doch so wenig zum Ausdruck, daß
der General nichts davon bemerken konnte, so eifersüchtig er auch auf
Einmütigkeit in seiner Familie hielt. Keines Menschen Augen wären
scharfblickend genug gewesen, die Tiefen dieser beiden Frauenherzen zu
ergründen: das eine war jung und edelmütig; das andere stolz und
feinfühlend; das erste voll Duldsamkeit, das zweite voll Klugheit bei
aller Liebe. Wenn die Mutter einen gewissen Despotismus gegen die
Tochter walten ließ, so merkte jedenfalls niemand, als die Tochter
selbst, auch nur das geringste von dieser weiblichen Zucht.
Übrigens ließen erst die Dinge, die da kommen sollten, diese unlösbaren
Mutmaßungen aufkommen. Bis zu dieser Nacht war noch nie der Blitz einer
Anklage diesen beiden Seelen entfahren; aber zwischen ihnen und Gott
stand sicherlich ein finsteres Geheimnis.
»Nun, hurtig, Abel,« rief die Marquise und benützte einen Augenblick, wo
Moina und ihr Bruder ermüdet waren und sich still verhielten, »komm,
mein Sohn, du mußt zu Bett ...«
Und sie warf ihm einen gebieterischen Blick zu und nahm ihn rasch auf
die Knie.
»Was?« sagte der General, »es ist halb elf Uhr, und von unserer
Dienerschaft ist noch niemand zurückgekommen? So eine Sippschaft! --
Gustav,« setzte er hinzu, sich zu seinem Sohne wendend, »ich habe dir
das Buch nur unter der Bedingung gegeben, daß du es um zehn Uhr weglegen
solltest. Du hättest es zu der festgesetzten Stunde von selbst zuklappen
und schlafen gehen sollen, wie du es mir versprochen hattest. Wenn du
einmal ein tüchtiger Mensch werden willst, muß dir dein Wort ein zweites
Glaubensbekenntnis sein, und du mußt daran festhalten, wie an deiner
Ehre. Fox, einer der größten Redner Englands, zeichnete sich ganz
besonders durch Schönheit seines Charakters aus. Die Treue gegen die
übernommenen Verpflichtungen ist die hauptsächlichste seiner
Eigenschaften. In seiner Kindheit hatte sein Vater, ein Engländer vom
alten Schlage, ihm eine sehr nachdrückliche Lehre erteilt, die einen
untilgbaren Eindruck auf das Gemüt eines kleinen Kindes machen mußte.
Als Fox so alt war wie du, war er während der Ferien bei seinem Vater,
der, wie alle reichen Engländer, einen ziemlich großen Park um sein
Schloß hatte. In diesem Park stand ein alter Kiosk, der niedergerissen
und an einer andern Stelle, von wo man eine großartige Aussicht hatte,
wieder aufgebaut werden sollte. Kinder sehen nun gern zu, wenn etwas
niedergerissen wird. Der kleine Fox wollte noch ein paar Tage länger
Ferien haben, um beim Abbruch des Pavillons mit dabei zu sein; aber sein
Vater verlangte, daß er pünktlich zum Schulanfang ins Gymnasium
zurückkehrte. Da gab es nun einen kleinen Aufstand zwischen Vater und
Sohn. Die Mutter, wie alle Mamas, stand dem kleinen Fox bei. Der Vater
versprach daher seinem Sohne feierlichst, mit der Niederreißung des
Kioskes bis zu den nächsten Ferien zu warten. Fox kehrte ins Gymnasium
zurück. Der Vater glaubte, ein kleiner Junge würde über seinen Studien
die ganze Geschichte vergessen; er ließ den Kiosk ruhig abreißen und an
einer andern Stelle wieder aufbauen. Der eigensinnige Knabe aber dachte
nur an den Kiosk. Als er wieder zu seinem Vater kam, war sein erstes,
nach dem alten Bauwerk zu sehen; aber er kam ganz traurig zum Frühstück
heim, und sagte zu seinem Vater: »Ihr habt mich belogen.« Der alte
Gentleman verlor in seiner Verwirrung seine Würde nicht und antwortete:
»Das ist wahr, mein Junge, aber ich werde meinen Fehler wieder
gutmachen. Auf sein Wort muß man mehr halten als auf sein Geld, und
alles Geld wäscht den Fleck nicht vom Gewissen, den ein Wortbruch
zurückläßt.« Der Vater ließ den alten Pavillon, genau wie er gewesen
war, wiederaufbauen, und als dies geschehen war, befahl er, ihn vor den
Augen seines Sohnes abzutragen. Dies, Gustav, diene dir zur Lehre!«
Gustav hatte seinem Vater aufmerksam zugehört und schloß sofort das
Buch. Einen Augenblick herrschte Schweigen, und der General nahm Moina
an sich, die mit dem Schlaf kämpfte, und legte sie sanft auf seinen
Schoß. Die Kleine ließ den haltlosen Kopf auf des Vaters Brust sinken
und schlief dort gleich ein, eingehüllt in die goldenen Vorhänge ihres
hübschen Haars.
In diesem Augenblick hallten eilige Schritte auf der Straße, und
plötzlich geschahen drei Schläge gegen die Tür und weckten das Echo des
Hauses. Diese langanhaltenden Schläge hatten einen ebenso eindringlichen
Klang wie der Schrei eines Menschen in Todesgefahr. Der Wachhund heulte
wütend. Helene, Gustav, der General und seine Frau zitterten heftig;
aber Abel, dem die Mutter das Nachtkleid vollends übergezogen hatte,
und Moina wurden nicht munter.
»Der hat's eilig!« rief der Soldat und legte sein Kind auf den Sessel.
Er verließ rasch den Salon, ohne auf die Bitte seiner Frau zu hören, die
ihm nachrief:
»Lieber Mann, geh' doch nicht hin --«
Der Marquis ging in sein Schlafzimmer, nahm ein Paar Pistolen an sich,
brannte seine Blendlaterne an, eilte zur Treppe, rannte blitzschnell
hinab und stand binnen kurzem an der Tür seines Hauses, wohin der Sohn
ihm unerschrocken folgte.
»Wer ist da?« fragte er.
»Machen Sie auf!« antwortete eine Stimme keuchend und ganz außer Atem.
»Gut Freund?«
»Ja, Freund.«
»Allein?«
»Ja -- doch auf, auf, sonst kommen sie!«
Sobald der General die Tür ein wenig geöffnet hatte, schlüpfte ein
Mensch mit der phantastischen Geschwindigkeit eines Schattens herein;
der General mußte nachgeben, denn der Unbekannte stieß die Pforte mit
einem kraftvollen Fußtritt auf und lehnte sich gleich darauf
entschlossen mit dem Rücken dagegen, wie um zu verhindern, daß man sie
wieder öffne. Der General hob rasch die Pistole und die Blendlaterne zur
Brust des Fremden, um ihm Respekt einzuflößen, und sah einen Mann von
mittlerem Wuchs vor sich, der in einen weiten, nachschleppenden Pelzrock
gehüllt war, wie ihn alte Leute tragen. Das Kleidungsstück schien daher
auch nicht für ihn gemacht. Der Flüchtling trug, ob aus Vorsicht oder
Zufall, den Hut tief auf der Stirn, bis an die Augen hinabgedrückt.
»Mein Herr,« sagte er zum General, »senken Sie die Mündung Ihrer
Pistole. Ich will ja ohne Ihre Einwilligung gar nicht hierbleiben; aber
wenn ich gehe, wartet meiner der Tod an der Barrière. Und welcher Tod!
Sie hätten sich vor Gott dafür zu verantworten. Ich bitte Sie um
Gastfreundschaft auf zwei Stunden. Bedenken Sie, mein Herr, so
flehentlich ich auch bitte, so muß ich doch auch mit dem Despotismus der
Notwendigkeit Forderungen stellen. Ich verlange arabische
Gastfreundschaft. Ich muß Ihnen heilig sein. Wo nicht, so öffnen Sie,
und ich werde sterben. Verschwiegenheit, ein Obdach und Wasser, das
ist's, was mir nottut. O, Wasser!« wiederholte er in röchelndem Tone.
»Wer sind Sie?« fragte der General, überrascht von der fieberhaften
Zungenfertigkeit, mit der der Unbekannte sprach.
»Ach, wer ich bin? Gut, so öffnen Sie, und ich gehe,« antwortete der
Mensch im Tone höllischer Ironie.
Trotz der Geschicklichkeit, mit der der General das Licht seiner Laterne
spielen ließ, konnte er nur den unteren Teil dieses Gesichts sehen, und
da sprach nichts zugunsten einer so seltsam geforderten
Gastfreundlichkeit: die Wangen waren blaß und zuckten, die Züge
krampfhaft zusammengezogen. In dem Schatten, den der Hut warf, loderten
die Augen wie zwei Lichter, die fast den schwachen Schein der Kerze
überstrahlten. Doch, es mußte ihm eine Antwort gegeben werden.
»Herr,« sagte der General, »Ihre Rede ist so sonderbar, daß Sie wohl an
meiner Stelle --«
»Mein Leben liegt in Ihrer Hand!« schrie der Fremde mit entsetzlicher
Stimme, seinen Wirt unterbrechend.
»Zwei Stunden?« fragte der Marquis unschlüssig.
»Zwei Stunden,« wiederholte der Mensch.
Aber plötzlich stieß er mit einer Gebärde der Verzweiflung den Hut
zurück, entblößte die Stirn und warf, als wollte er einen letzten
Versuch machen, einen Blick, dessen heller Glanz dem General in die
Seele drang. Dieser Strahl von Geist und Willenskraft glich einem Blitz
und wirkte ebenso zermalmend; denn es gibt Augenblicke, wo den Menschen
eine unerklärliche Macht verliehen ist.
»Nun denn, wer Sie auch sein mögen, Sie sollen unter meinem Dach in
Sicherheit sein,« sagte der Hausherr ernst und glaubte einer jener
triebartigen Regungen zu gehorchen, über die der Mensch sich manchmal
keine Rechenschaft geben kann.
»Gott vergelte es Ihnen,« setzte der Fremde hinzu und stieß einen tiefen
Seufzer aus.
»Sind Sie bewaffnet?« sagte der General.
Statt aller Antwort öffnete der Fremde seinen Pelz und schlug ihn
schnell wieder zusammen, so daß der General nichts Genaues hatte sehen
können. Er war anscheinend ohne Waffen und in der Kleidung eines jungen
Mannes, der vom Ball kommt. So flüchtig der Überblick des mißtrauischen
Soldaten gewesen war, so sah er doch genug, um aufzurufen:
»Wo zum Teufel können Sie sich so beschmutzt haben? Es ist doch
trockenes Wetter.«
»Noch immer Fragen?« versetzte der Unbekannte in hochmütigem Tone.
In diesem Augenblick bemerkte der Marquis seinen Sohn und erinnerte sich
der Lehre, die er ihm eben über strenge Befolgung des gegebenen Wortes
erteilt hatte. Es verdroß ihn so sehr, ihn nun hier zu sehen, daß er in
zornigem Tone zu ihm sagte:
»Wie, Hans Narr, du bist hier, statt im Bett zu sein?«
»Ich glaubte, ich könnte Ihnen in der Gefahr von Nutzen sein,«
antwortete Gustav.
»Marsch, auf dein Zimmer,« sagte der Vater, von der Antwort seines
Sohnes besänftigt. »Und Sie,« wendete er sich an den Unbekannten,
»folgen Sie mir!«
Sie beobachteten nun Schweigen, wie zwei Spieler, die einander
mißtrauen. Der General begann sich sogar finstern Ahnungen hinzugeben.
Der Unbekannte lastete ihm bereits wie ein Alpdruck auf der Seele; aber
da er ihm sein Wort gegeben hatte, so führte er ihn über die Korridore
und Treppen seines Hauses und ließ ihn in ein großes, im zweiten Stock
gelegenes Zimmer, gerade über dem Salon, treten.
Dieser unbenutzte Raum diente im Winter als Trockenboden und hing mit
keinem andern Gemach zusammen. An seinen vier vergilbten Wänden war
weiter kein Schmuck, als ein unschöner kleiner Spiegel, den der frühere
Besitzer auf dem Kaminsims hatte stehen lassen, und ein großer Spiegel,
für den sich beim Einzug des Marquis keine Verwendung gefunden hatte.
Man hatte ihn daher zufälligerweise dem Kamin gegenüber aufgehängt. Der
Fußboden dieser großen Mansarde war nie gescheuert worden, die Luft war
eisig, und zwei alte Stühle, an denen das Stroh zerrissen war, bildeten
das einzige Mobiliar.
Nachdem der General seine Laterne auf den Ofensims gestellt hatte, sagte
er zu dem Unbekannten:
»Sie müssen sich mit dieser kläglichen Mansarde begnügen, um in
Sicherheit zu sein. Und da Sie mein Wort haben, daß ich Verschwiegenheit
wahren werde, so erlauben Sie mir wohl, Sie einzuschließen.«
Der Mensch senkte den Kopf, zum Zeichen des Einverständnisses.
»Ich habe nichts verlangt als ein Asyl, Verschwiegenheit und Wasser,«
bemerkte er.
»Wasser werde ich Ihnen bringen,« antwortete der Marquis, der sorgsam
die Tür zuschloß und sich zum Salon hinabtastete, um dort einen Leuchter
zu nehmen und dann aus der Geschirrkammer selbst eine Karaffe zu holen.
»Nun, was gibt es?« fragte die Marquise lebhaft ihren Mann.
»Nichts, meine Liebe,« antwortete er in kaltem Tone.
»Aber wir haben doch genau gehört, daß Sie jemand dort hinaufgeführt
haben.«
»Helene,« versetzte der General und sah seine Tochter an, die den Kopf
zu ihm erhob, »bedenke, die Ehre deines Vaters hängt von deiner
Verschwiegenheit ab. Du darfst nichts gehört haben.«
Das junge Mädchen antwortete mit einem bezeichnenden Kopfnicken. Die
Marquise war verwundert über die Methode, die hier ihr Mann anwandte, um
der Tochter Schweigen aufzuerlegen. Ja seine Worte gaben ihr einen Stich
ins Herz. Der General holte eine Karaffe und ein Glas und stieg in das
Zimmer hinauf, wo sich sein Gefangener befand. Der Mann lehnte mit
entblößtem Haupte, aufrecht stehend, an der Wand, in der Nähe des
Kamins. Den Hut hatte er auf einen der Stühle geworfen. Er war
jedenfalls nicht darauf gefaßt gewesen, plötzlich so hellem Licht
ausgesetzt zu sein. Seine Stirn legte sich in Falten, und sein Gesicht
nahm eine besorgte Miene an, als sein Blick den durchdringenden Augen
des Generals begegnete; aber er beruhigte sich und zeigte ein
freundliches Gesicht, um seinem Beschützer zu danken. Als der letztere
das Glas und die Karaffe auf den Ofensims gestellt hatte, richtete der
Unbekannte wieder einen so flammenden Blick wie zuvor auf ihn und brach
das Schweigen.
»Mein Herr,« sagte er mit einer sanften Stimme, die nichts mehr von dem
Röcheln von vorhin, doch noch immer ein inneres Beben verriet, »ich
werde Ihnen absonderlich erscheinen. Entschuldigen Sie Absonderlichkeiten,
die die Not gebietet. Wenn Sie hier bleiben, so bitte ich Sie darum, mir
nicht beim Trinken zuzusehen.«
Ärgerlich, beständig einem Menschen gehorchen zu müssen, der ihm
mißfiel, drehte der General sich brüsk um. Der Fremde zog ein weißes
Tuch aus der Tasche, umwickelte sich damit die rechte Hand, ergriff dann
die Karaffe und leerte sie auf einen Zug. Der Marquis hatte das
stillschweigend gegebene Versprechen nicht brechen wollen, aber er
blickte mechanisch in den Spiegel, und die gegenseitige Stellung der
beiden Glasscheiben erlaubte ihm, den Fremden vollständig zu
überschauen.
Da sah er denn das Tuch plötzlich sich rot färben; denn die Hände, die
es berührten, waren voll Blut.
»Ah, Sie haben mich beobachtet,« rief der Mann, als er getrunken hatte.
Er hüllte sich in den Mantel und betrachtete den General mißtrauisch.
»Ich bin verloren -- sie kommen, da sind sie!«
»Ich höre nichts,« sagte der Marquis.
»Sie sind nicht mit dem Herzen dabei wie ich und können die fernen
Geräusche nicht so hören.«
»Sie haben also ein Duell gehabt, daß Sie so mit Blut bedeckt sind?«
fragte der General, tief ergriffen, als er die Farbe der großen Flecke
erkannte, mit denen die Kleider seines Gastes getränkt waren.
»Ja, ein Duell, Sie haben es getroffen,« wiederholte der Fremde, und ein
bitteres Lächeln huschte über seine Lippen.
In diesem Augenblick erklang das Geräusch mehrerer scharf galoppierender
Pferde in der Ferne; aber es war so schwach wie der erste Lichtschein am
Morgen.
Das geübte Ohr des Generals erkannte die Gangart von militärisch
gedrillten Pferden, die gewohnt waren, in der Schwadron zu laufen.
»Das ist Gendarmerie,« sagte er.
Er warf dem Gefangenen einen Blick zu, der ihn über die Zweifel
beruhigen sollte, die seine unwillkürliche Neugierde in ihm erweckt
haben mochte, nahm das Licht und kehrte in den Salon zurück. Kaum hatte
er den Schlüssel zu dem oberen Zimmer auf den Kamin gelegt, als der Lärm
der Reiter deutlicher wurde und sich mit einer Schnelligkeit, über die
er erschrak, dem Pavillon näherte.
In der Tat machten die Pferde vor der Pforte des Hauses Halt. Nach ein
paar Worten mit seinen Kameraden stieg ein Reiter ab, klopfte ungestüm
und nötigte den General, zu öffnen. Dieser vermochte eine geheime
Erregung nicht zu verbergen, als er sechs Gendarmen sah, deren
goldbetreßte Hüte im Mondlicht blitzten.
»Gnädiger Herr,« fragte ein Brigadier, »haben Sie nicht eben jetzt einen
Menschen nach der Barrière zu laufen hören?«
»Nach der Barrière zu? Nein.«
»Sie haben Ihre Tür niemand geöffnet?«
»Pflege ich denn meine Tür persönlich zu öffnen --?«
»Verzeihung, General, auch jetzt, dünkt mich --«
»Ach was!« rief der Marquis zornig, »wollen Sie sich über mich lustig
machen? Wie kommen Sie dazu?«
»Keineswegs, keineswegs, gnädiger Herr,« versetzte der Brigadier höflich.
»Sie werden uns unsern Diensteifer nicht verübeln. Wir wissen recht
wohl, ein Pair von Frankreich läßt sich nicht dazu herbei, zu solcher
Stunde der Nacht einen Mörder aufzunehmen; aber der Wunsch,
Erkundigungen einzuziehen --«
»Einen Mörder!« rief der General. »Und wer ist denn der --?«
»Baron de Mauny ist eben durch einen Beilhieb getötet worden,« erwiderte
der Gendarm. »Aber der Mörder wird eifrig verfolgt. Wir sind gewiß, daß
er sich in dieser Gegend befindet, und werden ihn aufspüren.
Entschuldigen Herr General!«
Der Gendarm bestieg bei diesen Worten sein Pferd, so daß er
glücklicherweise nicht das Gesicht des Generals sehen konnte. Der
Brigadier, gewohnt, überall auf der Lauer zu sein, hätte vielleicht
Verdacht geschöpft beim Anblick dieses offenen Gesichts, das die
Seelenregungen so getreu widerspiegelte.
»Kennt man den Namen des Mörders?« fragte der General.
»Nein,« antwortete der Reiter. »Er hat den Schreibtisch voll Gold und
Banknoten gelassen, ohne etwas anzurühren.«
»Also ein Racheakt,« sagte der Marquis.
»Ah bah -- an einem alten Manne? -- Nein, nein, der Galgenvogel hat nur
nicht Zeit gehabt, sein Werk zu vollenden.«
Und der Gendarm setzte seinen Kameraden nach, die schon in die Ferne
sprengten. Der General stand eine Weile in einer Verblüffung da, die
leicht begreiflich ist. Bald darauf hörte er seine Diener kommen; sie
sprachen hitzig miteinander, und ihre Stimmen hallten laut auf der
Montreuiler Straße. Sein Zorn suchte einen Vorwand, sich Luft zu machen,
und entlud sich nun, als sie ankamen, wie ein Donnerschlag über ihren
Häuptern. Seine Stimme hallte durch das Haus, daß es zitterte.
Als der Beherzteste und Gewandteste unter ihnen ihre Verspätung damit
entschuldigte, daß sie am Eingang von Montreuil von Gendarmen und
Polizisten aufgehalten worden seien, die einen Mörder gesucht hätten,
beruhigte er sich plötzlich wieder und schwieg. Durch diese Ausrede an
die Pflichten seiner sonderbaren Lage erinnert, befahl er kurzweg allen
seinen Leuten, auf der Stelle schlafen zu gehen. Sie wunderten sich
darüber, daß der Kammerdiener mit seiner Lüge so gut durchgekommen war.
Aber während dies sich im Hofe zutrug, hatte ein anscheinend ganz
unbedeutender Vorfall die Lage der andern Personen, die in dieser
Geschichte mitwirken, umgestaltet. Der Marquis war kaum hinausgegangen,
als seine Frau abwechselnd den Mansardenschlüssel und ihre Tochter ansah
und schließlich, sich zu ihrer Tochter neigend, mit leiser Stimme sagte:
»Helene, Dein Vater hat den Schlüssel auf dem Kaminsims liegen lassen.«
Das junge Mädchen hob erstaunt den Kopf und sah zaghaft die Mutter an,
deren Augen vor Neugierde blitzten.
»Und -- was denn, Mama?« antwortete sie bestürzt.
»Ich möchte wissen, was dort oben vorgeht. Wenn jemand da ist, so hat
er sich jedenfalls noch nicht gerührt. Geh hinauf ...«
»Ich?« fragte das junge Mädchen entsetzt.
»Fürchtest du dich?«
»Nein, Mama, aber ich habe den Schritt eines Mannes gehört.«
»Wenn ich selbst gehen könnte, würde ich dich nicht gebeten haben,
hinaufzugehen, Helene,« versetzte die Mutter in einem Tone kalter Würde.
»Wenn dein Vater wiederkäme und mich nicht fände, würde er mich
vielleicht suchen. Dich wird er nicht vermissen.«
»Madame,« antwortete Helene, »wenn Sie es mir befehlen, so geh' ich --
aber ich werde die Achtung vor meinem Vater verlieren ...«
»Wie?« versetzte die Marquise in ironischem Tone. »Doch da du ernsthaft
aufnimmst, was nur ein Scherz war, so gebiete ich dir jetzt, geh' hinauf
und sieh nach, wer dort oben ist. Hier ist der Schlüssel, meine Tochter.
Wenn dir dein Vater Schweigen über das, was in diesem Augenblick bei ihm
vorgeht, auferlegt hat, so verbot er dir damit keineswegs, in dieses
Zimmer zu gehen. Geh' und wisse, daß sich eine Tochter niemals ein
Urteil über ihre Mutter erlauben darf ...«
Diese letzten Worte sprach die Marquise mit aller Strenge einer
gekränkten Mutter, dann nahm sie den Schlüssel und gab ihn Helene, die
sich ohne ein Wort erhob und den Salon verließ.
»Meine Mutter wird freilich seine Verzeihung zu erlangen wissen, aber
ich werde meines Vaters Gunst für alle Zeit verscherzt haben. Will sie
mich der Liebe berauben, die er für mich hat, will sie mich aus dem
Hause jagen?«
Diese Gedanken gärten plötzlich in ihrem Geist, während sie ohne Licht
den Korridor entlangschritt, an dessen Ende die Tür des geheimnisvollen
Zimmers lag. Als sie dort ankam, waren ihre Begriffe in fast unheilvolle
Verwirrung geraten. Die unklaren Ideen hatten mit einem Schlage tausend
bisher in ihrem Herzen zurückgehaltenen Gefühlen freien Lauf gegeben.
Sie glaubte vielleicht schon nicht mehr an eine glückliche Zukunft und
verzweifelte nun in diesem Augenblick vollends an ihrem Leben.
Als sie den Schlüssel dem Schloß näherte, zitterte sie krampfhaft, und
ihre Aufregung wurde so stark, daß sie einen Augenblick innehielt, um
die Hand aufs Herz zu pressen, als hätte sie die Macht, das heftige,
laute Pochen zu unterdrücken. Endlich machte sie die Tür auf. Der Mörder
hatte ohne Zweifel auf das Kreischen der Angeln nicht geachtet. Obgleich
sein Gehör sehr scharf war, blieb er regungslos, anscheinend in Gedanken
verloren, stehen, wie an die Wand geklebt. Der Lichtkreis, den die
Laterne warf, beleuchtete ihn matt, und er glich in diesem Helldunkel
jenen finsteren Ritterstatuen, die, immer in aufrechter Haltung, an den
Ecken schwarzer Gräber über gotischen Kapellen stehen.
Perlen kalten Schweißes standen auf seiner gelben, breiten Stirn. Eine
unglaubliche Kühnheit erleuchtete das heftig zusammengezogene Gesicht.
Seine starren, trockenen Augen glühten und schienen über einen Kampf in
dem Dunkel, das vor ihm lag, nachzusinnen. Stürmische Gedanken jagten
schnell über dieses Gesicht hin, dessen fester, entschlossener Ausdruck
auf eine Seele höherer Art deutete. Sein Körper, seine Haltung, seine
Größenverhältnisse stimmten mit diesem wilden Geist überein.
Dieser Mann war ganz Kraft und Gewalt, und er spähte in die Finsternis,
als erblickte er darin das deutliche Abbild seiner Zukunft. Der General,
gewohnt, die energischen Gesichter der Riesen zu sehen, die sich um
Napoleon drängten, und überdies von einer berechtigten Neugierde
beherrscht, hatte auf das eigentümliche Äußere dieses Mannes kaum
geachtet; aber Helene, die, wie alle Frauen, äußeren Eindrücken sehr
zugänglich war, fühlte sich sogleich durch die Mischung von Licht und
Schatten, von Grandiosem und Leidenschaft, von einem poetischen Chaos
gefesselt, das dem Unbekannten das Aussehen des sich von seinem Fall
erhebenden Luzifers verlieh.
Plötzlich folgte dem Sturm, der sich auf seinem Antlitz malte, wie durch
Zauber die Ruhe, und eine unerklärliche Macht, für die der Fremde,
vielleicht ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, Quelle und Gegenstand
zugleich war, breitete sich mit der Geschwindigkeit der Überflutung um
ihn her aus. Eine Sturzwelle von Gedanken schien von seiner Stirn
hinwegzuströmen, als nun seine Züge ihre natürliche Form wiedergewannen.
Das junge Mädchen, bezaubert von der Seltsamkeit dieser Begegnung und
von dem Geheimnis, in das sie drang, konnte nun ein sanftes,
interessantes Gesicht bewundern. Sie stand eine Zeitlang in magischem
Schweigen da, von Regungen erfüllt, die bisher ihre junge Seele nicht
gekannt hatte. Doch bald darauf -- ob nun Helene unwillkürlich einen
Ausruf getan, eine Bewegung gemacht, oder ob der Mörder, von der
Gedankenwelt zur wahren Welt zurückkehrend, außer seinem eigenen Atemzug
noch einen andern gehört hatte -- drehte er plötzlich den Kopf der
Tochter seines Wirtes zu und sah undeutlich im Schatten die hohe Gestalt
und die majestätischen Formen eines Geschöpfes, das er für einen Engel
halten mußte, als er es so unbeweglich und undeutlich wie eine
Erscheinung dastehen sah.
»Herr,« sagte sie mit bebender Stimme.
Der Mörder zitterte.
»Ein Weib!« rief er in sanftem Tone. »Ist's möglich? Entfernen Sie
sich,« fuhr er fort, »ich gestehe niemand das Recht zu, mich anzuklagen,
mich freizusprechen oder zu verurteilen. Ich muß für mich allein leben.
Gehen Sie, mein Kind,« setzte er hinzu, mit einer überlegenen,
herrischen Handbewegung, »ich würde den Dienst, den der Herr dieses
Hauses mir erwiesen hat, schlecht vergelten, wenn ich eine einzige der
Personen, die es bewohnen, die gleiche Luft mit mir atmen ließe. Ich muß
mich den Gesetzen der Welt unterwerfen.«
Dieser letzte Satz wurde mit leiser Stimme gesprochen. Indem er das
ganze Elend, das dieser schwermütige Gedanke in sich schloß, sich vor
seines Geistes Auge zu rufen schien, warf er auf Helene einen
schlangenartigen Blick und wirbelte damit im Herzen dieses seltsamen
jungen Mädchens eine Welt von Gedanken auf, die bisher darin
geschlummert hatten. Es war wie ein Licht, das unbekannte Länder
erleuchtet. Ihre Seele wurde zu Boden gedrückt und unterjocht, ohne daß
sie die Kraft fand, sich gegen die magnetische Gewalt dieses Blickes zu
wehren, so zufällig er auch auf sie gerichtet schien.
Beschämt und zitternd, ging sie und kehrte in den Salon zurück. Da im
nächsten Augenblick auch der Vater hereintrat, so konnte sie ihrer
Mutter nichts sagen.
Der General, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, schritt schweigend
auf und ab. Mit gekreuzten Armen ging er in militärischem Takt von den
Fenstern, die auf die Straße hinausführten, bis zu den Gartenfenstern,
und wieder zurück. Seine Frau betrachtete den schlafenden Abel. Moina,
die auf dem Sessel lag, wie ein Vogel in seinem Nest, schlummerte
sorglos. Die ältere Schwester hielt ein Knäuel Seide in der einen, eine
Nadel in der andern Hand und starrte ins Feuer.
Das Schweigen, das im Salon draußen und im ganzen Hause herrschte, wurde
nur durch die schleppenden Schritte der Dienstboten unterbrochen, die
einer nach dem andern schlafen gingen, durch ein unterdrücktes Lachen,
ein letztes Echo ihrer Freude und des Hochzeitsfestes, dann durch die
Türen ihrer Kammern, die sie, miteinander sprechend, öffneten und gleich
darauf schlossen. Einige dumpfe Geräusche schallten auch noch um die
Betten her. Ein Stuhl fiel um. Das Husten eines alten Kutschers erklang
leise und verstummte.
Aber bald herrschte überall die düstere Majestät, die um Mitternacht
über der entschlafenen Natur liegt. Nur die Sterne funkelten. Frost
hatte die Erde gepackt. Kein Wesen sprach, nichts regte sich. Nur das
Feuer brauste und machte, daß die tiefe Stille nur noch tiefer erschien.
Die Uhr in Montreuil schlug eins. In diesem Augenblick hallten äußerst
leichte Schritte im Oberstock.
Der Marquis und seine Tochter glaubten bestimmt, den Mörder des Herrn de
Mauny eingeschlossen zu haben, schrieben dieses Geräusch einer der
Frauen zu und wunderten sich nicht weiter, als sie die Tür des vor dem
Salon liegenden Zimmers aufgehen hörten.
Plötzlich erschien der Mörder unter ihnen. Die Verblüffung des Marquis,
die lebhafte Neugierde der Mutter und das Erstaunen der Tochter
erlaubten ihm, bis in die Mitte des Salons vorzutreten, und in einer
seltsam ruhigen und klangvollen Stimme zum General zu sagen:
»Herr, die zwei Stunden gehen zu Ende.«
»Sie hier!« rief der General. »Wie haben Sie es vermocht -- --?«
Und mit einem furchtbaren Blick fragte er seine Frau und seine Kinder.
Helene wurde rot wie das Feuer.
»Sie,« fuhr der General in bebendem Tone fort, »Sie mitten unter uns!
Ein mit Blut bedeckter Mörder hier! Sie beschmutzen dieses Bild! Fort,
fort!« setzte er in wütendem Tone hinzu.
Bei dem Wort Mörder stieß die Marquise einen Schrei aus. Für Helene aber
schien es die Entscheidung des Lebens herbeizuführen, ihr Gesicht
verriet nicht das geringste Erstaunen. Sie schien diesen Menschen
erwartet zu haben. Allen ihren weiten Gedanken wohnte nur ein Sinn inne.
Die Strafe, die der Himmel ihr für ihre Fehler vorbehalten hatte, brach
herein. Das junge Mädchen hielt sich für ebenso verbrecherisch, wie
dieser Mann es war, und sah ihn nun heiteren Auges an. Sie war seine
Gefährtin, seine Schwester. Nach ihrer Überzeugung offenbarte sich ein
Gebot Gottes in diesem Zufall. Einige Jahre später hätte eine reifere
Vernunft sie über das Wesen ihrer Gewissensbisse besser aufgeklärt;
jetzt aber beraubten sie sie aller Besinnung. Der Fremde blieb
unbeweglich und kalt stehen. Ein verächtliches Lächeln lag auf seinen
Zügen und auf seinen vollen, roten Lippen.
»Sie erkennen schlecht den Edelsinn an, den ich in meinem Verhalten
gegen Sie beobachtet habe,« sagte er langsam. »Ich habe das Glas, darin
Sie mir Wasser reichten, meinen Durst zu stillen, nicht mit den Händen
berühren wollen. Ich habe nicht einmal daran gedacht, meine blutenden
Hände unter Ihrem Dach zu waschen, und wenn ich es verlasse, dann bleibt
von meinem Verbrechen« -- bei diesen Worten zogen sich seine Lippen
zusammen -- »nichts hier, als der Gedanke daran. Ich habe dieses Haus
gestreift und lasse keine Spur zurück. Ich habe nicht einmal Ihrer
Tochter erlaubt --«
»Meine Tochter!« rief der General und warf einen Blick des Entsetzens
auf Helene. »Ha, Unglückseliger, geh' oder ich bringe dich um!«
»Die zwei Stunden sind noch nicht verflossen. Sie können mich weder
töten noch ausliefern, ohne die Achtung vor sich selbst zu verlieren --
und auch die meine.«
Bei diesem letzten Worte versuchte der verblüffte Soldat den Verbrecher
anzusehen; aber er mußte die Augen niederschlagen, er fühlte sich nicht
imstande, das unerträgliche Feuer eines Blickes auszuhalten, der ihn zum
zweitenmal in innerster Seele verwirrte. Als er erkannte, daß seine
Willenskraft abermals schwach wurde, fürchtete er, wiederum weichen
Stimmungen nachzugeben.
»Einen Greis zu ermorden! Sie können nie etwas von Familienleben kennen
gelernt haben?« sprach er zu ihm und wies mit einer patriarchalischen
Gebärde auf Frau und Kinder.
»Ja, einen Greis!« wiederholte der Unbekannte, leicht die Stirn
runzelnd.
»Fliehen Sie!« rief der General, doch noch immer wagte er es nicht, den
Blick zu seinem Gast zu erheben. »Ich werde Sie nicht töten. Nein, ich
werde mich nie zum Geschäftsführer des Schafotts hergeben. Aber gehen
Sie -- Sie flößen uns Abscheu ein.«
»Das weiß ich,« antwortete der Verbrecher resigniert. »In Frankreich
gibt es kein Fleckchen Erde mehr, darauf ich in Sicherheit den Fuß
setzen könnte. Aber wenn die Gerechtigkeit im Sinne Gottes die besondern
Fälle zu beurteilen wüßte, wenn sie sich herabließe, zu erforschen, wer
von beiden das eigentliche Ungeheuer ist, der Mörder oder sein Opfer,
dann würde ich mit Stolz unter den Menschen bleiben. Können Sie sich
nicht denken, welche Verbrechen ein Mensch begangen haben muß, ehe er
von einem andern Menschen mit dem Beil niedergeschlagen wird? Ich habe
mich zum Richter und Henker aufgeworfen, ich habe die ohnmächtige
menschliche Gerechtigkeit ergänzt. Das ist mein Verbrechen. Adieu, Herr!
Trotz der Bitternis, mit der Sie Ihre Gastfreundschaft vermischt haben,
werde ich deren gedenken. In meiner Brust wird gegen einen Menschen auf
dieser Erde allzeit ein dankbares Gefühl wohnen, und dieser eine Mensch
sind Sie ... Aber ich hätte doch gewünscht, Sie wären edelmütiger
gewesen.«
Er ging auf die Tür zu. In diesem Augenblick neigte sich das junge
Mädchen zu ihrer Mutter und sagte ihr ein Wort ins Ohr.
»Ah ...!«
Der General erschrak über den Schrei, der seiner Frau entfuhr, so
heftig, als hätte er Moina tot gesehen. Helene stand hochaufgerichtet
da, und der Mörder war unwillkürlich umgekehrt, und auf sein Gesicht
trat der Ausdruck einer gewissen Sorge um diese Familie.
»Was haben Sie, liebe Frau?« fragte der Marquis.
»Helene will mit ihm gehen,« sagte sie.
Der Mörder errötete.
»Da meine Mutter so schlecht einen fast unwillkürlichen Ausruf
auslegt,« sagte Helene mit leiser Stimme, »so werde ich zur Tat machen,
was sie im Herzen wünscht.«
Nachdem das junge Mädchen einen stolzen, fast wilden Blick um sich her
geworfen hatte, senkte sie die Augen und stand in einer bewundernswerten
Haltung der Bescheidenheit da.
»Helene,« sagte der General, »du bist in die Kammer hinaufgegangen, in
die ich diesen Menschen gebracht hatte --?«
»Ja, mein Vater.«
»Helene,« fragte er mit einer von heftigem Zittern entstellten Stimme,
»ist es das erstemal, daß du diesen Menschen gesehen hast?«
»Ja, mein Vater.«
»Dann ist es unnatürlich, daß du die Absicht hast ...«
»Wenn es unnatürlich ist, so ist es doch wenigstens wahr, mein Vater.«
»Ha, meine Tochter,« sagte die Marquise mit leiser Stimme, doch so, daß
ihr Mann es hörte, »Helene, du verleugnest alle Grundsätze der Ehre, der
Bescheidenheit, der Tugend, die ich in deinem Herzen zu entwickeln
versucht habe. Wenn du bis zu dieser unseligen Stunde nie anders als
verlogen gewesen bist, dann bist du nicht zu bedauern. Ist es die
moralische Verkommenheit dieses Unbekannten, die dich verlockt? Wäre es
die Gewalt, die allen Menschen zu eigen sein muß, die ein Verbrechen
begehen -- --? Ich achte dich immer noch zu sehr, als daß ich glauben
könnte --«
»O, glauben Sie immerhin alles, Madame,« antwortete Helene in kaltem
Tone.
Aber trotz der Charakterstärke, die sie in diesem Augenblick bewies,
vermochte das Feuer ihrer Augen kaum die Tränen aufzuzehren, die ihr
dieselben füllten. Der Fremde erriet aus diesen Tränen des jungen
Mädchens, was die Mutter gesprochen hatte und warf den Blick eines
Adlers auf die Marquise, die, durch eine unwiderstehliche Macht
gezwungen, diesen schrecklichen Verführer ansah.
Als die Augen dieser Frau den hellen, leuchtenden Augen dieses Mannes
begegneten, empfand sie in tiefster Seele einen Schauer, ähnlich dem
Grausen, das uns beim Anblick eines Reptils befällt -- ähnlich den
Schlägen, die uns bei Berührung einer Leydener Flasche durchzucken.
»Mann,« rief sie ihrem Gatten zu, »es ist der Teufel! Er errät
alles --«
Der General erhob sich, um nach einer Klingelschnur zu greifen.
»Er stürzt Sie ins Verderben,« sagte Helene zu dem Mörder.
Der Unbekannte lächelte, tat einen Schritt, hielt den Marquis beim Arm
fest, zwang ihn, einen Blick auszuhalten, der ihn betäubte, und raubte
ihm so alle Willenskraft.
»Ich werde Ihnen Ihre Gastfreundschaft lohnen,« sagte er, »damit werden
wir quitt sein. Ich werde Ihnen eine ehrlose Handlung ersparen, indem
ich mich selbst ausliefere. Was soll ich schließlich noch im Leben
beginnen?«
»Sie können bereuen,« antwortete Helene und sah ihn mit einem jener
hoffnungsvollen Blicke an, die nur in den Augen von jungen Mädchen
aufleuchten können.
»Ich werde nie bereuen,« versetzte der Mörder mit tiefer Stimme und warf
stolz den Kopf zurück.
»Seine Hände sind mit Blut befleckt,« sagte der Vater zu seiner Tochter.
»Ich werde sie abwischen,« erwiderte sie.
»Aber,« fuhr der General fort, doch wagte er nicht, bei diesen Worten
gleichzeitig auf den Unbekannten hinzuzeigen, »weißt du denn auch, ob er
dich überhaupt haben will?«
Der Mörder schritt auf Helene zu, deren Schönheit, so keusch sie auch
war, und so sehr sie sich zu beherrschen wußte, von einer innern Glut
erstrahlte, deren Widerschein die kleinsten Züge und zartesten Linien
färbte und sozusagen hervortreten ließ. Nachdem er nun auf dieses
entzückende Geschöpf einen sanften Blick geworfen hatte, dessen Feuer
jedoch noch immer furchtbar war, sagte er im Tone tiefer Ergriffenheit:
»Zum Zeichen, daß ich Sie um Ihrer selbst willen liebe und keinen
Vorteil aus ihrer Leidenschaft für mich selbst ziehen will -- zum
Zeichen, daß ich die zwei Stunden Leben, die Ihr Vater mir gewährt hat,
zu bezahlen weiß -- zum Zeichen dessen weise ich Ihr Opfer, Ihre
Hingebung zurück.«
»Auch Sie stoßen mich von sich!« rief Helene in herzzerreißendem Tone.
»Dann lebt wohl, ihr alle. Ich gehe in den Tod!«
»Was bedeutet denn das?« fragten Vater und Mutter in gleichem Atem.
Helene schwieg und senkte die Augen, nachdem sie die Marquise mit einem
vielsagenden Blick forschend angesehen hatte. Seit dem Augenblick, wo
der General und seine Frau versucht hatten, durch Wort oder Handlung das
seltsame Vorrecht anzugreifen, das der Unbekannte sich anmaßte, indem er
in ihrer Mitte blieb, und seit dieser letztere das betäubende Licht, das
seinen Augen entströmte, voll auf sie gerichtet hatte, befanden sich
beide im Banne eines unerklärlichen Zaubers; alle Vernunft war in
Fesseln geschlagen und war nicht imstande, die übernatürliche Macht
zurückzustoßen, unter der sie zusammenbrachen.
Die Luft dünkte sie jetzt schwer und dick, und sie atmeten mühsam. Dabei
vermochten sie nichts gegen den zu sagen, der sie so im Zaume hielt,
obwohl eine innere Stimme ihnen deutlich sagte, der zauberhafte Mensch
allein sei der Urquell ihrer Ohnmacht. In diesem geistigen Todeskampfe
erkannte der General dennoch, daß seine Bemühungen sich jetzt nur darauf
richten müßten, auf die schwankende Vernunft seines Kindes einzuwirken.
Er nahm Helene um den Leib und trug sie in eine Fensternische. Hier war
sie dem Mörder fern.
»Mein geliebtes Kind,« sagte er mit leiser Stimme zu ihr, »wenn eine
seltsame Liebe plötzlich in deinem Herzen entstanden ist, so haben mir
dein Herz, dein Leben voll Unschuld, deine reine, fromme Seele so viel
Beweise deines Charakters gegeben, daß ich unmöglich glauben kann, es
fehle dir nun an der nötigen Energie, eine Regung des Wahnwitzes zu
bezähmen. Wenn du trotzdem daran festhältst, so steckt eben ein
Geheimnis dahinter. Nun, mein Herz ist ein Herz voll Duldsamkeit, du
kannst ihm alles anvertrauen. Und wenn du es zerrissest, mein Kind, so
würde ich den Kummer still in mir tragen und über dein Bekenntnis ein
unverbrüchliches Schweigen bewahren. Sprich, bist du etwa eifersüchtig
auf unsere Liebe zu deinen Brüdern und deiner jüngeren Schwester? Hast
du Liebeskummer? Fühlst du dich hier unglücklich? Sprich, erkläre mir
die Gründe, die dich dazu treiben, deiner Familie den Rücken zu kehren,
ihr ihren größten Schatz zu rauben, deine Mutter, deine Brüder, deine
kleine Schwester zu verlassen?«
»Mein Vater,« antwortete sie, »ich bin weder eifersüchtig, noch in
jemand verliebt, nicht einmal in Ihren Freund, den Diplomaten, Herrn de
Vandenesse.«
Die Marquise erbleichte, und ihre Tochter, die das bemerkte, hielt inne.
»Muß ich nicht früher oder später sowieso unter dem Schutze eines Mannes
leben?«
»Das ist wohl wahr.«
»Wissen wir jemals,« fuhr sie fort, »an was für ein Wesen wir unser
Schicksal knüpfen? Ich -- ich glaube an diesen Mann.«
»Kind,« sagte der General, die Stimme erhebend, »du bedenkst nicht, was
alles für Leiden auf dich einstürmen werden!«
»Ich denke an sein Leid.«
»Was für ein Leben wird deiner harren?« rief der Vater.
»Ein Frauenleben,« antwortete die Tochter leise.
»Du bist ja schon sehr klug,« rief die Marquise, die Sprache
wiederfindend.
»Madame, die Fragen schreiben mir die Antworten vor; aber wenn Sie es
wünschen, so werde ich deutlicher reden.«
»Sagen Sie alles, meine Tochter -- ich bin Mutter.«
Die Tochter sah die Mutter an, und die Mutter änderte ihren Ton.
»Helene, ich werde Ihre Vorwürfe auf mich nehmen, wenn Sie welche gegen
mich zu erheben haben. Das soll mir lieber sein, als Sie mit einem
Menschen gehen zu sehen, den alle Welt mit Abscheu flieht.«
»Sie sehen somit selbst, Madame, ohne mich würde er ganz allein sein.«
»Genug, Madame!« rief der General. »Wir haben fortan nur noch eine
Tochter.«
Und er sah Moina an, die noch immer schlief.
»Dich werde ich in ein Kloster bringen,« setzte er hinzu, sich zu Helene
wendend.
»Meinetwegen, mein Vater,« antwortete sie mit der Ruhe der Verzweiflung.
»So werde ich dort sterben. Sie haben für mein Leben und für _seine_
Seele ja nur Gott Rechenschaft abzulegen.«
Ein tiefes Schweigen folgte plötzlich auf diese Worte. Es war ein
Auftritt, der alle alltäglichen Begriffe des Lebens über den Haufen
warf, und die daran Beteiligten wagten nicht, einander anzusehen.
Plötzlich erblickte der Marquis seine Pistolen, ergriff eine, lud sie
schnell und richtete sie auf den Fremden. Bei dem Geräusch, das der Hahn
machte, drehte der Mann sich um und heftete seinen ruhigen,
durchdringenden Blick auf den General.
Von einer unüberwindlichen Schwäche befallen, sank der Arm des alten
Soldaten herab, und die Pistole fiel auf den Teppich.
»Meine Tochter,« sagte nun der Vater und gab den entsetzlichen Kampf
auf, »du bist frei. Küsse deine Mutter, wenn sie damit einverstanden
ist. Was mich betrifft, ich will von dir nichts mehr sehen und hören ...«
»Helene,« sagte die Mutter zu dem jungen Mädchen, »bedenke doch, du
wirst im Elend leben --!«
Ein Röcheln, das aus der breiten Brust des Mörders drang, lenkte ihren
Blick auf diesen. Ein Ausdruck der Verachtung war auf seinem Antlitz zu
lesen.
»Es kommt mir teuer zu stehen, daß ich Ihnen Gastfreundschaft gewährte,«
rief der General. »Vor kurzem haben Sie nur einen alten Mann umgebracht.
Hier morden Sie eine ganze Familie. Was auch geschehen möge, diesem
Hause steht Unglück bevor!«
»Und wenn Ihre Tochter glücklich ist?« fragte der Mörder und sah den
Soldaten fest an.
»Wenn sie glücklich ist mit Ihnen,« antwortete der Vater, sich mit Mühe
aufraffend, »so werde ich sie nicht bedauern.«
Helene kniete schüchtern vor ihrem Vater nieder und sagte in
liebkosendem Tone zu ihm:
»O, mein Vater, ich liebe und verehre Sie, ob Sie nun die Schätze Ihrer
Güte oder die Strenge des Zorns über mich ausschütten. Doch lassen Sie
diese jähzornigen Worte nicht Ihre letzten sein!«
Der General wagte nicht, seine Tochter anzusehen. In diesem Augenblick
trat der Fremde vor und sah Helene mit einem Lächeln an, das zugleich
etwas Höllisches an sich hatte.
»Du, der ein Mörder kein Entsetzen einflößt, Engel des Mitleids,« sagte
er, »komm, da du darauf bestehst, mir dein Geschick anzuvertrauen.«
»Unbegreiflich!« rief der Vater.
Die Marquise warf ihrer Tochter einen seltsamen Blick zu und öffnete ihr
die Arme. Helene sank ihr weinend an die Brust.
»Leb wohl,« sagte sie, »leb wohl, meine Mutter!«
Helene gab entschlossen dem Fremden einen Wink. Der Mann zitterte. Sie
küßte ihrem Vater die Hand, küßte in Eile, doch ohne Freude, Moina und
den kleinen Abel und verschwand mit dem Mörder.
»Wohin sind sie gegangen?« rief der General, auf die Schritte der beiden
Flüchtlinge lauschend.
»Madame,« fuhr er fort, sich an seine Frau wendend, »hinter diesem
Abenteuer steckt ein Geheimnis. Sie müssen es kennen.«
Die Marquise zitterte.
»Seit einiger Zeit,« antwortete sie, »war Ihre Tochter äußerst
romantisch geworden und zeigte oft seltsame Überschwenglichkeit. Trotz
all meiner Sorge, diesen Hang ihres Charakters zu bekämpfen ...«
»Das ist nicht klar.«
Aber der General glaubte jetzt im Garten die Schritte seiner Tochter und
des Fremden zu hören und sprach nicht weiter, sondern stürzte ans
Fenster und riß es auf.
»Helene!« schrie er hinaus.
Die Stimme verhallte in der Nacht wie eine vergebliche Prophezeiung.
Indem der General diesen Namen aussprach, der auf dieser Welt nun nichts
weiter mehr war als ein Name, brach er wie durch Zauber den Bann, in den
eine diabolische Gewalt ihn geschlagen hatte. Wie das Leuchten eines
Geistes huschte es ihm übers Gesicht. Er sah deutlich die Szene vor
sich, die sich eben abgespielt hatte, und verwünschte seine Schwäche,
die ihm unbegreiflich war. Wie eine heiße Welle flutete es ihm vom
Herzen zum Kopfe und zu den Füßen. Er wurde wieder er selbst, und in
schrecklicher Wut, in rasendem Rachedurst stieß er einen fürchterlichen
Schrei aus.
»Hilfe! Hilfe!«
Er rannte zu den Klingeln und zog an den Schnüren, als wollte er sie
zerreißen, und erweckte so ein Schellen aller Glocken, wie man es im
Schlosse noch nie vernommen hatte. Alle seine Leute fuhren entsetzt aus
den Betten. Er schrie noch immer, riß die Fenster nach der Straße auf,
rief die Gendarmen, fand seine Pistolen, feuerte sie ab, um die Reiter,
seine Leute und die Nachbarn zu schnellerem Laufe anzutreiben. Die
Hunde erkannten nun die Stimme ihres Herrn und bellten, die Pferde
wieherten und stampften. Es war ein schrecklicher Tumult in dieser
ruhigen Nacht. Als der General die Treppe hinablief, um hinter seiner
Tochter herzueilen, sah er seine entsetzten Leute von allen Seiten
zusammenkommen.
»Meine Tochter! -- Helene ist entführt worden! -- Geht in den Garten --
bewacht die Straße -- laßt die Gendarmen herein -- sucht den Mörder!«
Gleich darauf zerriß er in seiner Wut einfach die Kette, an der der
große Wachhund lag.
»Helene! Helene!« schrie er dem Tier zu.
Der Hund machte einen Satz wie ein Löwe, bellte wütend und stürzte so
schnell in den Garten hinein, daß der General ihm nicht folgen konnte.
In diesem Augenblick erklang der Galopp von Pferden auf der Straße, und
der General öffnete selbst in aller Eile.
»Brigadier,« rief er, »schneiden Sie dem Mörder des Herrn de Mauny den
Rückweg ab. Sie wollen durch meine Gärten. Schnell, besetzt die Wege
nach der Pikardie ... ich mache eine Treibjagd durch alles Land, durch
alle Gärten und Häuser. -- Ihr andern,« sagte er zu seinen Leuten,
»bewacht die Straße und besetzt die Strecke von der Barrière bis nach
Versailles! Vorwärts, allesamt!«
Er ergriff ein Gewehr, das ihm sein Kammerdiener brachte, eilte in die
Gärten und schrie dem Hunde zu:
»Such!«
Aus der Ferne antwortete ihm furchtbares Gebell, und er wandte sich nach
der Richtung, aus der das Geheul des Hundes zu kommen schien.
Um sieben Uhr morgens hatten die Nachsuchungen der Gendarmerie, des
Generals, seiner Leute und der Nachbarn noch keinen Erfolg gehabt. Der
Hund war nicht wiedergekommen. Erschöpft von der Anstrengung und durch
den Gram dieser Nacht rasch gealtert, kehrte der Marquis in den Salon
zurück, der für ihn nun verödet war, obgleich seine drei andern Kinder
noch da waren.
»Sie sind stets sehr kalt zu Ihrer Tochter gewesen,« sagte er, mit einem
Blick auf seine Frau. »Hier ist uns doch etwas von ihr geblieben,«
setzte er hinzu, auf den Stickrahmen zeigend, darauf er eine angefangene
Blume erblickte. »Eben war sie noch hier -- und nun verloren --
verloren!«
Er weinte, vergrub den Kopf in den Händen und saß eine Weile schweigend
da. Er mochte sich nicht mehr in dem Zimmer umsehen, das ihm einstmals
das Gemälde süßesten Hausglücks dargeboten hatte. Das Licht des Morgens
kämpfte mit den erlöschenden Lampen; die Kerzen versengten ihre
Papiermanschetten; alles stand im Einklang zu der Verzweiflung dieses
Vaters.
»Das Ding da muß vernichtet werden,« sagte er nach einem Augenblick des
Schweigens und zeigte auf den Stickrahmen. »Ich kann nichts mehr sehen,
was mich an sie erinnert.«
Die entsetzliche Weihnacht, in der der Marquis und seine Frau das
Unglück hatten, ihre älteste Tochter zu verlieren, ohne daß sie sich der
seltsamen Gewalt widersetzen konnten, die ihr Verführer -- eigentlich ja
ein Verführer wider Willen -- auf sie ausgeübt hatte, diese entsetzliche
Nacht war gleichsam ein Wink vom Schicksal selbst. Kurz darauf richtete
der Bankerott eines Wechselagenten den Marquis zugrunde. Er nahm auf die
Güter seiner Frau Hypotheken auf, um eine Spekulation zu versuchen,
deren Gewinn der Familie allen früheren Reichtum wiedergeben sollte. Die
Spekulation schlug fehl und ruinierte ihn vollends. In seiner
Verzweiflung, alles zu versuchen, wanderte der General aus. Sechs Jahre
waren seit seiner Abreise verflossen. Die Familie hatte nur selten
Nachricht von ihm erhalten. Sechs Tage vor dem Erlaß, durch den Spanien
die Unabhängigkeit der amerikanischen Republiken anerkannte, hatte er
seine Rückkehr angemeldet.
An einem schönen, heitern Morgen befanden sich mehrere französische
Handelsmänner, voller Ungeduld, in ihr Vaterland zurückzukehren, mit den
Reichtümern, die sie in langer, saurer Arbeit und auf gefährlichen
Reisen teils durch Mexiko, teils durch Kolumbia erworben hatten, auf
einer spanischen Brigg, nur noch wenige Meilen von Bordeaux entfernt.
Ein durch Mühseligkeiten oder Gram über seine Jahre hinaus gealterter
Mann lehnte an der Schanzverkleidung und schien keinen Sinn für das Bild
zu haben, das sich den Blicken der in Gruppen auf dem Verdeck
herumstehenden Passagiere bot. Den Gefahren der Seefahrt entronnen und
durch die Schönheit des Tages angelockt, waren alle auf Deck gestiegen,
um die Heimat zu grüßen.
Die Mehrzahl unter ihnen wollte durchaus in der Ferne schon die
Leuchttürme, die Häuser der Gascogne, den Turm von Corduan zwischen den
phantastischen Gebilden einiger weißen Wolken erkennen, die am Horizont
heraufstiegen. Wäre nicht die silberne Furche gewesen, die der Kiel vor
sich aufpflügte, wäre nicht die Schleppe gewesen, die er hinter sich
herzog, so hätten die Reisenden glauben können, sie lägen regungslos
mitten auf dem Ozean, so ruhig war die See.
Der Himmel war von entzückender Reinheit. Die tiefe Färbung seines
Gewölbes ging in unmerklichen Abstufungen in die bläuliche Farbe des
Wassers über; wo beide aufeinanderstießen, sah man nur eine zarte Linie,
von der flimmernden Helligkeit der Sterne. Die Sonne ließ Millionen von
Spiegelscheiben auf der unermeßlichen Fläche des Meers aufblitzen, so
daß die weiten Gefilde des Wassers vielleicht noch mehr leuchteten als
das Firmament selbst.
Ein wunderbar milder Wind blähte alle Segel der Brigg, und die
schneeweißen Tücher, die gelben, wehenden Wimpel, das Labyrinth von
Tauwerk zeichneten sich haarscharf auf dem glänzenden Grunde des
Himmels, der leuchtenden Luft und des Meeres ab, ohne andere Farben
anzunehmen, als die Schatten, die die Wolken von Segeln warfen.
Ein schöner Tag, ein frischer Wind, der Anblick des Vaterlandes, eine
hübsche, einsame Brigg, die wie eine zum Stelldichein fliegende Schöne
über das Meer hinglitt -- das war ein Bild voll Harmonie, eine Szene von
köstlichem Reiz. Von einem Punkt aus, auf dem alles reges Leben und
Bewegung war, umfaßte die Menschenseele weite Fernen, die bewegungslos
blieben, die unwandelbar sich ringsum ausdehnten. Es war eine wundersame
Gegenüberstellung von Einsamkeit und Leben, von Stille und Lärm, ohne
daß man hätte sagen können, wo der Lärm und das Leben, das Nichts und
das Schweigen wäre. Denn keine menschliche Stimme unterbrach diesen
himmlischen Zauber.
Der spanische Kapitän, seine Matrosen und die Männer aus Frankreich
standen oder saßen und überließen sich in frommer Schwärmerei ihren
Erinnerungen. Die Luft selbst atmete Müßiggang. Die strahlenden
Gesichter verrieten ein völliges Vergessen der schlechten Zeiten, die
man überstanden hatte, und die Menschen wiegten sich auf ihrem schönen
Schiff wie in einem goldenen Traume.
Dennoch sah der alte, an die Schanzverkleidung gelehnte Passagier von
Zeit zu Zeit voll Unruhe nach dem Horizont. In seinen Zügen prägte sich
die Ahnung eines Unglücks oder ein Mißtrauen gegen die Güte des
Schicksals aus, und er schien zu befürchten, daß man den Boden
Frankreichs nicht schnell genug betreten könne. Dieser Mann war der
Marquis. Das Glück hatte gegen seine verzweifelten Anstrengungen sich
nicht spröde gezeigt. Nachdem er fünf Jahre alles mögliche versucht und
bitter gearbeitet hatte, war er nun im Besitz eines beträchtlichen
Vermögens. In seiner Ungeduld, die Heimat wiederzusehen und seiner
Familie das Glück zu bringen, war er dem Beispiel einiger französischen
Handelsleute von Habana gefolgt und hatte sich mit ihnen auf einem
spanischen nach Bordeaux bestimmten Fahrzeug eingeschifft.
Seine Phantasie, überdrüssig, immer Unglück vorauszusehen, spiegelte ihm
die köstlichsten Bilder aus dem Glück seiner Vergangenheit wider. Beim
Anblick der fernen braunen Linie, die das Land beschrieb, glaubte er
seine Frau und seine Kinder zu sehen. Er saß an seinem Platze am Kamin
und war umringt und liebkost von seinen Kindern. Er stellte sich Moina
vor, schön, groß geworden, imposant wie ein junges Mädchen. Als dieses
Bild der Phantasie ihm so klar vor Augen stand, wie ein Bild der
Wirklichkeit, rannen ihm Tränen die Wangen hinab, und um seine Aufregung
zu verbergen, sah er nach dem Horizont in der entgegengesetzten Richtung
der verschwommenen Linie, die das Land bezeichnete.
»Das ist er!« rief er. »Er verfolgt uns.«
»Was gibt's?« rief der spanische Kapitän.
»Ein Schiff,« antwortete der General mit leiser Stimme.
»Ich habe es schon gestern gesehen,« antwortete Kapitän Gomez.
Er sah den Franzosen fragend an.
»Er hat bis jetzt Jagd auf uns gemacht,« sagte er dann dem General ins
Ohr.
»Ich begreife nicht, warum er uns nicht schon eingeholt hat,« versetzte
der alte Soldat, »denn er ist ein besserer Segler, als Ihr verwünschter
Sankt Ferdinand.«
»Er wird Havarien erlitten oder Wasser übergenommen haben.«
»Er kommt auf,« rief der Franzose.
»Er ist ein kolumbischer Korsar,« sagte der Kapitän ihm ins Ohr. »Wir
sind noch sechs Meilen von der Küste entfernt, und der Wind flaut ab.«
»Er fährt nicht -- er fliegt -- als wenn er wüßte, daß ihm in zwei
Stunden seine Beute entschlüpft sein wird -- welche Tollkühnheit!«
»Der!« rief der Kapitän. »Ja, der heißt nicht umsonst der Othello. Er
hat letztens eine spanische Fregatte in den Grund gebohrt und führt doch
nur dreißig Kanonen. Ich habe die ganze Zeit über Angst vor ihm gehabt,
denn ich wußte wohl, daß er in den Antillen kreuzte. Ah! ah!« fuhr er
nach einer Pause fort, während deren er die Segel seines Schiffes
beobachtet hatte, »der Wind frischt auf, wir werden unser Ziel
erreichen. Das ist auch nötig, denn der Pariser würde kein Erbarmen
kennen.«
»Aber auch er erreicht sein Ziel,« antwortete der Marquis.
Der »Othello« war nur noch drei Meilen entfernt. Obwohl die Mannschaft
das Gespräch zwischen dem Marquis und Kapitän Gomez nicht mitangehört
hatte, war doch die Mehrzahl der Matrosen und der Passagiere durch das
Auftauchen dieses Segels nach der Stelle hingelockt worden, wo die
beiden sich unterhielten. Aber alle hielten diese Brigg für ein
Handelsschiff und betrachteten sie mit Interesse, als plötzlich ein
Matrose in energischem Ton rief:
»Beim heiligen Jakob, wir sind des Todes! Das ist der Pariser Kapitän!«
Bei diesem schrecklichen Namen griff das Entsetzen im Schiff um sich,
und eine Verwirrung entstand, die sich nicht beschreiben läßt. Der
spanische Kapitän hielt durch seine Befehle noch eine Zeitlang seine
Matrosen in Zucht und flößte ihnen Tatkraft ein. Er wollte um jeden
Preis das Land erreichen und versuchte in aller Eile sämtliche hohen und
niedrigen Leesegel auf Steuer- und auf Backbord zu hissen, um dem Winde
alle Leinwand zu bieten, die seine Rahen trugen.
Aber diese Manöver waren nur mit großer Schwierigkeit auszuführen; es
fehlte an der bewundernswerten Zusammenarbeit, die auf einem
Kriegsschiff so sehr besticht. Obwohl der »Othello« wie eine Schwalbe
segelte, dank der geschickten Stellung seiner Segel, so kam er doch
anscheinend so wenig auf, daß die unglücklichen Franzosen sich einer
holden Illusion hingaben. Als nach unerhörten Anstrengungen infolge
gewandter Manöver, die Gomez durch Winke und Befehle angeordnet hatte,
der »Sankt Ferdinand« von neuem schnell seinem Ziel näherkam, legte
plötzlich der Steuermann durch eine falsche Bewegung des Ruders, die er
wahrscheinlich mit Absicht machte, die Brigg quer. Nun von der Seite
gefaßt, killten die Segel so heftig, daß sie back braßten. Die
Klüverbäume brachen, und das Schiff kam völlig aus dem Kurs. Vor
unaussprechlicher Wut wurde der Kapitän weißer als seine Segel. Mit
einem Satz sprang er auf den Steuermann zu und stieß so wütend mit dem
Dolche nach ihm, daß er denselben wohl verfehlte, doch ihn dabei ins
Meer stürzte. Dann packte er selbst das Steuer und versuchte der
schrecklichen Zügellosigkeit Herr zu werden, in die sein braves, mutiges
Schiff versetzt worden war. Tränen der Verzweiflung traten ihm in die
Augen; denn wenn wir durch einen Verrat um einen Erfolg gebracht werden,
den unsere Fähigkeiten errungen haben würden, so schmerzt uns das tiefer
als selbst ein drohendes Ende. Aber je mehr der Kapitän fluchte, um so
weniger glückte ihm sein Vorhaben. Er schoß selbst die Alarmkanone ab,
in der Hoffnung, von der Küste aus gehört zu werden.
In diesem Augenblick antwortete der Korsar mit einem Kanonenschuß,
dessen Kugel zehn Klafter vom »Sankt Ferdinand« ins Wasser schlug.
»Donnerwetter!« rief der General. »Gut gezielt. Sie haben ausgezeichnete
Karonaden.«
»O, der!« antwortete ein Matrose. »Sehen Sie, wenn der spricht, heißt's
schweigen. Der Pariser würde sich vor einem englischen Kriegsschiff
nicht fürchten.«
»Es ist nichts zu machen,« rief der Kapitän im Tone der Verzweiflung. Er
hatte sein Fernrohr ans Auge gesetzt und keine Spur von Land
unterscheiden können. »Wir sind noch weiter von Frankreich entfernt, als
ich gedacht habe.«
»Warum wollen Sie verzagen?« versetzte der General. »Alle Ihre
Passagiere sind Franzosen, und denen gehört die Fracht Ihres Schiffes.
Dieser Korsar ist ein Pariser, sagen Sie? Nun wohl, hissen Sie den
weißen Wimpel, und ...«
»Und er wird uns in den Grund bohren,« antwortete der Kapitän. »Was wird
weiter geschehen, da ihm einmal darum zu tun ist, sich einer reichen
Beute zu bemächtigen?«
»Ah! wenn er ein Seeräuber ist -- --«
»Seeräuber?« rief einer der Matrosen in wildem Tone. »Ha, er tritt immer
manierlich auf, und es geht dabei alles ganz ordnungsgemäß her, wie es
sich gehört.«
»Nun gut,« rief der General, die Augen zum Himmel aufschlagend, »ergeben
wir uns.«
Er hatte noch Kraft genug, die Tränen zurückzuhalten.
Als er diese Worte beendet hatte, traf ein zweiter, besser gezielter
Kanonenschuß das Hinterteil des »Sankt Ferdinand« und schlug ein Leck.
»Beidrehen!« befahl der Kapitän in traurigem Tone.
Und der Matrose, der der Anständigkeit des Parisers das Wort geredet
hatte, betätigte sich in sehr geschickter Weise bei diesem verzweifelten
Manöver.
Die Mannschaft wartete in tiefster Bestürzung eine tödliche halbe Stunde
lang. Der »Sankt Ferdinand« führte vier Millionen Piaster, die das
Vermögen von fünf Passagieren bildeten. Davon betrug das des Generals
eine Million einhunderttausend Frank.
Der »Othello«, der noch um zehn Flintenschüsse entfernt war, zeigte
jetzt deutlich die drohenden Mündungen von zwölf schußbereiten Kanonen.
Er flog vor einem Winde hin, den der Teufel eigens für seine Segel
blasen zu lassen schien; aber das Auge eines geschickten Seemanns konnte
ohne Schwierigkeit das Geheimnis dieser Geschwindigkeit erkennen. Man
brauchte nur einen Augenblick den schlanken, langgestreckten Bau der
Brigg zu betrachten, ihre Schmalheit, die Höhe ihrer Masten, den Schnitt
ihrer Segel, die bewundernswerte Leichtigkeit ihrer Takelage und die
Flottheit, mit der alle ihre Leute, so einmütig, als wenn nur ein
einziger Mensch dort tätig wäre, die weiße Fläche richteten und
ordneten, die ihre Segel darboten.
Alles verriet eine unglaubliche Kraft und Sicherheit an diesem flinken
Geschöpf aus Holz, das ebenso rasch, ebenso klug war wie ein Rennpferd
oder ein Raubvogel. Die Mannschaft des Korsaren verhielt sich still und
war bereit, falls sie auf Widerstand stoßen sollte, das arme
Handelsschiff zu vernichten, das sich zu seinem Glück ganz ruhig
verhielt, wie ein Schüler, den sein Lehrer über einer Dummheit ertappt
hat.
»Wir haben Kanonen!« schrie der General und drückte dem spanischen
Kapitän die Hand.
Der letztere warf dem alten Soldaten einen Blick voll Wut und
Verzweiflung zu und sagte zu ihm:
»Und die Leute?«
Der Marquis betrachtete die Mannschaft des »Sankt Ferdinand«, und ihn
schauderte. Die vier Handelsleute waren blaß und zitterten vor Angst;
während die Matrosen sich um einen unter ihnen scharten und sich dem
Anschein nach verabredeten, auf die Seite des »Othello« zu treten, denn
sie sahen mit begehrlichen Blicken nach dem Korsaren hin. Der erste
Maat, der Kapitän und der Marquis allein tauschten Blicke aus, die eine
einmütige und tapfere Gesinnung verrieten.
»Ah, Kapitän Gomez, einstmals habe ich mit vor Kummer erstorbenem Herzen
meinem Vaterland und meiner Familie Lebewohl gesagt. Soll ich sie auch
nun nicht wiedersehen, wo ich eben meinen Kindern die Freude und das
Glück bringen will?«
Der General drehte sich um und ließ eine Träne der Wut ins Meer fallen.
Dabei erblickte er den Steuermann, der auf den Korsaren zuschwamm.
»Diesmal,« antwortete der Kapitän, »werden Sie ihm ohne Zweifel für alle
Zeit Lebewohl sagen müssen.«
Der Franzose erschrak über den stumpfsinnigen Blick, den der Spanier ihm
zuwarf. In diesem Augenblick waren die beiden Schiffe fast an Bord; und
beim Anblick der feindlichen Mannschaft glaubte der General an die
unselige Prophezeiung seines Kapitäns. Drei Mann standen an jedem
Geschütz. Wenn man ihre athletische Haltung, ihre eckigen Züge, ihre
nackten, sehnigen Arme sah, hätte man sie für Statuen von Bronze halten
können. Sie wären im Tode noch auf ihrem Posten geblieben, ohne
umzufallen. Die Matrosen, gut bewaffnet, standen unbeweglich da, aber
man sah ihnen an, wie flink und gewandt sie sein konnten, sobald ein
Befehl sie aus ihrer Starrheit erweckte. Alle diese energischen
Gesichter waren stark von der Sonne verbrannt und von der Arbeit
gehärtet. Ihre Augen leuchteten wie Feuerfunken und verrieten Tatkraft,
Intelligenz und höllische Freude.
Die tiefe Stille, die auf diesem von Menschen und Hüten schwarzen
Verdeck herrschte, zeugte für die unversöhnliche Disziplin, unter die
ein gewaltiger Wille diese menschlichen Teufel gezwungen hatte. Der
Anführer stand vor dem Hauptmast, ohne Waffen und mit gekreuzten Armen.
Nur ein Beil lag ihm zu Füßen. Auf dem Kopfe trug er zum Schutze gegen
die Sonne einen Filzhut mit breiter Krempe, dessen Schatten sein Gesicht
verbarg. Gleich Hunden, die vor ihrem Herrn liegen, sahen Kanoniere,
Soldaten und Matrosen abwechselnd auf den Kapitän und das Handelsschiff.
Als die beiden Briggs zusammenstießen, erweckte die Erschütterung den
Korsaren aus seiner Träumerei, und er sagte einem jungen Offizier, der
zwei Schritt vor ihm stand, ein Wort ins Ohr.
»An die Enterhaken!« rief der Leutnant.
Und der »Sankt Ferdinand« wurde von dem »Othello« mit bewundernswerter
Geschwindigkeit geentert. Gemäß den Befehlen, die der Korsar mit leiser
Stimme erteilte und der Leutnant wiederholte, gingen die Leute, wie
Seminaristen, wenn sie zur Messe gehen, an Bord der Prise, fesselten die
Matrosen und Passagiere und bemächtigten sich der Schätze. In einem
Augenblick waren die Tonnen voll Piastern, die Lebensmittel und die
Mannschaft vom »Sankt Ferdinand« auf das Verdeck des »Othello« gebracht
worden.
Der General glaubte im Banne eines Traumes zu stehn, als ihm die Hände
gefesselt und er auf einen Ballen geworfen wurde, ganz als ob er selber
nur ein Stück Ware sei. Eine Beratung fand zwischen dem Korsaren, dem
Leutnant und einem Matrosen statt, der den Posten eines ersten Maats zu
haben schien. Als die Unterredung, die nur kurze Zeit währte, zu Ende
war, rief der Matrose durch einen Pfiff seine Leute herbei. Er erteilte
ihnen einen Befehl, und sie sprangen alle auf den »Sankt Ferdinand«,
kletterten am Tauwerk in die Höhe und begannen, das Schiff seiner Rahen,
Segel und Takelage zu berauben, mit der gleichen Geschwindigkeit, mit
der ein Soldat auf dem Schlachtfelde einen toten Kameraden entkleidet,
dessen Schuhe und Mantel ihm begehrenswert erschienen sind.
»Wir sind verloren,« sagte zum Marquis der spanische Kapitän, der mit
den Blicken die Gebärden der drei Anführer während ihrer Beratung und
die Bewegungen der Matrosen verfolgt hatte, die die regelrechte
Plünderung seiner Brigg vornahmen.
»Wieso?« fragte der General gelassen.
»Was denken Sie, was sie mit uns machen werden?« versetzte der Spanier.
»Sie haben ohne Zweifel erkannt, daß sie den »Sankt Ferdinand« nicht gut
in den Häfen von Frankreich und Spanien verkaufen können, und so wollen
sie ihn nun versenken, um ihn los zu werden. Und was uns betrifft,
glauben Sie, sie werden sich damit befassen, uns durchzufüttern, da sie
nicht wissen, an welchem Hafen sie uns absetzen könnten?«
Kaum hatte der Kapitän diese Worte beendet, als der General ein
entsetzliches Geschrei und den dumpfen Fall mehrerer Körper hörte, die
man ins Meer warf. Er wandte sich um und sah die vier Handelsleute nicht
mehr. Acht Kanoniere mit wilden Gesichtern standen noch mit in die Luft
gereckten Armen da, als der Soldat mit Entsetzen zu ihnen hinsah.
»Habe ich's Ihnen nicht gesagt?« meinte der spanische Kapitän trocken.
Der Marquis erhob sich rasch. Das Meer war schon wieder ruhig geworden.
Er sah nicht einmal mehr die Stelle, wo seine unglücklichen Gefährten
verschwunden waren. Mit zusammengebundenen Händen und Füßen lagen sie
wohl schon am Grunde der See, wenn nicht Haifische sie zerrissen hatten.
Ein paar Schritte von ihm schlossen der treulose Steuermann und der
Matrose des »Sankt Ferdinand«, der vorhin die Macht des Pariser Kapitäns
gerühmt hatte, Brüderschaft mit den Piraten und bezeichneten mit dem
Finger diejenigen von den Seeleuten der Brigg, die nach ihrer Meinung
würdig waren, in die Mannschaft des »Othello« eingereiht zu werden. Den
andern fesselten zwei Schiffsjungen trotz der gräßlichen Verwünschungen,
die sie ausstießen, die Füße.
Als die Auswahl beendet war, packten die acht Kanoniere die Verurteilten
und warfen sie ohne Umstände ins Meer. Die Korsaren betrachteten mit
boshafter Neugierde die verschiedenen Bewegungen der Unglücklichen, wie
sie hinabfielen, was für Gesichter sie schnitten, wie ihr letzter
Todeskampf verlief. Aber ihre Züge verrieten weder Hohn, noch Schreck,
noch Mitleid. Es war für sie eine ganz einfache Sache, an die sie
gewöhnt waren.
Die älteren unter ihnen betrachteten daher auch lieber mit einem
finstern, verhaltenen Lächeln die mit Piastern gefüllten Tonnen, die vor
dem Hauptmast standen. Der General und Kapitän Gomez saßen auf einem
Warenballen und sahen sich fragend an. Sie waren nun noch die einzigen,
die von der Mannschaft des »Sankt Ferdinand« noch am Leben waren. Die
sieben Matrosen, die von den beiden Verrätern ausgewählt worden waren,
hatten sich inzwischen schon zu fröhlichen Piraten umgewandelt.
»Was für schändliche Kerle!« rief plötzlich der General, und eine
gerechte, edelmütige Entrüstung ließ ihn seinen Kummer und die Vorsicht
vergessen.
»Sie gehorchen der Notwendigkeit,« antwortete Gomez ruhig. »Wenn Sie
einem dieser Menschen einmal wieder begegneten, würden Sie ihm nicht
Ihren Degen durch den Leib rennen?«
»Kapitän,« sagte der Leutnant, sich an den Spanier wendend, »der Pariser
hat von Ihnen sprechen hören. Sie sind, sagt er, der einzige, der die
Antillendurchfahrt und die brasilianische Küste genau kennt. Wollen
Sie --?«
Der Kapitän unterbrach den Leutnant mit einem Ausruf der Verachtung und
antwortete:
»Ich werde den Seemannstod erleiden als treuer Spanier und Christ --
verstehst du?«
»Ins Meer mit ihm!« rief der junge Mann.
Auf diesen Befehl packten zwei Kanoniere Gomez.
»Ihr seid feige Hunde!« schrie der General und versuchte die Korsaren
zurückzuhalten.
»Alter,« sagte der Leutnant zu ihm, »regen Sie sich nicht auf. Wenn Ihr
rotes Band am Knopfloch auch auf unsern Kapitän einigen Eindruck macht,
ich lächle darüber. Auch wir beide werden sogleich eine kleine
Unterhaltung miteinander haben.«
In diesem Augenblick verkündete ein dumpfer Fall, in den kein Laut der
Klage sich mischte, dem General, daß der wackere Gomez den Seemannstod
erlitten hatte.
»Mein Geld oder den Tod!« schrie er in einem furchtbaren Wutanfall.
»Ah, Sie sind vernünftig,« antwortete der Korsar spöttisch. »Sie wissen
nun doch, daß Sie eins von beiden bestimmt von uns erhalten werden ...«
Auf ein Zeichen des Leutnants eilten zwei Matrosen herbei, um dem
Franzosen die Füße zusammenzubinden. Aber der General stieß sie mit
einer unerwarteten Kühnheit zurück, befreite sich mit fast
übermenschlicher Gewalt von dem Strick, womit seine Hände gefesselt
waren, riß mit einer Bewegung, mit der niemand gerechnet hatte, den
Säbel an sich, den der Leutnant an der Seite trug, und begann mit der
Gewandtheit eines alten Kavalleristen, der sein Handwerk versteht, zu
fechten.
»Ha, Briganten! Ihr sollt einen alten Soldaten Napoleons nicht wie eine
Auster ins Meer werfen!«
Pistolenschüsse, auf den um sich schlagenden Franzosen abgefeuert,
lenkten die Aufmerksamkeit des Parisers auf diese Szene, der inzwischen
die dem »Sankt Ferdinand« geraubte Takelage auf sein Schiff hatte
herüberschaffen lassen. Kaltblütig packte er nun den mutigen General von
hinten, hob ihn rasch empor, schleppte ihn an den Bordrand und war im
Begriff, ihn wie eine unbrauchbare Spiere ins Wasser zu werfen.
In diesem Augenblick sah der General in das wilde Auge des Mannes, der
seine Tochter entführt hatte. Der Vater und der Schwiegersohn erkannten
sich auf der Stelle. Der Kapitän gab seiner Bewegung plötzlich eine
andere Richtung, und statt den General ins Meer zu werfen, stellte er
ihn in raschem Schwunge, als wenn der schwere Mann gar nichts gewogen
hätte, vor den Hauptmast. Ein Murmeln erhob sich auf dem Verdeck. Aber
der Korsar warf seinen Leuten nur einen Blick zu, worauf tiefstes
Schweigen eintrat.
»Es ist Helenens Vater,« sagte der Kapitän mit klarer, fester Stimme.
»Wehe dem, der es an Achtung gegen ihn fehlen läßt!«
Ein freudiges Geschrei erklang auf dem Verdeck und stieg gen Himmel, wie
ein Gebet in einer Kirche, wie der ernste Ruf des Tedeums. Die
Schiffsjungen schaukelten sich im Tauwerk, die Matrosen warfen die
Mützen in die Luft, die Kanoniere trampelten mit den Füßen, alles war in
Bewegung, schrie, pfiff und fluchte. Diese Heiterkeit hatte etwas so
Fanatisches an sich, daß der General unruhig und beklommen wurde. Er
schrieb den Aufruhr einem entsetzlichen Geheimnis zu, und sein erster
Ruf, als er die Sprache wiederfand, war das Wort:
»Meine Tochter! Wo ist sie?«
Der Korsar warf dem General einen jener tiefen Blicke zu, die, ohne daß
man sich's erklären konnte, die unerschrockensten Seelen niederwarfen,
und der Soldat verstummte, zur großen Befriedigung der Matrosen, die
sich darüber freuten, daß ihr Führer über alle Menschen Gewalt zu haben
schien. Dann führte der Räuber ihn an eine Treppe, hieß ihn
hinabsteigen, brachte ihn vor die Tür einer Kabine, öffnete sie rasch
und sagte:
»Sie ist hier.«
Dann verschwand er, während der alte Haudegen verblüfft das Bild
betrachtete, das sich seinen Blicken bot. Als Helene die Tür des Gemachs
so ungestüm öffnen hörte, war sie von dem Divan aufgestanden, auf dem
sie lag. Doch nun erblickte sie den Marquis und stieß einen Schrei der
Überraschung aus. Sie war so verändert, daß es des Auges eines Vaters
bedurfte, um sie zu erkennen. Die Tropensonne hatte sie noch schöner
gemacht. Ihr weißes Gesicht war braun geworden und hatte ein wunderbares
Kolorit erhalten, das ihr einen Ausdruck orientalischer Poesie verlieh.
Dieses Antlitz trug den Stempel der Größe, Majestät, Energie und einer
Seelentiefe, die auf die rohesten Gemüter Eindruck machen mußte.
Ihr langes, überreiches Haar fiel in dicken Locken auf einen vornehmen
Hals und gab dem Stolz dieses Gesichts einen machtvollen Rahmen. In
ihrer Haltung und Gebärde verriet Helene, daß sie sich ihrer Macht auch
vollauf bewußt war. Eine an Triumph grenzende Zufriedenheit blähte
leicht ihre rosafarbenen Nasenflügel, und ihr ruhiges Glück erkannte man
allein schon daran, in welchem Maße ihre Schönheit sich entfaltet hatte.
Dabei hatte sie gleichzeitig doch eine unsagbare jungfräuliche Weichheit
an sich und jenen besonderen Stolz, der allen denen eigen ist, die sich
über alles geliebt wissen. Sklavin und Herrscherin zugleich, wollte sie
gern gehorchen, da sie regieren konnte.
Sie war mit einer Pracht gekleidet, die der Anmut und Vornehmheit nicht
ermangelte. Ihre ganze Toilette bestand aus indischem Musselin; der
Diwan und die Kissen waren von Kaschmir, und ein persischer Teppich
bedeckte den Boden der geräumigen Kabine. Ihre vier Kinder spielten zu
ihren Füßen und bauten sich phantastische Schlösser aus
Perlenhalsbändern, aus kostbaren Schmucksachen, aus wertvollen
Gegenständen. Ein paar Vasen aus Sèvresporzellan, von Madame Jaquotot
bemalt, enthielten seltene, duftende Blumen: Jasmin aus Mexiko und
Kamelien. Zwischen diesen Blumen flatterten gezähmte kleine Vögel aus
Amerika herum, die in ihrer Buntfarbigkeit Rubinen, Saphiren und
lebendigem Golde glichen.
Ein Piano stand in diesem Salon, und an den Wänden hingen hier und dort
Bilder, die nicht groß waren, aber von den besten Malern herrührten: ein
»Sonnenuntergang« von Hippolyt Schinner neben einem Ter Borch, eine
Heilige Jungfrau von Raphael neben einer Skizze von Géricault; ein
Gerard Dow neben Porträtmalern des Kaiserreichs.
Auf einem Lacktisch befand sich eine goldene Schüssel voll köstlicher
Früchte. Kurz, Helene schien die Königin eines großen Reiches zu sein,
und ihr gekrönter Gemahl schien in diesem Boudoir die schönsten Dinge
der Erde zusammengetragen zu haben.
Die Kinder sahen ihren Großvater neugierig an; gewohnt, wie sie waren,
an Kampf und Lärm, glichen sie den kleinen neugierigen, nach Krieg und
Blut lüsternen Römerkindern, die David auf seinem Gemälde »Brutus«
dargestellt hat.
»Wie ist das möglich?« rief Helene und faßte ihren Vater an, um sich von
der Leibhaftigkeit dieser Erscheinung zu überzeugen.
»Helene!« -- »Mein Vater!«
Sie sanken einander in die Arme, doch die Umarmung des Greises war die
weniger starke und liebevolle.
»Sie waren auf diesem Schiffe?«
»Ja,« antwortete er traurig, setzte sich auf den Diwan und betrachtete
die Kinder, die sich in naiver Wißbegierde um ihn scharten. »Ich wäre
nicht mehr am Leben, wenn nicht --«
»Wenn nicht mein Mann gewesen wäre,« unterbrach sie ihn. »Ich errate
es.«
»Ach!« rief der General, »warum muß ich dich wiederfinden, Helene, dich,
die ich so sehr beweint habe! Ich werde also alle Zeit dein Schicksal zu
beklagen haben!«
»Warum?« fragte sie lächelnd. »Werden Sie nicht zufrieden sein, wenn Sie
erfahren, daß ich die glücklichste aller Frauen bin?«
»Glücklich!« rief er und sprang erstaunt auf.
»Ja, mein guter Vater,« fuhr sie fort, ergriff seine Hände, drückte sie
auf ihren wogenden Busen und sah ihn mit vor Freude funkelnden Augen an.
»Und inwiefern glücklich?« fragte er, neugierig, das Leben seiner
Tochter kennen zu lernen. Vor diesem strahlenden Angesicht vergaß er
alles andere.
»Hören Sie, mein Vater,« antwortete sie, »ich habe zum Geliebten, zum
Gatten, zum Diener, zum Herrn einen Mann, dessen Seele ebenso groß ist
wie dieses grenzenlose Meer, ebenso unerschöpflich an Milde, wie der
Himmel. Kurz, er ist ein Gott! Seit sieben Jahren ist ihm niemals ein
Wort, ein Gefühl, eine Gebärde entschlüpft, die einen Mißklang in die
göttliche Harmonie seiner Rede, seiner Liebkosungen und seiner Liebe
hätten bringen können. Er hat mich immer nur mit einem freundlichen
Lächeln auf den Lippen und mit freudestrahlenden Augen angesehen. Dort
oben übertönt seine donnernde Stimme oft das Heulen des Sturms oder den
Kampfeslärm. Aber hier ist sie sanft und klangvoll wie die Musik
Rossinis, dessen Werke mir vor kurzem geschenkt worden sind. Alles, was
die Laune einer Frau sich nur ersinnen kann, bekomme ich. Ja, meine
Wünsche werden oft noch überboten. Kurz, ich gebiete über das Meer, und
man gehorcht mir dort wie einer Herrscherin. -- O, glücklich!« fuhr sie
fort, sich selbst unterbrechend, »glücklich ist nicht der richtige
Ausdruck für mein Glück. Mein Glück ist anders als das aller Frauen.
Eine Liebe zu fühlen, eine grenzenlose Hingebung zu dem, den man liebt,
und in seinem Herzen eine ebenso grenzenlose Liebe zu finden, eine immer
sich gleiche Liebe, in der die Seele der Frau sich baden kann -- sagen
Sie, ist das nicht Glück? Hier bin ich Gebieterin. Noch nie hat ein
Geschöpf meines Geschlechts den Fuß auf dieses edle Schiff gesetzt, wo
Victor nur ein paar Schritte von mir entfernt ist. -- Er kann sich von
mir immer nur so weit entfernen wie bis zum Heck oder zum Bug,« fuhr sie
mit einer feinen Schelmerei fort, »und sieben Jahre! eine Liebe, die
sieben Jahre lang so innig bleibt, die sieben Jahre lang fast alle
Augenblicke eine Probe zu bestehen hatte -- ist das nicht Liebe? Ja, es
ist weit, weit mehr noch als Liebe! Es ist das Herrlichste, das ich mein
Leben lang kennen gelernt habe! Die menschliche Stimme hat keine
Ausdrücke für ein himmlisches Glück.«
Ein Tränenstrom entrann ihren brennenden Augen. Die vier Kinder stießen
ein klägliches Geschrei aus und liefen herbei, wie Küchlein die Mutter
umringend. Der älteste Knabe schlug nach dem General und warf ihm
drohende Blicke zu.
»Abel,« sagte sie, »mein Engel, ich weine ja doch vor Freude.«
Sie nahm ihn auf die Knie; das Kind liebkoste sie zutraulich, indem es
die Arme um den majestätischen Hals Helenens schlang, wie ein kleiner
Löwe, der mit seiner Mutter spielen will.
»Und du hast keine Langeweile?« rief der General, betäubt von der
überschwenglichen Antwort seiner Tochter.
»Doch,« antwortete sie. »Wenn wir mal an Land gehen; denn auch dann
verlasse ich meinen Mann nie.«
»Aber du liebtest doch Festlichkeiten, Bälle, Musik?«
»Musik -- das ist seine Stimme; meine Festlichkeiten -- das sind die
Stunden, zu denen ich mich für ihn schmücke. Wenn ich ihm in meinem Putz
gefalle, ist's dann nicht, als ob die ganze Erde mich bewunderte? Und
deshalb allein werfe ich diese Diamanten, diese Halsbänder, diese
Diademe von Edelsteinen, diese Reichtümer, diese Blumen, diese
Meisterwerke der Künste nicht ins Meer. Er bringt sie mir in Fülle und
sagt dann immer: >Helene, da du nicht in die Welt gehst, soll die Welt
zu dir kommen.<«
»Aber auf diesem Schiffe gibt es Menschen -- entsetzliche, tollkühne
Menschen, die in ihrer wilden Leidenschaft ...«
»Ich verstehe Sie, mein Vater,« sagte sie lächelnd. »Doch beruhigen Sie
sich. Selbst eine Kaiserin ist noch nie so ehrerbietig behandelt worden
wie ich. Diese Leute sind abergläubisch; sie glauben, ich sei der
Schutzgeist dieses Fahrzeugs, ihrer Unternehmungen und Erfolge. Und dann
ist er ein Gott für sie. Eines Tages -- ein einziges Mal -- ließ ein
Matrose es an Achtung gegen mich fehlen ... nur in Worten,« setzte sie
lachend hinzu. »Ehe Victor es erfahren konnte, warfen die Leute den Mann
ins Meer, obwohl ich ihm Verzeihung gewährte. Sie lieben mich wie ihren
guten Engel, ich pflege sie, wenn sie krank sind, und habe schon das
Glück gehabt, durch die Ausdauer weiblicher Sorge ein paar von ihnen vom
Tode zu erretten. Diese armen Menschen sind zugleich Riesen und Kinder.«
»Und wenn Kämpfe stattfinden?«
»Daran bin ich gewöhnt,« antwortete sie. »Nur das erstemal habe ich
gezittert. Jetzt ist meine Seele gegen diese Gefahr gefeit, und dann --
ich bin doch Ihre Tochter,« setzte sie hinzu, »ich liebe sogar den
Kampf.«
»Und wenn er den Tod fände?«
»So würde ich mit ihm sterben.«
»Und deine Kinder?«
»Sie sind Söhne des Meers und der Gefahr, sie teilen das Leben ihrer
Eltern ... Unser Dasein ist eines und unteilbar. Wir führen alle das
gleiche Leben, sind durch ein und denselben Eid aneinander gebunden und
an ein und dasselbe Lebensschiff gefesselt -- das wissen wir wohl.«
»Du liebst ihn also so sehr, daß du ihn allem andern vorziehst?«
»Allem,« antwortete sie. »Doch dringen wir nicht in dieses Geheimnis
ein. Sehen Sie dieses teure Kind an! Es ist sein Ebenbild.«
Sie preßte Abel mit großem Ungestüm an sich und drückte ihm
leidenschaftliche Küsse auf die Wangen und auf das Haar ...
»Aber,« rief der General, »ich werde nie vergessen können, daß er eben
neun Menschen hat ins Meer werfen lassen.«
»So mußte es eben sein,« antwortete sie, »denn er ist menschlich und
edelmütig. Er vergießt so wenig Blut wie möglich, nur daß er unter allen
Umständen für die Erhaltung und die Interessen der kleinen Welt sorgen
muß, die er beschützt, und die heilige Sache nicht vernachlässigen darf,
der er sich gewidmet hat. Sprechen Sie mit ihm über das, was Ihnen
unrecht erscheint, und Sie werden sehen, er wird Sie zu einer andern
Meinung bekehren.«
»Und sein Verbrechen?« sagte der General, wie mit sich selbst redend.
»Aber,« versetzte sie mit kalter Würde, »wenn das nun eine tugendhafte
Tat war? Wenn die Justiz der Menschen ihm die Rache versagte?«
»So darf man sich nicht selbst rächen!« rief der General.
»Was ist denn die Hölle anders,« fragte sie, »als eine ewige Rache für
die paar Sünden eines einzigen Tages?«
»Ah! Du bist verloren, er hat dich in Bann geschlagen, dich verwandelt,
dich verdorben. Deine Vernunft ist aus den Fugen.«
»Nein, mein Vater, glauben Sie das nicht; denn wenn Sie ihn nur anhören,
ansehen wollten, so werden Sie ihn lieben.«
»Helene,« sagte der General ernst, »wir sind nur noch wenige Meilen von
Frankreich entfernt.«
Sie zitterte, dann sah sie zu den Fenstern der Kajüte hinaus und zeigte
auf das Meer, das dort seine unermeßlichen Savannen grünen Wassers
ausbreitete.
»Das ist meine Heimat,« antwortete sie und klopfte mit der Fußspitze auf
den Teppich.
»Willst du nicht mitkommen, deine Mutter, deine Schwester, deine Brüder
wiedersehen?«
»O ja,« sagte sie, mit Tränen in der Stimme, »wenn er es will und mich
begleitet.«
»So hast du nichts mehr, Helene,« versetzte der Soldat streng, »weder
Heimat noch Familie?«
»Ich bin sein Weib,« versetzte sie mit Stolz und Adel. »Dies ist seit
sieben Jahren das erste Glück, das nicht von ihm kommt,« setzte sie
hinzu, ergriff die Hand ihres Vaters und küßte sie, »und es ist auch der
erste Tadel, den ich hören muß.«
»Und dein Gewissen?«
»Mein Gewissen -- ist er.«
In diesem Augenblick zitterte sie heftig.
»Da kommt er,« sagte sie. »Selbst in einem Kampfe erkenne ich unter
allen Schritten den seinen heraus, wenn er über das Verdeck eilt.«
Plötzlich färbte eine Röte ihre Wangen blutrot, ließ ihre Züge sich
aufhellen und strahlen, ließ ihre Augen flammen. Glück und Liebe sprach
aus all ihren Zügen, aus den bläulichen Adern, die leicht hervortraten,
und aus dem unwillkürlichen Zittern ihres ganzen Körpers. Diese
tiefinnere Bewegung rührte den General.
In der Tat erschien einen Moment später der Korsar, setzte sich auf
einen Fauteuil, nahm seinen ältesten Sohn zu sich und begann mit ihm zu
spielen. Ein Weilchen herrschte Schweigen; denn der General versank in
einen Zustand, der etwas Traumhaftes an sich hatte, und betrachtete
diese elegante Kabine, in der diese Familie seit sieben Jahren zwischen
dem Himmel und dem Meere dahinschwamm, von der starken Hand eines Mannes
durch die Gefahren des Kampfes und des Sturms geführt, wie im Leben ein
Hausstand von dem Familienvater mitten durch das soziale Elend
hindurchgesteuert wird.
Er betrachtete mit Bewunderung seine Tochter, das phantastische Abbild
einer Meeresgöttin, mild an Schönheit, reich an Glück. Die Schätze ihrer
Seele, das Leuchten ihrer Augen und die unbeschreibliche Poesie ihrer
Person überstrahlten alle Schätze, die sie umgaben.
Diese Verhältnisse waren von einer Seltsamkeit, die ihn verblüffte, und
alle Gefühle und Gedanken schienen hier auf eine so erhabene Höhe
gehoben, daß die alltäglichen Ideen umgeworfen wurden und keine Geltung
mehr hatten. Die kalten, kleinlichen Berechnungen der Gesellschaft
erloschen vor diesem Gemälde.
Der alte Soldat fühlte das alles und begriff auch, daß seine Tochter ein
so vielgestaltiges, an Kontrasten und Eindrücken so reiches Leben, das
von einer so wahren Liebe ausgefüllt wurde, niemals aufgeben würde. Da
sie nun einmal der Gefahr getrotzt hatte, ohne davor zurückzuschrecken,
so konnte sie nun nicht mehr in die kleinlichen Szenen der läppischen,
dünkelhaften Welt zurückkehren.
»Bin ich Ihnen hier im Wege?« fragte der Korsar, indem er das Schweigen
brach und auf seine Frau blickte.
»Nein,« antwortete ihm der General. »Helene hat mir alles gesagt. Ich
sehe, sie ist für uns verloren.«
»Nein,« antwortete der Korsar lebhaft, »noch ein paar Jahre, dann ist
meine Tat verjährt, und ich werde nach Frankreich zurückkehren können.
Wenn das Gewissen rein ist und der Verstoß gegen eure gesellschaftlichen
Gesetze nur zurückzuführen war auf ...«
Er schwieg, denn er verschmähte es, sich zu rechtfertigen.
»Fühlen Sie in diesem Augenblick,« fragte der General, ihn
unterbrechend, »keine Reue über die neuen Mordtaten, die Sie unter
meinen Augen begangen haben?«
»Wir hatten keine Lebensmittel mehr,« antwortete der Korsar ruhig.
»Aber dann konnten Sie diese Leute in einem Boot die Küste erreichen
lassen --«
»So hätten sie uns ein Kriegsschiff auf den Hals gehetzt, das uns den
Rückweg abgeschnitten hätte, und wir würden nicht nach Chile entkommen
können.«
»Ehe diese Leute von Frankreich aus die spanische Admiralität
benachrichtigten, konnten Sie längst ...«
»Schon in Frankreich könnte man Anstoß daran nehmen, daß ein Mann, der
noch vom Gericht gesucht wird, sich einer Brigg bemächtigt hat, deren
Fracht Einwohnern von Bordeaux gehörte. Übrigens, haben Sie auf dem
Schlachtfelde nicht auch manchmal ein paar Kanonenschüsse zu viel
abgefeuert?«
Wiederum eingeschüchtert durch den Blick des Korsaren, schwieg der
General, und seine Tochter betrachtete ihn mit einer Miene, die in
gleichem Maße Triumph wie Betrübnis ausdrückte.
»General,« sagte der Korsar mit tiefer Stimme, »ich habe es mir zum
Gesetz gemacht, niemals etwas von der Beute beiseite zu bringen. Aber
ohne Zweifel ist mein Anteil an dem gesamten Gewinn beträchtlicher, als
Ihr Vermögen gewesen ist. Erlauben Sie mir, es Ihnen in anderm Gelde
zurückzuerstatten --«
Er nahm aus dem Kasten des Pianos ein Pack Banknoten, zählte die Scheine
nicht erst und legte etwa eine Million in die Hände des Generals.
»Sie begreifen,« fuhr er fort, »ich habe kein Verlangen, mir die
Müßiggänger auf den Straßen von Bordeaux anzusehen. Andererseits soll
aber auch durch die reizvollen Gefahren unsers Zigeunerlebens, durch die
Szenerie des südlichen Amerika, durch unsere tropischen Nächte, durch
unsere Schlachten und durch das Vergnügen, die Flagge einer jungen
Nation oder eines Simon Bolivar zum Siege zu führen, Ihre
Vaterlandsliebe nicht zum Wanken gebracht werden. Wir müssen uns also
trennen. Eine Schaluppe und zuverlässige Leute werden Sie begleiten.
Hoffen wir auf ein drittes und dann glücklicheres Zusammentreffen.«
»Victor, ich möchte noch einen Augenblick mit meinem Vater sprechen,«
sagte Helene in schmollendem Tone.
»In zehn Minuten kann uns eine französische Fregatte auf den Fersen
sein. Doch, mir soll's recht sein! Wir werden ein Tänzchen aufführen.
Meine Leute --«
»O, gehen Sie, mein Vater!« rief die Frau des Seemanns, »und bringen Sie
meiner Schwester, meinen Brüdern und -- und meiner Mutter,« setze sie
hinzu, »diese Pfänder des Andenkens.«
Sie nahm eine Handvoll kostbarer Steine, Halsbänder und Schmucksachen,
wickelte sie in einen Kaschmirschal und bot sie schüchtern dem Vater an.
»Was soll ich ihnen von dir sagen?« fragte er und schien betroffen, daß
seine Tochter so auffällig gestockt hatte, ehe sie das Wort Mutter
aussprach.
»O, können Sie an meiner Seele zweifeln? Ich bete täglich um Ihrer aller
Glück.«
»Helene,« antwortete der Greis und sah sie aufmerksam an, »soll ich dich
nicht mehr wiedersehen? Werde ich niemals den wahren Beweggrund deiner
Flucht erfahren?«
»Dieses Geheimnis gehört nicht mir,« sagte sie in ernstem Tone. »Und
hätte ich das Recht, es Ihnen mitzuteilen, so würde ich es vielleicht
dennoch nicht sagen. Ich habe zehn Jahre lang unerhörtes Unrecht
erlitten ...«
Sie sprach nicht weiter und streckte dem Vater die Kostbarkeiten hin,
die sie für ihre Angehörigen bestimmt hatte. Der General war vom Kriege
her gewöhnt, im Punkte der sogenannten Beute ein weites Gewissen zu
haben, und nahm die Geschenke an, die die Tochter ihm bot. Er dachte bei
sich, daß unter der Einwirkung einer so reinen und erhabenen Seele, wie
Helene sie besaß, der Pariser Kapitän ein ehrlicher Mensch bleiben und
sich darauf beschränken würde, gegen die Spanier zu kämpfen.
Er ließ sich daher von seiner alten Vorliebe für alle Tapferkeit
hinreißen. Überdies, dachte er sich, wäre es auch lächerlich gewesen,
sich zugeknöpft zu verhalten; er drückte somit dem Korsaren kraftvoll
die Hand, küßte seine Helene, seine einzige Tochter, mit der den
Soldaten eigenen Herzhaftigkeit und ließ eine Träne auf das Gesicht
fallen, dessen stolzer, fast mannhafter Ausdruck ihm mehr als einmal
zugelächelt hatte.
Der Seemann hielt ihm gerührt seine Kinder hin, daß er sie segne.
Endlich sagten sie sich alle mit einem letzten, langen Blick voll
Zärtlichkeit Lebewohl.
»Seid allzeit glücklich!« rief der General und eilte aufs Verdeck.
Auf der See bot sich dem General ein seltsames Schauspiel. Der in Brand
gesteckte »Sankt Ferdinand« loderte wie ein riesiges Strohfeuer. Die
Matrosen, die damit beauftragt worden waren, die spanische Brigg zu
versenken, hatten an Bord eine Ladung von Rum entdeckt, davon man auf
dem »Othello« reichlichen Vorrat führte, und sie fanden es nun spaßhaft,
mitten auf dem Meer eine große Punschbowle anzuzünden.
Für Leute, die die anscheinende Eintönigkeit des Ozeans alle
Gelegenheiten ergreifen ließ, um eine Abwechslung in ihr Leben zu
bringen, war das eine verzeihliche Zerstreuung. Als der General von der
Brigg in die Schaluppe des »Sankt Ferdinand« stieg, die mit sechs
kräftigen Matrosen bemannt wurde, war seine Aufmerksamkeit unwillkürlich
zwischen dem Brande des spanischen Schiffs und seiner Tochter geteilt,
die an der Seite des Korsaren stand. Beide waren auf das Heck ihres
Fahrzeugs getreten.
Bestürmt von einem Heere von Erinnerungen, sah er nun das weiße Kleid
Helenens leicht wie ein Schleier im Winde wehen, sah gegen den
Hintergrund von Meer und Himmel diese schöne, hehre Gestalt, die ihre
ganze Umgebung, ja die weite Flut selbst zu beherrschen schien -- und da
vergaß er mit der Sorglosigkeit eines alten Soldaten, der über Berge von
Leichen geritten war, daß er auf dem Grabe des wackeren Gomez schwamm.
Über ihm erhob sich eine ungeheure Rauchsäule, wie eine braune Wolke,
und die Sonne durchdrang sie hier und dort und erleuchtete sie in
poetischem Schimmer. Es war ein zweiter Himmel, ein finsterer Dom, unter
dem es zuckte und glühte und über den sich der unabänderliche Azur des
Firmaments wölbte, das durch diese flüchtige Gegenüberstellung nur noch
tausendmal schöner erschien.
Die bizarren Farben dieses Rauchs, abwechselnd gelb, goldig, rot,
schwarz, dunstig durcheinander gemischt, überzogen das Schiff; es
knisterte, krachte und kreischte. Die Flamme zischte, das Tauwerk
zerfressend, und lief in dem Fahrzeug herum, wie ein Volksaufstand durch
die Straßen einer Stadt läuft.
Der Rum erzeugte blaue Flammen, die auf und nieder tanzten, als wenn der
Genius des Meers diesen rasenden Likör angesteckt hätte, gerade wie die
Hand eines Studenten bei einer Zecherei das lustige Feuerwerk eines
Punsches spielen läßt. Allein die Sonne mit ihrer noch gewaltigen
Leuchtkraft, eifersüchtig auf diesen dreist auflodernden Schein, ließ in
ihren hellen Strahlen kaum das Farbenspiel dieses Brandes erkennen.
Der »Othello« benützte, um sich zu entfernen, den geringen Wind, den er
auf seinem neuen Kurse auffangen konnte, und neigte sich bald nach der
einen, bald nach der andern Seite, wie ein Papierdrache, der in den
Lüften schaukelt.
Die schöne Brigg nahm geradeswegs Kurs nach Süden, und bald verschwand
sie den Blicken des Generals im phantastischen Schatten von Wolken, bald
zeigte sie sich wieder, anmutig über die Flut dahingleitend.
Jedesmal, wenn Helene ihren Vater sehen konnte, winkte sie mit dem
Taschentuche noch einen Gruß herüber. Binnen kurzem versank der »Sankt
Ferdinand« und rief einen Strudel hervor, der sich aber bald auf der
weiten Meeresfläche verlaufen hatte. Von der ganzen Szene war nun nichts
mehr zu sehen, als eine Rauchwolke, die vom Winde hinweggetragen wurde.
Der »Othello« war schon fern. Die Schaluppe näherte sich dem Lande, und
die Wolke schob sich zwischen das kleine Fahrzeug und die Brigg. Zum
letztenmal sah der General seine Tochter durch eine Spalte, die der Wind
in den schwimmenden Rauch riß.
Eine prophetische Vision! Das weiße Taschentuch und das weiße Kleid
allein hoben sich gegen diesen dunkeln Hintergrund ab. Zwischen dem
grünen Wasser und dem blauen Himmel war die Brigg selbst nicht mehr zu
sehen. Helene war nur noch ein kaum erkenntlicher Punkt, eine zarte, von
allem andern losgelöste Linie, ein Engel im Himmel, eine Idee, eine
Erinnerung.
* * * * *
Nachdem der Marquis den Reichtum seiner Familie wiederherstellt hatte,
starb er, von den großen Anstrengungen der letzten Jahre aufgerieben.
Wenige Jahre nach seinem Tode mußte die Marquise mit Moina in ein Bad
der Pyrenäen fahren. Das launenhafte Kind wollte die Schönheiten dieser
Berge kennen lernen. Als sie von einem Ausflug ins Gebirge nach dem
Bade zurückkehrten, trug sich folgende Szene zu:
»Mein Gott,« sagte Moina, »wir sind töricht gewesen, Mama, daß wir nicht
noch ein paar Tage länger in den Bergen geblieben sind. Wir wären dort
besser aufgehoben gewesen als hier. Hast du das fortgesetzte Jammern
dieses verwünschten Kindes und das Geplärr dieser unglücklichen Frau
gehört, die ohne Zweifel lauter Kauderwelsch zusammenredet, denn ich
habe noch kein Wort von dem, was sie sagt, verstanden. Was für eine
Sorte Menschen hat man uns da zu Nachbarn gegeben? Diese Nacht war eine
der schrecklichsten, die ich in meinem Leben zugebracht habe!«
»Ich habe nichts gehört,« antwortete die Marquise, »aber ich werde die
Wirtin aufsuchen, mein liebes Kind, und mir die Stube nebenan ausbitten.
Dort werden wir ungestört sein und keinen Lärm mehr hören. Wie fühlst du
dich heute morgen? Bist du abgespannt?«
Bei diesen Worten war die Marquise aufgestanden, um an Moinas Bett zu
treten.
»Laß sehen,« sagte sie zu ihr und suchte nach der Hand der Tochter.
»O, laß mich, Mutter,« antwortete Moina, »du bist kalt.«
Indem sie so sprach, drehte sie sich schmollend auf dem Kopfkissen
herum, aber die Bewegung war trotzdem so anmutig, daß eine Mutter sich
nicht wohl dadurch gekränkt fühlen konnte. In diesem Augenblick erscholl
in dem Nachbarzimmer ein Klagelaut, so langgezogen und innig, daß ein
Frauenherz davon tief gerührt werden mußte.
»Aber wenn du das die ganze Nacht mitangehört hast, warum hast du mich
dann nicht geweckt? Wir hätten -- --«
Jetzt unterbrach ein lautes Stöhnen die Marquise, und sie rief:
»Da stirbt jemand.«
Und sie ging rasch hinaus.
»Schicke mir Pauline,« rief Moina, »ich will mich anziehen.«
Die Marquise ging sogleich hinunter und fand die Wirtin im Hofe,
zwischen mehreren Leuten, die ihr aufmerksam zuzuhören schienen.
»Frau Wirtin, Sie haben jemand neben uns einquartiert, und diese Person
scheint sehr viel zu leiden --«
»Ach, sprechen Sie nicht davon!« rief die Wirtin. »Ich habe eben nach
dem Bürgermeister geschickt. Stellen Sie sich nur vor, es ist eine Frau,
eine arme Unglückliche, die gestern abend zu Fuß angekommen ist, von
Spanien her. Sie hat keinen Paß und kein Geld. Sie trug auf dem Rücken
ein kleines Kind, das im Sterben ist. Ich konnte mir nicht versagen, sie
hier aufzunehmen. Heute morgen bin ich selbst zu ihr gegangen; denn
gestern bei ihrer Ankunft war mir's nicht so recht geheuer. Die arme
kleine Frau! Sie hatte sich mit ihrem Kinde hingelegt, und beide rangen
mit dem Tode. >Frau<, sagte sie zu mir und zog einen goldenen Ring vom
Finger, >ich besitze nichts mehr als das, nehmen Sie ihn, um sich
bezahlt zu machen. Er wird dafür ausreichen, denn mein Aufenthalt hier
wird nicht lange währen. Armes Kleinchen, wir werden zusammen sterben.<
-- Damit meinte sie ihr Kind. Ich habe ihren Ring genommen und sie
gefragt, wer sie sei. Aber sie wollte mir um keinen Preis ihren Namen
sagen. Ich habe nun nach dem Arzt und dem Bürgermeister geschickt.«
»Aber,« rief die Marquise, »lassen Sie ihr alle Hilfe angedeihen, die
ihr vonnöten ist! Mein Gott, vielleicht ist's noch Zeit, sie zu retten.
Ich werde Ihnen alles bezahlen, was die Sache kostet.«
»Ach, Madame, sie scheint recht stolz zu sein, und ich weiß nicht, ob
sie das annehmen wird.«
»Ich werde sie aufsuchen.«
Sogleich stieg die Marquise zu der Unbekannten hinauf. Sie dachte nicht
daran, wie sehr sie noch das Leid der schon im Sterben Liegenden
vermehren sollte; denn Frau d'Aiglemont ging noch in Trauer. Die
Marquise erbleichte beim Anblick der Unglücklichen. Trotz der
schrecklichen Leiden, die Helenens Schönheit entstellt hatten, erkannte
sie ihre ältere Tochter.
Als Helene eine schwarz gekleidete Frau erblickte, richtete sie sich
auf, stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sank auf ihr Bett zurück
-- sie sah in dieser Frau ihre Mutter vor sich.
»Meine Tochter,« sagte Frau d'Aiglemont, »was fehlt Ihnen? -- Pauline!
Moina!«
»Nichts fehlt mir,« antwortete Helene mit schwacher Stimme. »Ich hoffte,
meinen Vater wiederzusehen. Doch Ihre Trauer verkündet mir --«
Sie beendete den Satz nicht, drückte ihr Kind ans Herz, wie um es zu
wärmen, küßte es auf die Stirn und warf ihrer Mutter einen Blick zu, der
noch immer, wenn auch gemildert durch Verzeihung, einen Vorwurf
ausdrückte. Die Marquise wollte diesen Vorwurf nicht sehen; sie vergaß,
daß Helene ein einstmals in der Zeit der Tränen und der Verzweiflung
empfangenes Kind war, das Kind der Pflicht, ein Kind, das die Ursache
ihres größten Unglücks, ihrer schwersten Leiden gewesen war; und sie
trat sanft auf die ältere Tochter zu, an nichts mehr denkend, als daß
sie Helenen zuerst die Wonne der Mutterschaft verdankt hatte. Die Augen
der Mutter waren voll von Tränen, und ihre Tochter küssend, rief sie:
»Helene, meine Tochter!«
Helene schwieg. Sie hatte auf den Seufzer ihres Kindes gelauscht.
In diesem Augenblick traten Moina, ihre Kammerfrau Pauline, die Wirtin
und ein Arzt ein. Die Marquise hielt die eisige Hand ihrer Tochter in
den ihren und sah sie mit aufrichtiger Verzweiflung an. In wildem Grimme
über das Unglück -- denn die Witwe des Seemanns war einem Schiffbruch
entronnen und hatte daraus von ihrer ganzen schönen Familie nichts als
ein Kind gerettet -- sagte sie in furchtbarem Tone zu ihrer Mutter:
»Dies alles ist Ihr Werk! Wenn Sie mir das gewesen wären, was --«
»Moina, geh' hinaus -- gehen Sie alle hinaus!« rief Frau d'Aiglemont,
Helenens Stimme überschreiend. »Um Gottes willen, meine Tochter,« fuhr
sie fort, »lassen Sie uns in diesem Augenblick nicht den unglücklichen
Kampf von neuem beginnen ...«
»Ich werde schweigen,« antwortete Helene mit einer übernatürlichen
Anstrengung. »Ich bin selbst Mutter und weiß, Moina darf nicht -- wo ist
mein Kind?«
Moina, von Neugierde getrieben, kehrte zurück.
»Meine Schwester,« sagte dieses verzogene Kind, »der Arzt ...«
»Alles ist unnütz,« antwortete Helene. »Ach, warum bin ich nicht mit
sechzehn Jahren gestorben, als ich mir das Leben nehmen wollte? Das
Glück ist niemals außerhalb der Gesetze zu finden -- Moina -- du --«
Sie starb -- ihr Kopf sank über den des Kindes hernieder, das sie
krampfhaft an sich gepreßt hatte.
»Deine Schwester hat dir ohne Zweifel sagen wollen, Moina,« sagte Madame
d'Aiglemont, als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt war, wo sie in Tränen
zerfloß, »daß ein Mädchen niemals das Glück in einem romantischen
Dasein, außerhalb der einmal gültigen und ihr eingeprägten Begriffe, und
vor allem nicht fern von der Mutter finden kann.«